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— Der Kaiser und Bachs H - iu 011 - 31 c f f e. Ter 9(uffü6nmg der L-woll-Messe durch den Phrlharinonischen Chor in Berlin unter der Leitung von Professor Siegfried Ochs haben, wie wir schon fürs meldeten, der Kaiser und die Kaiserin beigewohnt. lieber den Eindruck, den das Werk, das im Mai in Gießen zur Ausführung kommen soll, aus den Kaiser gemacht hat, werden jetzt Einzelheiten bekannt. Nach der Aufführung, die bis 10 Uhr währte, beschied der Kaiser ben Prosessor Ochs zu sich in die Hofloge nnd sagte ihm, er halte sich sein Automobil für 9*/4 Uhr zur Heimfahrt bestellt, sei aber durch das Werk so ergriffen gewesen, daß er gern bis zum Schlüsse geblieben sei. Er wäre bis jetzt der 'Meinung gewesen, daß Händel als Oratorienkomponist tien Gipfel der geistlichen Musik bedeme, Bach aber habe ihm eine neue Welt erschlossen, die 8-woll-Messe habe iijn Bachsche Bedeiituiig für die niusikalische Slnnft erst recht erkennen gelehrt. Zum ersten Aiale hat der Kaiser der Wiedergabe eines größeren miisikalifchen Werkes ciußerhalb der Hofoper in diesem Falle beigewohnt. Musikalische kreise knüpfen an diese Tatsache die Hoffnung, daß der Kaiser seine mächtige Fürsorge nun and) anderen Gebieten der Musik zuwenden werde als jenen, die er bisher fast ausschließlich 511 bevorzugen pflegte. Man denke nur an den „Roland von Berlin" und seine Vorliebe für den Italiener Leoneaoallo.
— Vom Gießener Philosophie-Professor Karl i<9 r 0 0 § finden wir einen schönen Aussatz über „Unser Be> ü ü r i n i s n a ch ä st h e 1 i s ch e r K u l t u r" im neuesten, 19. Helle Les „K il n st iv a r t" (Georg T. W. Eallwey in Mtünchen). Die A'siege der ästethet. Kiiltur, so sagt Öteoos-, bedeute für uns etwas SDopveltes, sowohl eine wichtige sittliche Aufgabe wie ein Mittel gur Vermehrung unseres Glückes. Tas Behagen friedlichen Lebens- ggenusses wie der Zauber der Romantik, die guten alten deutschen Eigenschaften, würbe» von dein Brausen einer neuen Zeit verschlungen. Praktischere Ziele traten an die Stelle der früheren üDealeii. Und jedes neu erreichte praktische Ziel machte uns '-'chneidiger und geräuschvoller, großsprecherischer und prunkjüchtiger.
„Unsere Geselligkeit dient allzu ost mehr der Erweiterung des Plagens als der der Bildung." Aber der deutsche Geist hat trotz alledem das Bewußtsein, idealen Ausgaben dienen zu sollen, nicht verloren. TaS Ideal, das uns vor den Gefahren der Veräußerlichung retten soll, ist die vollkommene Humanität. Hier gehl also Gross aus die Bestrebungen Herders und Schillers zurück. Wir sollen nad) Vertiefung und Verinnerlichung unseres Wesens streben und nicht nur an Erwerb denken. Ansätze dazu sind bereits vorhanden. In die sittlichen und religiösen Probleme versenkeii sich immer weitere Kreise. Wir muffen aber zuerst unsere Unrast von uns abschütleln. Hat dod; Hast selbst unsere Geselligkeit und unsere Erholungsreisen, Spiel und Sport ergriffen. Die ästhetische Erziehung muß dagegen.ankämpsen und sich bemühen, den Lebens- roert edler Einfalt und stiller Größe hochzuhalten.
— Frau Wanda v. Sacher -Masoch veröffentlichte bei Schuster u. Loeffler (Berlin und Leipzig) ihre Memoiren unter dem Titel „MeineLebensbeicht e". Eine Frau, die über 10 Jahre mit Leopold v. Sacher-Masoch (dem bekannten belletristischen Schriftsteller, dem Erfinder der „Venus im Pelz" und Veranlasser des von dem berühmten Pjyd)iater v. Krafft-Ebing zuerst gebraud)ten Ausdrucks „Masochist") und dann mit dem üblen Verleiigner seiner deutschen Herkunst und Teutschlandbefchirnpfer Jacques St. teere (Rosenthal) vom Figaro verheiratet gewesen ist, hat viel Jnieressames zu erzählen. Nad) dieser Seue bedarf das Buch keiner Empfehlung. Es soll aber hervorgehoben werden, daß die Ver° fasjenn uns den Etndrnck hinterläßt, sie habe bessere Männer verdient als den perverse,l Dichter und den bestochenen Schwindel- Journalisten. Sie hätte nicht von einer Veid)te des Lebens zu sprechen brauchen, höchstens insofern, als sie um ihrer Ehre und ihrer Kinder willen sich am Kompromisse eingelassen hat, in denen sie ihr normales, anständiges Empfinden mand)mal den Forderungen einer ausschweifenden Phantasie zum Opfer brachte. Dabei ist sie aber innerlid) nicht tiefer vom Gemeinen und Perverfen berührt worden. Als sie sich von Eacher-Masoch, dem Vater ihrer Kinder, endlich nach schweren Herzenskämpsen trennt, der von ihrer Seite zu einer Tarne aus Pasewalk, namens Hulda
Aleister, sich hingezogen fühlt, die sich ein Schlößchen in Lindbeim (im Kreise Büdingen) kauft, um dort gemeinsam mit ihm 511 hausen, da rüst Frau Wanda aufatmend ans : „Frei! Befreit von der zehnjährigen Qual... wieder mir selbst angehören, ich selbst sein dürfen ... nie wieder eine Pelzjacke anziehen, nie mehr eine Peitsche zur Hand nehmen ... und fein Wort mehr von der Venus int Pelz sprechen hören !" Und doch hat diese Frau and) ihrerseits etwas Exzentrisches und für Männer wie Frauen Faszinierendes, Besteckiendes gehabt. Sonst wäre ihr Leben nicht im Zusammenhang gewejen mit den ausgesuchtesten Exemplaren unnatürlicher Sinnesanlage. Was für ihr Buch einnimmt, ist die nüchterne, niemals pikante Wiedergabe ihrer Eindrücke. Sie will den Leser nicht kitzeln, sondern ihm klagen, wie schlecht es ihr gegangen ist. Selbstverftändlick) gehört dieses Buck) nicht auf den Familientisch. Aber, wer sich ernst mit psychologischen Problemen beschäftigt, wird es nicht beiseite lassen dürfen. Es kommt hi»zu, daß der Politiker recht lehrreiche, zum Teil neue Einblicke in das Berliner und Pariser Journalistentreiben St.-Cöres bekommt, der selbst der Peripherie Bismarcksck)er Kreise recht nahe gekommen ist. Mit größtem Zynismus sagte der im bürgerlichen Leben Armand Genannte, als ihm die auswärtige Politik für den „Figaro" übertragen wurde: „Ter Armand ist wirklick) neugierig, wie sich der Saint-CLre aus der Affaire ziehen wird. Auswärtige Politik? Ich weiß kein Wort davon. Macht nichts, nur immer drauf los, was mich tröstet, ist qne les autres ne savent pas plus que mot" Das Geheimnis fernes Erfolges wird von der Verfasierin klar erfannt: „Eine ganz besondere Gabe hatte er — und es war gerade die, die ihm in feiner neuen Laufbahn das größte Glück brachte — die Tinge, die er wußte — es ivaren nicht allzu viele — so darzustellen, daß jeder, der ihn sah und hörte, bei sich dachte: Wenn der reden wollte! Was der wissen muß!" Viel Schmutziges, Schwindelhaftes. Widernatürliches begegnet uns in diesem Buche, das eine der sonders ' :i Lebensgejchichten enthält. Die Verfasserin selbst charattern ui c s treffend mit dem auf dem Titelblatt abgedruckren Faust-Motto: „Mich saßt ein längst entwöhnter Schauer, der Menschheit ganzer Jammer faßt nilch an."
Erstes Blatt
Mittwoch iS. 2lfm! 1906
156. Jahrgang
BezngSpreiSr monatlich 7LM., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abholo- u. Zweigstellen monatlich 6b Pf.; durch die Post Mk.2.— viertel- lährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen iür die Tagesnunimer bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 12Pf* auswärts 20 Pfg.
Verantwortlich für den polit. und allgern. Teil: P. Wittko' für „Stadt und Land" und „GerichtSfaal"-. Ernst Heß; für den Anzeigenteil: HanSBeck.
Nr. 90
Erscheint tlgttch außer Sonnlaas.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien, blätter otermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Stein- brudereL 9t Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:
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"ießener Anzeiger
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Die heutige Kummer umfaßt 10 Seiten. eüfJJT?”* ■!■!■”!-------____■-»— III —— ■—
Zur Jarmstadter Freichstagswahlbewegung.
Von freisinniger Seite ging uns heute unter Bezug auf die von uns gestern gebrachte Entgegnung der Herren Doktoren Stein, Osann, Becker und Mahr eine längere Entgegnung zu, der wir folgendes Positive zu entnehmen haben, unter Ausschaltung aller unerquicklichen polemischen Bemerkungen :
Diese Erklärung, so wird in der Zuschrift gesagt, berichtige Dinge, die nicht behauptet worden sind. 1. Es ist nicht behauptet worden, daß Ncttionallihercile aus Darmstadt Herrn Bomemann am Nacken gefaßt und nach dem Ausgange gestoßen hätten. 2. Es ist nicht behauptet worden, daß Herr Dr. Osann in der Nähe saß, sondern ausdrücklich betont worden, daß er sich aus dem Podium befand. 8. Die Behauptung der nationallib. „Berichtigung", die Herren Tr. Mahr und Dr. Becker hätten „lediglich Herrn Nuschke auf das Taktlose hingewiesen, das darin liege, immer wieder die Versammlung stören zu wollen", charakterisiere fick) schon dadurch, das; Herr Nuschke das niemals aud) nur versucht habe. Herr Dr. Becker werde aber doch nicht abstreiten wollen, daß er, als Herr Nuschke im Flüsterton mit Herrn Dr. Stein sprach, zu ihm im Eilschritt gekommen sei und ihm lebhaft zugerufen habe: „Wir braudjen Ihre preußische Weisheit nicht!", und daß eine Anzahl seiner Genossen hinter ihm sich allerhand Schimpf« worle gegen Herrn Nuschke bedient hätten. Die Schivere des Vor- wurses gegen die Nationalliberalen, daß sie nid)t die Vergewaltigung Vomemanns hinderten, werde nicht dadnrck) abgeschwächt, daß zwei von ihnen, die Herren Dr. Osann und Dr. Becker, jetzt erklärten, sie wären außerstande gewesen, einzugreifen, aud) nicht dann, als der Besitzer des Saales Herrn Bornemann entfernte. Unbestreitbar sei, daß die Nationalliberalen and) nicht den leisesten Verfuck) unternommen hatten, die Vergewaltigung Bornemanns in ihrer Versammlung zu hindern, und daß nationalliberale Mitglieder sick) schwere Beleidigungen der freisinnigen Redner hätten zu schulden kommen lassen.
Wir als fernstehende Unbeteiligte und baritm, sowie als Anhänger des Gedankens einer Einigung aller liberalen Gruppen, doppelt Unparteiische können nur wiederholen, was wir bereits in unserer Nr. 87 zum Ausdruck gebracht haben, nämlich daß wir diese überaus schroffe und geradezu gehässige Kampfesweise zwischen den beiden liberalen Darmstädter Parteien sehr bebmtern, umsomehr, als unsere Gießener vortrefflichen und mustcrgiltigen Verhältnisse zwischen Nationalliberalen und Freisinnigen so ganz und gar keine Nachachtung in unserer Landeshauptstadt finden. Man sollte doch in Darmstadt auch nach Baden, bem Nachbarlande, blicken, oder besser nach der äußersten Grenzmark reichsdeutscher politischer Betätigung, nach Ostpreußen. Gerade jetzt erhalten wir von dort die Stunbc, daß zwischen den Vorständen der drei liberalen Parteien Ostpreußens eine Verständigung erzielt wurde, die ein gemeinsames Vorgelten bei den Reichstags mal; len in der ganzen Provinz zum Zwecke hat. Was in Ostpreußen und was bei uns in Gießen möglich ist, das sollte nicht auch in unserem ganzen Großherzogtinn sich Herstellen laffcn? Hat doch Ostpreußen fast doppelt so viele Wahlkreise als Hessen, nämlich 17 (gegen 9). Dann würde der Liberalismus bei uns zu Lande noch ganz anders und bei weitem mächtiger dastehen als bisher, zumal bei unS Boden für die Ausbreitung liberaler Gedanken hinreichend vorhanden ist. Diese Ausbreitung aber ist nur möglich, wenn der Liberalismus seine gesamten Kräfte zusammen faßt und anspannt. Nur dann kann er an die Sozialdemokraten verlorenes Terrain zurückcrobern. Das sollten sich die führenden Männer in den liberalen Lagern ganz Hessens sagen und allenthalben Bündnisse schließen. Wohl sind dabei mancherlei Schwierigkeiten zu übcriüinbcn, namentlich da, wo bei den letzten Wahlen ernste Schlachten unter den Liberalen geliefert wurden oder, irrte in Darmstadt, zurzeit noch geliefert werden. Tort sollte der Ton der liberalen Gegner unter allen Umständen sofort ein anderer werden. Allseitiger guter Wille kann über die Schwierigkeiten sehr wohl hinweghelfen, .-mrc-mrei« ......im mm
Jede der Parteien kann in Wahlkämpfen ihre Aufgabe erhalten mü> sie weiß bei allen Kämpfen, daß sie in jedem, der Anspruch auf den Namen eines Liberalen erhebt, einen Bundes- und Kampfgerwssen erblicken kann. Als gemeinsamer Gegner gilt der Reaktionär und Wahlrechtsver- schlechterer auf der Rechten, wie der Apostel des Zukunfts- staats zur Linken, beiden gilt die Fehde. Tie Programme der liberalen Parteien bieten genug Gemeinsames, um darauf den Lbampf gegen die Gegner gemeinsam zu führen. Dabei braucht von niemandem verlangt zu werden, daß er von seinen Prinzipien auch nur das geringste aufgebe.
Schwärmer für eine Blockpolitik von Bebel bis Basser- mann, wie sie in Baden besteht, sind wir nicht, sondern Freunde des politisch "Natürlichen. Nicht nur da, wo es sich um ein Offensivbündnis handelt, sondern auch dort, wo die Liberalen bisher untereinander gekämpft haben, könnte und sollte die Streitaxt begraben werden. Daß Gießens Beispiel und nun auch das Ostpreußens als vorbildlich anerkannt werden und zur gesamtliberalen Einigung führen möge, ist unsere Hoffnung für das Jahr 1908.
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Heute erhielten wir ausDarmstadt folgende Drahtmeldung, die die sozialdemokratische Kampfesweise grell beleuchtet:
R. B. Darmstadt, 18. April. Zu äußerst stürmischen Austritten kam es gestern abend in einer allgemeinen Wähle r v e r s a m m l u n g im Hanauer Hos, die von dem Wahlausschuß für die Kandidatur Tr. Stein einberufen war. Es hatten sich zahlreiche Sozialdemokraten in der Versammlung eingefunden, dir im ganzen Saal geschickt verteilt waren. Reckstsanwalt Dr. Stein Lotütle feine 1 >,» stündige Rede nur unter vielen Unterbrechungen zu Ende sichren, woraus Oberlehrer Dr. Neßling sick- gegen d i e „Vereinigten Liberale n" wendete. Ms hierauf Rechtsanwalt Dr. Osan n sich in scharfer Weise gegen das terrorisierende und jedes freie Versammlungsrecht illusoristo machende Verhalten der Sozialdemokraten anSsprach, erhoben diese ein solches Gebrüll und Gejohle, daß es dem Redner nicht möglich war, zu Ende zu sprechen, und der Vorsitzende die Versammlung vorzeitig schließen mußte. Die Mehrzahl der Anwesenden sttmmte hieraus Lock)ruse auf Dr. Stein an und sang vaterländische Lieder, während die Sozialdemokraten die Arbeiter-Marseillaise faitgen. Die Erregung dauerte auch narh Schluß der Versammlung noch lange an.
politische
Japan nnd die Hochfinanz.
In dLn Erörterungen über die russische Anleihe wird des Landes nicht Erwähnung getan, das als Kriegsparttier Rußlands den finanziellen Nachwirkungen dieses Feldzugs sich gleichfalls unterworfen sieht. Auf Jw?uns staatswirLschastliche Lage hinzuweisen, ersclMint aber umsomehr angezeigt, als die ürter- nationale Hochfinanz dem aufstrebenden und sieggekrönten Lande verhältnismäßig weniger Wohlwollen entgegenbringt als dem Zarenreich. Das hat sich gezeigt bei den Anleihen, die Japan während des Krieges im Ausland aufzunehmen genötigt war, und das erhellt weiterhm an dem Kursstand der japanischen Papiere an den westlichen Börsen, der dem inneren Wert dieser Fonds nicht durd>aus entf.pi iM Die japanische Regierung zieht cs deshalb vor, den Fehlbetrag im Budget des laufenden EtatSjahres durch eine innere Anleihe zu decken, und im übrigen die Staatsausgaben ein zu schränken, soweit deren Konsequenzen auf die späteren Etats übergreifen. Dahin gehört z. B. die Vertagung des Ausbaues der Flotte, die die japanisck)e Regierung nicht eintreten lasseu könnte, wenn sie mit anderen als friedlichen Absichten sich trüge.
Die Fiuanzpolitck der japanischen Regierung ist aber gesund auch hinsichtlich der Schuldentilgung. Es sollen nämlick) Von den ordentlichen Staatseinnahmen jährlich mindestens hundert M i 11 i o n e n bereitgestellt werden für Tilgung d e r Kriegsschuld nebst Zinsen, sodaß die Gesamrsckuld in rund zwanzig Jahren zurück gezahlt sein würde. Nun existieren freilick) noch Verpflichtungen aus der Zeit vor dem Kriege. Japan hat sich seine militärisch Rüstung gewaltige Summen kosten lassen, ist aber dabei besser gefahren, als Rußland, das seine militärische Mindenoertigkeit nicht wettmachen konnte durch die reichlicheren Geldmittel, die ihm beim Ausbruch des Krieges zur Verfügung standen. Jedenfalls umfaßt das neue japanische Schuldentilgnngsprogramm alle bestehenden Staatsverpflichtungen, und ebenso fieber ist, daß sich die Regierung
bei ihrem Bestreben, daS Vaterland einer finanziell glänzenden Position entgegenzusühren, auf die Hilfe des Volkes verlassen iann. Nicht weniger als fünfmal hat das Volk während des Krieges der Regierung Kredit gewährt, es wird bei der neuen, sechste.!, inneren Anleihe nicht versagen, sondern wiederum zwei- hundertMillivnen vorsttecken zur Deckung des Fehlbettags im Budget.
Das ist eben der tiefgreifende Unterschied zwischen Rußland und Japan. Hier Bereit>oilligkeit des Volkes, der Regierung an die Hand zu.gehen, um neue Lchittdverpslichttlngcn an das Ausland hinanzuhatten. In Rußland cntfdncbcnc Abneigung gegen innere und g'aen äußere Anleihen. Denn bei dem 500 Millionen-Teilbetrag der neuen russisch.u Anleihe, der auf die russischen Banken entfällt, hat die Petersburger Regierung eben nur mit diesen Banken, nicht aber mit dem russischen Volk zu tun. Wer alles dies erwägt, dem kann es nicht zweifelhaft sein, daß Japmi wie in politischer und militärischer, so auch in finan* zieller Beziehung vor Rußland rangiert. Sem kann freilich ebensowenig zweiselliaft fein, daß die geflissentliche Niederhaltung Japans durch die internationale Hochfinanz nur insofern mit Politik etwas zu tun hat, als die ganz begrciflickx Tendenz sich geltend macht, Der gelben Nasse, dem gefälwlichen Konkurrenten der wcißen, „dcn Brotkorb lxAr zu hängen".
Aus Staöi u«o Lcsno.
Gießen, den 18. April.
** P e v s o n a l i e n. S. K'. H. der Grvßherzog fyabert Rob .Gudernatsch aus Schwar-stvald in Ungarn zuntz BettiebsinspLktor am elektrotechnischeri Institut der Tcchss nischen 5)vchschule zu Darmstadt, Finanzaspirant Gg. Metz^ ger aus Laugen zum Mi.nifter'.alrev-isvr bei der Buchhaltung der Ministerien des Innern und der Justiz und Finanz-i aspieant Otto Lippert aus Butzbach zum Ministerialrevisor! bei der Buchhaltung des Ministeriums der Finanzen er-, normt. Am 14. April d. I. wurde der Grundbuchsschreib-' gehilse Jvh. Grämlich in Darmstadt unter Anerkennung! seiner langjährigen treu geleisteten Dienste auf fein Nach^ suchen in den Ruhestand varsetzt und il)-nr von S. K. H denr Großherzog das Allg. El)renzeichen mit der Inschrift „Fuv langjährige treue Dienste" verliehen.
** Erledigt ist die Stelle eines Hauptsteuerantts^ afsistentett bei dem Großch. Haupt st eneramt Gießen.
♦* Der Männerturnverein Gießen eröffnete am Charfreitag die Reihe seiner Sommerveranstallungerx durch einen T ur n g a n g nach der Goetheruh zu G a r b e n -- heim. Eine größere Einzahl Turner und Turnschwestertü gingen zu Fuß über Dutenhofen, während die anderen mit Der Bahn bis Wetzlar fuhren unb von da das Ziel auf-- suchten. Tie Beteiligung war recht zahlreich; es waren! etwa 75 Teilnehmer erschienen, und man kotrnte bald eine recht tzemülliche Stimmung wahrnehmen, die durch Klaviervorträge nod) gehoben wurde. Abends i/28 Uhr erfolgte der Rückmarsch nach Wetzlar mit einem kurzen Aufenthalt im Hotel Kessel, und 9.24 fuljreit die Teilnehmer mit ber; Bahn nad) Gießen zurück. Auf der Vereinskneipe im Hotels Schütz fand die Veranstaltung ihren würdigen Abschluß.
(^Friedberg, 17. April. Der DelegiertentaA der Sterbekasse für Mitglieder des hessischen Landest gewerbevereäns und des Verbandes deutscher Gewerbes uereuie fand heute im Hotel „Drei Schwerter" statt. Deo Vorsitzende, Bauunternehnrcr Sames-Darmstadt, begrüßte besonders den Vertreter der Stadt Friedberg, Beig. .Hyro--, nimus. Der Gesd)äftsführer, Syndikus E n g e l b a d) - Darm-' stadt, gab einen tteberblick über das Geschäftsjahr 1905. Er erklärte, daß der Verein mit der Entwicklung der Kasse sehr zufrieden sein könne. Die Kasse hat das vorgesteckte Ziel, ihren Geschäftsbetrieb auf die Mitglieder des Berbandesi deutscher Gewerbevereine auszudehnen, erreicht; dies wurdei im Juni 1905 vom Reichsaufsid)tsamt genehmigt. Der Vorstand hat sich an sämtliche Bundesregierungen gewandt unb Zusagen erhalten. Aus Württemberg haben srch schon im letzten Vierteljahr 22 Herren angemeldet, auch ans Bayern sind zahlreiche Beitritte zu erwarten. 'Tas Ergebnis der Kasse ist sehr günstig, und es können 16,66 Prozent Dividenden an die Mrtgrieder zur Auszählung kommen. 1905 traten 21 Mitglieder mit 17 600 Mk. Ver- sicherungskapital bei, 17 erhöhten den Betrag um 8,040 Mk.;


