Ausgabe 
18.8.1906 Drittes Blatt
 
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Nr. 193

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGiehener Famillenblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcrr Universitätsdruckerei. N. Lange, Gießen.

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Drittes Blatt 156. Jahrgang Samstag 18. August 1906

Eichener Anzeiger

Are Lage des hessischen «Handwerks.

L

lieber den gegenwärtigen Stand des Handwerks im Großherzogtum Hessen hat die Handwerkskainmer zu Darmstadt soeben in Form eines Jahresberichtes eine 130 Seiten starke Drucksache erscheinen lassen, in welcher eine Reihe auch für den Nichtprofessionisten interessante Alifschlüsse gegeben werben. Der Bericht behandelt zunächst die Organisation des Hand- werks und zählt die einzelnen Institutionen desselben auf, dann die Tätigkeit und die Bestrebungen der Handwerks­kammer 2C. DaS am meisten interessierende Kapitel ist über­schrieben : Die wirtschaftliche Lage des Handiverks und seiner einzelnen Zweige, lieber die Lage im Allgemeinen sagt der Bericht:

Aus Grund der erhaltenen Angaben haben wir nach gründlicher Prüfung das Ergebnis unserer Erhebungen in Einzelberichten zusammengefaßt.

Aus allen diesen Berichten ist zunächst ersichtlich, daß die moderne Entwicklung unseres Erwerbs- und Wirt­schaftslebens dem Handwerkerstande mit Ausnahme den Baugewerben ganz entschieden Nachteil gebracht hat. Tie Entwicklung der Industrie hat es mit sich gebracht, daß die größeren Betriebe die für ihre Fabrikation in Betracht kommenden Handwerksarbeiten vielfach von eigenen Arbeitskräften ausführen lassen, während in den seltensten Fällen das selbständige Handwerk mit der Aus­führung solcher Arbeiter: betraut wird. Schreiner, Wagner, Sattler und Tapezierer, Dreher usw., sie alle haben zu leiden, daß die Großbetriebe diese Arbeiten in Regie aus- sühren lassen.

Andere Berufsgruppen wieder sind empfindlich geschä­digt durch die veränderte Vetriebsform, durch die fabrik­mäßige Herstellungsweise ihrer Waren und durch die sich immer mehr ausdehnenden Warenhäuser, in beneit ja fast alle Erzeugnisse des Handwerks zu haben sind, weiter durch die Ausverkäufe, den Hausierhandel u. dergl., sodaß tat­sächlich die Verhältnisse im Handwerk durch die schwierigen Verdienst- und Lebensverhättnisse vielfach recht ungünstig liegen. Wenn das Baugewerbe hier eine Ausnahme zu machen scheint, so darf doch nicht vergessen werden, daß auch diesem Stande nicht unbedeutende Konkurrenz aus den Kreisen von Nichtfachleuten erwachsen ist. Die finan­zielle Besserstellung der Bauarbeiterstünde, die dem Unter­nehmer außer den Löhnen obliegenden Lasten und Verpftich- tungen auf Grund der sozialpolitischen Gesetzgebung haben insbesondere für den kleineren Baugewerbetreibenden recht empfindliche Belastungen gebracht.

Alle diese Erscheinungen würben weniger fühlbar werden, wenn die Mehrzahl der Handwerksmeister mehrwiebisherdazuübergegangenwäre,sich den heutigen Verhältnissen anzupassen, der modernen Entwicklung aller Wirtschastsverhältnisse mehr und mehr Rechnung zu tragen.

Es zeigt sich in allen Handwerkszweigen, daß der­jenige, welcher sich die Errungenschaften der Neuzeit nutz­bar macht, mit sicherem Blick den Lauf der Dinge verfolgt, und auch jede Gelegenheit benutzt, sein Wissen und sein technisches Können zu vervollkommnen, stets voran ge- koinmen ist, ja in vielen Fällen aus dem Rahmen eines Handwerksmeisters herausgetreten ist. So sehen wir in den meisten Zweigen des Handroerks zahlreiche Großbetriebe, die ich getrost der Industrie zur Seite stellen können, auderer- eits zahlreiche kleine Meister, die über ein nur ganz be- cheidenes Einkommen verfügen. Allerdings ist auch die dtutzbarmachung aller Gelegenheiten zur Erreichung wirt­schaftlicher Vorteile mit mancherlei Kosten verknüpft, die der kleine Handwerker häusig nicht in der Lage ist aufzubringen oder auch in vielen Fallen lediglich sich davor scheut und infolgedessen seinen Interessen nicht nur nicht nützt, sondern direkt entgegenarbeitet. Deshalb muß immer noch mehr in der angedeuteten Richtung getan werden und mancherlei Hilfsquellen stehen ja auch offen, wenn es gilt, dem Hand- werker förderlich zu sein, die Zeit zu verstehen, um darnach handeln zu können. Aber wie furchtbar schwer ist es, den kleinen Meister aus seinem Dasein aufzuraffen. Es werden mit mehr oder wenigen großen Kosten Meisterkurse ver­anstaltet, in welchen jeder Handwerkszweig, für welchen

Bedürfnis hiernach vorliegt, aufs eingehendste praktisch behandelt und in welchen der Handwerker mit den mo­dernen Hilfsmaschinen vertraut gemacht wird. Es werden die Teilnehmer solcher Kurse mit allen technischen Neuer­ungen und Vervollkommnungen, allen Erfindungen, sofern sie dem Einzelnen nützen können, bekannt gemacht, und dennoch ist der Erfolg nicht der, wie er es fein sollte. U-n?e. eim- schwer hält es, den Handwerker zur Benutzung dieser Einrichtungen zu bewegen, und ohne die finanzielle Unterstützung Wäre der Erfolg noch geringer. Mit der Zeil wird wohl auch hier Besserung eintreten und mehr Gebrauch von diesen Einrichtungen gemacht werden.

Jedenfalls gilt es heute alle Kräfte anzuspannen, den ganzen Fleiß aufzuwenden, um wirtschaftlich auf der Höhe zn bleiben. Wer sich in dieser Weise betätigt, wird auch nicht untergehen.

Eine längere Betrachtung widmete der Bericht bann dem Baugewerbe:

Im Baugewerbe hat die öffentliche wie private Bautätig­keit zu einem recht lebhaften Geschäft in den letzten Jahren geführt. Wenn dies einerseits im Interesse der Baugewerbe­treibenden zu begrüßen ist, so muß andererseits darauf hin- gewiesen werden, daß dieser Umstand mit dazu beigetragen hat, daß diese Gewerbe mehr oder weniger durch Arbeits­einstellungen und hierdurch bedingte Aussperrungen zu leiden hatten. Ein Gutes hat jedoch diese Bewegung auch gezeitigt, sie hat zu einem engen Zusammenschluß der in Mitleidenschaft gezogenen Gewerbetreibenden geführt. Den Arbeitgeberorganisationen ist ein großes Feld nutzbringen­der und gewerbefördernder Aufgaben erschlossen, auf dem sich auch bedeutende Erfolge erzielen lassen.

Dem mitteldeutschen Arbeitgeberverband für das Bau- . gewerbe, der sich zurzeit aus 12 Bauarbeitgeberverbänden jzusammengesetzt, mir es beschießen, mit der Bauarbeiter- Mast einen Kampf auszufechten, bet; an örtlichem Umfang

wohl einer der größten war, welche in Deutschland bisher vorgekommen sind. Auch in der Zahl der Kämpfenden war der Kampf, der sich lediglich auf die Maurer- und Zimmererbetriebe erstreckte und an dem, außer in Frankfurt a. M., nur organisierte Arbeiter beteiligt waren, ein bedeutender.

Dem Berufe nach waren vertreten: 4593 Maurer, 757 Zimmerer, 831 Bauhilfsarbeiter, insgesamt 6181 Arbeiter, denen 372 Arbeitgeber gegenüberstanden.

Nachdem in Darmstadt die Zimmerer in den Ausstand getreten und auch an anderen Orten bestimmte Forder­ungen gestellt waren, trat die beschlossene Aussperrung der zentral- und christlich-organisierten Maurer und Zimmerer in den Orten Offenbach , Friedberg, Bad-Nau- heim, Tarrn st a d t (nur Maurer, da Zimerer streikten) in Wirksamkeit. Mainz hatte bereits Streiks, und der Ver­band Gießen konnte sich nicht beteiligen.

Ta die Unternehmer durch die Aussperrung sich nur selbst schützen und einen baldigen Frieden im ganzen Ver- bandsgebiet auf Jahre herbbizufuhren suchten, so waren sie zu Unterhandlungen mit den Zentralvorsitzenden von Hamburg und Berlin bereit. Tiese Verhandlungen würben auch sachlich und ohne jeden Mißton geführt.

Diesem Umstand dürfte die rasche Beendigung der Sperre und die zur beiderseitigen Zuftiedenheit erzielte Einigung wesentlich beizumessen fein.

T«ie Verhandlungen führten zum Abschluß eines für die Verbünde unseres Bezirks zu Tarmftadt mit Traisa, Friedberg und Bad-Nauheim, Mainz mit Kastel unb Offen­bach mit Mühlheim a. M. bis zum 31. März 1908 gültigen Arbeitsvertrages, welcher außer den Löhnen, den Lohn- zahlungs- und Kündigungsperioden, für alle Verbände gleich ist.

Tie Geschäftsergebnisse im Baugewerbe waren leidlich günstig, doch wird viel über die Konkurrenz nichthessischer Firmen und das Verdingungswesen geklagt; gewünscht wird allgemein ein besserer Schutz für die Bauforderungen. Ge­sellen und Lehrlinge waren durchweg genügend zu haben, eine Ausnahme machte nur das Steinhauergewerbe, in welchem das Angebot an "Arbeitskräften ein nicht ge­nügendes war.

Für das Dach-, Schiefer- und Ziegeldecker- Gewerbe gilt, da der Geschäftsgang dieses Gewerbes von der jeweils herrschenden Bautätigkeit abhängt, im allge­meinen das Gleiche, wie oben gesagt. Die Preise für Roh­materialien sind gestiegen. Das Angebot an Gesellen war genügend, dagegen war teilweise au Lehrlingen Mangel.

Die Geschäftslage der Schlosserei war im allgemeinen zufriedenstellend, doch wirb sehr über die Preisbrücknng infolge der Arbeitsvergebnngen geklagt, auch Beschwerde über die stark vertretene Konkurrenz geführt. Das Angebot an Gesellen und Lehrlingen war meist ein ausreichendes, in einzelne^ Teilen war sogar ein Überangebot. Die Bezieh­ungen zu den Gehilfen waren gut, Arbeitseinstellungen kamen nirgends vor. Der Kredit wirb nach wie vor stark in An­spruch genommen.

lieber die Geschäftslage im Schreinergewerbe widersprechen sich teilweise die Berichte. Die Bauschreinereien waren ausreichend, zum Teil auch sehr stark in Anspruch genommen. Dagegen haben sich in der Möbelbranche die Verhältnisse nicht gebessert. Die Konkurrenz der ständig zunehmenden Fabriken, Lager, Waren- und Kaufhäuser er­schwert den Möbelschreinern immer mehr das Dasein. Auch wird der Kredit in weitgehendem Maße in Anspruch ge­nommen. Das Angebot an Gesellen unb Lehrlingen ist gering. Lebhaft sind die Beschwerden gegen das Verdingungs­wesen.

Bei den Spenglern unb Installateuren war an Arbeit fein Mangel, doch wird sehr über den geringen Ver­dienst geklagt und vielfach der Wunsch nach Einführung des Dl ittel-Preisverfa hrenS ausgedrückt. Groß ist die Konkurrenz der Wanderlager und Hausiergewecbe.

Im Glaser gerne rbe waren die Verhältnisse durchweg ziifriedenstellend, doch wird auch hier über das Verdingungs­wesen geklagt. Durch die rege Bautätigkeit war bei Weiß­bindern und Malern fein Mangel an Arbeitsgelegenheit, doch steht der Verdienst mit den Leistungen nicht in dem gewünschten Verhältnis. Das 9(ngebot an guten Gehilfen ist nicht ausreichend, die Beziehungen zu den Gesellen ließen vielfach zu wünschen übrig. Der Geschäftsgang der Bild­hauer, Modelleure und ©tuffatcure fann als mittel bis gut bezeichnet werden, doch ist der Verdienst nicht immer der gewünschte. Die Bildhauerarbeiten an Bauten erfuhren eine bemerkenswerte Zunahme, ebenso die Verwendung von Stuck; Holzbildhauer sind weniger gut beschäftigt. Für Pfla st erarbeiten sind die Preise gedrückt. Besondere Klagen werden über die Konkurrenz durch Holz- und Kunst­pflaster 2C. geführt. Auch auf die Ofensetzer übte bic rege Bautätigkeit einen guten Einfluß aus. Die Venvendimg von Kachelöfen ist in erfreulicher Zunahme begriffen.

Im Schorn st einfegerge werbe endlich find die Verhältnisse normale. Durch die Bildung der Kehrbezirke ist zu große Konkurrenz ausgeschlossen. Die Verdienste in den einzelnen Kehrbezirken sind gute und geregelte dank des Ge­bührenregulativs.

Der Jahrestag der Schlacht bei Gravelottc, am 18. August, ruft uns auch noch heute nach 36 Jahren die heldenmütigen Kämpfe unseres siegreichen Heeres frisch in das Gedächtnis. Das stille Dörflein Gravelottc, damals französisch, seit dem Frankfurter Frieden von 1871 zu Lothringen gehöriges deutsches Eigentum, liegt kaum zwei Meilen hinter Metz, und seine blutgetränkten Felder erbebten damals unter den Tritten der kämpfenden Armeen; sein Schicksal war mit dem der Festungs­stadt auf das innigste verknüpft. In Gravelotte war während der Schlacht von Vionville und Mars-la-Tour das Hauptquartier der franz. Rheinarmee und Kaifergarde, nach dem Abzüge Napo­leons nach Chälons befehligt von Marschall Achille Bazann- Erst am Morgen des 17. August stellte König Wilhelm s daß BazainL mit der ganzen Rfain-rmee vor Metz geblieben w

^m Verlause der schlacht griff die erste Armee Stcmmetz (7. und 8. Korps) den Feind bei St. Hubert und an der Mosel an, weiter westlich das 12., das 9. und baS Gardekorps. Das 3. und das 10., sowie die Kavallerie-Divisionen blieben zunächst bei Verncvillc in Reserve. Das 9. Korps, ohne die Hilfe der westlich postierten Truppenteile kam mit feiner Llrtillcrie und Infanterie in vernichtendes Gefecht, die 3. Infanterie-Brigade, das Gardeforps, die Artillerie vom 3. Korps eilten aus der Re­serve,mit ihnen, das 9. Zlvrps und die erste Armee Steinmetz. Die Höhen von St. Hubert wurden in faißem Ringen erobert unb von deutscher Artillerie verteidigt. Unten im Tal der Mosel beschäftigte ein Teil Armee Steinmetz (7. Korps.) den Feind, um das Gefecht hinauszudehnen. Um halb vier Ufa hatten die Sachsen (12. Korps) und die preuß. Garde das Dorf St. Marie aux Cfanes erobert. Die Sachsen begannen den rechten Flügel des Feindes zu umgehen, währenddessen griffen die Garde- fürafficrc mit schweren Verlusten St. Privat an. Die an» greifenden Bataillone hielten mit ihren Resten kaum 500 Meter vor der feindlichen Front. Der Umzingelungsplan des 12. sächsi­schen Korps glückte schnell und sicher. Bei Roncourt unp Malancourt wurden die Franzosen unter Eanrobert zurückgeworfen, so daß die siegreichen Sachsen die Attacke auf St. Privat mit glänzendem Erfolge unterstützen konnten, das um hall' 8 Ufa abend genommen wurde. In wilder Unordnung zog sich das französische 6. und teilweise auch das 4. Korps auf Metz zurück. Bei finkender Nacht eröffnete das bisher in Reserve gebliebene 3. und 10. preußische Korps auf den Anhöhen bei. Amanweiler ein Artilleriescuer. Zugleich trafen auch nach langem Marsche die wackeren Pommern (2. Korps) ein. Ihnen gesellten sich die stark aufgeriebenen Trümmer der heldenmütigen ersten Armee zu. Erst die finstere Nacht machte dem deutschen Schnell­feuer ein Ende. Unstüt war die Nachtruhe, die braven Deutschen blieben kampfbereit unter Waffen. Die Franzosen retteten ihre Geschütze und Fahnen nach Metz, ihr Heer von 130 000 Mann verlor 14 200 Mann und 600 Offiziere als Tote, doch nur 2600 Mann als Gefangene. Auf deutscher Seite standen 178 818 Mann In­fanterie, 24 584 Reiter und 726 Geschütze. Unser Vaterland betrauerte 19 260 Mann und 899 Offiziere. Uns Nachkommen aber geziemt cs, das Andenken unserer gefallenen Helden und, jenes Gedächtnis an den Tag des unauslöschlichen Ruhmes allezeit zu ehren. Denn Gravelotte und St. Privat leiteten unmittelbar; zu den ruhmvollen Taten bei Metz und Sedan über.

politische Tagesschau.

Zu den hessischen Landwirtschaftskammerwahlen

wird der katholischenKöln. Volksztg." aus Mainzl u. a. folgendes geschrieben:

Die Wahlbewcgung ist in vollem Gange. Besonders der Bauernbund entfaltet eine rege Tätigkeit. Dabei sind die Bauerubündler bereit, auch solche nationalliberale Kan­didaten zu u, nte r stützen, die, wie der Kammerpräsidend Haas, seit Jahren die landwirtschaftlichen Interessen in her­vorragendem Maße fördern. So haben sie die Kandidatur Haas in drei Wahlkreisen ausgestellt. Der B a u e r n v e r e i n, welcher in erster Linie die dem Zentrum nahestehenden Landwirte in sich bereinigt, hat gleichfalls beschlossen, mit aller Macht in den Wahlkampf einzutreten und hat in einer größeren Anzahl) von Kreisen seine Kandidaten ausgestellt. Besonders in verschie­denen rheinfassischen Kreisen rechnet er auf Erfolg. Aber audji in der Provinz Starkenburg wird mit dem Sieg verschiedener Bauernvereinler gerechnet. Man kann nun nidjt behaupten, daß im hessischen Landtage die agrarischen Inter­essen bis jetzt zu kurz gekommen sind; die zweite Kammer verfügt vielmehr über eine stattliche agrarische Mehrheit, die alljährlich bereitwillig die nicht unbeträchtlichen staatlichen Mittel! für die landwirtschaftlichen Zwecke bewilligt. Es ist nur zu wünschen, daß auch der berechtigte Wunsch der Arbei­terschaft nach Schaffung einer berufsständischen Vertretung in einer Arbeitskammer oder Arbeiterkammer recht; bald erfüllt wird. )

Aus S.aSt uno Lano.

Gießen, den 18. August.

** Die Tarifregelung im deutschen Buchdrucks gerverbe. Nachdem bezüglich der bevorstehenden Tarif- regelung der deutschen Buchdrucker von der Gehilfenschaft die nötigen Vorbereitungen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefunden, haben vielerorts die Gehilfen nunmehr zu dieser Angelegenheit in öffentlichen Versammlungen Stellung ge­nommen. Eine solche fand auch in Frankfurt statt, das der Vorort des dritten Kreises ist. Die wichtigsten der Forde­rungen, die gestellt werden sollen, sind folgende: Sämtliche Positionen sind um 15 Prozent zu erhöhen. Die tägliche Arbeitszeit ist Zuständig. Negelmäßige Nachtarbeit ist mit 33^ Prozent Aufschlag auf den Lohn zu entschädigen. Die letzte Lohnstaffel soll gestrichen und das höchste Mininunn mit dem erreichten 21. Lebensjahre gewährt werden. An Maschinen, an welchen Buchdruck­arbeiten hergestellt werden, sind bei Neuanstellungen nur gelernte Buchdrucker zu beschäftigen. Bei Nachtarbeit an1 Druckmaschinen verkürzt sich die Arbeitszeit um eine Stunde. An den Setzmaschinen sind nur ordnungsmäßig als Hand- etzer ausgelernte Gehilfen, an den Typen-Gießmaschinen Setzer oder Gießer und zwar nur im gewissen Gelde zu be- chäftigen. Lehrlinge dürfen nur in den letzten drei Monaten ihrer Lehrzeit und nur behufs ihrer Ausbildung an der Maschine beschäftigt werden. Die Arbeitszeit an der Setz-» bezw. Gießmaschine beträgt acht Stunden einschließlich Putz­zeit und einer Pause. Dreifache Schicht ist nicht gestattet. 9l(§ Korrektoren sind nur ordnungsmäßig ausgelernte Buch­drucker zu beschäftigen. Werden zum Lesen außergewöhnlicher, chwieriger wissenschaftlicher Werke speziell vorgebüdete Kräfte (Nichtbuchdrucker) venvendet, so gelten für deren Entlohnung; ebenfalls die tariflichen Bestunmungen. Längere als 14tägige Kündigungsfristen sollen nicht vereinbart werden. Zum Schutze der Vertrauensleute sollen besondere Bestimmungen getroffen werden. Ter Tarif soll auf zehn Jahre abgeschloffen, nach fünf Jahren aber revidiert werden. Die Anerkennung des Gntenbergbundes wurde abgelehnt. Folgende Resolution wurde angenommen:

Die von über 1000 tariftreuen Gehilfen des Kreises III besuchte Versammlung erklärt sich mit den Anträgen, wie sie aus der (Sau- Vorsteher- unb Gehilfenvertreter-Konserenz gestellt, einverstanden. Sie erblickt in denselben das Minimalste, was xu verlangen ist, ibet dessen, das; sie nach wie vor auf Dem Boden des Tarifs itel Diese mimmalften Forderungen haben auf die noch zu