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Nr. 144 Zweites Blatt 156. Jahrgang
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Frettag 2S. Juni 1906
Rotationsdruck und Verlag ba Vrühl'scv« UniversitätSbruckerei. R. Sang«, Dietz«.
Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr. R.
Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr.: Anzeiger Gieße».
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen.
politische Tagesschau.
Tie Disziplin in Südwestafrika.
Die Verhandlungen deS Kolonialrats sind in der üblichen Weise verlausen. Der Erbprinz zu Hohenlohe hat sich über die interessanteste koloniale Frage der Gegenwart leider nicht geäußert, nämlich über die Aufsehen erregenden Privat- meldungcn von Verstößen gegen die Disziplin im südwestafrikanischen Expeditionskorps. Der „Vorwärts" steht jetzt nicht mehr allein mit seinen Veröffentlichungen, auch bürgerliche Blätter, Zentrumsorgane, bringen Soldatetibriefe zum Abdruck, in denen von fchwcren Bestrafungen deutscher Schutztrupp le r, ja von vollstreckten Todesurteilen die Rede ist, und weiterhin von steigender Unzufriedenheit der Soldaten, die angeblich trotz Ablaufs ihrer Dienstzeit in Afrika zurückgehalten würden. Man fordert eine schleunige amtliche Aufklärung. Der „Reichsanzeiger' und die „Nordd. Allg. Ztg.' aber schweigen beharrlich, und im Kolonialrat hat, wie gesagt, der Negierungsvertreter gleichfalls geschwiegen-, obwohl eine Erklärung wohl am Platze gewesen wäre vor einer Körperschaft, die sich gutachtlich zu äußern hat zur Aufstellung des kolonialen Etats. Es ist doch ein Werk kürzester Zeit für das Oberkommando der Schutz- truppcn in Berlin, sich auf telegraphischem Wege zu informieren über die disziplinären Verstöße beim Expeditionskorps. Auf die Kosten dieser Erkundigung kann es doch nicht ankommen. DaS Volk, dessen Söhne in Südwestafcika bluten, hat ein Recht daraus, amtlich und in vollem Umfange über die betreffenden Vorgänge unterrichtet zu iverden. Es kann sich auf die Dauer nicht genügen lassen an beruhigenden und beschönigenden Redewendungen einer gelegentlich halbamtlichen oder der von uns ermähnten Aeußerung der Kriegerbereins- korrefpondenz. Auf diesem Wege macht die Regierung nicht Stimmung für das Reichskolonialamt, sie gibt vielmehr ihren Kritikern, zumal dem rührigen Abg. Erzbcrger (Ztr.), neues Material an die Hand.
Vom Kaisermanöver.
Bersin, 21. Juni.
Für das im Spätsommer in Schlesien statlfindendc Kaisermanöver macht sich bereits Interesse bemerkbar. Es tragt dazu bei ein Airtikel deS offiziösen „Militär-Wochenblattes", in dem die Wahrscheinlichkeit einer grnnd- l e g e n d e n Ä e n de r u n g in der Anlage dieser Manöver nicht in Abrede gestellt wird. Daß die verantwortlichen militärischen Stellen solche Aendernng nicht vorher öffent- lrch bekanntgeben, ist selbstverständlich, denn der Zweck dieser großen Truppenübungen wiirde dadurch vereitelt. Beim diesjährigen .naisermanöver handelt es sich um die strategische Leistting des neuen Generalstabschess, GeneraUeut- nants v. M o l t l c. Er wird dem Manöver seine besonderen Ideen zugrunde legen, die von der Ueberlieferung zum Teil wesentlich abweichen sollen. Taltische Neuerungen fremder Heeresverwaltungen können nicht unberücksichtigt bleiben. Die Generalstabsreisen in Elsaß-Lothringen zeigen beispielsweise, daß General v. Moltte den französischen Felddienst- ändernngen gebührende Beachtung zuwendet. Ob eine neue Form der Verwendung von Kavallerie Platzgreifen wird, bleibt abznwarten. Jedenfalls loird die Reitertruppe wieder eine hervorragende Rolle spielen. Den preußischen Heerführern werden sächsische Offiziere gegenüberstehen, weil sächsische Truppenkontingente im Verein mit den schlesischen Regimenter,! gegen die pofen branbcnbnrgischen Armeekorps operieren. Mil der Anwesenheit des Prinzen Leopold von Bayern dürste die Reihe der am Manöver teilnehmenden süddeutschen Offiziere nicht erschöpft sein. Unter den fremdländischen Gästen befinden sich mehrere amerikanische Generale. Sehr wahrscheinlich ist auch die Teilnahme österreichisch-ungarischer Offiziere. Von einer Einladung englischer Truppen führer ist bisher nichts bekannt geworden. '
Buchdruckerverband und Sozialdemokratie.
Wir lesen im „Mainzer Journal" :
Die „Mainzer Volksztg.' scheint Geld notivcndig zu haben. Wie uns mitgeteiU wird, hat die hiesige Ortsgruppe des Gehilfen« verbandcs der Buchdrucker zwei Aktien d e r „B o l k s z t g." tm Werte von 2000 Ai a r k a n g e k a u i t. 'Also auch un hiesigen Verbände iverden g e >v e r k s ch a i t l i ch e Gelder für pai iei- polilische Zwecke verwendet. ES ist dies ninjo interessanter, als man bisher anuahiu, der Buchdruckerverband bestrebe sich, neutral zu bleiben und nicht sozialistischen Tendenzen zu dienen. Auch hier scheint mem den Grundsatz ausstelleu zu "vollen: „Gewerkschaft und Partei sind eins.'1 — Wie wir hören, haben auch andere Gewerkschaften, z. B. Schremer und Küfer, Aktien der „Polksztg." erworben. __ ___
Kirche und Schule.
Berlin, 21. Juni. Die SchutkomMission des Herrenhauses beschloß, daß ausivärtige Rabbiner nicht zur Schuldeputation gehören können. Der Stadtschulrat soll als stimmberechtigtes, der Sladtbaurat und der Stadtarzt als beratende Mitglieder hinzugezogen werden können. Im Falle einer mehrfach unbestätigten Wahl zur Deputation geht das Berufungsrecht auf die Aufbesichtsbehörde über. Für die Entfernung ungeeigneter Gewählter oder geistlicher Mttglleder tritt an Stelle des Disziplinarverfahrens daS Verwaltungsstreitverfahren. Zum Zwecke der Sicherung gegen die großpolnische Agitation m Oberschlesien sollen sämtliche gewählten oder von einem Gutsvorstehcr ernannten Schulvorstandsnut- glieder durch die Aufsichtsbehörde bestätigt werden.
21115. Sladt und Lund.
Gießen, den 22. Juni 1906.
** Sommeranfang. Wiederum Hal die Sonne den Kulminationspuntt überschritten und bald nehmen die Tage tvieder ab. Bei dem anhaltenden kühlen Wetter bat man noch wenig Genuß vom Fruhlmg gehabt. Mit dem Eintritt der Sonne in das Zcrchen des Krebses schwingt nun der lachende Sommer über bic im reichsten
Schmucke prangende Natur sein Szepter. Am 20., 21., 22., 23. und 24., d§. Ms. ist die Tageslänge gleich und beträgt 16 Stunden 45 Minuten. Mit Johanni ist die Reihe der längsten Tage vorüber und Ende Juni beträgt die Abnahme 3 Minuten. Dann geht es, anfangs fast unmerklich, wieder abwärts. Im nächsten Monat wird die Tagesabnahme mehr und mehr wahrnehmbar. Doch oll uns das nicht viel bekümmern, der Gang der Ge- tirne bleibt im ewigen Wechsel. Freuen wir uns des- ;alb der kommenden schönen Zeit, der Zeit der herrlichen Rosen.
•• Der Sommer ist da, aber die längst in Aussicht gestellten neuen Bänke im Philosophenwald usw. fehlen immer noch. Hoffentlich sind die .Erwägungen', die über die zu wählenden Modelle dem Vernehmen nach angcstellt werden, bald zu Ende, damit wenigstens bis zmn Allweiberommer der Bank-Aufstellung nichts inehr im Wege steht.
Z- AuL dem Biebertal, 21. Juni. Mehr und mehr verschwinden die alten Zieh- und Pumpbrunnen auch in den entlcgendsten Plätzen und Quellwasserleitungen treten an ihre Stelle. So schreiten auch die Arbeiten an der großen Wasser- leitung durch das Biebertal rüstig vorwärts. Während zu Bieber die HauSanschlüffe soweit beendet sind, werden in Rodheim noch immer die Ausschachtungen betrieben. Heute ivurde mit der Anlage des großen Reservcbassins (250 cbm) jenseits des Biebertales, am sogen. Launscheidsberg begonnen. Die Prüfung der Quellen führte zu einem günstigen Ergebnis, indem sie in 5 Sekunden zirka 70 Liter vorzügliches Fclsen- waffer lieferten. Es wäre zu wünschen, daß möglichst alle Bewohner von Rodheim und Bieber Einschluß nehmen würden. Diejenigen, die auf die hohen Kosten Hinweisen, mögen bedenken, daß Pumpbrunnen kostspieliger sind als der Beitrag zu den Waffergcldern. Die Ausführung des Gesamtprojekts stellt sich auf 120 000 Mark. Von den Interessenten sind jährlich 7000 Mk. aufzubringen, wovon die Industriellen den größten Anteil zu tragen haben.
A Butzbach, 21. Juni. Wie verlautet wird beabsichtigt das Volksschauspiel „Die Hüttenberger" Sanrstag, 30. Juni, als Vorstellung für die Festzugsteilnehmer der Umgegend gratis zu geben, damit diesen für ihre Mühewaltung eine Gegenleistung geboten wird. — Man trägt sich ferner mit dem Gedanken, gelegentlich der alljährlich hier stattsindenden General-Versammlungen des neugegründeten „Vereins für ländliche Heimat-, Wohlfahrt- imb Kunstpflege in Hessen" weitere Volksschauspiele aufzuführen.
i. Lauterbach, 21. Jüm. Unter donnerähnlichem Getöse stürzte gestern Abend der au der Straße Lauterbach- Blitzenrod gelegene Steinbruch „Bilstein' ein. Ein Glück war, daß der Einsturz nicht zwei Stunden früher erfolgte, da sonst zweifellos Menschen in Gefahr gekommen wären. Schon wiederholt find Rutschungen in dem Steinbruch vorgekomtnen, glücklicherweise aber immer zur Nachtzeit. — Bei der gestern vorgenommcnen Ausräumung der hiesigen Kirche, mit deren Renovierung begonnen wurde, fand man viele alte Münzen darunter solche aus dem 17. Jahrhundert.
X Diez, 20. Juni. Gestern Abend geriet beim Baden an der Kreuzlay der 21 jährige Schreinergeselle Wilhelm Ax aus Steeden in einen Strudel, wurde mit auf den Grund genommen und ertrank. Die Leiche hat mau noch nicht gefunden.
FC. Kassel, 20. Juni. Zum Andenken an Denis Papin wurde gestern an der Stelle, an der er im Jahre 1706 den Landgrafen Carl das Modell einer von ihm erfundenen Dampfmaschine vorführte, ein Denkmal in Gestalt eines Papinbrunnens enthüllt. Papin war als Calvinist aus Frankreich ausgewiesen und wirkte von 1687—1707 als Professor der Mathematik an der Universität Marburg. Auch ein Dampfschiff konstruirte der Franzose und fuhr damit die Fulda hinunter, um dann weiter auf der Weser in die Nordsee und von da nach England zu gelangen, wo er sein Schiff zu verkaufen gedachte. Er kam aber nur bis Münden. Dort schlugen ihn die Weserschiffer, die von dem unheimlich rauchenden Ding Konkurrenz befürchteten, sein Schifflein kurz und klein.
Major v. Zander und Gcuosfen vor den Geschworene«.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
H. F. Breslau, den 20. Juni 1906.
(Dritter Tag der Verhandlung.)
Angell. v. Z a n d e r; Er habe heute die ganze Nacht an Herzkrämpfen gelitten und bitte daher um Entschuldigung, daß er sich nicht eingehend auslasse. Er sei aber ein Ehrenmann, cs habe ihm bisher noch niemand etwas Unehrenhaftes Nachweisen können. Bors.: Herr v. Zander, Sie betonen immer, daß Ihre Ehre vollständig fleckenlos sei . . . (v. Zander da- zwisck>enrufend: Das kann ich auch behaupten.) Bors.: Ich bemerke Ihnen, daß ich Ihnen Ihre eigenen Tagebuch-Aufzcich- nun gen vorhalten werde, in diesen haben Sie sich selbst bezichtigt, v. Zander: Ich werde den Nachweis führen, daß diese Aufzeichnungen infolge hypochondrischer Anfälle gemacht worden sind.
Tas Kalilager „Teutonia" in der Lüneburger Heide.
v. Zander bemerkt: In der Lüneburger Heide ist von meinem Freunde, dem Mitangeklagten Luettig, ein Kalilagcr entdeckt worden, das eine Boden fläche von 300 000 Morgen umfaßt. Bohrungen ergaben ein 462 Nieter hohes Lager des vorzüglichsten Kalisalzes. Dieses Kalrsalzlager ist also viermal so hoch als der Turm des Kölner Lomes. Die Inbetriebsetzung eines solchen kolossalen Werkes ist erklärlich Weise sehr langwierig. Die Abteufungen nehmen lange Zeir in Anspruch, Wasser, inbrü^e si,rd taum vermeidlich. Die .Herren verwren fast sämtlich die Geduld. Ängesicksts dreser Konstellation unternahm ich es, Dr. Groot für das Unternehmen zu gewinnen. Die,er erklärte sich bereit, das gesamte Kasisalzlager für eure englische Gesellscl/ast zu erwerben. Tas Geschäft kant zustande. Ter Kaufpreis betrag 1 800 00U Lfuno Sterling. Ich erhielt ÖU OOU Pfund tu Prfferreü Shares und 40 000 Pfinw in ordinären Lhares. Sie Entdeckung
Die 6. Hauptversammlung des Verbandes der Aerzte Deutschlands
fand, wie uns aus Halle geschrieben wird, dort am 21. Juni statt. 3kr Vorsitzende Dr. Hartmann-Leipzig berichtete von einem Schreiben der preußischen Eisenbahnverwaltung, in dem diese verlangt, daß die Aerzte, die als Bahnärzte angestellt werden wollen, aus dem wirtschaftlichen Verbände austreten muffen. Tie Verantwortung für die hieraus folgende mangelnde Versorgung der Beamten und ihrer Familien mit ärztlicher Hilfe trifft allein die Eisenbahnverwaltung. Mit großem Nachdruck wandte man sich gegen die Absicht des deutschen ünappschastsverbandes, die K n a p vs ch a f ts ä r z t e von der übrigen deutjä-en Aerzteschaft zu isolieren, ebenso gegen die Gepflogetrheitcn der großen Schiffschedereien bei der Anstellung der Schiffsärzte, die zu gering honoriert und deren Rangß iliing den höheren Schiffsoffizicren gegenüber nicht ge- nügend gewahrt wiro. Nach langdauernder Debatte wird ein Antrag angenommen, der sich energisch gegen daS Vorgehen der Behörden ausspricht, Aerzte zum Austritt aus bem Wirtsch.
dieses Kalisalzlagers batte für die deutsche Landwirt,chast, die jetzt ihren Haupü»edarf an Kalisalz aus England beziehen mutz, eine ganz außerordentliche Bedeutung.
Nochmals di: Behandlung des Angeklagten v. Zander von Seiten des Untersuchnngsrichters.
Es sollen nun die in London abgeschlossenen Verttäge verlesen werden. Der Staatsanwalt wendet ein, daß diese Verträge vor dem Londoner Notar Ohiomann geschloffen, der amtlichen Beglaubigung erttbehren. , .
Vert. J.-R. Dr. Mamroth: Ich muß bemerken, daft mir sieben M onate lang jede Einsicht in d ie Akten vom Untersuchungsrichter beharrlich verweigert und jeder persönliche Verkehr mit meine Ni Klienten verwehrt worden ist. Nach Abschluß der Voruntersuchung erhielt ich Einsicht in die Akten, es wurden mir zwei große Kisten mit allen möglichen Schriftstücken vollgepackt _ und eine ungeheuer voluminöse Anklageschrift zur Verfügung gestellt. Ich war selbstomtärrdlich nicht mehr in der Lage, das gesamte Material eingehend zu prüfen und das erforderliche Entlastungsmaterial rechtzeitig zur Stelle zu schaffen. Iu der 14 monatlichen Untersuchung iväre das aber wohl mötiid.) gewesen.
Ätaatsanw. Dr. Schwedersky: Es sind bereits wiederholt Eingriffe gegen den Untersuchungsrichter gemacht worden, die in die' Presse übergegangen sind und nach außen hin den Anschein erwecken könnten, als wäre die Untersuchung einseitig und oberflächlich geführt worden. Wenn in dieser Weise fort» gefahren werden sollte, dann werde ich beantragen, den Unter» suchungsrichter als Zeugen zu vernehmen. Wenn der Untersuchungsrichter nicht alle Entlastungsanträge des Angeklagten v. Zander berücksichtigt hat, so ist das geschehen, iveit die meisten Angaben des Ängellagten der Wahrheit nickst entsprochen haben. Vert. J.-R. Dr. Mamroth: Ich kann allerdings dem Untersuchungsrichter den Vorwurf nicht ersparen, daß die V o r u n t e r- suchung einseitig geführt worden ist. Der Untersuchungsrichter hat den Ängellagten von vornherein für einen Schuldigen gehalten, das hat er mir selbst gesagt. Daß die meisten Angaben deS Angeklagten der Wahrheit nicht entsprochen haben, bestreite ich. Es kann sich höchstens um Mißverständnisse oder um Dinge handeln, die der 2lngellagte nicht sogleich beweisen komtte. Ich kann dem Landgerichtsrat Firle den Vorwurf nicht ersparen, daß er den Ängellagten von vornherein für überführt erackstet und dementsprechend die Untersuchung geführt hat. Es ist von hoher Wichtigkeit für den Ängellagten v. Zander, nachzuweisen, daß, wenn das Geschüft persekt geworden märe, er eiae Million verdient und feine Schulden mehr hätte. Daß bad Geschäft schließlich scheiterte, konnte ber Angeklagte nicht anuehrncu. Es ergab sich die dtotwendigkeit, neue Bohrangsversuck^ vorzunehmen. Es mußte deshalb neues Geld beschafft und zu diesem Zwecke neue' Aktien emittiert werden. Daran scheiterte schließlich das Unternehmen.
Luettig.
Als Zeuge erscheint Landgerichtsrat v. Bre tt: Jrn Auftrage der Untersuchungsbehörde habe er über den Ängellagten, Rrtter- gutsbesitzer Luettig amtliche Auskunft eingcholt unb folgenben Bescheid erhalten: Luettig erfreut sich nicht des besten Rufes. Es seien ihm verbreästrff'che Handlungen zuzutrauen, er neige zu Uebertretungen. Er sei jähzornig, gewalttättg, strecksüchttg und wenig wahrheitsliebend. Er behandle seine Dienstboten schleckst. Im übrigen sei er ein tüchtiger Landwirt und L-pezralist auf dem Gebiete der Kaliiiidusttie. Seine VermögenSverhältnisfe seien günstig. Endlich habe er bei seiner Steuererklärung mehrfach uiiwahre Angaben gemacht. Er habe gehört, daß er in zwtr Brandfällen der Brandstiftung verdächtig war. Es fei ihm mit* geteilt worden, baß Luettig zweimal wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Beleidigung und vielfach wegen Ucbertretungen bestraft worden sei. Zur Entlastung des Ängellagten mü,se er hervorheben, daß der Angeklagte ein schlauer, aber unklarer Kopf sei. Andererseits werde der Angeklagte als gutmütiger Mensch gefästldert, der insbesondere gegen Beamte sehr zuvov- kommeiid sei. Er werde auch als guter Sohn seiner Mutter O^^Äb^Horn als Zeuge: Er sei mit Luettig mehrfach auf der Jagd gewesen. Er halte ihn für einen Ehrenmann und einer unfairen Handlung nicht für fähig. Dasselbe bekunden noch mehrere Aufseher vom Gute Luettigs.
Betrugsfalle.
Ein Vertreter der Firma Christoffle u. Co., als Zeuge, bekundet: Zahlreickst silberne Tafelservice seien von Frau Maiov v. Zander im November und Dezember 1900 und Januar 1901 bestellt aber bis heute noch nicht bezahlt nwrden. Frau Maior v. Zander hat im weiteren von der Firma Leonhardt in r^lin eine große Anzahl Juwelen, goldene Ringe, Hutschnallen, Rock- Halter usw. auf Borg entnommen. Frau v. Zander: Sie habe die Juwelen usw. für ihren Bedarf bestellt. Sie habe viel an fürstlickstu Höfen im Auslande gelebt und konnte der em- fadieit Lebensweise ihres Mannes keinen Geschmack abgewmnen. Ich habe bereits betont, daß ich der Llnsicht war, mein Mann werde sehr bald in die Lage kommen, die Sachen zu bezahlen. Ich war andererseits der Meinung, daß ich nicht notig hatte, mich nach den Launen meines Mannes zu richten. Ich bemerke noch, daß ich die Sachen nicht versteckt, sondern ganz offen getragen habe. Mein Mann hat aber keinen Blick für 2)amen» Toiletten. .
In einem ferneren Falle hat Frau v. Zander von der rfrrma Schuinann in Berlin im Jahre 1904 silberne Wrrtschaflsgeräte der vdrschiedenslen Ar: in sehr großer Zahl bestellt.. Der Angeklagte d. Zander bemerkt, daß er auch von dieser Bestellung nicht die geringite Ahnung gehabt habe: er habe auch alles, allerdings ohne Erfolg, getan, um den Kauf rückgängig zu machen.
Der Vorsitzende erwähnt noch roetterer Bestellungen von Ancmas, Fleischwaren, Wurst, Delikatessen, Wem usw. bei Borchardt in Berlin und anderen Berliner Firmen. Während dieser Zeit schreibt v. Zander ieiner Frau, daß er sich in den größten finanziellen 9toten befinde. In sein Tagebuch schrieb er, er habe nicht einmal so viel Geld, um ein Glas Bier trinken zu können, er müsse 4. Klasse fahren usw. .


