Ausgabe 
14.4.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 88

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt ffir den Kreis Gießen.

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THchetnt Sßttih mit AuSnahm« beS Sonntags.

MeSiebener KamtttendlStter- werden dem .HnxciflCT viermal wöchenckich beigelegt. Der taldvttf erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck and Verlag der Brühlffch» UnwersuLlSdruckeret. 8L Lang«.

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Tel. Nr. LI. Lelegr..Ldr.t An-eig« »Ufr*.

Deutscher Reich.

Berlin, 13. April. Der Kaiser sprach gestern im NeichskanzlerpalaiS vor, um sich nach dem Befinden deS Kanzlers zu erkundigen. Der Kaiser überreichte der Fürstin Bülow einen Blumenstrauß und ging mit ibr im Garten spazieren. Daß Professor v. Renvers bei der Behand­lung seines Patienten die größte Vorsicht beobachtet, erklärt sich daraus, daß der Ohnmachtsanfall des Kanzler? eine Folge teils der Influenza, teils von geistiger Ueberarbeitung ist. Bei der Influenza ist weitgehende Vorsicht geboten, und um die Folgen der Ueberarbeitung zu beseitigen, hält Profcsior v. Renvers Bettruhe im Verein mit völliger Befreiung von allen Geschäften am geeignetsten. Die Magenverstiminung, an welcher der Kanzler, als er im Reichstage unwohl wurde,

Das JugendwaHstum in seinem Zusammenhang mit Arbeit und Derven.

Von A. Wulfmeyer-Bonn.

(Nachdruck verboten.'

Daß bei den höheren organischen Lebewesen atfeST von den Nerven abhängt, ist bekannt. Der erwachsene Mensch erkennt bald, Wie seine körp.'rliche und geistige Tätigkeit mit den Nerven Zusammenhängen, besonders wenn er durch Schaden klug geworden ist Welche Stellung aber now für die Jugend das Wachstum in' diesem Zusammenhänge einnimmt, danach hat man s'.ch nur wenia gefragt, ohne den Zusammenhang voll und ganz zu er­soffen und physiologisch richtig klar legen zu können. Gewöhn­lich veraeffen die Leute bald, roie es ihnen oder ihren Kmdenr im Wachstum ergangen ist. Erkrankt em Kind m 1 einem Wachs­tum, ohne daß ihm nameicklick bei zeitweise starkem WackAum die nötige Nuhc gegönnt wäre, so wird selbst dann dem Kinde die Schuld gegeben. Der Arzt sagt, wenn er sich darüber verlauten

läßt: Das liegt in der Entwickelung, das ist nun einmal nicht zu vermeiden. Die Eltern schweigen sich darüber aus, datz nur garnicht ruchbar wird, welch ein vTiberstandsunfayigcs, schwächliches Kind in ihrer Familie auswächst.

Daß ein Kind gut wächst, ist ja in erster Lmie eine Frage der Ernährung. Hier kann man wohl sagen hören, daß einem zeitweise starken Wachstum dva) durch eine enssprechend vermehrte Nahruugszufuhr die Wage gehalten werden könne. Die tat, ack- Heben Verhältnisse liegen aber nicht so einfach. Man ist leicht geneigt, die Verdauung lediglich als eine Reihe von chemischen Vorgängen zu betrachten. Diese Vorgänge bedurien aber auch der Auslösung durch die Nerven und hängen daher von deren Zustande ab. Vor ungefähr zwei Jahren wurde dies von einem russischen Physiologen durch Vivisektionen nachgewiesen. Mit den Verdauungsorganen ist es also wie mit den Augen. Ein Auge verliert ja auch die Fähigkeit zu sehen, wenn man den Nerv, der zu ihm hinführt, durchschneidet.

Durch die Verdauungstätigkeit gewinnt der Mensch die Stoffe bez. die Kraft, die er zum Wachsen bez. Arbeiten gebraucht. Leider können nun die Verdauungsorgane eben wegen ihrer Abhängig­keit von den Nerven ihre Tätigkeit über eine gewisse Grenze hinaus nicht besorgen. .Wie sich später zeigen wird, ist diese Grenze besonders durch die Abhängigkeit der Nerven von der Arbeit und bei der Jugend auch vom Wachstum bestimmt. Dw auskömmliche Ernährung des Leibes ist selbstverständlich durch eine gesunde Verdauungstätigkeit bedingt, aber nicht allein, xenn cs war den Medizinern bislang schon eine noch offene F-rage, ob nicht die Nerven auch unabfMgig von gesunden Verlnmungs-- organen die Ernährung des Leibes bezw. der einzelnen xeue beherrschen. In der Eulenbuigifchen Enzyklopädie der medizini­schen Wissenschaft (Baud 1(> vom Jahre 1898) findet sich unter Nerven (physiologisch)" 'S. 618):Weniger gut als bei den Drüsen ist es bisher bei den übrigen Geweben gelungen, dem Begriff der trophischen Nerven eine sichere tatsächliche Unterlage zu geben, obgleich die Pathologie ihrer dringend bedarf^" vier spricht am eindringlichsten sür die Existenz tropischer Nerven" folgender Fall: Wird einer Katze ein bestimmter Nerv durch­schnitten, so tritt Haarausfall an der entsprechenden Stelle ein. Auf Seite 654 heißt cs:Zuweilen kann auch ein Nerv subkutan zerrissen werden bei Luxationen."Solche Verletzungen heilen fast ausschließlich mit schwerer Funktionsstörung der ganzen Ex­tremität." Ich habe nun viele Fälle kennen gelernt,'in denen nach solchen Unglücksfällen aucb Aushören des Wachstums in den betroffenen Gliedern bez. Körperteilen stattfand. In drei Fällen handelte es sich um ein Bein, in einem Falle um die obere Hälfte d:s Rückgrates. Eine eigenartige Erscheinung ist in dieser Hinsicht die sogenannte Schulskoliose. Daß Kinder, die für ihr Alter zu lange still sitzen müssen, ebenso wie früher die Gefangenen, Rückgratverkrümmungen davontragen, ist leicht zu begreifen. Lei der Schulsioliose ist dagegen die ganze rechte hintere Seite des Rumpfes im Wachstum stehen geblieben. >spe-

Seiner Majestät des Kaisers allerdings vorliegt etwas genaues hierüber aber noch nicht feststeht. Wenn der Besuch erfolgen sollte, würde e5 sich darum handeln, daß S. M. der Kaiser die Versuche, die von dem hiesigen Regi­ment über die Einführung eines neuen Exerzierreglements gemacht werden, in Augenschein nehmen will. Auch über den Zeitpunkt deS event. Besuches ist noch nichts bestimmt.

LandeskommerS deS KSsener S. C. Am 5. Mai l. I. findet in Darmstadt im Saalbau ein LandeS- kymmers der Alten Herren des Kösener S. C. statt. Es handelt sich um ein Fest, das alle 1U Jahre in Darmstadt abgehalten wird und das die Alten Herren der Kösener EorpS aus ganz Hessen und den Nachbarländern zusammenführt. Die umfangreichen Vorbereitungen lassen einen schönen Ver­lauf der Veranstaltung erwarten. Für den 6. Mai sind Musik-Frühschoppen und nachmittags Ausflug mit Damen nach Auerbach vorgesehen. Einladungen zu dem Fest werden in Kürze ergehen.

** Stenographisches. Nach einer Mitteilung des! Großh. Ministeriums des Innern an die Großh. Hess. (25.) Division können zur informatorischen Beschäftig» ung auf der Ministerialkanzlei nur noch solche Unteroffiziere zugelassen werden, die den Nachweis er­bringen, daß sie nach dem System Gabelsberger ge­wannt zu stenographieren vermögen. Diese Bestimmung ist begriiiibct mit der im Geschästsbereickic des Ministeriums fortschreitenden Zunahme der Schreibarbeit und beweift wieder einmal, wie die Stenographie sich nach und nach iberaU da Eingang verschafft, wo die Schrecharbeit mit modernen Hilssmittsiln bewältigt werden muß.

-Mit dem Schlüsse deS letzten Schuljahre« ist ffir manchen Knaben die schöne Zeit vorbei, in der er mit gleich­alterigen Schulkameraden die freie Zeit beim Spiel verbannen konnte. Jetzt kommen die Lehrjahre, in denen der roeitaufl größte Teil dc-3 Tages in der Werkstatt, der Fabrik, der e>d)reibftube ober im Laden Angebracht werden muß. In dieser Zeit, die mit der Entwicklung des menschlichen Körpers so eng verbunden ist, ist es doppelt wichtig, das; die jungen Leute nach der meist «meingen Berufstätigkeit die Feierobendstunden richtig, d. h. ihrer Gesundheit dienlich ausnützen. Es ist deshalb eine sittliche Pflicht her Ellern und Lehrherren, dahin zu wirken, daß ihre Pflegebefohlenen durch körperliche Hebungen ihre Kraft und Gesundheit sich erhallen und stählen. Mögen alle den Satz beherzigen, dessen Richtigkeit schon im Altertum erkannt morden ist:Nur in einem gesunden Körper wohnt (in gesunder Geist'.* Die Gelegenheit, Körper und Geist zu stählen, bietet sich heute in allen der deutschen Turnerschast an- gehörigen Turnvereinen, die es übernommen haben, junge Leute im Alter von 1418 Jahren als Zöglinge auSzubiiden und fic so einmal an Zucht und Ordnung zu gewöhnen, zum anderen aber auch den gefährlichen Lockungen schlechter Gesellschatt »u ent­ziehen. Wir empfehlen daher den jungen Leuten sehr den Eintritt m die deutschen Turnvereine. (Siehe die Anzeige des Manner- Turnvereins im Anzeigenteil.)

-cd. Rod heim a. d. Bieber, 12. April. Unsere Gemeinde wird sich noch im Laufe dieses Sommers einer Wasserleitung erfreuen können. Die Arbeiten wurden in zwei getrennten Losen an die Firmen Schröder-Frankfurt und Steinmüller-Rodheim vergeben. An der Anlage beS Hoch­behälters in der Gemarkung Königsberg wird zurzeit rüstig gearbeitet.

Homburg, 14. April. Die Ankunft der*Kaisertn erfolgt 'am 20. April, vormittags 10.30 Uhr, direkt von Berlin, während der Kaiser am 17. Berlin verläßt, erst einen Abstecher nach Eisenach und Schlitz macht und am Samstag, den 21., mittags 12.40 Uhr hier eintreffen wird.

R.'ß. Darmstadt, 13. April. Einen erhebenden Kar-

Hcmäldeaustleüuug im Turmhaus am ZZrand.

Giesten, 14. April.

Die Ausstellung des Künstvereins darf diesmal auf be­sonderes Interesse Anspruch machen. Vor allem ist die Kollektion von Martin Brandenburg in Berlin weaen ihrer Eigenart und Reichhaltigkeit sehr sehenAvert. Brandenburg ist unter den neueren. Malern zweifellos einer der Bemerkenswertesten. Seine Künst bewegt sick fern von dem Getriebe des Alltags und doch mutcL sie uns bekannt an. Die Welt der Träume und Märchen ist es, die seine Kunst vor uns erstehen läßt, ähnlich wie Döcklin suchst er uns die Verbindung zwischen der Natur und beit Menschen in syim olisckxm, großangelegten und von tiefem Gedankenreichtum erfüllten Gemälden vor die Augen zu stellen. Schönheit, Seele, Liebe beißt das Dreigestirn, das er uns darstellt, und seine Bilder sind erfüllt von dem Suckln nach der etmrit Wahrheit, für die der grüblerische deutsckie Charakter so be­sonders empfänglich ist. Dabet ist er ein feinsinniger Beobachter der Natur und bei aller Mystik haben feine Bilder etwas Lebens­volles, Natürliches an sich. Die gesamte ausgestellte Kvllcktton ist hochinteressant und wird dem Besckiauer manche Anregung geben und einen großen Genus; bieten.. Besonders erwähnt seien Buckwald",Waldessiille",Orpheus",Wolkenschatten", Das Erwachen der Träume" und dann die Krone des Ganzen Das hohe Lied". .

Anderen Charakter tragen die Bilder von Otto Gunther- Naumburg (Charlottenburg). Er bietet uns eine Reihe stimmungsvoller Gemälde und Aquarelle, vou hervorragender Technik, die deö Künstlers seinen Sinn ffir die Sckwnheiten der Natur erkennen lassen.Sommertag int Südharz" ist ein farben­sattes prächtiges Bild, das 'der Natur sehr glücklich abgelauscht ist. Die Schönheiten unseres heimischen Waldes smd treffend toicbergegeben in dem Bildeaus deutschem Walde" uud auck Am Wiesenrand" ist ein stimmungsvolles Naturbild. Den ganzen eigenartigen Charakter der Alpenwelt zeigt uns das BildTrawi in Tirol" und auch unter den Aquarellen finden wir eine Reihe hübsck.r Landschaften aus Tirol. Mehr noch werden allerdings bi.- Besucher die hübschen Ansichten aus unserer Gegend inter­essieren, zumal sie Vergleiche mit der Wirklichkeit ermöglichen. Wir finden u. n. das malerischeWeilburg", den ^ckloßturm dort,Wetzlar" undKloster Arnsburg", ^ic zeigen die Schönheiten unserer Gegend in schönster Wesse und find ganz dazu angetan, ihr neue Freunde zu werben. Aber auch gaiiz abgesehen von dem lokalen Interesse sind die Bilder, wie auch die übrigen, unter denen noch dasRatbausportal m Rothen­burg" besonders genannt fei, von großem Werte

Die Well der kleinen Leute zeigt uns H. B a l u j ch e ck (Berlin) in einer Reihe charakteristisckLr Gemälde, die in fickten Farben gehalten sind und mit vielem Sinn für gesunden Humor mitten inJ volle Leben hineingreifen. Bilder vou der Landstraße (Tip­

pelschicksen",Böhmakeu" usw.), von großstädtischen Tanzjalen und Vergnügungslokalen (Tanzmädckxn",Man ete petete") und aus der Welt der Arbeit ivechseln mit hübschen Landschaitsbildein, aber alle lassen das vielseitige Talent des Künstlers erkennen. Prächtig ist namentlich das große BildKohlensucher".

Eine recht sehenswerte Bilderserie bietet auck K- Geist (Darmstadt) und zwar Genrebilder, Landschaften und Stimm-- ungsbilder, die mit Fleiß gemalt sind und eine gute Beobaeytungs- gabe des jungen Künstlers, der in Karlsruhe studierte, verraten. Besonders sei das farbensattcBrunnental bet Grünberg er- wähnt. . _. , . ,

Einige hervorragende Portrats find von H. Schmicken (Charlottenburg ausgestellt, von denen das BildDie Versuch­ung" künstlerisch am höchsten sielst und unstreitig zu den inter- essantesten Bildern der gegenwärtigen Ausstellung gehört. Auch ein einheimischer Künstler, W. Barthel, ist mit zwei Land­schaftenSommertag" undDörfchen am Neckar" reckst gut ver­treten. Beide Bilder sind mit Fleiß gemalt und in der Farben­gebung reckt natürlich toiebergegeben. .

-non den übrigen Ausstellern sind namentlich noch Rudi- sühli (Basefi und .Hotz ,Düsseldorf) gut vertteten.

Auch einige Plast iscke Arbeiten von MaYer - PYritz (Heg­litz) verdienen Erwähnung. E. H.

Der n eue Frankfurter Ober regiseur Dr. Karl Heine vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (früher Setter eines in Leivssa begründeten und die deutschen Großckädte bereitenden vortrefflichen Jbien-Enfenibles. D. Red.) ist an Stelle des Oberregisseurs W. Quincke zum Oberregisseur am Schauspiel- hause in Frankfurt a. M. ernannt worden.

politische Tagesschau.

Eine besondere Art von Vertrauenspersonen.

Jüngst ist von derBresl. Ztg." sestgestellt worden, daß der sozialdemokratische Gemeindearbei­terverband in Breslau sich nicht scheute, an die Spitze der Abordnung, die mit dem Oberbürgermeister Bender verhandeln sollte, einen Mann zu stellen, der bereits mehr­fach wegen Diebstahls zu Gefängnisstrafen ver­urteilt worden war. DerFabrik- und $>anbaTb eiter", das Organ des Hirsch-Tnnckerschen Gewcrkvcreins der deutschen Fabrik- und Handarbeiter, kann mit einem zweiten ähn­lichen Fall aufwarten. Er erzählt:

Bei der letzten Stadtverordneten wähl in Burg wurde in der dritten Wählerabteilung von den Sozialdemokraten ein Mann als Kandidat auf­gestellt und auch allerdings mit einer äußerst geringen Mehrheit zum Stadtverordneten gewählt, der wegen Meineids eine dreijährige Zucht­hausstrafe verbüßt hat, und dem auch für die gleiche Zeitdauer die bürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen waren. Daß die Stadtverordnetenversammlung die Zu­lassung diesesKollegen" ablehnte und dafür in der sozialdemokratischen Presse heftig angegriffen wurde, soll nur nebenher erwähnt werden; aber an beiden Beispielen zeigt sich deutlich, daß der Parteimantel jeden Makel deckt und alle Moralbegriffe ausschaltet. Die bestellenden Sittengesetze sind nur noch gut, um von der Sozialdemo­kratie gegen die bestehende Gesellschaftsordnung ange­wendet zu werden, für die Sozialdemokratie gelten sie ^Als Seitenstück hierzu berichtet das genannte Blatt dann lveiter:

,Ln Schönebeck streiken die Speicherarbeiter und es haben sich, wie das oft geschieht, auch Arbeitswillige ge­funden. Dazu schreibt dieMagdeb. Volksstimme:Nütz­liche Elemente. Was für nützliche Elemente es sind, die 20 Arbeitswilligen aus dem Speditionskontor, ist schon daraus zu ersehen, daß ein Teil davon schon mit Zucht­haus bestraft ist. Auch ihre Leistungen sind minder­wertiger, trotzdem sie einen höheren Lohn bekommen als die hiesigen Arbeiter."

In diesem Falle", so fügt derFabrik- und Hand­arbeiter" hinzu,macht die Zuchthausverganacnheit die Arbeitswilligen selbst zum Sacktragen zu schlecht, weil sie keineGenossen" sind. Ist aber der Zuchthäusler ein ziel- bewußter Genosse, dann ist er ein sebr nützliches Element, das zur Bekleidung städtischer Ehrenämter Wür­tz i g und befähigt ist. Und diese Partei, deren Moral einen doppelten Boden hat, wirft sich auf zur Verfechterin der Wahrheit, der Freiheit und der Menschenrechte!"

Zweites Blatt 156. Jahrgang Samstag 14. Slpri! 1606

Gietzener Anzeiger

ebenfalls litt, ist behoben. .Echo de PanS^ behauptet da- < gegen, von einem in Paris durchgereisten deutschen Diplomaten i erfahren zu haben, daß daZ Unwohlsein deS Fürsten Bulow i einem Blutandrange zum Gehirn zuzuschreiben sei. Die : völlige Wiederherstellung des Fürsten Bülow sei eine i Frage von langer Dauer. Selbst nach einem längeren , Urlaube werde e8 nicht möglich sein, daß Fürst Bülow t einen Posten weiter führen könne. (Vergl. auch die Polttische Tagesschau.) ... '

Eine interessante Ausklärung hat die gestrige Ver- [ sammlnng der Berliner Milchhändler gebracht. Ter Syndikus des Verbandes der Milchhändler, Rechtsanwalt Dr. Flatan, ( teilte mit, der Landwirtschaftsminister v. Podbielski < sei bis zum 1. April Milchlieferant deS Verbandes der Milchhändler gewesen. Er habe also der Milch- zentrale wohl sein Ohr und seinen Arm geliehen, fein Porte- monnaie aber nicht. ... 1

Diese wirtschaftliche Haltung des Heim v. Podbielski ift, fo j schreibt dieVoss. Ztg.", umso auffallender, als der Verband der Mckchbäudler die große Kampfgenoffenschast ist, die gegen die Zen- träte ins Leben gerufen wurde. Herr v. Podbielski ist ein tüchtiger O'fizier gewesen: als Staatssekretär des Reichspostamtä hat er sich als ein glücklicher Reformer erwiesen, und als Landwiitichafts- minifter hat er sich den Ruhm erworben, der entschlossenste Agrar­minister zu sein, den Preußen jemals gebabl habe. Trotzdem, so meint das genannte Blatt, dünlt uns, daß er in all diesen Aemtern seinen eigentlichen Beruf verfehlt habe: wir sind überzeugt, das; er als Kaufmann oder Bankdirektor ganz Außerordentliches geleistet haben würde."

Eme Eingabe an den Reichskanzler wegen Abänder­ung der kaiserlichen Verordnung betreffend die Hauptmängel und Gewährfristen beim Schlachtvieh hat der Deutsche Fleischerverband gerichtet unter Hinweis daraus, daß bei einem Verlust von 40 Millionen Mark, der jährlich durch Beanstandungen bei der Fleischbeschau entstehe, daö Fleischergewerbe über zwei Drittel der ganzen Viehwährschasl tragen muß, also von einer gerechten Verteilung der Lasten zwischen Landwirtschaft und Fleischergewerbe nicht die Rede sein könne. Die Eingabe begründet bann, wie die ?Allg. Fl.-Z.^ mittcilt, des Näheren die Notwendigkeit, diesRinder- finne, die Wassersucht, die Schweineseuche, den Rotlauf, die Blutvergiftungen, die Geschwülste, Entzündungen unb blutigen Durchtränkungen, sowie bie Geruchs- unb Geschmacksabweich­ungen unter bie Hauptmängel aufzunehmen. Würde die Hauptmängelliste nach diesem Vorschlag erweitert, so hätte die Landwirtschaft nach sorgfältiger Berechnung nur wenig mehr als die Hälfte des GesamtverliisteS zu tragen, welcher Anteil ihr billig zugemutet werden dürfe, wenn man sich überhaupt mit dem deutschrechtlichen Charakter der Vieh- währschaftsbestimmungen auszuföhnen vermöge.

Die Verständigung mit den Mainufec-Staaten wegen Fortführung der Main-Kanalisation von Offen­bach bis Aschaffenburg ist nunmehr soweit gefördert, daß bald nach Ostern dec Vertragsabschluß erfolgen wird. Ehe dann an bie Ausführung be§ Planes gegangen wirb, muß noch die Zustimmung der Einzellandtage eingeholt rnerben.

Aus uns tanOe

Gießen, ben 14. April.

** Kaiserbesuch in Gießen. Zu ben in aus­wärtigen Zeitungen hierüber verbreiteten Nachrichten können wir mitteilen, daß die Möglichkeit der Hierherkunfi