As ist dankenswert, daß der Oberst bei dieser Gelegenheit mit der ihm eigenen soldatischen Offenheit und Derbheit das Hauptübel namhaft machte, an dem die Kolonie krankt: den Alkoy olmißbr auch, oder wie Herr v. Deimling es nannte, den „Suff".
Der Oberst ist hinreichend lange in Südwest gewesen, um ein Urteil abgeben zu können, und zwar über die Gepflogenheiten der Soldaten, in deren Mitte er sich fast ausschließlich aufhielt. Ta muß allerdings daran erinnert werden, daß auch aus Farmerkreisen dein Erstaunen Ausdruck gegeben wurde über die unaufhörlichen Alkoholtransporte zu den deutschen Truppen. Gemeint sind wohl zunächst die den Atappendienst versehenden Mannschaften, denn von den Slbtcilungen, die an den Feind gebracht wurden, hat Oberst v. Deimling im Reichstag selbst erzählt, daß sie genötigt waren, sich tagelang mit schmälster Kost und einigen Schluck Kognak zu behelfen. Die Kenner der klimatischen Eigentümlichkeiten des dunklen Erdteils sind nun einer Meinung über die Gefährlichkeit alkoholischer Unmäßigkeit schon unter normalen Verhältnissen. Man kan-n sich danach vorstellcn, wie verderblich die Wirkungen des Alkoholmißbrauchs unter den den Strapazen des 'Felddienstes ausgesetzten Soldaten sein müssen. Vielleicht findet hierin die auffallende Häufigkeit schwerer Herzerkrankungeu im Expeditionskorps ihre Erklärung.
Oberst v. Deimling hat zweifellos recht, wenn er sagt, daß die Kolonie nur vorwärts gebracht wer den kann b e i A b k e h r vom A! l k o h o l i s m u s. Diese Mahnung sollte daher auch von der Zivilbevölkerung beherzigt werden, die ja in höherem Maße als das Militär berufen ist, eine Kolonie wirtschaftlich und sozial zu entwickeln. Es wird leider im gesamten Deutsch-Afrika zu viel getrunken. Daher die beklagenswerten Ausschweifungen und Grausamkeiten, der schnelle Zusammenbruch der Nervenkraft, der „Tropenkoller". Die Weißen, Beamte eingeschlossen, gehen nicht selten bei Wein und Bier mit üblem Beispiel voran, die Eingeborenen folgen und fröhncn dem Branntweingenuß. Gewaltige Summen an Gesundheit, Arbeitskraft und Geld werden dadurch für koloniale Entwicklung unwirksam, und man darf sagen, daß der Alkoholismus einen kaum weniger großen Nachteil bedeutet, als die Wasserarmut für Südwestafrika, und der Sumpfreichtum für Kamerun. Das seit langem angestrebte, noch immer nicht erreichte internationale Abkommen über eine Erschwerung der Spirituosen-Einfuhr in Afrika würde sich zwar den deutschen Kolonien nützlich erweisen. Wichtiger aber erscheint, was auch Oberst v. Deimling fordert: die Selbstzucht der in den Schutzgebieten sich aufhaltenden Deutschen. Gegen mäßigen Alkoholgenuß dort wird kein Vernünftiger etwas einwcnden. Im Genuß entsagen, zeigt mehr den Mann, als dem Genuß entsagen, und Männer braucht Teutschland in seinen Kolonien dringender als je. Hoffen wir, daß sich die Symptome kolonialer Gesundung auch auf alkoholischem Gebiet be- merkbar machen.________________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Aug. An einem vom Kaiser noch zu bestimmenden Tage Ende d. M. findet im Zeughause die Nagelung und Weihe der Fahnen usw. des 6. Armeekorps statt. Tie Uebergabe dieser Fahnen an die Truppenteile findet gelegentlich der Parade des 6. Korps auf dem Gan-- dauer Platz bei Breslau durch den Kaiser statt.
Hamburg, 15. Aug. Im sozialdemokratischen Verein erklärte Paul Hoffmann, der Berliner Parteivorstand habe im Januar in Hamburg den Massenstreik als Demonstration gegen die Verschlechterung des Bürgerschaftswahlrechtes geplant und Bebel habe es bedauert, daß statt des Massenstreiks nur eine Protestversammlung am Nachmittag zustande gekommen sei.______________________
Deutsch-Afrikanisches.
Nach einem Telegramm des Gouvernements aus Daressalam vom 15. August meldet Major Johannes, daß in Upangwa (Landschaft im Nordosten des Nyassasccs) nur Kleinkrieg zu erwarten, und daß kein Grund zu Befürchtungen vorhanden sei. Er beläßt dort demnach Hauptmann von Kleist und kehrt selbst nach Daressalam zurück. Hauptmann von Schönberg meldet neue Ansammlungen von Aufständigen am Muhest und Lihowera, südwestlich von Liwale. Die rückkehrendcn Ossizierc sprachen die Vermutung aus, daß der Kleinkrieg im Süden des Schutzgebietes noch ein Jahr dauern könne.________ _______________________
Eine Schlacht in Arabien.
London, 15. Aug. Der Daily Mail wird aus Aden mber einen verzweifelten Kampf berichtet, der zwischen Ein- ^geborenen und den Truppen des tollen Mullah statt- ,gefunden hat. Der Neffe des Sultans, Osman Mohamed, .verlor viele Streitkräfte. Es fielen auf ihrer Seite 9 Blutsverwandte des Sultans und 7 00 Krieger. Nach längeren ‘Mutigen Kämpfen wurde der Mullah unter schwerem Verluste Lurückgeschlagen. Ein britischer Kreuzer wurde nach den abessinischen Häsen entsendet, um den Unruhen zu steuern.
Sie ^Läge in Rußland.
Die Regierung arbeitet ein neues Wahlgesetz ans. In den Städten soll direkt und auf dem Lande mittelst Wahlmännern gewählt werden. Der bisherige Sitzungssaal der Reichsduma wird derart erweitert, daß darin 860 Abgeordnete Platz haben.
Tas Hauptaugenmerk der Behörde ist zurzeit nach offiziöser Versicherung auf eine befriedigende Erledigung der Agrarfrage gerichtet. Im Ministerrat ist ein Gesetzentwurf eingegangen bezüglich der Aufhebung des bisherigen Verhältnisses der Bauern zu den iGrundbesitzern. Die Durchführung der geplanten Maßnahmen verzögert sich durch die gegenwärtige Sachlage.
In Petersburg ist die Zeitung „Dwadzatji Wek" suspendiert worden. Auch in der Provinz werden unausgesetzt .-revolutionäre Blätter unterdrückt, dagegen wurde dem Prozessor Kowalewski (Kadett) die Herausgabe einer neuen ^Zeitung „Strana" gestattet.
Im Warschauer Distrikt wurden von den Revolutionären im Juli 9 9 Morde begangen; die Anzahl der Verwundeten betrug 136 und die der begangenen Einbrüche und Räubereien 183, darunter namentlich solche an Wodkaläden.
In Warschau wurden in verschiedenen Straßen wieder Mordanschläge gegen Polizeibcamte verübt. Es sollen 20 Mordtaten zur Meldung gebracht worden sein. In Wlodlawsk sind Polizeimcister Minnowicz und der
LandcZ-Polizcih allptin ann Pietroro cr'mördet worden. w
In das Polizeiamt des 7. Bezirks zu Warschau wurden am Mittwoch zwei Bomben geworfen. Das Lokal wurde völlig zerstört und 20 Personen verletzt. Ein starkes Militär-Aufgebot durchstreift die Straßen und hält alle Passanten an. Alle öffentlichen Lokale sollen um 9 Uhr geschlossen werden.
In Lodz wurden am Mittwoch im 3. Polizcibezirk zwei Bomben geworfen, durch die ein Gebäude in Flammen geriet. Das herbeigeeilte Militär gab verschiedene Salven ab. Viele Personen wurden getötet und viele vcr- w u n d e t.
Nachrichten aus Sosnowice zufolge ist auf der Weichscl- bahn unweit Garbatka der von Radom kommende Personenzug entgleist. Mehrere Wagen stürzten den Damm hinunter, drei Passagiere und in ehrcre Zugbeamte wurden getötet, mehr als 20 sind größtenteils schwer verletzt.
Die „Ruff. Korresp." erhielt folgendes Tclegrannn: Die Untersuchung über Bjelostok unter Stolypin verläuft nach dem Vorbilde Kischinews unter Plehwe. Ter Verwundete Lunsky erklärte dem Untersuchungsrichter Bobitko, daß er mit schweren Schädclwunden den Obersten Schröter auf dem Bahnhöfe um Schutz gebeten habe, dieser ihn aber mit gezogenem Säbel zu den Verfolgern zurückjagte. Der Untersuchungsrichter verweigerte die Aus- nahme dieser Erklärung ins Protokoll. Lunsky ging wegen einer Remedur zum Bezirksgericht Grodne. Dagegen wird der jüdische Soldat Gussiatsky verfolgt, da seine Verteidigung bedrohter Ausgeplünderter mit dem Revolver gegen die Hooligans als Bedrohung christlicher Arbeiter qualifiziert ivird.
In Li bau sind neue Unruhen ausgcbrochcn. In der Stadt herrscht die größte Panik. Auf wehrlose Greise und Frauen wird von Mitgliedern der schwarzen Bande geschossen. Die meisten Terroristen durchziehen räubernd die Straßen, dringen in die Kaufläden, zerstören die Waren und demolieren die Häuser. Meuternde Soldaten wendeten sich gegen die Terroristen und ermordeten viele von ihnen. Die Polizei und die Behörden sind machtlos und fordern von Petersburg Hilfskräfte.
Von amtlicher Stelle wird erklärt, daß Haussuchungen in Moskau zu äußerst wichtigen Ergebnissen geführt hätten. Man habe eine in großem Stile eingerichtete Bombenfabrik mit einer Eisengießerei, ferner Zentner von Dynamit und Pulver, zwei Geschütze, ein sehr großes Waffen- und Munitionslager, Festungspläne sowie eine angeblich lückenlose Namenliste sämtlicher terroristischer Organisationen gefunden. Noch wichtiger seien die dort vorgefundenen Akten des sogenannten Militär bundes, die eine ausgebreitete Verschwörung innerhalb der Armee mit zahlreichen Offizieren ergeben haben. Aufsehen erregende Verhaftungen seien unmittelbar bevorstehend.
In dem Torfe Iwanowka versuchten Bauern wegen Beteiligung an den Agrarunruhen verhaftete Personen zu befreien. Kosaken waren gezwungen, zu feuern. Fünf Bauern wurden getötet und zwei verwundet. Aus vielen Orten werden neue Bauernunruhen fortgesetzt gemeldet.
Der Petersb. „Reichsbote" meldet über die Lage im Kaukasus: Infolge der andauernden revolutionären Bewegung, zahlreicher räuberischer Ueberfälle und blutiger Zusammenstöße zwischen den verschiedenen Nationalitäten befindet sich der ganze Kaukasus mit Ausnahme einzelner Kreise im Kriegszustände. Besonders ernsten Charakter nahmen in der letzten Zeit die Ereignisse in den Kreisen Schuscha und Sangesur an, wo zahlreiche bewaffnete Banden Truppenabteilungen offen angriffen. Die Bewegung im Kaukasus trägt einen revolutionären Charakter wie in ben übrigen Gouvernements des Reiches, im östlichen Kaukasus jedoch sind Zusammenstöße zwischen Tataren und Armeniern aus Nationalitätenhaß erfolgt. In einem Teil der mohammedanischen Bevölkerung macht sich ein räuberisches Wesen bemerkbar, das jedoch schwerlich als Wirkung einer panislamitischen Propaganda oder eines Aufrufs zum heiligen Krieg gegen die Christen zu betrachten ist. In der grusinischen Bevölkerung der Gouvernements Tiflis und Kutais ist eine große Empfänglichkeit für sozialistische Lehren vorhanden. In der letzten Zeit haben sich die Unruhen unter der Fabrikbevöl- kerung von Baku, Tiflis und im Naphtbagebiet verschärft.
Ans Stadt utiw £itno.
Gießen, den 16. August.
"Der Bericht der Ortskrankenkasse Gießen für das abgelanfcne Jahr ist in mehr wie einer Beziehung interessant. Die Kasse blickt auf das Jahr 1905 als ein üheraus ungünstiges Geschäftsjahr zurück, brachte es doch seit einer langen Reihe von Jahren das erste Mal ein Defizit von 3572.23 Mk. Der Grund dafür lag in dem ungewöhnlich hohen Krankenstand unter den Mitgliedern der Kasse (Influenza-Epidemie). Allein an Krankengeld wurden im ersten Quartal 1905 gegen den gleichen Zeitraum in 1904 12 000 M k. mehr aus gegeben. Dieser Ausfall konnte im Laufe des Jahres nicht mehr eingeholt werden; im Gegenteil, er erhöhte sich noch, sodaß im ganzen in 1905 allein an Krankengeld eine Mehrausgabe von 17 422.41 Mk. entstand, denen allerdings auch eine Mehreinnahme an Beiträgen in Höhe von 11862.89 Mk. gegenüber steht. Der Bericht konstatiert, daß nach dem Stande der Einnahmen und Ausgaben des ersten Quartals in 1906 die Kasse um 8000 Mk. günstiger abschließt als im Vorjahre während dieses Zeitraums. Die Kasse hat trotz des ungünstigen Ergebnisses in 1905 doch recht vorteihaft gearbeitet; sie erhebt nur 3 Proz. an Beiträgen, hat eine gut ausgebaute Familien-Versicherung ohne Zusatzbeitrag, während andere Kassen 31/2 bis 4 Proz. erheben, ohne dabei eine Familien-Versicherung eingeführt zu haben. Es ist begreiflich und nach Lage der Verhältnisse nicht anders zu erwarten, daß an die Ortskrankenkassen nicht nur von den Aerzteu, sondern auch von deren Mitgliedern, von den Krankenhäusern und von den Kassenbeamten erhöhte Ansprüche gestellt werden, und da ist ein Abschluß, der gegen die gehegten Erwartungen einmal zurückbleibt, unausbleiblich, wie dies der Vorstand der Ortskrankenkasse in seinem Bericht ausführt. Der Reservefonds der Kasse beträgt 134 352.85 Mk., hat, da er gesetzlicher Vorschrift gemäß 120 619.92 Mk. betragen muß, diesen Mindcstbetrag um 14 332.93 Mk. überschritten. — Der durchschnittliche Mitgliederbestand der Kasse ist von 5299
auf 5681 gestiegen, weist also einen Zuwachs 382 Mitgliedern auf, obgleich in 1905 die Unternehmer-Firma Winn der Kasse durch Errichtung einer Betriebskrankenkasse 300 Mitglieder entzog. Die Einnahine der Kaffe in 1905 betrug, 174 539,64 Mk., darunter Mitgliederbeiträge in Höhe von 136 851,81 Mk. (24,09 pro Kopf). An Ausgaben waren zu leisten 157186,21 Mk. Es wurden bezahlt für Aerzte- houorare 27 087,52 Mk. (5,05), Arznei und Heilmittel 14 574,76 Mk. (2,60), Krankengeld an die Mitglieder 79 182,91 Mk. (13,94), Wöchnerinnen-Unterstützung 1928,60 Mk. (0,34), Sterbegelder an Mitglieder und deren Angehörige 4743,25 Mk. (0,83), Kur- und Verpflegungskosten 6999,57 Mk. (1,23) usw. Die VerwaltungSkosten der Kasse betrugen in 1905: persönliche 16 618,65 Mk. (1,98), sachliche 2113,93 Mk. (0,37). Die in Klammern gestellten Zahlen sind die bezügl. Betrage pro Kopf des Mitgliedes.
"* Ein sehr bedauerlicher Unfall ereignete sich gestern auf dem Gießener Braunstein berg werk. Drei ausländische Arbeiter, Kroaten, arbeiteten im Tagebau an einer etwa drei Meter hohen Tonwand, um darunter befindliches Erz bloßzulegen. Nachdem der Stoß senkrecht bei- gehanen war, ließ der Aufseher in den unteren Teil desselben Bohrlöcher schlagen und entfernte sich, um Dynamit zum Abschießen dieser Löcher zu holen. Während seiner kurzen Abwesenheit ging einer der Leute, mit Namen Emil Ducic, ohne Beachtung der mehrmals vom Aufseher ausgesprochenen Warnung daran, den Stoß zu unterhauen, seine Kameraden fuhren unterdessen einen mit Ton beladenen Wagen fort. Dueie brachte in kurzer Zeit durch diese Arbeit den Tonstoß, der durch den starken und anhaltenden Regen der vergangenen Nacht sich schon gelockert hatte, ins Wanken und wurde durch plötzliches Zusammenbrechen desselben so schwer getroffen, daß seine mit dein inzwischen entleerten Wagen zurückkehrenden Kameraden ihn tot vorfanden.
” Die Bezirkssparkasse Gießen beabsichtigt dem, Vernehmen nach vom 1. Oktober an tägliche Kassetage einzuführen und zwar soll die Kasse von morgens 8—1 Uhr und von nachmittags 3—41/2 Uhr geöffnet sein. Außerdem wird tägliche Verzinsung der Einlagen zur Einftihrung kommen, wie auch in anderen Beziehungen im Interesse der Bezirksangehörigen mancherlei Verbesserungen herbeigeführt werden sollen. Diese Neuerungen dürften gewiß allerseits mit Freuden begrüßt werden.
'* An demVerbandschießen sämtlicher Schützen- v cre ine des Gaues Hessen uud Nassau, welches vom 12. bis 14. d. M. in Haiger abgehalten wurde, beteiligten sich auch einige Schützen des hiesigen Vereins und errangen folgende Preise: Feldfestscheibe Herborn 300 Meter: 1. Preis Rechtsanwalt C. Kaufmann 1 Besteck; 4. Preis Installateur Gg. Appel 1 Teppich. Standfestscheibe Biedenkopf 175 Meter: 1. Preis Kantinier H. Schmidt 1 Bowle; 2. Preis Installateur Gg. Appel 1 Kaiserbild; 6. Preis Rechtsanwalt C. Kaufmann 1 silb. Bowle. Auflegescheibe Hessen-Nassau 9. Preis Sattlermeister A. Kilbinger 1 Teppich. Sämtliche Preise sind im Schaufenster des Herrn Blödner ausgestellt.
x Allertshausen, 15. Ang. In unserer Gemeinde wird gegenwärtig der Ban einer neuen Kirche auf» geführt, da die alte nicht mehr reparaturfähig war. Der Bau kostet 13 000 Mk. Hierzu giebt das Oberkonsistorium aus dem Zentral-Kirchensonds 2000 Mk. Durch sonstige Zuwendungen kommen noch ungefähr 1000 Mk. zusammen, so daß von der Gemeinde 10 000 Mk. aufzubringen sind. Nun ist die Gemeinde klein und wenig steuerkräftig. Sie zählt 260 Seelen. Der Kirchenbau bedeutet für sie eine jährliche Ausgabe von ca. 400 Mk. zur Verzinsung jund lang-- sanier Tilgung der Bauschuld. Dadurch ivird die Kommun al steuer, die jetzt 157 Proz. beträgt, um weitere 28 Proz., auf 18 5 Proz., erhöht. Um der opfermütigen Gemeinde, die von sich aus feinen Versuch gemacht hat, die Mildtätigkeit anderer in Anspruch zu nehmen, an ihrem Kirchenbau zu Helsen, werden z. Zt. im Dekanate Grünberg Gaben gesammelt imd auch gern gegeben.
§ Büdingen, 15. Aug. In den Schulen unseres Kreises ivird durch Herrn Schulrat Scherer anstelle des Zeichnens das Modellieren aus weichem Ton mit großem Erfolge eingeführt. Körper, Pflanzen, Früchte u. dgl. werden ans Ton geformt, getrocknet und dann mit Farben und zuletzt mit Lack überzogen. Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher Geschicklichkeit manche Kinder Modelle unfertigem Sie erregen den ungeteilten Beifall der Lehrerschaft, aber auch jedes anderen Beurteilers. Dem schönen neuen, eigenartigen Unterrichtszweig ist größte Verbreitung zu wünschen.
? Vom Vogelsberg, 15. Ang. Eigentümliche Verhältnisse herrschen auf dem Lande in den Fleischprcisen. Während man in der Wetteran das Pfund Schweinefleisch für 74 Pfg. erhält, bezahlt man hier mancherorts 80 Psg. Das Rindfleisch kostet pro Pfund 78 Psg., ein Preis, für den man auch in Frankfurt a. M. dasselbe kaust.
Worms, 15. Ang. Die vereinigten Gewerkschaften veranstalteten eine öffentliche Protest Versammlung der organisierten Arbeiter, um Stellung zu nehmen gegen das Verhalten der Bürgermeisterei, die auf eine im November vor. Js. eingereichte Eingabe, betr. Einführung deS Proport i o n a l w a h l s y st e m S bei den GewerbegerichtS- wahlen, noch nicht geantwortet habe. Es wurde eine Resolution angenommen. In derselben Versammlung teilte der Vorsitzende mit, daß demnächst eine Protestversammlung der Wormser Gewerkschaften stattfinden werde, um Stellung gegen die Bierpreiserhöhung zu nehmen.
-o- Frankfurt, 15. Aug. Die Masseuse Margarete Heine und ihre Tochter wurden verhaftet, weil sie verdächtig sind, Mädchenhandel nach Argentinien getrieben zu haben. — Ein Metzgerbursche stieß mit seinem Fahrrad gegen ein Automobil und geriet unter dieses. Er erlitt nicht unerhebliche Verletzungen und wurde ins städtische Krankenhaus gebracht. — Zum Sicherheitsdienst nach Homburg sind während der Denkmals-Einweihung 110 Schutzleute kommandiert. — Die Bahnhofswirte im Eisenbahn-Direktionsbezirk sind angciviesen worden, während der Zeit vom 1. April bis 1. Oktober jeden Jahres künstliches Selterwasser zum Preise von 5 Pfg. für ein 0,2 Liter enthaltendes Glas dem reisenden Publiknin abzulassen. Auch auf den Bahnsteigen soll künstliches Selterwasser zu diesem Preise zu haben sein.


