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20.6.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Mittwoch 20, Juni 1906

metzener Anzeiger

General-Anzeiger

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

156. Jahrgang

Schulstratze 7.

Redaktion 112

Verlag u.Exped.^^51

Adresie für Deoeschen: Anzeiger Wietzen.

BezugSpretSr monatlich 7bPf., viertel jährlich Mk. 2L0: durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch diePost Alk. 2. vierkel- jährl. ausfchl. Bcstellg. Annahme von Anzeigen für tue Tagesummner bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12^3|N auswärts 20 Psg.

Verantwortlich für den polit. und allgcm. Teil: P. Witiko: für .Stadt und Laud^ und .Gerichtssaal'. Ernst petz; ttir den 9ln- zeigeuteil: £>an5 Beck.

Nr. 142

«rschetut täglich autzer SoimtagS.

Dem Wietzener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Zamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Bru h l'schen Univers.-Buck-u.Stem- druckerei. 9t Lange.

§ie Heutige Yurnmer umfaßt 10 Seiten,

Hine Kaiserrede in ßurhaven.

Der Kaiser traf am Dienstag auf dem Dampfer »Willkommen* im neuen Hafen von Cuxhaven ein und begab stch an Bord seiner Jacht .Meteor^, um an der Wett­fahrt des norddeutschen Regattaoereins auf der Unterelbe teilzunehnien.

Beim Festmahle an Bord der .Viktoria Luise" brachte Dr. Moenkeberg-Hamburg daS Hoch auf den Kaiser aus. Hierauf erwiderte derKaiser mit einerRede, welche lautete:

Mit herzlichem Dmck quittiere ich die freundschaftliche Bc- grützung, die mir namenS des 9tvrddeutsä)eil Regattavercins zu teil geworden ist. Es ist mir eine hohe Freude, daß wir uns wieder zu diesem männlichen Tun haben zusamnrenfinden können. Wie säwir konstatiert worden ist, hat sich ja auf dem Wasser das deutsche Vaterland entwickelt, daß man es nur mit Staunen vernimmt. Langsam folgt unsere Flotte den Riesenschritten, mit denen die .Handels­flotte vorausgeht. Zu solcher Entwickelung im Wettbewerb auf dem Meere, das die Länder verbindet, ist als erstes aber notwendig der Friede. Gott hat uns den Frieden er­kalten, den Frieden in Ehren, den er uns auch weiter schenken möge. Derjenige aber, der die größte Arbeit in diesem Friedenslverk geleistet hat, der erste Ratgeber des Reiches, den wir alle in den vergangenen Wochen mit unseren Segenswünschen und Gebeten verfolgt haben, befindet sich, wie ich Ihnen zu meiner Freude mitteilen kann, und rooDon ich mich aestern penönlich überzeugt habe, in v o l l ständigem W o hl- sein und bester Gesundheit und wird in der Lage sein, wieder in vollem Um fange als mein er ft er Rat­geber im Lenken des Reiches zu wirken. Der Sport, den wir betreiben, hat auch einen ernsten Hintergrund, und das ist das zweite, was zu unserer Entwickelung notwendig ist, daß wir Männer, daß wir Charaktere haben, daß unsere Männer sich bewußt siird der Wickitigkcit der deutschen Ni änn lich­te it. Der deutsche Mannes wert kann sich bewähren auj verschiedenen Gebieten, im Heere, im Zivildienst, bei der Flotte, int Dienst in den Einzelstaaten, in den Gemeinden, aber am b c st e n wird er auSgebildet, am hellsten und klarsteit wird unseren Deutschen das Auge gemacht, wenn sie auf das Salz- wasser kommen. .Daher begrüße ich in jedem von Ihnen meinen Mitkämpfer und Mitarbeiter an deut Werke, unsere deut- schen Männer zu erziehen, damit sie in der Lage sind, mit offenem Blick iljr ganzes Sinnen und Trachten in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Daß unserem Vaterlande eine solche schöne Entwicklung beschieden sein möge, daß unser Segelsport grünen und blühen möge, daß wir ein fröhliches und lustiges Segeln mich in diesem Jahr haben ntögen, darauf leere ich mein Glas. Es leben die Segler. Hurra! Hurra! Hurra!

Her Kaiser ging nm Abend mit Gefolge an Bord des DampfersWillkommen" und begab sich dann an Bord der am Kai liegendenPrinzessin Viktoria Luise".. Er nahm die Verteilung dec Preise der Wettfahrt vor und beteiligte sich dann an dem Festessen des Norddeutschen Negattavereins.

AttSlÄNd.

London, 19. Juni. DerDaily Telegraph" meldet auS Johannesburg, daß 400 chinesische Arbeiter Gewalttaten verübten. Sie griffen das Haus des tech­nischen Leiters der Nourse-Mine nn und zerstörten es. Ein Nachtwächter schoß vier Chinesen nieder. Als die Polizei kam, leisteten die Chinesen Widerstand und kämpften hartnäckig, jedoch ohne Erfolg. Die meiften Chinesen wurden verhaftet.

Paris, 19. Juni. (Ka m in e r.) In dec heutigen Sitzung erklärte der Minister Clemeneeau, es sei berechtigt, daß der Arbeiter seine Lage zu verbessern suche, aber der Ar­beiter habe nicht dasRecht, Berufsgni offen, die Familien­lasten zu tragen haben, zum Feiern zu nötigen. Der Minister geht sodann auf das Programm der S oz ia l ist en ein, welches nach seiner Ansicht ein durchaus bürger­liches Programm sei. Jaurös habe ihm dieses Programm entnommen: achtstündigen Arbeitstag, progressive Einkommen­steuer und Verstaatlichung der großen Monopole. Aber man könne doch zunächst mit dem Ankauf eines einzelnen Eisen­bahnnetzes beginnen, sowie mit der Vorbereitung eines Gesetzes über den Arbeitsvertraa.

Wien, 19. Juni. Für den Grafen GoluchowSky war gestern ein großer Tag. Schon vor Monaten hieß es, daß sein Sturz in der ungarischen Delegation herbeigeführt werden solle. In den letzten Tagen aber kam ihm Hil^e von einer Seite, von der man c5 am allerwenigsten erwartet hatte. Die leitenden Männer der ungarischen Delegation, in elfter Linie Graf Apponyi, bearbeiteten die widerspenstigen Mitglieder der ungarischen Delegation und bewirkten, daß dec vom Grafen Zichy gestellte Mißbilligungsantrag mit allen gegen sechs Stimmen abgelehnt wurde. Graf Goluchowsky hat aber gestern nm? einen Pyrrhus-Si eg errungen. Seine Tage sind gezählt. Schon in wenigen Wochen wird er aus dem Amte scheiden. Man nennt als seinen Nachfolger den Botschafter in Petersburg, Baron Aehrenthal.

Wien, 19. Juni. Der ReichLkriegSministcr Pittreich hat angeocdnet, daß von nun an in milit. Schrift­stücken in den ungarischen Gemeinden die bisher in Klammern beigefügten deutschen Benennungen weg zu lassen sind. Weiter hat der Kriegsminister verfügt, daß an allen militärischen Gebäuden in Ungarn sofort die Auf- Ichriften m ungarischer Sprache anzubringen sind. Im Budgetausschuß der österreichischen Delegation gab Pittreich zu, daß die Wehrkraft der Monarchie durch die unterbliebenen

Assentierungen in gewisser Hinsicht geschädigt sei. Der Mi­nister ist überzeugt, daß die Erkenntnis der Notwendigkeit der Großmachtstellung Oesterreich-Ungarns sowohl hier wie in Ungarn durchdringen und die Einheit der Armee werde gewahrt bleiben.

New-Port, 19. Juni. Präsident Roosevelt hat in Sachen der Fleischbeschauvorlage gesiegt. Das Acker­baukomitee hat die Vorlage nach seinem Wunsch geändert und die Annahme des Entwurfs ist heute im Repräsentanten- haus^erfolgt. Eine Familie in Fort Smith (Kansas) wurde infolge von Wurstessen vergiftet; vier Personen sind gestorben.____________________

Are Aäyrung in Rußland.

Die russischen Behörden können noch so viel durch den allezeit dienstbereiten Telegraphen verbreiten lasten, sie werden die von immer größerem Material unterstützte schwere Anklage der Mitschuld an den Judenmetzeleien nicht zu entkräften vermögen. Und zwar einer Mitschuld, die nicht nur durch Gleichgiltigkeit oder Nichtsehenwollen herbeigeführt worden ist. Rußland hat nie für kultiviert gegolten, unter dem dünnen Firnis verbarg sich der Barbar. Aber die in Bjelostok geschehenen Dinge sind so unerhört, daß sie mit den Bräuchen von Kannibalenstämmen auf einer Stufe stehen. DieVoss. Ztg." veröffentlicht einen Brief, den ein Bjelostoker Kaufmann nn einen Berliner Geschäftsfreund richtete. Das Schreiben wirft volles Licht auf die unmittelbare Beteiligung der angeblich zum Schutze der Juden Berufenen an dem ZerstörungSwerk. Es heißt in dem Briefe:

Die Soldaten und Polizisten gingen voraus. Ihnen folgten nicht mehr als etwa vierzig Jungen, die von drei Mann geführt wurden. Einer machte mit Kreide ein Zeichen an der Ladentür, die anderen beiden brachen mit Handwerkszeug die Tür auf und die barfüßigen Jungen begannen darauf zu plündern, wobei die Patrouille zu beiden Seiten des Ladens stand und anfpafete, daß niemand von den Juden in die Nähe komme" . . . An anderer Stelle berichtet der Brieifchreiber:In vielen Häusern hat das Utilitär Geld statt des Lebens genommen. Die Soldaten sagen: Wir haben keine Schuld, ivir haben getan, was man unS besohlen hat. Tie Offiziere drohten uns z u e r s ch i e ß e n, w e n n w i r n i ch t folgt en."

Die Petersburger jüdische Presse berichtet manche Bje- kostoker Einz-elhriten, die au die nischinewer Gceueltaten erinnern. So wurden der Familie des jüdischen Lehrers Moll st ein, bestehend aus dem Lehrer, seiner Frau, zwei Söhnen und einer Tochter, Nägel in die Köpfe geschlagen und hierauf alle in Stücke geschnit­ten. Auf einigen Hausböden wurden j ü d i s ch e M ä d ch e n, die sich dort versteckt halten, vergewaltigt, bann wurde ihnen der Bauch auf geschlitzt. Viele wurden gefol­tert, alsdann getötet und von den Mördern sofort vergraben. Man befürchtet weitere Judenhetzen in Homel, Grodno und Wilna.

Schreien solche Zustände nicht zum Himmel! Soldaten, Offiziere undSicherheitsbeamte" verbünden sich ungestört, den niedrigsten Begierden des Pöbels zu dienen und zugleich einen Anteil an der Beute zu erjagen. Die Engländer haben Recht, gegen den Besuch der engl. Flotte in Kronstadt Einspruch zu erheben. Nur wagen, wie demBerl. Tagebl." aus London gemeldet wird, die großen jüdischen Finanziers nicht dasZwangsmittel eines ener­gischen Vorgehens gegen die russischen Fi­nanzen" aus Rücksicht auf die französischen Interessen. Ein dürftiger Grund. Sollte wirklich die Schonung der Empfindlichkeit französischer Frermde höher stehen als das Schicksal der Glaubensgenossen?

Russische Flüchtlinge ans Bjelostok treffen fortwährend in Kattowitz ein und sammeln Unterstütz­ungen. Ein deutscher Generaldirektor Preiß mit Familie von den Huldschinski-Walzwerken an der russ. Grenze ist ebenfalls nach Kattowitz geflüchtet, weil er von den Revo­lutionären sein Todesurteil erhalten hatte. Er hat von der Regierung zwei Kriminalbeamte zu seinem Schutz erhalten. Das Bureau der Huldschinski-Wcrke wurde von Sosnowize nach Kattowitz verlegt. Die Werke selbst werden von 800 Kosaken bewacht. Sämtliche Sosnowizer Arbeiter führen ein Sechstel von Ihrem Lohn an die Stteikkasse für die Aus­ständigen der Huldschinsli-Werke ab.

Die Zahl der in Bjelostok getöteten Juden übersteigt 2 0 0. Die meisten Leichen sind unkenntlich. Auch Soldaten haben an den Metzeleien teilgenommen.

Die poln. Schriftstellerin Ida Moszczenska teilte einem Lemberger Blatte aus Warschau mit, auch in Warschau werde in den niederen Bolksklassen gegen die Juden gehetzt durch Verbreitung der abenteuerlichsten Gerüchte. Es wird den Leuten eingeredet, daß die Juden die Urheber der gegen das katholische Episkopat gerichteten Mariaviten» bewegnng in Russischpolen seien. Man lasse nichts unver­sucht, um eine antisemttische Bewegung zu erzeugen. '2fcn Fronleichnamsfeste waren in Warschau schon Vorbereitungen getroffen, um während der Prozession die Menge in Ätf- regung zu bringen, die Bürgerwache hatte aber drei Agents provoeateurs dingfest gemacht und dieselben nicht auf die Polizei gebracht, sondern in einem Hause festgehalten, wo sie daS Geständnis ablegten, sie hätten von den Polizei- organen 15 Rubel mit dem Auftrage erhalten, eine Panik hervorzurufen.

Bei Bjala im Gouvernement Siedlce überfielen 20 Räuber ein Rittergut, verwundeten den Besitzer und raubten 70 000 Rubel.

Die Petersburger Polizei tritt provozierend auf, als ob sie den Befehl hätte, die Bevölkerung künstlich zu erregen. Die Straßen sind von Truppen besetzt, die ununterbrochen auf und ab marschieren. Die schwarze Baude ist wieder in Tätigkeit und wird von der Regierung mit Geld unter­

stützt. In Kiew wurde folgendes Manifest mit Zustimmung der amtlichen Zensur herausgegeben und in der ganzen Stadt angeschlagen:Russen! Verteidigt, was Ihr heilig haltet. Vernichtet die Feinde des Vaterlandes ohne Er- oarmen. Die Lynchjustiz des Volkes lebe hoch!"

Die Regierung war fest entschlossen, die Duma aufzu­lösen, aber die Furcht vor einer allgemeinen Erhebung, vor Meutereien in der Armee und in der Marine hat ihre Absichten geändert. Die Duma wird somit weiter tagen, aber die Regierung wird ein Manifest veröffent­lichen, in dem erklärt wird, daß das Agrarprogramm der Duma undurchführbar ist und die Versprechungen der Dumamitglieder somit keine Aussichten auf Verwirklichung haben. Das Manifest wird in wenigen Tagen erscheinen und dürfte den Konflikt zlvischeu Regierung und Volks- verttetung noch verschlimmern.

Gerüchtweise verlautet, daß aus General Trepow ein Attentat verilbt worden sei. Er sei jedoch unverletzt ge­blieben.

Während früher die pariser Presse die russischen Gewalttaten gern ein wenig verschleierte, nimmt sie jetzt kein Blatt vor den Mund. 'DerTemps" erklärt in einem überaus scharfen Leitartikel, die russischen Behörden hätten entweder die Metzeleien selbst organisiert, oder sie seien vollkommen unfähig. DerTemps" bedauert, daß der Zar das Ministerium Goremyttn, das ein Ministerium bureau- kratischer Mittelmäßigkeit sei, noch lvirtschaften lasse, und sagt:Die gegenwärtige Politik der russischen Regierung ist die wahnsinnigste, die sich er­denken ließe".

Itirdpc und Schule.

Eisenach, 19. Juni. Die d eutsch-evang. Kirch en ko nf er enz beschloß eine redaktionelle Reform der revidierten Lutherbibel, besonders in Hinsicht auf Orthographie und Interpunktion. Auch einige Archaismen sollet: beseitigt werden. Der Kirchenausschuß würbe mit der Durchführung des Beschlusses betraut. Nach Kennt- nistlahme des, eine äußerst günstige Entwicklung wieder- spiegelnden Berichts des Vorstandes des deutsch-evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft wurde die Tagung der Kirchenkonferenz geschlossen.____________________________

Abermals ein Unwetter in Oberhessen.

Gießen, 20. Juni.

Die abnormen Witterungsverhältnisse dieses Jahres brachten gestern nachmittag abermals ein außerordentlich heftiges Gewitter, das mit einem wolkenbruchartigen Regen verbunden war. Während vor wenigen Wochen die südlich von Gießen liegenden Orte dec hauptsächlichste Schauplatz deS Unwetters waren, scheinen gestern die nach Grünberg zu liegenden Orte am schwersten betroffen worden zu sein. Aus verschiedenen Orten dieser Gegend gehen uns Nachrichten zu, die außer von außerordentlich heftigen Regengüssen und starken Gewittererscheinungen von beträchtlichen Schädigungen der im üppigsten Grün stehenden Aecker und Wiesen berichten. Die Landstraßen und Feldwege glichen teilweise reißenden Wild­bächen. In Gießen selbst sind trotz des außerordentlich heftigen Gewitterregens besondere Schädigungen nicht vor­gekommen, dagegen hat das Unwetter in einigen Landorten geradezu fürchterlich gehaust. So schreibt man uns z. B. aus Bersrod:

Ein schreckliches Unwetter, wie es dieältesten Leute" von hier wohl ähnlich, aber noch nicht in solcher Stärke erlebt haben, hat heule nachmittag kurz nach 4 Uhr unser ruhiges Dorf heimgefuchl. Im Osten und Norden des Ortes, besonders nach Nemhardshain zu, fiel ein Wolkenbruch. Meterhoch wälzten sich reißende Wasiermassen in die Obergasse und das niedergelegene Dorf, den Lindenplatz in einen See verwandelnd, in den sich nie­mand wagte. Aus dem östlich gelegenen Wiesengrund kamen auf den trüben Fluten die noch grünen Heukegel getanzt, dazwischen Balken, schwere Hackstöcke, das mit viel Schweiß klein zersägte Holz der Leute, schreiende Hühner, Holzbrücken, schwere Bohlen u. s. w., ein Ehaos sondergleichen. Dazu knatterten anfangs unaufhörlich die einschlagenden Blitze und rollten die Donner. So walzten sich die Wassermassen über zwei Stunden unaufhörlich durch die Torf- gasfen, von betrübten Menschengruppen umstanden, denn die kaum begonnene Heuernte ist zum großen Teil vernichtet. Ter Schaden im Felde läßt sich noch nicht übersetzen. Zwar suchten die Leute aus den Fluten zu retten, was erreichbar war, doch hat manches Huhn seinen Tod gefunden. DaS Vieh brachte man teils in die Stuben, teils in andere Ställe. Wäre das Unwetter zur Nachtzeit gekommen, so wäre wohl sämtliches Vieh in den nieder­gelegenen Ställen ertrunken. Nachdem das Wasser sich einiger­maßen verlausen halte, sah man die Leute bis über die Rnice hindurchwaten, um das seltene Schauspiel auch von anderer Stelle zu beobachten. Soeben fetze ich den pralt. Arzt Dr. (Sengnagel von Großen-Buseck, der sich oei Metzger Becker lange Stiesel holen ließ, durchs Wasser waten, um zu einer Wöchnerin zu gelangen. Langsam fallen die Wasser, aber noch immerzürnt der Himmel mächtig int Gewitter".

r Londorf, 19. Juni. Während eines heftigen Ge­witters, das heute nachmittag über unsere Gegend nieberging, schlug der Blitz in daS Haus der Witwe Klinger und zündete. Der Dachstuhl stand in Flammen. Der Feuer­wehr, die sofott zur Stelle war, gelang es bald, das Feuer zu löschen, doch ist daS HauS durch die Waffermaffen arg beschädigt.

Auch auS anderen Gebieten liegen Unwetter-Nachrichten vor, von denen die bemerkenswertesten sind:

Köln, 19. Ium. Die am gestrigen Nachmittag, sowie in den Abendstunden über den Mittel- sowie d e n N i e d e r r h e i n herniedergegangeneii Gewitter haben ftrichroeife großen Schaden angerichtel und unzählige Fernsprechleitungen zerstört, auch in einzelnen Weinbergen hat daS Unwetter Spuren der Ver­wüstungen zurückgelassen. In Köln schlug ein Blitzstrahl in eine mit Passanten besetzte Wirtschaft, wobei er Verwüstungen im vierten