Ausgabe 
20.6.1906 Zweites Blatt
 
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Sietzen

Utz

Regierungspräsidenten in Frankfurt a. O.,

v. Dewitz,

zum Obcrpräsidentcn von Schleswig-Holstein ist ebenfalls

der Provinz

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Formengebcr des Ganzen.

P. W.

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besonderes individuelles Gepräge zu geben, ist Herrn Steingoetter freilich nicht gelungen. Daran aber trägt doch in erster Linie der Verfasser die Schuld, der keiner von seinen weiblichen Figuren, mit allenfalls alleiniger schüchterner Ausnahme der Pohlgönscr Wirtin, ein Fünkchen Eigenart zuteil werden ließ. Wenn also heute Butzbach seine Festspieldarsteller feiert und voller Stolz dankbar auf ihr Talent blickt, dann darf es nicht unterlassen, einen großen Teil seines Dankes Herrn Direktor Steingötter darzubringen, als dem ausgezeichneten Regisseur des Festspiels, dem Lebenserwecker, AuSgestaltcr und

Redaktion,Expedition ».Druckerei: Schulstr.R. Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen.

vollzogen worden.

Der Rücktritt des Qbcrpräsidcnten

rmiltagssiund. 9-12 Uhr gejucht. Wilhelmstr.6,ll.

rier-u. Zither- Unterricht ,;[»aratt B. Lliugel

Alernes Feuilleton.

Stach der Aufführung von StorchsHüttenbergern" am letzten Sonntag in Biltzbach witrde außer dem Ver- fasier auch dein unertnüdlichen und uneigennützigen Regisseur der Butzbacher Festspiele, Direktor Herm. St e in g oetter, ein Lorbeerkranz durch S. K. H. den Großherzog zuteil. So ist denn also auch die überaus schwierige Negietätigkeit von unserem Landesherrn anerkannt worden. Es steht außer Frage, daß dem Regisseur des Festspiels zum großen Teile der außerordentliche Erfolg zit danken ist. Ec hat es ver- standcti, in die Massen Leben und Bewegung zu bringen, sodaß gerade die schtvicrigeren Szenen, wie die in der Spinnstttbc und die auf detn Marktplätze, besonders gtck gelangen. Es ist wahr­lich nicht leicht, Dilettanten zu so außerordentlich erfreulichen Leistungen zu führen, wie wir sie vornehmlich bei den Dar­stellern des verschmitzten rind fidelen DorfdümmlingS und Dorfmusikanten Lipps, Herrn Krämer, und des begeisterungs­vollen jungen Vaterlandsfreundes Hinrich, Herrn Pfaff, gesehen haben. Vor allen anderen bewiesen aber auch gerade diese beiden Herren eine sehr bemerkenswerte darstellerische Veranlagung, und sie mögen Herrn Steingoetter die geringsten Mühesi verursacht haben. Herr Steingoetter ist auch verant­wortlich für die ruhige Besonnenheit und würdige Ueber- legenhert, die klare Diktion und tvarme Vortragsart des Herrn Loobs, der den Rektor Weidig darslellle, für die Prächtige Natürlichkeit und ungeschlachte Ungezwungenheit so vortrefflicher Bauerntyven, roie sie die Herren Weigel, Heydt und Reinig boten und für die simple Spießbürger. Achtelt einzelner Butzbacher Handwerker. Den jungen Damen ein

Aarlanrerrtarisches aus Hessen.

K. ß. Darmstadt, 19. Juni. Der Finanzaus­schuß der 1. Kammer hielt heute unter Vorsitz des stellv. Ausschußpräsidenten Frhrn. Heyl zu Herrnsheitn eine etwa fünfstündige Beratung ab, in der die von der 2. Kamnter fertiggestellten Vorlagen eingehend erörtert itnd beschloßen wurde, dern Plenum der Kammer deren Annahme zu em­pfehlen. Der Ausschuß beschloß die Zustimmung zu den

politische Tagesschau.

Der Noon der Marine.

In wenigen Tagen wird es sich zum neunten Mal jähren, baß der seinerzeit in unserem Nachbarorte St a u h e i m zur hVur weilci^c Herr v. Tirpitz aus dem Frontdienst beim ostasiati- scheo Geichwader zur Leitung des Reichsmarineamts berufen wurde. Wenn dieHamb. Nachr." eS als auffallend bezeichnen, daß Herr v. tirpitz nach Erledigung des letzten Flottengesetzes ohne kaiserliche Airerkennung geblieben sei, damit also wohl AintS- müdlgkeir des Staatssekretärs in Zusammenhang bringen wollen, so mutz dtese Vcrjion bei einem die Bismarck'schcn Traditionen hochyaltetrden Blatte überraschen. Wir glauben nicht, daß Herr v. Tirpitz die Reorganisation der Marine, auch in ihrem vor­läufig letzten, die Auslandsschiffe betreffenden Teil, betrieben hat in Erwartung von Anerkennungen, sondern weil er überzeugt war von der Notwendigkeit der Reorganisation im Rahmen des mit dem Reichstag vereinbarten Programms. Der Andeutung, Herr v. Tirpitz wolle sozusagennicht mehr mittun", weil er letzthin nicht in aller Fornt bedankt worden sei für seinen neuen staatsiiiännischen Erfolg, dieser Andeutung hätten dieHamb. Nachr." nicht Raum geben sollen.

Wenn Herr v. Tirpitz von der Leitung der Marine zurück­treten sollte, so geschielt eS, weil das Programm, auf das er sich verpflichtet hatte oder fühlte, im Wesentlichen durch- gesührt ist. Er hat sich in der Tat alsRoon der Marine" er- Nnesen, wenn auch äußere Umstände, zumal die weltpolitische Entwicklung, ihn bei seinem Reformwerk begünstigten. Neun Jahre an solcher Stelle zu stehen, das greift aber an die Nerven. Es könnten deshalb auch gesundheitliche Rücksichten Herrn von Tirpitz zu dem Gedanken führen, einer frischeren unverbrauchten Kraft Platz zu machen.

Als solche wird genannt der Vizeadmiral v. Ahlefeld. Der Vizeadmiral hat vor Herrn v. Tirpitz das voraus, daß er den Verwaltungsdienst Eennt. Er wurde vor etwa drei Jahren von dem Posten als Flaggoffizier beim ostasiatischen Kreuzer- geschwader zum Reichsmariueamt versetzt, und wohnte mehrere Sessionen hindurch als Bevollmäck)tigter zum Bundesrat den Etatsberatungen im Reichstag bei. Er hat nur wenige Male uz den nichtöffentlichen Sitzungen der Budgetkommission das Wort ergriffen zu kurzen Darlegungen. Herr v. Tirpitz war jeden­falls cüt kaum mittelmäßiger Redner, als er in's Amt kam; er wuchs aber mit seinen größeren Zwecken auch rednerisch.

Nun muß mmi fragen, ob ein erneuter Ausbau der Marine tm Bereich nicht ferner Wahrscheinlichkeit liegt, eine SchiffS- vermehrung, bereit Vertretung vor dem Reichstag Herr v. Tirpitz dem Vizeadmiral v. Ahlefeld überlassen möchte. Die leitenden Kreise des Flottenvereins sind bekanntlich nicht zuftieden mit dem gegenwärtigen Staatssekretär der Marine. Herr v. Tirpitz ließ sich nicht beirren durch den Petttionssturm von dieser Seite und die Uebertreibung, selbst neuere Kriegsschiffe als minder­wertiges Material alsschwimmende Särge" hinzustellen. Viel­leicht ist Herr v. Tirpitz des unaufhörlichen Kritisierens von dieser Seite nunmehr müde, vielleicht zweifelt er an dem Erfolg weiteren Widerftandes gegen das Drängen des Flottenverems. Bei einem etwaigen Wechsel in der Leitung der Marineverwaltung müßte dieses Moment immerhin in Betracht gezogen werden. ES wäre freilich eine Ironie auf die Anregungen, die internatio­nalen Rüstungen einzuschränken, und obendrein schwer vereinbar mit den mühsam zum Erfolg geführten Bestrebungen auf Besser­ung der Finanzlage des Reiches.

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Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juni. Der Kaiser stiftete gelegentlich seiner jüngsten Anwesenheit in Lüneburg, das er auf der Automobilfahrt von Hannover nach Hamburg berührte und wo er die St. Johanniskirche besichtigte, für den hohen Chor dieses Gotteshauses ein Fenster, dieTaufe Jesu durch Johannes" darstellend. T-er Monarch wünschte die sofortige Zusendung der Aiaße, um das Fenster so bald wie möglich durch einen bekannten Münchener Künstler aus­führen lassen zu können.

Die Versetzung des Obcrpräsidcntcn Frhrn. v. Wil­lnow s k i von Schleswig nach Magdeburg ist genehmigt und die Ernennung des Geh. Oberrcgierungsratcs v. Vo­lenti ni im Geh. Zivilkabinett zum Regierungspräsidenten in Frankfurt a. O. vollzogen worden. Die Bestallung des

beiden Vorstellungen der Kreisamtsgehilfen und den beiden Lehrerpetitionen, zur Vorlage betr. Bad Salzhausen, die wegen des AuStauschs von Gebäuden und Rechten deS Groß­herzoglichen Familieneigentums und Landeseigentums eine eingehende Erörterung hervorrief, zur Vorlage betreffs Veräußerung siSkaltscher Grundstücke, Veräußerung des Hof- gutes Merlau, Erweiterungsbauten im Landeskrankenhaus PhilippShospital, Gruppenwasserversorgung Bad-Nauheim, Geländeerwerb für ein Steuerkommiffariat in Darmstadt, Vorstellungen der Domanialsorstwarte, der Schreibgehilfen bei den Steuerkommiffariaten, Vordienstzeit der Lokomotivführer :c. Bezüglich der gemeinnützigen Bau vereine resp. des von der 2. Kammer angenommenen Antrags Dr. Frenay u. Gen. auf Gewährung von Darlehen ohne Vermittelung der kommunalen Verbände lag der ersten Kammer schon früher ein ganz ähnlicher Eintrag des Frhrn. Heyl zu Herrnsheim vor. Der Ausschuß beschloß die An- nahme dieses Antrages.

Der 2. (G e s e tz g e b u n g § -) A u § s ch u ß der 1. K a m m e r hält morgen vormittag eine Sitzung ab. Er wird die beiden zur Beratung stehenden Gesetzentwürfe {»betreff der Abänder­ung des Gesetzes über die Feld bereinigung und über das Berggesetz zweifellos nach den Beschlüffen der 2. Kammer annehmen.

Behrings Tuberkulös eheilmittel. Als Heft 11 seinerBeiträge zur experimentellen Therapie" ist von BehringS ArbeitModerne phthisiogenettsche und phchisiotherapcutische Pro­bleme in historischer Beleuckftung" erschienen. Von allgemeinstem Interesse ist in den EinleitungÄvorten, die wie das ganze Buch Exz. Althoff gewidmet sind, die Mitteilung, daß er hofft, noch vor Ablauf des Jahres den Fachgenossen sein neues Tuber­kulosemittel zur Prüfung übergeben zu können, an dessen Nutzbarmachung zur Bekämpfung der menschlichen Schwindsucht er seit längerer Zeit arbeite. Dieses neue Mittel (Tx genannt), das er füjon in Paris seinerzeit erwähnte, habe ferne Heil­and Schutzwirkung in Tierversuchen schon bewährt und stehe in intimem Zusammenhang mit seinen Studien über die Heilwirk­ungen seines Bovovaeeins (aus lebenben Tuberkelstämmen be­stehende Einspritzungen in die Blutbahn-, das sich bei Rindern als leistungsfähig erwiesen hat. In bezug auf die Herstellung-weise des Tx müsse er in seinen Angaben sichReserve auferlegen", denndie Gesundheit auch des stärksten Mannes verträgt aus die Dauer nid>t die Durchführung von Prioritätskämpfen und die durch die Konkurrenz aufcrlegten Kämpfe neben der Leistung von ausreibender produktiver Arbeit."

In Weimar ist her Landschaftsmaler Karl Hummel,

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In der auswärtigen Politik Italiens

scheint eS beim Zickzackkurs zu bleiben. Auf der einen Seite wird der östreichische Kriegsminister durch Verleihung eines hoben italiemschen Ordens ausgezeichnet eine Verbeugung nach der Richtung des Dreibunds, und auf der anderen Seite heißt es, der Minister des Auswärttgen, Tittoni, werde nach London reisen, um fein Botschaster-Wberusiingsschreiben zu überbringen, und bei dieser Gelegenheit, Paris berührend, mit dem Präsidenten FallKres und bem Minister des Austoärtigen Bourgeois Rücksprache zu nehmen. Daß diese Konferenz für die Tendenz der italienischen Politik charakteristischer toäre, als die erwähnte Ordensverleihung, liegt auf der Hand. Wer sie käme nicht überraschend. Das könnte man höchstens sagen von einem Besuch Tittonis in Deutschland. Davon aber schweigt des Bundes­genossen Höflichkeit. DieMeldung, daß Kaifcr Wilhelm an­fangs Oktober nach Mailand und Rom reisen werde, ist vorläufig untieftätigt.

der Sohn des bekannten Komponisten Hummel, plötzlich gestorben. Karl Hummel war am 31. August 1821 in Weimar geboren. Als Pate an seiner Wiege stand Karl Maria von Weber, während die Großherzogin Maria Paulowna, seiner Gattin Alexandrine, der Tockster ihres Geheimen Hofrates Völckel, als Taufpatin zur Seite stano. Karl H. war mit sieben Jahren der Spielkame­rad von Goethes Enkeln Walther und Wolfgang, und so hatte er oft Gelegenheit, Goethe in seinem Hause und Garten zu sehen. Als 14 jähriger kam Hummel in die Schule Prellers. In Kopenhagen hatte er mit Thorwaldsen Bekanntschaft gemacht, verkehrte in Rom im Hause des Hannoverschen Gesandten August Kestner, des Sohnes von Lotte Buff (GoethesLotte"). Fanny Lewald, Ottilie von Goethe, Adele Schopenhauer usw. Seit 1859 wirkte Hummel an der Kunstschule in Weimar.

Im Gegenteil". Alfred Kerr hat jüngst erzählt, an einem der letzten Tage Ibsens hätten seine Verwaisten einem Besucher auf feine Erkundigung nach Ibsens Besinden geant­wortet, eS gehe ihm besser. Da hörte man aus dem Nebenzimmer des Alten Stimme:Im Gegenteil". Und er soll bann fein Wort mehr gesprochen haben. Diesletzte Wort Ibsens" ist nun durch viele Zeitungen gegangen, ohne ben prosaisch erklären- ben Begleittext, fast schon als Legende; bieJugenb" bringt dazu folgende gereimte Glosse:

Durch alle Blätter geht die große Kunde

Von jenem Worte so bedeutungsvoll. Das Ibsen sprach in seiner letzten Stunde; Vernirnm's o Welt: Der Große in Apoll, Er sprach, indem ihn traf des Todes Pfeil: 3m Gegenteil".

Charakteristisch ist's! Nicht wahr, Ihr Leser? Und intressant, was so ein Großer spricht?

Nur plagt mich leider ein Verdacht, ein böser: Ist's nicht am End' damit, wie mitMehr Licht"? Sprach cr's auch wirklich zu der Menschheit Heil?

Im Gegenteil!

)rau Louis Reitz Mv.,

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Der Drcyfus-Prozetz.

Paris, 19. Juni.

Berichterstatter Moras bespricht ausführlich die von Picauart angcstellle Untersuchung, die dazu führte, den Verdacht auf Ester­hazy zu lenken. Er Verbreitet sich sodann über die Charaktereigen­schaften des letzteren. Tie Anklage, aus Grund welcher Dreyfus im Jahre 1904 verurteilt wurde, sei im Jahre 1899 mittels des Bori>ereaus auf vier Punkte ausgedehnt worden, von denen in der ersten Verhandlung niemals die Rede war, über welche ferner Dreyfus nicht vernommen wurde und die deshalb ordnungsgemäß in den Prozeß von Rennes nicht hätten hiueingezogen werden können. Sck)ließlich erinnerte Moros daran, daß die Kommission der sachverständigen Generale zu dem klaren Schluß gekommen sei, daß das Bordereau nicht die Arbett eines dlrtillerieoffiziers sei.

Äolonialrat.

Berlin, 19. Jüni.

(Zweiter Tag.)

Beim Etat von Kamerun wirb zunächst die Land­frage der Eingeborenen berührt und vom Vor­sitzenden erklärt, daß nur herrenloses Land zu Kronland umgewandelt wird, wobei durch besondere Landkonzessionen, welche, mit Unterstützung von Missionaren gemacht werden, die Rechte der Eingeborenen gewahrt werden. Zur Besprech­ung gelangt sodann die Frage der Schaffung einer dritten und höchsten richterlichen Instanz für die Schutz­gebiete und die Entfeuduug von alleren erfahrenen Richtern dorthin. Zur Beseitigung von Mißständen auf dem Gebiete des Wanderhändlerwesens werden von der Regierung Ab-, wchrnraßnahmen in 'Aussicht gestellt. Jin weiteren Verlaufe der Generaldiskussion wird über Schaffung eines Lehr­stuhles für Kolonialrecht, Reformation der Prügelstrafe, Abgrenzung Kameruns gegen die Nachbarkolonien und die Notwendigkeit, für exportierten Kautschuk Neuanpflanzungen zu verlangen, verhandelt.

Zweiter Gegenstand der Tagesordnung: Etat für Togo. In der Generaldiskussion werben die dortigen BerkeAs- verhältnisse usw. lobend hervorgehoben. Der anwesende Gou­verneur entwickelte seine Ansichten über die weitere Ent­wicklung des Eisenbahnnetzes.

Bei der Beratung des Etats von Deutsch-Neu­guinea wird über den Arbeitermangel geklagt und vor der Verwendung der Eingeborenen des Schutzgebietes in anderen unserer Kolonien gewarnt. Auch wird der Wunsch nach einer planmäßigen geologischen Er­forschung ausgesprochen. Ter anwesende Gouverneur gibt eine ausführliche Darstellung über den Vorteil der seitens des Norddeutschen Lloyd eingerichteten Küstenschiff­fahrt usw. Hierauf werden die Etats von Samoa, der Karo­linen-, der Marianen-, der Palau- und Marschallinseln be­raten. Zum Schluß stattet der Vorsitzende der landeskund­lichen Kommission den Bericht über die Tätigkeit vom letzten Jahre ab.

Sachsen, Staatsminister Dr. v. Bvctticher, erfolgt mit Ende dieses Monats. Mit ihm scheidet der älteste prcuß. Oberpräsident aus dem 'Amre. 1833 ist er zu Stettin ge­boren.

Dresden, 19. Juni. 142 deutsche Zigaretten­fi r m c u schlossen in einer hiesigen Lerfammlung eine Konvention zur Abwälzungder Ban der ölen st euer auf die Raucher. Sechs Firmen schlossen sich aus.

Major von Zander vor den Geschworenen.

Breslau, 19. Juni.

In der Hauptstadt Schlesiens hat ein Prozeß begonnen, der allgemeines Aufsehen erregt. Weit über 200 Zeugen, zpmeist Kaufleute und Großindustrielle aus Nord- und ©üb* beutschland, finb geladen. Angeklagt sind der Bezirkskom­mandeur und Major a. D. v. Zander nebst Gattin. Sie werden beide des Betruges in etwa 70 Fällen, des Meineides, der falschen eidesstattlichen Versicherung, deS einfachen und betrügerischen Bankrotts, Major v. Zander außerdem der Unterschlagung und der Untreue beschuldigt. Als dritter muß Ritterguts­besitzer Lüttich wegen Beihilfe zum betrügerischen Bankrott auf der Anklagebank Platz nehme». Major v. Zander war zuletzt Bezirkskommandeur in Wohlan. Das v. Zandersche Ehepaar soll weit über seine Verhältnisse gelebt und Ware» aller Art in großen Mengen in den verschiedensten Städten Deutschlands unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf Borg entnommen, außerdem sich gegen Wechsel große Summen ge­liehen haben.

Für Beschaffung des erbliche» Adeltitels an eine» Amtsrat erhielt v. Zander 300000 Mark. Dieses Geld verwandte er nicht zur Bezahlung seiner Schulden, sondern kaufte sich das Rittergut Schmögerle in der Absicht, ein Majorat für feinen Sohn zu errichten. Da die Gläubiger drängten und Pfändung beantragten, soll er zum Schein das Rittergut an den Rittergutsbesitzer Lüttich mit dem Rechte deS Rückkaufs verkauft haben. In diesem Verkaufe erblickt die Staatsanwaltschaft den betrügerischen Bankrott, v. Zander hat beschworen, daß der Kaufvertrag kein Schemvertrag war. Dadurch und bei Leistung mehrerer Offenbarungseide sotten er und seine Gattin sich des Meineides schuldig gemacht haben. Nachdem er seinen Abschied genommen, war er Auf- sichtsratsrnitglied mehrerer Jndustriegesellschaften. In dieser Eigenschaft soll er sich der Untreue und der Unterschlagung schuldig gemacht haben, v. Zander hat das Abitucienten- examen bestanden und Jura studiert. Er ist Ritter des Ho- hanniterocdens und anderer Orden. Lüttich ist Hauptmann der Landivehr und ebenfalls Inhaber mehrerer Orden.

Der Angeklagte von Zander, der einen krankhaften Ein­druck macht, bemerkt auf Befragen des Vorsitzenden mit sehr leiser Stimme, er bitte Rücksicht auf feinen Zustand zu nehmen. Er habe durch die 13 m o n a t i g c Untersuchungshaft geistig und körperlich gelitten. Er hätte schon in den ersten Jahren nach seiner Vermählung sehen müssen, daß seine Frau geistig nicht normal sei. Kurz vor der Hochzeit habe er erfahren, daß seine Frau noch eine große Rechnung

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Nr. 143 Zweites Blatt IS«.Jahrgang Mittwoch 30. Juni 1N0«

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