Ausgabe 
21.8.1906 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 195

erscheint tOßll- mit Ausnahme deS Sonntags.

DieGietzener ZamllienblStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigclegt. Der Etzristsch« Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fche» UniversitätSdruckeret. R. Lang», Sießvr.

Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.U, Tel. Rr. 6L Telegr.'Adr.: Anzeiger Gieß«.

Zweites Blatt 156. Jahrgang Dienstag Äl. Angnst 1906

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehrn.

Amtlicher Heil. Kelranntmachung.

Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung von: 9. d. M. Kreisblatt Nr. 97 bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß das Scharfschießen des Infanterie- NeginlcntS Nr. 116 in dem Gelände bei Lützellinden bereits am 22. ds. Mts., nachmittags 3 Uhr, beendet ist.

Die beteiligten Großh. Bürgernleistereicn werden beauf­tragt, dies sofort ortsüblich bekannt machen zu lassen.

Gießen, den 21. August 1906.

Großhcrzogliches stiei5anit Gießen.

I. V.: Dr. Merck.

politische Tagesschaer.

Eine nationale Gefahr.

Man schreibt uns:

Mag Deutschlands Bevölkerung in noch so viel Partei­lager gespalten sein, so gabt es doch immer verschiedene nationale Fragen, die vernünftigerweise zu einer Einigung führen sollten und sei es auch nur von Fall zu Fall. Bei manchen Reichstagsnachwahlen hat ein derartiges Zu­sammenwirken ja schöne Früchte getragen, wogegen Uneinig­keit nur dem sozialdemokratischen Kandidaten zum Siege verhalf. Nun hat sich besonders in diesem Jahre, welches für die Landwirtschaft reich gesegnet ist, wieder eine Kalamität bemerkbar gemacht, die nicht unterschätzt werden darf, weil sie eine Gefahr für die nationale Existenz Deutsch­lands in sich birgt, wir meinen das Wströmen der Land­bevölkerung nach den Industriezentren, wodurch eine Leutenot in der Landwirtschaft entstanden ist, der nur dadurch einigermaßen gesteuert werden kann, daß das Kriegsministerium Soldaten zum Ernteurlaub abkomman­diert und daß ferner zahlreiche Scharen slavischer Ar­beiter herangezogen werden. Wo sich die Slaven aber ein­nisten, da geht cs mit ihnen so wie mit gewissen blutrünsti­gen Tierchen: sie sind nicht mehr oder nur höchst schwierig hermlszubringen. Ja, wenn man sie noch eindeutschen könnte, aber mit den slavischen Landarbeitern kommen auch pol­nische und tschechische Agitatoren mit, deren Propaganda schon dafür sorgt, daß der slavischen Nation fein placke und kein Wenzelssohn verloren geht. Nicht weniger als zwei Millionen slavischer 'Arbeiter muß Heuer in den erträgnisreichen Jahren die deutsche Landwirtschaft beschäftigen. So züchten wir also eine slavische Land­bevölkerung heran, die vom deutschen Bauern natürlich gern Kost und Lohn nimmt, aber ihn dafür aus das grim­migste haßt, und in unseren Industriegebieten schwillt ein international gesinntes deutsches Arbeiterproletariat mächtig an, dem der Reichsgedanke immer gleichgiltiger wird. Daher droht dem Lande das Schicksal, zwischen die Skylla des Slaventums und die Charibdis des Arbeiter­proletariats zu geraten, wenn die Gesetzgebung nicht recht­zeitig Vorsorge trifft. Allerdings wird dieses Problem nicht leicht zu lösen sein.______________________________________________

Neue russische Untaten.

Ein neues Warschauer Attentat wird heute bekannt. TieNordd. Allg. Ztg." meldet:

Als der Verweser des deutschen Generalkonsulats in Warschau, Freiherr v o n L e r ch e n f e l d , sich am 14. Aug. vom Gebäude des Generalkonsulats nachmittags nach einem wenige Minuten entfernten Klub begab, wurde er von einer Person an» gefallen, die russische Osfiziersuniform trug. Dieselbe kam Herrn v. Lerchenfeld entgegen, ergriff als sie dicht an ihm vor­überging, sein rechtes Handgelenk mit der linken Hand und ver­setzte ihm zwei Faust schlage gegen die Schläfe. Darauf entfernte sich der Angreifer eilig, bestieg eine Droschke und fuhr davon. Freiherr v. Lerchcnfeld hatte, als der Fremde seine Hand ergriff, zunächst an eine Personenverwechselung geglaubt und fand, durch die Faustschläge gänzlich betäubt und überrascht, nicht Zeit, den flüchtenden Täter festzuhalten. Polizei oder Militär war nicht in der Nähe. Die Straße war fast menschenleer. Der Freiherr war nicht bewaffnet. Der Verweser des Generalkonsulats teilte den Vorfall unmittelbar dem Generalgouverneur mit, der sofort zur Feststellung der Persönlichkeit des Angreifers die er­forderlichen Verfügungen traf. In Petersburg wurde der Ueber- fall auf Weisung der deutschen Regierung alsbald diplomatisch zur Sprache gebracht. Am nächsten Tage sandte die russische Re­gierung der deutschen Botschaft eine amtliche Note, in der sie ihr lebhaftes Bedauern über den Angriff ausdrückte und mitteilte, da); dem Generalgouverneur von Warschau schleunigst Weisung zugegangen sei, die energischsten Maßregeln zur Aufklärung des Vorfalles zu ergreifen und außerdem machte der Generalgouver- A,eu?'<-Don Warschau dem deutschen Generalkonsulatsverwcser aus Anlaß des Vorfalls einen Besuch.

Tie Warschauer Polizei erfuhr ferner, daß eine junge blonde Dame die Bombe gegen General Skalon geworfen hatte. Sie ließ alle jungen Mädchen des Stadt­viertels versammeln, fani> aber die Gesuchte nicht unter ihnen.

In Schänken in Kurland wurden ein Bahnwächter, seine Frau und Ävei Kinder von Revolutionären er­mordet. Während des Gottesdienstes in der Kirche von Drostenhof wurde der vor der Kirche postierte Schutz­mann durch drei Revolverschüsse getötet. Der Mörder nahm sodann die Waffe des Polizisten an sich und entkam.

In O d e s s a wurde auf den Redakteur einer reaktio­nären Zeitung, Grafen Konownizyn, ein Attentat versucht, mißlang jedoch.

Nach einer in Schnscha eingetroffenen Drahtnachricht übersielen Tataren aus dem Torfe Matrawand auf einem Ritte befindliche Kosaken und töteten vier derselben. Eine Sotnie kam den Kosaken zu Hilfe. Sie wurde mit Schüssen empfangen. Es kam zwischen den Truppen und den Ta­taren zu einem Gefechte, nach dessen Beendigung das Torf der Tataren zerstört wurde.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. 'Aug. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Wie mir hören, hat der Reichskanzler das bereits er- toätjnte Schreiben des Land Wirtschaftsmini st ers vom 13. 'August zum Gegenstand eines eingehenden Vor­trages bei dem Kaiser gemacht. Letzterer hat dar­auf in Uebereinstimmung mit dem Vortrage des Fürsten Bülow erklärt, daß er aus Grund der Ausführungen des Ministers vom 13. August zurzeit nicht in der Lage sei, über die Frage der Entlassung Podbiels- k i s aus dem Staatsdienst eine definitive Entschließ­ung zu fassen.

Ter Reichskanzler Fürst v. Bülow ist heute vor­mittag wieder von Wilhelmshöhe in Norderney einge­troffen.

Ter Chef der Reichskanzlei v. Löb eil ist von Wil­helmshöhe nach Berlin zurückgekehrt. Er hatte am Freitag und Sonntag Besprechungen mit dem Fürsten Bülow und wurde am Samstag zur kaiserlichen Tafel befohlen.

Ter Gesandte Dr. Stübel begibt sich morgen mit Urlaub von Christiania nach Berlin, aber nicht, wie er dieser Mitteilung lächelnd hinzufügte, zu einem neuen Arnimprozeß, sondern um seinen langentbehrten Hausstand nach Christiania zu überführen.

Tie Behauptung, der Leiter des Kolonialamts Erb­prinz zu Ho Henio ye-Langenburg beziehe neben seinem etatsmäßigen Gehalt eine Zulage aus dem kaiserl. Dispositionsfonds, wird als in ihrem ganzen Umfange jeder tatsächlichen Unterlage entbehrend erklärt.

TieDeutsche Tagesztg." meldet: Tse beschlagnahm­ten Geschäftsbücher der Firma Tippelskirch sind der Firma am 18. August zurückgegeben worden. Gutem Vernehmen nach hat sich fein Anhaltspunkt dafür ergeben, daß seitens der Firma nach irgend einer Seite hin zu unlauteren Zwecken Gelder ausgegeben worden sind.

Reichstagsabg. Dr. Ablaß wurde heute nachmittag in der Ko 1 on i a la f färe vor dem Untersuchungs­richter des Landgerichts in Hirschberg in Schlesien kom­missarisch, vernommen. Cs handelte sich zunächst um den Fall Puttkamer. Dr. Ablaß sollte seine Gewährs­männer nennen und über die Art der Herkunft seines Materials Auskunft geben. Dies lehnte Dr. Ablaß a b. Dieser Vernehmung schloß sich eine weitere Vernehmung des Abgeordneten in der Untcrsuchungssache gegen die Be­amten des Kolonialamtes Götz und Schneider an. Hier stellte sich Dr. Ablaß auf den Standpunkt, daß er zunächst von dem Zeugnisverweigerungsrecht des Ver­teidigers eines der Angeklagten Gebrauch mache, betonte aber außerdem, daß er auch hier das Material, welches er als Reichstagsabgeordneter erhalten habe, n ich t pr e rs- g e b e. Er lehnre deshalb die Herausgabe feiner Verteidig­ungsakten sowie seiner Neichstagsaiten ab. Hierauf wurde Dr. Ablaß die gerichtliche Beschlagnahme in Aus­sicht gestellt.

Ausland.

Paris, 20. Aug. lieber das geplante Attentat auf den Präsidenten Falliör es wird aus Marseille noeh berichtet, daß der richtige Name des verhafteten Anarchisten Spirillo ist. Er ist Schuhmacher. In seiner Wohnung ivurden Patronen und Schießpulver zur Herstellung von

Bomben gefunden. Er trug bei «seiner Verhaftung einen sechsläufigen geladenen Revolver bei sich, sowie einen Paß auf den Namen Vincanso aus Cast'ellamare. Spirillo soll Mitschuldige haben, nach denen die Polizei fahndet. Man nimmt an, daß er von einem Komitee beauftragt mar, ein Attentat auf den Präsidenten zu verüben. In einem un­gewöhnlich kräftigen Italiener, welcher den Schuhmacher be­suchte, während Detektivs im Schusterladen verborgen waren, und der dort sofort festgenommen wurde, vermutet man das Oberhaupt der Verschwörung, deren Teilnehmer meist solche Italiener sind, welche aus Frankreich ausgewiesen sind, aber unter falschem Namen wiederkehrten.

Tr oppau, 20. 9(ug. Eine gestern nachmittag in Giloh- ivitz abgehaltene tschechische Versammlung verlief ruhig. Nachher zogen etwa 200 Teilnehmer in kleinen Gruppen in die Stadt. Hierbei kam es zu Zusammenstößen mit den Deutschen. Die Gendarmerie schritt ein. Eine hef­tige, durch Werfen einer Knall bombe erzeugte Detonation rief Beunruhigung hervor. Um die Ansammlungen zu zerstreuen, rückten zwei Kompagnien Infanterie aus. Bald trat Ruhe ein.

Valparaiso

ist ein Hausen von Ruinen!

Das Erdbeben hat sich schon vor mehreren Tagen am Seis­mographen bemerkbar gemacht. In der Nacht vom 14. zum 15. waren über 32 Erdstöße angezeigt worden. Seitdem folgten in kurzen Abständen noch über hundert Stöße.

In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag sind 82 Erd­stöße verspürt worden. Im ganzen sind über oOO Erdstöße wahrgenommen worden.

Nach dem zweiten Stoß trat eine furchtbare Finsternis ein, bald aber erleuchteten Brände die Stadt. Die auf dem vom Meere abgewonnenen Land erbauten Viertel litten am meisten. Die Kirchen stürzten ein. Die brasilianische Avenue wurde saft völlig zerstört. Die Hügel bei der Stadt litten nur wenig und boten den Flüchtlingen Zuflucht. Die Stadt- und Schulgebäude wurden gerettet, fast alle Häuser sind jedoch unbewohnbar. Die Güterschuppen des Zollamtes sind fast ganz zerstört. Infolge Berstens der Wasserleitung ist die innere Stadt über­schwemmt und Trinkwasser fehlt.

Das Administrationsgebäude und das Viktornr-Theater sind bis auf die Fundamente vernichtet; die Marineschule blieb ver­schont. Eine Schwadron Kavallerie hat die Weisung, Vieh nach der Stadt zu bringen. Es wird eine kommerzielle Krise befürchtet. Der Kriegsminister und der Minister des Innern sind mit Ab­teilungen Freiwilliger der Armee und der Feuerwehr unterwegs, um die zerstörten telegraphischen Verbindungen wieder herzu- stellen. Viel Schaden wurde in dem Bergwerks-Distrikt Noglais- Calera angerichtet.

In dem Gefängnis von Valparaiso stürzte ein Teil der Ge-, bäude ein, wodurch 140 Gefangene um kam en.

In der Umgegend von Serremvto sind viele Ortschaften zer­stört und zwar Popodo, Zapalla Ligno usw. In Talea sind ebenfalls viele Gebäude zerstört, 50 Personen getötet und 150 schwer verletzt worden. Der Gesamtschaden wird amtlicher­seits auf ungefähr 100 Millionen Piaster geschätzt.

Vino del Mar mit 1000 Einwohnern, Quirihu6 mit 2500 Ein­wohnern, Limache mit 6500 Einwohnern, Guillota mit 10 000 Einwohnern und alle Ortschaften rings herum sind zerstört. Die Bewohner kampieren in den Bergen, Nahrung ist rar.

Einem amtlichen Bericht aus Chile zufolge ist der ganze nördliche Teil des Landes unbeschädigt geblieben. Zwischen Val­paraiso und Vino del Mar ist 'ein Hügel eingestürzt, wodurch der Eisenbahnverkehr zwischen diesen beiden Orten zerstört wurde.

In Santiago sind alle Brücken eingestürzt. Die Erde hat sich bis zur Diese von 60 Fuß aufgetan und es sind Risse im Umfange von 200 Fuß entstanden.

Nach einem Telegramm aus Galvestone wurden in Los And es 800 Personen verschlungen, in/Melipilla 200, nur wenige entkamen.

Allen privaten Meldungen steht indes solgendes, bei der Berliner chilen. Gesandtschaft eiugegangenes Telegramm des Mi- nisteriums des Auswärtigen in Santiago entgegen:

Am 16. August abends wurden die Provinzen von Val­paraiso und Talea von einem Erdbeben heimgesucht. Verlust an Menschenleben nicht bedeutend. Schaden an Eigentum in Valparaiso bedeutend, in Santiago weniger be­deutend. Oeffentliche Ordnung ungestört, Behörden und Pri­vate sorgen für alle Bedürfnisse auswärtiger Vertreter und deren Familien."

Die Gesamtsumme der Feuerversicherungen in Val­paraiso bei Lloyds wird auf y» Mill. Lstr., Schiffs- und Waren­versicherungen auf 2 Mill. Lstr. geschätzt. Von den Versicherungs­gesellschaften scheinen am meisten beteiligt zu sein Royal London and Laneashire und Liverpool London and Globe.

*

Die Besitzer chilenischer Staatspapiere sind in Unruhe versetzt, namentlich die Zeichner der im April d. I. auf­gelegten 41/2 prozentigen 75 Millionen Goldanleihe,

Kin Weiscbrief des Aeichstagsakg. Ar. Wallau.

Vom Reichstagsabg. Dr. Wallau, der bekanntlich an der rzahrt deutscher Reichstags-Abgeordneten nach O st a s i e n teil­nimmt, ging uns nachstehendes vom 6. Aug. datiertes Schreiben zu:

«... . Au Bord desPrinz Heinrich".

schreiben Sie mir doch recht ausführlich immer von Ihrer mepe ;mein Sohn sammelt leidenschaftlich Briefmarken, wollen Sie nt Japan und China daran denken", so lauteten zumeist die Abschiedsworte der Freunde und Bekannten, die ich vor der Abreise sprach; besondere Genießer sagten wohl auch bringen Sie mir doch eine kleine Geisha (Teemädchen) mit"; in welche Verlegenheit möchten wohl einige dieser Auftraggeber kommen, wenn ich mich des Auftrags prompt und tatsächlich ent­ledigen wollte?

Der Zweck unserer Reise ist, uns über die Verhältnisse der deutschen Niederlassung in Kiantschon und über die Stellung der Deutschen in Japan und China an Ort und Stelle zu unter­richten und auf Grund unserer Informationen auf Abstellung von Mißständen und für die Förderung des deutschen Handels und der deutschen Interessen zu wirken. Teilnehmer sind die Herren v. Böhlendorf, Dr. Lukas, v. Riepenhausen und meine Wenigkeit.

In Hamburg kamen wir, v. Böhlendorf und ich, an Bord desPrinz Heinrich",- während die beiden anderen Herren in Genua zu uns stießen.

Prinz Heinrich" ist keiner der ganz großen Dampfer, er hat 6200 Bons Wasserverdrängung, 180 Mann Besatzung und verbraucht bei flotter Fahrt täglich 1800 bis 2000 Zentner Kohlen; die großen Amerikasahrer verbrauchen 56000 Ztr. täglich.

.So ging es denn in Hamburg unter Donner und Blitz mit

heftigem Gewittersturm am 19. Juli nachmittags 1 Uhr ab; bei dem Sturme dachte ich, loie der, der am Montag geköpft werden sollte: na, die Woche fängt ja gut an; denn unser Schiss schaukelte schon in der Elbe, daß ein eigentümliches Gefühl von der Magengegend anfing nach oben zu krabbeln, aber siehe da, in offener See ließ der Wind nach und wir hatten flotte Fahrt ohne Zwischenfall bis Antwerpen, wo wir Freitag abend schon um 6 Uhr anlangten. Antwerpen mit seinem riesigen Hafen macht, sowohl von der Wasserseite wie im Innern, einen ausgezeichneten Eindruck. Die Sauberkeit der Holländers ist mit der Liebenswürdigleit und Zuvorkommenheit der Franzosen bei den Belgiern gepaart. In Antwerpen wurden Kohlen eingenom­men und unendliche Fracht, deshalb hatten wir Aufenthalt bis Montag mittag 12 Uhr. Bei schönstem Wetter begann die Weiter­reise, aber je mehr wir uns dem Kanal näherten, um so mehr frischte der Wind auf, bis wir eine recht kräftige See batten, und manchem der Passagiere konnte man zurufen:Was willst Du, Fernando, so trüb und bleich, was bringt mir Dein bebender Schritt?" Ich dachte, was machst du dich mies mit den Kosacken, und legte mich in5 Bett, nut dem Erfolg, daß das, was ich bei mir hatte, auch bei mir blieb: neues kam allerdings nicht dazu. In der Nacht gab es eine furchtbare Tuterci, und als ich zur Luke hinaussah, war dicker, schwarzer Nebel, weshalb alle paar Se­kunden das Nebelhorn ertönte, ein zartes Geräusch, etwa so, als ob einem gegen 6 Uhr abends zur Fütterungszeit cm halbes Dutzend Kühe aus einmal dicht ins Ohr brüllten; tat­sächlich passierten in fraglicher Nacht im Kanal mehrere Zu- ,ammen flöße, sogar mit Vertu,t von Menschenleben. Gegen 11 Uhr morgens kamen wir nach Southampton, nachdem wir die ^u,el Wight passiert hatten, die bekanntlich durch ihre autzerordent- lich geschützte Lage beinahe tropisches Klima hat; das große königl. Schloß Osborne lag dicht vor uns.' habet ankerten sieben

englische Panzerschiffe, ein Riesenkerl dabei:0 du Ekel" dachte ich,du Unflat".

In Southampton legten wir nicht an, sondern blieben draußen in See, eine Tampsbarkasse brachte Post, Gepäck und Passagiere und nach dreistündigem Aufenthalt ging es weiter nach Gi­braltar.

Der atlantische Ozean in seiner majestätischen Unendlichkeit liegt vor uns und bringt uns so recht unsere Sandkorn- Existenz zum Bewußtsein. Bald haben wir Kap Finisterre passiert, berüchtigt wegen seiner hohen See, benimmt sich aber dem Prinz Heinrich" gegenüber sehr anständig und am 27. Juli morgens 8 Uhr sind wir dicht bei Kap Vincent, wo die Brandung in ewiger Wut gegen die schrosf aus dem Meere emporsteigenden Felsen tobt; für uns Deutsche ist hier historischer Boden, kämpfte doch hier im Jahre 1680 Kapitän Alders gegen die überlegene spanische Flotte und brachte ihr schwere Verluste bei; Spanien hatte dem großen Kurfürsten die lange versprochenen Subfibiengelber nicht gezahlt^ da schickte der praktische hohe Herr seinen Kapitän Alders in See mit dem Auftrag, was er von spanischen Kauffarteischisseu sände, zu kapern und wirklich gelang es Alders, ein Schiss mit sehr wertvoller Ladung wegzunehmen. Sehr erfreut und mit dem Gebautendas scheint was zu bringen" wurden nun von dem Gr. Kurfürsten 5 Fregatten ausgerüstet und Alders mit dem Auftrag in tacc geschielt, einer Silberflotte, die Spanien aus Weftindicn erwartete, aufzulauern und sie weg­zunehmen. (Schluß folgt.)

Dresden, 20. Aug. Tie französischen Aerzte be­suchten heute das Städtische Krankenhaus, die Frauenklinik, das Säuglingsheim und die Kunstgewerbeausstellung. Bei dem Diner, das in der Ausstellung stattsand, brachte Oberbürgermeister Beutler em Hoch auf die französischen Aerzte aus.