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20.4.1906 Erstes Blatt
 
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Nr. 92

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Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

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Anzeiger Gießen.

Erstes Blatt 156. Jahrgang Freitag 20. April 1906

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger ** 44,7

Are heutige Kummer umfaßt 10 Setten«

Das Erdbeben in Kalifornien.

Courriöres, Vesuv, San Francisco! Schreckensposten auf Schreckensposten ohne Ende! Was bringt der nächste Tag!! Die drei letzten Schreckensereignisse rufen den Vergleich heraus. Die Leiden und Qualen jener Unglücklichen, die wochenlang lebendig begraben hausten und dock), üi Dunkelheit und Leichcndunst, noch immer den Willen und ben Mut zum Leben hoch hielten, haben das Innerste und Tiefste unseres Empfindens getroffen. Und die Furchtbarkeit des Dramas steigt mit der Vermutung, daß Mcnschenkraft unb Menschenmut hier viel mehr hätten retten können, als gerettet worden ist. Eine grelle Anklage tönt uns aus den Tagen von Cour- riöres entgegen, eine Anklage, die das Gewissen der Menschbeit schwer belastet und nach Sühne schreit.

Anders am Fuße des V e s u v s. Mit grausamer Plötzlichf- keit wurde dort in kurzem ein Paradies in ein Trümmer­feld verwandelt, wurden Hunberte getötet und Tausenden ihr Teuerstes, ihre Heimat genommen. Hier trug frevent­liche Sorglosigkeit die Schuld.

Wieder anders ist das Bild von San Francisco. Drei Minuten wahrte das Erdbeben, und damit nxir das Los San Franciscos, einer der zukunftsreichsten Stadt» auf amerikan. Erde, besiegelt. Menschen stehen hier ratlos und hilflos. Und schuldlos. Was wissen wir von den ab­gründigen Mächten, die hier das Wort nahmen? Ihnen gegenüber sind wir ein Nichts, verurteilt, untätig zu dulden und zu leiden. Tie wissenschaftlichen Instrumente verzeich- neteu wohl allenthalben das Erdbeben, aber über die Mög- 'lichkeit einer solchen in praktischer Hinsicht für die Be­troffenen wertlosen Konstatierung konnnen sie nicht hinaus. Mas Jahre und Jahrhunderte geschaffen, kann das Zucken des Erdriesen, auf dem wir unsere Zelte aufgeschlagen haben, in der Frist von Sekunden jäh vernichten.

Immerhin wäre das Unheil, das das Erdbeben anrich- icte, nicht halb so schwer, wie es sich nun gibt, wenn die furchtbaren Folgeerscheinungen, die es zeitigte, hätten ver­hütet werden können. Mehr als das Erdbeben vernichtet das Feuer, das ihm folgte. Machtlos steht man in San Francisco nach den bisher eingetrofsenen Berichten diesem neuen Feind gegenüber und die Stadt ist allem Anschein nach dem Untergange geweiht. Alle Wasserleitungsvorrich- tungen sind zerstört, keine Mittel da, sonst dem Feuer Einhalt zu tun, das mie ein Märchen-Ungeheuer weiter und weiter um sich frißt .

Es liegen heute im einzelnen folgende Nachrichten vor: Aus San Francisco

Während bet NMt haben die Flammen viele der schönsten Gebäude vernichtet. Das Feuer ist in den verschiedensten Nicht - yingcu nach allen Teilen der Stadt übergesprungen, hat den -iadpeil an der Nordrüste angegriffen und sich im Süden über die Vafenstadt bis zum Strand der Bucht und über die Hügel nach dem dritten, unb dem Toirnsend-Distritt weiterverbreitet. Der g a n z e T i st r i l t der südlichen Marketstreet ist völlig zerstört. Wie weck das Feuer im Süden über den Kanal ge­gangen ist, läßt sich zur Zeit nickt erkennen, da dieser Staot- ieil gänzlich abgescknilten ist. Fabriken und Geschäfts­ti ä u ) c r liegen in Trümmern. Alle Zeitungsdrucke- ceien sind unbrauchbar geworden.

Die Truppen machen übermenschliche Anstrengungen, um die Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Für San Francisco allein belauft sich der Materialschaden berecks auf über 200 Millionen Dollar. Dem Evenina World zufolge sind in zwei Hotels, ein stürzten, 250 P e r s o n e n u m g e k o m m e n.

In der BalLnciastreet 1)1 Vin Riß von einem Meter Breite ent- i landen. Die Gleise der Straßen- und Eisenbahn sind zerstört. Die St. I gnat iuskirch e steht in Flammen. Ferner stürzten zwei Z eitn n g sd r u cler e ien ein. Alle Per­sonen, die sich in diesen Gebäuden befanden, sind ebenfalls um gekommen. Biele sind so verstümmelt, daß jeder Er- keiinungSversuch nutzlos ist. Tie städtischen Bel>örden haben die Absicht, die Reichen in Säcke einzuhüllen und möglichst rasch in Massengräbern zu bestatten. Auch das Cliff House, ein Riesen- Hotel auf einem Felsen an der Küste, ist zusammengestürzt. Tie Wellen rissen viele Gäste mit sich fort. Die Springflut be- 1 chädigtc die Küste stark und scklvemmte viel Land weg. Alle öffentlichen Gebäude sind mit Toten und Verwundeten überfüllt. Uin großes Gebäude in der Eduardstraße siel auf ein nebenstehen­des kleineres, in dein gerade 200 Personen versammelt waren, die alle umgekommen sind. Das Meer ist meilenlveit ins Land gedrungen und bat iveite Strecken der Eisenbahn vernichtet. Die in. Mare Island auf der RegierungSwcrft beschäftigten Matrosen und Seesoldaten sind sofort nach der Stadt zur Aufrechterhalt­ung der Ordnung und zur Hilfeleistung bei dem Niesen brande «bgesandt. Plündernde Banden, größtenteils Chinesen, Japaner und Neger, durchziehen beutelüstern die Stadt. Auch Weiße haben sich ben Marodeuren angeschlossen.

Die Nettungsarbeiten ftel>en unter der Leitung eines deutschen MajorS namens Schmidt, der bei den letzten Wahlen von den Gewerkschaftlern durckgebracick worden ivar. --- Infolge vorzeitiger Explosion bei der Sprengung eines Gebäudes wurden 15 Leute getötet. DaS Terminal-Hotel ist zusammen- gestürzt. 20 Personen wurden unter den Trümmern begraben. Der Schaden, der an dem scköuen Millionär-Viertel auf der An­höhe am Ozean angerichtet ist, scheint nnerheblich zu sein. Die Sl'dacküosen wagen nicht, in die nod? unversehrten Häuser zurück- zalehren, ivcil sie eine Wiederholung der Erdstöße befürchten. Die Flüchtlinge lagern auf den Feldern in der Umgebung der Stadt. Die Zahl Vervollständig r u in i e r t e n E x i st e n- z e n i st erschreckend h o ck. Gegen Erdbeben sind die Be­iwohner nicht versichert, sodaß H u n d e r t e v o n W v h l h a b e n- d-en dieser reichen Stadt zu Bettlern geworden sind.

Das Asiat en v ier t e l in San F r anci§ co ist zer- sllört. Auch die Kirche und das College St. Ignatius, eines bitr größten Jesuiteninstitute, dessen Bau 2 Millionen Dollars gekostet hat, ist zerstört.

General Juniivn telegraphierte heute dem Kriegsdevartement ajä San Francisco, datz die Stadt tatsächlich zer- süörl ist.

Eine Depesche des Generals Funston an das Kriegsdeparte- tmeni verlangt Zelte und Lebensrnittel für 2000 Personen. Kriegs­

sekretär Taft erwiderte, er habe 200000 Rationen in den Van­couver Baracks (Washington Territorium- bestellt uni) werde die Lieferung von 20000 Zelten sofort veranlassen.

Der Verlust an Menschenleben dürste niemals genau bekannt lverden, da Hunderte den Tvdiü den Flammen gesunden haben. Die' Schätzungen schwanken zwischen 310 000. Mcnlvpark und Burlinghame, die beiden vornehmeren Vorstädte, haben ebenfalls gelitten. Ferner sind Napa Valleys und alle Städte in der Umgegend der Bucht beschädigt worden.

Alle Regierungsgebäude der Stadt sind zerstört.

Beim Dynamittieren von Gebäuden wurde Bundesleutnant Pults tödlich verletzt. Amt­lich wird gemeldet, daß das Pacific-Geschwader in Sicherheit sei. Jeder Versuch, die Brände in San Fran­cisco mittels Wasser zu löschen, ist aufgegeben. Es wird jetzt nur noch Dynamit angewandt, um Lücken in dicht ge­baute Häuserreihen zu sprengen. Indessen rjat dieses Mittel häufig auch wenig Erfolg. Auch 9tob Hill, das feinste Wohnungsviertel, wurde teilweise von den Flammen er­griffen. Ter DampferSan Pablo" sank im Hafen von San Francisco beim Erdbeben. Wie viel Personen dabei umgelomrneu sind, ist nicht bekannt.

Tie Schriftstellerin H e l e n D a r e beschreibt das Erdbeben wie folgt:

Durch einen plötzlichen Stoß, der mein Bell wie ein Schiff schaukeln machte, wurde ich wach und sprang heraus. Ich suchte mich an die gegenüberliegende Wand zu lehnen, die indessen vor meinen Augen zuruckwick. Ich eilte auf die «Straße,juo ich noch sah, wie die Gebäude hin und her schwankten. Tie Straßen waren voller Leute in jeder Art Nachtkleidung. Ich sah junge Mütter mit Säuglingen im Arm, welche sie durch die eigenen Nachtkleider gegen ine Kälte zu schützen suchten. Das Volk eilte allgemein nach den benachbarten Hügeln, da es jeden Augen­blick eine Springflut vom Meer befürchtete. Ick schloß mich dem Zug der Fliehenden an und kam an den Palästen der Neichen vorüber, die von oben bis unten geborsten waren. Ich sah, wie Schwerkranke anö *?n Wohnungen getragen wurden. Manche starben infolge des Sckxcckcns. Nachdem ich mit Wunden an den Füßen aus dcu Hügeln der dünnbevölkerten Vorstädte angcrommcn war, blickte ick zurück und sah allenthalben Feuer unb 9t a u d; f ä u l e n empor steigen. Ick blickte hinüber nadj dem Telegraph Hill, der dlcdtbcsetzt von Fliehenden war, die in unendlicher Verzweiflung das fdiredlidje Zerstörungswerk betrachteten.

Bezüglich der telegraphischen Erkundigungen über den Verbleib von Amerikanern und Ausländern, die sich nuihrend der Katastrophe dort aufgehalten haben sollen, wird gesagt, daß solche E r ni i t t e lu n g e n ziirzeit wegen der herrschenden Verwirrung ganz u n m ö g l i ch feien D-och sei anzunehmen, daß die Befuchec der großen Hotels sich zum größten Terl hätten retten können.

Ans Oakland

wird gemeldet: Während der Nacht sprang das Feuer auf die vornehmeren Viertel über. Das von panischer Angst ergriffene Volk stürzte aus den Häusern foeraug, seine tragbaren Wertgegenstände mit sich fülyrcnb. Die Menge flüchtete sich in die Parks und. auf die öffeutlichen Plätze. Alle Theater sind z e r st ö r t.

In Oakrand treffen Flüchtlinge aus anderen kalifornischen Städten ehr Die Städte Santa Cruz,Moncerey, Gil­roy und Holl ist er sind zerstört. Eine Anzahl Mensck>en find umgekommen. Die Zahl der Toten in Santa Cruz soll be- oeutend sein. Wie verlautet wurden 200 Personen inSanta Rosa getötet, 10000 Personen sind obdachlos. 120 Leichen wurden unter beit Trümmern des Agnewirrenhauses in der Nähe von San Josö hervorgezogen.

Aus Palo Alto

besagen die letzten Berichte, die steinernen Gebäude der Leland Stanford Junior Univerj'ity feien schwer be­schädigt. Biele Mauern erhielten Risse. Dagegen ist die auf der Ostseitc der Bai von Scut Francisco belegene S t a a t S u n i v e r s i t ü t v o n k a l i s o r n i e n n i ch t s e h r beschädigt.

Verwüstungen im Laude.

Ter Korrespondent desLos Angeles Examiner", der durch die Landschaft zwischen Monterry, Castroville und Tajaro fuhr, beschreibt die furchtbaren Verwüstungen. Er entdeckte Sch l am m b ä.ch e, die eine bläuliche Flüssigkeit führten . Auch sah er t i e f e R i s s e in der Erde und geiser­artige Quellen, von denen manche warmes Wasser auswarfen.

Neue Crderschutternngen.

New York, 19. April. Soeben kommt die Bestätigung von neuen Erfchütterungen. In Los Angeles und SantaBarbara wurden zweiftarkeStöße verspürt. Man befürchtet hier eine neue gewaltige Katastrophe. Tiefe Stöße begannen um* 3 Uhv 33 Min. Newyorker Zeit, worauf dann um 3 Uhr 40 Min. jede Verbindung unter­brochen war. Die Erdstöße wurden allgemein in Süd- Kalifornien oerfpürt. Tie Verbindung mit Los Angeles ist wiederhergestellt. Tie Bevölkerung ist dort in höchster Aufregung, da man daS Schicksal San Franciscos befürchtet. Tie Sauer der Erdstöße betrug sieben Sekunden. Es wurde ziemlicher Schaden angerichtet.

Die Hilfsaktion.

Newyork, 19. Aprck. Ter hier zusammengebrachte Hilfsfonds für San Francisco beträgt eine halbe Million Dollars, wovon John Nockcfeller 100000 gab. Das Kriegs- amt macht innfangreiche Ankäufe für die Notleidenden und sendkt alle verfügbaren Zelte hin . Tas Kvmitee des Re- präsentantenhaufes erhöhte die Summe für die Notleiden­den von einer halben Million auf eine ganze. Heute abend sanden hier in fast allen Theatern BenefizvorsteNungen für die Notleidenden statt, ebenso in anderen großen Städten, die durch Prwatfammlungen schon große Betrage zusam- menbrachtcn.

Ans allen Teilen des Landes kommen von den Bürger­meistern der Städte die herzlichsten Anerbietungen von Hilfe. Ter Stabschef General Bill hat die fchleunigste Sen­dung von Hilfsmitteln nach San Francisco von verschiedenen Plätzen angeorbnet. Ter Bürgermeister und der Präsident

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der Handelskammer von Newyork haben ihre Hilfe ange­boten unb gleiche Anerbietungen sind aus Philadelphia, Pittsburg, Tulouth und Ghicago'eingegangen. Die 9iatwunl^ gefcllschast vom Roten Kreuz hat beschlossen, Sammlungen zu veranstalten.

San Francisco, die Hauptstadt des Wunderlandes Mi* formen, ist zugleich der wichtigste Handelsplatz an der Westküste Amerikas. Tie Stabt erstreckt sich von ber San Francisco-Bai, in welcher 3 zur Stabt gehörige Inseln liegen, bis auf etwa 100 Meter hol)e Hügel hinauf, deren Unebenheiten zum größten Teil beseitigt und zur Aus^t füUung eines Teiles der Bai benutzt worben sinb. Auf ber Sceseite schützt bie Stabt ein 2545 Meter Langer Stein dämm, an bem bie größten Schiffe anlegen können. Tie Stabt ist jeboch immer noch so hügelig, daß ber .Verkehr an den steilen Abhängen burch Kübelwagen bewältigt werben muß. Tie Hauptstraße ber Stabt ist Marketstreet, in California- street finbet man bie Banken unb Makler, aufNoo Hill" stehen bie Paläste ber Eisenbahn- unb Bonanzakönige, wäh­ren!) Montgomerystreet als Promenabe beliebt ist. Besonbers bemerkensivert ist das mitten in ber Stadt gelegene, fast ansfchließlich von Männern bewohnte chinefifche Quartier, bas aus großen Mietshäusern besteht, bereit Bauart natur­gemäß nicht libsolnte Sicherheit bietet. In ben engen Gassen sinb bnbbhistische Tempel, Theater, Spielhöllen und Opium- feiler. Im Süden der Stadt liegt der einzige größere Park, Golden Gate Park, in einer Ausdehnung von 421 Hektar. Bedeutende öffentliche Gebäub^sind: das Ratljans im 9)erba Bnena Park, bie Münze, bie Börse unb bas PostgeLäude u. a. Die Einwohnerzahl beträgt mehr ckls 400 000. In San Francisco befindet sich bie mebizinische Mteilung der Universität von Kalifornien . Außer 32 großen Bibliotheken sorgen für die Unterhaltung 11 Theater und 69 Klubs, unter denen auch deutsche zu finden sind. An induftrieUen Unter­nehmungen sind zu nennen: 40 Großschlächtereien und etwa 90 Gießereien und Maschinenwerkstätten, darunter die großen Union Jron Worts, wo Kriegsschiffe gebaut lverden, 20 Schiffswerften und eine Menge Möbelfabriken, Kleider-, Schuh^eug- unb Leberfabriken. Noch bebeutenber ist der Handel. Eingeführt wird vornehmlich Zucker, Zöafsee, Tee, Reis, Tabak, Steinkohle nsw., während die Ausfuhr sich hauptsächlich auf Weizen, Mehl, Wolle, Wein, Quecksilber und Edelmetalle erstreckt.

Der Frage, ob em Zusammenhang zwischen den Erup­tionen des Vesuvs und dem Erdbeben besteht, steht man in wissenschaftlichen Kreisen skeptisch gegenüber. Tatsache ist, daß ein Maximum von Sonncnflecken heute zu beobacküen ist. Tatsache ist ferner, daß mit bem Eintritt eines solchen Maximums von Flecken, sobalb sie, wie auch jetzt, der Erbe gegcnüberstc^cn, elektrische Erbströmungen sich auslösen, bie inan« nigfache Erscheinungen zeitigen, von denen z. B. nur an bad bekannteste, das Nordlicht erinnert sei. Aber ob diese Erbstrom- ungen auch einen derartigen Einfluß auf bas Erdinnere aus­zuüben vermögen, daß darauf die Tätigkeit des Vesuvs und die Katastrophe in San Francisco zurückzuführcn wäre, ist eine völlig offene Frage, zu deren Beantwortung man lediglich Hypo­thesen ausstellen konnte.

Daß ein Zusammenhang zwischen dem Erdbeben von Sau Francisco und dem Ausbruch des Vesuvs, besteht, hält der Berliner Geh. Bergrat und Hochschul-Prosessor Wahnschaffe für ausgeschlossen, wie benn überhaupt gegenwärtig die Ansicht der Fachleute dahin gehe, daß Erdbeben und ähnliche Erscheinungen, die ungefähr gleichzeitig an verschiedenen Tellen der Weltkugel sich zeigen, dock nur selten innerlich zusammen- hängen. Etwas anderes sei es jedoch zum Beispiel mit den Erdbeben, die jüngst Formosa und jetzt das nicht eben well davon entfernte San Francisco betroffen haben: sie stehen aller Wahrscheinlichkeit nach in einem gewissen inneren Zu­sammenhang.

Der der kalifornischen Volkswirtschaft zugesngle Schaden wird sich erst in geraumer Zeit bis ins einzelne ermessen lassen, aber er wird auch bis ins einzelne wieder gutgemacht: werden. Es ist wohl zweifellos, daß die Gefamtheib derBereinigten Staaten gegenüber dem furchtbaren Verlust eines ihrer Teile Gemeinbürgschaft über­nimmt und die Staatsgelder ber Bnnbeskafse für die Hilfs­aktion zur Verfügung stellt. Tas Privatkapital ist nrit un­gezählten Millionen in Mitleidenschaft gezogen, und nicht nur das amerikanische. Auch an deutschem Gelde sind bedeutende Beträge in Mifornicn investiert. Es sei nur auf die Eisenbahnen hingewiesen, deren Bonds in Deutsch­land gehandelt werben und wegen der günstigen ZinSver- hältnisfe vielfach zu Anlagezwecken gekauft sind. In den vorliegenden Telegrammen ist von großen Verlusten die Rebe, die speziell die Southern Pacificbahn angehen, ein Unternehmen, dessen Schuldverschreib-' u n g e n, besonders in Süddeutsch land Eingang ge­funden haben, wo schon von alters her die finanziellen Beziehungen zu Amerika gepflegt worden sind. In der Tat ist das südwestliche Tcutschland auch vor einigen Jahren erheblich betroffen worden durch die finanzielle Mamität bet der dLorthern-Pacifiebahn.

An der Berliner Börse ist in amerikanischen Eisenbahn- »apieren gerade kein großer Umsatz, der Kurs wird nicht eiten gestrichen in Ermangelung von Angebot und Nach- rage, aber die in festen .Händen befindlichen Beträge an liefenÄllnerikanern" find für die deutsche Nationalwirtschaft immerhin von Belang. Wenn auch unter dem Eindruck ber Katastrophe in Sau Francisco bie in Betracht kommenden Kurse abbröckcln, so darf das für diedeutsch en BonbS- besitz er kein Grund znr Beunruhigung und zu Angstverkäufen" sein. Es wird mit der den Ameri­kanern eigenen großartigen Energie und Aufopferung dafür gesorgt werben von ben internationalen .Hilfsaktionen abgesehen, daß neues Leben aus den Ruinen empor- wächst.

ImBert. Xagebl." wirb bie nicht unwichtige Frage;