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Erstes Blatt
156. Jahrgang
Montag 16. Juli 1906
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Kie Heutige Wummer umfaßt 10 Seiten.
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Sonntag eine aus Anlaß des Geburtstages Rembrandts veranstaltete Ausstellung von Gemälden zeitgenössischer Maler
unter die innerpoli tisch interessanten Ereignisse der wichenen Woche. Wie es scheint, ist der Rücktritt
politische Wochenschau.
Gießen, 16. Juli.
Tie vergangene Woche hat uns mit dem Ausfall der Stichwahl in Altena-Iserlohn eine böse Ueber- raschung bereitet, denn hier wurde ein uralter Besitzstand der Liberalen einzig durch die Schuld der bürgerlichen Parteien den Sozialdemokraten ausgeliefert, und es steht zu befürchten, daß dem Wahlkreis Hagen-SchwelmeingleichesSchicksal w iderfährt. Was nützt aber jetzt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, alles Klagen! Ursache, sich bei der Rase zu irehmen, haben reichlich die Freisinnigen und die National- liberalen, die unbedingt von vornherein hätten geeint marschieren müssen. Und den Nationalliberalen hätte insonderheit die Pflicht obgelegen, zur Vermeidung des liberalen Verlustes den alten Besitzstand des Freisinns zu respektieren und auf eine eigene Kandidatur zu verzichten. Beide liberalen Gruppen aber sollten jetzt endlich mit ihrer altbekannten schlechten Wahlorganisation aufräumen, damit niemals mehr in einem vorwiegend evangelischen Wahlkreise ein Zentrumskandidat in Stichwahl mit dem Sozialdemokraten kommen kann. Anstatt die unverantwortliche liberale Zwietracht, Saumseligkeit und Lässigkeit beim ersten Wahlgange dadurch wett zu machen, bei der Stichwahl geschlossen für den Zentrumsmann zu stimmen, wurde ein großer Teil der Wähler fahnenflüchtig. Tafür will sich das Zentrum in Hagen-Schwelm revanchieren, und der Liberalismus verliert durch seine unglaublüh ungeschickte Politik zwei Sitze nacheinander! — Die ,Meftd. Vvlksztg.", das Organ des Zentrums-Abg. Fusangel, fordert die Nationalliberalen auf, statt Moldenhauer einen anderen Kandidaten der Richtung Bassermann in Hagen aufzustellen, für den das Zentrum schon in der Hauptwahl unter Verzicht auf einen eigenen Kandidaten mit 6000 Stimmen ein treten würde. Der Freisinn würde dann für bie Stichwahl ausscheiden. Wenn die Nationalliberalen ablehnen, sei die Wahl des Sozialdemokraten sicher. Für den Freisinnigen werde keine einzige Zentrumsstimme abgegeben werden.
Tie Reise nach dem Nordkap hat unseren Kaiser auch nach Trontheim gebracht, wo er mit König Haakon eine Begegnung hatte und wo es auch zu einem Austausch von seltsam feierlichen Trinksprüchen kam. Die Königin Maud, bekanntlich eine Tochter König Eduards, wohnte dieser Begegnung nicht bei — eine Tatsache, die viel kommentiert ward. Zurzeit ist wieder von einer bevorstehenden Begegnung König Eduards mit Kaiser Wilhelm die Rede. Die Meldung Berliner Blätter, wonach der König Schloß Friedrichshof bei Homburg als Drt der Zusammenkunft vorgeschlagen haben soll, findet an unterrichteter Stelle keine Bestätigung. Nach wie vor steht nur fest, daß König Eduard und Kaiser Wilhelm vor längerer Zeit Grüße austauschten, in denen beide den Wunsch äußerten, einander in diesem Jahre zu sehen. Als sicher darf gelten, daß die Begegnung auf deutschem Boden stattfinden würde. Jedenfalls fährt in diesem Sommer noch König Eduard nach Wien, um dort mit Kaiser Franz Josef zufammenzukommen, der übrigens dieser Tage eine Begegnung mit der letzten Franzosenkaiserin Eugen ie in Ischl hatte. Am Samstag ist die Kaiserin von Ischl nach Salzburg abgereist.
Aus guter Quelle will ein deutscher Zeitungskorre- spondent in Petersburg erfahren haben, daß die Zu- s a m nie n f u n f t des Zaren mit Kaiser Wilhelm alleii Dementis zuwider prinzipiell beschlossen sei und voraussichtlich auch auf deutschem Boden stattfinden iverbe.
Tie aus Anl^ßder Geburt des erften Kaiser
der Nummern der „Jugend", „Simplizisiimus", „Meggendorser zu Ehren des Gedächtnisses Rembrandts von den Plätzen. Blätter" uird dergleichen zu ihm passende Tinge — atte Nummern Musikstück schloß dieFeier. — In Am ft er ba m wurd
Bezugspreis, monallich7bPf., viertel- jabrlich SDlt. 2.20; durch Avholc- il Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch diePost Mk.2.— uiertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Taqesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Pst auswärts 20 Psg.
Verantwortlich für den volit. und öligem, Teil: P. Witt ko; für »Stadt und Laud^ und .Gerichtsfaal*-, Ernst petz; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
kleines Feuilleton.
— Studcntenhumor für eine Bismarcksäule. Wie vor zwei Jahren schon einmal ist dieser Tage wieder in dem bekannten „Paradies" bei Je n a ein akademisches Fest gefeiert worden, besten Ertrag für die bei Jena zu errichtende Bismarcksäule beltumnt ift. Das Fest in Gestatt eines Vollsbelustig- i^ugs- oder Schützenfestes, in Thüringen „Vogelschießen" genannt, )at viel Humor gezeigt und einen glänzenden Erfolg gehabt Auch die Lehrer der Unioerfität Jena mit ihren Damen beteiligten sich vollzählig daran, und ein starker Besuch aus allen Teilen Der Stadt hat, tote man uns von dort schreibt, ein gutes finanzielles Ergebnis gesichert. Den Charatter des Schützentestcs suchten die „Teutonen" festzuhalten, _ die als mittelalterlidje Schützengilde aufzogen. Noch mehr Humor haben sie in chrem „Rari- tätentäbiuett"^ gezeigt, in dem viel zu sehen war: Die Straf- nianbatc des ^tudentenwirtes Kämmer-Carl in Jena, das Schwert des Damolles, der Ring des Polykrates — noch im Bauch des Herings dann war das Licht da zu sehen, das man nicht unter den SÄefsel stellen soll, und die Goldwage, auf die man nicht jedes Wort legen soll, auch das Pfund, mit dem gewuchert wird. Em Mantel war da, der als bet Mantel der christlichen Liebe anzusehen war, ein anderer daneben, der immer nach dem Winde gehängt wird, und das Brot, das man im Schweiße seines Angesichts ejstn sollte, es war nämlich felsenhartes Kommißbrot, säwn etwas schimmlich In die Tiefen des akademischen Lebens führte bie Flasche ein, die man dort sah und die die Frucht eines zweijährigen Studiums darstellen sollte: es war „Essig", und daneben eine andere Flasche, bie ben Schweiß des Studenten im ersten Semester auszunehmen besttmmt war: es war nichts darin. Und vieles andere noch war ba zu sehen. .Dann gab es ein Spezialitätentheater „Zu den sieben Wonnen des Paradieses", eine vom pharmazeutisch-chemischen Verein geschaffene Menagerie (mit drei Hunden, einer Schildkröte, einem Papagei und vielen luftig erklärenden Bildern), bas BraLvursT glöckle mit eigener Studenten kapelle (Sueven und Nhenaiien). gegenüber ertönte noch lautere Musik. Da wird zum Plantanz airsgespielt, dem echt Thüringer Tanzvergnügen. „Ein Tritt frei" steht über dem Eingang; aber schon, von zwei ^ritten an ihU man einen Groschen zu zahlen. „Hussa, juchhesisa, Diddel- bitoibei", „das geht ja hoch her", schreit ein Kapuziner dazwischen.
Nr. 164
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werben im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Eichener Familien- bkätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der B rü h l'schen Un io erf.-Buch-u. Stein- druckerei. 9t. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:
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enkels erwartete Amnestie ist m'sgeblieben und die-, fertigen haben wieder einmal recht beholten, die da meinen, daß unser Kaiser überhaupt kein Freund derartiger Gnaden- akte ist. TiaZ ist bedauerlich und leider auch geeignet, die freudige Stimmung, die das „frohe Ereignis" in weiten Kreisen erregte, nachträglich zu trüben und einen Mißklang in das sympathische Verhältnis zu bringen, das zwischen Kaiser und Volk ohne Zweifel besteht. Die Berlechung eines besonderen PräsentiLrmarsches an die Jacht „Hohen-, zollern", die einzige bisher bekannt gewordene kaiserliche Gunstbezeugnng aus Anlaß der Geburt des Prinzen, berührt im Hinblick auf die ausgebliebene Amnestie einfachen Staatsbürger eigentümlich.
Auch der Wechsel im Marinekabinett
eröffnet. — In Leyden wurde am Samstag in Anwesenheit der Königin-Mutter, des Prinzen Heinrich der Niederlande, der Minister, Mitglieder des Parlaments und der Spitzen der Behörden ein Nembraitbtderikniäl feierlich enthüllt. Auch dort hat man eine Rembrandt-Ausstellung veranstaltet, die u. a. 20 Gemälde von Rembrandt, sowie von Franz Dyn, van Goyjen und Dou enthält, fotoie etwa 100 Hand zeichn ungen von Rernbrandt. In der Akademie zu Leyden wurde ebenfalls eine Ausstellung von etwa 1000 Reproduktionen von Werken Rembrandts eröffnet, welche die Entstehung vieler seiner Werke zur Anschauung bringt.
— Max HcsseL Volksbücherei. Nr. 308—310. Am Fenster und andere Erzählungen von Wilhelm Holzamer. Mik des Dichters Lildnis und Faksimile sowie einer Einleitung von R. W. Enzio. Preis 60 Pfg. Max Hesses Verlag, Leipzig.
Wilhelm Holzamer zeigt sich auch in den vor uns liegenden fünf Erzählungen, von denen drei auS früheren Bänden her bekannt sind, als ein feinsinniger, durch kraft- und lebensvolle Darstellung fesselnder Erzähler und HemiatSdichter. Nächst seiner meisterhaften Novelle „Der arme Lukas", die er im vorigen Winter hier in Gießen in geschlossener Gesellschaft auf Einladung zum Vortrag gebracht hat, hat uns auch „Der lange Hahn" recht angcsprochen. ES ist die Geschichte eineS zart und tief empfindenden ArbeitersohneS, der zum Theaterkapellisten aussteigk, immer aber seine eigenen, weltfernen, stillen Pfade schreitet; ein echter Holzamer voll schönster lyrischer Stimmungskraft. — Auch die anderen von dem Dichter scharf und sicher gezeichneten Charaktere sind größtenteils Einspänner des Lebens, aus den mittleren und unteren Volksschichten seiner Heimat, dem schönen Rheinhessen stammend. Wohl fehlt in ihrer Weltanschauung ein fatalistischer Unterton nicht, und wir bedauern ihren Mangel an Lebens- und Weltfrcudc, aber ihre Lebenswahr« hcit, ihr tiefeö und reiches Seelenleben, ihr Kämpfen und Ringen bis zur Ergebung und Ruhe, zum Vergehen und Verstehen erwärmen unS bei der Lektüre mehr und mehr und machen sie zu einem wirklichen Genüsse. Wir wünschen dem Bändchen als einem echten Volksbuche für gebildete und einfache Leser weite Verbreitung. Der Hcransgcber Enzio hat ihm eine liebevolle Einleitung gegeben, die auch einen schönen Qiito« brographischen Brief Holzamers mitteilt.
Admirals von Senden-Bibran nicht aus Gesundheitsrücksichten erfolgt. Frhr. von Senden wurde ä la suite des Seeoffizierkorps gestellt, indem er in dem Verhältnis eines Generaladjutanten zum Hofe zu verbleiben hat. Staatssekretär v. Tirftsitz ist noch auf feinem Posten, aber er hat einer Kur tm benachbarten Nauheim bedurft, und in Berlin pflegt erfahrungsgemäß jeder Ministerdemission ein Badeurlaub vorauszugehen. Ter neue Chef des Marine-, kabinetts, Kontreadmiral von Müller, gilt als sehr energisch. Porträts, die einzelne Zeitungen von ihm brachten, zeigten scharf geschnittene Gesichtszüge. Ter jeweilige Staatssefi:etär des Reichsmarineamtes aber ist stets nicht viel mehr als das Exettttivorgan des kaiserlichen Marine-- kabinetts!
Die Verabschiedung des preu ßisch en Schulun ter- haltungsgesetzes hat dem Kultusminister Dr. Studt den Schwarzen Sldler eingetragen. Ob man im preußischen Volke über dieses Gesetz entzückt ist, ist allerdings eine andere Frage; ein Fortschritt in freiheitlicher Richtung kann darin wahrlich nicht erblickt werden. Das Gesetz trägt besonders ausgeprägt den reaktionären Stempel, der der ganzen Berliner Gesetzgebung mehr und mehr aufgedrückt ist. Die Rechte der Selbstverwaltung sind durch das neue Gesetz stark geschmökert und der Betätigung konf. Frecheit sind schwere Riegel vorgeschoben worden. Am bedauerlichsten ift im Hinblick auf das Parteileben, daß es die national-, liberale Partei mit gewesen ist, die dieses für sie mit der geit verhängnisvoll werdende Gesetz zustande bringen half, statt von vornherein, entsprechend ihren ruhmvollen Traditionen von ehedem, jede Mitwirkung dabei aözulehnen. Mit einer Vertretung gesunder liberaler Gedanken und Grundsätze läßt sich so etwas nicht vereinbaren — im Gegenteil, diese sinö bei der Zustimmung zu einem solchen Gesetz aufgegeben worden. Als eine der ersten Wirkungen des neuen Gesetzes kann man bereits ansehen, daß Herr v. Studt sich dagegen sträubt, den Stadtgemeinden eine weitere Erhöhung der Lehrergehälter zu genehmigen, „um dadurch nicht die Gleichmäßigkeit der Besoldungen in Stadt und Land zu gefährden". Daß unter solchen Umständen der Andrang zum Lehrerberufe in Preußen sich nicht heben imb daß der Lehrermangel damit ebenso in Permanenz erklärt wird wie die UeberfüHung der Schulklassen, daß die allgemeine Schulbildung einen schweren Schaden erleidet — wem sollte das nicht alsbald klar werden? Da^ über die Verdienste des Herrn Studt die Einungen bekanntlich sehr geteilter Art sind, so kann man sich der Befürchtung nicht verschließen, daß dem Kaiser über die Parlament. Vorgänge nicht klarer Wein eingeschänkt und weiterhin, daß seitens bestimmter Kreise mehr und mehr darauf hin ge- gearbeitet wird, eine immer breitere Grenzlinie zwischen Kaiser und Volk zu ziehen.
In Württemberg ift zur Freude von Volk und König, der seinen Ministern seinen Dank auszusprechen nicht unterließ, nach langen Kämpfen, die um fünfzig Jahre
zurückreichen, ein neuesStaatsgrundge setz zustande gekommen, in dem erfreulicherweise viele alte liberale Forderungen erfüllt wurden. Die Abgeordnetenkammer wird dort künftig vom Volke selber gewählt,- und zwar in direkter und geheimer Wahl, und die erste Kammer, die bisher nur das Schattenbild eines Parlaments bedeutete, ist in eine lebenskräftige Körperschaft umgewandelt worden. In dieser Hinsicht kann man doch ivieber einmal von einem erfreulichen Fortschritt reden. Hoffentlich wird demnächst endlich auch bei uns in Hessen eine ähnliche Reform zur Wirklichkeit, und diejenigen überstimmt werden, die sich ängstlich an das indirekte Wahlrecht klammern.
Die Dreh fusaf füre ist nun zu einer Art Abschluß gekommen. Nack)dem der Kassationshof den Kapitän für vollkommen schuldlos erklärt hatte, ergab sich als logische Folge, daß man Dreyfus auch als Offizier rehabili-' tierte und ihn zum Major beförderte. Mer Klarheit hat auch die letzte Phase des Trehfusprozesses nicht gebracht, und die Motive, welche eine Anzahl von Generalstäblern veranlaßten, einen unschuldigen Kameraden der Spionage zu verdächtigen, sind noch immer nicht auf gehellt. Ester- h a z h äußerte denn auch bereits, es sei unrichtig, zu glauben, daß die Affäre erlediigt sei. Er behauptet, Dreyfus habe zweimal keinen Takt gezeigt, einmal, als er im Jahre 1899 die Begnadigung annahm, und jetzt, als er durch feinen Anwalt das Urteil ohne Verweisung vor ein neues Kriegsgericht für genügend erklärte. Dies schade seiner Sache. Das Urteil bezeichnete Esterhazy als widernatürlich, da keine kontradiktorische Verhandlung stattfand und die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen geführt wurden.
Tie Wsichten des englischen Kriegsministers, die Armee zu reduzieren, werden von den Konservativen und ihrer Presse auf das heftigste bekämpft, trotzdem man wohl auch auf dieser Seite davon überzeugt ist, daß die Weltherrschaft Englands mit der erdrückenden Uebermacht feiner Flotte steht und fällt und daß die gegenwärtige Stärke der Landmacht genügt. Man darf jedoch nicht übersehen, daß die Konservativen bet ihren Angriffen auf den Kriegsminister weniger die äußere Politik im Auge haben, als die inneren Zustände, und diese sind es, welche den besitzenden Kreisen Besorgnis einflößen. Denn die N o t und das Elend unter dem größten Teile der englisch en Arbeite rschaftsp ottetjederBes chreib- ung, und die soziale Fürsorge liegt in Großbrttannien sozusagen noch in den Windeln. Es gärtganz beben lich in den arbeitenden Klassen des stolzen Albion, und nicht mit Unrecht befürchteten die britische Plutokpatie und Aristokratie, daß die englischen Söldner-, truppen weder stark noch zuverlässig genug sind, um gegebenen Falles dem inneren Feinde mit Erfolg entgegentreten zu können. Diese Furcht wird von genauen Kennern der englischen Verhältnisse als die wahre Ursache des Widerstandes gegen die Heeresverminderung bezeichnet, und auch die von einer gewissen Presse betriebene Hetze gegen Deutschland dient vorwiegend dazu, für die Mißstimmung des Volkes eine Ablenkung nach außen hin zu finden.
Der russische Ministerpräsident Goremykin bestätigte neuerdings einem Journalisten, daß das Kabinet bisher seine Demission nicht gegeben habe. Ebenso erklärte der Dumapräsident Prof. Muromzew, daß ihm vom Zaren fein Angebot gemacht worden sei, ein neues Kabinett zu bilden. Die revolutionäre Propaganda dauert vorderhand ungeschwächt fort, und fast jeder Tag bringt Nachrichten von Soldatenmeutereien. Einem Mordanschlag fiel der Admiral Tschuchnin in Sebastopol zum Opfer. Als sein mutmaßlicher Mörder wird der Matrose Akimow angesehen. Unmittelbar nach dem Attentat wollte der Adjutant des Admirals,
— sirr teures Geld an den Mann bringt. Auch die Studentinnen haben ihr eigenes Zelt; die „Germanen" bedienen ein hübsch ausgestattetes Teezelt, die „Arminen" eine gemütliche Waldschenke. Am Vormittag haben sie auf einem Lastwagen fahrend das Klavier dorthin geschafft, nicht stumm wie bei anderen Transporten, sondern die „Hauskapelle" spielt wälMvd der Fahrt und die Kommilitonen fingen. Dann mußten sie auf dem Festplatz noch tüchtig anstreicheu und klopfen, pinseln und nageln — ein köstlicher Anblick. Im Zelt des S.-C. (Korps) wurde um 9 Uhr abends von Dameri der Gesellschaft der Glüh- lvürmchentanz air5 ,Lysistrata" Don Lincke getanzt, so schick, daß er Dacapo gegeben werden mußte; sehr schöne Kostüme paßten zu dem anmutigen Ballett der jungen Mädchen. „Die Preise der Plötze sind sv niedrig, daß jeder bequem darauf fitzeir kann", rief der einladende Student dem Publikum zu. Auch ein „monistisches" Theater war da, in dem Schillers Dramen reckst monistisch, d. h. von einem einzelnen, in kürzester Zusammenfassung gegeben wurden — Professor Haeckel hat die Vorstellung selbst besucht. Nun folgen wir nvck) dem Wegweiser, der da besagt:
Eichener Anzeiger w General-Anzeiger w
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
„Und ein Wein wachst aus den Bergen, Und der Wein ist gar nicht schlecht, Doch mußt Du durchs Gedränge wergen, Erst in der letzten Bude kommst Du recht."
Viele höchst humorvolle Gestalten sah man noch auf dem Festplatz herumziehen, und das einzelne alles zu erzählen, ist nicht möglich. Durch den Humor aber sind einige Tausende wieder für den Bismarckturm zusammengekommen, der nun gewiß bald errichtet werden wird.
— Zur Feier des 300. Geburtstages Rembrandts fand am 15. ds. in Berli n eine von der Akademie der Künste veraiistaltete öffentliche Sitzung statt, zu der Vertreter der Behörden und ein zahlreiches Publikum erschienen waren. Orgelmufik leitete die Feier em. Prof. Karl Koppmg hielt die Festrede. Er feierte Rembrandt als einen von ben Männern, die universelle und dauernde Bedeutting besitzen. Rembrandts Kunst sei der Ausfluß des nordischen und ganz spczisisch germanischen Geistes. Die FestperjanunlunL erhob «ich


