Ausgabe 
14.4.1906 Sechstes Blatt
 
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Nr. 88

Erscheint IVgNch mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener LamklirnblStter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter -hesstlchr Laovwlr^' erscheint monatlich einmal.

Redaktion.Expedition ».Druckerei: Sd)ulRt.f.

Tel. Nr. 5L Telegr.-Aür. r 'Anzeiger Gieße».

Sechstes Blatt. 156. Jahrgang Samstag 14. Hlpril 1606

Y -ti* *. a /v a. . . v Rotationsdruck unb Verlag der Brüh lachen

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.

politische Tagesschau.

Warnungen vor den Nuffenanleihen.

Zwei Berliner Blätter hatten sich geweigert, Annoncen vufzunehmen, die das Publikum auf Artikel der finanz­politischen WochenschriftPlutuS" aufmerksam machen sollten, die ,Warnungen t»nr den Russen-Anleihen" enthielten. Der Herausgeber des Plutus, Bernhard, schreibt dazu:

Tas erscheint mir charakteristisch iür die Sorge, die in den Expedllioneu einzelner Berliner Zeitungen für das Wohlergehen dcS russischen Staates und seiner Finanzen herrscht, und verdient schon deshalb der Oessentlichkeit zur Kenntnis gebracht zu werden, weil diese Bläiter sich damit ein Zensurrecht über dlö öffentliche Meinung anmaßen, das ihnen enttchicben liicht zusteht. Die Artikel­serie des Plutus hat einen namhaften Wiener Nationalökononien (Tr. Felix Somavy) zum Versaffer. Ter erste Aufsatz weist darauf hin, daß aucb trotz der neuen Anleihe der russische Staats­bank e r o t t »richt zu vermeiden sein w ird. Er er­innert daran, daß Rußland bereits bei namhaften Gelehrten sich über die Wirkung, die Staatsbankerolte für andere Staaten gehabt haben, hat erkundigen lassen. Der Verfasser meint, daß es daher klüger sei, sich aus den Staatsbankerou vorzilbcreiten, als sich voir ihm überraschen zu lassen. Ein zweiter Artikel (der im soeben zur Ausgabe gelangten Hest In erschienen ist) enthält eine genaue Geschichte aller bisherigen Staatsbankerotte innerhalb rind anßer- halb Europas. Dabei kommt denn auch die bisher sorgsain ver­borgen gehaltene Tatsache zur Sprache, daß Rußland bereit? ein­mal bankerottiert hat und zwar unter schmählicher Vorspiegelung falscher Tatsachen gegenüber den eigenen Uiilcrlanen. In einem dritten Artikel untersucht der Versaffer Die Gründe, aus denen Ruß­land diesmal zur Kürzung seiner Attslandsverpflichliingen m irgend einer Form tommen muß, und will die russischen Glätlbigerstaaten schon jetzt dazu veranlassen, sich zusammenzuschließen und die 23 e- dnigungcn zu erwägen, die man Rußland alisertegen muß, um wenigstens nicht allzu hart betroffen zu werden. Alan mag gegen­über solchen Ausführungen stehen wie iuau will, jedenfalls sind sie der Versaffer enchält sich jeden persönlichen Angriffes lediglich diktiert von dem Wunsche, das deutsche Kapital vor Schaden zu bewahren.

In einem zweiten Artikel spricht dann Bernhard die Beschuldigung aus, daß das Bankhaus Mendelssohn, das der Russenanleihe nahesteht, einen Teil der Berliner Presse um sich gesammelt habe, die nun trotz allem Stimmung für die Ruffenanleihe zu machen suche gegen die Interessen der deutschen Kapitalisten. Bernhard erzählt dann manches Unschöne vom .Bert. Börsen-Cour." und von der -Voss. 3tg..

Die andauernden Extratouren Italiens mit Frankreich lenken die öffentliche Aufmerksamkeit besonders auf das treue Verhalten unseres anderen Verbündeten Oesterreich. Diesen Vergleich läßt die Jugend in ein Lob des Kaiser Franz ausklingen. Sie schreibt:

Wenn uns die Sorgen auf der Seele brennen

Und Feindesbosheit ihre Ränke spinnt

Ein Vorlell bleibt uns dann: wir lernen kennen,

Was falsche Freunde und was echte, sind 1

Just hackten sie in lieblicher Gemeinde

Von Ost und West auf Deutschland los zugleich, Und alle, alle hieltens mit dem Feinde

Zn Deutschland hielt nur einzig Oesterreich!

Wars kein Triumph auch, was wir da erzwangen

Nicht minder köstlich als ein Siegerkranz

Bleibt uns das Eine, was wir doch errangen:

Dies Pfand für Deine Treue, Kaiser Franz!

Die Genesung des Fürsten Bülow

wird von allen Offiziösen mit großem Eifer als nahe bevor­stehend bezeichnet, von mancher anderen Seite jedoch kommen ungünstige Nachrichten. Darum hat es vielleicht nur theore­tische Bedeutung, zu erörtern, wer in Stellvertretung das Staatsschiff leiten soll. Für die innere Politik des Reiches und Preußens ist Graf PosadowLky die gegebene Persönlichkeit. Dagegen fehlt cs an einem Staatsmann, der mit der gleichen Sachkunde und Gewandtheit wie Fürst Bülow die Geschäfte der auswärtigen Politik beherrscht. Der Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Tschirschky, ist zu kurze Zeit im Amt, um hier den Fürsten Bülow schon voll ersetzen zu können. Die Verleihung dcS Kroncnordcns erster Klaffe an Herrn v. Tschirschky und dessen tägliche Kon­ferenzen mit dem Kaiser deuten aber darauf hin, daß dieses Staatssekretariat mehr in den Vordergrund treten sott. Zur Zeit deS Frhrn. v. Richthofcn war cs reines Verwaltungs­reffort, während die hohe Politik von der Reichskanzlei aus vertreten und geleitet wurde. Die Trennung des kolonialen Refforts vom Auswärtigen Amt bedeutet eine Entlastung des letzteren, und cS ist wohl möglich, daß auch durch diese Spcziallsierung dem Staatssekretär des Auswärtigen ein größerer Einfluß eingeräumt werden soll. Bei einem Kanzlerwechscl würde dieses Moment nicht ohne Be­lang sein. (Vgl. auchDeutsches Reich".)

Kom Dejuv.

Neapel, 13. April.

Infolge der Schwere der nicber gegangen eit 2lsche ist ein Teil des Daches des Spitals in Torre del Greco ein gestürzt. Es soll eine neue Krateröffnung in der Nähe der Vcsuv-Eisenbahnstation entstanden sein, die Hefige Mengen Asche auswirft. Im Einverständnis mit den Kirchenbehörden ist die Räumung aller Kirchen Lu Neapel verfügt worden. Die Zahl der hier emtreffenden Flüchtlinge ist so groß, daß 51t ihrer Unterkunft die öffent­lichen Gebäude bereit gehalten werden. Tie Flüchtlinge er­zählen folgende Einzelheiten über die Schreckensszenerr, die ) während der Flucht ereigneten. Tie Dunkelheit war derart intensiv, daß die vor Furcht Gelähmter: nicht zwei Schritte vor sich sehen konnten, lleberall fand man Per­sonen, die nach Angehörigen suchend umherirrten und den Eindruck von Irrsinnigen machten. Ein Karabinier i erzählt, e*r sei Zeuge g r au sam er Szene 11 gewesen. Ein Wagen mit Flüchtlingen aus Ottajano vollgepfropft, wurde d'llrch immer neu hmzukornntende Flüchtlinge, die mitfcchren wollten, anderAbs ah rtge hindert. Der Kutscher

hieL auf die sich Anklammernden ein, um ab fahren zu tonnen. Tarauf wurde er von der toütenden Menge herab­gerissen und halb tot geprügelt. Sodann stürzten sich die Weiber und Kinder auf die feilte, die bereits im Wagen saßen, um sie h-erunterzureißen. Bald tobte zwischen den beiden Parteien ein wütender Kampf, bei dem das Messer eine Rolle spielte. Viele «Verwundete blieben auf dem Platze, die wahrscheinlich ihren T 0 d i n d e r As che gefunden haben. Wenn auch viele luLdenmütigen Taten in dieser schrecklichen Zeit audgeführt wurden, so benutzten auch viele Individuen die Dunkelheit und Verwirrung zu Verbrechen aller Art. Zahlreiche Morde und Raube wurden von diesen dunklen Gesellen verübt. Ter Zustand einiger ausgefnndener Leichen hat einen Teil dieser Untaten enthüllt. Nur sind diejenigen, welche diese .Ver­brechen verübten, im allgemeinen Durcheinander ent­kommen.

Tie Flucht der Bevölkerung dauert an. In Neapel, Eastellamare und auf den Inseln sind cuva 30 000 Flücht­linge eingetroffen. In der Kirche Santa Terc sa ist das Dach ein gestürzt, ebenso am Palast Oriliu. Tie Lebensmittelfrage wird immer schwieriger. Aus Sarno kommt die Meloung, daß die Lava den Fluß unterbrochen hat und die Stadt untw Wassermangel leidet. In Porlici, San Giovanni, Teduccio dauert der dichte Aschenregen lirige eingetroffen. In der Kirche Santa Teresa ist beschäftigt, die Aschenmassen von den Straßen und den Häusern lvcgzuräumen.

Hier in Neapel ließ dagegen heute der Aschen­regen vollständig nach, der Himmel ist Har; auch die Staubwolke, welche bisher den Vesuv einhüllte, zerstreue sich.

Neapel aber bietet trotzdem das Bild einer schmutzig­phantastischen Schneelandschaft. Noch immer durchziehen Prozessionen die Straßen. Nur wenige Droschken fahren, dafür funktioniert die Elektrische in den Straßen.

Bedrohlich ist die Gärung unter den fanatischen, zügel­losen Voltsmasseu. Tie Gefahr des Einsturzes der von Ajchenmassen belasteten Häuser ist Grund zu stürmischen Protesten gegen Hausbesitzer und Forderungen an die Be­hörden, die Tausenden verzweifelter und erbitterter und hungernder Flüchtlinge gegen überstehen.

In Torre Annunziata nehmen die Fabriken die Arbeit wieder auf. Die Bevölkerung kehrt wieder in die Häuser zurück.

Professor Matteucci telegraphierte vorn Vesuvobser- vatorium:

In der vergangenen Nacht und heute sind die Tätigkeit des Vulkans und die Schwankungen der seismographiscken Instru­mente wesentlich geringer. Tie elektrischen Entladungen hörten auf. Wegen der AbnaAne deS Sandregens, der mutmaßlichen Gestaltung des Kraters unb anderer Anzeichen, sofern die mir zugegangene Nachricht bezügli Stillstandes des auf Boscotrecase g nächteten Lavastroms wahr ist, nehme ick unter Vorbehalt an, daß in zwei bis drei Tagen der Vulkan wieder zur Ruhe kommen wird.

Die Vesuv bahn hat den Betrieb bis Ottajano wieder ausgenommen. Die Minister verfügten die Abtragung des Kirchturmes, welcher einzustürzcn droht. Die Minister ließen in Ottajano Lebensmittel verteilen und konferierten mit dem Mchitekten über hie Herstellung der eingestürzten Häuser. In Somma sind weitere 13 Leichen aus den Trümmern hervorgeholl worden. Das Zentral- .Hilfskomitee hielt in Anwesenheit des Herzogs von Aosta eine Versammlung ab und verfügte dringende llntcrstützung. Ter Herzog selbst spendete 25 000 Lire für die Notleidenden.

Der Meeresspiegel ist im Fallen begriffen, auch an der adriatischen Küste hat sich das Wasser mehrere Meter vom Lande zurückgezogen.

Im Pcllegrimspital, in dem die Mehrheit der Schwerverwundeten untcrgebracht ist, sind alle Räume, auch die der Verwaltung, mit Verstümmelten und Sterbenden überfüllt. Die Verwaltung sah sich genötigt, auf den Korri­doren und Stiegenabfätzen notdürftige Lagerstätten zu er­richten. Herzzerreißend ist der Jammer der Verletzten, die Linderung ihrer Leiden verlangen. Tie Aufopferung aller Aerzte und des gesamten Pflegepersonals können nicht genug gepriesen werden. In San Sebastiano stürmte die Menge die Kirche und trug die Schutzheiligen durch das Torf. Tie Bauern zogen dann wieder in die Kirche zurück und als sie diese später verlassen wollten, war die Kirche inzwischen von solchen Steinmassen umgeben, daß die Armen erst durch Pioniere aus ihrem Gefängnis befreit werden konnten.

Als Zeichen der Trauer ist die feierliche Eröffnung der Mailänder Ausstellung, welche heute stattfinden sollte, aus den 28. d. M. vertagt worden.

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Der Seismograph zu Göttingen registrierte am 12. d. M. neue Fernbeben von großer Stärke. Der Hecrd der Beben ist nach den Bcrecknungcn vermutlich die Südspitze Ita­liens. Tics beiveist, daß die ursprüngliche Annahme, bic Ursache der Katastrophe liege in den oberen Teilen des Kraters, falsch ist. Der Heerd der Eruptionen ist also tiefer zu suchen. Dies macht weitere Katastrophen wahrscheinlich.

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Auffällig ist angesichts dieser Schrcckensercignisse das Ausbleiben jeder offiziösen deutschen Kundgebung. Kultusminister Dr. Studt, Finanz­minister Frhr. v. Rh e in b ab en, sowie die Ministerial­direktoren Dr. Althoff und Dr. Germar weilen zurzeit in Rom unb statteten dort am Donnerstag dem preußischen historischen Institut einen mehrstündigen Besuch ab. Vom Vcsuvuuglück aber nannten sie feine Arotiz! Auch hat uns der sonst so geschäftig surrende Draht noch nicht vermeldet, daß unser Kaiser eine feiner ersten Beileidskund­gebungen ab gestattet hat. Ob das wohl eine Folge ist davon, daß unser Verbündeter sich in Algeciras mehr geleistet hat, als sein ihni gestaltetesEx'.ratänzchcn", das wir ihm nach dem Wort des Reichskanzlers konzedierten, ohne einen roten Kopf zu bekommen ? Wir hacken bei der Katastrophe von Courriöres im großen Stile werktätige Hilfe geleistet, denn wir haben mit Frankreich keine polit. Interessengemeinschaft, und Frankreich hat allen Grund, unser Gegner zu sein. Italien ist dem Buchstaben nach unser politischer Verbündeter. Französische Schisse sind jetzt nach Neapel geeilt, um Hilfe zu leisten, im Auftrage

der französ. Regierung reifte der Selsmowge Prof. Laervis aus Paris nach Neapel und der Pariser Gemeinderat spendete 5000 Francs für die YLotleidenoen. Das offizielle Teutschj- land verhält sich völlig regungslos!

Kolonialpofte

Ter Gouvern-nr von Deu^u ~|ta[ri&i Graf Götzen hat in Begleitung feiner Gemahlin die Heimreise cmge- treten. Er erklärte, daß er Icbiglut) aus Gesundheits­rücksichten reise unb baß er aus biesem Grunde nicht mehr auf feinen Posten zurücktehren könne. Ein Gcsandtenposte'.i ist oeni Grafen nicht ungeboten, lieber den Aufstand äußerte Graf Götzen, daß er nach Sntona- tigern Ringen als nieder gekämpft gehen könne. Es? wäre aber nicht aillgeschlosjen, daß cr nach der jetzt be­ginnenden Regenzeit, nachdem bic Schwarzen neue Vorräte an Lebensmitteln gesammelt hätten., hier unb ba noch einmal auf flackert, worauf bic Truppe vorbereitet ist. An eine nochmalige Erhebung ernsterer Natur glaubt der Graf für bic nächste Zeit nicht, wohl acker müsse in Zukunft bannt gerechnet werben. Diese Lehre sei aus bem Aufstand zu ziehen. Ta der RciaMag bic Kompagnie weißer Soldaten abgelehnt habe, hält Graf Götzen bic Ver­mehrung b er Schutz truppe um 4 Kompagnien also auf 19 für nottoenbig, unb Hot eine entsprechende Forderung bereits gestellt.

Der Plan des Pfarrers Rosenberg in Ostrowv, deutsch-russische Rückwanderer am Kiliman­dscharo a n z u s i c b e l n, ist ber Verwirklichung erheblich liäyergcrückt. Zum Leiter ber ersten Expedition ist der deutsch-.usfische Fürst Liavcn auSersehen, ber in Oftrowv, eingetroffen ist. Auch eine beutsche Firma, die in llfanibara eine Plantage besitzt, steht mit P,arrer Rosenberg in Untere yanbiung, um auf bem fieberfreien Plateau Usarnbaras eine Aiizaht deutsch^russischer Familien als Arbeiter an- zusiebeln.

Das Aprilwetter

im Jahre des Heils 1UUG i;i gar teilt Aprilwetter. Wir hacken die Tage der sog. Huudstagshitzc drei Mvuute zu früh betommen. Der Palmsouniag war ein richtiger Palmsonntag, im Frühlings- wüibe nidten die Kätzchen der Bucken und Erlen und die Weckeii- Itanben schon graubeperlt. Ein Tag um den andern m der kirch­lichen Leidenswoche brachte eine Fülle irdischer FrühLingsfreuden unb der Gründonnerstag sand in dec Tal die Welt im licht- grünen Festtags!leid. Tie Frühlinden haben den bräunlidjcn Kliospenfior obgeiircist und prangen im zartesten Gellgrün. Ahorn und Birkei;, Platarieit und Kastanien eifern ihnen nach, sich her- auszupuvcn, ja sie entfalten bereits ihre ersten zartgrünen Blättchen. Einzelne Sträuäiec blühen, ebenso der Pfirsich und die Aprikose. Das hat alles die Apriljonne getan, die mit iommerUdxr Glut die Erde überschüttet, das im (ikljcimen sprie­ßende Leben fast mit Geioalt ans Tageslicht zaubert und den April selber gründlich ju Schanden macht. Wvhi über keinen Monat herrscht mehr Freude, der seinem Namen fi> schön alle Unehre macht, als ötcßma(Jiber den April. Die Aprilsvnne hat auf allen Linien gesiegt. Sie schaul liebevoll auf die Erde und die Menschenkinder.

Unsere Damen sind von dem sommerlichen Aprilwetter ganz überrascht worden, das kam so Plötzlich, so unerwartet: sic finden sich in den ungelvvhnten Frühling nickt so schnell zurecht. Die Fruhllllgsmodc, die eilfertige, wcchselvvlle, ist diesmal vom Aprilivelter, dem ebenso weMcivollen, gründlich überholt worden. WcnigUcns läßt der Umstand darauf schließen, daß sic am Kar- irettage in ihrer großen Mehrheit noch 'fein srühli.igsmäßiges meid angelegt haben. Tie wenigsten tragen durch lustige, duftige Gelten dem Lenze Rechnung, lassen ilj-rcn schönen »veißen Hals frei in der Sonne leuchten, besebatten das Hauvt mit einem blütenbesetzlen leichten Hütchen, rassen mit der hell behandschuhten Linken den fußfreien Rock, der gelbe Stiefelchen sehen läßt, und balanziercn in der Rechten den neuen Sonnenschirm. Die wenigsten. . .

Tic Hoffnung besteht, daß die Osterfeiertage auch Tage der Auferstehung für die Frühjahrsgarderabe aus dem Winterschlaf fein werden. Wenn bie geplanten Ausflüge von so schönem, sonnigem Wetter vLi schönt und begünstigt werden, wie wir an- gefichts des heutigen luarmen Samstags, der nun schon in den trügen Mvrgeustnildeu 12 Grad Reaumur int Schatten jpeudete, es tvvhl crtvnrtcn dürfen, so ist zehn gegen eins zu n/etten, daß auch unsere Damen in hellen Dustgebilden cinherschweben werden.

Ein Ovfcr der sommerlichen Hitze ist übrigens bereits aus Berlin zu vermelden. Arn Donnerstag wurde bic 22 jährig^ unverehelichte Paula Walter, die mit ihrer Sclnvester einen StraßenbalMwagen bestiegen hatte, plötzlich in- folge der Hitze von einem Ohnmachtsanfall ergriffen und stürzte von dem in der Fahrt befindlichen Wagen auf das Straßenpslaster, wo sie besimtungslos liegen blieb. Die Ver­unglückte mürbe nach einer Unfallstation gebracht, wo ber an- ivcfcnbe Arzt feststellte, baß sie eine Gehirnerschütterung erlitten hatte.

Toll muß die Hitze in England sein. Es wird von London gemeldet: Bei einem Marsche, den 170 Soldaten von Lydd nach Dover unternahmen, mußten 30 insolge der großen Hitze anstreten und wurden in Ambulanzwagen nach Dover gebracht. Von diesen sind zwei Mann in der Nacht ge- stvr b en.

Vermischtes.

* Gras unb S)o II ar er bi n. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß die Anzeige von ber Verlobung einer jungen Amerikane­rin mit einem europäischen Aristokraten bekannt gegeben nrirb. Die letzte Nachricht biefer Art melbet bas Verlöbnis von Miß Hyacinthe Bell, ber Tochter eines vielfachen Millionärs in De,wer, ber Hauptstadt des Staates Colorado, mit einem künftigen sckottiscken Peer, dem Viscount Kelburne, Patrick James Boyle, Viscount Kelburne, ist der älteste Sohn und Erbe des Grasen^von Glasgow und dient als Offizier in der britischen Marine. So wird sich die stetig wachsende Reihe ber venoandt- schaftlicken Verbindungen zwischen bem alten Feubaladel ber ver­einigten Königreiche unb der jungen Plutokratic der bereinigten Staaten um eine neue mehren, dieser Verbindungen, die an hoher iLttelle in London, nämlich vom König Edward VII., sehr gern gesehen werden. Klagen doch die Vertreter ber älteren Gene­rationen oft und beweglich genug darüber, daß der Londoner Hof völlig amerifaniiiert und der Ton an ihm jetzt von den übertriebenen Luxus, laute Betätigung ihres Reichtums und die Reklame liebenden Hcrzöginncn, Marquisen und Gräfinnen aus Newyork, Chikago ober San Francisco angegeben werde deren Väter nicht immer auf durchaus lichten Wegen zu den Schätzen gelangten, wegen der sie selbst den Nachiommen der Gefährten Wilhelms des Eroberers als begehrenswerte Panticen erschienen sind.