Ausgabe 
19.9.1906 Zweites Blatt
 
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1906. 22. Kosten der Feldbereinigung rechts der Lahn. 23. Gesuch des Dr. Zinßer um Erlaubnis zur Ausnahme Unfallverletzter in seinem Hause Goethestratze 4. 24. Gesuch des A. Reuter um Er- laubnis zum Schankmirtschaftsbckriebe im Hause Sonnenstrabe 13. 85 Desgl. des O. Sieck für Hammstrabe 14. 26. Desgl. des H. Pape für Grober Steinmeg 12. 27. Desgl. des H. Diergardt für Dammstrabe 39. 28. Desgl. des G. Trinkaus für Seltersweg 50. 29. Den Wirtschastsplan für die Gießener Stadtwaldungen für 1907. 30. Tie Verwertung des Stammholzes.

* Volksakademie 5 u Heppenheim a. d. B. Zu der sozialen BildungSgcmeinschaft, die am 23. September in Heppenheim a. d. B. Zusammentritt und 14 Tage dauern wird, haben sich wieder Männer und Frauen au§ den ver- schiedcnstrn Gesellschaftsklassen und Berufsständen angemeldet. Gelehrte, Lehrer und Arbeiter sind besonders vertreten, um Fragen der Weltanschauung und des Volksbildungswesens zu behandeln und in freien Diskussionen ausführlich zu be­sprechen, sowie durch praktische Volksbildungsveranstaltungen (Heimatführungen, Vorträge, Volksunterhaltungsabende, Museumsbesuche, Besuche von Lesehallen) die Methoden der außerschulmäßigen Bildungstätigkeit kennen zu lernen und in einer unseren heimatlichen Verhältnissen geeigneten Weise weiter ausbauen zu helfen. Von welchem Segen eine der­artige Veranstaltung werden kann, das zeigen die Nach­wirkungen der vorjährigen ersten Veranstaltung gleicher Art, durch die die gesamte Volksbildungsarbeit in unserem Heimat­gebiet einen bedeutenden Aufschwung genommen hat. Für die diesjährige Veranstaltung können noch weitere Meldungen entgegengenommen werden. Die Kosten des Aufenthaltes für die einzelnen Teilnehmer werden aus der Schillcrspende bestritten. Urlaubsgesuche vermittelt die Geschäftsstelle des Nhein-Mainischen Verbandes für Volksvorlesungen und ver­wandte Bestrebungen in Frankfurt a. M., An der Schmidt- stube 7.

* Wie sich die Fleischnot unter der darbenden Bevölkerung des Vogelsberges geltend macht, das beweist folgende greuelige Meldung eines unserer Korrespon­denten:

Ein Taglöhner in Frischborn, der unter den hohen Fleischpreiscn leidet, versucht der Fleischnot dadurch abzuhclfen, daß er alte abgängige Hündinnen sich zu Braten be­reitet. Neulich meinte er, als er einen fetten Kater vorbei­laufen sah:Der wär mir noch lieber als der alte Ratten­pinscher!"

X Wieseck, 18. Sept. Mit Beginn des Wintcrhalb- jahrs soll im Oktober unser SchulhauZneubau ein» geweiht werden. Er enthält zwei Schulsäle und ist so eingerichtet, daß später weitere Säle angebaut werden können.

- --- Klein-Linden, 18. Sept. Am Samstag abend beging der Kriegervcrein im Saale zurDeutschen Eiche" sein 25jähriges Stiftungsfest. Der Schriftführer, Lehrer L Keil, hatte eine kurze Geschichte des Vereins verfaßt und las diese vor. Der Verein wurde gelegentlich des Geburts­tags Großhcrzog Ludwig IV. am 12. September 1881 unter Leitung des Veteran Luh gegründet, und zwar waren es bei der Gründung 20 Kameraden. Heute ist die Mitgliederzahl auf en. 95 angewachsen. Der Verein hat seit seinem Be­stehen in Bezug auf das Krankenuntcrstützungswesen viel Gutes gewirkt. Im Jahre 1886 trat er dem Hassia-Krieger- bund bei und 1887 feierte er sein Fahncnweihfeft. 1889 und 1892 waren Deputationen des Vereins in Darmstadt, 1889 gelegentlich des Empfangs Kaiser Wilhelms, der zum ersten Male nach Darmstadt kam, 1892 gelegentlich der Bei­setzungsfeier Ludwig IV. Im Sommer nächsten JahreS be­absichtigt der Verein, ein größeres Fest zu begehen.

X Rendel bei Vilbel, 18. Sept. Am vor. Donners­tag fand unter Vorsitz des Krcisrat Fey von Friedberg eine Gemeind eratssitzung statt, in der zwei für die weitere Entwickelung der Gemeinde sehr wichtige Beschlüsse gefaßt wurden. Es wurde die Wasserversorgung mit Hoch­druckleitung beschlossen und zur Herstellung eines erhöhten Fußweges an der Kreisstraße Rendel-Klein- Karben der von der Gemeinde verlangte Beitrag bewilligt. Das Wasierversorgungsprojekt wurde in der Sitzung von dem Vertreter der Kulturinspektion Friedberg, Negierungsbauführer Heyl, eingehend erläutert. Zur Wasserversorgung wird die inmitten der Gemeinde liegende sehr starke Quelle verwendet. Das Wasier sott entweder unter Benutzung des tiefer ge­leiteten Ablaufs der Quette mit Peltonrad oder mit Benzin­motor in den Hochbehälter, der nödlich von der Kirche zu liegen kommt, en. 19 Meter hoch gepumpt werden. Die Anlagekosten betragen im ganzen 48 000 Mk. Die Anlagc- und Betriebskosten werden auf die Haushaltungen verteilt und im ersten Fall (Peltonrad) etwa 3 Pfg., im letzten Falle (Benzinmotor) nicht ganz 4 Pfg. für den Tag für eine Halls­haltung betragen, wobei gleichzeitig die Amortisation des Anlagekapitals mit inbegriffen ist. Diese Slimme ist gewiß gering, wenn man bedenkt, welche Zeit für Wassertragen und Fahren jetzt versäumt wird und waS die Brunnen kosten. Die Errichtung des erhöhten Fußsteiges, die namentlich auch im Interesse des starken Arbeiterverkehrs nach der Bahnstation liegt, wird der Kreis vornehmen. Die Kosten betragen 5000 Mk. Von den Kosten leistet die Gemeinde ein Dritteil. Von Klein-Karben bis Bahnstation Groß-Karben ist bereits im vorigen Jahre durch den Kreis, unter Anteilnahme der Gemeinden an den Kosten, ein erhöhter Fllßsteig errichtet worden.

Homburg v. d. H., 18. Sept. Homburg ist in diesem Jahre fortgesetzt das Ziel hoher Gäste. Der deutsche Kaiser war mehrmals da, der König von England hat die Stadt im Auto durchfahren, und an Ministern ist in Homburg kein Mangel. Bereits im Juli weilte der Vorgänger des Minister­präsidenten Stolypin, Fürst Durnoivo, in Homburg, und seit dem 23. August wohnt Graf Witte in RittersPark- hotel" mit seiner Gemahlin. Ec lebt durchaus zurückgezogen. Schon in aller Frühe begibt er sich mit seiner Gemahlin zum Elisabethenbrunnen, wo er eine Trinkkur gebraucht. Er macht einen abgespannten, müden Eindruck, während seine erheblich jüngere Gattin, die stets in Weiß geht und einen großen, zurückgeschlagenen Panamahut mit Schleier trägt, sich durch- aus wohl zu fühlen scheint. Ein Frankfurter Kriminalbeainter ist zu seinem Schutze hier stationiert, der ihm auf seinen Spaziergängen folgt und der ihn auch auf seinen Ausflügen nach Frankfurt begleitet. Der Minister fährt oft dahin, um den Spezialarzt Dr. Spieß zu konsultieren. In den heißen Tagen konnte man den Minister häufig auf dem Balkon speisen sehen. Nach Tisch saß er dann oft stundenlang im

Schaukelstuhl und las Zeitungen. Wie zurückgezogen er lebt, beweist die Tatsache, daß in einem benachbarten Hotel Wochen hindurch zwei Großfürsten wohnten (einer, Großfürst Georg, wohnt jetzt noch da), die sich nicht um den Minister kümmerten. Aber auch er beachtete sie nicht.

Vermischtes.

* Zur Förderung der Ob st zücht hat der Eisen­bahnminister die Eisenbahndirektionen veranlaßt, a'lle ge­eigneten ungenützten Trennstücte, die an Böschungen liegen, mit Obstbäumen 31t bepflanzen. Die Nutzung' der Anpflanz­ungen sann den mit der Pflege betrauten Eisenbahnbeamten für die ersten fünf Jahre unentgeltlich überlassen werden.

* Ein Ritter Blaubart in Niederchöchstsadt. Eine Aufsehen erregende Untersuchung wiegen Frauenmordes ist gegen den Händler Hopf in Niederhöchstadt (Prov. Hessen- Nassau) eingeleitet. Die vierte Frau Hopfs, eine geborene Frankfurterin, liegt schwerlranl unter verdächtigen Er­scheinungen darnieder.- Da auch die früheren Gattinnen des Händlers, die alle sehr hoch in der Lebensversicherung sich befanden, unter ähnlichen Erscheinungen verstorben sind, ordnete die Wiesbadener Staatsanwaltschaft die Ausgrabung der Leiche der letztverstorbcnen Frau Hopf an, um die Leichenteile auf Gift untersuchen zu lassen.

* A u s dem R u h r k 0 h l e n g e b i e t. Bei einer 'in Meiderich in der Nacht vom 17. aus den 18. ds. entstandenen fürchterlichen Schlägerei wurden vier Personen schwer verletzt. In Styrum wurde ein polnischer Arbeiter erschlagen aufgcfundeu. Die Täter sind nicht ermittelt. In Gelsenkirchen war? im Streit ein Maurer feinen Arbeitskollegen von einem zwei Stock hohen Gerüst herab. Der Manu liegt hoffnungslos darnieder.

* B e d e n k l i ch e Wu rst. In etwa 20 Städten Süddeutsch- lauds nnb der Reichslaude, sowie in Königsberg und Danzig werden jetzt bei über 60 Delikatessen- und Fleischwarenhändlern Erhebungen angestellt, ob sie von der Weißenseer Pferdewurst- Fabrik erhaltene Wurst als Pserdewurst oder als reelle, aus Schweine- und Rindfleisch hergestellte Ware bezogen haben.

* Gefährliche Weintrauben. In Rosenhain in Oberbayern sind die elf- und zwölfjährigen Töchter des Bezirksamtmanns Bauer nach dem Genuß von Weintrauben gefährlich erkrankt. Wahrscheinlich war das Obst mit einer chemischen Lösung bespritzt und dann vor dem Genüsse nicht gewaschen worden.

* Von einemgemütlichen" Theaterdirek- tor erzählt eine Theaterzcitschrift. Dieser Bühnenherrscher, der in der heutigen aufgeregten Zeit und bei der damit, verbundenen Nervosität im Theaterbetriebe vorbildlich wirken könnte, hat natürlich vor vielen Jahren gelebt es sind an die dreißig Jahre her, und wehmutspoll mag manches Bühnenmitglied unserer Tage auf diese Seele von Direktor" zurückblicken, dessen Art wie folgt geschildert wird: Unser Direktor stand dem Kunstinstitut zu Bingen vor, das gewissermaßen der Zentralplatz für die rheinischen Wanderfahrten der Truppe war. Offiziell nannte er sichDirektor des Müsenhauscs zu Bingen am Rhein", und niemand neidete ihm diesen Titel, denn der Mann entwickelte Grundsätze so patriarchalisch edler Art, so naiv und ehrlich und von solch einfacher Größe, wie sie selbst damals kaum ein zweites Mal im Deutschen Reiche zu finden war. Er sagte z. B.:Jede Rolle verlangt einen tüchtigen Schauspieler. Tie Bogenzahl macht's nit. Diener oder Edelmann, naturwahr müsse se alle sei. Drum kriegt jeder 40 Gulde, daß einer dem andern nichts vorwerfen kann." Und so hatten in der Tat sämtlicheKräfte" das Durchschnittsgehalt von40 Gulde". Da es damals in den Wirtshäusern am Rhein nicht teuer war, kamen sie ganz gut damit aus, und im übrigen meinte der Herr Direktor: Schließlich zahlt für sie doch mal einer, der sei Freud hat, zuzusehe, wie die Künstler nicht nur gut spiele, sondern auch gut esse und trinke könne. . ." So herrschte Eintracht und Frieden. Wurde aber einmal ein Schauspieler dennoch kontraktbrüchig, so schickte ihm dieser Direktor auch nicht den leisesten Steckbrief nach.Mag er in Friede ziehe!" meinte er in Gemütsruhe und fügte philosophisch hinzu, sich darauf berufend, daß es eigentliche Kontrakte bei ihm nicht gebe:Wer ehrlich ist, der wird schon bleibe. Un­ehrliche bindst du mit Stricke nit fest genug. Wer sei Wort nit halte will, der hält auch Kontrakte nit." Und unser Theaterdirektor fuhr nicht übel bei solchen Grundsätzen. Man blieb jahrelang bei ihm imfreien Engagement" und mochte sich gar nicht trennen von solchem Biedermann.

* Ter neueste Eisenbahnunfall. In der ver­flossenen Nacht überfuhr ein Güterzug dasHalt" zeigende Einfahrtsignal vor dem Bahnhofe Neuwied, rutschte durch und stürzte mit der Lokomotive und meh­reren Wagen in eine Grube der im Bau begriffenen Straßen­unterführung. Der Zugführer wurde leicht verletzt. Das übrige Personal war rechtzeitig abgesprungen. Ter Sach­schaden ist bedeutend.

* Anzeig e. Brillen, durch die die ganze Welt rosenrot erscheint, sind 51t haben bei Bülow n. C 0 m p.,

Optiker.

Der ganze Bierkrieg Ist mir Wurst, Wenn für den Durst Ich nur mein Bier krieg!

*

O Dernburg, 0 Dernburg, Nun beiß' den bittern Kern durch! Du stiegest in die Dornburg; Mit Stiefeln reit' und Svorn durch Durch Disteln nun und Dorn durch!

(Aus'demKladderadatsch.")

* Kleine Tage schronik. Der Ziegeleibesitzer Stadel­mann in Glauchau ist'mit Hinterlassung von 50000 Mark Wechselschulden flüchtig geworden. Der Konkurs, ist angemeldet. Dem Petit Parlsien zufolge beschäftigt sich die Ge-richtsbehörde zu Paris mit einem neuen großen I uwelen-Dieb stahl. Die Anklage richtet sich gegen einen Grafen und einen Finanz­mann. Es soll sich um ein Brillanthalsbänd im Werte von 200 000 Fr. und einen Ring im Werte von 20 000 Fr. handeln. Der Graf befindet sich jetzt in Brüssel. Wie erst jetzt bekannt wird, wurde am Samstag auf den zwischen Mailand und Venedig verkehrenden Schnellzug zwischen den Stationen Vreszia und Osvedaletto ein Attentat verübt, indem mehrere Balken auf die Schienen gelegt wurden. Der Lokomotivführer be­merkte aber rechtzeitig die Gefahr. und konnte den Zug zum Stehen bringen. Aus Newyork wird depeschiert, daß der P a - cific-DarnpferMongolia" am Midway Riff nordwestlich von den Hawaii-Inseln gestrandet ist. Kapitän Porter tele­graphiert, daß sein Schiff in gefährlicher Lage auf dem Felsen sitze. Die 200 Salon-Passagiere und 500 Asiaten wurden an Land geschafft, doch fehlt es auf der Midway-Jnsel an allem. Notwendigen für die Geretteten. Die Mongolia ging am 10. ds. aus Yokohama nach San Francisco ab und wurde durch ein außerordentliches durch das Erdbeben in Valparaiso veranlaßtes Flutwelle-Phänomen 30 Seemeilen weit aus ihrem 'Kurse gedrängt. In Budapest ers choß sich Polizei ra-BelaBe re z i, der seinerzeit die Untersuchung in der ZeysigaNyelegenbeit führte, in seinem Amtszimmer. Er war in der letzten Zeit kränklich. Ein heftiger Waldbrand kam im Bois de Ealles(Süd-Frankr.) zum Ausbruch und sprang auf weitere Wälder über. Der Wald-

brästd' vernichtete etwa 20 000 'Hektar Wald Und scheint sich noch auszubreiten. In Bagnols kamen zwei Frauen in den Flammen um. Aus Murat (Frankr.) wird gemeldet, daß eine Feuersbrunst einen Teil des Dorfes Fraissebas zerstörte, wo­bei drei Menschen verbrannten. In Rotterdam ist bet Notar und Direktor der Südholländischen Hypothekenbank Bland- vandenberg unter dem Verdacht, 700 000 Gulden veruntreut zu haben, verhaftet worden. Die Aktien der Hypothekenbank notierten an der gestrigen Börse um 100 Prozent niedriger. Ein Telegramm aus Hongkong über Unfälle deut- scherDampfer während eines Taifuns in chinesischen Gewässern meldet: Dampfer Johann les?), um das Sinken zu verhindern, auf den Sand gesetzt, Dampfer Apenrade, der sich in sinkendem Zustande befand, gab Signale und lief auf; Prinz Waldemar erlitt Beschädigungen, über deren Umfang nichts be­kannt. Dampfer Petrarch gestrandet; ebenso Dampfer Emma Luyken.

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 18. Sept.

Das Schöffengericht Büdingen hatte den Landwirt A. B. .von Kofenrod wegen tätlicher Beleidigung des Gemeinde­einnehmers zu 5 Mark Geldstrafe verurteilt. Gelegentlich bet Entrichtung von Gemeinbeabgaben war er mit bem Einnehmet in Disput geraten, da ihm seiner Ansicht nach Gelb abverlangt worden war, bas er nicht zu zahlen hatte. Hierbei schob ihn der Rechner unsanft zur Türe hinaus und drohte ihn mit er­hobenem Jagdstuhl, bei welcher Gelegenbeit er diesem einen Stoß in das Gesicht versetzte. Der Angeklagte verfolgte Beruf­ung und bestritt, absichtlich geschlagen zu haben; er hielt es aber nicht für ausgeschlossen, daß er bei dem Hinausbefördern un­beabsichtigt dem Rechner ins Gesicht gekommen sein kann. Die Sttaskammer gab seiner Berufung statt und erkannte auf Frei­sprechung, da der Vorfall nicht völlig aufzuklären war, zu­mal der Beleidigte selbst angab, er habe nicht gewußt was er tat.

Im Jahre 1904 erhielt 'die Staatsanwaltschaft durch eine anonyme Anzeige Kenntnis, daß der Unternehmer A. R. hier sich Wechselfälschungen habe zu schulden kommen lassen. Bei seiner Vernehmung gestand er zu, den Namen eines hiesigen Bäckers auf einen Wechsel gesetzt zu haben. Während der Unter­suchung flüchtete der Angeklagte nach der Schweiz, wo er bis zu seiner Verhaftung Ende Juli dieses Jahres unter falschem Na­men als Tiefbauaufseher tätig war. Es stellte sich bald heraus, daß er außer dem einen, noch zwanzig weitere Wechsel in Ge­samthöhe von annähernd 4000 Mark gefälscht hatte, wodurch drei hiesige Bankiers erhebliche Verluste erlitten. Nach seinen Angaben ist er durch verfehlte Spekulationen bei Unternehm­ungen und durch den Verlust mehrerer wertvoller Pferde in finanzielle Schwierigkeiten geraten, während andererseits behauptet wurde, daß seine Spottliebhabereien und andere Leidenschaften Ruin herbeigeführt haben. Er war in vollem Umfang geständig, ja er gestand sogar noch mehr zu, als ihm die Anklage zur Last legte. Das Gericht billigte ihm mildernde Umstände zu, indem es eine gewisse Notlage, wenn auch selbstverschuldet, als vorliegend erachtete und erkannte auf eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, worauf mit Rücksicht auf das Geständnis ein Monat Untersuchungshaft in Anrechnung zu kommen hat. Die Niedrigkeit der Gesinnung rechtfertigte die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Jahre.

Auf Privatklage des Kaufmanns K. Z. von Vilbel wurde die PH. B. dorten wegen Beleidigung zu 150 Mark Geld­strafe verurteilt und dem Beleidigten die Publikationsbefugnis zuerkannt. Die Angeklagte hatte dem Kläger, der früher in ihrem Geschäfte tätig gewesen war, den Vorwufl des Diebstahls gemacht. Sie hat sogar wiederhölt und öffentlich ausgesprochen, der Kläger habe fein Geschäft von dem ihren Familienangehörigen gestohlenen Geld gegründet. Sie erhob Berufung und bestritt die Aeußerungen getan zu haben, hielt aber zu gleicher Zeit die Beschuldigung aufrecht. Da die Angeklagte zu Ende der Verhand­lung in anscheinend epileptische Krampfe verfiel, hielt es das Gericht für angezeigt, den behandelnden Arzt über ihre geistige Beschaffenheit zu vernehmen, weshalb Vertagung eintrat.

Gerichtssaal.

Dida", die Entstehung eines Weibes aus dem Nichts. Dieser Artistentrick, dessen Vorführung in dem Passage- Theater in Berlin seinerzeit Sensation erregte,' hat zu einem Strafprozeß geführt, der vor der 1. Strafkammer des Land­gerichts I dort zur Verhandlung kam. Wegen Vergehens gegen das Patentgesetz und gegen das Markenschutzgesetz war der Artist Albin Fischer angeklagt. Der Angeschuldigte trat im Novem­ber vorigen Jahres in dem Passage-Theater mit einem modernen Zauberkunststück auf. Es handelte sich um eine sog. Illusion, bei welcher auf rätselhafte Weise in einem mit Wasser gefüllten Glasbehälter plötzlich eine Dame erschien.Dida, die Ent­stehung eines Weibes aus dem Nichts" war diese Illusion von dem Erfinder des hierzu erforderlichen komplizierten Apparates benannt worden. Dieser Mechanismus ist patentiert und auch gleichzeitig das WortDida" geschützt wroben. Der Patent­inhaber war ein Herr Albert Rosenfeld. Nach Ablauf seines Engagementsvertrages benutzte der Angeklagte bie bei seinem Auftreten int Passagethieater erlangte Kenntnis von bem Mechanis­mus jenes Apparates und ließ sich einen gleichen anfertigen. Mit diesem nachgebildeten Apparat unternahm Fischer eine Reffe durch Deutschland. Er trat unter bem NamenPecheur" auf und erfand für seine Kopie den ähnlich klingenden Namen Si da". Dieser nach zwei Richtungen hin raffinierte Artisten­trick hatte einen sehr guten Erfolg, denn F. trat nur noch füt eine Gage von 3000 Mark und 200 Mark Reisespesen pro Gast­spiel auf. Durch den Patentinhaber der echtenDida" wurde iedoch nach kurzer Zeit des Bestehens derSi da"-Kopie das jetzige Strafverfahren in bie Wege geleitet. Vor Gericht bestritt Fischer, sich ber strafbaren Nachbildung schuldig gemacht zu haben. Da er die Behauptung aufstettte. er habe, bevor dieDida"- Jllusion patentiert worben war, schon zu verschiedenen Personen die Idee einer berartigen Vorführung geäußert, so daß er selbst der spiritils rector der ganzen Erfindung sei, kam der Gerichts­hof zu einer Vertagung der Sache. Zu der neuen Verhandlung werden bie von F. angegebenen Zeugen und ein artistischer Sach­verständiger geladen werden.

Landwirtschaft.

U e b e r den Tabakbau und die Tabakernte int Jahre 1905 enthielt das letzteVierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reichs" die enbgiütigcn Zahlen, wonach ber Ertrag ber Ernte der Menge nach weseullich geringer, bem Werte nach etwas größer war als im voraufgegangenen Jahre. Der Flächeninhalt ber mit Tabak bepflanzten Grundstücke betrug nur 14 111 Hektar gegen 15 883 im Jahre 1904, 16 552 im Jahre 1903 unb 17 325 im Jahre 1902. In brei Jahren ist also bie Tabakflache um 3200 Hektar zurückgegangen. Der Flächeninhalt be§ Jahres 1905 ist ber niedrigste, der jemals festgestellt ist. An dem Rückgänge des letzten Jahres ist allein Baden mit 522 und Preußen mit 706 Hettar, darunter Brandenburg mit 329, beteiligt. Zuge­nommen hat der Tabakbau nur in Schlesien unb Hessen. Die Menge bes geernteten Tabaks in dachreifem, trockenen Zustande betrug 318 770 Dz. gegen 343 797 i. I. 1904, 330 718 i. I. 1903 und 376 975 i. I. 1902. Im Jahre 1899 unb vorher in ben Jahren 1892 und 1888 war die Ernte noch geringer als im Be­richtsjahre. Auf den Hektar entfällt ein Durchschnittsertrag von 22,6 Dz. gegen 21,7 i. I. 1904, 20,0 i. I. 1903 und 21,8 i. I. 1902, so daß der Ertrag verhältnismäßig größer war, als in den brei Vorjahren. Der mittlere Preis von 1 Dz. Tabcck betrug 86,32 Mk. gegen 77,51 i. I. 1904 und 82,55 i. I. 1903, ist also um 8,88 Mk. oder 11,5 v. H. gestiegen. Damit hat sich der Gesamtwert der Tabakernte auf 27,54 Millionen Mark erhöht gegen 26,65 Millionen Mark i. I. 1904.

fc. Frankfurt a. M., 18. Sept. eit- 11 nb S tr 0 b- ma rkt. Man notierte: Heu Mk. 2.90 bis 3.30. Stroh Mk. 2.50 bis Mk. 2.80. Lilles per 50 Kilo. Tendenz: Geschäft flott.