MietSlasernenwesen keineswegs eine Verbilligung der Wohnungen bedingt.
And dem Vergleich zwischen dem WohlumgSnuetwert und den Herstellungskosten ergibt sich, daß die kleinere Wohnung verhältnismäßig teurer ist nl5 die größere, und daß ein großer Unterschied zwischen der Wohnung und sonstigen Gebrauchsgegenständen besteht. Letztere sind in der großen Stadt in der Regel billiger zu haben wie in den Kleinstädten, bei den Wohnungen aber ist dies umgekehrt. Als Herstellungs- kosten für gut eingerichtete Wohnungen sind für einen Raum 1200 bis 1400 Mk., für zwei Räume 2400 bis 2600 und für drei Räume 3300 bis 3600 Mk. anzunehmen. Die WohnungSmieten sollten daher rechtmäßig den Betrag von 60 bis 70 bezw. 120 bis 130 und 165 bis 180 Mk. nicht übersteigen. Wenn dicS in den großen Städten dennoch geschieht, so ist der Grund in den hohen Bodenpreisen zu suchen.
Die Beschaffenheit der Kleinwohnungen ließ zahlreiche Mängel erkennen, die sich auf Ueberfüllung, mangelnde Rücksichtnahme auf Sittlichkeit, Feuchtigkeit, ungenügende Lüftung und Belichtung, Schäden an Wänden, Decken, Fenstern und Zugängen, schlechte Abortverhältnisse usw. bezogen. Eine häufig wiedcrkehrende Klage ist, daß die Leute vielfach die Wohnungen unpraktisch benutzen, so z. B. die schlechteren Räume zu Schlafzwccken verwenden oder gar eine sogenannte „gute Stube" haben.
Im Berichtsjahr unterlagen 52 533 Wohnungen der Wohnungsaufsicht gegen 49196 im Vorjahr. Davon hatten drei Räume 28090 (26 444), zwei Räume 17 416 (15 990) und einen Raum 7027 (6762) Wohnungen. Mit der Größe der Gemeinden steigt auch die Größe der Wohnungen. In den Gemeinden über 20 000 Einwohner betragen z. B. die Wohnungen mit drei Räumen 79 Proz., mit zwei Räumen 17 und mit einem Raum 4 Proz., in den Gemeinden unter 2000 Einwohnern betragen die bctr. Zahlen dagegen 19, 50 und 31 Proz. Die 28 000 Wohnungen von über drei Räumen waren von 90 937 Einwohnern, die 16 914 Wohnungen von zwei Räumen von 60 832 und die 6822 einräumigen Wohnungen von 17 834 Einwohnern bewohnt. Durchschnittlich betrug die Bewohnerzahl also 3,2, 3,6 und 2,6, was verhältnismäßig ungünstig genannt merdeü muß. Vergleichsweise kommen in München au Wohnungen mit 3 Räumen 3,9 Einwohner, mit 2 Räumen 2,9 und 1 Raum 1,5 Einwohner. Die Großstadt München steht also in dieser Hinsicht bei den Wohnungen mit 1 und 2 Räumen günstiger da als Hessen.
Die Zahl der der Wohnungsaussicht unterliegenden Dachwohnungen beträgt 5324, die der Kellerwohnungen 350.
Von den angeführten Einzelberichten sei der deS Wohn- ungSinspektorS von Gießen angeführt: Es wurde mehrfach festgestellt, daß erwachsene Kinder bei den Eltern in einem Zimmer schlafen, obwohl den Leuten noch ein Zimmer zur Verfügung stand, das nicht zum Schlafen benutzt wurde. In mehreren Fällen mußte gegen Schlaf- und Kostgänger, die offenbar mit ihren Vermietern oder Kostgcbern in unsittlichem Verkehr standen, volizeilich vorgegangen werden.
Die Dachwohnungen haben vielfach nicht genügend große, bezw. hohe Fenster, auch sind sie mitunter zu kalt und feucht. Die Beschreibung einiger dec mindestwertigsten Wohnungen zeigt folgendes Bild:
1. Zwei niedrige Dachräume, 2,10 Meter hoch, 1 al§ Schlafraum unbenutzbar, 1 Sohn von 16, 1 Tochter von 12 Jahren, in einem Raum, die beiden Kinder in einem Bett, überfüllt. 96 Mk. Miete im Jahr.
2. Drei Räume in einem einstöckigen Anbau, der vorderste Raum hat außer der Türe und dein Schaufenster, das fast stets durch den Rolladen geschlossen ist, keine Oeffnung nach außen, nicht unterkellert, die Feuerungsanlagen sind durchaus nicht brauchbar, der Abort befindet sich in einem Hinterhaus. Eltern und 3 Kinder, WohnungSmiete 144 Mk.
3. Wohnung im Dachstock eines Hinterhauses, 3 Raume, den einwandfreiesten davon als Schlafstelle vermietet, die beiden anderen mit schiefen Dachflächen versehen, schlecht beleuchtet, schmutzig, Eltern, 4 Kinder, letztere in zerlumpten Kleidern und nicht gepflegt, da die Mutter den ganzen Tag auswärts arbeitet, der Vater dagegen seinen schönen Verdienst im Wirtshaus ausgibt. Jahresmiete 240 Mk.
Einer in der 2. Kammer vom Präsidenten deS Ministeriums des Innern gegebenen Anregung folgend, wurde eine Feststellung der Wohnungsverhältnisse von Heimarbeitern unternommen. Hiernach sind die WohnungS- und Arbeitsverhältniffe der Heimarbeiter als ungünstig zu bezeichnen, während die Heimarbeit in der Tabaks branche weniger Veranlassung zu Beanstandungen ergibt. Die Heimarbeit in der Portefeuillebranche übt auf die Wohnungsver- hältniffe der Leute um so weniger einen ungünstigen Einfluß aus, als die Verdienstverhältnisse der Leute nicht schlecht sind.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 18. Okt. 1906.
• • Tagegelder und Reifekosten für Lehrer. Das Großh. Ministerium, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat kürzlich ein Ausschreiben erlassen, nach welchem neue Bestimmungen in Bezug auf die Tagegelder und Reisekosten der Lehrer und Lehrerinnen, der Schulverwalter und Cchnl- verwalterinnen an den Volksschulen im Großhcrzogtmn Hessen bei Dienstreisen getroffen worden sind. Diese Bestimmungen sind im wesentlichen dieselben, wie sie für die Schul- und Ortsvorstandspersonen getroffen worden sind. Zu den Dienstreisen gehört auch die Teilnahme der Lehrer an den amtlichen Lehrerkonferenzen.
• • Die Eisenbahnverwaltung beabsichtigt, auf der Strecke Gießen-Deutz eine Reihe von Bahnwärterposten eingehen zu lassen. An Stelle der Bahnübergänge sollen Ue ber- oder Unterführungen treten.
* * Die Besprechung der Aufführung der Sven Langeschen Dichtung „Ein Verbrecher", die am Montag und Dienstag im Neuen Saalbau stattfand, hat die beiden Vertreterinnen der Damenrollcn arg in Harnisch gebracht. Herr Dr. Ferdinand, der Leiter des Ensembles, nimmt sich seiner Gattin, die den Theaternamen Elsa Bielitz führt, an, und erzählt, daß sie out Leipziger Stadttheater engagiert gewesen sei und im Dezcinber 1905 und Januar 1906 wiederholt die „Porzia" im „Kaufmann von Venedig" am Deutschen Theater in Berlin gespielt habe, fügt aber
hinzu: „Wenn eine Vertiefung am Montag vielleicht zu vermissen war, so liegt das einzig und allein an den Bühnenverhältnissen, die jede Illusion zerstören mußten, an denen wir aber schuldlos sind. Meinen Impresario habe ich deswegen entlasten." Frau Betty Lang-Leopold behauptet entrüstet, daß sie an ersten Berliner Bühnen für 1. Fach engagiert gewesen sei. Zu merken ivar das jedenfalls am Montag nicht.
•• Eine heitere Verwechselung erlebte der Einender in einer Geographiestunde seiner Schulklasse. Eine Schülerin, die bei der Entwicklung des Begriffs Provinz offenbar geträumt hatte, sollte auf der Karte vom Kreise Wetzlar die Nordgrenze der Bürgermeisterei Ulin zeigen. Ohne weiter hinzusehen, gab sie aus dem Gedächtnis die Antwort: Die Bürgermeisterei Ulm grenzt im Norden an die Prinzessin Naffau.
4- Klein-Linden, 16. Okt. Einige hiesige Einwohner haben eine Petition zur Sammlung von Unterschriften zwecks Errichtung einer Haltestelle an der Main-Weser-Bahn in Umlauf gesetzt. Die Anregung findet in der Bevölkerung lebhafte Zustimmung, zumal man von der Haltestelle ein weiteres Aufblühen unseres stark wachsenden Ortes erwarten darf. Alle Bevölkerungsschichten würden ohne Zweifel von dem Zustandekommen des Planes Vorteil haben, ganz besonders auch unsere zahlreichen Handwerker und Geschäftsleute. Weitere industrielle Unternehmungen würden sicher hier entstehen und den Einwohnern angenehme Arbeitsstätten abgeben. Auch in den interessierten Orten Lützellinden und Allendorf a. d. Lahn soll die Petition zirkulieren. Mit der Haltestelle ließe sich leicht eine Güterverladestelle verbinden, da ja der Gießener Rangier- bahnhof bis hierher reicht.
/\ Dutenhofen, 18. Okt. Nächsten Sonntag findet zur Ehrung unseres in Pension gegangenen Hauptlehrers Balthasar Schiefer st ein eine festliche Veranstaltung der Gemeinde im „Jagdschlößchen" statt. Allgemein freut man sich, daß unser verehrter Hauptlehrer, der vom Beginn seiner Lehrtätigkeit bis zum Schluß seine ganze Kraft in den Dienst der Dutcnhöfer Schule eingesetzt hat, auch seine Ruhetage bei uns verleben will. Sein Wirken fand auch die Anerkennung 2. M. deS Königs, der ihm den Adel des Königs. Preuß. Hausordens von Hohenzollern verliehen hat.
p. Krofdorf, 18. Okt. Theodor Gerlach von hier hat vor der Meisterprüfungskommission der Handwerkskammer zu Koblenz die Meisterprüfung bestanden. Ein hoher Prozentsatz hat diese diesmal nicht bestanden. Meistens genügten die theoretischen Leistungen nicht, die doch auch zur Erlangung des Meisterbriefes absolut erforderlich sind. Um nun unfern jungen Handwerkern Gelegenheit zur Aneignung mehr theoretischer Kenntnisse zu geben, werden eben erfreulicherweise neben den im Kreise Wetzlar bestehenden Fortbildungsschulen weitere derartige Einrichtungen getroffen. Im Falle der Bedürftigkeit und Würdigkeit bewilligt der Kreisausschuß Beihilfen unter der Voraussetzung, daß von anderer Seite, namentlich von den Bürgermeistereien oder Gemeinden, den Schülern gleichfalls ein Stipendium zuteil wird. Damit der Schüler zwei Winterhalbjahre an dem Unterricht teilnimmt, kommt im ersten Winter nur die Hälfte der Unterstützung zur Auszahlung und die andere Hälfte, gegebenenfalls mit ^nem weiteren Stipendium, erst im zweiten Winterhalbjahr.
Reichelsheim i. O., 16. Okt. Folgender Vorfall, der ür weite Kreise von Interesse sein dürfte, hat sich hier zugetragen. Die hiesigen Israeliten wollten dieser Tage einen Ball abhalten. Der Bürgermeister erteilte die hierfür nachgesuchte Genehmigung, aber mit dem Hinzufügen: „Nu r für Juden." Eine wegen der Einschränkung beim Kreisamt Erbach erhobene Vorstellung hatte keinen Erfolg. Als abends der Ball beginnen sollte, erschien die Gendarmerie, die Andersgläubigen den Eintritt verwehrte. Der Wunsch der Juden, isoliert zu bleiben, bestand durchaus nicht; es waren sogar schriftliche Einladungen an eine Reihe christlicher Mitbürger ergangen. In früheren Jahren kannte man hier derartige Einschränkungen nicht.
Zwei Landesverratsprozesse.
Leipzig, 17. Okt.
Vor dem Strafsenat des Reichsgerichts begann heute vorm. die Verhandlung gegen den Artilleriedepot-Arbeitev M a n t e u f e l aus St. Avold. Der Angeklagte hat bei dem 26. Artillerie-Regiment g edient und ist später in Frankreich der Fremdenlegion beigetreten, nachdem er sich vorher als Franzose hat naturalisieren lassen. Die Anklage betrifft zwei Vorgänge. Am 5. Mai soll er den Unteroffizier Ehrhardt auf der Straße gefragt haben, ob er ihm nicht das Buch verschaffen könne, in welchem stehe, was ein Soldat bei der Mobilmachung w i s s e n m ü s s e; er bot dem Unteroffizier 100. 6 i § 200 Mark. Am 17. Mai soll er ferner den Kanonier Meher gefragt haben, ob er ihm nicht die Schieß Vorschriften und das Exerzier-Reglement für die neuen Geschütze verschaffen könnte. Die Anklage nimmt an, daß der Angeklagte dies im Auftrage eines französisch c n A g e n t e n getan habe. Der Angeklagte bestritt jede Schuld. Es erschienen 18 Zeugen, sowie 11 Militärsachverständige, darunter Major v. Bergmann. Im Laufe der Verhandlungen wurde ein militärisches Gutachten abgegeben, während dessen Abfassung di: Oeffentlichkeit ausgeschlossen wurde. Nach Vernehmung der Sachi- verständigen beantragte der Oberreichsanwalt int ersten Falle /"Ehrhardt) ein Jahr sechs Monate Zuchthaus, im zweiten Falle (Meyer) zwei Jahre Zuchthaus, welche Strafen zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren Zuchthaus zusammenznziehen seien, unter Anrechnung von zwei Monaten Untersuchungshaft; außerdem beantragte er fünf Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. In seiner Anklagerede führte der Staatsanwalt aus: Im ersten Falle sei die Möglichkeit, der Gefährdung der Landcssicherheit gegeben, im zweiten steh: sie fest. Die Schuld des Angeklagten sei in beiden Fällen nachgewiesen. Wenn man gewußt hätte, daß der Angeklagte Franzose war, würde er nicht in St. Avold angestellt worden sein. Er habe sich also eingeschlichen. Der Verteidiger beantragte Freisprechung, ev-m- tuell nur Verurteilung auf Grund des § 4. Um 3 Uhr nachm. wurde das Urteil verkündet. Der Angeklagte wurde in beiden Fällen für schuldig erachtet und zu drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Auch ist die Stellung unter Polizeiaufsicht für zulässig erklärt worden. Zwei Monate der Untersuchungshaft werden angerechnet.
Um 41/2 Uhr begann danach die Verhandlung gegen den S ch r i f t s e her S ch e v e, die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ftattfand. Nach dem Eröfsnungsbcschlusse hat Scheve, der wegen Diebstahls, Raubversuches, Unterschlagung und Fahnenflucht vorbestraft ist, im November 1905 versucht, dem Agenten der französischen Regierung, Berger-Paris, einen N ick e l st a hl b l e ch - G e s ch 0 ßn! a n t c l zu verschaffen. Ferner versuchte er zu Anfang des Jahres 1906, einen Mobilmachungsplan in die Hände zu bekommen. Endlich soll er
noch Ende Februar in Essen den Versuch unternommen haben, eine Sprenggranate zu erlangen. Das Urteil wurde gegen 9 Uhr 30 Minuten verkündet. Der Angeklagte wird wegen versuchten Verbrechens gegen das Spionagegesetz zu4Jahrenund 10 Tagen Zuchthaus und 8 Ja hren Ehrverlust verurteilt' auch wurde die Stellung unter PoMemufstcht für zulässig erachtet. Auf die Strafe werden ein Monat und 10 Tage von der erlittenen Untersuchungshaft angerechnet. Eine strafbare Handlung wurde nicht angenommen, soweit es sich um die Uebermittelung von Metallteileu nach Paris handelt. Der Angeklagte wurde verurteilt wegen des versuchten Verrates von Geschützzeichnungen und Schußwaffen. Den Zeugen Kempgens hat Scheve bestimmt, bei dem Leutnant Marohn etnzu- brechen und die erwähnten Z e i ch n u n g e n zu st e h l e n; darin wird zugleich eine Hehlerei erblickt. Die in Frage kommenden Schriftstücke waren solche, die nach dem Gutachten der Sachverständigen int Interesse der Landesverteidigung geheim zu halten waren _
Ein wahnsinniger Wüterich ans dem Throne.
Im „Gil Blas" schreibt der Asienforscher Etienne Richet:
Die Zeitungsnachricht von den verbrecherischen Phantasien des Königs von A n n a nt hat die Schulgelehrten in Erstaunen gesetzt. Ich hatte einmal Gelegenheit, mit Tan-Tha'i znsanimenzukommen, und kann jene denkwürdigen Stunden noch immer nicht vergessen. Es war am 5. November 1901, am Tage meiner Ankunst in Huß. Bei meinem Einzug in die Stadt bemerkte ich eine Art Prozession im Glanze zahlreicher Lichter; die langen Schleppkleider der anuaminschen Priester sahen aus wie irisch gefallener Schnee. Mit hoheitsvoller Langsamkeit bewegte sich der Zug vorwärts, und endlich erblickte ich in einer Sänfte von Purpurs und Gold den jungen König Tan-Tha'i, der wie ein grollender Buddha aussah. Aui weiten Umwegen gelangte er zum Palast, wo er feierlich die Stufen hinanschritt, um bald zu verschwindet!, während ein unvermeidlicher photographischer Apparat die Erinnerung an diese Szene sesthielt. Es geschieht sehr selten, daß der König mit einer so veralteten Eskorte „spazieren geht". An gewöhnlichen Tagen trifft man ihn in seinem Phaston, zu Pferde oder aus dem Rade. Denn diese moderne kleine Majestät radelt auch! — Von allen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Huß ist neben den Königsgräbern der königliche Palast die interessanteste. Er liegt in der von den französischen Waffen eroberten großen Zitadelle. Trotz der geradezu fabelhaften Hitze mußte ich im Frack und mit allen meine,! Orden mich zur Audienz beim Könige begeben. Rotgekleidete Pagen hielten vor dem Thronsaal Wache. Wie Chulalongkorn und unser Freund Sisowath hat der König von Annam einen Hof, der ans zahlreichen Würdenträgern, Leibwächtern, Frauen, Tänzerinnen, Eunuchen usw. besteht. Der König war mir gegenüber ganz reizend und sehr aufmerksam. Obwohl er unsere Sprache beherrscht, tat er so, als wenn er sie nicht sprechen könnte, und unterhielt sich mit mir durch einen Dolmetscher. Während des ganzen Frühstückes richtete Tan Thai an mich Fragen über Paris. Schon damals träumte er davon, uns zu besuchen. Böse Zungen behaupteten, daß eine junge europäische Schauspielerin, die er während eines offiziellen Balles in Saigon kennen gelernt hatte, ihm eine heiße Sehnsucht nach der Lichtstadt an der Seine einzuimpfen wußte...
So liebenswürdig nun der König sein kann, so verrückt und g e f ä h r l t ch ist er zu gewissen Zeiten. In den Frauenge- mächern, wo mehr als tausend Weiber Hansen, ist es sein Lieb- l i n g s v e r g n ü g e n, g r a u s a m e S z e n e n aus der Zeit deS Niederganges der Stadt Rom zu erneuern. Am liebsten läßt er den Frauen eiserne Haken ins Schenkelfleisch s ch l a g e n und sie daran a u f h ä n g e n. Wenn die Frauen aufgehört haben, ihm zu gefallen, wird der junge Monarch ihr H enter. Als ich von ihm Abschied nehmen wollte, ließ mir Tan-Tha'i, der an diesem Tage viel Champagner getrunken hatte, sagen, daß er, um mir eine Freude zu machen, höchst persönlich etliche Sklavinnen töten wolle. Und obwohl ich ihn fast flehentlich bat, seinen Plan nicht zur Ausführung zu bringen, ließ er sich einen Dienstrevolver bringen und schoß in meiner Gegenwart sechs unglücklicheWeiber nieder, indem er ihnen die Kugeln in ben Unterleib jagte. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß ich nach dieser entsetzlichen Szene auch nicht eine Minute länger im Palaste bleiben wollte. Ich wollte fliehen, mußte aber, der höfischen Etikette gemäß, es mir gefallen lasten, daß ich von den Dienern des jungen Barbaren m der Sänste nach Hause gebracht wurde. Wie Chorknaben marschierten die Annamiten feierlich in genau abgemessenen Distanzen, einige nut Fahnen oder mit Fackeln in der Hand. An einer Brücke ttaf ich 511 meinem Erstaunen eine frühere Ballettratte von der Pariser Oper, die einen Palastbeamten des Königs von Annam geheiratet hat. Natürlich tauschten wir höchst melaiicholische Erinnerungen aus..."
Die soeben in Marseille eingetroffene Post aus Tonkin bringt neue Einzelheiten über den Wahnsinn des Königs von Anam. Nach dem Gutachten der Aerzte ist er für die von ihm begangenen Taten nicht verantwortlich zu machen. Die französischen Behörden haben ihn in feinem Paläste interniert. Er darf den Palast nicht verlassen und wird andauernd von Aerzten verpflegt, lieber die von ihm verübten Grelielfaten berichten Kolonialblätter haarsträubende Einzelheiten. Unter anderem soll er eine seiner Frauen getötet, die Leiche in Oel getaucht und dann seiner Umgebung vorgesetzt haben. Er soll die Mitglieder seiner Umgebung bei TodeS st rase gezwungen haben, die Leiche zu verzehren. Eine andere Frau aus seinem Harem wurde nackt Tigern vorgeworfen, andere wieder mit glühenden Zangen gepeinigt. Die französischen Behörden haben die Frauen des Königs in Freiheit gesetzt.
NttSversitäts-Nachrfchten.
— Studierende Frauen von Dr. Margarete Heine. (Sammlung Tie Frau, Band X.) Mk. 1.50. Friedrich Nothbarth, Leipzig. —Studierende Frauen: das sind Frauen, die in erster Linie Menschen sein wollen, nicht Weiber. Ein starkes, stürmisches FreiheitSgMhl durchbraust dieses Buch, das von einer Frau geschrieben ist, der die vielen und reichen Probleme der Emanzipation selbst Erlebnis waren. Zweierlei will es zeigen: eine besondere Erscheinungsform der modernen Frau, welche recht auffallend hervorlritt auf dem Hintergründe einer so altehrwürdigen und rein männlichen Institution wie die Universität sie vorstellt, und die Fülle des Neuen, mit welchem die studierende Frau innerlich und äußerlich sich auseinanderzusetzen als ihre Ausgabe vorfindet. Von diesen Gesichtspunkten aus ist auch die historische Entwicklung des. Frauenstudinms behandelt. Das Buch bietet so mancherlei und vielerlei Anregungen nach allen Richtungen hin, daß seine Anschaffung allen denen, die für das Frauenstudium in Frage kommen, ernsthaft empfohlen werden kann.
Landwirtschaft.
— Wettsaasen, 17. Okt. Ein ganzer Waggon Z w e t s ch e n wurde gestern ags unserem Ort verladen. Der Zentner galt 1,80 Mk., dafür mußten die Leute die Zwetfchen frei zum Bahnhof Mücke liefern. Die Leute sind eben froh, daß sie die Zwetschcn los werden, da sie massenhaft an den Bäumen faulen. In einer Nachbargemeinde ging cs den Zwetschenverkäufern schlechter. Als die Leute die Zwelschen zur Bahn brachten, um den mit der Ortsschelle bekannt gemachten Preis zu erhalten, verduftete der Händler mit den Worten: „So Quetsche kann ich nitt gebrauche V*
? 93 0 m oberen Vogelsberg, 16. Okt. Die Herbstarbeiten sind infalge der anhaltend günstigen Witterung so ziemlich beendigt. Die Erträge der K a r t 0 s s e l s c l d e r waren mit einigen Ausnahmen zufriedenstellend, besonders lieferte die Sorte „Prof. Woltmann" nach jeder Hinsicht eine gute Ernte. Für den Doppelzentner werden durchschnittlich 5 bis 6 Mark bezahlt.


