Ausgabe 
18.7.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 166

Zweites Blatt

156. Jahrgang

Mittwoch 18. Juli 1906

Vrfchetnt W-'.ich mit Ausnahme beS Sonntags.

SMeGießener Zamllienblötter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigclegt. Der ^«iftsche Landwirt" erscheint monaUich einmal.

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General-Anzeiger, Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

politische Lagesscha«.

Wie die Sozialdemokratie die Bauernarbeit wertet, dafür findet sich folgendes charakteristische Stückchen im neuestenVorwärts*:

In einem Dorfwirtshaus in der Nähe von Segeberg kehrte in später Abendstunde ein reisender Ardener ein. Zwischen ihm und den anwesenden Bauern entspann sich soigendes Gespräch:Könnt Sc Burnarbeit malen?"Jawull, dal kann ick lid)."So? Könnt Se plögcn, sechn, meihn un all, wat fünft noch vorkümmt?" ,Ja, mien Herr 1 Dat ist aiverS doch feen Burnarbeit, dat is doch Knechlsarbeit 1Wat is denn Burnarbeit?"Dat will ick Se seggn. 'Morgens Klock veer de Lut nt Lager smieten, denn werrer bet Klock acht jlckpcn, naher to Feld un de Lüd nahdriewen. Atlddlgs bet Klock twce slapeu, denn de Piep smöken un beim Zeitung lesen, womöglich noch mal lo Feld un de Lüd nahdriewen, un denn abends in Krog silten, Beer drinken un op de flechten Tiden un de Lüd schimpen. Dat iS Burnarbeit, de kann ich lid) malen."De Kerl Helt recht. Kröger, schenk ent mal een in!" riefen mehrere Bauern. Aber in Arbeit nehmen wollte keiner den Mann, er war ihneit zu Helle.

Die Pointe ist ganz gewiß falsch erzählt, denn stattde Kerl hett recht" denl unverschäinten Verächter der müh­samen und ehrlichen Bauernarbeit zur Antwort zu geben, wird man ihm vielmehr mit gutem Recht eine gehörige Tracht Prügel verabreicht und den windelweich Geschlagenen an die frische Luft befördert haben.

Hageu-Schwelm.

Die Entscheidung über dasErbe Eugen Richters" steht nahe bevor. DieRationalztg." hält den Wahlkreis Hagen- Schwelm für verloren an die Sozialdemokratie. DieRordd. Allg. Ztg." zieht zwar nicht den gleichen hoff­nungslosen Schluß, sie findet sogar gewisse Auslassungen der Zentrumspresse beruhigend, aber sie rechnet im Stillen wohl doch mit der starken Möglichkeit des sozialdemokratischen Sieges. Das Blatr der Regierung schreibt:Daß der un­erträgliche Uebermut dieser Partei durch solche Erfahrungen noch gesteigert werden müßte, ist selbst­verständlich". Ganz gut gesagt, wenn indessen die bürger­lichen Parteien diese und andere Folgen bisher nicht tragisch genommen haben, wie der ganze Verlauf des Wahlkampfes dartut, dann wird zur Stichwahl schwerlich die Erleuchtung tonx»u?n

Vom werdenden Etat.

R. Berlin, 17. Juli.

Die Etatsforderungen der einzelnen Verwaltungsressorts müssen bis zum 1. August beim Reichsschatzamt angemeldet sein. Dann beginnt dort die Aufstellung des Entwurfs zum Etat für 1907. Diese Arbeit wird allem Anschein nack) dies­mal vom Unterstaatssekretär Twele geleitet werden, da der Staatssekretär Frhr. v. Stengel vor wenigen Tagen im bayrischen Hochgebirge Wohnung genommen hat zu einem auf zwei Monate berechneten Aufenthalt. Die Erträge der neuen Steuern gestatten zwar, beim Etat reichlichere Ein­nahmen in Ansatz zu bringen, aber die Regierung läßt be­reits verlautbaren, daß trotzdemweiseste Sparsamkeit" auf allen Gebieten Platz greifen werde, weil auch die neuen Steuern nicht überreiche Mittel gewährten. Dieses Sparsamkeitsprinzip dürfte u. a. vielleicht zum Ausdruck kommen in der Frage des Ersatzbaues für die Pacht Hohenzollern", von dem zurzeit die Rede ist. Eine dringliche Notwendigkeit für den Ersatzban liegt nicht vor. Die Pacht ist allerdings seit 15 Jahren auf dem Wasser, em Zeitraum, nach dem die kleinen Kreuzer an der Grenze ihrer vollen Verwendbarkeit angelangt zu sein pflegen. Aber die Pacht ist jahraus, jahrein immer nur zeitweilig im Dienst gewesen und niemals so strapaziert worden, wie ein eigent­liches Kriegsschiff. Sie mag in ihren schiffsbaulichen Kon­struktionen den modernen Anforderungen nicht mehr ent­sprechen, deshalb ist sie aber nichtseeuntüchtig", zumal für sie transozeanische Fahrten nicht in Frage kommen. Es würde immerhin Entlastung des Etats bedeuten, wenn dieser Ersatz­bau nach Möglichkeit hinausgeschoben werden könnte.

Die Gelegenheit der Aufstellung des neuen Etats er­scheint geeignet, an die Etatsüberschreitungen zu erinnern, die das Sparsamkeitsprinzip durchbrechen und zum Teil illusorisch niacheit. Gegen die Gepflogenheit Nachgeordneter Verwaltungs­organe, namentlich in den Schutzgebieten, sich nicht an den vom Reichstag beivilligten Ausgabenfonds zu halten, sondern frischrveg aus dem Vollen zu wirtschaften, gegen diese Ge­pflogenheit muß die Regierung mmachsichtlich Front machen. In der Rechnungskommission und im Plenum des Reichs­tags sind solche Ueberschreitungen, die ioie eine Krankheit von Etat zu Etat fortwirken, mit Recht scharf gerügt worden.

Vom Kolonialamt.

. Da man in Regierungskreisen mit Bestimmtheit darauf rechnet, daß der Reichstag in nicht allzuferner Zeit doch noch die Errichtung des gewünschten selbständigen ReichSkolomal- amts bewilligen wird, so ruht die Frage nur vorüber­gehend, wer in diesem Reichsamte den Posten des Unter­staatssekretärs erhalten wird. Die politischen Freunde Dr. Paasches scheinen noch immer nicht die Hoffnung aus- qeoeben zu haben, daß die Wahl dann aus ihn fallen wird. Größere Chancen als Paasche dürste indessen, rote einer unserer Berliner Mitarbeiter von gut unterrichteter Seite hört, der Generalkonsul in Genua, Wirkl. Legationsrat Dr. phil. Georg Inner haben, der zu den fähigsten Beamten des aus­wärtigen Dienstes gehört und bei Kanzler und Kaiser persona gratissima ist. Dr. Jrmers Laufbahn ist ziemlich außer­gewöhnlich gewesen. Er war von Beruf zuerst Historiker und pm Staatsarchiv in Hannover angestellt, als er die Aufmerk­samkeit des damaligen Oberpräsidenten Rudolf von Bennigsen «ms sich lenkte und 1893 zunächst als Hilfsarbeiter in das

Auswärtige Amt berufen und bald nachher zum Gouverneur der Marshall-Inseln ernannt wurde.

DieNordd. Allg.-Ztg." schreibt:

DieFreis. Ztg." wird nicht müde, über die Personalien der Kolonialabteilung irreführende Angaben zu verbreiten. Sie will beispielsweise das Obwalten besonderer Gründe dafür unterstellen, daß die Geschäfte der Abteilung zurzeit vertretungsweife von dem Geh. Legationsrat Rose geführt werden, nid)t von dem dienst- älteren Geheinirat v. König. Ter Grund liegt cinfad) darin, daß Geheimrat v. König beurlaubt ist. Unverständlich erscheinen die Bemerkungen des Blattes über eine nur expedierende Stellung des Geh. Legationsrats S ch m r d t - D a r g i tz. Dieser Beamte, der aus der Kolonialabteilung in die Rechtsäbteilung des Aus­wärtigen Aints versetzt worden ist, bekleidet hier wie früher bei der Kolonialabteilung die Stelle eines vortragenden Rates mit allen einem folchen zustehenden Befugnissen.

*

Zum Duell Pugliesi Conti-Sarrant schreibt em Pariser Korrespondent:

Das unter so eigentümlichen Umstünden kontrahierte DegendueU zwischen dem Unterstaatssetretär Sarraut und dem nationalistischen Deputierten Pugliesi Conti bildet gegenwärtig den Gegenstand aller Unterhaltung. Man steht vor einem ungewöhnlichen Zweikampf, wie iljn fein Duell- Kodex zuläßt. Ueberraschend war zunächst die Eile, mit der der Zweikampf ausgetragen wurde. Cs war gegen fünf Uhr abends, als der Unterstaatssekretär Sarraut in vffentl. Kammersitzung von der Ministerbant aufsprang, um dem unfern von ihm fitzenden Deputierten Pugliesi Conti einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen. Tie Gegner, sowie die beioerjeitigeii Sekundanten waren in heftigster Erregung, als sie um 7 Uhr abends die Kammer verließen, um in dem Villenorte Ville d'Avrah den Zweikampf sofort auszutragen. Bezüglich der Duell-Chancen bestand zwischen den beiden Gegnern ein großer Kontrast. Sarraut ist 35 Jahre alt, schlank, geschmeidig und em geübter Degen­fechter. Pugliesi Conti dagegen nähert sich schon den Fünf­zigern, ist tleiu und besitzt keine Fertigkeit im Fechten. In jedem Degenduell ist es Brauch, daß für einen jeden Gang eine Zeitdauer festgesetzt wird. (In der Regel 3 Minuten.) In diesem Duell wurde dagegen entschieden, daß man sich so lange schlagen solle, bis einer der Gegner eine Unter­brechung verlange. Dann wurden auch die Plätze der Käm­pfenden nicht durch das Los bestimmt. Pugliesi Conti er­hielt die schlechteste Stellung. Entgegen allem Gebrauch lourbe auch der Dirigent des Zweikampfes nicht durch das Los gewählt. Ein persönlicher Freund des Sarraut leitete das Duell. Der allergrößte Verstoß gegen die Duellregeln war aber der zu kurze Zeitraum zwischen der erfolgten Be­leidigung und deren Sühne. Aus das Kommando Cle- meneeausFertig, meine Herren!" griff Sarraut sofort wütend feinen Gegner an. Dieser konnte kaum parieren, und es erfolgte gleich ein corps ä corps zwischen den Duellanten. Tie vier Zeugen glaubten Pugliesi Conti verwundet, wes- halb sich Clemcnceau dem Deputierten näherte und ries: Sie sind verwundet". Tie kreuzenden Legen hielten ein, und während man bei dem Deputierten nach der Wunde suchte, meinte plötzlich Sarraut:Nicht er, sondern ich bin verwundet." Tatsächlich sah man aus seiner rechten Brust- feite Blut rieseln, und alsbald brach er Blut und fiel in Ohnmacht. In seinem grimmigen Vorstoß war Sarraut buchstäblich in den Legen seines Gegners hineingerannt, dessen Spitze sich in den rechten Lungenflügel bohrte. Ter ganze Kamps hatte kaum 20 Sekunden gedauert.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Juli. Ter facher unternahm gestern nachmittag auf demSleipner" von Tigermulen aus eine Fahrt in den kleinen, aber sehr romantischen Coldsjord. Tie Abreise nach Trontheim sollte heute morgen 7 Uhr erfolgen.

Ter Landgraf Alexander Friedrich von Hessen wird die nächsten Monate auf feinem Schlosse Panter in Holstein zubringen. Als feine Gaste erwartet er dort feinen Bruder, den Prinzen Friedrich Karl von Hessen und dessen Gemahlin, die jüngst eSchwester des Kaisers, mit ihren Kindern, die eine Reihe von Wochen im Schloß Panker verbleiben werden. Ter Landgraf, der fast gänzlich erblindet ist, beabsichtigt im Oktober Teutschland zu ver­lassen und eine längere Fahrt nach Indien zu unternehmen.

Ter Reichskanzler hat aus Rorderneh anläßlich des Ablebens des Abg. Dr. mattier an die Witwe nach­stehendes Beileidstelegramm gerichtet:

Schmerzlid) bewegt durch die "Nachricht von dem Hin­scheiden Ihres verehrten Herrn Gemahls bitte ick) Sie, den Ausdruck meiner auirichtigpen Teilnahme entgegen zu nehmen. Ich habe den Entschlafenen als Mensch und Politiker gleich hoch geschätzt. Nicht nur feiner Partei und dem ganzen parlamentarisck)en Leben nmb feine auf die edelsten Ziele ge- ridjtete politische Arbeitskraft fehlen.

Karlsruhe, 17. Juli. Tie erste Kammer hat heute gleichfalls der P e r s o n e u t a r i f r e f o r m z u g e st i m m t.

Mannheim, 17. Juli.^Ter Stadtrat hat seine Zu­sage, dem vom 23. bis 29. September hier tagenden so­zialdemokratischen Parteitage die Säle des städtischen Rosengartens zur Verfügung zu stellen, minder Begründung zurückgezogen, die Säle seien für Sep­tember und Oktober deshalb nicht verfügbar, weil man nicht wisse, wann der Geburtstag und die goldene Hochzeit des Großherzogs in Mannheim gefeiert wurden. Tie Ab­haltung des Parteitages in Mannheim wird dadurch nicht in Frage gestellt, weil noch andere Lokale zur Verfügung stehen.

München, 17. Juli. Die Abgeordnetenkammer hat heute nach wiederholten eingehenden Verhandlungen mit 69 gegen 40 Stimmen die Einführung einer Staats- taff en lottert e nach dem Muster Preußens und der anderen Staaten ab gelehnt.

Ausland.

London, 17. Juli. Lord Knollys, der Privatsekretär König Edilards, erklärte einem Vertreter desGlobe" gegenüber für möglich, daß der König demnächst mit Kaiser W ilh e lm z u j a m m c n tr e f f e n wuroe, be­anstandete jedoch eine Meldung des PariserFigaro", die

eine solche Begegnung allzu zuversichtlich als sehr möglich bezeichnete. ,

Tie heutigen Meldungen aus Kairo stimmen darin überein, daß die Lage in Egypten sich täglich ver­schlimmert. Der fanatische Haß der Eingeborenen gegen die Europäer im allgemeinen und gegen die Engländer im besonderen nimmt täglich zu. Tie treuen Eingeborenen lassen der Regierung Warnungen über einen bevorstehenden Ausstand zukommen. Tie egyptische Regierung trifft mit der englischen Vorbereitungen, um die Garnisonen in Khartum und anderen Städten zu vermehren. Englische Posten werden auch in Egypten errichtet, um eine Kon­trolle über die Bevölkerung zu ermöglichen. Tie Zahl der englischen Offiziere in der e gy pt isch en Ar­mee wird vermehrt. Tie egyptischen Mittelklassen er­klären sich mit dem niederen Volk solidarisch und gehen gemeinsanr mit diesem in der Verteidigung gegen die Eng­länder vor.

Ein Blatt veröffentlicht einen zuverlässigen Privat­brief aus Natal, der die von britischen Truppen an wehrlosen Negern verübten Grausam­keiten vollauf bestätigt. In dem Briefe heißt es: Mehlaka- Zuluneger, von drei Seiten umringt, waren bereit, die Waffen niederzulegen, als Natal-Polizisten, von Rachelust getrieben, zu ihrer Ermordung aufforderten, worauf in zweistündigem Gemetzel 700 Neger getötet wurden.

Paris, 17. Juli. Durch Verfügung des Kriegs- ministers ist Picquart interimiftifd) mit dem gegen­wärtig erledigten Kommando der 10. Infanterie- Division rn Paris betraut worden. Er wird in kurzer Zeit dieses Kommando definitiv erhalten unter Beförder­ung zum Tivisionsgeneral.

Wien, 17. Juli. TasFremd en blatt" erhält aus Marienbad ein Telegramm, worin es heißt, es verlaute mit Bestimmtheit, daß für diesen Sommer hier keine Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz Joses und König Eduard geplant sei.

Newhork, 17. Juli. Wie dem ,Mewhork Herald" aus Mexiko gemeldet wird, beträgt die Dahl der auf Seiten von Salvador bis zum 16. Juli Gefallenen 700, die der Verwundeten wird auf 1100 geschätzt. Die Verluste auf Seiten Guatemalas schätzt mau demNewyork Her." zufolge auf 2800 Tote und 3900 Verwundete. Ein Tele­gramm aus La Libertad meldet, daß der Waffen st ill- stand morgen bei Tagesanbruch beginnt und der Frie­densvertrag auf hoher See an Bord des Kreuzers der Vereinigten StaatenMarblehead" unterzeichnet werden wird. General 91 e gala do, der Führer der Truppen Salvadors, ist am 12. Juli im Kampfe bei El Jidaro ge­fallen.

Aus dem parlamentarischen Außland.

In der NeichLduma kam am Dienstag die Agrar­frage zur Verhandlung. Der Präsident teilte mit, daß sich 55 Redner zum Worte gemeldet haben. Professor Kusmine Karawajew weist darauf hin, daß das Volk zurzeit keine Autorität anerkenne, ausgenommen die der Reichsduma. Die sehr lebhafte Stimmung des Hauses wird noch mehr erregt unter dem Eindruck der Rede des Abg. Ledmtzky, der bean­tragt, an das Volk ein Manifest zu richten. Die Reichsduma dürste nicht warten, bis Dörfer und Städte in Flammen stehen und das ganze Land der Anarchie verfalle. (Stürm. Beifall auf der äußersten Linken, Zurufe im Zentrum und auf der Rechten.)

Am 17. Juli wurde das von der Reichsduma und denr Reichsrate angenommene, vorn Kaiser genehmigte Gesetz über die Bewilligung von 15 Mill. Rubel zur Befriedigung der Bedürfnisse der von Hungersnot betroffenen Bevölkerung veröffentlicht. Dies ist das erste feit dem Bestehen der neuen Verfassungsoerhältnisse zustande gekommene Gesetz.

In Petersburg' traten in einigen Stadtteilen die Schutzleute in den Ausstand, weil sie keine Dienst­gelder erhalten haben. Sie ziehen gruppenweise umher und nötigen die diensttuenden Kameraden, ihre Posten zu ver­lassen. Die ausständigen Schutzleute stellen Forderungen wirtschaftlichen Charakters.

Nach einer Meldung au§ Odessa haben die Mann­schaften verschiedener Kriegsschiffe der Schwarzen Meerflotte wieder gemeutert. Die Matrosen des Schlachtschiffes Tschesma", sowie des unrühmlich bekannten Schlachtschiffes Panteleimon" beherrschen ihre Offiziere. Diese Mannschaften lehnen es überhaupt ab, irgendwelche Befehle auszuführen und verbringen den Tag müßig, indem sie an Bord revolutionäre Lieder singen und Versammlungen ab­halten.

In Mitau wurden der Schiffskommandant Carnow und zwei Offiziere von zwei entlaffenen Matrosen durch eine Bombe getötet. Die Täter sind entkommen.

Es verlautet, der Gouoertleur von Marsch au habe einen Drohbrief erhalten des Inhalts, daß im Falle eines Pogronis die G e n e r a l k o n s li l n D e u t s ch l a n d s, O e st e r - reichs, Englands und Amerikas zum Tode ver­urteilt werden würden. Deswegen werden die General­konsulate militärisch bewacht. Der Streik der Zuckerbäcker dauert fort. Alle Konditoreien und Kaffeehäuser sind auf drei Tage gesperrt. Die Gärtner, Weichselschiffsknechte und jüdischen Kellner streiken ebenfalls. In den poln. Kreisen Kutno, Gostynia und Lenezyea nimmt der Streik der Land­arbeiter zu. Die Feldarbeiten auf 50 großen Gütern, da­runter das Gut Strcelce, ivclches der deutschen Familie von Treskvlv gehört, stehen still. In manchen Orten wirken die Geistlichen beruhigend.

Ten Bauernunruhen ist nun and) das berühmte Gestüt zum Opfer gefaüen, wo die Orlow-Traber gezüchtet mürben. Das Gestüt wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts vom Grasen Orlow-Tschesmensky ge-