Ausgabe 
15.11.1906 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Donnerstag 15. November 1908

158. Jahrgang

Erstes Blatt

Schul st ratze 7,

Redaktion 119

Verlag u.Exped.^Mbl

Adresse für Tevefchen:

Anzeiger Wietzen.

Nr. 289

Erscheint tfiflltJ) außer ©omuagt.

Dem V,ebener f)lnzetger werden im Wechsel mit dem hesfischen tandwirl die Gießener Lamilien« blätter viermal in der Woche betqelegt

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Unioers.-Buch-u. Stein- bruderet. 8t Lang«.

vezug-pret»i monatlich 75'HL, viertel­jährlich Mk. 2.20, durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich Cd Pf., durch die Post Rlk. 2. Viertel­jahr!. auöschl. Beftellg. Annahme von Anjetgei für die Tagesnuinine« bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpretS: lokal 13 Pf, auswärts 20 Pig.

Verantwortlich hu den poltL und allgem. Teil: P. ötttfoj für .Stadl und ßantr und .GerichtSjaal^i Ernst pe6; für den 91 n- zeigentell: HanS Beck.

geschrieben:

Fürst Bülow Has heute, in-. Reichstag gewiß gut und geschickt gesprochen, und wer ihn noch so jchars beobachtete, tonnte trotz der nahezu zweistündigen Dauer der lauten und bestimmten Tones vorgetragcnen Rede keinerlei Anzeichen der Schwäche oder einer anderen Nachwirkung des Unfalls vom Frühjahr an ihm bemerken. Nun vielleicht, daß der Kanzler ein noch etwas langsameres Zeitmaß nahm beim Sprechen, als er früher zu nehmen pflegte. Möglicherweise veranlaßte die Tragweite der Erklärungen zur Behutsamkeit in der Wahl der Worte. Aber, ist es erfreulich, daß Fürst Bülow in aller Frische seinen Platz wieder emnimmr, jo konnte der Inhalt der Rede nicht das gleiche Maß befriedigender Empfindung Hervorrufen. Abg. Bafsermann fand mit seiner ausgezeichneten Kritik an der Politik der Liebenswürdig-

Denken macht es erst dazu."

Doch Ibsen zeigt sich in seinen FrauenbefremngSdramen als ein allzu mathematischer, ein allzu grüblerischer Kopf, und ich stimme Frl. Dr. Ella Kretschmer vollkommen bei, die in der Ein­leitung zu ihrem lesenswerten Buche überJbsenS Frauen- gestalten"*) sagt, daß Ibsenzu psychologisch ist, zu versteckte Feinheiten in der menschlichen Seele berauSzuholen sucht." Dar­um empfindet jeder, der Jbsensche Kunst auf sich wirken lägt, dem selbstquälerischen Dichter qualvolle Unheimlichkeiten, und nu entläßt uns Ibsen mit dem befreienden und erhebenden Gefühl, das etwa die Dramen GoetheS, Schillers oder Grillparzers in uns aus­lösen. Wer aber möchte heute noch leugnen, daß Ibsen seit Hebbel der größte dramatische Dichter war, den die Welt kennt, daß er der große Begründer des neuen bürgerlichen DramaS wurde, durch seine geniale Fähigkeit, im Drama dadurch eine Tragik zu schassen, daß er den alten Grundsatz von Schuld und Sülme aufrecht erhielt. Seine durchaus originale Weise aber war es, zumeist irgend ein menschliches Gebrechen oder Ver­brechen, eine moralische oder unmoralische Handlung gejpen- stisch über den Geschöpfen seiner Dichtungen walten zu lassen zu unerforschlich herbem Ende.

Der Kern deS gestrigen Gedenkabends, um den sich die Tlchtcr- fruchte rundeten, war die Rede von Prof. Dr. Eo 111n. Es war ein Meisterstück der Auslegung deS Lebenswerkes eines Geistesriesen, von großen Gesichtspunkten ausgehend, ticfgrnbcnb, scharf umrissen, formvollendet. Prof. Eollin ging in feiner Analyse von der Erkenntnis aus, daß eines Künstlers Werk aus der be- londeren Perfönsichkeit fernes Schöpfers entfprmgt, wahrend das Werk einet» Erfinders oder Entdeckers die unperjönllche notwendige ^olge von Zeitumsländen ist. Tie befondere Persönlichkeit Ibsens hat uns mit einer Reihe von ureigensten Werken befchenkt. <Äbien, der Idealist, hat, als Reformator, dieser trugvollen und feigen Welt deS Scheines die heuchterljche MaSke abgerissen, um den

*j Stuttgart 1905, Strecker und Schröder.

cmbeter war, aber doch, wie uns <_ holder Weiblichkeit Reizen nicht immer , ist, hat den Frauen alle Ketten, auch die Rosenketten, zu nehmen sich bemüht. Unschmeichlerisch hat er ihnen die Freiheit ersungen. Kleinlich naturgetreu hat er sie abgeschildert, Mütter wie Töchter, ihre Fehler als Erzieherinnen wie als Ungezogene oder Verzogene ilynen vorgehaltcn, und wie er ihnen in seinen dramatischen Spiegeln ihre Sommersprossen zeigte, so kündete er auch das FriMngssprossen in den Herzen der Frauen der Gegenwart. Er erkannte, daß die Frauen der Natur näher stehen als wir Männer, näher im Guten und int Bösen. Oder richtiger da es in der Natur selbst kein Gut und Böse gibt daß sie mehrjenseits von Gut und Böse" stehen, um das Wort anzuwenden, das lange vor Nietzsche schon von Hamlet geprägt worden ist in dem be­rühmten Satz:An sich ist stichts weder gut noch böse, das

Ivs-n-Ae.er des Hheatceverelns erster HcU-I

Gießen, 15. November 1906.

Von Max Klinger, dem genialen Maler, Bildhauer und Ra­dierer, gibt cs eine meisterliche Radierung, auf der zwei Riesen­hände von Oben ein Felsstück auf die Erde herabsenken mit der InschriftMenzel". Ich sah sie 1896 in München bald nach Menzels 80. Geburtstage. Das Blatt fand damals ebensooiele Bewunderer des Klingerschen Griffels wie gläubige Betrachter. Wer geht noch heute mit Klinger in seiner Menzel-Verehrung so

Wenn einem Großen auf irgend einem Gebiete der Künste unserer Zeiten eine Widmung von so grandioser Gestaltung zu­kommt, dann ist das Ibsen. Seit Jahrzehnten lasten seines schweren Lebens schwere Werke auf unserer europäischen Erde, seit Jahrzehnten beschäftigen sie die Köpfe einer Reihe der klügsten Männer der germanischen und auch romanischer Völker, Jahre lang roäbrte etn erbitterter Kampf um seine wahre Bedeutung, und er ist noch heute nicht völlig entschieden, weder zu Gunsten seiner bedingungslosen Anbeter noch seiner trntzigen Gegner. Bei Beginn des Kampfes gab es aut beiden Seiten gar viel hitz­köpfige Ausschreitungen, und die UrteilSwage feirkte sich bei uns zu Lande stark zur Seite der Jbsentadler, unter denen freilich eine recht stattliche Zahl Verständnisloser und nur von Tendenz- grvnden Geleiteter, also künstlerisch in Wahrheit Urteilsunfähiger sich befand. Dann kam eine Zeit, da die Wage sich mit fast gleicher Schwere nach der anderen -Seite neigte. Aber diesmal befanden sich unter den Stimmen allzuviele, die nur die Ibsen-Mode mitmachtcn. Heute zeigt die Wage ein nicht mehr so großes Uebergewicht der Jbsen-Dergötterer, und es ist die Zeit wohl nicht mehr fern, in der man in der Ibsen-Beurteilung daS rechte Maß gefunden haben wird.

Die rechte Mitte fand bereits, neben anderen, auch Karl v. Persall, der Feuill.-Redakteur derKöln. Ztg.", über dessen verständigen Ibsen-Vortrag in der Kölner litterar. Gesellschaft in Nr. 258 des Gieß. Anz., 3. Bt., berichtet wurde. Auch ich meine mit Pcrfall, daß Ibsens Gedanken nicht allzu hoch und weit flogen. Sie gingen vielmehr in die Tiefen der mensch­lichen Seelen, und beionders der Frauenseele. Ibsens Frauen- gestalten suchen, ohne es zu wissen, dem weiblichen Gejchlechle einen neuen Lebensinhalt, Indem sie tote Formen der Ueber- lieferung zerschlagen; ohne es zu wollen, bilden sie aus den Trümmern ihrer eigenen Gegenwart die F-rau der Zukunft. So haben, wie Ludwig Fulda einst bei einer Berliner Jbsensüer sehr richtig sagte, diese Jbsenschen Frauen Größeres gewirkt, als ein Heer von theoretischen Amazonen. Wenn sie die Haus- ür dec Zivliveutiou Himer sich zugeschlagen Haden, dann erwarten ie nicht von irgend einem Reichstag das Wunderbare; sondern ie betten stumm nach Osten, wo hinter noch verschlossenen Toren die Morgenröte flammt. Ibsen, der nie ein schmachtender Frauen-

Füllhorn von Blumen aus. Da war teilte einzige Großmacht, die leer ausging; jeder wurde eine Verbind­lichkeit, eine fröhliche Hoffnung auf Freundschaft oder mindestens gute Beziehungen gewidmet. Besonders mußte die gute Zensur überraschen, die Italien ausgestellt wurde für die durch und durch französische Haltung auf der Ma­rokko-Konferenz.Korrekt gehandelt in einer schwierigen Situation", sagte Fürst Bülow. Wenn man es nur glauben könnte! Uns scheint, Italien wird daraus Ermutigung ge­winnen zu neuenExtratouren". Nur einmal klang ein Bismarctscher Ton aus dem Moll der Ausführungen: Daß eine Politik der Einkreisung Deutschlands bedenklich für den Frieden fein würde. . .

Bei der Preß-Besprechung des Wiederauftretens des Fürsten Bülow wird von manchen Seiten bemerkt, daß der Inhalt der Rede durchaus kein großer ist. DieDtsch. Dagesztg." meint: So recht frisch und fröhlich aus dem Herzen heraus klangen seine Ausführungen diesmal nicht. Der Ernst der politischen Weltlage spiegelte sich auch in Ton und Haltung des Kanzlers wieder. Die B. N. Nachr." meinen, diese Debatte ist nicht int stände, das herrschende Unbehagen zu mindern, geschweige denn zu beseitigen. DieTägl. Rundschau" schreibt: Sicher hat Fürst Bülow mit seinen Darlegungen mehr Schwarzseher gebannt, als der Kaiser mit seiner Breslauer Tijchreoe, wenn Ls freilich auch nicht gelungen ist, die schwarzen Wolken, die über unserem Himmel schatten, zu zerstreuen. DieNat.-Ztg." sagt: Die Rede eines führenden Staatsmannes war das nicht. Da sprach der liebenswürdige Causeur. Auch dieV off. Z t g." meint, daß die Worte des Fürsten Bülow nicht sonderlich hoffnungsfroh Hangen und auch nicht viel neues boten. Nach dem letzten Bravo am Schluß war der Reichs­tag nicht klüger als zuvor. DasBerl. Ta gebt." schreibt: Man muß zugeben, daß Fürst Bulow in keiner Weise die Klagen des Abg. Basser- ntann zu entkräften vermochte. Man wird nicht be­haupten wollen, daß die Antwort des Fürsten auch nur in einem Punkte die Bedenken gegen die Auslandspolitik des deutschen Reiches zu zerstreuen vermochte. Der Vorwärts" schreibt: Neben den endlosen Gemeinplätzen bot der Kanzler übrigens auch unzweifelhafte Wahrheiten. Fürst Bülow bot in feiner Verteidigung der deutschen hohen Politit und des angeklagten persönlichen Regiments einer fruchtbaren und ernsten Bekämpsungn der konflittsschwan- geren deutschen Welt- und Flotten-Politik hie beste Hand­habe.

Die Pariser Blätter publizieren an leitender Stelle die Rede. Der ehemalige Kriegsminister Etienne erinnert sich, den Vergleich mit dem Thermometer bei einem Tisch­gespräch mit Gambetta gehört zu haben. Sehr angenehm berührt der warme Ton der Bülowschen Sprache. In polit. Kreisen sieht man die schon anläßlich früherer Bülowscher Redeil gemachte Wahrnehmung bestätigt, daß der Reichs­kanzler wie kaum ein anderer Ausländer die franz ö s. Volksseele kennt. Mit größter Spannung erwartet man jetzt die ersten Aeuherungen des Ministers Pichon auf der Kammer-Tribüne.

Das PariserJournal" er Härt: Wenn die Taten

Deutschlands den Worten des Reichskanzlers entsprechen

nng der gegenwärtigen Po litik und auf eine Abwehr der in der bekannten Breslauer Kaiserrede scharf gekennzeichnetenSchwarzseherei" gerichtete. Es hat den Fürsten Bülow offenbar stark verdrossen, daß seine Politik so oft abfällig beurteilt wird im Gegensatz jur Eisenpolitik des Fürsten Bismarck, daß der ,^Lackstiesel" des Husaren bespöttelt wird zugunsten des BismarclschenKürassierstiefels".Wir, ein Volk von 60 Millionen, mit solcher Armee, brauchen eine Iso­lierung nicht zu fürchten, niemandem nach- julaufen, wenn wir nur uns selbst vertrauen und treu bleiben, wenn wir ein wahrhaft großes Volk sind" bei diesen schönen Worten setzte lebhafter Beifall ein. Mit der Möglich leitet nerJsolierung rechnet danach auch Fürst Bülow, und in diesem Sinne wird die Mahnung wohl aufgefaßt werden, mit der der Kanzler seine für fein Wohlbefinden beweiskräftige Rede schloß, die Mahnung nämlich, den Kleinmut zu bannen durch opferbereite Fürsorge für die Wehrkraft zu Lande und zu Wasser.

Die erste Krttit aus dem Hause war für den Kanzler wenig erfreulich. Abg. v. Vollmar lieferte sie. Er will nicht im geringsten erschüttert worden sein in seiner Ueber- zeugung vomZusammenbruch" der deutschen auswärtigenPolitik, und er führt diese Entwicklung zurück auf daspersönliche Regimen t", von dem zu sprechen Fürst Bülow in feiner rosafarbenen Rede sich versagt habe. Wesentlich wohlwollender urteilten Gras Limburg, dessen schwache Stimme nur zu einem viertel­stündigen Vortrag ausreichte, Abg. Dr. Spahn, der er­neut auf die Hohenlohe-Memoiren zu sprechen kam, und Abg. v. Tiedemann (Reichsp.). Im Gegensatz zu dem Zentrumsführer forderte Abg. Dr. Wiemer (sreis. Vp.) die Nationalliberalen auf, auch auf dem Gebiete der inneren Politik die Richtlinie der Regierungspolitik zu verlassen und Schulter an Schulter mit dem Linlsliberalismus zu stehen. Fürst Bülow ergriff nochmals das Wort zu einer Rechtfertigung der deutschen Diplomatie und seiner Stellung bezw. Verantwortung gegenüber dempersönlichen Regiment". Hier waren die Aeußerungen von bemerkenswerter Entschiedenheit.

Von anderer Seite wird uns aus Berlin

erscheinen. , __ ,

Zu lyrischen Taten hatte die Natur Ibsen nicht gerüstet. Und, sparsam wie er war, ließ er nur selten als einzelnen Quell ein Liedesgelüst aussprudeln. Er fing aber die lyrischen Wässer­lein, die er auf feinem Lebenswege fand, zu so gewaltigen Seen, wie demBrand" und demPeer Gynt", in denen der lyrische Strom tief und breit die weiten dramattschen Fluren durchrauscht. Ibsens Poesie ist aber auch im lyrischen Gewände nicht, wie die Grillparzers, die uns am Dienstag umkoste, eine zartdustcndeBlume aus dieses Lebens Blättern, die hoch empor in blaue Lust das Balsam^iupt erh.bt, den fernen zu. Viel­mehr zeigt sich auch der Lyriker Ibsen in seinen wertvollsten Gedichten als unbarmherziger Bloßleger seiner teuiften Jierüen, als Schürfer in den tiefsten Tiefen seiner unergründeten Herzens­schächte.Man lernt", so sagt R. Lothar richtig ui feiner guten Ibsen-Monographie Leipzig, 1902, @. A. Seemann),Ibsen, den Mann, der lieben konnte, wie fein zweiter und der aus Liebe zum Menschenhasser und -Verächter wurde, aus feinen Gedichten ebenso kennen, wie aus seinen Dramen."

Zum gestrigen Festabend hatte man aus den Abgründen des Ibsen-Bornes eine kleine Zahl köstlicher Perlen zum Rampen­lichte hervorgeholt, reine StimmungSlyrik, in der das aus dem innersten Herzen wie ein klarer Quell hervorbrechende Gefühl durch feine Stärke überrascht. Die Tieibohrung des Lichtscheuen", der in den Schleiern der Nacht und den finsteren Grüften des Verzinnern und der menschlichen Herzenskammern sich besser auskennt als in dem Lärm des Tages, die Sehnsucht nach der nordischen Heimat im sonnigen Süden, das war, neben flüchtigeren, aber zugleich holderen lyrischen Einfällen, seiner gestern gehörten kürzeren Gedichte und Lieder Gurtwerk.

Tie Vortragenden waren: Frl. S l a m m l e r, die, am Klavier von Herrn Hayn mit feiner Zurückhaltung begleitet, ein paar von Grieg komponierte Lieder mit wohllauiend weicher Sopran- ftimme, deutlicher Aussprache, lieblich leichter Tonblldung und jd)lid)t inniger VortragSweije fang, sowie die Damen Donecker, Bayrhammer und Schuster, und die Herren Kober, Herrscher und B a k o f. Sie alle, die mehr oder minder Ge­legenheit hatten zur Entfaltung ihres Talentes, dürfen sich heute

) Vgl.Briese von Henrik Ibsen", Berlin 1905, S. Fischer, S. 55.

Die Heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.

Auswärtige Politik im Reichsiage.

R. Berlin, 14. Nov.

vlu ÜV4,WWW^ v_ ö_____ 0______ ketten, gedankt mit anteiligem Mißtrauen des Auslandes,

'jiadwar wünscht, wird gebilligt werden. Der interessan- öfteren und lebhafteren Beifall im Hause. Bassermann teste Teil der Kanzlerrede war der auf eine Rechtfertig- sprach vielen aus der Seele. Fürst Bulow schüttete em

Eine denkwürdige Sitzung! Gespannte Erwartung, bei­nahe Feststimmung von den entlegensten Bänken bis tyinauf zur übervollen Diplomatenloge. Da tritt er ein, der Lang­vermißte, Vielberufene, des Reiches leitender Staatsmann. Elastischen Schrittes strebt er seinem Sessel zu, auf dem er vor sieben Monaten in schwerer Ohnmacht zusammen sank. Ein leichtes Neigen des stark ergrauten Hauptes zu den Herren vom Bundesrat und zum Auditorium im Parkett, dann die kurze Erklärung der Bereitwilligkeit, die Interpellation über die auswär­tige Politik sofort zu beantworten und schon ergreift Abg. Bassermann das Wort zur Begründung der Inter­pellation. -Ein Rückblick auf die Zeiten desfesten ziel­bewußten Bismarck selben Regimes", vielsagende Hinweise aus die Hohenloheschen Memoiren, daspersönliche Regiment, die Politik der Reden und Liebenswürdigkeiten, Algeciras, die fortschreitende Entwerttmg des Dreibundes, Englands Einkreisungspolitik, Deutschlands Isolierung« kurz, alles, was an sorgenvollen Gedanken politischer Art im deutschen Volk lebt, brachte Bassermann in pointierten Morten zur Kenntnis des leitenden Staatsmannes, häufig vomBeifallallerbürgerlichenParteien unter­brochen. Es war, als ob ein Ventil sich öffnete, und der auf dem öffentlichen Leben lastende Druck sich löste.

Hatte Bassermann kurß und bündig gesprochen, so ließen gleich die ersten Sätze der Entgegnung des Fürsten Bülow erkennen, daß feine Rede großzügig disponiert war. Der Kanzler widmete zunächst mit von leiser Rührung durchzitterter, gedämpfter Stimme den Vollsvertretem seinen Dank für die ihm während seiner Erkrankung erzeigte Anteilnahme. Als er bann der Politit sich zuwandte, gewann seine Stimme Farbe, seine Diktion Schwung. Es war wieder deralte Bülow" mit der un­abweisbaren Neigung zu feuilletonistischer Verbrämung der Rede. Fürst Bülow wuchs immer mehr in seine rhetorische Ausgabe hinein, und gleichzeitig in einen politischen Op­timismus, der fast Strich um Strich die von Basser- mann vertretene düstere Auffassung durchbrach. Mitunter hatte man allerdings den Eindruck, als ob der Kanzler die Kritik etwas zu leicht nahm, und seinen erfrischenben Humor nicht immer an der richtigen Stelle spielen ließ. Gegen das, was er über Deutschlands Stellung zu Frank­reich und England sagte, war kaum etwas einzuwenden. Aber inbezug aus Italien urteilte der Kanzler wohl doch allzu vertrauensselig. Nicht nur an unverantwort­licher Stelle strebt man dort auf eine Lockerung der Be- ziehungen zu Deutschland hin, wie die Haltung der italie­nischen Negierungspeesse beweist. Auch die ungarischen Heiß­sporne hätte Fürst Bülow etwas kräftiger anfassen sollen. Dagegen berührte sympathisch die warme Anerkennung der Bundestreue Oesterreichs und der unermüdlichen Friedens- arbeit Kaiser Franz Josephs. Daß Deutschland nicht ge­willt ist, sich in die russischen Wirren einzumischen, sondern die Fortdauer der guten Beziehungen zu dem östlichen

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

gestern seine Lyrik lehrte, I r'ebensgenoffen nackte Wahrhaftigkeit zu zeigen, in der Absicht, ,da» er kühl gegenüber gestanden I Volk zu wecken und es zu lehren, groß zu denken^. ) Es ist mir ...... ' unmöglich, auch nur in flüchtigen Umnlfen die Rede Collins hier zu skizzieren. Dazu fehlt es mir an Raum, wie an Zeit und an Gleichgewicht un Arbeitsdrange. Nur fo viel fei nur noch ge­jagt, daß sie nicht nur eine pietätvolle Gedächtnisrede, fondern zu­gleich eine klärende Einführung m die Hauptnummern des Ge­iamtprogramms des Abends war und daß sie den lebhaften Beifall der dankbaren Zuhörerfck)aft fand. Sie wird hoffeiitlick) im Druck