Ausgabe 
20.3.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 67

General-Anzeiger. Amtr- und Anzeigeblati für den Kreis Siehe»

Rotationsdruck und Verlag da BrÜ hlfche» Unwerfitätsdruckeret. 9L Lang», Ghefeen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: @d)uIftr.T.

Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr.: SlnLctger Gießen.

Erscheint «sllch mit Ausnahme des Sonntags.

Die ..Siebener ZamillenblStter" werden dem Anzeiger viermal wöchenUich beigelegt. Der ^eipfd}» kavdwtrf erscheint monatlich einmal.

preußisches Abgeorvneteul-aus.

Berlin, 19. März.

Erste Beratung des Gesetzentwurfs über die B e f ä h i g - an g zu m höheren Verwaltungsdienst.

Minister v. Bethmann-Hollwea bemerkt, daß die Vorlage feine großzügige Reform, sondern eine praktische Maßnahme dcrrstellen soll. Er bitte, an dem jetzt herrschen--

^arLMnentarisches.

Berlin, 19. SNärz. Ter von dem Abg. BurLhardt in der Steuerkommission des Reichstags gestellte Antrag aus Einführung einer Jnseratensteuer ist dem Vernehmen nach zurückgezogen worden.

Ans SraSt uns £anO.

Gießen, den 20. März.

Personalien. S. K. H. der Großherzog haben den Oberstcuerinspektor des Hauptsteueramts Gießen Adolf Weißenbruch mit Wirkung vom 1. April l. I. unter Verleihung des Amtstitels Oberfinanzrat" zum Vortragenden Rat bei dem Ministerium der Finanzen, Abteilung für Steuer- wesen, ernannt; den Haupt-Steueramts-Rendanten bei dem Hauptsteueramt Gießen, Adam Leißler zu Gießen in gleicher Diensteigenschaft an das Hauptsteueramt Darmstadt versetzt und dem Pfarrer Ludw. Draudt zu Wohnbach die evangcl. Pfarrstelle zu Gundcrnhausen übertragen, lieber** tragen wurde dem Schulamtsaspiranten Joh. Hill en brand aus Lampertheim die Lehrerstelle an der Schule zu Buch­klingen (Gemeinde Löhrbach). S. K. H. der Großherzog haben den Hochbauaufseher Gg. Graulich in Mainz auf sein Nachsuchen aus dem Staatsdienft entlassen.

*» Erledigt sind: 1. die Stelle des Obersteuer^ inspektors bei Großh. Hauptsteueramt Gießen vom 1. April 1906 ab; 2. die Stelle de§ Hauptsteueramts­rendanten bei Großh. Hauptsteueramt Gießen. 3. Ferner sind Meldungen schon jetzt einzureichen für die folgenden im Hauvtvoranschlag für 1906 neu vorgesehenen Stellen: a) je eines Rcvisionsinspektors bei den Großh. Hauptsteuerämtern Darmstadt und Offenbach; b) je eines Hauptsteueramts­assistenten bei den Großh. Hauptsteuerämtern Darmstadt, Offenbach und Bingen; c) von vier Hauptsteueramts- assistenten bei Großh. Hauptsteueramt Mainz.

** Vom hessischen Landtag. Der Finanzaus­schuß der 2. Kammer trat heute Dienstag früh 9 Uhr zu einer Beratung zusammen, uni sich über die Regierungs­vorlage betr. die Verlängerung des Provisoriums des Ge- nieindeumlagengesetzes schlüssig zu machen. Am Mittwoch vormiitag kommt der Finanzausschuß der 1. Kammer zu seinen Beschlußfassungen über den Staatshaushaltsetat zusammen und dann wird Mitte nächster Woche das Plenum der ersten Kammer seine Etatsberatung aufnehmen, die sich, da fast alle Dissense über den Etat zwischen beiden Kammern beseitigt sind, voraussichtlich in zwei Sitzungen erledigen wird. Der Haushaltsetat wird demnach noch gerade rechtzeitig zum 1. April fertig werden.

* Die Entwickelung der menschlichen Kultur (der Mensch und die Metalle) bildete das Thema des Vor­trags, den Herr Dr. Delkeskamp gestern abend in dem von dem kaufmännischen und dem Ottsgewerbeverein veranstalteten Vortragszyklus vor ziemlich zahlreicher Zuhörerschaft im Hotel Saalbau hielt. Der Vortragende erörterte in seinen inte­ressanten Ausführungen die Bedeutung, die die Auffindung verschiedener Metalle für die Entwickelung der menschlichen Kultur hatte. Durch ihre Verwendung erhob sich der Mensch, der in den Zeiten seines ersten Daseins unter den Tieren ge-

Deutsches Reich.

Berlin, 19. März. Der Kaiser hat an den Be­sitzer derN ordd. Allgem. 3tg/, Frhrn. v. Ohlen- dorff, zu dessen 70. Geburtstage nachstehendes Telegramm gerichtet:

Ich spreche Ihnen zur heutigen Vollendung Ihres 70. Lebens- sahres meinen herzlichsten Glückwunsch ans. Möge Ihnen durch Gotte? Fügung noch em langer, schöner Lebensabend beschieden fein nur Freude Ihres, für Ihre ost bewährte patriotische Ovferwilligkeit in treuer Ergebenheit dankbar ergebenen Wilhelm I. R."

Der Zweigverein Ratibor des sozialdemo­kratischen Zentralverbandes der Handlungsgehilfen hat anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaiser­pa ar eS eine Feier veranstaltet. Wir sind neugierig auf das Scherbengericht, das man über diese nicht zielbewußten Genoffen abhalten wird.

den System festzuhalten, er halte es für besser, als bie Ausbildung ausschließlich bei den Gerichten oder der Ver­waltung. 'Er wurde auch nur Beschäftigung der Justiz­beamten für gut halten, wenn das möglich wäre. Sein Ziel gehe dahin, die Beschäftigung bei den kleinen Re­gierungen eiuzuschränken und statt dessen gute wissen- chaftliche Vorbereitungskurse einzurichten. Er bitte, nicht darauf zu bestehen, daß die Annahme durch den Minister erfolgen müsse, vielmehr solle man die Annahme den Ober- präsidenten und den Regierungspräsidenten überlassen. Abg. Peltasohn (frs. Vg.): Seine Partei sei der An­sicht, daß erst das Fundament durch Reform des Uni» ver sitätsstudiums geschaffen werden müsse. Abg. Vorst er (freikons.) meint, was die jungen Re feren­da re mit von der Universität brächten, sei mehr zu be­dauern, als zu begrüßen. Abg.Tr. Fried berg (ul.) nimmt noch die Professoren der Nationalökonomie in Schutz. Die Vorlage geht an eine Kommission von 21 Mitgliedern.

Heer und Flotte.

DerKöln. Ztg." wird aus Berlin gemeldet, daß die Umbewaffnung der Armee mit dem a b g e an­der t e n G e w e h r und mit R o h r r ü ck l a u s a e s ch ü tz e n bereits zum Teil durchgeführt ist und bezüglich des Restes regelmäßig fortschreitet.

ähnliche Gefühle des Mißtrauens hinsichtlich der nneingeftanbenen Nebenabsichten" Deutschlands. Die fran­zösische Regierung hätte ruhig auf den Boden des österreichisch- ungarischen Vermittlungsvorschlages treten können. Zu neun Zehnteln erhielt Frankreich durch Annahme des Vorschlags seine Ansprüche in der Polizeifrage erfüllt. Doch wollte Frankreich auch noch das letzte Zehntel haben, d. h. die Polizei nach feinem Gefallen und seinen Zwecken dienend organisieren. Von Teiitschland wird der Republik ein Weg angedeutet, auf dem sie mit allen Ehren, ohne der Wurde das Geringste zu vergeben, mit Deutschland zusammenkommen kann. Easablanea hatte ivie daSrote Tuch" gewirkt, die deutsche Regierung nimmt das Tuch fort; nun bleibt ab­zuwarten, ob die Pariser Blätter und die sie informierenden Staatsmänner sich beruhigen.

Eine glänzende Gelegenheit, einzulenken und die Stimme der Vernunft sprechen zu lassen, hat die französische Regierung schon Vorbeigehen lassen. Als die westfal. Bergleute bei der furchtbaren Katasttophe von Cour- rieres zur Hilfe eilten und Wunder von todesmutiger Tapferkeit und deutscher Tüchtigkeit vollbrachten, als sogar Zeitungen vom Schlage desMatin" mit Begeisterung von dem Werk der Nächstenliebe sprachen, als in g an z Fr ank- reich etwas wie B e s ch ä m u n g sich regte, daß der ge­schmähte Feind Frankreichs abermals eine großmütige Tat vollzogen hatte: da wäre der geeignete Zeitpuntt für em Abspannen des Bogens gewesen. In diesem Augenblick hätte die öffentliche Meinung in Frankreich die Nach- giebigkeit verstanden und sie stillschweigend gebilligt. Statt dessen ließ man ohne Widerspruch im Lager der frcmzchilchen Regierung zu, daß anerkannt offiziöse Blätter ime der PariserTemps" fortfuhren, Tag für Tag die albernsten und törichsten Verdächtigungen der deutschen Marokkopolitik in die Welt zu setzen. Französische Ritter­lichkeit, französische Dankbarkeit! Ten Italienern faltt dieser Mangel an Takt an ihren neuen Freunden aus. ^tnL Zeitungen stellen die deuts che Umsi ch t und Be­sonnenheit in Gegensatz zu der soanzosischen .^erchb- ferttgkeir,^ordd Ag." hofft, daß die Marokkokonferenz nicht scheitert. Wir hoffen es auch, denn es kann für die Franzosen nicht verlockend sein, mit dieser Last von Miß­stimmung üb ihres Verhaltens abzuziehen.

Paris, 19. März. (Kammer.) Das Haus beginnt die Beratung über das Budget des Ministeriums des Auswärtigen. Ter Minister des Auswärtigen Bourgeois beantragt, die dazu cingebraäten Interpellationen von der gegenwärtigen «Je* ratung zu trennen, um sie bei der Debatte über die Erganzungs- kredite für die .lwnferenz in Mgeciras zur Beratung zu stellen Er hebt hervor, daß er die friedliche Politik seines Vorgängers fort fetze. Millevoye nimmt Kennttlis voü der friedlichen Erklärimg und stimmt der Vertagung der Beratung der Interpellationen zu. .Tie Vertagung wird oe,chlosten.

Madrid, 19. März. Das BlattUniver,al" leckt mit, daß der deutsche Kaiser nicht vor Beilegung der Maro k ko - Angelegenheit Spanien besuchen .ngrbe.

tz.ne neue in -üdwelafrika.

Berlin, 19. März. (Amtlich.) Major Täubler hat am . ,i gnär- bet Pelladrift einen Angriff gegen den von ibm umstellten Gegner auägcfübrt. Tie Abteilung des Vaupt- inanns Siebert griff von Westen, die Abteilung des Oberleutnants Rever die bereits einen zehnstündigen Nacktmanch zuruckgelegt batte ' von Osten her an. Nach längerem Widerstande g e t an g

'dennoch den Hottentotten, deren Stärke aur etwa 100 Gewehre geschätzt wird, nach Nordosten zu e n t f I ic b c n und Mi in dem unwegsamen Gebirge zu zerztteuen. Moren ga soll diese Bande persönlich geführt hoben. Auf deut, ch e r ©eite ift ein Reiter gefallen, einer wurde Ywer verwundet. Maior v. Estorff ordnete sogleich die Befetzung der Wayerstellcn von Arns, Bclloor und Nantsis und die V e r so lg u n g deS Gegners durch die vereinigten Wteilungen Siebert und Beyer aen Oranje aufwärts an. Tie Abteilungen der Hauptleute von Eckert und v. Hornhardt. die am 12. März den Gegner bei Hartebeestmundgefcklagen hatten, Atzten noch am Abend desselben Tages den Vormarsch in der Richtung auf PclladrM fort. Auf Saumpfaden, die Geschütze und Maschinengewehre lohne die Verpflegung auf Tragtieren verladen, verfolgte man den Feind, dem es möglich war, von den zeitlichen hohen Felswänden herab unsere Kolonnen zu be­schießen und zu zcckraubenden Entwickelungen zu zwingen. Am 13. März morgens wurde endlich eine frifchvcrlayenc Werst erreicht, aus der nur noch vereinzelte Schüsse fielen. Die mit Decken und Hausgerät gefüllten Pontoles, zurückgelasfene^ (Ge­wehre und Sättel ließen die Eile erkennen, mit der der tfemb sich geflüchtet hatte. _ . k

Das in diefer Werst ausgcsuudeue Tagebuch öe» am 26. Juli 1905 unweit Nornansdrist von Nkorrislcuten er­schossenen Generaloberarztcs Sedlmayr läßt dar­auf fchließen, daß die Werst von diesen bewohnt war. Die früherer Insassen zogen sick rechtzeitig über den Oranjefluß zurück und fetzten sich zum Teil auf den dicht bewachsen en eng hüben Fluß­inseln, zum Teil auf dem südl. britischen Ufer fest.

Nack einer Mitteilung des Gouverneurs an Oberst Tarne hat der Kolonialfettetär in Kapstadt die Entwaffnung und Inter­nierung der Flüchtlinge bereitwilligst zugefagt. Wie Oberst Dame bervoryebt, bedeuten die in den Tagen vom 8. bis 13. Marz ge­führten Kämpfe in materieller und moralischer Hinsicht einen wichtigen Erfolg unserer Waffen, indem sie den Gegner von den Wasserstellen am Oranje ver­trieben unb ihn von der dort besonders günstigen Zufuhr ab schnitt en. Der Erfolg sei m erster Linie der umsichtigen und energisckten Leitung der Operationen durch Major v. Estorfs und der zähen Ausdauer unfern; Truppen und ihrer Offiziere zu danken. Oberst Dame ging mit seinem Stabe am 14. März nach Warmbad zurück, wo am 15. März auch Maior tx Estorff wieder eintraf.

Am 12. Marz sind im Gefecht bei Hartebeestmund gefallen: Unteroffizier Karl Ewald, geb. in Assen heim, früher 2. kurhess. Hufarcn-Regimenl Nr. 14 (Herzsckuß), und der Gestecke Adam Jünger. Leicht verwundet: Leutnant Willy Schlettwein, früher 8. brandend. Infanterie-Regiment Nr. 64 iStteissckuß in die rechte Handfläche), SanitätSgesteiter Gustav Teschner und Gefreiter Heinr. Hotz, geb. in Seckmauern hm Odenwald, Kr. Erbach. D. Red.), stüher 3. gwsch. Hess. Jn- santerie-Leibregiment Nr. 117 (Steinsplitter im linken Handrücken), Gesteiter Emil Ncickirck. Nm 10. März sind auf Patrouille bei Pclladrift gefallen: Die Gesteiten Hermann Noszack und Iohaim ftübon. Am 11. März ist bei Pelladrift gefallen: Reiter Ferdinand Franz. Ferner ist der Bizefcldwebel der Landwehr 2. Aufgebots Karl Göttig im Lazarett zu Swakopmund an Leber- cstrhofe gestorben.

Hamburg, 19. März. Mit dem PostdampferErnst Woer- mann" sind aus Teutsch-Südwestastika 8 Offiziere und 47 Mann heute hier eingetroffen.

Hinßtano.

Tie Regierung veröffentlicht einen an den Senat ge- tichteten Ukas, der folgenden Inhalt hat:

Zur Unterstützung der Landwirtschaftlichen Boden­kreditbank zu Gunsten der Bauern, die durch Vermittelung der obengenannten Bank Ländereien zu^kaufen wünschen, hat die Regierung Provinz- und Bezirkskommiffionen eingesetzt und die Generalleitung der Tätigkeit dieser Kommissionen in die Hände eines Bodmorganifativnskomitees gelegt, welches in der General­verwaltung für landwirtschaftliche Angelegenheiten geschaffen wor­den ist. T'^v Zweck diefer neuen Einrichtung ist die Ausmerzung von Mißständen, die bezüglich des Befitzrechtes und des Betriebs von Landgütern, wie .in den Besonderheiten der Gegenden be­stehen. In dem NkaS wird die Hoffnung ausgesprochen, daß durch die vereinigten Bemühungen der Vertreter der Regierungs­gewalt unb der Mitglieder der ScmfthTvs die dringenden Bedürfnisse der bäuerl. Bevölkerung befriedigt werden können, unbeschadet der von den Grundeigentümern er­worbenen Rechte.

Leutnant Schmidt und drei Matrosen vom Potemkin" wurden am 19. d. M. in Oischakow erschossen.

Ter H a u p t m a n n S ch a m a n s k i, der im November sich weigerte, in einer Moskauer Fabrik eine Exekution mn ausständigen Arbeitern vorzunehmen, wurde vom 'Kriegsgericht zu 16 Monaten Festung und Ausstoßung aus der Armee verurteilt. Der Hauptmann hat Revision ein­gelegt.

Tie Bestrafung der Revolutionäre in den baltischen Provinzen dauert fort. In Golgowsk traf eine Strafexpedition unter dem Kommando eines Offiziers ein, der körperliche Züchtigungen an 30 Personen vor­nehmen ließ. Tabei erhielt ein Kaufmann Lessing 200, ein Lehrer K. 50 Knutenhiebe. Letzterem wurde außerdem sein Eigentum niedergebrannt, ebenso einem zweiten Lehrer.

In einem leeren, unter der Gendarmerieverwaltung zu Odessa gelegene« Zimmer explodierte eine Höllen­maschine. Die Decke des Zimmers wurde zerstört und das Arbeitszimmer des Geudarmerieobersten schwer be­schädigt. Durch die Sprengstücke wurden etwa zehn Passanten auf der Sttaße leicht verletzt.

Am 18. März entgleiste bei der Station Skarzysko der poln. Weichsetbahn infolge mutwilliger Schienenlocker­ung ein Personenzug. Mehrere Personen wurden getötet.

In Wladiwostok vernichtete ein B r a n d in der Abteilung der Bauanstalt für Unterseeboote viele Mate- rialien und Maschine«, darunter auch ein Periskop.

Ausland.

Paris, 19. März. In Hollain verweigerte ei« Pfar­rer die Jnventuraufnahme mit geladenem Gewehr in der Hand. Er drvhte dje Poliz eikomm issar e und Gendarmen zu erschieße«, weil sie in die Kirche eindringen wollten, und nannte sie Mörder und Diebe. Es gelang schließlich einem Gendarmen, in die Fenster der Kirche einzusteigen. Der Priester wurde verhaftet. Er wird sich vor Gericht wegen Beleidigung der Beamten, verbotenen Waffenttagens und Bedrohung mit dem Tode zu verantworten haben.

St. Etienne, 19. März. Das sozialistische Komitee der Bezirke von Südoste« und Südwesten von St. Etienne hat gegen die Ausschließung Briands aus der Vereinigten sozialistischen Partei Protest er­hoben, ebenso der Veretti in La Päraic. Diese drei Gruppen haben beschlossen, aus dem sozialistischen Verbände aus- zuscheide«.

Die Marokko-Konferenz.

DieNordd. Allg. Zig." schreibt:

Nach amtliche« Berichten des Botschafters v. Radowitz hat bisher auf der Konferenz von Algeciras unter den Delegierten allerseits das redliche und loyale Bestreben geherrscht, die großen sachlichen Schwierigkeiten sachlich zu behandeln, den Einfluß er­regter Preßerörterungen sernzuhalten und so das Werk, wenn möglich, zu gutem Ende zu bringen. Tie gesamte ernste Presse Tcutschlands darf, wie wir glauben, die Aneikennung beanspruchen, daß sic die Arbeiten der Delegierten respektiert hat und dem Gange der Verhandlungen mit Ruhe gefolgt ist, im (Segensatz zu der aufgeregten, zum Teil gehässigen Haltung mancher PariserBlätter, immer kehrt in ihnen, so beispiels­weise in der letzten Nummer dcSTempS", der Versuch wieder, die von Deutschland verlangten internationalen Garantien atü verkleidete Annexionsgelüste hinzustellen. Ter in dem österreichisch­ungarischen Vermittelungsprojekt ciithaltene Vorschlag, neben dein neutralen Generalinspektorat eine neutrale Station in C a s a - b Innca einzurichten, ist ein untaugliches Beweismittel für die Bchailptung, daß die deutsche Politik uicht bloß volle Garantie sür die offene Tür verlange, sondern sich von uneingestandenen Sieben- absichten leiten lasse. Für die spezifisch deutsche« Interessen ist cs gleichgültig, ob gerade in Casablanca ein paar schweizerische oder holländische oder spanische und französische Instrukteure iür die marokkanische Polizei tätig sind. Wir glauben auch uicht, daßDeutschlnnd d i e D e r st ä n d i g « n g in der Polizei­frage lediglich an Casablanca scheitcrii lassen kann, wenn Frankreich bereit ist, dieP o l i z e i i n s p ek t i o n in den Häfeii mit wirklich genügenden Bürgschaften für ihre allen fremden Interessen n n v a r t e i i s ch dienende Ausübung zu versehen. Ter erste Schritt dazu ist geschehen mit dem Zugeständnis, daß ein neutraler G e n e r a l i n s p e k t eu r eingesetzt werden soll. Wir wollen noch an der Hoffnung festhalten, daß sich skrupel­loser Ueberener nicht mächtiger als nüchterne Ueberlegnnq erweisen und daß das Bemühen der Delegierten, die von Deutschland von Anfang an anerkannte Sonderstellung Frankreichs und Spaniens mit dem internationalen Recht in Ucbercinftimmimg zu sehen, doch zu nl Ziele führen wird. Sollte die Konferenz scheitern, so wird nicht Deutschland die Verantwortung tragen unb die Folgen würden für uns nicht empfindlicher fein als für andere.

Das alles klingt nicht gerade hoffnungsvoll. Der all­seitige lebhafte WunschLoS von Algeciras"! findet in den dochoffiziöse« Bemerkungen nicht eben eine Stütze. Man schlägt den Sack und meint den Esel. Denn es ist nicht nur die französische Presse beständig von dem düsteren 2lrg- mohn erfüllt, Deutschland beabsichtige Frankreich in Marokko nach allen Regeln der Kunst hereinzulegen, sondern die ver­antwortlichen Leiter der Republik hegen ganz

Zweites Blatt 15«. Jahrgang _ Dienstag Ä0. März 1806

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