Nr. 3
Erscheint tSqktch aufter Sonmag».
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Donnerstag 4. Jmmar 1906
156. Jahrgang
6trftc§ Blatt
Amts- und Anzeigeblati für den Mreis Gießen
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Die fieuiige Kummer umfaßt 8 Seiten
Zaslresschau 1905.
C. Das Weltthe ater.
Wenn eS, wie der selbstsüchtige Spruch der alten Römer behauptet, ein Trost im Unglück ist, Genossen zu haben, dann darf da? deutsche Volk mit dem abgelaufencn Jahr sehr zufrieden sein, denn e§ Hot nicht nur bei allen seinen Mißlich- keiten Gefährten gehabt, sondern eS ist einer Reihe von Völkern noch viel, unendlich viel schlechter ergangen. Das Jahr 1905 war für die Welt kein Glücksjahr; es gab selten eine unruhigere und unglückseligere Zeit, wie diese. 9hn schwersten vom Geschick getroffen wurde während dieses JahreS unser östlicher Nachbar — das Geschwür Jahrhunderte alter Verbrechen und Mißwirtschaft ist aufgebrochen.
Am 20 Januar, beim Fest der Ncwawafferweihe, fiel ein scharfer Schliß und schlug in der Nähe des Zaren em. Es ist nie aufgeklärt worden, was es mit diesem Schuß für eine Bewandtnis hatte, aber er war, wenn auch vielleicht das zufällige und ungewollte Signal zur Revolution, die zwei Tage später in Petersburg losbrach. Man erinnert sich an den 22. Januar, der mit Blut geschrieben ist, dem Blut Tausender unschuldiger und wehrloser Arbeiter, die unter Führung des Popen Capon nach dem Winterpalasl ziehen und „Väterchen* um Reformen bitten wollten — sie sind niedergemetzelt worden, und aus dieser blutigen Saal wuchs das Verderben empor. In wenigen Tagen verbreitete sich der Brand über das ganze Riesenreich. Straßenkämpfe, Attentate, Bauernaufstände, Generalstreiks, Judenhetzen Jammer und Mord ohne Ende. WaS ist im Laufe dieses einzigen Jahres aus dem „heiligen, schweigenden Rußland" igeworden? Ein'rauchender Trümmerhaufen, auf dem heute ’bie wildeste Volkswut, morgen die verstockteste Reaktion ihre grausigen Orgien feiert. Es ist unmöglich, in engem Nahmen auch nur die wichtigsten Daten auS dem Reoolutionsjahr ^aufzuzählen oder die hochgestellten Persönlichkeiten mit Namen anzuführen, die der Volkswut erlegen sind, lieber die Zahl der Opfer im Volke selbst hat man keine AnhaltS- haltspunkte; es sind Tausende und Abertausende, die dahin gewürgt wurden.
Der Zarismus sah sich zu Zugeständnissen gezwungen. Es kam der Toleranzerlaß, es kam die sogenannte Verfaffung. Das Volk zeigte sich empfänglich für diese abgezwilngenen Geschenke, die Revolution ließ nach. Aber sofort waren die Schergen der Regierung wieder oben, und begannen das alte Handwerk der Knebelung. Da kam denn, was kommen mußte: das Volk verlor allen Glauben an die Regierung und ihre Versprechungen. Es vollzog fyi) ein widerliches Schauspiel. Lohten die Flammen der Empörung bedrohlich auf, dann kamen schöne Versprechungen — daS Volk wartete. ES sah sich bald getäuscht und wieder brach die Empörung
£in Arief ’gaut Zoh. Anlilm Acucrbiichs an Sen Kußener Professor Johann Klnst Kijristian
Schmidt. 0
Aus dem Hause des strengen, pedantischen Vaters, der für die groß angelegte Natur seines Sohnes kein Verständnis hatte, war der 16jährige Feuerbach 1792 von Frankfurt nach Jena geflüchtet. Aller Hilfsmittel beraubt, notdürftig von armen Vecivandten unterstützt, warf er sich mit einem Wissensdrange, der seine Kräfte überspannte, der Philosophie in die Arme und wurde durch Reinhold in die Kant'sche Lehre eingeführt. Dem philosophischen Studium glaubte er fortan sich widmen zu müssen; 1795, kaum zwanzigjährig, ward er bereits zum Doktor der Philosophie promoviert. Aber der unnachgiebige Vater, der die Verbindung mit dem verlorenen Sohn bald nach dessen Flucht wieder angeknüpft hatte, drang darauf, daß der junge Philosoph die juristische Laufbahn einschlage. Vergebens, daß Anselm schrieb: „Sie sehen aus meinem ganzen Benehmen, daß ich mich mehr zum Gelehrten von Profession, als zum Geschäftsmann, mehr zum Philosophen, als zum Juristen gebildet habe. Ich habe mich genau geprüft, wozu ich tauge, ich habe nicht bloß mich, sondern auch andere Männer vernoiumen und gefunden, daß ich mehr zum ersteren, als zum letzteren bestimmt sei. Ich habe mehr Talent für den Katheder, als für die Schranken des Gerichts, mehr Talent dazu, die Wissenschaften weiter zu bringen, als sie anzliwenden. Wehe dem, der nicht den Winken folgt, die die Natur ihm gibt, der die Talente verrosten läßt, welche die Natur ihm verlieh, und sich das erzwingen will, was sie ihin oerfagte.* Der Vater blieb unbeugsam, am Ende zwang die bittere Armut den Sohn zum Gehorsam. Der Doktor der Philosophie löitrbe als Student der Jurisprudenz inffribirt. Mit beispielloser Schnelligkeit drang er in die Rechtswissenschaft ein, 1796 eröffnete er die große Reihe seiner juristischen Schriften mit der „Kritik des natürlichen Rechts als Propädentik zu einer Wissenschaft des natürlichen Rechts", und 1799, fast gleichzeitig mit seiner Habilitierung als Lehrer der Jurisprudenz, trat er mit seinem berühmten Werke „Revision der Grundsätze und Grundbegriffe des positiven peinlichen Rechts" hervor. „Ich arbeite", schrieb er an den Vater, „mit Ver-
*) Der Originalbrief befindet sich im Besitz der großherzoglichen Universitätsbibliothek zu Gießen.
los. Tann kamen wieder Zugeständnisse der Schwachheit, Witte übernahm die Regierung. Man hoffte wieder, aber man hoffte umsonst. In den letzten Tagen des alten Jahres ward in Moskau ein Riesenkampf entfesselt, der mehr als 15 000 Opfer gekostet haben soll. Es heißt, daß auch diesmal die Soldaten über da§ Volk siegten. Das ist zu glauben, aber daran, daß eine augenblickliche Niederlage der Revolutionäre die Ruhe wieder Herstellen könnte, daran glauben wir seit langem nicht mehr. Zuviel Blut ist geflossen. Und wie es mit der Zarentreue des russischen Heeres und der Marine aussieht, haben die vielen Meutereien zur Genüge gezeigt. Tie Soldateska macht sich wohl ein Vergnügen da- ralls, auf die Arbeiter zu schießen, aber das ist, wie man gesehen hat, kein Beweis für ihre absolute Zuverlässigkeit. Tie furchtbare Krise ist für das Niesenreich wohl noch lange nicht überstanden; eS kracht aus allen Fugen auseinander. Die Polen, die Letten haben nationale Wünsche neben den revolutionären, die Volkswut ist entfesselt.
Nur ein Gutes hat das letzte Jahr Rußland gebracht: den Friedensschluß mit Japan. Unter freundlicher Mitwirkung deS Präsidenten Roosevelt wurde im August der Friede unterzeichnet, der Krieg war beendet, der Rußland so schwere Niederlagen gebracht hatte. Er hat die totale Unfähigkeit und die Niesenkorruption der russischen Armee gezeigt, und wie sich die Marine benahm, das hat die RoschijestwenSkysche Flotte genügend demonstriert; er kostete Rußland nebst ungezählten Milliarden b:e Vorherrschaft im Osten Asiens, Port Arthur, halb Sachalin und — das Ansehen unter den Großmächten.
In Oesterreich-Ungarn verlief daS Jahr ebenfalls recht traurig. Tie ungarische Krise ist anscheinend unheilbar, und von Zeit zu Zeit sah es aus, als wollten die magyar. Bramarbasse ein neues Jahr 1848 heraufbeschwören. Sie verlangten Trennung von Oesterreich, ungarische Kommandosprache und der Hiinmel weiß, was sonst noch alles. Sie stürzten den liberalen Szell, da gab ihnen der König den Trutzminister Fejervarp, der sich nun seit mehr als einem halben Jahre mit ihnen herum streitet. Sie haben fein Kabinett angespuckt, er droht ihnen mit den Sozialdemokraten. Alle vierzehn Tage wird die Krise akut Fejervary reist nach Wien und expreß wieder zurück; wie das enden soll, weiß nientand. In Oesterreich dauert der Sprachenstreit unver- mindert fort. Dazu kam ein kleiner Elsenbahnerstretk, der recht hübsche Zustände zeitigte.
Frankreich hat den Bruch mit dem Vatikan im alten Jahre völlig vollzogen und dasVermächtnis Waldeck-Nouffeaus somit erfüllt. 9ln die Stelle des braven Combes ist Noiivier getreten, der TelcassK durch einen anderen Herrn ersetzen mußte, weil dieser sonderbare Minister des Aeußeren um jeden Preis Krieg mit Deutschland haben wollte. Frankreich war dabei besonders um die englische Freundschaft bemüht und in diesen Bemühungen nicht ganz erfolglos. Das Werben um Italien hat indeß zu keinem Resultat geführt, gntigen, teils weit ich mich dadurch einem guten Vater gehorsam bezeige, teils aber, weil ich nun überzeugt worden bin, daß ich sonst nur darum keinen Geist in der positiven Jurisprudenz fand, weil ich keinen hineinzulegen wußte * So unbegreiflich uns der Umschwung erscheinen muß, der sich in dem jungen Gelehrten vollzogen, so ruhig und zuversichtlich der Ton klang, den er in den Briefen an den Vater anschlug, so offenbart andrerseits ein merkwürdiger Brief aus dieser Epoche an den Gießener Professor Johann Ernst Christian Schmidts, den Seelenkampf und die Verslimmilng des jungen Feuerbach und zeigt, wie schwer es ihm geworden war, der geliebten Philosophie Valet zu sagen. Feiierbach hatte während eines kurzen Aufenthaltes in Gießen Schmidts persönliche Bekanntschaft gemacht. Letzterer, der mit den bedeutendsten Männern feiner Zeit, unter Anderen mit Fichte, Niethammer, Schleiermacher im Verkehr stand, hatte Feuerbach eine seiner Schriften übersandt. Die Antwort auf diese Sendungen lautet:
„Ich entschuldige mich nicht, teuerster Freund, daß ich erst jetzt auf Ihren lieben Brief antworte und Ihnen Dank sage für das schöne Geschenk, mit welchem Sie mich beehrt haben, ©robnan* 2) weiß die Stimmung, in der ich bisher gelebt habe, die mich noch jetzt niederdrückt und mich mir selbst verleidet. Selbst nicht die Freude, das Herz eines edlen Mannes und das Zutrauen eines hellen Kreises durch Wahrheit gewonnen zn haben, selbst dies nicht konnte aus dem Sumpfe meiner Empfindungen mich emporheben und die Lethargie überwinden, von der meine bisherige Brief- Schreib-Trägheit nur des geringste Zweiglein war. Ich will mich nicht entschiildigen und doch entschlildige ich mich und beinahe bin ich daran, auch über diese Entschuldigung ein neues Entschuldigungs-Chrie auSzugießen. Also genug I
lieber die Schrift, welche Sie mir zu übersenden so gütig waren, nraße ich mir kein Unteil an. Ich darf nur sagen, was sie mir ist. Cie gewährte mir ebenso Unterhaltung als Belehrung und ich gestehe, daß ich mehr damit Übereinstimmte, als ich anfangs damit übereinzu slim men glaubte. Ich sah bis jetzt nichts darin als Philosophie und echt philosophischen Geist, ich fand nicht die Seiltänzerkünste der gährenden Phantasie, die man uns jetzt so oft für
0 Geboren 1772 zu Busenborn, Professor der Theologie und Philosophie, Prälat und Geheimrat zu Gießen.
2) Geboren 1775, Professor der Rechte in Gießen.
da die Italiener am Dreibund festhalten wollen — offiziell wenigstens.
In Italien selbst hat sich Besonderes nicht ereignet In England brachten die letzten Wochen einen Kabinettswechsel, die Liberalen haben das Wort.
In Norwegen machte man unblutige Revolution; die Bevölkerung schickte den König Oskar in Pension und einigte sich mit Schweden auseinander. Die Sache sah sich recht iinterbaltlich an; sie hatte den Reiz der Neuheit. Nun haben sich die Norweger ihr eigenes Stühlchen aufgesetzt und Inhaber ist ein dänischer Prinz, Haakon IX. Die Freude ist gegenseitig noch groß, aber ob Haakon nicht einige Angst vor der möglichen Kündigung hat, ist eine Frage, die wir nicht entscheiden können.
Im europäischen Wetterwinkel am Balkan gewitterte es ab und zu, doch ist man daS von dieser intereffanten Gegend schon gewöhnt. Die Leutchen können ohne ein wenig Kopsabschneiden nun einmal nicht auskommen. Der Sultan hatte jüngst die Ehre, eine europäische Demonstrationsflotte in den türkischen Gewässern zu sehen, die ihm die Finanzreform in Mazedonien abzwang, er nahm eS aber nicht besonders tragi ch, denn er ist es schon gewöhnt, daß man >bn von Zeit zu Zeit etwas kneift. Im übrigen haben sich die Verhältniffe da unten nicht geändert und werden sich auch nicht ändern.
In den Vereinigten Staaten geschah nichts von Belang; die umliegenden Dörfer hatten ab und zu kleine Revolutiönchen, um das Renommee aufrecht zu erhalten.
Das ist in groben Umriffen die Geschichte des JahreS 1905. Wir nahmen von ihm ohne Bedauern Abschied. Es hat viel, unendlich viel gebracht für uns sowohl wie für alle Welt, aber wenig, sehr wenig GuteS. Seien wir ihm nicht gram deshalb, denn — wer weiß, was daS Neue bringt? Vorerst freilich sehen wir es durch die rosenrote Brille der Hoffnung und begrüßen es mit Freude und Vertrauen. Möchte es diesen Gruß rechtfertigen.
Politische Tagesschau.
Sinkende Schweinepreise.
Mit dem neuen Jahre trat, wie wir schon mitteilten, eine überaus erfreuliche Erscheinung in Wirksamkeit. Zum ersten Male seit Ende 1904 zeigen die Vi ehpreise wieder eine rückgängige Bewegung. Schon der Dezember hatte für alle Viehsorten nicht nur keine weitere Verteuerung, sondern vielmehr eine erh e bliche Verbilligung gebracht. Noch im November waren die Preise weiter gestiegen, trotzdem bei Schweinen der Preis vereinzelt fast 50 Prozent über dem vorjährigen stand. Nun ist im Dezember gerade bei feiner -ber anderen Viehsorten der Preis so bedeutend zurückgegangen wie bei Schweinen. So scharf wie seinerzeit die aufsteigende Preisbewegung bei Schweinen cinsetzte, so plötzlich kommt auch der Rückgang. Als
Philosophie dahingibt, sondern den ruhigen Gang des wahren Forschers, der nicht durch Schimmer glänzen, sondern durch Wahrheit belehren will. In einigen Punkten will mein Kopf nicht mit Ihnen gehen, aber an diesem Kopf ist nichts mehr der Philosophie gelegen, sowie ihr auch wohl nie etwas daran gelegen war. Den heiligen Stand des philosophischen Comitats habe ich verlaßen und bin in den gemeinen Laienstand zurückgetreten. Die Flügel meines Geistes sind beschnitten und ich wühle nur, ein kleiner Wurm in bestaubten Bänden nnd in trockenem Gesetz-Wust. DaS ist jetzt meine Ideenwelt. Ich war ein Icarus, mit den an- gesetzten Flügeln konnte ich in den höheren Regionen mich nicht halten. Wer nicht groß im Großen sein kann, der tut wohl, wenn er macht, daß er wenigstens etwas im Kleinen ist.
Schellings Transscendentalphilosphie haben Sie gewiß schon gesehen. Sie übertrifft, meines Bedünkens, Fichtens Wiffenschaftölehre weit. Es ist mehr Slrbeit darin; Form und Methode find anziehend — aber alles ist und bleibt ein Kunststück und bei Gott nichts weiter. Es ist eine lustige, sinnreich zufammengereihte Ansicht, in die man wohl einmal treten mag, in der man ober nicht lange bleiben kann, weil überall der Boden wankt. Ueberhaupt Philosophie ist mir ein problematisches Ding. Sie gehört, glaube ich, mit dem perpetunm mobile, der Quadratur des Cirkels und dem Stein der Weisen in eine Reihe — wir suchen sie, wir werden sie nimmer finden. Das Philosophiren ist ein köstlich Ding und das wird bleiben. Die Philosophie mag immer zu Grunde gehen, wenn uns nur diese nicht jenes nimmt.
Welch Geschwätz, werden Sie sagen. Das ist nun einmal io mein Wesen, nehmen Sie den nackten, unverstellten Feuerbach, wie er ist.
Behalten Sie mich lieb, denn ich glaube wir find als Freunde geschieden. Mir wenigstens sagte eS meine beklommene Brust und eine Träne im Auge, als ich den guten Gießenern den Rücken wandte, daß ich mein ganzes Herz an sie verloren hatte. Darf ich Sie bitten, mich bei Rümpft) wegen meines langen Stillschweigens zu entschuldigen, nächstens werde ich ihm schreiben. Haben Sie Geduld
*) Kustos an der Universitätsbibliothek, später Professor der Theologie zu Gießen.


