Ausgabe 
19.10.1906 Erstes Blatt
 
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informieren, beabstzhtigj btt Kommission am Schluffe dc§ Wintersemesters diese Schiilen zu besuchen, um neue Ein­sichten zu gewinnen, was weiter in dieser bochwichtigen Sache zu tun sei. Die Anregung zu dieser Art landwirtschaftl. Unterrichts in den ländlichen Fortbildungsschulen ging von dem Abg. Köhler-Langsdorf aus, der in jahrelanger Ver­bindung mit Lehrer Leidig-Langsdorf auf Grund gefundener Wege diesen ersten, regierungsseitig genehmigten und glanz­voll verlaufenen Versuchen in der Schule zu Langsdorf ver­anlaßt hat.

** Parlamentarisches aus Hessen. In den Mitt­woch und Donnerstag abgehaltenen Sitzungen des Petitions­ausschusses der 2. Kammer wurde bezüglich des Antrages Ulrich, betr. die Uebernahme der V o l k s s ch u l l a st e n auf den Staat beschlossen, die Regierung zu Ersuchen, zunächst darüber Erhebungen anzustellen, in welchem Umfange bisher die Ge- mci'cden mit Kosten hierfür belastet sind. Zu den Anträgen Ul- rjch betr. die Reform desSchulwesens und die Einheits­schule kam der dringende Wunsch zum Ausdruck, daß die R e i ch s- schulkommission zwecks Erzielung einheitlicher Resultate mit größeren Kompetenzen ausgestattet würde. Zu dem weiteren Anttage Ulrich betr. die Errichtung einer Strafkam­mer in Offenbach verhall sich die Regierung noch immer ab­lehnend, da durch Gesetz von 1888 die Kompetenz des Schöffen­gerichts daselbst erweitert wurde. Die Regierung wird nun er­sucht, Erhebungen darüber anzustellen, wie weit durch diese Maß­regel die Arbeit des Offenbacher Schöffengerichts vermehrt wor­den ist. Die Vorstellung der Mühlcnbesiher an der oberen Wetter bett. Benachteiligung durch Wasserentziehung bei dem Qucllenankauf bei Lauter durch die Großh. Regierung wird für erledigt erklärt, da die Regierung bereit ist, geeignete Schritte zu tun, um die Müller zu befriedigen. Der Ausschuß für die Beratung der Verwaltungsgesetzgebung tagte am Donnerstag wieder unter dem Vorsitz des Präsidenten Haas und beendete die Lesung der Landgemeindeordnung, es wurden hierzu eine Reihe weiterer Vorschläge gemacht. Dann wurde in die Beratung der Städteordnung eingetreten und ca. 15 Paragraphen besprochen. Eine lebhaftere Debatte entspann sich bei der Magistratsfrage. Die Regierung gab die Erklär- nng ab, daß eine Gesetzesvorlage in Aussicht sei, welche die fakultative Einführung des Magistrats vorsieht.

**DaS Ehrenzeichen für Mitglieder sreiw. Feuerwehren wurde verliehen durch Entschließung S. K. H. deS Großherzogs den Mitgliedern der freiro. Feuerwehr zu Alsfeld Ludw. Kemmer und Gg. Eberh. Scheer, sowie den Mitgliedern der freiro. Feuerwehr zu Langen Franz Dieter, Wilh. Heck und Hch. Werner.

** Der evang. Arbeiterverein feiert laut Jnsera nächsten Sonntag sein Stiftungsfest in Steins Garten. Um 5 Uhr ist Gottesdienst in der JohanneSkirche. Die Fest- predigt hält Oberpfarrer Muller aus Lauterbach, einer der beliebtesten Kanzelredner unseres Landes.

** In unserem Stadttheater hatte gestern die Sängerin und VortragSkänstlerin Charlotte Wiehe zu einem einmaligen Gast-Auftreten Einkehr gehalten. Der Theatersaal wieS große Lucken in den Zuschauerreihen auf, was wohl darin seine Ursache haben durfte, daß der Mehr­zahl unserer ständigen Theaterbesucher der Donnerstag als Theaterabend ungewohnt ist. Die Erschienenen aber kamen auf ihre Kosten. Die Künstlerin, die ja dem Gießener Pubil- kum nicht fremd ist, bot in ihrem zweimaligen Austreten eine bunte Reihe allerliebster Lieder, die bei ihrer schönen ausgiebigen Stimme und ihrer charakteristischen Vortragsart hervorragend wirkten. Den fremdsprachigen Liedern Frau Wiehe sang französisch, englisch, schwedisch, deutsch und sogar kölnisch-platt schickte die Künstlerin Erläuterungen voraus, in denen sie sich auch als geschickte Diseuse erwies. Jedoch hätte eS dieser Erläuterungen kaum bedurft, denn die Sängerin sang ihre Lieder mit solcher Charakteristik im Ton und Mimik, daß der Inhalt auch den Sprachurkundigen ver­ständlich werden konnte. Am besten gesiel wohl das reizende LiedchenMirjams Abendgebet", eine Komposition ihres Gatten Henri Bereny, der die Klavierbegleitung auZführte. Die Künstlerin wurde nach jedem Lied mit Beifall bedacht und verstand sich zu zwei Zugaben. Sonst bot der Abend noch einen Schwank,Der sechste Sinn", von Gustav von Moser und Robert Misch, sowie die KomödieDie Empfehlung" von Maurey. Beide wurden recht flott ge­spielt und versetzten die Zuschauer in die heiterste Stimmung. Sie passen aber bester für Vereinsaufführungen.

** In der Lesehalle wurden von der Bilder­sammlung soeben 47 Nummern neu ausgestellt. Hier­von seien genannt: 4 Dürer,Der heil. Hyronimus im Ge- häus",Die Geburt Christi",Anbetung der Könige", ferner: TizianDer Zinsgroschen", RaffaelMadame del Gran- duca", VelasquezDie Uebergabe von Breda", Schwind Morgenstunde", SterlHessische Bauernstube", Madersohn Spätsommer im Moor", ferner von den Steinzeichnungen: VolckmannHerbst in der Eifel", Stride-ChapellLieb Heimatland ade", LeiberSonntagsstille", BautzerFeier­abend", KampmannMondaufgang". Der Stereoskop- Apparat bringt diesmal eine Skulpturen-Galerie. Er zeigt 50 plastische und architektonische Kunstwerke aus Paris, Rom, Florenz usw. Im Lesesaal liegen sodann ca. 150 Zeitungen und Zeitschriften, ca. 1000 Nachschlagewerke und Bücher aller Art; auch ist Schreibgelegenheit vorhanden. Der Saal ist täglich von 10 Uhr norm, bis 10 Uhr abends für Jeder- mann unentgeltlich offen. Die Bücher des Lesesaals können nur an Ort und Stelle gelesen werden, die Bibliothek mit Bücherausleihe befindet sich im gleichen Gebäude. Die Ausleihestunden sind durch Anschlag bekannt gegeben.

** Kunstakademie in Darmstadt? Ein Mainzer Blatt berichtet, die letzte Anwesenheit S. K. H. des Groß­herzogs in München hänge mit der Gründung einer Kunst­akademie in Darmstadt zusammen, man wolle alsbald vom Landtage staatliche Mitte! fordern; für die Bewilligung er­hoffe man die Zustimmung der Mehrheit der Volksvertretung einschließlich der Sozialdemokraten. Tatsächlich ist, so schreibt auch der Darmstädter Korrespondent derKöln. Volksztg.", ein Lieblingswunsch des Großherzogs seit geraumer Zeit auf die Errichtung einer Kunstakademie anstelle der Künstler- kolonie gerichtet; natürlich soll dem neuzugründenden In­stitut eine umfassendere Aufgabe gestellt werden. In der Zweiten Kammer sind m den letzten Jahren größere Forderungen für speziell Darmstädter Zwecke meist auf Wider­stand gestoßen, wenngleich zuletzt auf dem Wege der Kom­promisse schließlich eine Mehrheit gewonnen wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die sozialdemokratische Fraktion den Ausschlag gibt.

** 2B Q r n it n g. DieNordd. Allg. Zig." teilt mit: Mehrere Zeitungen veröffentlichen die Aussagen eines angeblichen Professors G. K e i t h - H a w e y, 117 Holborn R. 134, London E. C., welche

Schwerhörigen, Tauben und an Ofircnfnufcn Leidenden die kostenlose Zusendung eines Buches versprechen, welches lebrt, wie sie sich in wenigen Wochen zu Hause kurieren können. Die Heilungsuchenden erhalten zur Antwort, daß der zur Heilung erforderliche Apparat gegen Einsendung von 30 Mark ihnen zuginge. Der Apparat ist ein B l e ch a p p a r a t, der Heilung nicht zu bewirken pflegt. Es dürfte somit nicht geboten sein, diesemProfessor" irgendwie Vertrauen zu schenken.

W. Bad-Nauheim, 17. DFL Bei der VermählnngS- feier des Prinzen Albert zu Schleswig-Holstein mit der Gräfin Ortrud zu Isenburg und Schloß Meerholz, zu der mit S. M. dem Kaiser 130 fürstliche und königliche Herrschaften erschienen waren, hatte die Nauheimer StaatSquellen- Versendung das Mineralwaffer an die Schloßverwaltung geliefert. Bei der Hochzeit wurden 43 Flaschen Löwenquelle getrunken.

Q Friedberg, 18. Okt. Bekanntlich wurden Fried­berg und Bad-Nauheim verurteilt, an den Müller P. Dietz eine Entschädigung wegen Verunreinigung der Ufa zu zahlen und die Mißstände baldigst zu beseitigen. Friedberg, das ein Fünftel der Kosten tragen soll, beabsichtigt die Ergreifung deS Rekurses und hat eine Kommission mit der Ange­legenheit betraut.

1. Geiß-Nidda, 18. Okt. Die Sektion der im Hofe der I. K. Schellmann Ww. aufgefunbenen Kindesleiche ergab, daß das Kind bei feiner Geburt gelebt hat. In welcher Weise eS um sein Leben gekommen ist, wird hoffent­lich die gerichtliche Untersuchtlng klarstellen. Es wird an­genommen, daß das Kind nicht von seiner Mutter, sondern von einer dritten Person in den Brunnen geworfen wurde. Umfangreiche Vernehmungen sind in SiM und ver­schiedene Bettstücke wurden als Beweismaterial konfisziert. Man hat noch nicht mit Bestimmtheit erfahren, ob die flüchtige Ottilie Schellmann verhaftet sei. Die ganze Ge­meinde ist in Aufregung.

+ Alsfeld, 18. Okt. Zwei schwere Unglücks­fälle trugen sich hier zu. DaS Söhnchen eines Arbeiters geriet unter ein schwerbeladenes Fuhrwerk, wurde überfahren und schwer verletzt. Auf dem Holzlager einer hiesigen Firma wurde der Arbeiter S chleining von einem schweren Baum­stamm getroffen, mit zerschmettertem Bein wurde er nach Hause gebracht.

() Dillenburg, 18. Okt. Am kommenden Sonntag finden in unserem Bergrevier ca. 20 Bergarbeiterver­sammlungen statt. Einberufen sind sie vomGeroerk- oerein christlicher Bergarbeiter". Zur Besprechung gelangt in allen Versammlungen die seinerzeit vom hiesigen Sekretariat des christlichen GewerkvereinS im Namen und Auftrage seiner Mitglieder an das Oberbergamt in Bonn gerichtete Ein­gabe auf:

1. Erhöhung der Normalschichtlöhne auf 3,20 Mk.

2. Festsetzung der Gedinge entsprechend der Arbeitsordnung im Einvernehmen mit den Bergleuten, damit verbunden tunlichste Beseitigung des sog. Beilegesystems.

3. Mehr Gleichmäßigkeit in den Löhnen.

4. Wo Arbeiter im festen Gedingelohn arbeiten, wird eine 1 5 prozentige Lohnerhöhung beantragt

5. Soweit es nötig, alle vier Wochen regelmäßige Arbeiter- A n s s ch u ß s i tz n n g e n.

6. Ständige Seilfahrt bei an- und abiahrender Schicht, sowie auch bei Nebenschichten, wie solches teilweise schon zngestanden, dann aber ohne Angabe von Gründen wieder rückgängig gemacht wurde.

7. Verkürzung der jetzt noch fünf Jahre betragenden Zeit, in welcher die als jugendliche Arbeiter eintretenden Bergleute einen niedrigeren Lohnsatz erhalten, auf vier Fahre.

In den in betracht kommenden Bergarbeiterkreisen hofft man zu erreichen, daß die Staatsgruben des Dillrevieres mit der Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse den Privatgruben mit einem guten Beispiele vorangehen mögen, was bis jetzt leider meistens umgekehrt der Fall war. Daher kommt es auch, daß unsere Bergleute im allgemeinen den Privatgruben freundlicher gesinnt sind, als den StaatS- gruben. Die im Interesse des weitaus überwiegendsten Teiles von 140 000 Bergleuten angestrebteVerschmelzung der vielen zum Teil recht kleinen und leistungsschwachen KnappschastS- kaffen rechtsrheinisch vom Oberbergamtsbezirk Bonn zu einer großen leistungsfähigen Knappschaftskasse" wird gleichfalls in allen Versammlungen besprochen roerben.

R. B. Dar m stabt, 19. Okt. (Orig.-Drahtbericht.) Es fällt hier angesichts unsinniger englischer, leider von unseren heimatlichen Blätter weiter kolportierter Gerüchte über daS Großherzogspaar allgemein freudig auf, daß I. I. K. K. H. H. der Groß Herzog und die Groß Herzogin sofort nach der Rückkehr von WolfSgarten am Mittwoch abend ge­rn e i n s a m das Hoftheätor besuchten. Auch gestern wohnten sie der Vorstellung wieder bei. Gegeben wurde Der ideale Gatto" von Oskar Wilde, ein Sittenbild aus der englischen Diplomatie, das sehr fein und wirkungs­voll dargostellt wurde.

sj Fronhausen, 18. Okt. Einen wertv ollen Fund machte der Landwirt Mann in Sted ebacb in feinem Keller. In geringer Tiefe fand sich nämlich ein Behälter mit etwa 90 gut erhaltenen Silbermünzen, zum Teil Marientaler und Dukaten verschiedener deutscher Staaten aus dem 17. Jahr­hundert. Jedenfalls wurde der Schatz während des 3Ojähr. Krieges dort vergraben.

[] Biedenkopf, 18. Okt. Zwischen Obernkirchen und Gleidorf im Siegerlande spießte sich ein radfahrender Ge­richtsvollzieher an einem Wagen mit spitzen Stangen auf. Der Tod trat sofort ein.

h. Frankfurt a. M., 18. Okt. Die Polizei verhaftete gestern abend auf dem hiesigen Hauptbahnhos einen mit dem : Zug 6.22 Uhr aus Karlsruhe eingetroffenen jungen Mann ' au§ Galizien, der sich Michael Sa fit In nannte, und beschuldigt wurde, unterwegs Diebereien verübt zu haben. Es wurden ' viele Geldbörsen und Wertgegenstände gefunden. Am i Neubau der Mitteldeutschen Kreditbank ereignete sich gestern ' nachmittag ein schwerer 23 a nun fall. Beim Aufwinden eines schweren Steines verunglückte der 25jährige bei der j Firma Holzmann & Co. beschäftigte Maurer Andreas Löser 1 aus Mainflingen infolge Herabstürzen des Steines so schwer, daß er bald nach feinem Einbringen in die Klinik verstarb. i.i..". ______ __ <

Der Fall Hirschel vor der Strafkammer.

)( Gießen, 19. Oft

Dei Aufruf der Strafsache gegen den Lanbtagsabg. Otto ? Hirsche! von Friedberg ergab sich, daß weder der Ange- , klagte noch der von ihm bestellte Vertesdig.r .. . ..rat

v. Brentano-Offenbach -nr Stelle waren. Der Vorsitzende konstatierte, daß die Ladung zum heutigen Termin frist­gerecht zugestellt worden ist, und zwar der Ehefrau des Angeklagten. Er bemerkte, daß gestern noch ein Depeschen- wechsel stattgefunden hat, nach dem der als Zeuge geladene Kammerpräsident Geh. Reg.-Rat Haas in Darmstadt, wie auch der Angeklagte und dessen Verteidiger um Termins­aussetzung baten, was aber von ihm abgelehnt wurde. Heute sei ihm folgendes Telegramm des Verteidigers vorgelegt worden:

Soeben 7 Uhr von Beerfelden gekommen, finde ich Depeschen- wechsel zwischen Strafkammer und Haas. Bin in einer schweren Kollision zwischen Pflichten eines Verteidigers und der Be­fürchtung, vom Gericht falsch beurteilt zu werden. Ich erkläre feierlich, daß mir und Angeklagtem jede Absicht einer Ver­schleppung fern liegt. Ick wäre bereit zu verhandeln, muß aber befürchten, daß Entlastungszeugen nicht anwesend, müßte deshalb morgen Vertagung beantragen. Kann also un­möglich verhandeln, da die Ehre meines Klienten auf dem Spiel steht und dies für mich maßgebend fein muß. Bitte deshalb Nichterscheinen nicht falsch deuten zu wollen. Bin mit Beschul­digtem jeden Tag, zur Verhandlung bereit, (gez.) Brentano."

Der Vorsitzende teilte weiter aus den Akten mit, wie es kommt, daß die Verhandlung bis jetzt noch nicht abgehalten werden konnte. Am 12. Juli sei die Anklage bei der Strafkammer eingelaufen; diese ist dem Angeklagten am 16. oder 17. desselben Monats zugestellt worden. Ein vom 18. Juki datierter Beweisantrag der Verteidigung sei am 28. Juli eingelaufen, inzwischen sei aber das Haupt- verfahren eröffnet und Termin anberaumt worden. Der Angeklagte bat am 1. August um Verschiebung des Ter­mins auf mindestens 4 Wochen, indem er bemerkte, die Staatsanwaltschaft habe reichlich 3 Monate zur Anklage­erhebung gebraucht, falls der Termin nicht abgesetzt werde, so würde er, gestützt auf die Verfassungsurkunde, nicht erscheinen. Der Termin wurde abgesetzt, und unter dem 8. August lief ein Antrag der Verteidigung ein, kn dem gebeten wurde, die Sache auf Ende Oktober anzuberaumen, damit ihr Zeit genug zur Orientierung zur Verfügung stehe. Anfang September erhielt die Strafkammer von der Verteidigung Nachricht, daß sie von dem Angeklagten trotz dringlicher Anfrage keine Nachricht erhalte. Später bat H. wieder den auf heute gelegten Termin zu vertagen, da er noch keine Gelegenheit gehabt hätte, mit feinem Ver­teidiger zu sprechen, indem er versicherte, es sei nicht seine Absicht, die Sache zu verschleppen. Eine spätere mündliche Bitte um Absetzung des Termins wurde vom Vorsitzenden ebenfalls abgelehnt. Auch die Verteidigung stellte in den letzten Tagen einen Vertagungsantrag, der dahin ging, Beweis zu erheben, daß der Angeklagte nicht in schlechten Vermögensverhältnissen ist und daß er trotz Warnung fort­gesetzt größere Geldsummen nachtrug, er auch Freunde genug gehabt hätte, die ihm aus der Not geholfen hätten. Auch stellte er den Antrag, die Sache bis zur Beendigung! der Untersuchung der gegen Oekonomierat Schlenke, der der Denunziant sei, eingelaufene Anzeige, die Schlenke der nämlichen Taten bezichtigt, auszufetzen.

Nachdem Oberstaatsanwalt Th e o b ald den Antrag ge­stellt hatte, gegen den Angeklagten Vorführungs­befehl zu erlassen und den ausgebliebenen Zeugen Geh. Reg.-Rat Haas als genügend entschuldigt zu erachten, dagegen den ausgebliebenen Zeugen Abg. Bähr wegen nicht genügend entschuldigten Ausbleibens in eine an­gemessene Strafe zu nehmen, verkündete das Gericht nach vorgängiger Beratung Beschluß dahin: Da der Angeklagte trotz ordnungsmäßiger Ladung und unter Androhung der Vorführung nicht erschienen ist, wird feine Vorführung mit der Maßgabe angeordnet, daß die Staats­anwaltschaft vorher die erforderliche Genehmigung der Land st ä n d e einzuholen habe. Geh-Rat Haas wird als genügend entschuldigt angesehen, dagegen die Entscheidung gegen Abg. Bähr bis zur nächsten H a u p t v e r h a n d l u n g a u S g e s e tz t und die Sache auf unbestimmte Zeit vertagt.

DerHauptmann von Köpenick".

Die bei dermilitärischen" Besetzung des Köpenicker Rat-. Hauses von dem Gauner getragene Hose und Mütze sind von einem Arbeiter am Tempelhoser Felde gefunden worden. Die Hose ist alt, abgetragen und glänzend, es ist eine ehemalige Offiziershose, die wahrscheinlich bei einemTrödlergekauft worden ist. Tie Mütze dagegen ist neu. Diese kaufte der Gauner am Freitag voriger Woche in einem Spezialgeschäft in der Prinz Louis Ferdinandsttaße. Dem Fabrikanten, der ihn selbst bediente, machte der Käufer einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Er dachte, es sei ein Mann, der die verlangte Offi­ziersmütze für einen Offizier kaufe, um den üblichen Rabatt, den er verlangte, in seine Tasche zu stecken. Auf die Frage, welche Kopsweite die Mütze haben sollte, antwortete der Mann, sie solle auf seinen Kopf passen. Er paßte sie sich dann selber auf. Bemerkenswert ist, daß der Käufer die Ko k a r d e n f a l s ch äu­gest e ck t hatte, und zwar die deutsche Nationalkokarde auf den roten Rand der Mütze, die preußische oben an den Deckel. Das ist weder den Soldaten noch dem Reserveoffizier Bürgermeister Dr. Laugerhans, noch den Gen­darmen und Polizeibeamten aufgefallen. Die Achselstücke, die derHauptmann" trug, hatten, wie jetzt fest- gestellt ist, keinen Namenszug, sondern waren die des 1. Garde- Regiments. Der Droschkenkutscher, der den Gauner nach der Friedrichstraße fuhr, hat sich bei der Kriminalpolizei gemeldet. Seine Bekundungen beweisen, daß der Offizier, der in der Fried­richstraße neues Zivilzeug kaufte, und derjenige, der auf dem Mittenwalder Kleinbahnhof gesehen wurde, ein und dieselbe Per­son sind. Wie aber derHauptmann" nach der Friedrichstraße gekommen ist, steht noch uichr fest. Die Kommandantur gibt bekannt, daß bei keinem der beiden Kommandos, die der Gauner in feinen Dienst zog, sich ein Unteroffizier befand. Beide Ab­teilungen standen nur unter je einem Gefreiten. Wie ein Be­richterstatter meldet, erscheint es nicht als ausgeschlossen, daß der Täter, der allerdings Berlin und Umgebung ganz genau kennen muß, in einer Provinzstadt ansässig ist und noch an demselben Abend mit der Bahn nach seinem Wohnorte 5urückgekehrt ist.

Der einzige Anhaltspunkt, den die Kriminalpolizei besitzt, um die weiteren Spuren des Kassenräubers zu verfolgen, ist der Kleidereinkauf in einem großen Herrenkonfektionsgeschäft m der Frrednchstraße. Nachdem der Inhaber des Geschäfts die Meldung der Kriminalpolizei von diesem Einkauf gemacht hatte, wurden ihm und den Verkäufern, die den Offizier bedient hatten, verschiedene Photographien vorgelegt. Auf den ersten Blick erkannten die Verkäufer eine Photographie, die das Konterfei des gesuchten Gauners ist. Daß die Kriminalpolizei auf der r i ch t i g e n Fährte ist, beweist, daß sie die Photographie des Verbrechers besitzt und dadurch leichter seine Spuren ver­folgen kann: er sei ein geriebener Gauner, der ein Jahr Zucht­haus verbüßt hat. (Siehe auch 2. Blatt.)

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Köstliche Szenen haben sich im Köpenicker Rathause ab­gespielt. Der Polizei-Inspektor weilte gerade im Rat­haus, um sich einen kurzen Urlaub füreinBadzu nehmen. Ehe er leinen Vorgesetzten fand brach das Gewitter über die Ltadtväter herein. Der Polizei-Inspektor brachte aber seine Bitte demHerrn H a u ptm a n n" vor, der ja die Gewalt inne hatte, unb ber gütige Offizier gewährte ihm. die Bitte mit einen nonchalanten Handbewegung.