Ausgabe 
14.4.1906 Zweites Blatt
 
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ftcitagSgenuß bereitete der hiesige Musikverein heute abend den zahlreichen Kirchenmusikfreunden durch die Aufführung von Joh. Seb. Bachs gewaltiger Matthäus-Passion, die unter Mitwirkung hervorragender Solokräfte in der Stadt­kirche zu Gehör gebracht wurde. DaS Konzert stand unter Leitung des Herrn Hofkapellmeisters, Hofrat de Haan, das Doppelorchester stellte die Großh. Hofkapelle und als Solisten machten sich die Konzertsängerinnen Frl. Marta Stapelfeldt- Hamburg und Frau Alide Lütkemann-Amsterdam, ferner die Herren Konzertsänger Albert Jungblut-Berlin und TomaS Tenps-Rotterdam verdient. Auch der Großherzog und die Großherzogin, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, sowie die prinzlich battenbergischen und die fürstlich Erbach- Schönbergschen Herrschaften wohnten der Aufführung bei.

Vernaschtes.

Ein niedliches Geschenk hat der deutsche Kaiser nach einem Bericht deSNew-Pork Herold" den beiden kleinen Töchtern des amerikanischen Gesandten in Berlin, Eharle- magne Tower, gemacht. Als der Kaiser am Mittwoch voriger Woche bei dem Gesandten dinierte, flogen plötzlich die Türen des Empfangsalons weit auf, und auf der Schwelle erschien ein Lakai in des Kaisers Livree, der ein Kissen trug, auf dem in einem mit Seide ausgeschlagenen Körbchen der niedlichste kleine Terrier lag. Als der Kaiser den Diener sah, rief er die beiden Töchterchen des Gesandten zu sich und händigte ihnen das kleine Tierchen ein, indem er neckend sagte:Zieht ihn nur nicht zuviel an den Ohren, sonst fallen sie ab. Fritz <der Diener) wird Euch sagen, wie Ihr ihn pflegen, und was Jihr ihm zu essen geben müßt." Die Mädchen wußten sich vor Freude und Dankbarkeit kaum zu lassen. Der Kaiser war zu dem Geschenk durch den großen Schmerz der Mädchen veranlaßt worden, den ihnen der Tod eines Lieblingshündchens gemacht hatte.

Wie man für Geld den Adel erlangen kann. Einem Pastor aus Ostpreußen hat ein adliger Herr aus Rostow in Mecklenburg angeboten, er wolle ihn adoptieren und ihm dadurch das Recht verschaffen, seinen adligen Namen mit dem Zusatz seines bürgerlichen und das Wappen der adligen Familie zu führen. Es heißt in dem Briefe, in welchem dieses Angebot gemacht wird, dann weiter:Die Hauptsache ist uns: Wieviel würden Sie an mich zahlen für diese Gefälligkeit? DaS bleibt selbstverständlich diskret. Daß man bei solchen Sachen nicht lange handelt, ist Ehrensache, vielmehr geben Sie mir ihre äußerste Grenze an, und ich werde Ihnen sagen, ob ich damit zufrieden bin und davon abstehe. Mit 2000 Mk. wird der Adel überall bewertet. Wünschen Sie aber die Barons- oder Freiherrnwürde, dieselbe kostet mehr denn von einem anderen Herrn".

* Weibliche Apotheker. In der süddeutschen Apothekerzeitung lesen wir: In manchen Apothekerkreisen legt man großen Wert auf den Zuzug von jungen Fräulein zum Fach, weil man auf diese Weise glaubt, leichter Gehilfen, namentlich auf dem Lande, zu erhalten. Wir möchten davor warnen, darauf allzu große Hoffnungen zu bauen, denn so wie die Dinge liegen, wird angesichts der unumgänglichen Vorbedingungen zum Eintritt in den Beruf der Zuzug schwach bleiben. Andererseits wird selbst von den Führerinnen der Frauenbewegung eine Herabsetzung zu Gunsten der Frauen nicht gewünscht, weil sie begreiflicherweise auf dem Grund­sätze der gleichen Pflichten und Rechte bestehen. Auch der Apothekerstand hat sich jetzt in feiner Mehrheit gegen ein Personal zweiter Klasse, weiblich oder männlich, aus­gesprochen. Daß man bei Frauen auf einen höheren Prozent­satz des Abgangs vom Fache infolge Verehelichung zählen muß, hat die Erfahrung gelehrt. Vor ein paar Tagen hat in Stuttgart abermals eine junge Dame das Gehilfen- fegamen befanden. Von den sechs vor einigen Wochen Ge­prüften und mit gutem Erfolg in der Reifeprüfling Be­standenen des Stuttgarter Mädchen-Gymnasiums hat sich keine der Pharmazie zugewendet. Die Ergreifung des Apotheker­berufs kann namentlich Apothekertöchtern angeraten werden, die auf diese Weise ihren vielfach allein arbeitenden Vätern zur zuverlässigen Stütze werden können.

Die neuesten Inschriften au8 der Insel Delos, nämlich die, welche im Laufe des vergangenen Jahres von den Franzosen unter Dürrbachs Leitung gefunden wurden, belaufen sich etwa auf hundert Steine, von denen die meisten

kürzere oder längere Weihungen von Privatleuten enthalten. Aber auch ein Glanzstück ist gefunden, eine Inschrift, die unter einer Weihgabe stand, welche der Makedonenkönig Antigonos Doson nach seinem Siege über Kleomenes bei Sellasia in Delos weihte. Stolz meldet der Stein als Weihende den König Antigonos, die Makedonen und die Bundesgenossen, doch hat wohl keiner geahnt, daß dieser Sieg nur den Unter» ggng von Hellas vorbereiten sollte. Die meisten der wert­vollen neuen Texte werden im nächsten Hefte des französischen Bulletins" veröffentlicht werden.

* Kleine Tageschronik. In Heidelberg sind zwei Justizaktuare toegen Wuchers bei ausgedclynten Hypothekenvermitt- lungSgeschästen verhaftet worden. In den Nebengebäuden eines Hotels in Verona brach am 13. d. M. Feuer aus. Dem Freih. v. Brandenstein, ®enernlfetrctär des deutschm kaiserl. Auto- mobilllubs, verbrannte der Magen, au du sieben Hotelwagen wur­den durch Feuer zerstört. Das Automobil eines Amerikaners verbrannte teillveise. In Florenz stürzte G r ä f i n M o n- tignvso mit ihrem Fahrrade und erlitt einen^ Bein­bruch. Die behandelnden Aerzte erklären, daß der Heilungs- vrozeß mindestens einen Monat beanspruchen werde. In Amsterdam soll die neue Börse, die unlängst erbaut wurde, dem Einsturz nahe sein. Die Ingenieure hätten bei der Erbauung den schlammigen Untergrund nicht in Betracht gezogen. Der Direktor sür ösfentl. Bauten hat eine sofortige llnte'-snchi'ng e'Ngelellet.

Stendal, 13. April. Tie Frau des Gutsaufsehers Sollwedel in Kläden wurde am 1. Dez. des Nachts von einem Ein­brecher durch einen Axthieb getötet, während Soll­wedel und vier Kinder mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Der Verdacht, der sich später bestätigte, richtete sich sofort gegen einige polnische Saisonarbeiter, benen sich der Aufseher verhaßt gemacht hatte. Heute ronrbe nach breitägiger Verhandlung vor dem Schwurgericht Franz Tnszynski zum Tobe und 51t 15 Jahren Zuchthaus, Kowalczyk zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Valentin Tyszynski ivurbe freigesprochen. Krasniewsky und Zasina erhielten je 6 Atonale, Anbrnscack 3 Monate Gefängnis.

Hohensalza, 12. April. Das Kriegsgericht verurteilte den Bataillonsschreiber Sergeant Bärieke wegen Verkaufs von 183 alten Fechtgewehren an den Altwarenhändler Behrends und wegen Untersäflagung zu sechs Monateu Ge- fängnis und Degradation.

Givrge'-andt.

(Für den Inhalt der uiuei üuier Rubrik steh end en Artikel übernimmt die Nedattion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Eine S ub m iss iv usb l ü te des Ku n st ha n d w e r k s , die für weitere Kreise von Interesse sein dürfte, ergab fidy bei der Vergebung der. B i l d h a u e r a r b c i t e u für den Neubau der höheren Töchterschule. Wie man beut Bericht über die Stadt- verorbnetensitzung in Nr. 83 des' Gießener Anzeigers entnehmen kaiiii, waren von 5 Bewerbern Liierten cingelaufen über Be­schaffung von Modellen und Anssührnng von Steinbildhauer- arveiten, die getrennt vergeben werden sollten. Für diese Ar­beiten, die ziemlich umfangreich sind, hatte die Stadt ca. 13 000 Mart vorgesehen, und dam't den Wert richtig bemessen, so daß jid) mit der vorgesehenen Summe eine wirklich gute Arbeit aus- fnhren ließe. Angebote habeit einen Ansah von obiger Höhe allerdings überflüssig gemacht, wenn man bedenkt, daß die Modelle mit 986 Mark, die Steinausführung mit 1946 Mark an den Mann gebracht wurdet:, zusammen also 2932 Mark, nicht ganz so viel, wie eine Firma ans Frankfurt für die Mo­delle allein gefordert haben soll. Betrachtet man die Differenz gegen den Voranschlag, so steht man nur vor zwei Möglichkeiten. Entweder sind die beiden Arbeiten vott der Stadt zu hoch ein» geschäht, oder der an der Submission Beteiligte ist unfähig, die Arbeit zu taxieren. Da man aber weiß, daß die Stadt mit be­rufenen Persönlichkeiten, welcke sehr wohl eine derartige Arbeit zu beredyneit, verstehen, hinlänglich versehen ist, so muß man sich sagen, daß das Angebot des Bewerbers jeder gesunden ge- sdfästlichen Berechntrng entbehrt und geeignet erscheint, das An­sehen dieses Gewerbes zu fdyäbigcn. Zieht man in Betracht, daß bei einer derartigen Arbeit von der Stadt das Bestmöglichste ver­langt wird (was tv-tr and) ganz richtig finden), so muß man es als eine Unmöglichkeit bezeichnen, die Arbeit für den Betrag von 1946 'Mark ebenso ausführen zu toollen, wie die Stadt es in ihren Bedingungen bei einer Annahme von 10 000 Mark vorsieht. Entweder müssen sie in Wegfall kommen, dann braudyt man sie aber auch nicht erst aufzustellen, oder man wird sich schließlidy zu einer Nachbewilligung verstehen müssen. Wir empfänden das eine wie das andere insofern als ein großes Unrecht, als in beiden Fällen die Bewerber die Okeschädicssen wären, welche von vorn­herein bett Forderungen und Wünschen der Stadt Reckntung tragen, und dementsprechend ihre Offerten einreidyen. Daß die Stadt aerobe hierbei so überaus auf Ersparnisse Rücksicht nimmt, verwundert um so ntefyr, wenn man ins Auge faßt, baß cs sich nicht um eine bewegliche, fliegende Dekoration, sondern nn einem schönen Platze um ein bleibendes Stückchen Arbeit handelt, das eine dauernde Zierde der Stadt sein wird, und ihr zur Ehre gereicht.

Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst.

Vo, anHfichtlichc Witterung in Hessen für Sonntag, den 15. April 1906: Wieder aufheiternd und trocken. Vorübergehend kühler. Für die Feiertage trorfene heitere Witterung in Aussicht.

Näheres durch die Gießener Wetterkarte.

Kirchliche

Katholische Gemeinde.

Samstag, den 14. April:

Nachmittags um 5 Uhr und abends um 8 Uhr Gelegenheit zur heil. Beicht.

Sonntag, b c n 15. April 190 6. Ostersonntag.

Vormittags von 6 Uhr an: Gelegenheit zur heil. Beicht.

um 7 Uhr: Die erste heil. Messe, vor und in der­selben Austeilung der heil. Kommunion.

um 8 Uhr: Tie zweite heilige Messe.

um 9hx Uhr: Hochamt mit Predigt.

N a ch,rn i11ags um 6 Uhr: Letzte F a st e n p r e d i g t. S ch l u fe der F a st en p r ed i g t e n. Päpstlicher Segen.

Nachmittags um 5 Uhr und abends um 8 Uhr Gelegenheit zur heil. Beicht.

Montag, den 16. April.

O st e r m 0 n t a g.

Vormittags von 61/. Uhr an: Gelegenheit zur heil. Beicht.

um 7 Uhr: Die erste heil. Messe, vor und in derselben Allsteilung der heil. Kommunion.

Original-Drahtmel-ungen.

Paris, 14. April. Präsident Falliöres sandte dem König Viktor Emanuel ein Kondolenz-Telegramm anläßlich der Vesuv-Katastrophe. Auch der französische Ge­sandte drückte dem auswärtigen Amte die Sympathie der französischen Regierung au§.

Neapel, 14. April. Nach vorläufigen Feststellungen sind die Ernten für dieses Jahr im Umkreise von 15 Kilo­meter von der Lava zerstört. Eine ganze Reihe Ländereien ist für ein halbes Jahrhundert kulturunfähig. Der Schaden wird auf mehrere Millionen Lire geschätzt. Dte Truppen decken die Gebäude ab, welche einzustürzen drohen.

Neapel, 14. April. Der Befehlshaber der franzö­sischen Schiffsdivision hat 4 5 000 Francs als Unter­stützung für die Notleidenden überreicht. Bisher hat die Königin 40 000 Lire aus ihrer Privat-Schatulle und über 10 000 Lire, die aus öffentlichen Sammlungen stammen, unter die Notleidenden verteilt.

Baltimore, 14. April. Rußland hat 6, Deutsch- land 4 Unterseeboote nach dem System des Ingenieurs Lake, einem amerikanischen Patent, bestellt.

Telefonische Kursberichte

des Giessener Anzeigers, mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie, Giessen.

Frankfurter Börse. 12. April, 1.15 Uhr.

3^°/0 Reichsanleihe . . 100.30 3% do. . . 88.70

Konsols .... 100.30

3% do..... 88 70

3^°/0 Hessen.....99.90

8%% Oberhessen . . .. 4 96 Oesterr. Goldrente. . 100.40 4/8 % Oesterr. Silberrente 101.10 4% Ungar. Goldrente . . 97.70 4% Italien. Rente . . .

3% Portugiesen Serie T . 69.60 396 Portugiesen III 70.85 4%°(0 russ.Staatsanl. 1905 91.75 4%°'n japan. Staatsanleihe 95.50 4 % Conv. Türken von 1903 93.30 Türkenlose......147.20

4% Griech. Honopol-Anl. 54.50 4% äussere Argentinier .. 3°/0 Mexikaner . . .. 4H°/o Chinesen .... 98.50

Aktien:

Bochum Guss..... 249.00

Buderus E. W . ... 129.50 Tendenz: fest.

Elektriz. Lahmeyer . . 144.50 Elektriz. Schuckert . . . 132.90 Eschweiler Bergwerk . . 263.50 Gelsenkirchen Bergwerk . 228.86 Hamburg - Amerik. Paketf. 16».70 Harpener Bergwerk. . 219.50 Laurahtttte......249.2a

Nordd. Lloyd . . . 136.40

Obeischles. Eisen-Industrie 130 35 Berliner Handelsges . . l^.OO Darmstädter Bank . . 145.25 Deutsche Bank 240.80 Deutsch-Asiat. Bank . . 186.50 Diskonto-Kommandit. . . 189.50 Dresdner Bank . . . 162.40

Kreditaktien.....216.30

Baltimore- und Ohio-

Ei sent ahn . . 114.50

Gotthardbahn.....

Lombard. Eisenbahn . . 24.10

Oesterr. Staatsbahn . . . 147.70

Prince-Henri-Eisenbahn . 143.50

Berliner Börse, 12. April. Anfangskurse.

Canada E. B......174.10

Darmstädter Bank . . . 145.20

Deutsche Bank .....

Harpener Bergwerk Laurahütte . . Lombarden E. B.

Dortmunder Union C. . . 87.30 Nordd. Lloyd . . . .

Dresdner Bank . .. . .. Türkenlose . .

Tendenz: fest. Samstag bleibt die Börse geschlossen­

. 219.40

. 249.75

. 24.00

. 136.50

. 147.00

zialürzte geben als Ursackie körperliche Schwäche ^und baburch veranlaßtes rechtsseitiges Hcrübcrneigcn auf bie 'Schulbank an. Da ich aber bas Wachstum von beit Nerven abhängig sanb, halte ick in diesem Falle bie Sayulbank für gänzlich unschuldig. Viel­mehr halte ich hier die Stockschläge und grobe Seitenstöße für die Ursache. Tiefe werden einem Kinde von hinten mit der rechten Hand erteilt und fallen am schwersten auf die rechte Seite. Nur soviel kann ich zugebcn, daß ein gutgenährteS Kind durch sein Fleischpvlster gut gegen die Folgen solcher Züchtigungen geschützt ist. Angeborene abnorme Entwicklung von ÖHiebern bcz. Körperteilen hat natürlich mit dieser Art von Abhängigkeit des Wachstums von den Nerven nichts zu tun. Durch günzliäye Nicht­benutzung (z. B. ständiges Hochhalten eines Armes bei den indischen Fakiren) kommt es freilich auch zum Aufhören des Wachstums in einem Gliede, eben weil absolute Rüste auch der Tod für die Nerven ist. Mitunter ist aber eine selbständige Bewegung des Gliedes aus dem Grunde nicht möglich, weil eine Sehne zerrissen oder zerschnitten ist. Wie die Ernälyrung hängt also auch das Wachstum deS Körpers von den Nerven ab.

Da insbesondere geistige und leibliche Tätigkeit von den Nerven abhängen, ergibt sich für die Arbeit auch ein bemerkens­werter Zusammenhang mit der Verdauungstätigkeit. Auf Seite 626 der Enzyklopädie heißt es:Daß die Stoffwechselvorgänge in den Nerven lebhafte sind, geht aus der reichlichen Mut­gefäßversorgung ihrer Anhäufungen (Ganglien, graue Substanz des Gehirns und des Rückenmarks 1, sowie aus ihrer großen Empsindlichkeft gegen Erstickung und aus ihrer Ermüdbar­keit hervor." Es ermüdet nun freilich jede Tätigkeit die Nerven. Namentlich hat der erwachsene Mensch für gewöhnlich das Bestreben, den Vorrat an Nervenenergie nützlich zu ver­brauchen, wodurch dann eine Ermüdung eintritt. (Wie und wie schnell die zur Verrichtung der Arbeit nötigen Reize durch bie Nerven übertragen werden, wirb ja auch in der Psvchologie be- handelt.l Der Bolksmund sagt: Müde wie ein Drescher. Predi- gcr 11,12 heißt es: Des Bücherschreibetzs ist kein Enbe und viel Studieren macht den Leib müde. Hst die Arbeit nach Alter, Zeit, Ort und Art eine angemessene, 10 hält sie den Körper bis ins hohe Alter frisch und gesund. Wird sie gemieden ober über­trieben, so bewirkt bies beides das Gegenteil. In Irrsinn ver­fällt der zur Einsamkeit des Bagnos Verurteilte in seinen Fesseln. Die Enthaltung von körperlicher Bewegung und Tätigkeit macht auch den Körper gegen Krankheit und Siechtum webertzandsunfähig. Wie soll auch ber Magen für Ersatz zu sorgen nötig haben, wenn der ausgespeicherte Vorrat an Kraft nicht verbraucht wirb? Kör­perliche wie geistige lleberanstreugung, namentlich die unter un­gesunden Verhältnissen, sckäbigt bie Nerven schwer und legt bie Verbauungstätigkeit lahm. Schon wenn man gleich nach dem Essen die Arbeit fortsetzt, tritt bie Verdauung nicht in -tätigfeit.

Der Erwachsene spürt bas meist von selbst. An zwei Jagb- hunben würbe es versuchsweise festgestellt. Man fütterte beibe, ließ bann ben einen ruhen*) und den anderen jagen; dann erschoß man beide und es ergab sich, daß ber Hunb, der geruht hatte, alles verdaut hatte, ber onbere nichts. Wer es schätzen kann, in Ruh unb Frieben fein Essen zu verzehren, ber versteht auch ben alten Tor in der Ebba:Bevor ich auszog, ich in Ruh Hering unb Havermuß".

Infolge stäubiger körperlicher Ueberanstrengung ist so nach meiner Kenntnis bes Landes in mancher Bauernfamilie bie Schwindsucht eingerissen. In gesundheitlicher Hinsicht lebt sonst der eine Bauer wie der andere. Erst wenn die Verbrennung im Körper durch geringen Stosiwechsel eine mangelhafte wird, können die gefäl/rlichen Anaeroben wie Tuberkelbazillen im Körper be- stelyen und ihn alsbald durch ihre Stoffwechselprodukte ver­giften.

Auch bei Kindern hat man bislang mir Ermüdung durch geistige oder körperliche Tätigkeit in Betracht gezogen. , So Pro­zessor Dr. G. Anton (Graz) in seiner SchriftHeber geistige Er­müdung im gesunden und kranken Zustande." (Nach einem Vorträge in einer Tagung von Aerzten und Pädagogen (April 1900) im Verein der Aerzte Steiermarks Halle a. Verlag von Karl Marhold 1900. Preis 40 Pf.) Auch Ebbinghaus zieht bei seiner neuen (1897) Methode zur Prüfung geistiger Fähig­keiten ans ber Ermüdung wenigstens noch das Maß der Anforder­ungen in Betracht. Die Erscheinungen, deren Ursache lediglich starkes Wachstum ist, hielt man für nur vom liebertritt ins Jünglingsalter abhängig. Anstatt, die Anforderungen ztz be­schränken, verfiel man in ben verhängnisvollen Fehler, möglichst viel zu verlangen. Wer bann dabei mit seiner Gesundheit in die Brüche ging, von dem hieß cs: nun; so werden wir denn bie widerstaubsunfähigen Elemente los. Für bie Herren aus ber Schule Virchows gabs ja nur den Satz: omnis cellula e cellula freut omnis vivum ex ovo. Im übrigen ist bas Wachsen iine ckose negligeable. Doch als mir erst einmal bie Abhängigkeit bes Wachstums von ben Nerven klar geworben war, da lernte ich auch bald erkennen, wie umgekehrt die Nerven vom Wachstum abhängen. Ich will hier nicht bie Erfahrungen aus meiner Schulzeit in den Vordergrunb stellen, weil man von ihnen auch sagen könnte, baß nach dem vorigen Abschnitt bie erhöhten An- sorderungen bie Ursache seien. In Berlin ließ sich im vorigen Jahre der 2,38 Meter grotze russische Riefe Ä!achnow sehen. Es würbe von ihm als etwas Besonberem berichtet, er habe in der Zeit seines Wachstums viel geschlafen unb merkwürdig wenig gegessen. Das Wachsen wirft also auf bie Nerven ebenso lute

*) Die Verbauungstätigkeit verursacht auch Müdigkeit na­mentlich nach zu reichlichem Aeischgemtß.

unausgesetzte Arbeit. Zu starkes Wachstum hemmt also auch bic Verdauungstätihkeit, indem cs fast ganz alleine bte Nerven­kraft verbraucht unb die lebhaftesten Stoffwechselvorgänge sich, wie erwähnt, in ber Nachbarschaft ber Nervenanhäufungen ab­spielen. Wenn also bic Müdigkeiten, bie vom zeitweilig starken Wachstum und der Arbeit herrühren, sich addieren, bann hegt bie Grenze ber Ucbermitbung unb bic Gefahr dadurch verursachter Leiden*) besonders nahe. Denn auch bei Menschen, bte ein gesundes Wachstum bis 1,85 Meter durchmachen müssen, treten Müdigkeit und Mangel an Eßlust in die Erscheinung, »oenn das Wachstum zeitweilig relativ stark ist. Ick sage rclatw start, denn ein Mensch, der die absolute Größe von 1,80 Bieter erretdd hat, kann darum relativ ebenso langsam und beständig wre ein Tiger gewachsen sein. Solange ein Mensch nicht relativ wächst,' steht er sich schon in der Jugcttd nahezu wie enter, ber nicht mehr wächst. Bei denen, bic bei uns bis zum 20. ^ayre etwa 1,78 Meter groß werben, ist nun gewöhnlich bas ^ruhialn des 14. bis 16. Lebensjahres eine Zeit relativ starken Wachstums, daß sie bald früfycreit Bekannten aus ben Augen wachsen. Bts bahnt waren sie, bic bisher schon nickt wenig gewachsen tt>aren, besonders auf ber Volkssckyule die fähigsten Schüler; auf dem Gvmnasium kommen bei hohen Anforderungen ja in ber Haupt­sache am besten burck, bie am längsten tagsüber tätig hem können unb vom Wachsen wenig in Anspruch genommen werden. Die vielen Erfahrungen, bte in meiner Erinnerung gcbliepen finb ober bie ich noch neu gewonnen habe, kann ich hier nicht einzeln wiedergeben. Als notwendige Folge ber mir klar worbenen Abhängigkeit bes Wachstums von ben Nerven kam ick zu bem Satze, baß besonders zeitweilig starkes Wachstum den Körper auch sehr ermüdet und bie Verdauungstätigkeit hemmt. Auch von ber Fortbildungssckuljngend wäre ähnliches zu be- richten. Mit religiöser unb fvrtbüblicher Einwirkung unb allem möglichen Vereinswefen sucht man bic burdy gewerbliche llebet> arbeit in einen Zuftanb geistiger Ueberreiznng geratene.-jugenD auf guten Wegen zu erhalten. Man untergräbt ihre Wundheit nur noch mehr. Im Kirchhofsfrieden des Sieckstnms ntag ber t?taat immerhin die gefügigsten Untertanen wissen. Ich wusste aucn nicht, daß die in Nulye groß und stark lyerangewacksenen Burger eine Gefahr für den Staat bedeuten. Im Gegenteil, wenn in ben alten Volkssagen etwas von einem riesenstarken Manne er­zählt wird, bann wirb ausdrücklich versickert, daß der Mann bei seiner Stärke keine Gefahr für seine Mitmenschen gewesen sei: es gehöre mit zu dem Wesen großer und starker ~eute, friedlich und verträglich gegen ihre Mitmenschen zu sein.

*) Der Augen, ber Verbauungstätigkeit usw. der vevschieoeusterr von ben Nerven abhängigen Organe.