Ausgabe 
17.8.1906 Erstes Blatt
 
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Lirektionsbezirk wechselt. König Eduards Salonwagen wird «gewöhnlich in Brüssel oder Paris aufbewahrt. Er wiegt -nur 38 000 Kilo, ist also bedeutend leichter als die großen D-Zugswagen der preußischen Staatsbahnen. Tie Ueber- wachung des Wagens ist, ähnlich wie beim kaiserlichen Son­derzug, besonders tüchtigen technischen Beamten anvertraut.

polHifdic Tagesschau.

Der Kaiser über die Kavallerie.

Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, hat der Kaiser bei der Kritik auf dem Truppenübungs­platz Munster in sehr bestimmtem Tone darauf auf­merksam gemacht, daß die Tage bezüglich der Sch lachte n-- tütigkeit noch lange nicht vorüber seien. Dabei hat der Kaiser auch gesagt, daß die schlachtenlscheidende Rolle der Reiterei Friedrichs des Großen nicht wieder herzustellen sei, da sie ja noch vorhanden sei. Diesen Glauben würde er sich nicht nehmen lassen. Und die deutsche Kavallerie werde niemals auf ihre Schlachtentätigkeit ver­zichten, trotz der Vervollkommnung der modernen Feuer­waffen, denn es werde auch in zukünftigen Kriegen Lagen geben, wo die Kavallerie berufen sein könnte, entscheidend irn Ine Schlacht cinzugreifen, und dann seien schließlich Wiederholungen von Szenen des siebenjährigen Krieges nicht ausgeschlossen. Ist dann aber, so hat der Kaiser ge­sagt, der Augenblick günstig, namentlich bei einer Ueber- raschung, oder wenn der Feind sich verschossen hat, so soll die Kavallerie wie der Waldstrom urplötzlich hervorbrechen und alles, was sic im Wege findet, Niedevftürzen und zertrümmern. Bemerkt hat der Kaiser- ferner, daß sich die strategische Aufgabe der, Kavallerie gegen früher erhöht habe, wober auch ganz besonders das Vorgehen der Kavallerie auf die rückwärtigen Verbindun­gen des Feindes in Betracht komme, um den ganzen rück­wärtigen Apparat (Verpflegung usw.) zu zerstören. 'Auch auf diese Weise könne die Kavallerie schöne Lorbeerkränze erringen. Weiter hat der Kaiser bei der Kritik auf die Be­deutung des Fußgefechts der Kavallerie hinge­wiesen und dabei scharf betont, dasselbe solle ja nicht ver­nachlässigt werden, denn es sei in der Aufklärung, Ver­folgung und bei Operationen der Kavallerie auf rückwär­tigen Verbindungen des Feindes von großer Bedeutung. Und auch in der Schlacht könne die Kavallerie veranlaßt werden, nicht in der Attacke, sondern mit dem Karabiner in der Hand dem Feinde entgegenzutreten.

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Rücktritt des preußischen Landwirtschaftsministers?"

Wir lesen in der heutigenDeutschen Tagesztg." unter dieser Ueberschrift folgendes:

Soeben, kurz vor Schluß der Redaktion, geht uns eine Meldung ru, daß der Landwirtschaftsminister v. Podbielski in den nächsten Tagen sein Abschiedsgesuch einreichen werde. Dieselbe Mit- teilung ist auch anderen Blättern, \o derStaatsbürgerztg.", ge­macht worden. Letztere behauptet, daß sie aus authentischer Quelle stamme. Auch mit dem Nachfolger für Herrn v. Podbielski beschäftigt man sich bereits. Das ist zwar ein müßiges Spiel der Phantasie, aber wir wollen doch nicht unterlassen, unsere Leser darüber zu informieren, welche Herren von verschiedener Seite in Aussicht genommen sind. Ein Mittagsblatt nennt den früheren Leiter der Reichskanzlei, jetzigen Unterstaatssekretär im Landwirt» jchaftsministerium, Herrn von Eonrad, von anderer Seite wird Gras Schwerin-Löwitz als der kommende Mann bezeichnet. Ob aber an der entscheidenden Stelle überhaupt schon jemand ins Auge gefaßt ist, ist eine andere Frage.

Das offiziöseW. T.-B." meldet kurz, dieDeutsche Tagesztg." bezeichne mit anderen Blättern die Meldung, daß der Rücktritt des Landwirtschaftsministers v. Podbielski bevor­stehe. Dadurch erhält die Nachricht'einen halbamtlichen Charakter. DieDeutsche Tagesztg." verschweigt übrigens charakteristischer Weise, daß nach der von ihr doch deutlich genanntenStaatsbürgerztg." der Kaiser Herrn von Pod­bielski zur Einreichung seines Abschiedsgesuches aufgefordert habe! Dieser habe auf die Meldung resigniert geantwortet:Viele Hunde sind des Hasen Tod."

Doch der Minister selber ermächtigt bezeichnender Weise den üblenLok.-Anz.", mitzuteilen, daß ihm bis zur Stunde weder von einer solchen Aufforderung des Kaisers «twas bekannt sei, noch daß er seinen Abschied ein­gereicht habe.

Die nächsten Stunden schon werden ja wohl über alles dies Klarheit bringen. Jedenfalls deutet heute alles darauf hin, daß die Fischer-Tippelskirch-Affäre tatsächlich, wie wir es erwarteten, die Verabschiedung des Herrn v. Pod­bielski im Gefolge hat.

Vor einigen Jahren war das Wort des Landwirtschafts­ministers:Nach der Heuernte verduft' ich!" Gegen­stand des öffentlichen Interesses. Der Minister ist nichtver­duftet", er hat Podagra-Anfälle, Kanalvorlage und Fleisch- teuerung fröhlich überstanden, aber jetzt wird er wohl als aktiver Minister keine Heuernte mehr erleben.

Vielleicht bedauert er insgeheim, nicht seinerzeit nach der Heuernteverduftet" zu sein. Ein besserer Abgang wäre es für ihn sicherlich gewesen.

Herr v. Conradi war früher Regierungspräsident in Bromberg, war als Chef der Reichskanzlei dierechte Hand" des Fürsten Bülow und erhielt erst vor kurzem den Adel.

Ein Ermitteluugsverfahren wegen Vergehens gegen den Arnim-Paragraphen, Ver­letzung der Amtsverschwiegenheit eine£ Beamten im Dienst der Auswärtigen Amtes ist derFreis. Ztg." zufolge von der Staatsanwaltschaft gegen den früheren Kolonialdirektor Dr. St übel und den Geh. Lega­tionsrat v. König aus der Kolonialabteilung eingeleite worden, nachdem mehrere Versuche, den Reichskanzler zu einem Einschreiten zu bewegen, erfolglos gewesen waren, bis unter dem 7. Juli der Staatsanwaltschaft am Landgericht Kenntnis davon gemacht wurde, daß Kolonialdirektor Dr. Stübel am 15. März einem Zentcumsabgeordneten eine von dem Geh. Legationsrat v. König verfaßte Aufzeichnung aus den Akten des Auswärtigen Amtes übergeben habe. Weiter­hin war an den Justizminister Beseler eine Eingabe des Inhalts gerichtet worden, daß Abg. Erzberger bei seiner eidlichen Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter, höhere Beamte der Kolonial-Abteilung und anderer Reichsbehörden genannt habe, die ihm wiederholt privatim über dienstl'iche Angelegenheiten des Auswärtigen Amts Mitteilungen geinacht haben. Der Untersuchungs- richter habe aber abgelehnt, diese speziellen Angaben Erz­bergers zu Protokoll zu nehmen, da sich das Verfahren nicht gegen höhere Beamte richte. In einer Eingabe an den Justizminister wurde die Notwendigkeit nachgewiesen, das

Verfahren auch gegen die höheren Beamten auSzudehnen. Darauf haben der Präsident und der erste Staatsanwalt des Berliner Landgerichts I eine Antwort erteilt, daß auf die Anzeige die Ermittelungen eingeleitet wurden. Des­gleichen werde die Staatsanwaltschaft prüfen, ob die Aus­sagen des Abg. Erzberger Anlaß zu einem strafrechtlichen Einschreiten bieten.

Einer Korrespondenz zufolge hat das Reichsschatzamt Veranlassung genommen, in eine Nachprüfung der An­gelegenheit Tippelskirch u. Co. einzutreten.

Seine neuliche Angabe über widerrechtliche Ver­wendung von zu Straßenbauten bestimmter Gelder für den Bau eines neuen Gouvernementsgebäudes in Kamerun durch den Exgouverneur v. Puttkamer ergänzt der Vorwärts" heute dahin, daß 20 000 Mk. für dieses Gebäude ausgeworfen worden seien. In Wirklichkeit so aber, wie sich au§ den in amtlichem Besitz befindlichen rechnungen ergeben soll, nicht weniger als 200 000 dafür verwendet worden sein. Bemerkt zu werden verd noch, daß die Kosten des zu dein hoch im Gebirge gelegr Gouvernementsgebäude führenden Bergweges ganz erheb gewesen sein müssen. Diese Straße, die für den Hand verkehr nicht in Frage komme, werde als die einzige bezr net, die sich überhaupt in brauchbarem Zustande befinde.

Deutscher Reich.

Hamburg, 16. Aug. Der Kaiser soll dieH bürg" bereits für die Mittelmeerfahrt im Frühjahre 1 gechartert haben.

Wilhelm shohe, 16. August. Der Kaiser ist h abend um 6 Uhr hierher zurückgekehrt.

Berlin, 16. Aug. Reichskanzler Fürst v. Bül beschied den Geh. LegationSrat Dr. Hamman zu sich : Norderney, um vor seiner Abreise nach Kastel noch bi Vortrag entgegenzunehmen, und reiste heute abend i Wilhelms höhe ab.

Ignatius v. Seneströy, Bischof von Rege bürg, ist heute mittag im Alter von 88 Jahren storben. DieKöln. Volksztg." nennt ihneine der n kantesten Gestalten deS deutschen Episkopates, einen Hi> der fast ein halbes Säkulum energisch und zielbewußt Oberleitung der größten bayerischen Diözese führte, c Kirchenfürsten, der als unerschrockener Streiter Christi in kirchenpolitischen Kämpfen der zweiten Hälfte deS 19. Ja eine hervorragende Rolle spielte und sich beim Apostolis Stuhle höchster Wertschätzung erfreute"

Hamburg, 16. Aug. Eine heute hier abgehall von etwa 2000 Personen besuchte öffentliche VersammI der Wirte von Hamburg, Altona und Wandsdeck und 1 gegend erklärten sich sowohl im Prinzip als auch in betracht der wirtschaftlichen Lage der Gastwirte gegen j Erhöhung der Bierpreise und lehnte jeden 21 chlag ab. Ein Aktionskomitee wurde beauftragt, Brauereien aufzufordern, binnen acht Tagen ihre Fordern, zurückzuführen.

Magdeburg, 16. Aug. Gegen die hiesige sozia ld Volksstimme" ist seitens des Staatsanwalts ein ©h verfahren eingeleitet wegen der anläßlich der rüst. Du Auflösung getanen Aeußerung:Stolypin sei reif die rächende Bombe." Heute fanden die ersten ! nehmungen statt.

Ausland.

Stockholm, 16. Aug. Wie verlautet, wird du Dezember zusammentretende Kommission zur Verleihung des Friedens-Nobelpreises sich vor allen anderen Kandi­daten mit der Person des Präsidenten der Vereinigten Staaten befassen. Es gilt als höchst wahrscheinlich, daß der Preis Roosevelt zuerkannt wird, da seinem Verdienst der Friede von Portsmouth und die Vermeidung von Feindseligkeiten in der Marokko-Affäre zugeschrieben wird.

Marienbad, 16. Aug. Der König von Eng­land ist mit Gefolge heute nachmittag hier angekommen.

Konstantinopel, 16. Aug. Es liegt Grund zu der Annahme vor, daß demnächst eine Kundgebung des Sultans veröffentlicht wird, die den Prinzen Burhaneddin zum Thronfolger ernennt. Vurhaneddin ist der dritte Sohn des Sultans und 1885 geboren. Man rühmt ihm schnelle Auffassung und geistige Regsamkeit nach. Van den Söhnen des Sultans sind älter Prinz Muhammed Selim, geboren 1870 und Prinz Abd ül Kadr, geboren 1878. Unter den Mitgliedern des Hauses Osman, Söhnen, Brüdern, Vettern und Neffen des jetzigen Sultans Abd ül Hamid steht Prinz Vurhaneddin dem Älter nach an 14. Stelle.

Aus Sasa (Bezirk Kotsona Wilajet Uesküb) wird ein Zwischenfall gemeldet. Am Samstag wurde anläßlich der von einer gemischten Kommission vorgenommenen Untersuchung ein türkischer Leutnant auf bulgarischem Boden von bulgarischen Offizieren niedergemacht. Die bul­garischen Truppen hätten, wie es heißt, die Grenze über­schritten, die türkische Abteilung eingeschlossen und eine Höhe besetzt.

Die Vorgänge in Bulgarien erregen die hiesige griechische Bevölkerung auf das Aeußerte. Die Nieder- brennung der Stadt Anchialos und die Nied er - metzelung von über 1000 Unschuldigen in BurgaS und Jamboli hat den übelsten Eindruck hier gemacht. Es verlautet, daß die griechische Regierung den Beistand und die Einrückung türkischer Truppen in Bulgarien verlangt hat. Eine ungünstige Einwirkung auf die Verhältnisse in Maze­donien ist wahrscheinlich.

Russische Kreuel.

Im westlichen Rußland speziell in Warschau sind am 15. d. M. Dinge vor sich gegangen, die Aehnlichkeit mit der historischen Bartholomäusnacht gezeigt haben. Es wurden etwa 28 Schutzleute, Polizeioffiziere, Soldaten und Gendarmen ermordet. In Lodz wurden 15 Schutzleute und Kosaken getötet oder verwundet. Den letzten Nachrichten zufolge wird in den Straßen von Lodz unaufhörlich geschossen, wobei es viele Tote und Verwundete gibt. Trotz des zahlreichen anwesenden Militärs halten die Unruhen an. Revolutionäre führen einen erbitterten VernichtungZkampf gegen Polizei

und Militär, um den Beweis zu erbringen, daß der Kriegszustand das Gebiet nur unnötig aufregt. In den Ostsee­provinzen haben die Revolutionäre einen Parteiaufruf ertasten, in dem Jeder mit dem Tode bedroht wird, der ihren Befehl nicht nachkommt.

Aus Odessa wird gemeldet, daß die Lage von Tag zu Tag kritischer wird. Die Revolutionäre haben ein Kom­plott zur Ermordung der Generale Kaulbars und Karavejozow geschmiedet und den beiden die Todesurteile zugestellt. Die Kosaken haben von den Führern den Auftrag erhalten, bei den leichtesten Unruhen sofort Judenhetzen zu veranstalten.

In Wloelawek wurden fünf Polizisten getötet. In Radom wurde eine Bombe ins Polizeiamt geworfen; ein Toter, mehrere Verwundete. In Plock sind sieben

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H ö ch st, Greifenstein, Lehrer Michel, Ga Pfarrer Stuhl, Greifenstein. Eine kleine Ab welcher Herrn Kilp 9lnerfcnnung und Dank wurde, beschloß den Kursus.

?? Hungen, 16. Aug. Gegenwärtig iru

sammenhang mit der Feldbereinigung unserer Gemarkung. Rodungsarbeiten am Nordrande des zwischen unserer Stadt und Bellersheim gelegenen sogen. Feld heim er Waldes (benannt nach einem Dorfe Feldheim, das schon im 8. Jahr­hundert vorkommt und gegen Ende des 14. Jahrhunderts ausging) vorgenommen. Hierbei stieß man auf eine Mauer, die in einer Stärke von 1/2 Meter auf eine Länge von 5 Meter von Norden gegen Süden verfolgt wurde. In verstossener Woche fand eine Besichtigung durch den derzeitigen Bezirks­denkmalpfleger H. Professor Röschen zu Gießen statt. DaS gefundene Mauerwerk gehört jedenfalls einer römischen Befestigungsanlage am Pfahlgraben an, der sich zwischen Hungen und Bellersheim zog (der Pstug hat ihn erwischt). Diese Anlage liegt in einer Linie mit dem Kastell von Langsdorf (gef. 1883 von Koster) und demjenigen bei Inheiden, das schon seit langen Jahren bekannt ist. DaS Material ist der Lungstein, der sich auf der Ostseite dcs Waldes findet. Daß die Mauer zu dem ausgegangenen Dorfe Feldheun, gehörte muß man zurückweisen. Dieses lag 2 Kilo» meter weiter in südlicher Richtung, am sogenannten Schlei­berg zwischen Inheiden und Bellersheim. Die Spuren dieser Dorfschaft fanden sich vor einigen Jahren bei Entwässerungtz- arbeiten. Der Feldheimer Wald gehört noch zur Gräfl. SolmS-Laubachischen Oberförsterei Arnsburg.

-i- Schotten, 15. Aug. Zum Kandidaten für die Landwirtschaftskammer wurde für Bezirk Schotten Bürgermeister Viehl-Rainrod, für den Provinzialausschuß Bürgermeister Jochem-Laubach und Cellarius-Schotten aufgestellt.

k- Vom Vogels b erg, 16. Aug. Zahlreichen Wirten ging die Nachricht zu, daß vom 1. September ab die Brauereien für den Hektoliter Bier eine Mark mehr ver­langen. Man ist nun allgemein gespannt, ob die Wirte den seitherigen Bierpreis steigern und ob alsdann die Vogels­berger Biertrinker streiken werden.

Hanau, 16. Aug. In der Nähe der Mainkur nahm ein Gendarm einen Handwerksburschen fest, dessen Aeußeres mit dem Signalement des mutmaßlichen Mörders der zwölfjährigen Frieda Weih aus Zellhausen überein­stimmen soll. Für Hanau wird, wie man aus Inter­essentenkreisen schreibt, kein Aufschlag der Milchpreise eintreten.

** Kleine Mitteilunaen n u £ Hessen und den Nachbarstaaten. Zu den Wasserleitungsarbeiten in Dorn- Dürkheim waren u. a. 15 kroatische Arbeiter neu eingetroffen. Vier davon überfielen gleich am ersten Arbeitstage einen Schacht-