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20.8.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Montag SV. Angnst 1906

Die heutige Dummer umfaßt 8 Seiten.

156. Jahrgang

Die Fahrkartensteuer ist gewiß unpopulär; aber eine Höher­belastung des Tabaks wäre es nicht minder. Immerhin werden die Tabak-Interessen gut tun, wenn sie die Augen offen halten und zur Abwehr gerüstet bleiben. D. N.)

Die Finanz-, Sozial- und Handelspolitik des Grafen Posadowsky.

Eines der wichtigsten Vermächtnisse, das wir aus der Zeit Wilhelms I. übernommen haben, ist die Sozialpolitik, aufgebaut auf der Kaiserlichen Botschaft vom 17, November 1881. Ihre Pflege und ihr Ausbau ist seit dem Jahre 1897 einem Manne anoertraut, der das ganze weite Gebiet bis in die kleinsten Verzweigungen hinein mit hervorragendem Wissen beherrscht und mit unermüdlichem Eifer fördert: dem^Staats- sekretär Grafen Posadowsky.

Ebenso bedeutungsvoll aber wie für die Sozialpolitik ist sein Wirken auch für die Handelspolitik des deutschen Reiches, und hierbei kommt ihm seine genaue Kenntnis der deutschen Finanzverhältnisse in hohem Maße zustatten, die er in seiner mehrjährigen Tätigkeit als ReichsschatzsKretär erworben hat.

In den wichtigsten Fragen steht Graf Posadowsky auf dem Boden der Bismarct'schen Wirtschaftspolitik. Voraus­sichtlich wird des Grafen Tätigkeit noch für lange Jahre von grundlegender Bedeutung bleiben. Für das Verständnis der wirtschaftlichen und sozialen Entwickelung Deutschlands während der letzten zwölf Jahre ist die Kenntnis seiner Reden unerläßlich, denn sie bilden den zuverlässigsten Kommentar für Entstehung, Inhalt und Ausführung der Gesetzgebung und den sichersten Wegweiser für ihre Ziele.

Aber diese Reden sind in den stenographischen Berichten der Parlamente verstreut und daher nicht überall und nicht leicht zugänglich. Ihre wesentliche Ergänzung sinden die parlamentarischen Reden in den zum großen Teil sehr wichtigen protokollarischen Erklärungen aus den Kommissions­beratungen und in einer größeren Anzahl von nichtparlamen­tarischen Reden, die auf Handelstagen, Kongressen und bei festlichen Gelegenheiten von dem Staatssekretär gehalten worden sind.

Um dieses ganze Material allgemein und leicht benutzbar zu gestalten, hat die Verlagsbuchhandlung von I. I. Webe« m Leipzig zu einer Sammlung der Reden des Grasen Posa­dowsky sich entschlossen. In dieser sind auch die protokollarischen Erklärungen und die außerparlamentarischen Reden des.' Staatsmannes vollständig wiedergegeben. Das Werk wirb vier Bände von ungefähr je fünfzig Bogen umfassen. Der erste Band wird im Herbst des Jahres 1906, die anderen! werden voraussichtlich im Jahre 1907 erscheinen. Ein Re-, gister soll ermöglichen, jede Einzelfrage der Finanz-, Sozial-^ und Handelspolitik des Reiches in allen Stadien der Be-i Handlung zu erfolgen. Wir verweisen schon heute alle unseres politisch interessierten Leser auf das Erscheinen dieses wichtigem und wertvollen Werkes, von dem wir wohl noch öfter zut sprechen Gelegenheit finden werden.

Nr. 194

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Familien, blätter vierinal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Stein­druckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:

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Redaktion 113

Verlag u.Erped. e^51 Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

politische Wochenschau.

Gießen, 20. August 1906.

Ter deutsche Staatssekretär des Ausivärtigen '?simtes, b. Tschirschky, und der englische Botschafter in Berlin, Lascelles, sowie der englische Unterstaatssekretär des Aeußern Sir Harbinge und der deutsche Gesandte in Egypten v. Rücker-Henisch wohnten den Verhandlungen Kaiser Wilhelms und König Eduards in Cron- berg bei. König Eduard empfing nach seiner Ankunft in ALarienbad sofort den englischen Premierminister Campbell- Bannerman und den englischen Botschafter Sir Goschen. Das Gewicht der Cronberger Erörterungen war auch mtt- bestimmend dafür, daß Fürst Bülow seinen Sommer­aufenthalt in Norderney unterbrach, um mit dem deutschen Kaiser in Wilhelmshohe zu konferieren. Der vielfach offiziös benutzteBerl. Lok.-Anz." meldete folgendes:

Wilhelm shöhe, 18. Ang Die Befriedigung über den Verlauf b:r Cronberger Entrevue dauert an. Der Kaiser und der Reichskanzler arbeiten fast ununterbrochen. Fürst Bülow macht einen sehr gesunden arbeitsfreudigen Eindruck.

Auch derFrkf. Ztg." wurde gemeldet, daß der Verlauf der Cronberger Begegnung auf'beiden Seiten lebhafte Be­friedigung hervorgerufen habe. Der Verkehr der beiden Monarchen war ungezwungen und herzlich. In den Aus­sprachen sind die schwebenden Fragen eingehend erörtert worden. Es bot sich dabei Gelegenheit, vorhandene Miß­verständnisse zu beseitigen und wertvolle In­formationen zu geben, was für die Zukunft von Bedeutung sein wird. Beschlüsse oder bestimmte Ab­machungen sind nicht getroffen, die Aussprachen trugen vielmehr einen ausschließlich informatorischen Charakter. Wie versichert wird, hat Könist Eduard, der auf der Hinreise noch mit Vertretern feiltet Regierung eingehend verhandelte, Cronberg in bester Stimmun g verlassen. Was erörtert wurde, entzieht sich natürlich der öffent- lichen Kenntnis. Vielleicht war es der Wunsch König Edu­ards, Deutschlands Zustimmung zu der großen Politik Groß­britanniens zu erlangen, welche die Entwicklung der afiat. und afrikanischen Geschicke feftlegen soll Der Sudan, Egypten, Arabien, der nahe Orient, das Jranplateau, alle diese Gebiete bilden den Gegenstand diplomatischer Dis- iilssionen und Aktionen. Tie englische Politik in allen diesen Ländern hat seither eine durchweg zerfetzende Wirkung ausgeübt, um dem Vordringen des britischen Einflusses die besten Möglichkeiten zu bereiten, und hat sich, ohne große militärische Aufwendungen betreiben zu müssen, durch diplo­matische Ausnutzung der jeweiligen Situation int' ganzen Gebiete des Islam festgesogen. Da der Britisierungsprozeß der mohammedanischen Welt dem englischen Könige nicht schnell genug von statten ging und er den paralysierenden Einfluß des konkurrierenden Frankreich beseitigen wollte, vereinbarte er mit letzterem in dem Marokkoabkommen eine Teilung der afrikanisch-islamitischen Welt. England erhielt danach freie Verfügung in Egypten, Frankreich in Ma­rokko. Nun ist aber durch die Algeciras-Mte wohl endgiltig das Marokko-Abkommen beseitigt. Deutschland hat 1904 bereits die England von Frankreich damals zuerkannte neue Stellung in Egypten in einem besonderen .Vertrage gut­geheißen. Dieser Vertrag betraf die wirtschaftliche Gleich­stellung Deutschlands mit Frankreich und Egypten für die nächsten dreißig Jahre. Insofern dieser Vertrag die Meist­begünstigung Deutschlands in Egypten auf einen Zeitraum von dreißig Jahren beschrankt, bildet er einen schweren Nachteil gegen früher. Aber England will sich mit der wirtschaftlichen Alleinstellung in Egypten nicht'begnügen, sondern das Land der Oberhoheit des Sultans entfremden, um es ähnlich wie Indien in eigene Abhängigkeit zu bringen, freier beginnen neue Differenzen. Es ist zweifel­los, daß für Deutschland alle Vorsicht geboten sein muß, keine Interessen anderer befreundeter Staaten durch ein Eingehen auf die englischen Wünsche zu verletzen.

In Wilhelms höhe sind Kaiser und Kanzler weiter mit der Erörterung des innerpolitischen Arbeitsstoffes, der sich in diesen Sommermonaten angehäuft hat, be­schäftigt. In der Angelegenheit des Landwirtschaftsministers v. Podbielski ist zwar die maßgebende Entscheidung der höchsten Stelle noch nicht gefallen. Nach derNordd. Allg. Ztg." aber hat der Reichskanzler bereits von Norder­ney ans den Landwirtschaftsminister zu einer Aeußerung über die Beteiligung des Ministers an den Geschäften der Firma Tippelskirch u. Co. aufgefordert. Hierauf ist vom Landwirtschaftsminister v. Podbielski eine eingehende Antwort erfolgt, in welcher der Minister am Schluß gebeten hat, seinen Wunsch auf Entlassung aus dem Staatsdienst an allerhöchster Stelle zu unterbreiten. Diese Nachricht langte hier am Samstag nachm. an und wir gaben sie alsbald durch Aushang bekannt. Die Erfüllung dieser Bitte" wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Damit die nächsten Reichstagswahlen nicht zu radikal ausfallen, werden bereits jetzt Kartelle vorgeschlagen. So vereinbarten hie Deutsch sozialen und Konser­vativen in Kur Hessen ein Abkommen, um sich ihren gegenseitigen Besitzstand zu garantieren. Für Rheinland und Westfalen schlug ehtalter nationaltiberaler Parteimann" ein Kompromiß mit dem Zentrum vor, das von letzterem mit Ironie zurückgewiesen wurde. In der Provinz Sachsen betreibt die Mittelstandspartei eine rührige Agitation, unterstützt von Konservativen und Agrariern, sodaß die nationalliberale Partei bereits an ernstliche Gegenmaß­nahmen denkt. In Döbeln ist es trotz Einspruch von partei- offizieller freisinniger Seite zu einer Einigung der Bürger­lichen auf Hasse gekommen. An einen Sieg Hasses wird man aber darum doch, schwerlich glauben können.

«ezugSpretSr monatlich 7bPs., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2. viertel- jährl. ansschl. Bcstellg« Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr, SeilenpretS: lokal I2Ps, auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich für den volit. und ttUgcm, Teil: P. Wittko; für .Stadt und Land' und .Gerichtsjaal': Ernst Heß; für den An­zeigenteil: LcrnS Beck.

Herr v. Holstein,

der vor einiger Zeit aus dem Auswärtigen 'Amt geschiedene; Geheimrat, hat derZukunft" des Herrn Maximilians Harden, die sich mit seiner Persönlichkeit ausgiebig beschrift tigt hat, einen Brief gesandt, in dem er verschiedene der? von Harden über ihn gemachten Angaben richtig zu stellens sucht. Herr v. Holstein teilt darin über seine Verabschied-' ung mit, daß seine Beziehungen zum Geheimrat Dr., H a m m a n n, dem öekännten Preßdezernenten des Aus-» wärtigen Amts und einstigen Redakteur der f r e i s i n n i g e ns Nordhäuser Ztg." sich schwieriger gestaltet hätten und daßs er deshalb in der Weihnachtswoche 1905 sein Abschieds-, gesuch eingereicht habe. Der Reichskanzler habe dann die Angelegenheit mit ihm besprochen und er (Holstein) Habel dem Fürsten Bülow darlegt, daß er entweder gehen odett das Preßbnreau ihm formell unterstellt werden müsse. In den ersten Januartagen sei darauf die Verfügung ergangen/ durch die die politische Abteilung mit ausdrücklichem Ein-' schlaffe des Preßbureaus dem Herrn von Holstein unter­stellt worden sei. Inzwischen erfolgte die schwere Er­krankung des damaligen Staatssekretärs, infolge deren Herr von Holstein dem Reichskanzler sagte, er wolle die Abschiedsfrage in. der Schwebe lassen, bis er wisse, wep Staatssekretär werde. Nach der Ernennung des Herrn von' Tschirschky teilte dann Herr von Holstein dem Fürsten Bülow! mit, er sei zu der Ueberzeugung gekommen, daß das Aus^- wärtige Amt für Herrn v. Tschirschky und ihn zu eng sei; gleichzeitig überreichte er sein Abschiedsgesuch. Tie daraufhin erfolgende Unterredung mit dem Kanzler! machte auch diesmal, wie Herr von Holstein hervorhebt^ den Eindruck, als ob dem Fürsten Bülow sein Abgang un­erwünscht sei. Tie Erledigung des Abschiedsgesuches, das als Duplikat an das Auswärtige Amt gesandt wurde, er-, folgte nachher in der Osterwoche durch den Staatssekretär^ während der Reichskanzler noch schwer krank lag.

Die Tausendjahrfeier der Stadt Weilburg.

(Original-Artikel desGießener Anzeigers")

K. Weilburg, 19. August.

Weilburg, diePerle des Lahntals", hatte heute ihren Ehrentag, sind es doch tausend Jahre, seit König Konrad von Franken Burg und Stadt gründete und hierzu die schöne Anhöhe an der Lahn erwählte, deren Wellen sie von drei Seiten umspülen. Die herrliche Natur hat der Stadt ein eigenartiges Gepräge malerischer Schönheit verliehen unt>

Der Fall Naumann bildet eine Parallele zu den kirchlichen Vorkommnissen in Rheinland-Westfalen. Es hat sich herausgestellt, daß'der Verein Deutscher Stu­denten gegen Naumann Stellung zu nehmen veran­laßt worden ist. Iw Dortmund spricht man einem frommen Pfarrer den wahren Glauben, in Leipzig einem empfin- dungsstarken ehemaligen Pfarrer das wahre 9lational- gefühl ab.

Die Erkrankung des Sultans der Türkei hat in der Welt alarmierend gewirkt. Es stellte sich später heraus, daß die Krankheit nicyt so sehr gefährlich war. Die Selamlik-Zeremonie am letzten Freitag hat wieder mit dem üblichen Apparat stattaefurrden, wurde aber abgekürzt, ob­gleich der Sultan wohl zu fein schien. Die Botschafter waren nicht anwesend und es fand auch keine Audienz statt. Ter Thronfolger Reschad Effendi, der jüngere Bruder des Sul­tans, hat auch eine schwache Konstitution. Er erklärte, daß er nicht nach der Regierungsgewalt strebe. Er ist der Günsft ling Englands, während 9)uffuf Jzeddin, ein dritter Bruder, von den Russen begünstigt lvird. Ter Sultan selber möchte feinen 21jähr. vierten Sohn Burhaneddin zum Thronfolger machen.

Inzwischen kamen Meldungen von einem Aufftammen der aufrührerischen Bewegung auf dem Balkan, die in der Zerstörung der von Griechen bewohnten Stadt An- chialo in Bulgarien durch bulgarische Bauern ihren Aus­druck erhielt. Der türkische Großwesir erhob in Sofia hef­tigen Einspruch gegen diese Greueltaten der bulgar. Minister des Aeußern aber erteilte ihm eine sehr geharnischte Ant­wort, indem er erklärte, die Pforte habe sich um die anti­griechische Bewegung nicht zu kümmern, sie müsse eher trachten, in Macedonien Ordnung zu schaffen, weil das von der Türkei geduldete griechische Bandenunwesen die antigriechischen Ausschreitungen nähre. Der scharfe Ton ist wahrscheinlich beeinflußt von den Berichten der bulgar. Vertreter, die zu melden wissen, daß die griechische Diplo- matie die Regierungen der Großmächte für ein amtliches Vorgehen gegen Bulgarien bezüglich der Griechenhetze nicht gewinnen konnten. Von der türkisch-bulgarischen Grenze sind Berwick lun g en zu erwarten. Türkisches Militär in Stärke eine Regiments besetzte bulgarisches Terri­torium bei Schdrapalnitza, worauf der bulgarische Kriegs­minister die Konzentrierung einer Infanterie-Brigade samt Artillerie und Kavallerie anordnete mit dem strikten Be­fehl, das türkische Militär um jeden Preis zu verdrängen. Aus Kustendil wurde dann telegraphiert, daß die Türken, bulgarischen Uebetmacht weichend, das Grenzterritorium bei Schdrapalnitza fluchtartig verlassen mußten.

Frankreich erhielt nun endlich die Antw'ort des Papstes auf das Trennungsgesetz. Sie ging den französischen Bischöfen in einer Enzyklika des Papstes zu, worin dieser unter allerhand Verwahrungen die Kultus­vereine unter der Bedingung gestattet, daß sie kanonisch sind. Ob die ftanzösischen Katholiken es unternehmen wer­den, das kanonische Recht für die Kultusvereine in die Praxis zu überführen oder überhaupt die Kanonisierung gegenüber der Regierung auch bloß der Form nach erreichen wollen oder können, steht dahin. Die Enzyklika bedeutet möglicherweise den Ausbruch neuer Kämpfe, die zur Kon­fiszierung des Kirchenvermögens und zur Einbehaltung des Pensionsgeldes für die Priester führen können, und viel­leicht der Kirche in Frarweich ein Schisma bereiten werden. Die ftanzösischen Minister Driand und Clemenceau haben sich bereits sehr energisch gegen dieseKriegserklärung" des Papstes ausgesprochen.

lieber die Zustande in Rußland läßt sich nicht viel sagen. Wie es in der Armee ungefähr aussieht, das hat man gesehen. Kein Tag vergeht ohne Bombenwürfe und Meuchelmorde, kein Tag auch, ohne daß er einige hundert Personen ins Gesängnis brächte. Die Revolutionäre wüten in schrecklicher Weise, und das russische Volk wird dezi­miert von Dolchen und Sprengstoffen. An ein Mfleben des bewaffneten Aufstandes ist im gegenwärtigen Augen­blick nicht zu denken, denn es fehlen dem Volk die Führer. Man brachte ja auf die Dumaauflösung hin nicht einmal einen Generalstreik zusammen. So dauert denn das gegen­wärtige Morden fort, bis wieder eine größere Eruption erfolgt. Und inzwischen tilgen die Korrespondenten in Petersburg das Blaue vom .Himmel herunter!

politische Sagesschan.

Fahrkarteusleuer und Tabak. \

Aus Stuttgart wird geschrieben:

Die Wieder-Aushebung der Fahrkartensteuer ist nur.eine Frage der Zeit. Daß sie im BundeSrat erst nach Beschwichti­gung ernster Bedenken zur Annahme gelangte, ist bekannt. Hauptsächlich befürchteten die Bundesregierungen eine Schmäle­rung ihrer Eisenbahn-Einnahmen infolge des Uebergangs vieler Reisenden zu einer niederen Wagenklasfe eine Be­sorgnis, die'sich schon in den ersten Wochen nach Einführung der Steuer als begründet erweist. Was die Regierungen trotzdem bewog, den Beschlüssen des Reichstags ihre Zu­stimmung zu erteilen, war folgende Erwägung: Behufs gründlicher Besierung der Reichsfinanzlage und Bestreitung der für die nächsten Jahre zu erwartenden Mehrausgaben wird eine ftärfere steuerliche Heranziehung des Tabaks nicht zu umgehen sein; diese ist aber im Reichstag nur durchzusetzen, wenn man dafür eine Kompensation ge- währt, die den Abgeordneten die Rechtfertigung einer Höher­besteuerung des Tabaks vor ihren Wählern erleichtert. Eine solche Kompensation sott nun die Aushebung der Fahrkarten­steuer sein. Im ReichSschatzamt dürste man es daher gar nicht ungern sehen, wenn die Fahrkartensteuer recht vielem Widerstand begegnet. (Das ist doch wohl eine Täuschung.

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