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21/07/1906 Erstes Blatt
 
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Erscheint tügltch außer SonntagS.

Dem Gießener?lnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen lanörolrl die Siebener Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Bru h l'scheu Univers.-Buch-u. Stein­druckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition »nd Druckerei:

Schulst rohe 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exped.s-^öl Adresie für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

Erstes Blatt

156. Jahrgang

Samstag Ä l. Juli 1906

vietzener Anzeiger w Eeneral-Anzeiger ** '**

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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VezngSpretSr monatlich7bPs., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch vlbhole- u. Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch diePost Rik. 2. oiertel- fährl. ausschl. Bestellq. Annahme von Anzeige« für die Taqesnummer bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 12Ps^ ausmartS 20 Pfg.

Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: V- Wntko: für Stabt und öaub* und .Gerichts^al": Ernst yeß; für beit An­zeigenteil: HanS ®ei K«wwa<tia

pie s-cuLige Wummer umfaßt 16 Seiten.

Are Stichwahl in Kagen.

Das sozialdemokratische Zentralorgan begrüßt den Aus­gang der Hagener Wahl und verkündet:An unseren Ge­nossen wird es liegen, den Erfolg der heutigen Wahl am Stichwahltage zu einem vollständigen Siege zu machen." Diese Worte sind Bramarbasierereten. Die Sozialdemokraten haben ihren letzten Mann an die Urne gebracht, das ist um so sicherer, als 90 Prozent ihr Wahlrecht ausgeübt haben. Nicht an ihnen, sondern an den ausgefallenen Parteien wird es liegen, den Erfolg der Sozialdemokraten zu einem voll­ständigen Stege zu machen oder diesen Sieg in eine Nieder­lage zu verwandeln.

So wett es sich bis heute übersehen läßt, empfehlen alle nationalliberalen Organe rückhaltslos die Wahl de§ Nolksparteilers Bürgermeisters Cuno. Die Wahr­scheinlichkeit bezw. die subjektive Bereitwilligkeit hierzu wird noch erhöht dadurch, daß die Freisinnigen jetzt bereit scheinen, für 1908 ein Zusammengehen mit den Nationalliberalen auf der Basis herbeizuführen, daß eine Teilung der Reichstags- und Landtags­mandate für Ise r lohn - Altena und Hagen- Schwelm auf Grund der beiderseitigen Stärke erfolgt; in das Abkommen könnten dann vorhandene Kreise «inbezogen werden.

Es sind aber nicht die Nationalliberalen, sondern das Zentrum, auf dessen Haltung es bei der Stichwahl am 27. Juli ankommt. Kein Zweifel, die Masse dec Zen­trumsanhänger ist nicht für eine Unterstützung des Freisinns. Auf einem anderen Standpunkte steht die Zentrums- leitung. Sie prüft noch das Für und Wider und die wahrscheinlichen Folgen beider Eventualitäten. Eme liberale Korrespondenz empfiehlt, der Zentrumspartei Zugeständnisse zu machen, die ihr die Unterstützung der Freisinnigen als im eigenen Nutzen liegend erscheinen ließen. Wir wissen nur nicht recht, ivelches diese Zugeständnisse sein könnten und auf welchem Gebiete sie liegen sollten. Immerhin wollen mir zu dieser Frage auch einen kleinen Beitrag geben. Als es. sich in Dortmund im Jahre 1898 darum handelte, den Wahl­kreis der Sozialdemokratie zu entreißen, was nur durch Zentrmnshilfe möglich war, da entschlossen sich die Dort­munder Nationalliberalen, der Zentrumspartei einige Stadt­verordnetenmandate mehr zu überlassen und auch mehr Ver­treter des Zentrums in die städtische Kommission zu wählen. ES waren damals also lokale Vorteile, die das Zentrum mitbestimmten, in der Stichivahl für den Nationalliberalen Hilbck zu stimmen. Wir wissen nicht, ob in'Hagen ähnliches möglich ist. Eines spricht aber dafür, die im Wahlkampfe immer wieder von den Zentrumsorganen ausgestellte Behauptung, daß der kommunale Hagener Freisinn das Zentrum besonders rücksichtslos behandelt habe. Eine Behauptung, die wir aller­dings nicht prüfen können.

Noch einen bemerkenswerten Gedanken spricht die er­wähnte Korrespondenz aus. Sie sagt, daß der sozialdemo­kratische Kandidat zu den unbedingten Jasagern in der Partei, zu den Bebelfürchtigen gehört. Nachdem sich der Partei­vorstand und msbesondere Bebel in der Auseinandersetzung über den Massenstreik sich so blosgestellt haben, ist es wohl taktisch von Nutzen, die Liebedienerei des sozialdemokratischen Kandi­daten gegenüber dem Cäsar August Bebel in der Agitation zu betonen.

Uebrigens ist die Stellung der Christlich-Sozialen zur Stichwahl noch unsicher.

Die Ab nähme der nationalliberalen Stimmen in Hagen-Schwelm gegenüber dem Ergebnis der Wahl von 1903 um 1300 Stimmen giebt derNat.-Ztg." Veranlassung zu folgenden Ausführungen:

Es wäre töricht, wenn wir Versteckipiel treiben wollten, daß unsere politischen Freunde in dem heißen Kampfe um Eugen Richters Erbe unerwartet schlecht a b g e s ch n i t t e n haben. Mit der Wahricheinlichkeit, daß es gelingen werbe, ben National- liberalen Moldenhauer in bte Stichwahl zu bringen, ist in der loEalfunöigen Presse wohl seit Monaten nicht mehr gerechnet worden ; dafür lagen die Verhältnisse zu ungünstig. Im Jahre 1903 war der nationallib. Kandidat ein hochangesehener Kreis-Ein» gesessener (der Multimillionär Funke. D. Red. d. Gieß. Anz.), während wir diesmal genötigt waren, den Wahlkreis einer aus­wärtigen Persönlichkeit zu präsentieren. Auf der anderen Seite hat die freisinnige Volkspartei in dem angesehenen Oberhaupt der Stadt selbst den denkbar zugkräftigsten Bewerber gefunben. Wenn auch der Freisinn einen Erfolg hatte, den er in diesem Umfange wohl kaum selbst erwartet hätte, ,o sind die Aussichten des Bürger­meisters Cuno für die Stichwahl wohl im Hinblick auf ben Por- sprung des Sozialisten König sehr ungünstig. Wenn das Zentrum die angedrohte Rache für Altena-Iserlohn selbst nur teilweise ubt, dann ist das Bürgertum a ii ch in Hagen verloren. Jedenfalls hoffen wir, daß unsere national- liberalen Freunde 9)1 a n n für Mann am Stichwahltage für ben freisinnigen Kandidaten an die Urne treten, damit wir nicht nach wenigen Wochen die Schmach erleben, daß die an­gefaulte Drei-Millionen-Partei unter höhnischem Triumphgeschrei ob ber kläglichen Zerfahrenheit ihrer Gegner das in den letzten drei Jahren so oft und unrühmlich zersetzte rote Banner zum zweiten Male als Zeichen des Sieges entfallen kann.

In langen Artikeln beschäftigen sich auch die meisten Tauberen Blätter mit dem Resultat dieser Ersatzwahl. Die Betrachtungen gipfeln sämtlich darin, daß das Endergebnis 5>et der Stichwahl in erster Reihe von Dem Verhalten der Zentrumswähler abhäugen wird. Deshalb ist bemerkens- 2vert, daß dieGerm au ia" erklärt, sie könne nicht wi ssen, wie die Zentrumswähler entscheiden werden. Vom

prinzipiellen Standpunkt aus mußten sie sich in­dessen sagen, daß sie nicht für einen sozialdemo­kratischen Kandidaten ihre Stimme abgeben könnten und daß sie sich nicht desselben J-ehlers schuldig machen dürften, dessen sie die Freisinnigen von Altena-Iserlohn anklagen._________________________________

politische Tagesschau.

Ein konservatives Urteil über die Wahl in Altena-Jscrlohn.

Sehr hart ist, was dieKreuzztg." in ihrer diesmalige Wochenschau" zu dem Ausfall der Iserlohner Wahl imd im Ausblick auf die Nachwahl in Hagen sagt. Sie fdyreibt:

Dreiviertel aller Freisinnigen und nationallib. Wähler haben (bei der Stichwahl) ihre Führer int Stiche gelassen. Das ist ein sehr bedauerliches Resultat. Wir beklagen es darum ganz besonders, weil es uns die Direktiouslosig- teil der nationalliberalen Partei vor Augen führt. Diese Partei war einst in unserem politischen Leben un­entbehrlich, aber wenn sie in ihrem inneren Zerfalle weiterhin solche Fortschritte macht, werden dem Reick)« ernste SftNvicrrg- keiten entstehen. Den Gr un dfe hl e r der nationallib e- ralen Politik erblicken wir in ihrer Forderung, daß man sich bei jedem W a hl ko m pr om i ß auf sie als auf die mittlere Linie einigen müsse. Dieser Glaube wird allmählich zur fixen Idee. Im Iserlohner WMkreise wäre das Richtige gewesen, daß die N a t i o n a l l i d er a l en gleich im ersten Wahlgange für den freisinni­gen Kandidaten eingetreten wären. Wir sagen das mit aller Unbefangenheit, denn selbstverständlich ist uns die Wahl eines Nationalliberalen unter allen Umständen lieber als die eines Freisinnigen.

Das Zwischenaktspiel, das der Geh. Legationsrat Dr. H e l s s r i ch und der Zentrumsabg. Erzberger aufsühren, muß für die Gegner der deutschen Kolonialpolitik ergötzlich anzusehen sein. Geheimrat H. behaup­tet, der Abgeordnete habe mit notorischen Spitzeln und Spionen in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes Umgang ge­habt. Also es war dem Herrn bekannt, daß Spitzel und Spione im Kolonialamt zu finden waren; es war ein offenes Geheimnis, was jetzt zu der Auskehrung des Llugiasstalles geführt hat. Warum hat von diesen unhaltbaren Zuständen, die bei einer ReichSbeHörde doch unmöglich vermutet werden konnten, niemand dem Staatssekretär als dem Vorgesetzten Mitteilung gemacht? Oder wußte der Staatssekretär von diesen Mißständen? Wußte vielleicht auch der ReichSra-.cker von diesen Spitzeln und Spionen und ist erst jetzt drein gefahren tote ein Donckerwetter, als gewisse unangenehme Dinge in die Presse lanciert worden waren? Die Kolonwlabteilung war nach den Worten des Legationsrats Helff- rich von einem niedrigen Spitzeldienst durchseuckft, Beamte dieser Behörde haben Durchstechereien an ZeitungSvcrtreter und an Ab­geordnete verübt, und sie sind nicht diszipliniert worden? Hoffent­lich wird jetzt endlich entsprechend saniert!

Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Hessen.

DieSüdwestd. Korresp." hat vor einiger Zeit auf das langsame Wachstum der jüdischen Bevölkerung in Preußen und Bayern aufinertsam gemacht und besonders auf den gewaltigen Geburtenrückgang bei den Juden hingewiesen. Auch für das Großherzogtum Hessen liegen nunmehr über die Bevötkerungsverhältmsse der Juden Untersuchungen vor, denen wir u. a. folgendes entnehmen: Im Jahre 1822 gab es in Hessen 20 000 Juden. Deren Zahl war bis zum Jahre 1849 auf 28000 gestiegen. Dann trat aber ein Rück­gang ein, sodaß die Volkszählung im Jahre 1871 nur noch 25 373 und im Jahre 1900 gar nur 24486 Juden ergab. (Die Ergebnisse der 1905er Zählung liegen noch nicht vor.) Dieser Rückgang der jüdischen Bevölkerung ist hauptsächlich auf drei Ursachen zurückzuführen: 1. auf Ab­wanderung, 2. auf eine stete Verminderung der Geburten­zahl und 3. auf die Vermehrung der jüdischen Mischehen, lieber die Größe der Abwanderung liegen leider keine Zahlen vor. Was die Geburten anlangt, so wurden in den 1860er und 1870er Jähren in rein jüdischen Ehen durch­schnittlich jährlich 800 Kinder geboren, deren Zahl jedoch vom Jahre 1880 an fortgesetzt gesunken ist, sodaß im Zeit­raum 1901/04 jährlich nur noch 439 gezählt wurden. Es ist dies um so bemerkenswerter, als in den letzten vierzig Jahren die Zahl der rein jüdischen Eheschließungen keines­wegs zurückgegangen ist, sondern fast unverändert durch­schnittlich jährlich 160 bis 170 betragen hat. Der auffallende Geburtenrückgang bei den Juden kann nur auf eine be­wußte Beschränkung der Kinderzahl in der Ehe zurückgeführt werden. Wie gleichmäßig übrigens diese Erscheinung in den verschiedensten Teilen Deutschlands eingetreten ist, möge folgenden Zahlen entnommen werden. Auf 1000 Einwohner kamen im Jahrfünft 1876/80 durchschnittlich jährlich Ge­burten : in Preußen 32,4, in Bayern 33,3 und in Hessen 31,6; dagegen im Jahrfünft 1896/1900: in Preußen 21,4, in Bayern 19,0 und in Hessen 19,8. Bemerkt sei noch, daß die Geburtenziffer der Christen auch etwas zurückgegangen ist, in Hessen z. B. von 37,6 in 1876/80 auf 34,0 in 1896/1900.

Eine fortwährende Abbröckelung erleidet die jüdische Bevölkerung infolge der stetig zunehmenden Anzahl der jüdischen Mischehen, da insbesondere die Kinder dieser Mischehen ztnn größten Teil der christlichen Religion zu­geführt werden. Vor dem Jahre 1876 (dem Jahre der Ein­setzung der Zivllstandesämter) wurden nur ausnahmsweise jüdische Mischehen geschlossen, im Jahrfünft 1876/80 be­trug deren Zahl schon 8 durchschnittlich im Jahre, und im Zeitraum 1901/04 ist sie auf 13 gestiegen.

Wie groß bte Zahl der Austritte au5 der jüdischen Religionsgemeinschaft ist, ferner wieviel Juden zur chrtstl. Religion übertreten, ist nicht bekannt; diese Zahlen scheinen jedoch nicht unbedeutend zu Jem.

Israelitische Namen im sranzöfischen Offizierskorps.

Als Kriegsminister Etienne für die Wiedernustclluug des zum Major beförberten früheren Kapitäns Alfred Dreyfus das 12. Ar- tillerieregunent in Vincennes wählte, bestimmte tlyn hierbei gewitz auch der Umstand, daß dieser Aruppenteil von einem Glaub

uud Stammcsgenosscn von Dreyfus, dem Obersten May.-r- Samuel befehligt wird. Nachträglich befürchtete der Minister doch wohl, daß trotzdem ein Teil der Offiziere des Regiments dem rehabilitierten Kameraden eine unfreundliche Aufnahme be­reiten könnte, und deshalb versetzte er Dreyfus, unter Ab­änderung seines ersten Entschlusses, zu der ebenfalls in Vin­cennes in Garnison stehenden Artillerie-Dcpot-Tirektion, die im ganzen nur aus sechs Offizieren besteht. Doch der Name Dreyfus ist im französischen Offizierkorps gar nicht selten und ohne Alfred Dreyfus 38 Mal vertreten. Es entzieht sich der Möglick)- feit, auch nur annähernd eine Statistil darüber aufzustäleiü, wie stark der Prozentsatz israelitischer fianzösischer Offiziere gegen­wärtig ist. Aber einige Stichproben aus der neuesten fian- zösischen Rangliste dürften in dieser Beziehung .Interesse bean- spruck-cn. Man ist dabei freilich mir auf die Vermutung ange­wiesen, daß die Träger bestimmter Namen israelitischer Kon­fession oder Abkunft sind, eine Vermutung, die voraussichtlich in vielen Fällen nickst zutrifft. Die Waffe, in ber man den wenigsten solcher Namen begegnet, ist die Kavallerie, die auch unter der Republik noch vornehmlich von den Miömmlingen des Adels bevorzugt wird, und deren Offiziere mit ihren Sympathim zum großen Teile nicht nach der Republik lstnneigen. Man trifft sie dagegen ziemlich häufig bei ber Infanterie an, wo es u. a. einen Obersten Holender gibt, in den unteren Graden verstärkt sich das Verhältnis noch ganz n-esentlich. Besonders zahlreich aber sind diese Namen bei der Artillerie, die u. a. die Obersten Francfort und Mayer-Samuel, die Majore Isidor, Levy, Ely, Meyer, Katz, Kahn, Marcus, Aron, Cahen und Fraenkel und die Kapitäiie Grün selber, David, Levy, Libmann, Coblentz, Magnus, Adam-Salomon, Weil und Baron auftveist. Der Name. Lövy kommt im französischen Offizierkorps 90 mal vor, der Name Meyer 70 mal, der Name David 79 mal, Jacob 36 mal,t Isaac 6 mal und Simon 121 mal. Cs gibt ferner 4 Nathan, 3 Cohen, 1 Davidsohn, 2 Jaeobsohn, 5 Loevy «bezw. Loeb, Loewe, Loew), 3 Oppenheim, 1 Gerson, 2 Barone Rothschild, 5 Katz, 10 Kauffmann usw. In der Generalität scheinen zur Zeit nur die Namen Heimburger, Feldmann, und Libermann auf israelitische Abstammung ihrer Träger hinzudeuten.

Kirche und Schule.

Die bevorstehende53. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands" im August zu Essen a. d. Ruhr wird nicht ohne die regste Teilnahme der kath. Studenten an diesem Parteitage des Zentrums von statten gehen. Das erhellt aus der großen Anzahl student. F e st k o m m e r s e, die im Anschluß an den Katholiken­tag veranstaltet werden. Mlein am 20. August sollen dreü solcher Festkommerse abgehalten werden. Der Verband der nichtfarbentragenden katholischen Studentenvereme feiert den klerikalen Parteitag im städtischen Saalbau, der Ver­band farbentr-agender katholischer Studentenkorporationen' tut dasselbe im Kriegerheim, der Verband der wissenschaft­lichen katholischen Studentenvereine begeht das gleiche Fest im Kruppsaale des Saalbaues, und am nächsten Tage gibt es im großen Saale des städtischen Saalbaues nochmals einen Festkommers des Verbandes der farbentragenden katholischen Studentenverbindungen. An Stimmung für den Zentrumsgedanken wird es mithin unter den studentischen Teilnehmern am Katholikentage nicht fehlen.

Ausland.

London, 20. Juli. Bei Einbringung des Etats für Indien hebt der Staatssekretär für Indien, John Morley, die Bedeutung der indischen Politik hervor, wobei er er­klärt: Wir haben nicht länger um die dynastischen Streitig­keiten und territorialen Zwistigkeiten in Europa be­kümmert zu sein. Wohl oder übel sehen wir die Um­wandlung unserer Politik in eine asiatische Politik und am meisten nehmen uns diejenigen unserer auswär­tigen Beziehungen in Anspruch, die uns mit China und Ja pan, sowie mit Ru ßland in seiner Eigenschaft als asiatische Großmacht in Berührung bringen. Im Saufe, seiner Ausführungen bezeichnet der Staatssekretär die Ziffern des Budgets als erfreulich, allerdings fei ein Schatte n, nämlich die militärischen Ausgaben, vorhanden. Bei dem gegenwärtigen Stande der Sache sei jedoch weder der Plan Kitcheners, noch die damit in Be­ziehung stehenden Ausgaben reif für eine Erörterung-.

Paris, 20. Juli. Heute liegt der Wortlaut der nach dem Renneser Prozesse von Casimir Perrier vor dem Kassationshof gemachten Aussagen vor. Der ehe­malige Staatschef erklärte darin: Merciers Angabe, daß im Winter 1894/95 Frankreich von einer deutschen Kriegs­erklärung bedroht gewesen sei, für h a l t l o s e s G e s ch w ä tz. Das einzige bezügliche Gespräch Casimir Periers mit dem deutschen Botschafter Grafen Münster, dessen Unter­grund die Forderung des Kanzlers Fürsten Hohenlohe, nach einem unzweideutigen Dementi ber in Paris geflissent­lich verbreiteten Deutschland und dessen Monarchen ver­letzenden Steuerungen war, wurde durchaus höflich' geführt und endete zur vollsten Befriedigung der deutschen Regierung. Die sog. historische Nacht war demnach eine Erfindung Merciers, um jenen Minister- Kollegen, welche Dreyfus' Schuld bezweifelten, sagen zu können: für nichts und wieder nichts hätte man sich in Berlin doch nicht so aufgeregt.

Aus Stadt und Lund.

Gießen, den 21. Juli 1906.

* Landesuniversität. S. K. H. der Groß Herzog haben den ordentlichen Professor an der Universität Basel, Dr. Alfred Körte, zum ordentlichen Professor in der philo­sophischen Fakultät der Landesuniversität mit Wirkung vom 1. Oktober 1906 an, ernannt.

" Erledigt ist die mit einem evang. Lehrer zu be­setzende zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschnle zu Ober- Seemen. Tein Fürsten 511 Stolberg-Roßla-Ortenberg steht das Präsentationsrecht zu.

* Ein hessisches Schulmuseum. Es besteht die-