Nr. 64
General-Anzeiger, Amts- md Anzeigeblatt fir den Kreis Eiehen.
Wenn cs mmg ist, fcölie ist. Kontrolle Arbeiter,
mindert, daß für die Relikten etwaiger Verunglückter gesorgt werde!
Freitag 16. März ISO«
Rotationsdruck und ® erlog der Brüh lick« UnwersilLtSdruckerei. 8L Sang«, «tefera.
Redaktion, Expedition n. Druckerei; Gckiulstr.^ Tel. Nr. bl. Telegr.-Adr. r AnLeig« Sitfeou
Erscheint M-Nch mit Ausnahme deS Sonntags.
Die ^Gietzener KamllienblStter" werden dem „ÄnACtacr Dtennol wöchentlich beigelegt. Der Laudwtrt^' erscheint monatlich einmal.
-Dolitrsche Cages?chcrn.
Rosa Luxemburg in Warschau verhaftet.
Rach einer von uns gestern telegraphisch gemeldeten Mitteilung des „Vorwärts" ist die „Genossin" Rosa Luxemburg, die seit mehreren Monaten sich in Russisch-Polen befand, in Marschall verhaftet und in das Stadtgefängnis gebracht worden. Eine bestimmte Anklage ist noch nicht gegen sie erhoben worden. Man scheint erst noch Anklagematerial zu suchen.
Wie aus Briefen der Luxemburg hervorgeht, sind die Zustände in dein Gefängnis, in dem sie sich befindet, geradezu schauderhaft; sie teilt ihre Zelle mit 16 anderen Personen — Männer und Frauen —, zeitweilig befinden sich in derselben Zelle nicht weniger als GO Personen. Rosa Luxemburg weilt schon seit Monaten in Polen. So teilt der Vorwärts mit, und er fügt hinzu, daß seine Mitarbeiterin ihre Person für . ihre Ideale einzusehen für nötig fand xm Kampf gegen die im Dezember einsetzende Reaktion.
Es dürfte dies ein Beweis dafür sein, daß alle Hinweise der Sozialdemokratie in Deutschland, sie würde den Bode» der Gesetzmäßigkeit in ihrem Kampfe um wirtschaftliche und moralische Vorteile nicht verlaßen, Phrasen sind, und daß die Leute Recht haben, die behaupten, nut die Furcht vor einem blutigen Zllsammenstoß mit Militär und Polizei und bi* Uebcrzeugung der Machtlosigkeit hindere die deutschen Sozialdemokraten, dem Beispiel ihrer russ. „Brüder* zu folgen.
Rosa Luxemburg ist von Geburt Polin und da sie die polnische Sprache ebenso beherrscht wie die dentsche und französische, so war sie die geeignetste Mittelsperson zwischen den russisch-polnischen Sozialisten und der deutschen Partei. Durch ihre Heirat mit dem Schriftsteller Lübeck ist sie deutsche Reichsangehörige, lebt jedoch von ihrem Manne getrennt.
Geheimrat Rosen toninrt auf den Fall Koch und Brandet? zurück und sagt, er sei jalwelmxg BenvalttmgSbeamter aus den Südseeinseln gewesen: er würde nie den Befehl erteilen, einem Samoaner Prügel zu verabfolgen, aber es »volle ihm mcht m den Sinn, weshalb der Landeshauptmann Brmideis nicht berechtigt sein sollte, einigen schlechten Individuen eine Tracht Prügel zu verabfolgen. (Lärm bei den Sozialdemokraten^
.hierauf wird die Wetterber"tima aus Freitag vertagt.
dann beweist das, daß die Aufsicht nicht auf ihrer Es muß verlangt werden, daß die allerstrengste geübt wird. Stete Gefahr stumpft ab. Auch ben
Das Grubenunglück von CourriLres.
Lens, 15. März.
Die Jngenieurkommission ließ die Mitteilung ergeben, nach welcher heule früh in einer Tiefe von 340 M et er n ein Brand ausgebroehen ist. Die Rettungsmannscha'ten Und sämtlich in Sicherheit. Tas Eindringen von Luft wurde durch Everrvorrichtungen verhindert. Tie unterbrochenen Reltungsar- beiten werden bald wieder ausgenommen werden. Heute Nacht wurden 18 Leichen aus Schacht 2 geborgen. Die Kommission teilt mit, daß die Gesamtzahl der Opfer höchstens 109o betrage. ..... m r ,. .
Zur Vermeidung neuer Unfälle sind die groinen Vorstcht-.- maßregeln getroffen worden. In den Schächteii halten, sich Aerzte au», um den unwohl gewordenen 9!ettnngsniaunschasten die eilte Sorge angedeihen zu lasjeu. Tie Arbeit gestaltet sich immer schwieriger. Tie Rettungsmanuschaslen können nicht langer als sechs Stunden arbeite,». Die Ak a uns ch asten aus Weit- in len und die Pariser Feuerwehrleute leisten unschätzbare Dienste.. Sie sind immer voran, um zri suchen, wo sich Leichen befinden, die bann durch Arbeiter geborgen werben, sobald sich in der Lull atmen läßt. . _ .. <
Tas Syndikat der Bergarbeiter des Tillrrkts Lille »st durch den plötzlichen A u s b r u ch d e r A u s st a u d s b e w e g u n q selbst überrascht. Es handelt sich weniger um eine Bewegung der organisierten Arbeiter, als um eine solche der Unabhängigen. Tie Leiter des Syndikats sind der Ansicht, daß der Augenblick für einen Ausstand schlecht gewählt sei und sind bemüht, ine Beilegung der Bewegung herbeizusühren.
Wie lähmendes Entsetzen hat sich die Kunde von der furchtbaren Katastrophe über die ganze Kulturwclt verbreitet — deutsche Männer haben den Verunglückten Hilfe bringen wollcrr — sie kamen leider zu spät. Nahezu 2000 Grubenarbeiter haben ihr Leben lassen müssen; erstickt, verbrannt, entsetzlich verstümmelt hat man ihre Leichen zu Tage geför- oert auS der Hölle, die in den Schächten brennt. Man geht der Ursache deS Unglücks nach — es herrscht kaum mehr ein Zweifel darüber, daß frevelhafter Leichtsinn die Katastrophe verursacht hat.
Nach der Aussage von Fachleuten ist eine ähnliche Tragödie in dem Umfang, wie in Courriöres, in den deutschen Grubenbezirken unmöglich. Unsere Aufsichtsorgane arbeiten anders, als das anscheinend die französischen getan haben. Aber wie ost hat es sich gezeigt, daß auch bei größter Vorsicht Uuglücksfälle nicht ausgeschlossen sind! Der furchtbarlte Feind des Bergmanns, die schlagenden Wetter, haben auch in deutschen Gruben Unheil genug angerichtet. Ist der Unglücksfall auf der HerkuleSzeche nicht noch in aller Erinnerung? Auch hier hat man von einer Lässigkeit der Aufsichtsorgane sprechen zu müssen gealaubt, indes ward von maßgebender Stelle versichert, daß di.-sc Anschuldigungen auf einem Irrtum beruhten. Sicher aber ist, das; der Bergmann, wie kein anderer Arbeiter, täglich und stündlich vom Tod umgeben iit. Bei jeder Einfahrt setzt er sein Leben aufs Spiel. Ein Sprung an seiner Grubenlampe, und eine furchtbare Katastrophe kann hunderte von Arbeitern dahinraffcn.
Man wird in Frankreich die Schuldigen eruieren; man wird aber, und das dünkt uns die Hauptsache, Vorkehrungen
getan werben kann.
Noch in anderer'Hinsicht ist die Katastrophe von Cour- rieres ein »varncnbe§ Mene Tekel. Die Hinterbliebenen der Verunglückten sind der bittersten Not prcisgegebcn. Der französische Staat und die öffentliche Wohltätigkeit haben eingegriffen und die Waisen und Witwe»-» vor der ersten Not geschützt. Aber das kann nicht genügen. Stellt es sich als unrichtig heraus, daß die sträfliche Lässigkeit der Unternehmer an der Katastrophe schuld ist, dann sind die Witwen und Waisen ihrer Ernährer beraubt — wer hält sie dafür schadlos? Der Bergmann kann nicht Reichtümer anhäufen. Die ungeheuren Gefahren, die sein Beruf in sich schließt, werden bei der Lohnzahlung nicht miteingerechnet — wenn ihn das Unheil fortrafft, dann steht seine Familie nur zu oft im größten Elend da. Das ist vorderhand auch bei uns der Fall, »Denn auch, dank unserer Sozialgesetzgebung, nicht in dem Maße wie in Frankreich.
Als Ausgleich für die Vcotvcrteuerung durch die hohen Getreidezölle "soll bekanntlich auf Zentrumsantrag eine Witwen- und W a iscn-V c r sich eru n g ins Leben gerufen werbe,». Bis dahin ist es noch lange, und es gibt Leute, die es iit Zweifel ziehen, ob daS Mehrerträgnis aus den höheren Zöllen einen ausreichenden Fonds schaffen wird. Doch abgesehen davon: lange Jahre müßten vergehen, bis auch nur entfernt daran gedacht werden könnte, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Ist nicht als Aequivalent für die fortgesetzte Lebensgefahr den Angehörigen der Bergleute die Zukunft zu verbürgen?
Wir wissen, »vie ungeheuer schivierig die Ausführung sein müßte. DaS Reich hat kein Geld. Die Grubenherren würden Zeter und Mordio schreien, wollte man ihnen zumuten, einen Teil zur Reliktenversicherung beizutragen, und die Arbeiter selbst verdienen nicht soviel, nm die Kosten aufbringen zu können. Da taucht der Gedanke von der Verstaatlichung des Grubenbaues wieder auf. Es ist nur eine Forderung der Gerechtigkeit, wenn dec Staat als Arbeitgeber auch die Fürsorge für die Relikten im Tlnglücks- fall übernimmt. Ter Staat als Arbeitgeber — das ist der springende Punkt in dieser Frage.
Wir stehen unter dem frischen Eindruck der Tragödie son Courrieres. Denken wir daran, daß die Gefahr ver-
der nicht immer die nötige Vorsicht walterr läßt. Es muß an VorbeugungSinaßregeln geschehen, was irgendwie
treffen, daß eine Katastrophe im gleicher» Umfange sich nicht wieder ereignen kann. Ließe sich in der Richtung nicht auch bei uns angesichts des furchtbaren Ereignisses einiges tun ? vorkommen kann, daß ein Luftschacht nicht in Ord-
Derrtscher Reichstag.
6 6. S i tz u n g v o m 15. Ai ä r z 1806.
Die zweite Beratung des 3. Nachtragsetats pro 19 05 ür Ostafrika wird fortgesetzt.
Geh. Legationsrat Rosen stellt gegenüber dem Abg. Erzberger in Abrede, daß zwischen seinen eigenen Angaben in ber Kommission und denen des (tefaimrat von König bei der ersten Lesung im Plenum über den Fall des Landeshauptmanns Vrandel ein Widerspruch bestehe. Auch in dem Fall Koch, der in den Dienst des Schutzgebietes übernommen sei, liege eme Verschleierung deS Tatbestandes, daß er von dem preußischen Justizministerium einstweilen den Urlaub verlängert erhalten habe und daß er noch keineswegs etatmäßiger Reichsbeamter geworden sei, nicht vor. Wenn Erzberger so schivere Vorwürfe erheben wolle, lstitte er sich doch zuvor genauer informieren sollen. Auch der neue Erzbergersche Vorwurf sei jedenfalls ganz unberechtigt.
Abg. Dr. Arendt (Reichsp.) spricht dem Erbprinzen zu seiner ruhigen Sachlichkeit, mit der er vorgestern seinen Standpunkt vortrug, namens seiner Freunde seine volle Anerkennung aus und versichert ihn der Unterstützung seiner Parteifreunde. Insbesondere seien sie erfreut daß er keinerlei Vertuschung treiben »volle. Anerkennung sei auch ber Kolonialschule zu zollen. Die Sozialdemokraten tonnten nur kritisieren, aber sie könnten kein Mittel zur Besserung angeben. Man möge doch Bebel einen Gouverneurposten in den Kolonien geben. Daß Bebel in seiner langen Rede keine neuen Fälle anführen konnte, hält der Redner für ein sehr gutes Zeugnis für_ die Kolonialverwaltung. Für die besten Mittel gegen die Aufstände halte er eine gute Verwaltung, eine ausreichende Streitmacht und die Anlegung von Wegen und Eisenbahnen. Leider habe man sich außerordentlich brauchbare Männer im Kolonialdienst entgehen lassen, beispielsweise Dr. Peters. Tie beiden Hauptbelasttuigszeugen im Prozeße Peters könnten heute nicht mehr als glaubwürdig, gelten. Tie Haltung der Lutten in den Kolonialfragen habe sehr viel dazu beigetragen, daß soviel Geld und Opfer für die Uebertvaltigung der Ausstände ausgewendet werden mußte. (Lebhafter Widerspruch links.) Tie ganze Schuld treffe aber nicht die Gegner. Em Teil treffe auch die Kvlouialverwaltung, weil sie nicht konfe- quent genug gewesen ist. Wenn die Sozialdemokratie wirklich — was sie nicht ist — eine Arbeiterpartei wäre, bann müfctc sie an der Spitze der Kolouialpolitik stehen. (Gelächter bei den Soz.) Es gibt nichts segensreicheres für die Arbeiter, als Kolonien. (Gelächter bei den Soz.) Tie Mittel, die in unsere Kolonien gesteckt wurden von den mittleren Klassen, wurden auf dem Altar des Vaterlandes geopfert. Wir haben das Vertrauen zu dem stellvertretenden Kvlonialdirektor, daß er eine großzügige, Kolonialpolitik inaugurieren werde. In diesem Sinne rufen tuir ihm zu: Erbprinz werde hart! (Große .Heiterkeit und Beifall.)
Abg. Dr. Spahn (3tr.'> — auf der Tribüne schwer verständlich — führt auS: In der Kolonialpolitik müsse man auch Rücksicht auf die Steuerzahler nehmen. WaS die von Erzberger angeführten Fälle betreffe, so sei er, ehe er die Antwort des Bundesratsvertreters hörte, überzeugt gewesen, daß Erzbergers Angriffe nicht vollständig berechtigt waren. Was die Schulen betreffe, so beruhe die Entwicklung der Kolonien in der Hauptsache auf der Tätigkeit der Missionen. Wir haben alle Veranlassung, das Ansehen der Missionare zu stärken. (Sehr richtig! im Zentrum.) Darum müßten auch die Missionsschulen gefördert werden. Tie wirtschaftliche Erschließung der Kolonien muffe mit der kulturelle»: 5)and in Hand gehen.
Kolonialdirektor Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg dankt dem Vorredner für seine beherzigenswerte Mahnung zur Vorsicht in der Beamteufrage. Solange er im Amte fein werde, .werde er sich bemühen, stets die besten Beamten anzustellen. Tie Verwaltung würde auch einen recht langen Aufenthalt der Beamten in den Kolonien gerne sehen, müsse aber das Klima und dessen Einflüsse auf die Gesundheit berücksichtigen. Auch wäre die Verwaltung bestrebt, möglichst christliche Beamte einzustellen, in der Ueberzeugung. daß Christentum und Deutsch
tum eine unzertrennliche Sache sei.
Geheimrat Seitz führt aus: Die Rechnungsablegung über die Schutzgebiete sei im allgemeinen auf dem Laufenden. Tie Frage einer Beschleunigung und Vereinfachung des Prüfungs- lvesens beschäftige seit geraunter Zeit den Rechnungshof, das Reichsschatzamt und die Kolonialvertvaltung.
Abg. Frhr. v. R i ch t ho s e n-Dahmsdorf (kons.) verbreitet sich insbesondere über die Schulfrage. Von einer Förderung des Muhatnedanismils könne feine Rede fein. Tie Schaffung eines Reicktskolonialamts fei dringend notwendig.
Abg. Semler (nl.) meint, die Nachtragsetats redeten eine verblüffend ernste Sprache. Sie führten den Regierungen und dem Reichstag vor Augen, daß man es nicht verstanden habe, rechtzeitig Geld, viel Geld für die Kolonien auszugeben. Hätte man früher in Südwestafrika Geld rechtzeitig für Eisenbahnbauten ausgegeben, so wäre das meiste Geld im Lande bezw. in unseren Kvlonien geblieben. Wir Härten die Kolonien besiedeln können. Redner regt dann an, den Heimatsurlaub der Gouverneure auSzunutzcn, um durch sie jährlich oder jedes zweite Jahr in der Budgetkommission die Prinzipien entwickeln zu lassen, nackt denen sie die Kolonien verwalten. Redner spricht sich für die Verlängerung der Bahn Dar-es^Salaam-Mrogoro auS. Wenn man die Regierungssckmlen beseitige und die Muha- mebener den Missionsschulen zuführen und diese christianisieren wolle, so gebe dies einen Grund zum Aufstand.
Abg. Lattmann (Wirtsch. Vergg.) polemisiert gegen die kolonialfeiiidliche Haltung der Sozialdenrokraten unb tritt für eine ^Reform der Kdlonialverwaltung ein.
Abg Ledebour (Soz.) wendet sich gegen die Bemerkung Spahns über das Recht der Reichstagsabgeordneten, Beamten- bcschwerden im Reichstage zur Sprache zu bringen, und geyt bann auf ben Fall Kannenbcrg ein bessen Segnabigung ungerechtfertigt 9^$Täfibertt Graf Ballestrem erklärt es für unzulässig, bas Begnabigungsrecht bes Kaisers zu kritisieren.
Abg. Lebebvur (So;.), fortfahrenb, tritt bann dem Vorwurf ber Vaterlanbslosigkeit der Sozialdemokraten entgegen. In England hätten während des Burenkrieges zwei jetzige Minister sich der Buren angenommen. Durch die Kolvntalvolttik werbe die Bestialifieritng in das Volk hineingetragen. Wir, die nur bie Unterdrückung und Ausbeutung im Heimatland bekämpfen, müßten die elendesten Buben sein, wenn wir die Ausbeutung der Eingeborenen in den Kolonien duldeten. ,
Abg Erz berg er lZtr.) verteidigt sim gegen Die im Laufe der bisherigen Debatte gegen ihn vom Bundesratstische und von verschiedenen Abgeordneten gerichteten Angriffe. Was er kritisiere, tonne ein tüchtiger Kolonialdirektor ebenso beffern, wie em Staatssekretär. Ter Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg W zugeben müssen, daß unrichtige Daten von seinen Beamten gegeben wurden. Er habe sich nur damit begnügt, Mildernde, umstände für dieselben zu beanspruchen. Bezüglich der von «pahn geübten Kritik erklärt der Redner, er falbe nie die TiSziplm im Becmtteulorper untergraben wollen. Er habe sich un übrigen bei seinen Vorwürfen nur als ein getreuer Schüler -Spahn-, erwiesen. Er übernehme die Verantwortung für fein Auftreten acmtz auf seine Schultern.
Brausteuer.
Berlin, 15. März.
Die Steuerkommission deS Reichstages begann die zweite Lesung ber Steuergesetze bei ber B r a u st e u e r v o r l a g e. § i wirb in folgendem Wortlaut genehmigt: Zur Bereitimg von untergärigem Bier darf nur Gerstenmalz, Hopfen, Hefr und Waffer verwendet werden, bie Bereitung von obergärigen, Biere unterliegt berselben Vorschrift, eS ist jeboch hierbei auch bie Verwendung von anderem Malze und von technisch-reinem Rohr-, Rüben- ober Invertzucker, sowie von Stärkezucker und auS Zucker hergestellten Farbmitteln zulässig. Absatz 2 u. 8 bleiben unveränbert. Zu § la, welcher lautet:
„Tie Brausteuer wirb von bem zur Bierbereitung verwenbeten Malze unb Zucker erhoben. Unter Malz wirb altes künstlich zum Keimen gebrachtes betreibe verstauben", beschloß bie Kommission, wie schon in erster Lesung, folgenden dlbsatz 2: Als Zucker im Sinne bes Gesetzes sinb die im § 1 Absatz 1 bezeichneten Zuckerstoffe einschließlich der daraus hergestellten Farbmitteln zu verstehen. § Id, dec von bierähnlichen Getränken handelt, von denen auch Brausteuer erhoben werbet» kann, bleibt im Absatz 1 unveränbert. Absatz 2 wirb folgenbermaßen gefaßt: Andere als die am Schluß des § 1 Absatz 1 bezeichneten zur Herstellung von Bier oder bier- ähnlichen Getränken bestimmte Zubereitungen (Bierextrakte und dcrgl.) dürfen nicht in den Verkehr gebracht werden. § 3, der die Versteuerung der im § la bezeichneten Stoffe betrifft, wurde angenommen. Nach längerer Erörterung des § 3a, der bie Staffelung behanbelt, wirb bie Weiterberatung aust morgen vertagt.__
UebcHn^Stand der Marokko-Verhandlungen äußert sich heute die offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." nicht. Man wartet wohl an amtlicher Stelle ab, ob Frankreich nicht doch in letzter Stunde in der Polizeifrage Entgegenkommen zeigen wird. Die „Nationalztg." ist ber Meinung, daß Frankreich sich in ber morgen, Samstag, stattfindenden Sitzung ber Erklärung nicht entziehen könne, ob es daZ Prinzip bc§ österreichischen Vermittlungsvorschlags onertennt So rasch werben die Franzosen wohl kaum Farbe bekennen. Denn nicht nur bie politischen, auch finanzielle Erwägungen bestimmen bie Haltung Frankreichs. Die famose compa<mie marocaine hat ihre Hanb im Spiel, sie »vill soviel Kapital als nur irgenb möglich aus Marokko herausschlageu — unb je stärker der französische Einfluß im Dattellanbe, umsomehr läßt sich eine Begünstigung der französischen Wirtschaftsinteresfen erwarten. Wahrlich ein erbauliches Schauspiel, bas sich ba vor ber Welt mit zynischer Offenheit abspielt! Weil die marokkanische Kompagnie nicht genug kriegen kann unb befürchtet, daß ihre Gewinnberechnnngen enttäuscht werben, zögert bie französische Regierung, auf ben Boden von Vorschlägen zu treten, die sogar dem befreunbeten England als der Zustimmung wert erscheinen. Welche Summen gehen während ber Unsicherheit ber politischen Lage an ber Börse im Jnnlanbe und Auslände verloren, wieviel Unternehmungen werden geschädigt, wieviel wirtschaftliche Pläne werben auf unbestimmte Zeit vertagt und bleibe»: schließlich unausgeführt! Was diese Marokkofrage, diese über ein Jahr dahinschleichende Internat. Krisis an Verlusten den Nationalvermögen zugefügt hat, das läßt sich, wie zutreffeiid gesagt worden ist, in Jahrzehnten aus dem Handel mit Marokko nicht wieder einbringen. Genug und nbergemtg des grausamen Spiels der unseligen Konferenz! Möge unsere Diplomatie nicht wieder auf den Gedanken kommen, eine internationale Konferenz anzuregen. LWäre« Dir nur erst von AlgeciraZ fort! Das ist auch dee
Zweites Blatt 156. Jahrgang
Giehener Anzeiger


