Kr. 243
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Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unwers^Buch-u. Stein- druckeret. R. Lange. Redaktion. Spedition und Druckerei:
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Anzeiger Gießen.
Erstes Blatt
156. Jahrgang
Dienstag 16. Oktober 1906
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gehen
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Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Witiko: für .Stadt und 2anb" und ^Gerichisfaal": Ernst Heß; für den Anzeigenteil: HanS Beck.
Iie heutige Wummer umfaßt 8 Seiten.
Aie christtich-nationateu Arbeiter.
Ueber Köln kommt die Kunde von einer energievollen Bewegung unter den christlich - nationalen Arbeitern. Die Verbände der katholischen Arbeitervereine Westund Süddeutschlands und die Gesamtverbände der evangelischen Arbeitervereine und der christlichen Gewerkschaften Deutschlands haben einen Aufruf an alle christlichen Arbeiter erlassen, in welchem unter Hinweis auf das riesige Anwachsen der sozialdem. Bewegung zum engen Zusammenschluß aufgeforturt wird. Man will anscheinend der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung eine christliche Arbeiterbewegung gegenüberstellen unter spezieller Betonung deS christlichen Gedankens:
.Mitglieder der christlichen Stonfejfionen, tretet in di« Arbeitervereine, in die christlichen Gewerkschaften! Durch die Zugehörigkett zu den konsefsionellen Vereinen, zu den christlichen Gewerkschaften verbrüdert Ihr Euer kulturelles Streben im eigenen, wie im Interesse des Standes und der nationalen Wohlfahrt 1*
Da- wird zweifellos sehr schön empfunden. Aber wie bisher alle derartigen Schritte der christlichen Gewerkschaften, der konfessionellen Arbeitervereine nur lokale Erfolge zeitigen konnten, und diese nur unter bestimmten Voraussetzungen — man denke cm die Vorbedingungen im Ruhrgebiet! — so wird auch die neuerliche Anstrengung wohl ziemlich erfolglos bleiben. Eine christliche Arbeiterpartei als Gegengewicht für die Sozialdemokratie — der Gedanke ist unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu verwirklichen, so gut es die leitenden Geister auch meinen mögen. Denn einmal haben wir im Ehristentum zwei Konfessionen — leider! Und bei den Gegensätzen zwischen diesen beiden Konfessionen, die noch immer künstlich geschürt werden, ist ein Zusammengehen dieser beiden Konfessionen auf dem Gebiet der Arbeiterpolitik ein Ding der Unmöglichkeit.
Das ist freilich im Interesse der Sache bedauerlich, und man möchte sich fragen, wo hier die Schuld liegt. Aber wir befassen uns nicht mit den konfessionellen Gegensätzen, sondern mit den Tatsachen, soweit diese auf die Arbeiterpolitik Bezug haben. Nun ist es noch möglich, größere katholische Gewerkschaftsbewegungen ins Leben zu rufen. Es war möglich, katholische Arbeitervereine in Süd- und in Westdeutschland zu schaffen, die schon .inen Faktor im sozialen Leben darstellen. Das ist begreiflich, denn diese katholischen Arbeitervereine haben eine starke politische Partei hinter sich. Wenn das Zentrum auch nicht unter allen Umständen eine arbeiterfceundliche Politik machen kann — eS hat ja auch agrarische Interessen und darf der Industrie und dem Handel nicht zu nahe treten, Dinge, die eine extreme Sozialpolitik ausschließen, so haben die katholischen Vereine doch immerhin einen wesentlichen Rückhalt an der Partei.
Das ist bei den evangelischen Verbänden dieser Art nicht der Fall. Ihnen fehlt die Interessenvertretung im Reichstag. Wer soll sie vertreten? Die Nationalliberalen und die Freisinnigen sind als politische Gebilde zu klein, um erfolgreich in diesem arbeiterfreundlichen Sinne tätig sein zu können, wenn sie auch viel für die Arbeiter übrig haben. Es fehlt aber den evangelischen Arbeiteroerbänden der politische Rückhalt, und darum sind sie heute machtlos und werden es. auch morgen sein.
Es mag nun wohl der Fall sein, daß die Leute, denen eine christlich-nationale Arbeitervereinigung am Herzen liegt, eine Art Verbrüderung zwischen den katholischen und den evangelischen Arbeitern anstreben. Dazu wird eS unter den obwaltenden Verhältnissen leider auf keinen Fall kommen können. Denn wenn auch von Zentrumsseite — man denke an Dr. Bachems Wort „Heraus aus dem Zentrumssturm!" — vielleicht die Hand zu einem politischen Zusammengehen im nationalen Sinne auch dem evangelischen Teil der Bevölkerung geboten würde — dieser evangelische Teil der deutschen Bevölkerung steht solchen Angeboten mit Mißtrauen gegenüber. Man hat es ja jüngst definitiv abgelehnt, in nationalen Dingen mit dem Zentrum zusammenzugehen, unter schroffen Worten, die man sich auf der anderen Seite merken wird. Und so werden wir im deutschen Reiche auch in Zukunft eine katholische und eine protestantische Arbeiterpolitik haben — ein Unsinn, über den man im Ausland sich nicht genug wird wundern können!
Wir können also dem Gedanken eines Zusammenschlußes aller christlichen Arbeiter Deutschlands kein gutes Prognoslikon stellen, denn die kulturellen und die konfessionellen Mißver- hältniffe sprechen dagegen. Und daß ein kümmerliches Gebilde, das sich vielleicht herausdestillieren läßt, etwa der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Abbruch tun könnte, das ist ausgeschloffen. Die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung — das ist trotz aller Meinungsverschiedenheiten die sozialdemokratische Bewegung überhaupt. Die Sozialdemokratie ist die Arbeiterbewegung, und dagegen läßt sich bei der Zerfahrenheit, die leider in den beiden christlichen Lagern herrscht, nichts tun. Man mag sehen, waS man auSrichten kann, aber unsere Hoffnung ist schwach, schon weil auf der christlichen Seite jener Opfermut fehlt, den man den Sozialdemokraten nicht abstreiten kann. Oder sollte er doch vorhanden sein?
Politische Cagesschar».
Der Großherzog und Eißnert.
Durch die Bestätigung deS Sozialdemokraten Eißnert als Beigeordneten in Offenbach hat unser Großherzog natürlich von neuem den Widerspruch aller konservativen Kreise wachgerufen, und es wird m d"r „^reuzztg.", der „Deutschen Tagesztg.", der „Post", dem „Reich", der „Tägl. Rundschau" u. a., der kraffe Vorwurf erhoben, daß er durch diese Maßregel der Monarchie und den Reichsintereffen großen Schaden zugefügt habe. Dagegen schreibt das nat.-lib. „Leipz. Tageblatt" folgende sehr verständige Worte dazu:
Der Großherzog dokumentiert damit, daß er volle Rechts- gleichheit walten lassen will im Geiste der Verfassung, und daß er somit über den Parteien zu stehen trachtet, daß er bei einer derartigen Bestätigung nicht nach der Parteizugehörigkeit des Gewählten fragt. Konservative Zeitungen bringen darüber aufgeregte Artikel, und vielleicht erleben wir es noch, daß Herr v. Oldenburg eine preußische Bundesaktion gegen das rote Großherzogtum verlangt. Wir meinen, wenn der Großherzog als Monarch seines Landes keinen Anstoß daran nimmt, daß em antimonarchisch gerichteter Beigeordneter funktioniert, so ist wenig Anlaß dazu vorhanden, großherzoglicher sein zu wollen als der Großherzog.
In der klerikalen „Köln. VolkSztg." wird behauptet, das Ministerium des Innern habe seit Monaten der Bestätigung entschieden widersprochen; der Großherzog aber habe seinen
Willen durchgesetzt. Es bleibe abzuwarten, wie sich die Regierung mit der neuen Tatsache absinden werde. — Wir glauben indes nicht an einen Zwiespalt in den Anschauungen unseres Großherzogs und des Ministeriums.
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Von einer Verbrüderung der Nationalliberalen und des Zentrums in Hessen will ein Wormser Mitarbeiter der klerikalen „Köln. Volksztg." nichts wissen. Allerdings habe das Wormser Zentrumsblatt über die auch von uns kurz erwähnte Versammlung des Herrn v. Heyl in Viernheim „etwas sehr heylssreundlich berichtet", aber selbst dieses Blatt versichert, die nationalliberal - ultramontane Verbrüderung sei ein Phantasiegebilde. Das Zentrum, so sagt der Wormser Korrespondent, muffe bei Kämpfen zwischen Liberalen und Sozialdemokraten seine Entscheidung von Fall zu Fall, je nach der persönlichen Stellungnahme der Kandidatur, einrichten.
Fürst Bülow.
Nach den neuesten Dispositionen reist Reichskanzler Fürst Bülow heute (Dienstag) abend von Homburg nach Berlin ab.
Nach einer Mwesenheit von fast einem halben Jahre kehrt Fürst Bülow nach Berlin zurück, wie es heißt: neu- gestärkt, frisch und jeglichem Maß von Tätigkeit gewachsen. Wenigstens ist das des öfteren von Besuchern des Fürsten versichert worden. Die entscheidende Probe auf die völlige Wiederherstellung konnte aber erst sein Auftreten im Reichstag erbringen, denn es ist etwas anderes, mit einem Parlamentarier eine private Unterhaltung zu führen, oder in einer leidenschaftlich bewegten parlamentarischen Diskussion für die Regierung das Wort zu ergreifen und Erklärungen von großer Tragweite abzugeben. Uno heftig bewegt, wie selten, werden in diesem Jahre gleich die Etatsdebatten im Reichstag werden. Da sind die Vorgänge im Kolonialamt, die Tippe lskirch-, die Po - bielskr -Erörterungen, die Verhaftung unb Enthaftung des Majors Fischer — als einen politischen Fehler bezeichnet die „Kreuzztg." die Verhaftung des „durch leicht- sertigesGeschw ätz Verdächtigten — die Fleis ch- n o t und die Grenzsperre, die B ö r s e n r e f o r m, der sozialdemokratische, der nationalliberale Parteitag und nicht zuletzt die Hohenlohe-Denkwürdigkeiten. Bei jedem dieser Themen wird man Wert darauf legen, vom Reichskanzler persönlich Antwort zu erlangen. Ob Fürst Bülow dieser Aufregung und' Anstrengung sich aussetzen kann und darf, läßt sich einfiweifen nicht absehen. Vermutlich haben auch die Aerzte des Reichskanzlers darüber^ noch keine Entscheidung getroffen.
Graf Posadowsky in den „Memoiren".
Einer der vielen interessanten Abschnitte in den Memoiren des Fürsten Hohenlohe behandelt die „Entdeckung des Grafen Posadowsky tief unten $n Posen durch den Kaiser. Wir können aus eigener Kenntnis der Dinge hinzufügen, daß der Kaiser gelegentlich eines Besuches in Posen durch höhere Offiziere vom Sttom* mando des fünften Korps aus das ungewöhnliche Wissen, den eisernen Fleiß und die Rednergabe des damaligen Posener Landeshauptmanns'Grafen Posadowsky auftnerksam gemacht worden ist. Bei? dem lebhaften persönlichen Verkehr zwischen den leitenden Regierungsbeamten und Offizieren in der einsamen Ostmart, bei geselligen Veranstaltungen usw. fiiib diese Eigenschaften des Grafen Posa-
Cirr Verbrecher.
Schauspiel in fünf Akten von Sven Lange.
Einzig berechtigte Uebersetzung ans dem Dänischen von Gertrud Jngeborg Klett. (Buchverlag von Mbert Langen in München.)
Vor fünf Jahren erschien Bet Albert Langen in München, der, ein Schwiegersohn Björnsons, um die Verbreitung beachtenswerter Werke der skandinavischen und dänischen Literatur in Deutschland sich recht verdient macht, ein seltsamer Roman des Dänen Sven Lange, „Hertha Junker" betitelt. Da zeigte sich der Däne als ein scharfäugiger Beobachter und aller beschönigenden und vertuschenden Tünche abholder Schilderer der sittlich verkommenden Gesellschaft seiner etwas sodomitisch angehauchten Landeshauptstadt. Die weitaus originellste Figur des Romans war nicht sowohl die zarte und liebenswerte Titelgeberin, als vielmehr deren Geliebter, ein junger Dichter, Fries mit Namen, ein physisch und psychisch nicht ganz normaler übler Unmann, der, int Grunde ein feiner, schüchterner Mensch, jedes menschlichen Kraftbewußtseins bar sich mit der ganzen unnatürlichen Sinnlichkeit, die Leuten seines Schlages eigentümlich ist, an ein unangenehmes, gefühlloses, von niederer Gesinnung erfülltes Weib hängt, das in anderer Weise als er abnormen Trieben sröhnt und ihn auf die jämmerlichste Weise knechtet. Und er — hat seine Freude dran ... So bot denn dieser, literarischer Qualitäten keineswegs entbehrende, aber doch höchst unerquickliche Roman das peinliche Schauspiel einer perversen Ehesklaverei.
In dem Drama Langes, das wir gestern durch das Gastspiel einer Berliner Gesellschaft kennen lernten, trägt der „Keld", der Prokurist Hausen, gewisse jenem ähnliche Züge. Freilich das Hauptcharakteristiton des Dichters Fries, das Masochistische, besiüt dieser „Verbrecher" angenehmer Weise nicht Seine Schwester, eine zweite Auslage der sympathischen Hertha, nennt ihn „ganz mittelmäßig begabt und eigentlich von Natur schwach." Man könnte ihn indes sehr wohl auch für geistig minderwertig halten. Auch rhn, den Gutmütigen, Zartfühlenden, Selbstlosen, stillen, floßt uiib »errt, knechtet und tnutet das Leben, sodach er irre an fich und den anderen wird, und alles oas, was ihn plackt und plagt,, zertritt vollkonrmen seine Menschenwürde. Auch er
lebt in trauriger Ehe. Jeden Wunsch aber, den seine Gattin nur andeutet, erfüllt er, über seine Mittel hinaus. Und doch bereitet sie ihm kein Glück. Ihr kommt alles zu Hause schäbig vor. Sie möchte in Glanz und Gold sich tauchen. Wendet er ein, er könne „kein Geld vom Mond herunterhexen", so erhält er zur Antwort: „Dann hättest Du nicht heiraten sollen." Dieses „Dann" wirst klare Lichter auf die Psyche der Frau, um die er sich härmt und für die er schuftet tagaus lagern.
Dieses Jammerleben treibt ihn schließlich zu einem fürchterlichen Verbrechen. Und doch sind die Frau und der reiche Schwager, Lerche, dem der vornehm Gesinnte zuwider ist, die eigentlichen Schuldigen, sie, die ihn, den Unschuldigen, in Schulden stürzen.
„Von morgen ab — so sagt dieser Schwager — bin ich der Herr im Hause hier . . . Und Du wirst gehorchen! Ich dulde keinen Muck, keinen Laut! Jeden ersten des Monats bringst Du mir Dein Gehalt. Ich gebe Dir, was Dir zukommt. Du legst mir Rechenschaft über alle Deine Ausgaben, und wenn's eine Schachtel voll Streichhölzer ist! . .
Und er schließt mit eisigem Zynismus, daß es nur den Ausweg für Hansen gibt: „Daß Du hingehst und Engström eins auf den Schädel haust und den Wechsel ein» steckst."
Und so geschieht es. Mit einem Strick in der Tasche, unter der dunkeln, halb unbewußten Wirkung dieser Worte, geht Hansen zu dem Wucherer Engström, dem er 1000 Kronen schuldet. Er ist wie vor den Kopf geschlagen — und schlügt dem Wucherer den Kopf ein. Dann irrt er in strömendem Regen umher und steht plötzlich vor dem Hause seiner Schwester, die ihm an Güte gleicht, aber, wie Hertha Junker, eine ungleich kräftigere, klarere Natur ist. Jammernd kann sie, wie die Hertha des Romans, nicht begreifen, was die Umgebung aus chm gemacht hat. Hatte sie doch von ihm, dem einzigen Bruder, geglaubt, daß er bester, unschuldiger sei als alle anderen. Aengstlich wartet sie darauf, daß sie ihn sich selber treu, ihr selber würdig finde. Sie, die das ganze Schuldgefühl mit der Tiefe ihrer reinen, starken Seele, dem schwachen und flachen Zauderer abnimmt, fühlt sich schließlich geradezu glücklich, als er langsam begreift, dag er nicht der Knechtschaft Zeines Schwagers ver
fallen darf und daß Unschuldige nicht für ihn leiden dürfen. Und er geht hin und zeigt sich an.
Die Anlehnung des Dänen an des Russen Dostojewski berühmten Roman „Raskolnikofs"*) ist so offenbar, daß darüber kein Wort zu verlieren ist. Auch von Tolstois Moralkritik zeigt sich Sven Lange stark beeinflußt, doch besitzt fein Drama weder die suggestive Macht von Dostojewski, noch das Verführerische der Tolstoischen Ethik. Die Satire auf geschmacklose, rohe, beschämende Verwandten- Wohltateil ist gewiß sehr berechtigt. Daß ein Mord dadurch sich nicht rechtfertigt, versteht sich von selbst. Aber des Dichters Absicht war ja natürlich keine sittliche, sondern eine seelische Rechtfertigung. Freilich, man sollte denken, um einen harmlosen, gutmütigen Menschen zum Morde zu treiben, dazu gehörte gewöhnlich mehr als die unerfüllbaren Bedürfnisse einer Frau, die ihr Paradies in lächerlichem Toilettenkrimskram, etwa in knisternden seidenen Unterröcken, einer Straußenfederboa und bergt sieh-t; mehr als ein Schwager, der nicht leihen will und mehr ckls ein Wechsel, der protestiert werden soll. Gewöhnlich ja. Darum liegt der Wert dieses Stückes nicht so sehr in der Fabel, als vielmehr in seiner eigenartigen, subtilen Psychologie, in dem manchmal starke Lebensweisheit sich entringenden Dialog („Du bist ein Verbrecher wie die meisten. Du hast zufällig Gelegenheit gehabt, Dein Verbrechen zu begehen, was die meisten nicht haben . . . Strafe hilft nid)t" rc. 2aj und in den lockenden Ausgaben, d,ie damit dem Schauspieler gestellt werden.
Die gestrige Ausführung zeigte denn auch, daß dieses dramatische Seelengemälde theatralischer ist, als Langes „Stille Stuben", die vor ein paar Jahren in Frankfurt zur Ausführung kamen, in deren Kern nur feine und für grobe Theaterwirkung unfaßbare Motive wurzelten, die damals dem Frankfurter Publikum nicht recht klar wurden.
*) Im Verlage von Herrn. Hillger in Berlin W. 9 ist eine gute billige deutsche Ausgabe dieses wohl bedeutendsten russischen Romans unlängst erschienen. Eine Novelle von Dostojewski hat übrigens soeben Otto Julius Bierbaum unter dem Komödientitel „Ter Bräutigam wider Willen" dieser Tage in Leipzig aus die Bretter gebraü)t, ohne indes sonderlichen Erfolg zu erringen.


