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16/08/1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Donnerstag 16. August 1906

Amis- und Anzeigeblaii für dm Kreis Gießen

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nationalen, das Vaterland verleugnenden

Presse einerseits

und dem die Massen mit Vernunft und Ruhe leitenden

Arbeiterführer, der das Veste seines Standes seiner .Genossen" auf gesetzlichem Wege zu

und der Familien erreichen trachtet,

der ist nicht nur in einem schweren Irrtum befangen, sondern der tut schweres Unrecht. Es gibt gar viele momentan zufriedene und momentan unzufriedene Arbeiter. Ist der Ausgleich hergestellt, d. h. sind die Arbeiter in der Haupt­sache zufrieden, dann sind sie vielfach auch kaisertreu und national, wenn auch freilich große Massen sich niemals zur Vernunft und Einsicht bringen lassen, weder von hüben noch von drüben angestellten wohlwollenden Versuchen.

156. Jahrgang

Abstinenz. Meister und Geselle haben feierlich das schön bemalte, mit dem glänzenden Deckel versehene Schoppen­glas zurückverlangt, das zur Ausödwahrung bei dem Wirte geblieben war, dem sie ihr Vertrauen und ihre Kunbschaft zugewendet hatten, und seit sechs Wochen verbringen sie ihre Abende im Kreise ihrer Familie; die Bürger, die zu ihren Mahlzeiten Bier in Flaschen tranken, greifen jetzt zum Apfelwein, von dem sie früher nur mit souveräner Verachtung gesprochen hatten. Man erzählt auch schon, daß verschiedene Gewerbetreibende und Fabrikanten Maßregeln getroffen haben, um ihren Arbeitern an Stelle des vom Proletariat w^ei !vom Bürgerstand, von der Armee und vom Adel boykottierten Bieres Selterswasser zu liefern, und sie geben ihren Angestellten die Flasche Selterswasser zum Preise von 3 Pfg. ab. Und dieses harmlose Getränk erfreut sich, wie man sagt, in diesen Hundslagen des vollen Beifalls der Arbeiterbevölkerung. Ebenso steht jetzt in Deutschland die Limonade in überraschend hoher Gunst. Auf einem Arbeiterseste in einer Industriestadt wurden jüngst 8000 Flaschen dieser unschuldigen Mixtur getrunken, Während der Absatz von Bier fast null war. So setzen denn auch die Temperenzlervercinc große Hoffnungen auf die jetzige Bewegung." Hoffentlich wird diese Kriegsschilderung den Franzosen ihr GläschenBock" nicht verleiden, aus dem auch der französische Staat ganz beträchtliche Zoll­erträge schöpft. Auch scheint uns, daß sich die Phantasie des Berichterstatters nach mehreren Richtungen hin zu weit versteigt. Es ist nicht anzunehmen, daß das Münchener Kindl, wenn es noch so berechtigten Anlaß zum Zorn hat, statt zum Maßkrug schließlich^ zur Flasche Limonade greift.

D a sE h e b r n ch s " d r a m a. Herr Eduard Picard, ein belgischer Mäcen, glaubt, wie hier berichtet worden ist, dem dramatischen Notstand durch eine Preiskonkurrenz ab­helfen zu können. In ihren Stoffen ist dem Dichter seines Landes die Wahl völlig freigestellt, nur an ein Thema dürfen sie nicht rühren, und das ist der Ehebruch. Die mo­ralischen Instinkte des Herrn Picard, seine Bestrebungen, die Sittlichkeit durch eine .einwandsfreie Theaterkunst zu heben.

Bezugspreis: monatlich 7bPf., viertel« jährlich 9)11. 2.20; durch Adholc- u. Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch dicPosl Mk.2. viertel- jährt. auöschl. Vestellg. Annahme von Anzeigen für die TageSnuimn« bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Ps*. auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Witlko- für »Stadt und Land" und »GerichtSsaal": Ernst Heß; für den An- oeißciüeil: HanS Beck.

Kaiser Wikhelm steht der deutschen Arbeiterschaft, steht vor allem dem inneren Wesen der Sozialdemokratie fremd gegenüber. Wir wissen nicht, ob seine Ratgeber selber die gleichen Ansichten über diese Bewegungen haben, oder ob sie keinen Einfluß auf das kaiserliche Urteil besitzen. Aber es wäre sehr zu begrüßen, wenn Kaiser Wilhelm sich ein­mal beim Staatssekretär Grasen Posadowsky Ausschluß über die Arbeiterbewegung holte. Freilich, Gras Posa­dowsky gehört nicht zu den Ratgebern des Kaisers; die sind zumeist in Kreisen zu suchen, die dem Leben des Volkes fern stehen. Es stünde manches anders, wollte Kaiser Wil­helm die militärische Schranke, die zwischen ihm und dem Volke steht, beseitigen.

Die in oder ne Arbeiterbewegung ist nicht ab­solut auf den Umsturz, nicht direkt gegen die Monarchien und nicht direkt gegen das Vaterland gerichtet. Die revolutionären Gebahrungen, die von sozialdemokratischer Seite leider vielfach für opportun er­achtet werden, sind nicht sonderlich ernst zu nehmen, da sie in erster Linie aus unreifen Köpfen entspringen und von reiferen Männern niedergehalten werden und den ernsteren Arbeiterführern nur zu AgitationSzwccken dienen. Gerade darum aber sind sie von der bürgerlichen Gesellschaft mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen, doch, wenn cs angeht, in Ruhe zn dämpfen, zumal sie schädlich und gefährlich in gleichem Maße für Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind schon im- Interesse des friedlichen Gedeihens der Industrie, die Millionen Brot zu geben vermag nur bei ruhiger Ent­wickelung. Wo aber der Drang nach wirtschaftlicher Besserstellung das einzige leitende Motiv im inner­politischen Kampfe ist, nicht wildes, maßloses, einsichtsloses Draufgängertum, das die realen Umstände im Industrie­betriebe mißachtet, da darf man von Staatsgcfahren und antinationaler Gesinnung nicht reden. Dieses Motiv ist menschlich berechtigt, sofern sich die Führer und die Massen in den rechten Grenzen bewegen und einsichtig genug sind zur Beurteilung der gesamten industriellen Lage und deren finanziellen Ergebnissen.

Wer jeden sozialdemokratischen Wähler für ein staats­gefährliches, durchaus unverbesserliches antinationales Subjekt ansieht, wer nicht Unterschiede macht zwischen dem ruhigen, zielbewußtenGenossen", der nur für sich und die Seinen materielle Besserstellung erstrebt, und dem Radaubruder, der wüst polternd gegen dieblöde Bourgeoisie" blind lostobt, weil sie auf seine Unkosten ganz allein ihre Profitchen ein­stecke und überhaupt in jeder Beziehung auf Rosen gebettet sei; wer keinen Unterschied macht zwischen dem gewissenlosen, hetzerischen Agitator und dec hetzerischen, wahrhaft anti-

sind nicht genug zu rühmen, aber, wie uns scheinen will,! kommt er einen Posttag zu spät. Ter Ehebruch ist nämlichj literarisch gar nicht mehrmodern". Ter heutige srauzös. Schwankdichter und die unabsehbare Zahl seiner deutschem Nachahmer spielen zwar mit der Eventualität des Ehebruchs^ und verstehen es, das Interesse des Zuschauers damit wach-c zuhalten, aber sie suchen nach Möglichkeit noch immer diei brutale Tat zu vermeiden. So sind die Tage des Ehebruchs dramas, das in den 50er Jahren auf dem französischem Boden seinen Anfang- genommen hat, tatsächlich gezählt. Tie modernen Franzosen, ein Brieux etwa, haben das längst eingesehen und sich aktuelleren Fragen, wie der Straf­rechtsreform, der Säuglingspflege usw. zugewendet. Was' die historische Seite der Frage betrifft, so nimmt das mo^ derne Ehebruchsdrama in den fünfziger Jahren seinen An-, fang 1858 erscheint Anglers'Mme Löwin", vielleicht daserstej moderne Ehebruchsdrama großen Stils. Später greift bann' der jüngere Dumas, der vorher sein Interesse ausschließlich der Temimonde zugeivandt hatte, dieses Thema auf und, verfaßt das Kriminaldrama derFall Clßmenceau". Jiv Francillon" hatte er bereits den Weg der neueren Autoren, die es vorziehen mit dem Ehebruch zu spielen, ohne ihn wirklich eintreten zu lassen, beschritten. Bei uns hat Lindau nicht wenig zur Verbreitung dieser wirkungsvollen Gattung beigetragen, aber es liegt in der beschränkten Natur dieses- Stoffgebietes, daß seine Möglichkeiten bald genug erschöpft sind. Tas Drama großen Stils hat das Ehebruchsproblem! in seiner krassen Form verhältnismäßig selten behandelt. An erster Stelle ist hier natürlich ShakespearesOthello" zu nennen, das bezeichnenderweise seine großartige Wirkung gerade dadurch ausübt, daß sich das Verbrechen yur in der Phantasie des Helden vollzieht. Die neuere Dramatik ist durchweg auf eine Verfeinerung und Vertiefung der Be» Ziehungen zwischen Mann und Weib ausgegangen.

Die einst unter dem Namen Friederike Goß- mann gefeierte Schauspielerin Gräfin Prokesch-Osten ift, im .Alter von 68 Jahren in Gmunden gestorben.

Nr. 191

Erscheint täglich armer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dein hessischen Landwirt die Gießener Familien- blätter viermal in der Woche beiqelegL

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brü h l'schen Univerf.-Buch-u. Stein- druckerei. R. Lange. Redaktion, Ervedition und Druckerei:

Schul st ratze 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exped.s^51 Adresse für Depeschen: Anzeiger Gictzen.

LeBierkrieg allemand.

ImJournal des Debats" macht ein Mitarbeiter den Franzosen Mitteilung von dem Ausbruche des Bierkrieges in Deutschland und klärt sie über dessen Ursachen und Wirkungen auf. Er sieht sehr düster in die Zukunft,denn der Deutsche, welcher sozialen Schicht er auch angehören mag, ist hartnäckig, und es ist sehr möglich, daß man sich auf beiden Seiten derart versteift, daß der Bierkrieg keines­wegs bald enden, sondern noch manche interessante Phasen durchlaufen wird". In der Tat handelt es sich dabei, wie der Bierkriegsberichterstatter des genannteil Blattes aus­führt, um nichts Geringes. Man wisse ja, welche Rolle die dem König Gambrinus teuere Flüssigkeit im Leben-der Deutschen spielt. Tas Bier sei das Vorzugsgetränk des Handwerkers, des Landmannes, Intellektuellen, des Offiziers, des Junkers, und wenn man darüber gestritten habe, ob der Alkohol ein Nahrungsmittel sei, so bestehe hierüber, soweit das deutsche Bier in Betracht kommt, auch nicht der Schatten eines Zweifels. Eine Erhöhung des Bierpreises habe die Deutschen nie gleichgültig gelassen. München habe aus so wichtigem Grunde wahre Aufstände gesehen. Zwar sei im deutschen Reichstage vom Regier­ungstische verkündet worden, daß die Erhöhung der Bier­steuer nicht den Verbraucher, sondern den Brauer und den Verkäufer treffen werde, allein nun stelle es sich trotzdem heraus, daß die neue Steuer in vollem Umfange auf den Verbraucher abgewälzt wird. In Leipzig und Hannover, in Frankfurt a. M. und in Halle, in Chemnitz und Zwickau sei der Biervreis erhöht worden. Zwar nur um einen Pfennig für das Glas, aberda der Deutsche nicht anders als in Gefäßen von einem halben Liter (Seidel) oder einem ganzen Liter (Maßkrug) das blonde oder braune Gebräu konsumiert, so macht sich unter dem neuen Steuerregime der Unterschied zwischen dem, was er bisher ausgab und nunmehr auszugeben genötigt wäre, schließlich doch rocht fühlbar". Dann heißt es Weiter in dem Berichte:Ter deutsche Verbraucher hat infolgedessen den Anstoß zu einer grpßen Protestbewegung gegeben. Seit dem 1. Jül.j übt ßr

?ie heutige Kummer umfaßt 8 Seiten.

Kaiser Wilhelm und die Arbeiterschaft.

Im Anschluß an seinen Besuch in den Werken der Frrnm Krupp hat Kaiser Wilhelm in einem Telegramm an oag Direktorium der Firma seiner Freude über die patrio- n)a)c und würdige Haltung der Arbeiterschaft, sowie seinem ^ank an die Arbeiterschaft für treue Betätigung ihrer guten Gesinnung Ausdruck gegeben. Sie war ihm ja auch vor­gestellt worden, Arbeiter-Gänger hatten ein paar Lieder vor dem Kaiser gesungen, und einer von ihnen, der die Ehmavenkmünze trug, wurde durch eine Ansprache und einen Händedruck ausgezeichnet. Jedenfalls haben die Ar­beiter auf den Kaiser einen ganz zufriedenen Eindruck gemacht, und er hält sie deshalb für loyal und patriotisch gesinnt im Gegensatz zu den Sozialdemokraten.

Wir haben vor kurzem die Wahrnehmung machen mujsen, daß Kaiser Wilhelm über die deutsche Presse nicht gut unterrichtet ist. Nun zeigt es sich auch, daß man ihn in Unkenntnis gelassen hat über die Gesinnung der deut­schen Arbeiterschaft, daß er den Zeitströmungen, die durch das^ deutsche Proletariat gehen, fern gegenübersteht. Für Kchser Wilhelm gibt es nur zwei Klassen von Arbeitern: die zufriedene, königstreue, warmherzige Patrioten sind, Spalier stehen und Hurra rufen, und dann die rote Garde, die dem Kaisertum und dem Reich und dem deutschen Vater­land feindlich gegenübersteht, den Umsturz alles Bestehen­den, die Revolution wünscht und unter Vormarsch und Leitung ihrer schlechten Führer herbeizusühren sucht. Es gibt für den Kaiser nur gute und böse Arbeiter daß die oppositionelle Bewegung unter dem Proletariat mit der Vaterlandsliebe und der Kaisertreue im Grunde nicht viel zu tun hat, das hat man dem kaiserlichen Herrn nicht erzählt. Und daß die soziawemokr. Bewegung nicht das Werk anarchistischer Burschen ist, das hat man dem kaiserlichen Herrn auch verschwiegen. Er weiß nichts von der in sich selbst begründeten Bewegung der Arbeiterschaft. Es ist be­dauerlich, daß der erste Mann im deutschen Reich gerade inbezug auf die wichtigsten Momente in unserer inneren Politik schlecht unterrichtet ist.

Es war in Breslau. Krupp, der Geheimrat, dem der Kaiser warme freundschaftliche Gefühle entgegenbrachte, war eben vom Schauplatz abgetreten, freiwillig, wie man sagt, weil seine Ehre durch sozialdemokratische Blätter schnöde verletzt worden war. Man hat den Vorgang im deutschen Reich aufrichtig bedauert, denn Geheimrat Krupp war ein edler Mensch und er hat für seine Arbeiter viel getan. Nun wurden dem Kaiser in Breslau kaisertreue Arbeiter vorgestellt und er hielt an sie die bekannte !An- sprache von den vergifteten Pfeilen. Er drückte den Ar­beitern die Hand und unterhielt sich insbesondere lange mit dem Führer dieser Arbeiterdeputation. Und sonderbar: gerade der Führer dieser Arb eit er de putativ n ist heute der Aufreizungzu mL andfriedensbruch angeklagt, er wird, der einzige an den letzten Breslauer Krawallen Beteiligte, als Rädelsführer vor die Geschwo­renen gestellt, werden! Hat der Mann seine Ueberzeugung im Laufe von zwei Jahren geändert und ist vom kaiser­treuen Arbeiter zum sozialdemokratischen Proletarier herabgesunken?

Die Unterscheidung zwischen kaiser- und vaterlands­treuen Arbeitern und sozialdemokratischen Proletariern ist falsch. Tie Arbeiterschaft von heute läßt sich nicht in dieser Weise rubrizieren und klassifizieren. Wie viele im Grunde vaterländisch gesinnte Arbeiter sind aus rein äußeren Grün­den zu der Partei gegangen, die ihnen für den Augenblick den meisten Erfolg verspricht!

Ier deutsche Merkrieg.

Man schreibt uns:

Daß trinkseste deutsche Mannen wütend werden können, wenn man ihnen das Bier entziehen will, ist keine neue Weisheit; eben wird wieder die Probe aufs Exempel ge=u macht. Durch die Sfr,aufteuer haben sich viele Brauereien veranlaßt gesehen, eine Erhöhung des Bierpreises eintreten zu lassen. Tie Absicht der Gesetzgeber, in erster Linie die. Großbrauereien zu belasten, mag ja wirklich vorhanden ge­wesen sein, aber was damals schon von vielen Leuten^ prophezeit worben war, ist schleunigst eingetreten: die Groß­brauereien benützen die Brausteuer zur Einheimsung eines! recht respektablen Profitchens, und die Kosten des Ver­fahrens trägt das Publikum. Nun machen Wirte dagegen! Front und drohen hie und da mit der Errichtung von Ge- nossenschastsbrauereien, nun macht auch das biertrinkende Publikum Front und droht hier oder dort mit Boykott! und mit Abstinenz.

Bei uns in Gießen bemühen sich die Wirte, vor einer: Erhöhung des Bierpreises die Gäste zu bewahren, und hoffen auf Erfolg ihrer Bemühungen, die noch nicht ganz zum'! Ende gekommen sind. Sie werden ja wohl auch zum er­wünschten Ziele gelangen. An anderen Orten aber zeigen die Großbrauereien sich in der Lage, den Kampf aufzu^! nehmen und durchzuführen. Die Wirte, besonders bie,! die Gelb von ben Großbrauereien haben, werden mürbe ge­macht, unb zur Errichtung ber Genossenschaftsbrauereien dürfte ba§ nötige Gelb fehlen.

Auf bie Steuerpolitik bes Reichstags unb bes Herrn! v. Stengel wirft diese Tatsache ein nichts weniger als! günstiges Licht. Alle Befürchtungen, bie man an bie Steuer-, resormarbeit knüpft, haben sich bewahrheitet, und man bei greift, baß man im Lanbe unzufrieben ist mit ber Ge-, jtaltung ber Dinge. Und unseren Gesetzgebern kann beyj Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie unbrauchbare Arbeit geleistet haben. Man erwartete im vergangenen Jahre ein« großzügige Reichsfinanzreform. Der Entwurf, den Herr v. Stengel brachte,'überraschte durch seine Dürftigkeit, aber) was der Reichstag aus dem Entwurf gemacht hat, das! ist schlimm. Es hätte sich ertragen lassen, Wenn man an=< gesichts der drückenden Finanzlage zu großen Mitteln ge«,1 griffen hätte, unb nach ber Rede, mit ber Fürst Bülows int vergangenen Herbst ben Reichstag eröffnete, mußte man bergleichen als Folge bereisernen Notwenbigkeit" er-^ warten. Statt beffeu hat man zu kleinen unb klein lichen? Mittelchen gegriffen, schikaniert bas Volk mit Verkehrsver-^ teuerungeii unb Lebensmittelverteuerung, unb erreicht babed weiter nichts, als daß die Kassen sich notdürftig etwasH füllen wenn es nicht, was auch noch möglich ist, anders kommt!

Man hätte gewiß räsonuiert, Wenn man dem deutschen) Volkesein" Bier um 10 Pfg. pro Liter verteuert Ijättej Gewiß auch Wäre bie Verteuerung bebauerlich gewesen unbi unangebracht, aber sie hätte einmal bie Kassen gefüllt unb) so ihren Zweck erreicht, sie hätte zum anbern ben Groß-^ brauereien bie Gelegenheit, bas Publikum zu schröpfen un» selbst Gewinne einzuheimsen, nicht gegeben, unb zum brittera wäre es für jeben guten Deutschen unb Patrioten ein er-, hebendes Gefühl gewesen, sich zur größeren Ehre unseres Heeres und zum weiteren Ausbau unserer Flotte ein Sonn-, tagsräuschen anzutrinken. So aber wird das Bier verteuert und zwar recht erheblich, unb niemanb hat im Grunbe! einen Nutzen bavon, als die Großbrauer. Man hat zu a((\ den widerlichen Mitteln, wie Fahrkartenbesteuerung, Er-, Höhung des Ortsportos und dergleichen greifen müssen, umi doch wenigstens auf dem Papier bie nötigen Summen zu-,

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger