Erstes Blatt
156. Jahrgang
Freitag ÄL. September 1906
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Die Heutige Yumrner umfaßt 10 Seiten.
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Das Neichstagswahlrecht.
Der Tropfen höhlt den Stein! So mag wohl der frei- konservative Paclainentaricr Fchr. v. Zedlitz und Neukirch denken, wenn er faum eine Gelegenheit vorübergehen lägt, ohne seiner Ueberzeugung von der „Unzweckmäßigkeit des ReichStagSwahlrechts und der Notwendigkeit seiner Beseitigung* Ausdruck zu geben. Auch jetzt hat er wieder in einem Artikel über „die politischen Ehrenpflichten Preußens* ganz beiläufig die Bemerkung einfließcn lassen, er halte es für nahezu unabwendbar, daß die Staatsnotwendigkeit einmal die Beseitigung des „Fundamentes der Machtstellung der Sozialdemokratie* des gleichen Wahlrechts, erheischen würde.
Wirkliche Versuche nach dieser Richtung HM würden immer vergeblich sein. Aber daß eine Stimmung vorhanden ist, die allmählich nach dieser Richtung gelenkt werden könnte, kann nicht geleugnet werden.
Es ist eine schwere Täuschung, daß die Beseitigung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts die sozialdemolratische Bewegung unterbinden würde. Diese Täuschung, daß man eine starke Volksbewegung dadurch unterdrücken könne, daß man sie in der gesetzlichen Volksvertretung nicht zu Worte kommen läßt, würden wir unter Umständen teuer zu bezahlen haben. Dann soll man auch nicht mit einem Gedanken spielen, der nur dazu dienen kann, Unzufriedenheit und Erbitterung zu erzeugen oder, wo sie schon vorhanden sind, zu schüren, und der das Vertrauen zu der bestehenden Staatsordnung in noch weiteren Kreisen, als schon bisher, erschüttern muß.
Herr v. Zedlitz drückt sich sehr vorsichtig auS; er hält ein gewaltsames Vorgehen gegen die Sozialdemokratie nur für möglich, falls der Staat, wie Bismark es einmal ausdrückte, ein gutes Gewissen hat, d. h. alles getan hat, um den gesetzlichen Schutz der Schwächeren und das höchste Maß sozialer Gerechtigkeit zu gewährleisten. Es ist merkwürdig, wie sehr bei der Agitation gegen das Reichstagswahlrecht übersehen wird, daß auch die Schmälerung des Wahlrechtes das „gute Gewissen* des Staates zu schädigen geeignet ist. Wenn man ein Recht, das mehrere Jahrzehnte ausgeübt worden ist, ge- ivissen Klassen der Bevölkerung wieder entziehen will, so setzt man sich denen gegenüber, die das Reckt genossen haben, in
jedem Falle ins Unrecht, auch dann, wenn der Maßregel die Ueberzeugung zugrunde liegt, daß allerlei Mißstände und Gefahren auf den Mißbrauch des Rechtes zurückzuführen sind.
Sitzung der Stadtverordneten.
Gießen, 20. September.
Anwesend: Oberbürgermeister Mecum, Beigeordnete Curschmann und Georgi; die Stadtverordneten: Brück, Dr. Ebel, Eichenauer, Emmclius, Euler, Gabriel, Dr. Gutfleisch, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Helm, Huhn, Jann, Kellers Kirch, Krumm, Loos, Orbig, Schaffstaedt, Schwall und Wallenfels.
■ Mitteilungen.
l Der Vorsitzende heißt die Versammlung in bet 1 ersten Sitzung nach den Ferien herzlich willkommen und hofft, daß die Beratungen auch künftig nach der Erholungspause friedlich und zum Wohle der Stadt verlaufen möchten.
Weiter wird mitgeteilt, daß das Oberkonsistorium seine Zustimmung bezüglich der Abschaffung des Reprä- sentati onsrechts der Stadt für die beiden 1. Pfarrstellen gegeben hat. Die Stadt hat dann in Zukunft den seither geleisteten Zuschuß zu den Pfarrgehältern von etwa 1 1800 Mk. nicht mehr zu bezahlen.
Beig. Curschmann macht Mitteilung über den Schriftwechsel bezüglich des seinerzeit im Gieß. Anz. erschienenen Berichtes wegen einer Verhandlung des Feldgerichts mit der Staatsanwaltschaft. (Siehe „Stadt und Land*.)
Baugesuche.
Th. Geilfus will in der Hammstraße einen Holzlager» platz errichten und bedarf für die Errichtung einer Holzlagerhalle Dispens. Die Baudeputation beantragt Ablehnung, da der Bebauungsplan für die in Frage kommende Gegend noch nicht feststeht. Die Versammlung beschließt jedoch nach kurzer Besprechung, den Dispens zu erteilen unter der Bedingung, daß die Lagerhalle parallel zum Weg und in 15 Meter Entfernung vom Euler'schen Wohnhaus errichtet wird. Ferner muß der Gesuchsteller sich verpflichten, .seinen jetzigen Lagerplatz an der Westanlage bis 1. Juli n. Js. aufzugeben und die darauf befindlichen Holzbauten zu entfernen.
A. Scheppelmann hat an seinem Hause in der Roon- straße einen Balkon angebracht, der weniger als 3 Meter von dem Nachbargrundstück entfernt ist. Der deshalb erforderliche Dispens wird erteilt.
F. Georg will an dem Wege nach dem neuen Friedhof Gewächshäuser und einen Ausstellungsraum anlegen. Der Dispens, der erforderlich ist, weil die dortige Gegend außerhalb des Bebauungsplanes liegt, wird erteilt unter der Bedingung, daß die Baulichkeiten 8 Meter vom Wege entfernt bleiben und das Gelände nach der Straße zu als Vorgarten angelegt wird.
Die Gebr. Im Heuser wollen an ihrem Hause in der Wagengasse anstatt des vorhandenen Giebels einen Stock mit Holzzementdach aufbauen, wodurch der Bau 9,80 Meter hoch werden würde. Da die dortige Straßenbreite bei der günstigsten Auslegung der betr. Bestimmungen nur eine Bebauung bis zu 8 Meter Höhe vorsieht, wird der nachgesuchte Dispens nicht befürwortet.
W. Valentin hat außerhalb de§ Bebauungsplanes an seinem Besitztum an der Hardt ein Nebengebäude errichtet; der hierfür erforderliche Dispens wird bewilligt.
Ein Bauqesuch von C. Gans für einen Giebelaufbau an seinem Besitztum Astcrweg wird genehmigt, ebenso wird zugestimmt, daß kein Durchgang nach dem kleinen vorhandenen Hof geschaffen wird. Ein nach den vorliegenden Plänen weiter erforderlicher Dispens wegen einer Brandmauer nach dem Nachbargrundstück, der bis jetzt nicht nachgesucht wird, soll dagegen nicht befürwortet worden, zumal die Grundrißgestaltung eine andere Lösung der Sache zuläßt.
H. Henkel will die Abortanlage in seinem Grundstück in der Walltorstraße verlegen und die Wurstküche vergrößern. Der nötige Dispens wird nicht befürwortet, da die neue Abortanlage nicht 3 Meter von dem Nachbargrundstück entfernt und sie von der Straße aus sichtbar wäre.
Ein Baugcsiich von C. Gans für die Marburgerstraße (außerhalb deS Bebauungsplanes) wird genehmigt unter der Bedingung, daß das fragliche Gebäude — ein Holzstall — rückwärts am Stall eingebaut wird.
Die Einfriedigung des Pros. Dr. P op pertschen Grundstücks an der Wilhelmstraße in Form eines dem architektonischen Charakter des Hauses entsprechenden Holzspaliers anstatt Estengitters wird genehmigt unter der Bedingung, daß Holzwerk und Anstrich dauernd in gutem Zustand erhalten werden.
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Nr. 222
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Dem VießenerAnzetger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siegener Familien« blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u.Stein- brudereL 9t Lange. Redaktion, Exoeditto« und Druckerei:
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Vertag u.Expeb.s^tzl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
Städtische Arbeiten und Lieferungen.
Die Arbeiten an der Kanalisation sind durch dis Firma Liescnhof rascher gefördert worden, als angenommen war. Dadurch konnte mehr gearbeitet werden als vorgesehen war und es wurde der Nachbezug von Zementrohren erforderlich. Die seither gebrauchten runden Rohre waren nicht vorrätig und die ovalen Rohre kosten pro Meter 75 Pfg. mehr. Um die Arbeiten nicht stillstehen zu lassen, wurden die Rohre bereits bezogen. Die Versammlung erteilt ihre Zustimmung unter Bewilligung des Mehraufwands von 265 Mk.
Ein Gesuch der Duisburger Zementwarenfabrik um Ersatz des Frachturkundenstemvels, der bei der
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„Etwas schwerer noch, als bei dem Lairdarbeiter hält es, den Kleinbauer, selbst schon wenn er zu uns gehört, mit sozialistischem Denken zu erfüllen und ihn 5um Klassenbewußtsein zu erziehen. Unser Endziel, die vollständige Umwälzung der Eigentumsverhältnisse, die Vergesellschastlichung von Grund und Boden usw. will ihm nicht so leicht in den Kopf, es sträubt sich in ihm etwas dagegen, sein Denken und Fühlen ist zu stark von seinem Privatbcsitz beeinflußt, sein Gesichtskreis reicht oft wenig über die Grenzen seines kleinen Besitztums hinaus. Das 'st feine Welt, in der er lebt und stets gelebt hat, deshalb wird es ihm sehr schwer, zu begreifen, daß eine vollständige Umwälz- ung bieier Verhältnisse ohne wirtschaftlichen Nachteil für ihn möglich sein sollte. Doch auch diese Schwierigkeit ist nicht imuberwindlim. Tie Sozialdemokratie hat auch bereits in diesen dresche gelegt. So stark sitzt der Aiitikollettivismus in den Kopien der Kleinbauern nicht fest, daß ihn der Sozialismus nicht verdrängen könnte. Gewiß, diese Arbeit ist keine leichte ober sie kann und muß geleistet werden. Mit dem zweiten Teile Anieres Programms gewinnen wir die Kleinbauern in großer Hayl.
Im weiteren Verlause des Artikels beschäftigt sichhann Braun mit ber Frage eines Massenstreikes der r f n? ?,r 6 CJ te r und kommt, — entgegen der Meinung ftines Genossen Marchionini, - zu dem Schlüsse, daß die Landarbeiter ,ich vorläufig schwerlich einem Massenstreik onschließen wurden. " 1
Sozialdemokratie und ZSauerntunr.
In dem letzten Hefte der „Neuen Zeit", der offiziellen Wochenschrift der Sozialdemokratie, legt Genosse Braun feine Ansichten über die eventuelle Gewinnung der Bauern und Landarbeiter für die Sozialdemokratie H,ar. 'Die'Großbauern und Mittelbauern sind nach seiner Meinung keine geeigneten Objekte für die sozialdemokoatische Agitation, wie man aus folgenden Sätzen ersehen kann:
,,Nicht iu getoinnen sind die Großbauern bis herab zu den M it t e l b a u e r n, die noch Arbeiter, Knechte und Mägde gegen Lohn beschäftigen. Sie produzieren z. V. für den Markt, beuten ihre Leute ebenso rücksichtslos wie die Junker aus, ihr wirtschaftliches Interesse ist dem der Prolet. Landbevölkerung geradezu entgegengesetzt, borniert kehren sie gegen den Arbeiter protzrgen Herrn heraus. Sie find Privateigentumsfanatiler schlimmster Art und wurzeln fest in der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Mit einer auf diese Bevölkenmgsgruppe zugeschnit- teuen Agitation unter Hervorkehrung rein bäuerlicher Forderns! 0 en, «als da sind Verstaatlichung des Hypothekenwefens, Staats- yilfe zu Meliorationen, Erweiterung des Gemeindelandes, und waS ^gleichen mittelstandsretterliche Forderimgen das Breslauer Vlgratiproaramm seligen Angedenkens mehr auswies, würden wir uuS geradezu zwischen zwei Stichle setzen. . . . Ebensowenig, wie wir in der Stadt unsere Agitation darauf richten, den Hand- werksmeister, ber sich mit seinen Berufskollegen in Arbeitgeber- Verbünden zusammenschließt und die organisierten Mbeiter ans- sperrt, für die Partei zu gewinnen, ihn mit dem bitter bekämpften Arbeiter in das Parteigespann zusammenzuschließeu, ebensowenig toir baran denken, den Leute beschäftigenden Groß- und Mittelbauern in die Partei einzureihen. Einzelne ideal veran- btc gegenwärtiges wirtschaftliches Interesse zurückstellen hinter allgemeine ideale und politische Rücksichten, Werden, wie aus arideren bourgeoisen Kreisen auch aus dieser Berufsgruppe, zu uns kommen, doch die Masse wird uns stets feindlich gegenüberstehen."
Dagegen erscheinen ihm die Kleinbauern als passendere Objekte. Man höre:
"Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den Kleinbauern, die sich von ihrem Besitztuni unter großen Mühen und oft auch Entbehrungen nähren, jedoch keine fremden Arbeiter gegen Lohn beschäftigen. Sie produzieren meist gar nicht ober sehr wenig für ben Markt Ihre Lebensweise ist eine rein proletarische, haben lie noch Schulden, was meist der Fall, so leiden sie in Jahren schlechter Ernte oft bittere Not. Dann ist das Elend bei ihnen großer als bei dem Jnstmann, der das Glück hat, bei einem anständigen Besitzer in Arbeit zu stehen. Der Fuselgenuß mit [einen verblodenden Wirkungen ist gerade unter dieser Kategorie bes Landvolkes erschreckend stark verbreitet, hat auch, was bei ben Lanbarbeitern weniger ober fast gar nicht der Fall ist, die H-rauen erfaßt.... Man zweifelt daran, diese Menschen aus dem Sumpf heraus auf eine höhere Kulturstufe heben, sie für das politische Leben interessieren, für höhere, die ganze Mensch- lvit bewegende Aufgaben begeistern zu können. Und doch ist das Ulcht unmöglich, man muß es nur richtig anfassen!"
Wie nun die Kleinbauern für die sozialdem. Partei gewonnen werden sollen, sagt Braun in folgenden Darlegungen:
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General-Anzeiger **
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Der eigentliche Parteitag wird am Sonntag abend eröffnet. Von Montag früh au wird dann die ganze kommende Woche hindurch das reichhaltige Arbeitsprogramm des Parteitages erledigt werden unter Einhaltung des achtstündigen Arbeitstages.
Der wichtigste Verhandlungsgegenstand des diesjährigen Parteitages ist unstreitig „der politische Massenstreik". Nachdem die Gewerkschaften gegen den Plan, B e b e i als alleinigen Referenten hierzu sprechen zu lassen, in schärfster Weise opponiert haben, ist inzwischen der Gewerkschaftsführer L e g i c n zum Korreferenten bestellt worden. Daneben stehen F-ragen wie die Maifeier, „Sozialdemokratie und .Volkserziehung", Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug, der internationale Kongreß 1907 und die Berichte der Parteileitung, der Koutrolllommission und der Parlamentssrattion auf der Tagesordnung, ganz abgesehen von der Fälle der Anträge, die zu den verschiedenen Punkten der Tagesordnung eingelaufen sind und deren Zahl schon heute über 100 beträgt.
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vezugSpret-r monatlich 75Ps^ viert «l- jährlich Dik. 2.20; durch fJlblioIc- u. Zweigstellen inonaklicb 65 Pf.; durch diePost TiL 2.—viertel- jährl. ansschl. Bestellg. Annahme von Anzeige» für die Tagesnummei bis vormitlagZ 10 Uhr, Zeilenpreis: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pig.
Verantwortlich tüt den poliL und nllgem. Teil: P. Wi 111o; für „Stabt und 2anbJ und „Gerichtssaal*: Ernst Heß; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Sozialdemokratischer Parteitag.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
S.u.H. Mannheim, 20.Sept.
und Jndustrieempore rüstet sich, den diesjährigen wztaUiemokratischen Parteitag in ihren Mauern empfangen. Nicht untfon)t hat Mannheim seinem gewaltigen Arbeiterheer einen sozialdemolcatischen Reichs- ttig'^übgeordneten zu verdanken, der, lote der „Genosse" ^reesbach cs verstanden hat, sich im ganzen badischen Lande einen ziemlich bedeutenden Einfluß zu verschaffen, swdaß er auch im Mannheimer Stadtparlament zunächst tv:e Hergäbe der neuerbauten städtischen Fefthalle, des „.Itoiengarten , für die Zwecke des Parteitages durchzusetzcn v erstanden hatte, bis die Jubiläumsfeierlichkeiten für den peifen Großherzo^ dazwischen kamen und damit die be- Mnnte ^>aalverweigerung. Nur am Begrüßungsabend ontrsen deshalb die „Genossen^ in den schönen Räumen des
Professor Schmitz in Charlottenburg geschaffenen MiMonenbaues verweilen, die übrigen Tage müssen sie 171 dem „Apollo-Theater" zubringen, in dem abends nach >am Gruft der politischen Rede und Gegenrede leichtge- Hürzte Brettldamen dem garstigen, dem politischen Lied, jüe neuesten Gassenhauer folgen lassen und der Artist im .C^identrikot auf dem scraffgespannten Drahtseil tanzt, wo
eben noch Radikale und Revisionisten sich bemühten, das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
Die Verhandlungen des Parteitages werden durch die sozialistische Frauentonferenz eingeleitet, die am Samstag ihren Anfang nimmt und in der ffich die Koryphäen der soziattstischen Frauenbewegung unter dem Vorsitz der Frau Klara Zetkin aus Stuttgart ein Stelldichein geben werden. Jir der Frauenkonserenz ist eine der eisiigen Rednerinnen, Frau Lilly Braun-Gizycky, die Tochter des Generals v. Kretschman, und Gattin des Herausgebers der revisionistischen Svenen Gesellschaft, in der „Genosse" Bernhard kürzlich für Dernburg eintrat.
Das Hauptthema der Frauenkonferenz wird die sozialistische Jugenderziehung bilden. Frau 5llara Zetkin fordert freie Kindergärten. Die sozialdem. Kinderhorte erscheinen ihr als der geeignetste Weg zur Gewinnung der Jugend. Ferner verlangt sie eine entsprechende geschlechtliche Belehrung der Heranwachsenden Jugend und im Verein mit Lilly Braun eine Mutter- schaftsversicherung.
Ferner steht auf der Tagesordnung der Bericht der „Zentralvertrauenspersou", als welche Frl. Ottilie Baader-Berlin, von den „Genossen" spöttisch „Das Zentralweib" genannt, fungiert. Sie wird sich insbesondere über die Agitation unter den Arbeiterfrauen und über die Presse verbreiten. Weiterhin steht noch zur Erörterung: das Frauenstimmrecht, die Agitation unter den L a n d a r b e i t er in n e n, die D ie n ftö 0 te n b e we g- u n q und die Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen.
Wie ber Parteitag mit Fragen der Jugenderziehung eingeleitet wird, so wird er mit einer Konferenz der sozialistischen Jugend geschlossen. Diese Konferenz ist von dem Verbände der sozial. Jugend in Berlin einberufen worden. Sie tagt in diesem Jahre zum ersten Male und hat sich neben dem Streben der Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen auch die vom Reichstagsabg. Rechtsanwalt Dr. Liebtnecht-Verlin auf dem Bremer Parteitage gegen den Widersprach Bebels warm empfohlene sozialistische Belehrung der Rekruten zur Aufgabe gestellt.


