Aus Stadt und Land.
Gießen, den 18. Mai 1906.
*• Erledigt ist eine mit einem evcmg. Lehrer zu besetzende Lehrer fiel le an der Gemeindeschule zu Ulrichstein. Mit der Stelle kann die Hälfte des Organistendienstes verbunden werden.
r Londorf, 16. Mai. Eine rege Bautätigkeit hat sich im vergangenen und auch in diesem Jahre hier entwickelt. Eine ganze Anzahl neuer Häuser sind gebaut worden und auch gegenwärtig sind wieder einige im Entstehen begriffen. Dem Wohnungsmangel, der noch vor einigen Jahren hier herrschte, ist dadurch abgeholsen worden, und die Preise für Wohnungen sind erheblich zurückgegangeu.
(L) Hungen, 16. Mai. Die H a n ptv e r s amIil un g des Oberhessischen Ob st bau Vereins findet Sonntag, 27. Mai, hier im Hotel Solmscr Hof statt. Aus der reichhaltigen Tagesordnung sei nur erwähnt das zeitgemäße Thema: Der Obstbau nach der Jeldbereinignng,. das von dem Obstbautechniker Wiesner behandelt wird, sowie ein Vortrag des Dr. Hofmann- Friedberg: Die Bedeutung des Wassers für das Leben des Obstbaums.
)( H u n g e n, 18. Mai. Samstag, 19. Mai, feiert unser Bezirkslehrerverein in Langd das 25iährige Dien st - j u b i l ä u m seines Obmanns, Lehrers B e st. Der Jubilar wirkt nun schon über 16 Jahre an der dortigen einklassigen Schule.
W. Bad-Nauheim, 17. Mai. Das Programm zur Einweihung der neuerbauten „DankeSkirche" ist nun soweit vorbereitet. Die Gesangvereine von hier haben sich zu einem Gesamtchor verbunden, der die Feier durch zwei Chöre „Hymne von Beethoven" und „Lobgesang von Mendels- sohn" verschönern wird. Ebenso hat sich ein Frauenchor gebildet, welch-r dabei mitwirkt. Die neue Orgel, ein Kunstwerk von der Firma Walker in Ludwigsburg bei Stuttgart, trifft m diesen Tagen hier ein. Als Einweihungstag wurde von S. K. H. dem Großberzog der 21. Juni bestimmt.
□ Friedberg, 16. Mai. Infolge der großen Bautätigkeit der letzten Jahre sind die früher ausgedehnten Anlagen unserer Stadt an der Ost- und Südseite der Stadt fast gänzl'ch verschwunden. Auch die Vergrößerung des Bahnhofs hat die Anlagen sehr beschnitten. Deshalb hat die Verwaltung der Stadt die Herstellung neuer Promenaden beschloffen und hierzu eine größere Geldsumme vorgesehen. Auch der Verschöncrungsverein hat einen größeren Betrag bewilligt. Für die Westseite hat Stadtbaumeister i. P. Zorb unentgeltlich Pläne zu Anlagen und Promenaden her- gestellt. Die Stadt beabsichtigt ferner die Pachtung des Burgbergs vom Fiskus zur Herstellung von Ruheplätzen und Wegen. — Der Voranschlag der Stadt für 1906 enthält eine Einnahme von 574 250 Mk., davon entfallen auf Gemeindesteuer 209 400 Mk., vom Gaswerk 25 000Mk., Oktroi 10 850 Mk., Wasserwerk 11400 Mk. Bei den Ausgaben erfordern Straßenbauten 31200 Mk., Zinsen für geliehene Kapitalien 32 500 Mk., Volksschulen 49 000 Mk., Beitrag zur Kreiskasse 35 500 Mk., höhere Schulen und Ge- werbekademie 15 000 Mk.
— Berstadt, 16. Mai. Ein furchtbares Unwetter ging über unsere Gegend nieder, verbunden mit heftigen Blitzschlägen und wolkenbruchartigem Regen. Der Blitz schlug wiederholt in Telegraphenstangen und Bäume. In Utphe schlug der Blitz in das Hofgut des Grafen Laubach und äscherte einen Stall und Heuschober ein. Auf dem Felde wurde ein Bauersmann vom Blitz getroffen und gelähmt.
l. Ulfa, 18. Mai. In vielen Teilen der hiesige:! Fcld- gemarknng hat der Hagel auf den Getreidefeldern erheblichen Schaden verursacht. Ein grvßer Teil der Besitzer ist glücklicherweise versichert und es kommen hauptsächlich die Norddeutsche Hagelversicherung, Jotoie der Mittelrheinische Verband inbetracht. Auch die jungen Triebe der Waldbäume haben sehr von dem Unwetter gelitten.
? Kirchbracht, 17. Mai. Der in weiteren Kreisen Oberhessens (besonders im Vogelsberg) bekannte Schneider- Konrad Junker wurde zum Bürgermeister gewählt. Der Gewählte genügte jeiner Militärpflicht bei der kais. Maprne und war beim Untergange des „Großen Kurfürsten" auf dem „König Wilhelm" stationiert.
R. B. Darmstadt, 17. Mai. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten lag von freisinniger Seite ein Antrag vor, die Regierung zu ersuchen, gegen die im Reichstag beschlossene Fahrkarten st euer Widerspruch zu erheben. Die Versammlung beauftragte die Bürgermeisterei, zunächst Erkundigung darüber einzuziehen, ob durch diese neue Besteuerung auch die Fahrkarten der hiesigen elektrischen Straßenbahn getroffen werden. Wenn das der Fall ist, soll die Bürgermeisterei bei Großh. Regierung in einer Eingabe dahin vorstellig werden, daß der hessische Vertreter im Bundesrat instruiert werde, gegen die Fahrkartensteuer aufzutreten. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete heute die Beratung des städtischen Voranschlags für 19 0 6. Der von der Bürgermeisterei aufgestellte Voranschlag schließt in Einnahme und Ausgabe mit der Summe von 5 331 220 Mk., d. i. 324 520 Mk. mehr als im Vorjahr. Bemerkenswert ist die beträchtliche Steigerung der Einnahmen aus den drei großen Wirtschaftsbetrieben der Stadt. Der Ueberschuß aus dem Elektrizitätswerk ist auf 100000 Mk. (40000 mehr als im Vorjahr), der Ueberschuß aus dem Gaswerk 250 000 Mk. (mehr 50 000 Mk.) und der Ueberschuß aus dem Wasserwerk 189 650 Mk. (22 280 Mk. mehr). Die Gesamtausgabe für die städtischen Schulen beträgt 1050 500 Mark, die Mehreinnahmen dafür betragen 24 630 Mk., die Mehrausgaben dagegen 97 290 Mk. Da die laufenden Einnahmen der Stadt insgesamt 3 047 220 Mk. betragen, so bleibt die Summe von 2 284 000 Mk. durch Gemeindesteuer zu decken. Die Stadtverordneten-Versammlung hat bereits in einer früheren Sitzung beschlossen, zur Deckung dieser Summe den bisherigen Zuschlag von 88,2 Proz. zur Staatssteuer auf 91,2 Proz. zu erhöhen.
□ Münster am Taunus, 16. Mai. Eine neue Sommerfrische ist hier am Fuße des Hausbergs unter dem Namen „Hubertus" dieser Tage eröffnet morden. Sie bietet auch den Touristen einen willkommenen Aufenthalt.
fc. Frankfurt a. M., 16. Mai. In der Nähe der Sachsenhäuser Warte, an der Waldlisiere, hat sich der 28 - jährige Gärtner Hör sch erschossen. — Der 30 jährige stellenlose Kaufmann Georg Rullmann, Mainzer Landstraße 71, wurde auf einer Promenadenbank in Nizza halb- tot aufgefunden. Er hatte in der Absicht, sich das Leben zu nehmen, eine Sublimatlösung getrunken. — Die Sektion
des als Leiche aufgefundenen Musketiers Buch he im vom 81. Infanterie-Regiment ergab, daß er eines freiwilligen Todes nicht gestorben sein kann. Der Schädel wies an der Stirn eine Verletzung auf, die darauf schließen läßt, daß B. mit einem Hammer erschlagen worden ist.
fc. Frankfurt a. M., 17. Mai. Heute beging die Landgräfin Anna von Hessen in ihrer Villa in der Savignhstraße ihren 7 0. Geburtstag. Landgraf Alexander Fredrich bvn Hessen war zur Feier von London hierher gekommen, ebenso die anderen Kinder: Erbprin- zessin Elisabeth von Anhalt, Prinzessin Sibylle von Hessen und Prinz Friedrich Karl von Hessen. Im Schlosse zu Philippsruhe sand am Nachmittage zu Ehren der Landgräfin große Hoftafel statt, an der die Landgräfin und die Genannten teilnahmen. — Die Metzger haben die Sch weine fleisch preise um 10 Pfg. das Pfund endlich herabgesetzt.
** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Mannheim versuchte der Inhaber eines anrüchigen Absteigequartiers Engert seine schlafende Frau zu ermorden, indem er ihr die Kehle durchschnitt und mehrere Rcvo! richüsse auf fie abgab. Engert erhängte sich dann. — In Oberzeuzheim bei Limburg erschlug der Blitz gestern nachmittag den Maurer Josef Hahn und be- täubte zwei weitere Personen.
vermischtes.
Hannover, 16. Mau In der heutigen Sitzung des Bürgervorstehcr-Kollegiums, die sehr stürmisch verlief, wurde mit allen gegen drei Stimmen beschlossen, den Bürgervorsteher Küster zur Niederlegung seines Amtes aufzufordern, da durch das rechtskräftig gewordene Schöffengerichtsurteil erwiesen sei, daß er in Submissionssachen bei dem Nathausbau die finanziellen Interessen der Stadt geschädigt habe.
• lieber die Ursachen des Kalifornischen Erdbebens wird aus Amerika gemeldet, der Vorstand der geologischen Abteilung d"r Leland Stanford Universität in Palo- Alto habe bereits genaue Untersuchungen angestellt. Er sei dabei zu dem Ergebnisse gekommen, die ganze westliche Seite Kaliforniens nach der See zu habe sich bis zu 2 .Fuß bewegt, auch habe sich eine große, der Küste varallel laufende Erdspalte von 6 Km. Länge gebildet. Ob die Angaben in dieser Form richtig sind, muß zunächst dahingestellt bleiben; jedenfalls kann die Bildung einer 6 Km. langen Erdspalte nicht Ursache, sondern nur Wirkung des Erdbebens sein.
* Der Lohn des Geschworenen. In Corning, New-Pork, gewann jüngst Fräulein Helene Rebmann, ein hübsches deutsches Dienstmädchen, einen Prozeß wegen gebrochenen Eheversprechens und damit ein Wundpflaster von 3225 Dollars. Tags darauf sprach einer der galanten Geschworenen, die den Wahrspruch gefällt, bei ihr vor und hielt in aller Form tun ihre Hand an. Die schöne Helene gab ihm errötend ihr Jawort.
* Einen hundertjährigen Mitbürger besitzt die Stadtgemeinde Meschede (Westfalen) in der Person des Rentners Wilhelm Nausester. Der Jubilar beging seinen Geburtstag in geistiger und körperlicher Frische, er liest und schreibt noch ohne Brille.
*Die verfrühten „Hitzeferien". In dem welt- entlegenen Heidedörfchen R. waltete dieser Tage der Herr Lehrer mit Ernst und Würde feines schwierigen Amtes, der ihm auvertrauten Dorfjugend die lange Reihe der alttestamentarischen Bücher einzupauken. Es' wollte heute gar nicht gehen, die unbeholfenen Zungen der Heidekinder sträubten sich mit aller Gewalt gegen die ihnen zugemutete Arbeit, die so fremd klingenden hebräischen Namen zu bewältigen. Dem armen Lehrer standen die Schweißtropfen auf der Stirn — war es denn wirklich so warm heute oder war nur seine angestrengte geistige, bisweilen freilich auch körperliche Tätigkeit hieran schuld? Die Sonne schien lachend herein ins Schulzimmer, kein Wölkchen verwehrte ihr den Zutritt. Je höher sic am Himmel emporstieg, desto schlimmer wurde es. Auch die Kinder leiden sichtlich unter der zunehmenden Wärme. Kopfschüttelnd geht der Lehrer nach der Ecke hin, in der das Thermometer hängt. Wahrhaftig — 23 Grad Reaumur! Er zieht die Uhr hervor; es ist V2II. „Ihr könnt jetzt nach Hause gehen, Kinder, wir haben über 20 Grad Wärme!" Jubelnd vernimmt die Schar diese willkommene Aufforderung und in wenigen Augenblicken ist das Zimmer leer. Auch der Lehrer folgt und tritt, sich den Schweiß trocknend, aus dem Hause. Aber was ist das? Kalt und unfreundlich bläst ihm der Wind entgegen! Mit ahnungsvollem Entsetzen stürzt er wieder ins Zimmer, ein Griff nach dem Ofen: Der glüht ja wie ein Plättbolzen!
* Eine originelle Grabschrift. Auf dem alten Kirchhof zu Bamberg, rechts an der Mauer, steht ein alter Grabstein, auf welchem zu lesen ist:
Hier ruht Margaretha Plank, Gott sei es gedankt, Im Leben hat sie nichts wie gezankt, Wand'rer gehe weg von hier, Sonst steht sie auf und zankt mit Dir.
* Kleine Tageschronik. In Bochum mürbe bas sieben Jahre alte Töchterchen einer im Bezirke Hosstebe wohnhaften Familie in bas Krankenbatis eingeliesert, wo die Genickstarre an bem Kinbe festgestetlt würbe.— In München wurde der Raubmörder Liebl auf dem Viktualienmarkte nach heftiger Gegenwehr verhaftet. Liebl halte auf seine Verfolger mehrere Revolverschüsse abgefeuert. — Ein Streckenarbeiter aus Breitungen, der als angeblicher Waldaufseher jahrelang arme Holz sammelnde Frauen mißbraucht hat, mürbe in Immelborn verhaftet. Nicht luemger als 40 Fälle sollen bisher gemeldet sein. — In B e r l i n schoß der Glaser Emil Blumenthal bei einem Streite dreimal auf seinen Gegner, den Arbeiter Angtist Weckenat und verletzte ihn schwer; außerdem erhielten auch die Schwester des Weckenat, sowie ein zweijähriges Kind leichte Schuß- verletzungen. Der Täter wurde verhaftet. — Bei Freiburg (Breisgau) wurde der vor Monaten auf einer Schneeschuhtour verschollene russische Student v. K l 0 t erfroren aufgefunden.— In der Gewerkschaft „Deutscher Kaiser" bei Essen (Ruhr) siel dem Arbeiter Hartmann eine 25 000 Kgr. schwere Kabelkiste auf den Körper. H. wurde vollständig z e r m a I m t. — In Berlin verlor der Maurer Friedel, der im 3. Stockwerk eine Ladung Mauersteine emporheben wollte, das Gleichgewicht und stürzte rücklings in die Tiefe. Dem Bedauernswerten wurde der Schädel z e r s ch tn e t t e r t; er starb auf dem Wege zur Nnfallstation. — Infolge Genusses von Kubsleisch von der Freibank erkrankten in K l e i n b e r g bei Köln zahlreiche Leute aus den ärmeren Kreisen lebensgefährlich.
GerichtssaaL.
(a.) Lauterbach, 18. Mai. Am 1. Weihnachtsfeiertage ivvllte die „Stettiner Bohrgesellschaft" in der Gemarkung Wernges arbeiten und hatte um diesbezgl. Erlaubnis beim Ki:eisamt Lauterbach nachgesucht, die ihr aber verweigert wurde. Nun forderte die Gesellschaft ihre Arbeiter telegraphisch auf, am 1. Weihnachtstage zu arbeiten und versprach jedem, der dieser Aufforderung nachkam, außer der ev. I Strafe noch eine Remuneration von 10 Mark. Der leitende
Ingenieur totoic sämtliche Arbeiter wurden mit einer Straft von 10 Mark belegt, gegen welche Strafe ersterer Widerspruch erhob mit der Begründung, daß er „selbst nicht gearbeitet habe". Das Schöffengericht konnte sich indessen nicht von der Unschuld des Angeklagten überzeugen und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 10 Mk.
R. B. Darmstadt, 17. Mai. Daß trotz aller Belehrungen in der Presse die Dummen nicht aHe iverben, bewies bic heutige umfangreiche Verhandlung vor der S t r a f k a m mer. Die Anklage richtete sich gegen den 25 jährigen früheren Schreiber H. W e ck l e r von hier und lautete auf Betrug, Unterschlagung, Kautionss chwindel ufro. Weckler war früher auf dem städtischen Bureau angestellt. Er fühlte sich aber zu höherem berufen und gründete schon 1903 eine Zeitschrift: „Schmücke Dein Heim", die natürlich gleich nach ihrer Entstehung verkrachte. Später erwarb er mit den wenigen Nvtgroschcn seiner Mutter vom Daran v. Linfing den „Bergsträßer, Bickenbacher und Secheimer Generalanzeiger", der ebenfalls in die Brüche ging und Weckler völlig mittellos machte; ebenso erging es mit einer Gründung in der Pholograph'cbranche. Obgleich nun der Angeklagte bereits 1904 den Offenbarungseid geleistet hatte, gründete er im Sommer v. I. ein Korrespondenz- und Reklame- Emire au, wobei er jedem feiner Mitarbeiter, die er in allen Städten suchte, den Betrag von 50 Mark als Anteil an dem zu errichtenden großen „Geschäftsbau" abverlangte. Doch das ..zog" nicht recht und so begann' der Schwindel im großen Stil. Er schuf ein „Internationales Kvrrespondenzbureau Weck- ler, Zentrale Darmstadt" und suchte in allen Städten, möglichst weit von hier entfernt, für sein Bureau Filiale-Leiter, denen er bis zu 300 Mark Monatsgehalt versprach, wenn sie die geforderte Kaution von 1000 Mark oder - auch weniger einfanbten. Die Kaution sollte lt. Vertrag dafür haften, „daß nicht strafbare Berichte veröffentlicht werden; sie sollte „auf hiesiger Bank" niedergelegt und mit 31/2 Prozent verzinst werden. Von den 27 „Filialleitern^, mit denen Weckler fein Ml^iöver versuchte, fielen tatsächlich acht mit einem Gesamtbetrag von 5200 Mark herein, die der Angeklagte, der sich auch einen Bureauvorsteher und mehrere Angestellte leistete, fast ausschließlich für sich brauchte. Die ganze dreimonatliche. Tätigkeit deS Bureaus bestand nach den heutigen Zeugenaussagen in Korrespondenzen behufs Erlangung hoher Kautionen, die vielen von dem angeblich nach den Beispielen von Wolfs und Reuters Depeschenbureau eingerichteten Internationalen Bureau gewechselten Depeschen ebenfalls. Der Angeklagte bestritt heute jede betrügerische Absicht und behauptete, nrr der Hausbursche seines Dureauvorstehers Wallrad gewesen zu sein. Staatsanwalt Dr. Brill bezeichnete das Schwindelunternehmen als gemeingefährlich und beantragte 2 Jahre Gefängnis, wobei als mildernder Umstand nur der unglaubliche Größenwahn in Betracht kommen könne, mit welchem der Angeklagte ohne Bildung, ohne Sachkenntnis und ohne alle Mittel bei der Gründung zu Werke gegangen fei. Auch der Gerichtshof erklärte die Art des Geschäftsgebahrens des Angeklagten als eilten „großartigen Schwindel" und verurteilte ihn zu I J a hr 10 Monaten Ge fängnis unter Anrechnung von 4 Monaten auf die Untersuchungshaft.
LLseirbahtt-Zeitring.
— Die „Nvrdd. Allg. Ztg." schreibt: Neuerdings sind Zweifel laut geworden, ob nach dem deutschen Personen- und Gepäcktarif Svnntagskarten zu den bisherigen Preisen weiter ausgegeben werden sollen oder ob etwa nach Herabsetzung der Einheitspreise für die Einzelfahrt auch Ermäßigungen für die Sonntagskarten in Aussicht genommen sind. Solche Zweifel scheinen nach einer im vergangenen Jahre dem Landeseifenbahnrat vorgelegten Denkschrift ausgeschlossen. In dieser Denkschrift wurde ausdrücklich erfiärt, daß die Preise der Sonntagskarten wie die anderer Ausnahmekarten in der jetzigen Höhe auch nach der Reform beibehalten werden sollen.
Märkte.
ll Marburg, 17. Mai. Ans dem heute hier abgehaltenen S ch w e i n e m a r k t, der mit 740 Ferkeln, Läufern und Schlachtschweinen beiahren war, herrschte ein so außergewöhnlich flottes Geschält, daß gewissermaßen fast auSverkauft wurde. Während die Preise für Schlachtsauen etwas zurückgingcn, blieben sie bei den vielbegehrten Ferkeln und Läufern atü seitheriger Höhe. Für erstere bezahlte man bas Paar 50—56 und für letztere 90—110 Mk. Die Käufer waren hauptsächlich frembe Händler.
r Nibba, 17. Mai. Bei bem gestrigen S ch w e i n e m a r k t war von einem Sinken der Ferkelpreise noch nichts zu merken. Zwei Waggon Hannoveraner Jungvieh durften wegen Seuchenverbacht nicht ansgelaben werden, wurden aber später fretgegeben und sämtlich verkauft. Ein Händler, der trotz Verbots des beaufsichtigenden Tierarztes Zuchtvieh absehte, wurde zur Anzeige gebracht.
des Großherzoglichen Kurtheaters Bad-Nauheim.
Direktion Hermann S t e i n g 0 e t t e r.
Montag den 21. Mai: „Niobe." Schwank in 3 Akten von H. und E. A. Paulton." Mittwoch den 23. Mai: Operetten» Vorstellung. Gastspiel von Frl. Else Jüngling vom Hoftheater in Darmstadt: „Mamzell» Nitonche." Operette in 3 Akten von Metlhae n. Milland. Freitag den 25. Mai: „Die beiden Leonoren/ Lnstspiel in 4 Anftügen von Vanl Lindati.
FarniLien-Aa^rtchten.
Gestorbene: Wilhelm Weißgerber in Lauterbach. —» Seligmann Meyer in Himbach. — Gustav Wilhelm Schmid m Reichelsheim i. d. W. — Dorothea Grimmell, geb. Leinweber, Luise Ochsenins, geb. Freiin Rau von Holzhanseu; beide in Marburg. — Heittrich Fölling in Kirchhain. — Stadto. Adolf Becker in Wetzlar. — Job. Jost Gerhardt in Dillenburg.
Die deutschen LebeusversichernngSgesellschaftcu int Jahre 1905. Nach dem „National-Oekonom" betrug der gesamte Lebens- versicherungsbestand aller deutschen Gesellschaften 10118,4, der Reinzuwachs 545,6 Millionen Mark. Es hatten an Gesamtbeftandi die Bi ctvria 1 Milliarde und 286 Millionen Mark, Gotha 892,2, Stuttgart 746,8, Leipzig 737,6, Germania 724,3, Karlsruhe 559,8 Millionen Mark. Von allen 51 Gesellschaften hatten 41 je mindestens 1 Milliarde Mark weniger Gesamtversicherungs- bestand als die Victoria. 3)j?r Bestand der Victoria war imt 394 Millionen Mark höher als der der nächstgrößten Gesellschaft. Vor 20 Jähren hatte die Victoria noch 392 Millionen Mark weniger Bestand als diese Gesellschaft damals aufwies. Der Reinzutvachs war mit 93 MMionen Mark am größten bei der Victoria. Bei der nächsten Gesellschaft war der Zuwachs noch nicht halb so groß. Volks- und Sterbekafsenversicherung betreiben ca. 30 Gesellschaften. Der gesamte Versicherungsbestand hierin betrug 1069 Millionen Mark, wovon die Hälfte mit 529,9 Millionen auf die Victoria kommt; der gesamte Reinzuwachs betrug 90,4 Millionen Mark, bei der Victoria allein 39,7. Wie schon in allen Jähren seit 1896 war auch im Jahre 1905 der Zuwachs in der Volksversicherung allein bei der Victoria aus eigenem Geschäft größer als der Zuwachs bei jeder anderen Gesellschaft überhaupt. In der größeren Lcbenspersicherung hatte die Victoria einen Reinzuwachs von 53,5 Millionen Mark. Im Ganzen gingen bei der Victoria im Jahre 1905 485 931 Versicherungsanträge ein, d. s. pro Arbeitstag über 1600. Die Artträge in der Feuer- und Einbruchdiebstahlversicherung (sehr weit ü6er 100 000!, sind dabei natürlich nicht mitgerechnet.
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