Ausgabe 
20.9.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. SL1

Zweites Blatt

156. Jahrgang

Donnerstag 20. September 1906

Giehener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'sche» UniDerfltfit5brudereL R. Lange, Ltetz«.

Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.L, Tel. Nr. 6L Tetegr^Adr.: Anzeiger Gletze«.

Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGiehener ZamilienblStter- werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der E^rffilche Landwirt" erscheint monatlich einmal.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen

das

der Stoppeläcker bis 1. Oktober l. Js. zu erstrecken.

Bei fruchtlosem Abläufe dieser Frist erfolgt alsdann Umpflügen der Stoppeläcker auf Kosten der Säumigen.

Friedberg, den 18. September 1906.

Der Großherzogl. Feldbereinigungskommissär: Spanier, Krcisamtmann.

politische Sagesscharr.

Freizügigkeit von HandlunMehulfen.

R. Berlin, 19. Sept.

In einer öffentlichen Versaminlung von Handlungs- gehülfen wurde dieser Tage entschiedene Mißbilligung aus- gesprochen über ein von vier Berliner Großbanken ge­schloffenes Abkommen, demzufolge jeder Stellungswechsel innerhalb dieser Banken von der Genehmigung der Direktionen abhängig gemacht wird. Die Versamm­lung erblickte in dieser Vereinigung den Versuch der Banken, die Angestellten an der wirtschaftlichen Verwertung ihrer Fähigkeiten zu hindern. Man kann nicht klar ersehen, um ivaS es sich handelt. Jede Bankdirektion hat selbstverständlich das Recht, bei Einstellung neuer Beamten das entscheidende Wort zu sprechen. Wenn aber die Tendenz deS Abkommens ist, daß jedem Beamten, der aus einer der Großbanken scheidet, die drei anderen Bankinstitute verschlossen bleiben sollen, wenn also mit anderen Worten den Angestellten die Möglichkeit genommen wäre, bei einem Konkurrenzinstitut sich mit Erfolg um eine besser dotierte Stellung zu bewerben, (wodurch z. B. Exzellenz Dcrnburg verhindert worden wäre, von der Deutschen Bank, der er außerordentlich große Dienste geleistet hatte und die ihn trotzdem nicht zum Direktor machte, zur Darmstädter Bank überzugehen. D. Red.) so wäre das allerdings eine Unterbindung der Freizügigkeit des Personals und ein Mangel an sozialem Empfinden. Die Angelegenheit !oll übrigens im Reichstag zur Sprache gebracht werden.

Gießen, den 14. September 1906.

. Betreffend: Die Zahltage der Gemeinde-Einnehmer.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unsere Verfügung vom 17. August Kreisblatt Nr. 108 noch nicht erledigt haben, werden hieran erinnert.

Dr. Merck.

Bekanntmachung.

Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Bellersheim.

Es wird hiermit zur Kenntnis der Beteiligten gebracht, daß die Vollzugskommission mit Rücksicht auf die seitherige trockene Witterung beschlossen hat, die Frist zum Uinpflügen

Ausland.

London, 19. Sept. Aus Viktoria in Britisch-Kolumbien wird gemeldet, daß ein russisches Kriegsschiff japanische Fischer bei unerlaubter Fischerei an der Küste der Kamschatka-Halbinsel überraschte. Die Japaner waren an Land gegangen und wurden hier von einer Abteilung gelandeter Russen angegriffen. Es entstand ein heftiger Kampf, wobei ein russischer Offizier und sechs russische Matrosen erschossen wurden. Die Japaner flüchteten dann an Bord ihrer Schiffe, welche nun von dem russischen Kriegsschiff verfolgt wurden. Der Kampf wurde auf hoher See fortgesetzt. 19 Russen und 12 Japaner wurden im Verlauf des Kampfes getö-tet. Die übrigen Japaner entkamen auf ihren Booten.

Nom, 19. Sept. Hiesigen Blättern zufolge wurde in Masserato festgestellt, daß ein Franziskanerpater einer anarchistischen Gruppe angehört.

Eine Generalversammlung von italienischen Soziali st innen soll im Anschluß an den nationalen Sozialistenkongreß am 6. Oktober in Rom stattsinden. Der Avanti erläßt hierzu folgenden Aufruf: »Wir möchten wünschen, daß die mit der Sozialdemokratie sympathi­sierende und auch die ihr noch rebellisch (!) gegenüber- stehende. Frau, gleich wie die vom guten Willen beseelte, aber noch inaktive, im innersten Herzen sich zum Sozialismus bekännte. Möchte doch aus ihrer Seele jede Spur von philanthropischer Gefühlsduselei und altbackener Weiblichkeit verschwinden, damit sie endlich die ihr von der Geschichte an­gewiesene Stellung einnehme: an der Seite des Mannes in wirtschaftlicher und politischer Organisation.^

Bern, 19. Sept. Die heutige Sitzung dec inter­nationalen Arbeiterschutzkonferenz war der Beratung über das Verbot der gewerblichen Nachtarbeit der Frauen gewidniet, speziell über die Anwendbarkeit der

artiges erwartet. Aus dem letzten Rechenschaftsbericht der 1 Staatsbank ist ersichtlich- daß Me russischen Kreditbillets ' durch entsprechende Golddeckung Rubel für Rubel ge- ' sichert sind.

, Unheimlich ist ein besonders starker Zudrang zu 1 den militärischen Schulen jeder Art. Die Regier­ung wittert, daß sich dieser Zudrang lediglich durch das Bestreben erklärt, in der Armee revolutionäre Propaganda zu treiben, und sie läßt Nachforschungen an st eklen.

Am 19. September entgleiste 23 Kilometer von Petersburg auf der Wologda-Bahn ein überfüllter Per­sonenzug, gegen den ein verbrecherischer An-, schla g verübt war. Offenbar. war die Beraubung des Post­wagens beabsichtigt. Auf über 100 Meter waren die Schienen losgeschraubt worden. Nur infolge der langsamen Fahrt des Zuges wurde größeres Unglück verhütet. Etwa fünf­zehn Personen wurden verwundet.

In Libau wurden zwei jüdische Kaufleute in ihrem Kontor von Räubern erschossen, ein Dritter verwundet. Eine Beraubung Hut nicht stattgefunden. Ueber die Motive der Tat ist nichts bekannt. Tie Mörder entkamen.

In Warschau wurde der Oberst Nikolajeff, Kommandeur der 7. Artilleviebatterie durch, Revolverschüsse getötet. Die Attentäter sind entkommen. Dieser Mord soll geschehen sein, weil Mkolajeff kürzlich mehrere Ar^ tikleriften wegen Meuterei dem Kriegsgericht übergab. Der Kommandeur der Petersburger Garde-Manen, Or­low, erhielt von der revolutionären Kampfesorganisation die Mitteilung, daß ihn das Revolutionsgericht zum Tode verurteilt habe. Das Todesurteil werde noch vor .Ende September vollstteckt werden.

Nach einer Meldung auS Sewastopol Herrschtunterden Truppen der dortigen Garnison die größte Unzufriedenheit. Die Revolutionäre verfügen über reiche Geldmittel, die sie ver­wenden, um die Soldaten zu Meutereien zu bewegen. Es ver­geht keine Nacht, in der nicht Mordtaten in den Straßen der Stadt verübt werden. Die Offiziere stehen der Aufgabe, die meuterische Bewegung unter der Mannschaft einzudämmcn, ratlos gegenüber. Man nimmt mit großer Bestimmcheit an, daß ein neuer Aufstand mit blutigem Verlauf erfolgen werde. Die Revo­lutionäre haben eine Proklamation veröffentlicht, welche besagt, daß für jeden von den Kriegsgerichten zum Tode verutteilten Patrioten drei Beamte erschossen werden sollen, und daß zuerst der Generalgouverneur, der Ooerftkomma.ndieren.de und die Richter an die Reihe kommen sollen.

Ein in Galatz aufgegriffener desertterter Unteroffizier der russischen Kriegsmarine erklärte, die Matrosen der Schwarzen Meer-Flotte desertierten tätlich gruppenweise von den Kriegsschiffen. In Sewastopol seien vor einigen Wochen drei Kriegsschiffe ohne Mattosen gewesen, und nur gegen hohe Bezahlung habe man Leute vom Lande auftreiben können, die den notwendigen Dienst versahen. Admiral Skrydlow gelte als Gefan-, g en er der Matrosen, die ihn, als er nach Petersburg wollte, gewaltsam zurückhielten.

DerStandard" meldet aus Petersburg, daß hefttge Kämpfe zwischen Truppen und Revolutionären in Taganrog stattgefunden haben. Auf beiden .Seiten gab es viele Tote und Verwundete.

In dem Gebiet von Jelissawetgrad sind Bauern-, unruhen ausgebrochen. Tie Bauern verbrannten ein Gut und vertrieben die Ortsbehörden. Kosaken, die dorthin entsandt wurden, nahmen zahlreiche Verhaftungen; vor. Der Generalgouverneur ist nach dem Gebiet abgereift.

Aus Eriwan meldet der Generalgouverneur, daß int Kreise Sangesur vier tatarische Ortschaften ein­geäschert worden sind. Die Bewohner sind gefluchtes Die Leichen liegen unbeerdigt, das Vieh ist weggettieben, die Saaten sind verbrannt. An den Verwüstungen beteilig-, ten sich sieben armenische Ortschaften. Als Militär am rückte, hatten die Armenier die Gegend schon verlassen.

In Taschkent ist der Staatsanwalt Scha-, rtgin durch einen soeven aus dem Gefängnis entlassenen Studenten Namens Bodritzky erschossen worden. Der Mörder wnrde festgenommen.

Ein Kolonialfest

wird z. Z. in Elberfeld geplant. Am 18. d. M. hielt dort Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg eine Rede Darin betonte er nach derKöln. Ztg.", daß der glänzende Erfolg der Elberfelder Veranstaltung den Gegnern der Kolonial­bewegung deutlich zeige, daß der denkende Teil des deutschen Volkes fidj die Freude an den Kolonien nicht vergällen lasse, da8 er sich nicht durch eine Kritik stören lasse, die meist aus Klatsch und Aeußerungen der M i ß g u n st bestehe, wenn auch einige Punkte zu Ausstellungen Anlaß gäben. In der Jndustriegegend verstehe man recht wohl, was ein eigenes Produktionsland und ein eigenes Absatzgebiet bedeute, und daß nach einem Menschenalter die Kolonien nicht mehr und nicht weniger bedeuten würden, alssicheresBrodfürTau- ende von Arbeitern. Vor einigen Tagen habe der Kai­er vorSchwarzseherei" gewarnt. In den Kreisen »er deutschen Ko lo n i a l g e s ellsch a f t, da wo man die chon erzielten Erfolge der kolonialen Entwicklung abwäge, da werde wohl kaum e i n e r s ch w a r z se h e n. Wohin man blicke, sehe man eine hoffnungsvolle Entwickelung unserer Kolonien, obwohl sie gehemmt worden sei durch die Art der Leitung der Kolonial Politik, durch die Politik des Parlaments, zum Teil auch durch Fehler der Privat­gesellschaften. Es sind Fehler begangen worden, aber ü b e r- a l l, wo man mit unbefangenen Augen sehen wlll, erkennt man eme schöne Blüte der Entwicklung in unseren Kolo- men. A uch wir blicken mit Vertrauen, wenn auch ohne falschen Optimismus in die Zukunst und wir tun es mit offenem Auge, mit dem Bewußtsein: Viel Feind, viel Ehre' In diesem Geiste gehen wir geradeaus unseren Weg ohne die Schwarzseherei, von der der Kaiser sprach. Mit einem Hoch auf den Kaper ichloß die Rede des Herzogs.

Deutsches Reich.

Berlin 19. Sept. Ueber die Hilfe der Jesuiten ,u alldeutschen Zielen Kaiser Wilhelms hatten die Times von ihrem Pariser Berichterstatter, Lavino, sich einen unheimlichen Bären aufbinden lassen. Der Kaiser, so hreß es, brauche die Jesuiten, um Holland und Belgien, sowie Landsreien in Kleinasien, den Vereinigt en Staa­ten und m Südamerika zu verschlucken. Der Kaiser wolle viel mehr als den Ruin Frankreichs; nach dem all- veutschen. Programm seien Millionen von Katholiken dazu bestimmt, unter das Szepter der Hohenzollern zu tteten, und dazu brauche man die Hilfe der Jesuiten. Ueber l-ic,en ^sträubenden Unsinn spottet dieDeutsche Ztg.":

», Entdeckung der Verschwörung Kaiser Wilhelms mit General Wernz und den Alldeutschen macht dem Spürsinn Lavinos alle Ehre. In der Tat sollen auch schon Verhand- tungen über den korporativen Einttitt des Jesuitenordens in 2?^band schweben. Nur über die Bedingungen herrscht noch Attest. Und das scheint damit zusammenzuhängen, oaß noch eine andere religiiffe Macht sich mit der gleichen Ab- ttcist tragt. Bekanntlich hat Kaiser Wilhelm es auch verstanden, den Islam für den Pangermanismus zu erwär­men; und so handelt es sich jetzt nur noch darum, ob der derzeitige Scheich-ul-Jslam oder PaterWernzerfter bezw. zweiter Vizepräsident des Alldeutschen Verbandes werden soll. Ist diese Frage entschieden, dann wird der Verband Die unlängst insgeheim erfolgte Annahme der Ehrenmitgliedschast seitens Kaiser Wilhelms ösfentlich be­kannt geben und dann kann der vangermanische Woberungs- feldzuq .beginnen," ; *

DiePirsch Wjed." veröffentlicht ein vertrauliches Schreiben des Reichstönttollcurs Schwanebach an den Wegebauminister General Schaufuß, worin Schwunebach mitteilt, daß in den Abrechnungen der Verwaltung der Ekaterinenski-Eisenbahn unter dem früheren Reichskon­trolleur Stallmeister des allerhöchsten Hofes Un- terfchlagungen vorgekommen feien. Es wird klargelegt, daß der Chef dieser Verwaltung, Ingenieur Arzimowitsch, 300 fiktive Abrechnungen in Höhe von 310 000 Rubel vor­gelegt hat. Eine Untersuchung ist eingeleitet.

Die Petersb. Tel.-Ag. verösfenttichl eine längere Mit­teilung, in der es u. a. heißt:Die Presse der Opposition ährt fort, das von der Regierung erlassene Verbot des von der Partei der Volksfreiheit geplanten Kon­gresses als eine Maßnahme darzustellen, die mit der Er­klärung der Regierung, daß sie mit denc freien Aus­druck der öffentlichen Meinung rechnen wolle, im Widerspruch stehe. Die Regierung, welche fest ent* schlossen ist, mit dem freien Ausdruck der öffentlichen Mein­ung zu rechnen, konnte ihre Zustimmung zu einer, im Sinne des WiLorger Aufrufs beavsichttgten revolutio­nären .Agitation nicht geben . . ."

Die Petersb. Tel.-^Ag. meldet ferner: Londoner Blätter haben erklärt, sie hätten ernste Gründe, zu vermuten, daß die Gerüchte, die russische Staatsrentei befinde sich in arger Verlegenheit, nicht unbegründet seien, uno daß dem Finanznttnister infolgedessen kein anderer Aus­weg bleibe, als eine mehr oder weniger umfangreiche Einstellung der Zahlungen in klingender Münze. Wir sind ermächtigt, Mtzzyteilesl, daß d^ FipanzniMter nichts der­

Am 22. und 23. Sept, findet in O b erstei n a. d. Nahe der Parteitag des Südwe st deutschen Verbandes der Fr eisinnig en (zu dem auch Hessen gehört) statt. Ver­schiedene Abgeordnete, u. a. Reichs- und Landtagsabg. Dr. Mül­ler-Meiningen, haben ihr Erscheinen zugesagt.

Der nationale Arbeiter-Wahlausschuß eri hielt, wie dieT. R." hört, vom früheren Gießener Theologie- Professor, jetzigen Generaldirektor der Kgl. Bibliothek zu Berlin Dr. Harnack auf eine Anfrage folgende Antwott:

Bezugnehmend auf Ihr Schreiben beehre ich mich, Ihnen Mitzuteilen, daß ich die Wahl von christlich und national gesinnten Arbeitern in den zukünftigen Reichs tag (1908) für sehr wünschenswert halte. Auch das scheint mir richtig, daß keine neue Parteigruppicrung ins Auge gefaßt wird, sondern daß die Sh-beiter sich, um ihren Zweck zu erreichen, in den nationalen politischen Parteien betätigen, und umgekehrt diese Parteien selbst Sorge tragen, daß auch Ar­beiter Mandate erhallen."

Coburg, 19. Sept. Heute vormittag fand in der Hof­kirche die Taufe des Erbprinzen vo^ Sachsen-Co­burg und Gotha statt. Als Taufpaten versammelten sich in dem Familiensaale der Kaiser, die Kaiserin, die Her­zogin von Albany und die. Übrigen Fürstticht'eiten, ferner als Ver­treter des Königs von England der englische Botschafter Sir Frank Lascelles. Der Erbprinz erhielt die Namen Johann Leo­pold Wilhelm Wbert Ferdinand Victor. An den Taufakt schloß sich im großen Saale eine Familientafel an, im Thronsaale eine Tafel für die geladenen Gäste. Bei der Familientafel erhob sich der Kaiser und sagte:Ich ttinke auf das Wohl des Prinzen Johann Leopold des Erbprinzen von Sachsen-Coburg und Gotha." Der Kaiser hat eine Reihe von Auszeichnungen verliehen: Der Herzogin Viktoria-Adelheid den Luisenorden, dem Staats- minifter Richter den 8ioten Adlerorden 2. Kl. mit Stern usw.

Der Kaiser unternahm heute nachmittag mit dem Her- 3 0 g und dem Fürsten von Bulgarien eine Spazier­fahrt auf die Veste Coburg, wo die Sammlungen besichtigt wurden. Heute abend nm 7 Uhr fand Tafel statt, an der sämt­liche Fürstlichkeiten mit Umgebungen teilnahmen.

Altenburg, 19. Sept. Ter Herzog hat aus Anlaß seines 80. Geburtstages einer größeren Anzahl von gerichtlich oder polizeilich bestraften Personen Gnaden­beweise dadurch zuteil werden lassen, daß vollständiger oder teilweiser Straferlaß oder Umwandlung in eine mildere; Strafe oder vorzeitige vorläufige Entlassung, oder Strafaufschub mit Aussicht auf Begnadigung bei Wohlverhalten gewährt worden i)t. Ferner hat der Herzog aus demselben Anlaß unter dem NamenHerzog Ernst-Medaille" eine Auszeichnung geschaffen, die bestimmt ist zur Anerkennung von Verdiensten jeder Art, ins­besondere um das Herzogliche Haus und um das öffentliche Leben.

5>ie «Lage in Rußland.

Der Zar hat feine Jacht-Kreuzfahrt ver­längert und wohnte nicht der Beerdigung Tre- pows bei. Das Mitglied des Verbandes russischer Männer, Bulazel, behauptet übrigens in derRußkoje Snamja", daß Trepow eines unnatürlichen Todes ge­storben sei. Dagegen bringt die ZeitungNarosch" die unsinnige Mitteilung, wonach Trepow gar nicht ge­storben fei, sondern, um den Nachstellungen der Revo­lutionäre zu entkommen, mit feiner Familie ins, Ausland flüchtete.

Bei dem offiziellen Schluß des außerordentlichen finnischen Landtages verlas der Generalgouverneur eine Thronrede des Zaren folgenden Inhalts:

Vertreter des finnländischen Volkes! Ihr wurdet berufen zu der Beratung der Entwürfe zur Reorganisation der Grund­gesetze, desgleichen einiger Gesetze, denen die Bedeutung von Grundgesetzen fehlt, die jedoch die wichtigste Seite des Staatslebens berühren, beispielsweise die Landtagswahlordnung. Nach neun Monaten Arbeit habt Ihr die gestellte Arbeit beendet. Ich habe mich überzeugt, daß Ihr die Arbeit gewissenhaft, ruhig und unparteiisch ausgeführt habt. Einige Gesetzentwürfe habe ich bereits bestätigt, betreffs anderer Euere ausgesprochene Mein­ung in Erwäaung gezogen. Während des jetzigen Landtages war zum letzten Male die Ständevertretung versammelt; dieselbe schließt jetzt ihre Tätigkeit ab durch die Ausarbeitung des Landtags­statutes und des Wahlgesetzes, welches das politische Wahl­recht auf alle Bürger ohne Unterschied ausdehnt. Die Regierung wird ihrerseits gesetzgeberische Maßnahmen finden, nm den Wo hlstand der arbeitenden odernotleidenden Mitglieder der Gesellschaft zu bessern. Ich erwarte, daß es bald möglich sein wird, für den Landtag Reformprojekte auszuarbeiten hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage der Land- undJndu- striearbeiter. In einer Zeit wie der gegenwärtigen, wo die gesellschaftliche und staatliche Organisation die wichtigsten Seiten des Volkslebens berührst, ist es notwendig, daß alle Wohlgesinnten nach besten Kräften an der Lösung der bevorstehenden Aufgabe sich beteiligen. Ich wünsche von Herzen, daß zwischen den Regierungs­behörden und den Bürgern ein fruchtbare» Zusammenwirken zustande komme. Gemeinsam mit Euch zum Werhöchsten Ge­bete sendend für das Wohl Finnlands, erkMe ich den Landtag ür geschlossen. Nikolaus.