Ausgabe 
17.5.1906 Zweites Blatt
 
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Donnerstag 17, Mai 1906

Zweites Blatt

Nr. 115

156. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen

gelernter Industriearbeiter ober landwirtschaftlicher Ar­beiter durch das Unfallversicherungsgesetz erhält; sie sind

unseren Händen,

Voraussage

Kabel

Redaktion, ExvedUton a. Druckerei: 6rbu!ftr.l.

Tel. Nr. 5L Te1egr.-Adr.: Anzeiger Sieben.

der Tie

Prfchetnt «xliH mit «»»nähme deS Sonntags.

Die ^Oietzener ZamilienblStter- werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Elfisch« Landwirt- erscheint monatlich einmal.

Neben der Maschincnzcntrale, etwas tveitcr oben, hat man die Wasc^rnstalt erbaut, nahe dabei, weil, wie schon erwähnt, mit dem Dampf der Kassel die Wäscherei betrieben werden soll. Prächtige hohe Räume sind hier zur Aufnahme der Wasch­maschinen, der Zentrifugen, der Dampsmangeln, und was alles dazu gehört, bestimmt. Aber auch hier ist für das Personal in außergewöhnlicher Weise gesorgt worden. Und welch herrliche Aussicht werden die hübschen Mangelnrädchen von den Fenstern

Rotationsdruck und Verlag der »tüMfA«

UntDcrfitälSbruderet R. Lange. ©tefcex

mobntc, herrschte die herzlichste (Stimmung. Die Kapelle der 1. Lifeguard spielte während des Mahles als Aufmerksam­keit für die Gäste nur deutsche Musikstücke. Längere Reden wurden nicht gehalten. Aord Acton brachte in kurzen Worten die Gesundheit des deutschen Kaisers uud der deutschen Souveräne und Oberbürgermeister Kirschner-Berlin die des Königs Eduard aus. 9tcid) dem Frühstück wurden die Räume des Schlosses besichtigt. Kriegsmimücr Hal da ne unterhielt sich aufs liebenswürdigste mit den Gästen in deutscher Sprache.

London, 16. 9)lai. Verschiedene der deutschen Stadt­vertreter wohnten heute dem Jahreßbankett deS Ver­bandes der Gemeindekorporationen bei. Unter den Gästen befanden sich airch der Ministerpräsident Sir Henri) Campbell Bannerinan, dec Sultan von Sansibar, der österreichische Botschafter und die Bürgermeister mehrerer Städte der Provinz.

Im Unterhaus fragte Lord Lonsdale (kons.) an, ob Mit­teilungen ausgetauscht worden seien zwischen der deutschen und der englischen Regierung, bctreffi*nb_bie behauptete Verletzung der englischen Grenze in Südwestafrika. In Ver­tretung des Staatssekretärs des ?luswärtigen Sir Edward Grei) erwidert Parlamentsuntersekretär R n n e i m a n , der deutsche ®e schüststräger habe am 14. Mai dem Staatssekretär des Aus­wärtigen mitgeteilt, daß ein deutscher Offizier Aufständische über die britische Grenze verfolgt, und daß auf britischem Gebiet ein Gefecht ftattgesunden habe. Der Geschäftsträger habe erklärt, daß die deutsche Regierung dieses Vorgehen durchaus gemiß- billigt habe, und daß es den erteilten Weisungen zuwiderlauf.'. Es würden Schritte getan werden, um einer Wiederholung Vor* zubeugen. Tas Haus werde zweifellos, wie es die britische Re­gierung getan habe, den Inhalt dieser Mitteilungen tvürdigen, sowie den Umstand, daß dieselbe abgegeben wurde, bevor eine Erklärung gefordert worden war. (Beifall.) Auf eine nxiterc Anfrage erklärte Runciman: Tie Regierung sei benachrichtigt worden, daß nichts Wahres sei an der Meldung, daß D eutschland die Insel Laut südwestlich von der Insel Borneo ober einen Teil dieser Insel erworben habe oder daß dort irgend eine Station oder ein Beobachtungsposten für dentsckre Kriegsschiffe errichtet worden sei.

Acutsch-Knglilchcs.

London, 16.Mai. Sir Horace Marshall, der frühere Scheriff der Londoner City, gab gestern zu Ehren der deutschen Stadtvertreter im Sayoyhotel ein glän­zendes Festmahl. Auf den auf den deutschen Kaiser und die Kaiserin ausgebrachten Trinkspruch erwiderte Oberbürger­meister Kirschner-Berlin mit einer Ansprache.

Windsor, 16. Mai. Die Vertreter deutscher Stadtverwaltungen wurden, als sie heute vormittag hier eintrafen, am Bahnhofe von Einwohnern mit dem Bürger­meister an der Spitze empfangen, welcher die Herren mit einer Ansprache begrüßte. Vom Bahnhof ging es zu Wagen nach dem .Museum der Königin Viktoria und des Prinzgemahls". Dann fuhr man durch den Park zum Schloß, wo die Gäste im Auftrage des Königs von den Lorbs Acton und

.. sind schon alle gelegt, bie letzten Haus- anschlüssc werben ausgeführt. Heber bie Ausdehnung des Werkes können einige Zahl Auskunft geben: Das Kesselhaus ist 21 Meter breit und 36 Meter lang, baS Maschinenhaus 15 Meter breit nnb 30 Meter lang, der Schornstein 50 Meter hock-

Aus Aad-Yauheim.

Gott sei Tank, der Mai ist ba! Ich glaube, nirgends wirb der Sommer mehr herbeigesehnt, als hier in Bad-Nauheim. Da ist der eine, der sich im Winter notgedrungen von den Strapazen derSaison'" erholt, aber nichts dabei verdienen kann; wenn es auf das Frühjahr zugeht, wird ihm die wohlverdiente Ruhe zur quälenden Langeweile, er sehnt sich wieder nach Beschäftigung. Ein anderer wieder soll in den paar schleckten Wintermonaten, bie dem ersten zu lang werden, die unmöglichsten Dinge leisten, well er erst nach Ablauf derSaison"" mit seinen Arbeiten an­fangen darf und bis zum Beginn wieder fertig sein muß. Da soll ein großes Geschäftshaus bis zum 1. Mar bezugsfertig hin­gestellt werden, aus einen Platz, wo am 1. Oktober noch das alte Haus steht; da sollen Kanäle gebaut und Straßen angelegt werden, der Park soll erweitert werden, die Stabt will elektri­sches Lickt einrichten, bas soll natürlich zu Beginn der offi­ziellenSaison"" funktionieren; daß bei Beginn der Bauzeit, b h hier int Herbst, noch kein Stein für das dazu notwendige große Elektrizitätsiverk angefahrcn ist, scheittt selbstoerstänblick zu sein, von den Kesseln und Maschinen ganz zu schweigen. Der Techniker, der Arckilekt, mit seinem Heer von Meistern und Ge- schäjtsleuten muß einfach in rastloser, hastiger Arbeit das Men- schenmöglickstc ausbieten, damit am 1. Mai alles klappt. Gott sei Dank, 'agt auch der, wenn der Wiitter vorbei ist, denn nun hat er lvcuigstens etwas mehr Ruhe, b. h. jetzt kann er selbst in ein Bad gehen, um die arg mitgenommenen Nerven wieder etwas aufzufriscken. _ .

Also ber Mai ist da! Alles hegt wieder sauber da, Straßen, Plätze "und Häuser sind zum Enipsang der Fremden bereit, die keine Ahnung davon haben, datz noch vor wenigen Wochen fast alle Straßen aufgerisien waren, datz man Hals uiiö Dein brechen konnte. Die Kur beginnt. Von allen Gegenden strömen bie Gäste herbei.Donnerwetter"", fugt da em alter Nauheimer Stammgast, er kommt ichon 26 Jahre hierher beim Aussteigen aus dem Schnellzug,was ist denn das für ein kolossaler Sckwrnstcin? Ta hat bock im vorigen Jahr noch vergnüglich eine Schafherde geweidet."" Er erfährt,, daß hier das neue Elektrizitäts- und Fernheizwerk erstanden ut und weiter oben die Dampswäscherei. Darauf:Wie kann man nur einen viereckigen Schornstein bauen!" Ja, warum denn nicht! ^ie Schornsteine auf den Häusern sind ja auch Dicrccfxg. Der Archi­tekt hat doch wohl seine zwingenden Gründe dazu gehabt. Ick glaube, wir müssen uns daran gewöhnen, daß auch eilige, über bic wir meist als über etwas Selbstverständliches hinweggchen, von einem höheren, künstlerischen Standpunkt aus behandelt werden sollten. Ein Fabrik-Sckwrnstein gilt gewöhnlick für ein Scheusal, mindestens für ein notwendiges Hebel; er ist meist so dünn, daß man Angst hat, er fällt um. Er steht meist in aar keinem Verhältnis zum Gebäude. Ter Architekt hat hier offenbar einen Versuch gemacht, diese Fehler zu^vermeiden, und wie nur scheint, mit Erfolg. Ter viereckige ödxorn)tein sieht kräftiger aus, er paßt belfsr zum Gcbckch-,er ist auch nicht durch kleinliche Zockstettwrnamenttk in feiner Wirkung beeinträchtigt,

Zur Fahrkartenfteucr.

Die in den weitesten Kreisen der Bevölkerung als besonders unangenehm und belastend empfundene Fahr­kartensteuer ist in 2. Lesung mit einer so geringen Mehrheit verworfen worden, daß ihre Einführung doch nod) nicht so ganz sicher ist. Nach einer in der Frkf. Ztg. mit* geteilten Zusammenstellung mar das Abstimmungsverhält- nis im einzelnen folgendes:

Für die Fahrkartensteuer nach dem Anträge Becker stimmten 157 Abgeordnete, 128 dagegen bei 3 Stimment­haltungen. Gegen die Steuer stimmten 63 Sozialdemo­kraten, 14 Freis. Bolkspartei, 8 Freis. Vereinigung, 5 Polen, 2 Deutsche Bolkspartei, 9 Wirtschaftliche Vereinigung, 5 Deutsche Reformpartei, 2 Elsass. Landespartei, diese Par­teien geschlossen, ferner 7 bayerische Zentrumsabgeordnete, 7 Deutschkonservative, 3 süddeutsche Nationalliberale, 2 Welsen, 1 fränkischer Bauernbündler. Der Abstimmung ent­hielten sich 2 Zentrumsabgeordnete (darunter 1 Bayer) und der Hospitant der Wirtschaftlichen Bereinigung und braun­schweigische Welfe von Damm. Geschlossen für die Steuer stimmte nur die Deutsche Reichspartei mit 17 Mitgliedern, ferner 67 Zentrum und Welsen, 40 Nationalliberale, 32 Deutschkonservative und der Präsident. Von den Süddeut-

aber auch mindestens so hoch wie das, was ein zwanzig­jähriger gelernter Arbeiter infolge des Hnfallversicyerungs- gesetzes erreichen kann! Nun tritt aber zu diesen Renten noch die Verstümmelungszulage von je 324 Mk. für Verlust einer Hanb, eines Fußes, eines Auges, des Gehörs usw., sodaß z. B. ein Soldat, der beide Füße und ein Ange ver­liert, insgesamt erhält: 540 Mk. Vollrente und dreifache Verstümmelungszulage mit 3mal 324 Mk. gleich 972 Mk., zusammen also 1512 Mk.; bedarf er aber noch fremder Pflege und Wartung, so wird ihm eine vierte Verstümmelungs­zulage von 324 Mk. gegeben, also insgesamt 1830 Mk. In der Industrie gibt es diese Zulagen nicht. Für Kriegs­teilnehmer kommt noch die Zulage von 180 Mk. oder 120 Dkark hinzu und für Invaliden, die mit 55 Jahren unter 600 Mk. Gesamteinkommen bleiben, die Alterszulage bis zur Erreichung dieses Betrages. Der zweite Teil befaßt sich mit den M i l i t ä r a n m ä r t e r n; sofern diese durch Unfall beeinträchtigt sind, erhalten sie selbstverständlich auch ihre Rente. Wer kapituliert, erhält nach 12 Dienstjahren den Zivilversorgungsschein, wer als Kapitulant schon vor 12jähriger Dienstzeit seid- und garnisondienstunfähig wird, erhält gleichfalls den Zivilversorgungsschein. Tie Inhaber dieser Scheine haben Anspruch auf mittlere und Unter» beamtenstellen, welche diesen Amvärtern Vorbehalten sind; es ist nicht angängig, die Grundsätze über diese Anstellung im Staats- und Kommunaldienst im Gesetze selbst nieder­zulegen; dagegen sollen, nach einem Beschluß der Kommis­sion, diese Grundsätze dem Reichstage zur Genehmigung mitgeteilt werden. Der Streit, ob neben dem Zivildienst­einkommen die Militärpension unverkürzt gezahlt werden soll, ist schon beim Offizierpensionsgesetz entschieden wor­den, und zwar im verneinenden Sinne. Den Militäran­wärtern sollen künftig 20 b. H. ihrer Rente abgezogen und der Rest soll dann für alle Zeit bezahlt werden. Ein großer Fortschritt ist aber für jene Militäranwärter erreicht, die infolge Schädigung der Gesundheit aus dem Zivildienst in früheren Jahren ausscheiden müssen; sie erhalten dann ihre Militärpcnswn soweit, bis Zivilpension und Mllitärpension den Höchstsatz der überhaupt erreichbaren Zivilpension in der betreffenden Stelle erreichen.

Die neuen Bestimmungen der Militärpensionsgesetze enthalten, wie schon dieser kurze Heberblick zeigt, gegenüber dem bestehendeil Zustande wesentliche Verbesserungen. Daß manche Wünsche nicht erfüllt werden konnten, ist l)-aiqrt]ätf)-= lich auf die Finanzlage des Reiches zurückzuführen.

lichen Vorteil mit sich, daß sie zu einer Ausbesserung der unteren, bisher gegen unverschuldete Notlage oeim Aus­scheiden aus dem Dienst ungenügend geschützten Dienst­grade bis zum Stabsoffizier einschließlich führt. Für bieje Offiziere ist die Pension in der Weise erhöht, daß ein Leutnant 1200 Mk., ein Oberleutnant 1800 Mk. und ein Hauptmann 2400 Mk. Pension erreicht. Von besonderem Wert für die pensionierten Offiziere sind roeiter die Bestimm­ungen über das Erlöschen und Ruhen des Rechts auf den Bezug der Pension. Das Gesetz hat es als dringendes Be­dürfnis anerkannt, daß der pensionierte Offizier bei künf­tigen Stiftungen als Beamter und dem damit verbundenen Aufsteigen in höhere Gehaltsklasfen nicht auf der anderen Seite einen gleichen Betrag bei Pension verliert, ehe sein Gesamteinkommen als auskömmlich anzusehen ist. Es ist daher mit vorschreitender Dienstzeit ein stufenweises Steigen des Gesamtdiensteinkommens vorgesehen, bis zu welchem die Pension neben dem Zivildiensteinkommen weiter be­zogen werden kann. Während bisher die Militärpension gekürzt wurde, sobald sich ein Gesamteinkommen von 4000 Mark ergab, bleibt sie jetzt, je nach der Dienstzeit, bis zu 6000 Mk. Einkommen ohne Kürzung. Eine fernere Verbesser­ung besteht darin, daß, während früher ein Offizier, auch wenn er jahrelang im Zivildienst tätig war, nach seinem SRüdtritt von diesem lediglich auf seine Militärpension an­gewiesen war und aus dem Zivildienst keinerlei Vorteile für das Pensionsverhältnis erlangte, ihm künftig seine Zivildienstzeit auf die Militärpension angerechnet und ihm die Wahl zwischen der Zivilpension und der so erhöhten Mllitärpension gelassen werden soll. Dagegen müssen sich den Abzug von der Militärpension in Zukunft auch solche Offiziere gefallen lassen, die nicht in den Staats-, sondern in den Zivildienst übertreten. Ein Kommissionsbeschluß be­stimmt indes, daß Offiziere, die beim Inkrafttreten des Ge­setzes bereits im Komnmnaldienst angestellt sind, neben dem Zivildiensteinlommen ihre bisherige Militärpension unver­kürzt erhalten sollen.

TaS neue Mannschafts-Versorgungsgesetz zersälll in die Fürsorge für die Mannschaften im Heere und tu die Fürsorge für die Kapitulanten (Militäran­wär ter). Was die Fürsorge für die Mannschaften be­trifft, so erhalten alle Soldaten, die im Militärdienst ihre Erwerbsfähigkeit eingebützt oder diese teillveise verloren haben, eine Rente und einen Anstellungsschein mit der Aussicht auf Annahme im Unter beamtendienst. Das Gesetz läßt sich also mit dem Hnfallversicherungsgesetz vergleichen; aber es geht erheblich über die in diesem gewährten Ent­schädigungen hinaus. Tie Bollrente ist für Feldwebel 900 Mark, für Sergeanten 720 Mk., für Unteroffiziere 600 Mk. und für Gemeine 540 Mk.; bei teilweiser Erwerbsfähigkeit wird ein entsprechender Teil dieser Vollrente gewährt.

Ate WililärpenstottSgks.tze

sind nunmehr in der Budgetkommission durchberaten und sollen nach diesen Beschlüssen am 1. Juni d. I. in Straft treten. Da nicht anzunehmen ist, daß die Gesetze im Plenum des Reichstages noch wesentliche Aenderungen erfahren, so wird es für die weitesten Kreise von Interesse sein, zu hören, welche Gestalt die Gesetze angenommen haben.

Das eine Gesetz beschäftigt sich mit den Offiziers- Pensionen. Als Haupterrungenschaft ist zu begrüßen, daß künftighin im deutschen Heere die Höchstpension der Offiziere schon nach 35, statt wie bisher nach 40 Dienstjahren gewährt und als Anfangspension zwanzig Sechzigstel, statt bisher fünfzehn Sechzigstel des Diensteinkommens festgesetzt werden. Dann bringt die neue Pensionsreihe den wesent-

des Mangelsaals haben! Zu Füßen die Villenstadt, die im letzten Jahr auch einige Türme mehr bekommen hat, mit den ausgedehnten Parkanlagen, dahinter der Johannisberg, aus dem Park hcrauswachsend, das ist besonders bei früher Morgcn- beleuchtung ein herrliches Bild. Wenn die Wäscherei in Betrieb ist, wird wohl mancher Kurgast den sckönen Mangelmädchen einen Besuch abstatten, um sick die schöne Aussicht zu bewachten.

Nun zurück zur Stadt. Die ehrwürdige Vahnhofsallee hat diesen Winter schlimme Tage gesehen. Wer Ende März hier in Bad-Nauheim mar, der hat wohl den Kopf geschüttelt über die Verwüstung; aber glatt wie kaum zuvor liegt sie wieder da. lind was ist da alles gemacht worden! Ein bequem begehbarer, gemauerter Kanal läuft hier vom Fernheizwerk kommend nach dem Badegebiet. Tarin liegen die Heizrohre, die den Dampf heruntcrleiten. Um diesen Kanal ausführen zn können, mußten außerdem störende Entwässcrungskanäle, Wasser- und Gasleitungen verlegt werden.

9Zun kommen wir zur Ludwigstraße; da stehen am Eingang zum Park zwei neue Gebäude, links die Badedirektion, rechts die Kassen. Dankbar sei es begrüßt, daß man hier jetzt iw bequemen Polstern warten kann, warten muß man ja immer, bis man den Vielgeplagten sprechen kann, dem man seine Sckmerzen wegen der hohen Badeprcise vortragen luilL Und erst im Kassenraum über­kommt den Kürgast sicher eine unstillbare Sehnsucht nach Be­zahlen, meint er erst einmal in die molligen Polster der lauschigen Nischen gesunken ist. Nun, es ist jedenfalls reckst anerkennens­wert, daß man die Kürgäste über die unangenehme Seite ihres Nauheimer Aufenthalts, falls man von einer solchen überhaupt sprechen kann, möglichst hinwegzutäuschen bemüht ist.

Von außen haben sich die viclbesehdeten Verwaltungs-Ge­bäude jetzt, wenn auch einfach, so doch recht ansprechend und vornehm herausgeputzt..Das Hai man den garstigen Backstein­kästen gar nicht angesehen"", hörte ick neulich^ zufällig sagen. Vielen war es ja allerdings nicht reckt, daß der Staat die Häuser hierhin gebaut hat, aber sie haben auch keinen anderen Platz schenken wollen. Jedenfalls kann sich der Fremde bei seiner Ankunft infolge der inS Auge fallenden Lage der Gebäude gleich orientieren.

Weiter unten, hinter diesen Verwaltungsgebäuden, stehen die neuen Badchäuser, der erste Teil einer großen Badeanlagc. Sie sind noch nicht fertig, aber man munkelt schon von eitel Marmor und Bronzen, von idyllischen Höfen mit Brunnen und Rasenbeetcn mit zierlichen Taxusheckcn. Ich habe gehört, der Architekt glaube bestimmt, daß die Kranken vom bloßen Anblick schon gesund würden. Ick Halle den Mann für einen großen Optimisten; es wäre aber auch unrentabel, wenn er Reckt behielte, beim bann würbe eben nicht gebadet und nichts bezahlt. An 70 Babezellcn sind in den neuen Häusern rings um Höfe herumgelagert; aus den Wartesülcn kann man entweder direkt in die Flure zu den Bädern gelangen, ober in diese Höfe, die bei gutem Wetter gewissermaßen als Erweiterung der Wartesäle eine peinliche Sauberhallung ermöglichen und geradezu ver­dienen sollen. Auf bequemen Bänken kann man hier dem Ge­plätscher des Brunnens lauschen und bie Zett des Wartens aw-

l Diese Sätze sind um 200 Mk. höher, als das, was ein nicht-Esher empfangen wurden. Bei dein un großen Speifesaale gelernter Industriearbeiter ober landwirtschastlickier Ar- servierten Frühstück, dem auch KricgSminisler Haldane bci-

unb bie eigenartig schwellenbe Form erhöht biese Wirkung. Wie ich übrigens erfahren habe, ist bas eigentliche Rauchlvch runb, unb in den Eckzwickeln sind Enllüftungskanälc augeorbnet, es ist also bei der viereckigen Ausbildung auch ein prallischcr Zweck erfüllt worden. Doch sehen wir uns das Elekttizitätsiverk selber etwas genauer an. Wie schon erwähnt, ist mit ihm ein Fern­heizwerk verbunden, d. h. es sind einige Kassel mehr aufgestellt worden. Dadurch ist bas Kesselhaus naturgemäß viel größer geworden, a!5 man das bei anderen Elektrizitätswerken gewöhnt ist; der erhöhten Bedeutung der Kesselanlage entsprechend ist auch das Kesselhaus bic beherrsckenbe Baumasse. Ter breit- gelagerte Lungsteingiebel und die vier Enllüstuttgshauben auf dem mächtigen Tack geben im Verein mit dem Schwrnstcin den Charakter des Gebäudes. Zunächst in vier, später in acht ge- walligen Kesseln wird der Dampf erzeugt, bet in einer Ent­fernung von etwa einem halben Kilometer bie Babehäuser er­wärmt unb bort warmes Wasser bereitet, woburch die rußigen Feuerungsanlagen ans bem Park verschwinben, ber in Form von Elellrizttät bie ganze Stabt mit Licht versieht, bie Auszüge ber Hotels treibt und hoffentlich auch bald dieElektrische"^ der ferner die Wäschereimasckinen treiben und endlich die Sole in ber neuen Saline zur Salz- unb Mutterlaugengewinnung ein- bampfen soll. An das Kesselhaus schließt sick bas Maschinen­haus, ivorin die zur Umwandlung der Tampskrast in elektrische Energie notwendigen Maschinen, Dampfmaschinen mit den Dyna­mos, ausgestellt sind. Diesen Haupträumen gliedern sich einer­seits ein Raum für bie Kessclspeisepumpen unb Wasserreinigcr, andererseits ein großer Akkumulatoren- unb der Schallraum an. Das Gebäude enthält ferner eine geräumige Werkstätte und Räume zur Bequemlichkeit des Personals, darunter auch eine eigene Kantine mit Küche. Als selbständiger Teil, unb als solcher auch gcketmzeicknet, ist eine Eisfabrik angegliebert. Jetzt ist alles noch unfertig; man hat erst im Oktober vorigen Jahres mit bem Bau beginnen können, unb bas Hexen verstellen bic Nauheimer beim doch auch noch nicht. Wer bie inneren Organe arbeiten schon, sckon raucht der Schornstein unb noch einige wenige Tage, bann arbeiten bie Maschinen, beim wie wir hören ist ber Beginn ber Lieferung elektrischer Energie auf ben 15. Mai bestimmt festgesetzt. (Der Artikel war schon seit einiger Zett in erfreulicherweise haben bie Tatsachen

des Verfassers recht gegeben. Red.)

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utilitär, jfrei, mit U-, Äenogmphie chr. vertraut, jucht M, gestützt aus ilSbalb Stellung, böte unter 3090 Anzeiger erbeten.

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