Nr. 293
Erscheint ILgltch mli Ausnahme deS Sonntag«.
Tie „Siebener ZamMenbiStter" werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich betgelegl. Der „hesflsche Landwirt" erichemi monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'icherr UntversilätSdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion,Expedition u.Truckeret: Schulkir.?.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen.
Zweites Blatt 156. Jahrgang Donnerstag 13. Dezember 1906
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.
Deutscher Reichstag
buftrier unb namentlich die Bergarbeiter beziehen, ist es Dielet. Hunderten van Arbeiieriamilieii ganz unmöglich, Fleischnahrung zu sich zu nehmen, zumal die Preise für SUcibung usw. enorm hoch "mb. Ziegen und schlechte halber werden geschlachtet, wahrend der LchiDeinefleischkonsurn gewaltig zurückgegangen ist. Es ist dringend notwendig, daß für Oberschlesien die Einfuhr russischer Schweine gestattet wird, selbstverständlich unter Berücksichtigung der notwendigen veterinärpolizeilichen Kontrolle.
Abg. ®amo cJlciMvartci) führt gegenüber dem Vorredner ans: Eine Erhöhung des Kontingentes ist unnötig, da die jetzige Einsuhrmöglichkett bei weitem nicht ausgenutzt wird. Eine unbegrenzte Einfuhr ist gar nicht beutbar, weil sonst der Regierung jegliche Kontrolle iehlte. Tie erwähnte Polizeibestimmung tonne nicht entbehrt werden. Kein Stand ist in seinen Einnahmen in den letzten Jahren so gestiegeii, wie der Ardcuerstcmd. Tie jetzigen Fleischpreije smd nicht unerschwinglich für die Arbeiter, die uiel- iach em größeres Einkommen haben, als das Aniangsgehalt sür die Amtsrichter beträgt. (Lachen bei den Soz.) Redner bedauert, daß die Herren es so eilig mit der Interpellation hatten, sie hätten in ihrem Interesse gehandelt, löcim sie diese Debatte zwei bis brei 9)lonate hinausgeschoben hätten, nm zu sehen, ob es sich um einen bauernden ober um einen nur vorübergehenden Preisrückgang handelt. Redner gibt eme Zuiammenstellung über den Schweineauitrieb und dte Preise der letzten vier Jahre und knüpft daran die Hosfnung, daß wir in verhältnismäßig kurzer Zeit die vorhandene Minderpro- duktion ansgleichen merben. Seinen Bedarf an Schwemen wird Teutjchlanb noch Tezenmen lang produzieren. Tcvür liegen die Verhältnisse besonders günstig. Die Frage der Seuchenbekänwsung ist allerdings noch nicht im wesentlichen erledigt, wie der Vanb- wirtschastsminister meinte, ba em Seriim sich nur bei Rotlauf bewährt habe, aber nicht bei der Schweineseuche. Gegen die Fleischbeschau haben wir jetzt sehr erhebliche Bedenken Die freifch- bejchauer sind nicht zuverläjsig ausgebildet und nur im Siebenamte tätig. Kolossale Verluste entstehen durch die rigorosen Beslimm- uiigen des Fleischbejchaugesetzes. Ten Zwischenhaiidel halten wir innerhalb gewisser Grenzen für durchaus notwendig und berechtigt. Wir venvahren uns aber entschieden dagegen, daß ivir Schlächter unb Haiidiverker dttrch ben Zivtscheuhandel schädigen wollen. Gerade dte kleinen Grundbesitzer werden durch kerne Altttel so geschädigt, ivie dttrch eme weseitiltche Verbilligung der auLländifchen Fiitter- mittel. Tie Deffnung der Grenzen wäre eme unverantiDoriliche Leicht'ertigkeit. Erivägenswert wäre, ob nicht an den Grenzen Schlachthäuser zn errichten seien. Seine Partei meine, bau eme übermäßige Steigerung der Fleischpreise durchaus nicht erwünscht sei. Tie deutschen Arbeiter unb Bauern decken 75 Prozent des deutschen Bebans; sie haben em Recht barau«, baß auch bcr Reichstag endlich einmal ihnen seine Anerkennung ausspricht. (Lebhafter Beifall rechts.) .... n .
Abg. Goth ein (Es. 93g.) fuhrt aus: Ueber den neuen Land- wirtichastsminister war ich gerade nicht sehr enttäuscht. ES war ein anderer Faden, aber dieselbe Stummer. (Heiterkeit.) Die Grenzsperre gegen Holland unb bie Schweiz ist überhaupt cm sonderbares Unternehmen. Ter Minister scheint nicht zu wissen, daß im großen Maßstabs holländisches Vieh nach Oesterreich Deutschland passiert, ohne daß eine Seuche eingeschleppt werde. Selbst der Bund der Landwirte vertrat den Standpunlt, daß die Sperre auf-
Deutsche» Reich.
Bückeburg, 12. Dez. Ter Kaiser fuhr heute morgen mit dem Fürsten Georg, dem Erbprinzen Adolf und dem Prinzen Wolrad im Automobil nach dem Schaumburger Wald zur Jagd auf Hochwild. Auf der Fahrt waren in allen Ortschaften die Schulen und die Krlegervereine auf- gestellt; Frauen und Mädchen waren in Nationaltracht erschienen. Kurz vor 4 Uhr trafen der Kaiser und Fürst Georg ivieder m Bückeburg ein.
Berlin, 12. Dez. Im Reichstage wird erzählt, daß Graf 23aHeitrem em Telegramm vom Katjer er-
Sitzung Dom 12. Dezember 1906.
Am Bundesralstiiche:, der Staatssekretär Frhr. v. Stengel, i btuie Landwirtschaftsminister D. Arnim-Criewen.
Fortsetzung der Besprechung der Jnterpellatwn betreffend ’ Maßnahmen zur Abhilfe der herrschenden
Fleischteuernug
und der Teuerung der nowenbiguen Lebensmittel.
Abg. Dr. Paasche (Nationall.) erklärt namens feiner Parteifreunde: an den vorjährigen, zu der freischmot ausge- sprochciien Grundanschauungen festzuhalten. Im Interesse der Vieh züchtenden Landwirte sei cs notwendig, stabile Verhältnisse zu erhalten, vor allein die Viehbestände der Landwirte gegen Seuchen aller Art zu schützen. Veterinärpolizeiliä-e Maßregeln inb gerade im Interesse der kleinen Viehzüchter notwendig.
Trotzdem leugnen wir selbstverständlich nicht, baß vielsach durch bie Fleischteuerung Mißstände entstanden sind, weiche bcr Abhilfe bebünen. Wir neben zu, baß die hohen Fieischpreife eine schwere Kalamität herbetgejührt haben und daß in gewissen Bevölke- rungstreifen eine Beunruhigung hineingetragen worden ist, bie nicht dazu beigetragen hat, bie Innerpolitischen Verhältnisse günstiger zu geiia.teiL Deshalb können wir nicht umhin, den Regierungen ben Vorwurf zu machen, baß sie bisse ganze Be- lucgung eine Zeitlang scheinbar ignorierten. Ich glaube, toir haben das Recht, den Regierungen den Vvr.ours zu machen, daß sie diese ganze Bewegung lausen ließen, ohne nur ein einziges- mal eine Beruhigung in die Bevölkerung hineinzutragen. Ebensogut wie die Regierungen jetzt Maßnahmen zur Abhilfe durch Herabsetzung der Transporttv,rcn, bcr Schautosten usw. treuen können, so hätte dies schon früher geschehen Eömien. Wenn letzt die Stegierung * auseinanders etzt, daß eine Oesfnuug der Greinen wahrscheinlich kaum etivas Helsen wird, so hätte man dies fayon vor SJconatcn sagen können, wodurch ein großer Teil der Un- zusricdenheit unterdrückt weiden konnte. Ich will nicht leugnen, daß bcr Agitation vielsach Uebertreibungen schlimmster Art unterlaufen sind. Wir erkennen auch an, oaß tatsächlich von einer Unterernährung des Volkes nicht die Rcbe sein hnn (Widersprach). Es ist bereits festgestellt, daß eine Fleifchiwt ober Fleischteuerung namentlich für Schweinefleisch, ihre Ursache in bcr wirtschaftlichen Entwicklung hat, die vorübergehend ist. Daß unsere Schweinezucht einen gewaltigen Aufsaswung genommen htt, Cann nicht geleugnet werden. Die Viehpreise sind enorm gesunken, da heute bereits eine Ueberproduktion an Jungvieh statt,indet. Ich bin überzeugt, daß, wenn bie Preise jetzt quo> sinken, sie doch nicht dauernd auf dem Standpuntt blriycn können, den sie m früher en Zeiten gelzabt haben. Die Preise werden wahrscheinlich dauernd l-öher bleiben, well alle Löhne gestiegen sind, nicht bloß in bcr Landwirtschaft, sondern auch in der Jndusttie. Es ist uniere erste Pflicht, dafür zu sorgen, daß die deutsche Landwirtschast und Viehzucht nicht wieder von allen möglichen Gefahren bedroht wird, wie ihr durch den Import von lebendem Vieh gebracht werden können. Wir wollen die Landwirtschaft schützen, um dem Konsumenten zu nützen. Ich bedauere nochmals, daß bie Regierung nicht fdjon vor Monaten beruhigende Erklärungen abgegeben hat, und hosfe, daß die von ihr in Vorschlag gebrachten Maßregeln wesentlich dazu beitragen werden, datz die preissteigernde Wirkung der Zwischenhändler und der Schlachthäuser beschränkt bleibt. Das kann geschehen, ohne daß der Landwirt gezwungen wird, auf seinen gerechten Lohn zu verzichten. Wir verlangen, daß die Regierung alle Mittel ergreife, die eine Besserung ermöglichen. Ich spreche nicht im Interesse der Großgrundbesitzer, sondern für die kleinen und mittleren Viehzüchter, die ein legitimes Interesse an stabilen Preisen und an der Möglichkeit der Fortsetzung ihrer Viehzucht haben. (Beifall.)
Abg. Graf Schwerin-Löwitz (Kons.) erklärt, die Flehch- preise sind in letzter Zeit derartig gesunken, daß nicht einmal mehr von einer frei)Steuerung gesprochen werden kann. Trotzdem bearbeitete die Soziachemokralle die Bevölkerung mit Flugblättern, die an Hetzereien das menschenmögliche leisten. Es heißt in einem solchen frugblaUc, bie Teuerung sei künstlich geschaffen, um den Großgrundbesitzern die Taschen zu füllen (Sehr richtig bei den Sozialdemokraten). Daß diese Flugblätter lediglich zu Agitatwnözwecken bienen sollen, geht aus ber Aufforderung an die Arbeiter hervor, sich den Aröeiterorganisationen anzuschließen und den „Vorwärts' zu lesen. (Schallendes Gelächter rechts. Sehr richtig! bei den Soz.). Es ist eme furchtbare Uebertreibung, von der Gefahr einer Unterernährung des Volkes zu sprechen. Die Produktion hat seit den letzten 30 Jahren sehr erheblich zugenommen. Es werden heute 95 Proz. des Fleisches im Inlands produziert. Dabei ist zu berücksichtigen/ daß die Produktionskosten unb die Löhne vcrhüttmsmäßig gestiegen Jinb. Eine Erleichterung der Viehemjuhr muß auch int Interesse der Konsumenten zuruckgewicsen werden. Rach der übereinstimmenden Ansicht aller Veterinärkongrefse ist eine systematische Seuchen- bekämpiung nur durch eine vollständige Sperrung der Grenzen möglich. Eine Voraussetzung zur Lesserung ber Verhältnisse ift, daß die Stadwcrwa.llmgcn Die Hand dazu bieten durch Ad- ic^mung aller Schlacht steuern und durch eine eiheblla-e Ermäßigung aller Schlaasthv.gebühren. Ich schräge deshaw vor: 1. bie Einiührnng der Marktnollerungen nicht nur nach dem Schlachtgewicht, sondern auch nach dem Lebendgewicht und nach den Detailpreisen; 2. wirksame Herabsetzung der Eisenbahntar.,e sowohl sür Waggonladungen, wie für Stückgut; 3. allgemeine staallich organiiicrte oder »lautlich unterstützte Schlachtviehocruche- rung; 4. öerabsetzung bcr Gebühren für die Fleischbefchauung. Ferner (ub höhere Drittel sür eine systemallichc Scuchenstrschung unb Seuchenrstgung in den Etat einzustcllen. Siebner warnt schließlich davor, unsere Fleischoersorgung nach dem engllfchen Muster einzurichten. t .
Abg. Koriauty (Pole) führt aus: Seme Partei oertrelc großenieils tanb»virijchafltlche Bcvölkernugstreiie. Bei uns ist an der Schweinezucht nicht nur der große und mittlere Bauer, jondern auch der Ardener und jogar der Fudusiricaibeiler uucxej|icit. Sln- gesichis der Siotlage, in der sich bieie Voilsjchlchlen befinden, Halle uns bie Regierung energischere Sstaßregeln versprechen sollen. Bel den gegenroartig niedrigen Löhnen, die tn Lberschlesien die Jn-
gehoben werden müsse, well die Seuchengeiahr im Auslande nicht allzu groß sei. Redner belegt dies nut Beispielen. Durch die Grenzsperre gegcir Holland leide auch die Milchversorgung und die Landwirtschaft in erster Lulle. Tie Tuberkulinprobe i|t eine direkt unsinnige Sache. Tie Handhabung des Viehjeuchengejetzes und des Fleischbeschaugesetzes wimmelt von Inkonsequenzen. Die SJiatil- und Klauenseuche wird auch durch Menschen verbreitet und Slie- manben fällt es ein, die Grenzen für jeglichen Verkehr von Menschen und Waren zu sperren. SDlit der Prophezeiung, daß innerhalb sechs Wochen die Fleifchnot beendet sein solle, hat Minister o. Pod bielski, wie er selber zugegeben hat, ein corriger la v6rii6 Dovgenommeii. (Heiterkeit.) Tie statistischen Zahlen des Landwirtschastsmiiusters sind einfach Unsinn. Wenn es eine feile Dirne gibt, so ist es diese Statistik. Die Berechnung, nach welcher der Fleischkonsum im letzten Jahre pro Kopf 48 Kilogramm, im Jahre 1900 dagegen nur 40 Kilogramm betragen habe, ist unmöglich richtig. Ich habe ichon früher auSeinandergesetzt, daß das Kontingent nicht ausgenutzt werden kann, weil wir durch jahrelange Sperrung die Schweinezucht im Auslande so heruntergebracht haben, baß keine Schweine mehr an uns abgegeben werden können. Bei dieser Wirtfchait könne man nicht erwarten, daß dle Schiveine- zucht im Auslande sich hebt. Dies treffe vor allem für Oesterreich zu. Wir haben allerdings eine Gewichtszunahme durch Verbesserung der Zucht gehabt, die aber nur bis Anfang oder Rillte der 9U er Fahre anhielt. Seitdem wir das ausländische Vieh nicht mehr ein- Ueßen, verschlechterte sich die Zucht und verminderte sich das Gewicht. Wenn die Zahl und das Gewicht der geschlachteten Lchweme zurückgingeii und die Beoölkerungszisfer sich vermehrt Hal, so müssen wir logischer Weise einen ganz enormen Rückgang des Fleischoer- braiiches pro Kopf der Bevölkerung gehabt haben. Eine Unter- ernähnmg des Volkes wird bestritten. In Breslau ist wissenschaftlich festgestellt worden, daß 1906 nur oie bestenllohntei» Arbeiter sich so ernähren konnten, wie bie Wissenschaft es für eriorderlich erachtet. Die Steigerung der Lohne nahm nicht m dem Maßstabe zu, wie die Erhöhung der Lebensmitlelpreise. (Die weiteren Aus- fühtungen des Redners werden durch vielfache Schlußruse der Rechten unterbrochen.) ,
Staatssekretär Graf Posadowsky: Gegenüber dem trüben Bilde, das der Vorredner entworien hat, stelle ich fest, daß die wirlfchaitliche Prosperität des deutschen Volkes nienwls größer war als heulzulage. Diese Prosperität ist so groß, daß das Aiislaud mit Neid aus uns sieht, tueiter bemerke ich, daß ich im Dezember 1902 den Beschluß wegen Erhöhung der kommnunalen Schlachlsteuer nur bekämpft habe aus staatsrechtlichen Gründen. Materiell habe ich damals über diese Frage gar nichts gejagt. Ter Vorredner nannte die Statistik eme feile Dirne. Relativ ist die etatiftif ja immer. Was soll man im Auslande denken, wenn das reichs- statistische Amt eme feile Dirne genannt wird, bie nach politischen Rücksichten arbeitet. Ter Staatssekretär geht bann noch auf bie Pflicht des Seuchenfchutzes gegen das Ausland em.
Präsident Gral B a 11 e st r e m bemerkt, der Abg. Gothein habe nicht von Angrchen auf das statistische Amt geredet sondern gegen die Statistik. ,
Hierauf erfolgt Vertagung. Morgen: Zweite Lesung des Nachtragsetats für Südwestasrika, event. Fortsetzung der heutigen Besprechung.
Berlin, 12. Dez. Dem Sicichstage ging ein Abander- ungd-Antrag von Ablaß und Genossen zur zweiten Lesung deS Nachtragsetats für die Schutzgebiete zu, lautend: Der Reichstag wolle beschließen, dem Tispositiv des Kapitels zwei, Titel eins, der Ausgabe hinziizufügen: Mit der Maßgabe, daß die Heimsendung von weiteren 4 000 Mann im Laufe des Rechniingsjahres erfolgen soll und daß bis zum Ablauf deS Rechnungsjahres Borbereitiingen zur erheblichen weiteren Verminderung der Gesamtstärke der Schutztruppe, entsprechend der fortschreitenden Beruhigung des Schutzgebiets, getroffen werden sollen. — Dem stellvertretenden Kolontaldirektor Dernburg gehen aus Anlaß seines Auftretens gegen den Zentcumsabg. Roer en fortgesetzt aus allen Teilen Deutschlands D a n kt e l e g r a m in e und Anerkennungsschreiben zu. Wie die „Post* hört, oll die Zahl derartiger Kundgebungen von Vereinen und von privater Seite die Zahl 1000 fast erreicht haben.
Ile Nudgelkommijfion üöer Südwestasrika.
Berlin^ 12. Dezember. ]
Die Budg etkommisfion des Sieichstages beriet den ' zweiten Nachtragsetat für die Schutzgebiete, der 8 900000 ©if. für den Weiterbau der Eisenbahn Lüderitzbucht— < Keetmanshoop fordert. Anwesend in der Kommisiton ! sind Professor Hahn und der Farmer Schlettwein. Ersterer bespricht den wirtschaftlichen Wert Süd-Westafrikas, wobei er 1 Vergleiche mit anderen afrikanischen Ländern zieht. Tie < mittlere Gegend: Süd-Westafrika, das Damaraland, sei zu ' vergleichen mit dem Osten der Kapkolonie, der südliche Teil mit der Karru (im Süden unserer Kolonie). Redner legt die geschichtliche Entwickelung der südafrikanischen Kolonien, sowie die Bedeutung der Kolonie für die Viehzucht, des Ramalandes für die Schaf- und Straußenzucht und für den Bergbau (Kupfer, Blaugrund, Kohle und Gold) dar.
Kolonialdirektor Dernburg macht SOlittcihmg von Diamanten in der Kolonie. In den letzten Tagen sei im Eaprivizipfel Blau gründ gefunden worden» Er habe an- geordnet, das Gebiet sofort zu sperren.
Der Farmer Schlettwein schildert die Farmer- und Weidcverhältnisie. Ein Farmer, der 68 000 Mk. anlege, werde mit folgender Bilanz zu rechnen haben: Erstes Jahr Verlust 4670 Mk., zweites Jahr 4050 Mk., drittes Jahr Gewinn 440 Mk. und 1030 Mk. Jnventurgewinn, viertes Jahr Verlust 450 Mk., aber 14 210 Mk. Jnventurgewinn und bis zum achten Jahr mit einem Gewinn von 4490 Mk. plus 57 000 Mk. Roch rentabler sei der Kleinbetrieb, am günstigsten für die Farmer sei bcr gemischte Betrieb. Bei der Wollschaf zücht stelle sich bet Gewinn bei einer Kapitalanlage von Mk. 50 000 nach ben ersten fünf Jahren auf 5 361 Alk., plus 50 524 Alk. Inventur- geroinn. Er habe vor fünf Jahren mit 35 000 Mk. Kapital seinen Farmerbetrieb begonnen, jetzt belaufe sich sein Vermögen auf 144000 Mark.
Kotonialbircktor Dernburg gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß Süd-Westafrika mit Sicherheit einer günstigen Entwickelung entgegensehen werde, wenngleich die Entwickelung naturgemäß nur langsam vor sich gehen kann. Er befürwortet den Bau der Eisenbahn und teilt mit, daß die Firma Lenz u. Eo. sich bereit erklärte, den Betrieb der Bahn für zehn Jahre zu übernehmen gegen einen maximalen Zuschuß von 550000 Mk. jährlich. Die BetnebSüberfchüsie, die über ben Fehlbetrag erzielt werben, sollen bis zu 200 000 Rtk. zwischen bem Fiskus unb der Firma Lenz u. Eo. geteilt werden, was darüber hinaus sei, werde dem Fiskus zujallen. Der FiSkuS könne den Betrieb der Bahn schon vor Ablauf der 10 Jahre unter näher fest- gelegten Bedingungen zurückübernehmen.
Spahn (Ztr.) erklärt, bie heutige Sitzung habe dahin klärend gewirkt, daß tatsächlich ein hoher wirtschaftlicher Wert der Kolonien konstatiert worben sei. Bisher habe jebe zuverlässige Darlegung über ihre wirtschaftliche Bebeutung gefehlt. Die viva vox habe njieberum einmal ihren Wert bewiesen, hinzukomme baS Anerbieten ber Firma Lenz unb vor allem bie bebeutenbe Verbilligung unb bie Beschleunigung bet Dislozierung ber auf bie Dauer nötigen Schutztruppen. Nebncr weist barauf hin, baß in Transvaal der Staat von der Premiermine eine Abgabe von 45 Millionen Mark jährlich erhalte, deshalb habe er den Eaprivizipfel sperren lassen, um bie Ausbeutung dem Gouvernement vorzribehalten, damit ber Gewinn bem Schutzgebiet nicht verloren gehe.
Die Ablehnung bes Nachtragsetats wird danach wohl nur eine .vorübergehende Erscheinung' gewesen fein. Das Zentrum hat bereits gelindere Saiten aufgezogen. Gerade zur rechten Zeit konnte Dernburg die angenehme Perspektive auf Diamantenfunde im Schutzgebiet eröffnen. Ganz neuen Datums ist übrigens die sozusagen amtliche Entdeckung von Edelgestein in Südwestafrika nicht. Vor riner Reihe von Monaten schon wurde im .Neichsanz." eine feierliche Bekanntmachung publiziert, worin die Negieriing alle Rechte auf die Verwertung derartiger Junbe sich vor- behielt. Etwas Zukunftsmusik ist ja wohl bie Einfuhr von Gold unb Diamanten aus Sübwestafnka, aber sie klingt immerhin angenehm unb sie wirkte anfcheinenb auf bie Neichs- tagSkommifsion mit bem Reiz bcr Neuheit. •
WaS bie Forderungen für die Fortsetzung des FelbzugS in dem Schutzgebiet betrifft, so wetteifern Blätter, die sich sonst nicht gut vertragen, wie die ^Nationalztg.^, das Berl. 2gbl.* und die ,Tägl. Nundsch.", darin, die Negierung zum Festhalten an ber unverkürzten Vorlage unb zum energischen Widerstanb gegen bas Zentrum zu ermuntern. Das ,Berl. Tgbl.* beutet babei an, Dernburg werde gehen, falls etwa die Negierung sich über ben Kopf bcs Kolonialbirektors hinweg mit dem Zentrum verständige. Für so empsinblich möchten wir Dernburg nicht halten. Es ist unwahrscheinlich, wenn jetzt behauptet wird, daß die Sie gier ung Konferenzen mit ben Führern ber Regierungsparteien zur Herbeiführung einer Verstänbigung ab- gelehnt habe. Das wäre das erste Mal, daß Fürst Bülow den Standpunkt der Unnahbarkeit einnähmel Tie Elitschei- dung drängt im höchsten Grade, und darum begannen jeden- falls, wie uns gestern schon gemeldet wurde, unmittelbar nach' ber Ablehnung bcs Nachtragsetats, bie Besprechiingen, wie au5 ber Sackgasse herauszukommen sei". Vertreter der Regierung haben daran teilgenommen. Im Reichstag ver- lautete von einer Einigung der Mehrheitsparteien dahin, vorläufig eine gewisse, ausreichende Summe ,ur Fortführung des Feldzugs zu bewilligen und die Frage der Truppenzahl noch m ber Schwebe zu lassen. ,


