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2.5.1906 Erstes Blatt
 
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Nr. 102

Erscheint täglich außer Sonntag-.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mir dem hessischen Landwirt die Siebener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'sehen Umoers.-Buch-u.Stein- druclerei. R. Sange. Redaktion, Grvebttura unb Druckerei:

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Redaktion 113

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Anzeiger Gießen.

Erstes Blatt

156. Jahrgang

Mittwoch 2. Mai 1906

Gießener Anzeiger

w General-Anzeiger & **

Amts- und Anzeigeblatt fiir den Kreis Gießen

yezugspret-r monatlich 7bPl^ viertel- jährlich Akk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Alk. 2. viertel- sährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige» für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenoreis: lokal 12 Pf^ ausivärts 20 Pig.

Verantwortlich für den poltL und allgem. Teil: P. Witt ko; fut Slndl unb Land" und -GerichtSsaal". Ernst Heß; für den Sin« zeigenteil: HanS ®cd.

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KLe heutige Dummer umfaßt 10 Seiten.

Aer Kaiser in Hießen.

Gießen, 2. Mai 1906.

Gestern kurz nach der Abreise Seiner Majestät ging uns von bestunterrichteter Seite ein Bericht zu, dem wir folgendes entnehmen:

Tas Regiment hat dem Kaiser vorsühren dürfen das Resultat ernster und schwieriger Arbeit der K o m m l s s i o n, die berujen war von Allerhöchster Stelle, um das Exerzierreglement für die Infanterie in neue Formen zu gießen. In jeder Weise hat das Regiment diese stolze Aufgabe auf das Beste und zur höchsten Zufriedenheit Seiner M a j e st a l des Kaisers erfüllt. Ewig unvergeßlich ,verden den: Regiment die Worte fein, die der Kaiser an die Bataillone richtete, m welchen er ihnen die ernsten und hohen Ziele vor Augeii führte, die sie anzustreben habeii, und ebenso unvergeßlich feni Abschledsgruß:Adieu Kameraden!"

Ziim Früh st ü ck vereint mit dem Ofstzierkorps und den Spitzen der Behörden, zeichnete Seine Majestät eine Anzahl der Offiziere, sowie den Provinzialdireklor Geheunerat B r e l d e r t und den Professor B i e r m e r durch eine längere Unterhaltung aus.

Ter Regimentskommandeur Oberst v. Lindenau hieß mit zu Herzen gehenden Worten Seine Maieslät m den altehrwürdigen Räumen des Offizier -Kasinos willkonimen und brachte den Tant der Sühne aus dem Vogelsberg, aus dem Büdinger Land, aus den Talern der Lahn und der Nidda dar, die stolz daraui waren, dem hohen Ehei zeigen zu dürfen, was Hessens Sohne im Rolle des Kaisers leisten. Sein Hoch galt dem Allerhöchsten Ehei des Regiments.

©eine Majestät antwortete in längerer Rede, in welcher er dem Regiment seine volle Anerlennung für die Hingabe an den Dienst ausjvrach und besonders hervorhob, daß das Regiment das neue Exerzier- Reglement aus der Lause gehoben habe".

Tie unvergeßlichen Worte Sr. Majestät klangen aus in dem Wunsche:

Das Regiment möge bleiben: Der Stolz feines Ehefs, die Freude feines Landesherrn und der Schrecken des Feindes!"

Tie leider nur wenigen Stunden im Kreise des Ofstzierkorps verliefen m anregendster Weise und viel zu früh schlug die Scheideslunde.

Die Worte, die der Rektor der LandeSuniversität Geh. Hosrat Professor Dr. Behaghel zur Begrüßung Sr. Majestät des Kaisers gesprochen und die der Drucksehlerkobold leider arg entstellt Halle, lauteten-folgendermaßen:

Wollen Eure Majestät allergnadigsl gestalten, daß ich Eure Majestät begrüße im Rainen der hessischen Ludivigsuniversiläl als dcli erlauchten Schirmherrii deutscher Wisjenschait, der auch auf diejein Gebiete überall eigenen Gedanken, modernen Gedanken unb Zutunstsgedanken Raum gtebt und Raum schasst.

Heber den Verkauf des

Frühstücks im Offizierskasiuo haben mir noch folgendes unserem gelingen Bericht nach­zutragen.

Für Seine SLajeftät mar ein eleganter Salon nebst Toileiteraum (oueü) die Möbelfabrik Karl ckllückrarh) ein* gerichtet worden. Zm letzteren mar eine Telephon-Einrich­tung angebracht und dre raiserllchen Telegrammformulare aufgelegt.

-~ee Kaiser verweilte nach seiner Ankunft kurze Zeit in dmsen biuuinen, besuchte die anderen Räumlichkeiten deL Kasinos und zeigte besonderes Interesse für ein Stand­bild (Kiedrich Wilhams i., eine Kopte, die dem Regiment von dem Vater dcd Leutnants Hilgers gestiftet worden war. Die Bikoee des Kaisers und des Gro^rzogs wiesen eine geschmackvolle Zahnendetoration auf. Vor Dem Frühstück hielt Majestät eine halbe Stunde lang Cercle. Er ge­ruhte daber nut Professor Tr. Biermer und dem gerade aus Südwestafrika zur nage kehrten Oberarzt Tr. Schaaf ftch längere Zett zu unterhalten. Das einfache Frühstück selbst begann nach 11 Uh. und war nach einer Stunde beendigt. Die Speisenfolge mar-: Suppe, Kcllbsrippe mit Spargel, Hammelrücren, Saiat uni) Kartoffeln, Kirichtuchen, Butter und Käse, Früchte.

Links von o. Majestät saß Oberst v. Lindenau, rechts der Korpskommandeur Exzellenz v. Eichhorn und neben diesem Fürst Karl zu Solms-Hock-ensolms-Lich, Dem Kaiser gegenüber hatte £ucrftleuinant v. Eon.a Platz gesunden, rechts uno links neben ihm P-rovinztaloer-kror GeiMmerat Dr. Brridert und Rektor Seh. Hosrat Professor Dr. Be- haghcl. Es folgten dann die ^s|iztere des Regiments, die höheren Stabe und das Gefolge.

Nach oem Frühstück lueutc Der Kaiser noch^F Stunden in zwangloser Unterhaltung im Kreise der Offiziere.

Kurz vor der- Abreise vejichtigte Seine Ataiestät das Bild Der gefallenen Offiziere des Regiments und sprach mit Musikdirektor Krautze.

Ilm 123,4 Uhr imjceii Die kaiserlichen Automobile vor und es erfolgte Die Abfahrt nach dem Bahnhof.

Ordensverleihungen.

Tie hohe Anerleunung, Die :ut. der Kaiser seinem Regiment zuteil werden ließ, kam auch durch folgende Or­den s v e r i e i h u n g e n zum Ausdruck.

Oberst v. Lindenau erhielt den Kroncnorden 2. Klasse, die tzauptieute v.Bursztini, v. Kamecke und Freiherr von Gil lern den roten Adlerorden 4. Klasse, Oberleut­nant Soldan wurde als Oroonnanzoifizier S. Majestät mit dem Kronenorden 4. Klasse ausgezeichnet.

Die Abreise.

Am Bahnhof hatten -ich u-nim. General v. Eichhorn, Provinzialdtrektor Geheimerat Dr. Breidert, Oberst von Lindenau und Polizeiamtmann Herberg zur Verabschiedung

eingesunden. Der Kaiser bestieg alsbald den Salonwagen und unterhielt sich vom offenen Fenster aus mit Geheime- rat Dr. Breidert und Oberst v. Lindenau in herzlicher Weife. Punkt 1 Uhr setzte sich der kaiserliche Sonderzug unter lebhaften Hochrufen des Publikums in Bewegung.

Das Fürstenzimmer auf dem Bahnhos war, ebenso wie der Bahnjteig bis zum Salonwagen, durch die Möbclsabrik Th. Brück auss geschmackvollste mit kostbaren Perser­teppichen und Lausern hergerichtet. Die hübsche Pskanzen- bel'oration stammte von der Firma Becker.

Ter Kaiser unterwegs.

Kassel, 1. Mai. Ter Kaiser trai heute nachmittag gegen 3.30 Uhr von Gießen kommend auf dem Bahnhöfe Wilhe I m s- h ö h e ein. Dort bestieg den Zug der dorthin beorderte Komre- admiral v. Müller. Stach dem Wechsel der Lokomotiven fuhr der Zug nach Leinefelde roeuer.

Potsdam, 1. Akau Der Kaiser traf heute abend 10 Uhr 45 Min. hier ein und begab sich ins Sladtjchloß.

Ter Kaiser und die Gießener Korpsstudenten.

Der 8. C. zu Gießen, der an dem in den Korps- farben der hiesigen KorpS prangenden Korpshaus der Teutonia in vollem Wichs Aufstellung genommen und Se. Majestät begrüßt hatte, schickte dem Kaiser folgendes Hukbigun gs- t e l e g r a m m :

Der zu Ehren Eiv. Majestät auf dem Korpshaus der Teutonia versammelte 8. C. entbietet Ew. MaMat untertänigsten Willkommen- grüß mit dem Gelöbnis unverbrüchlicher Treue und Anhänglichkeit.

Ter 8. U. zu Gieren.

Das Antwort-Telegramm Sr. Mas. des Kaisers lautet:

Gießen, 1. Mai 1906, Offizierkasino.

Ich danke dem 8. C. zu Gießen für die mir gebrachte Hul­digung und trinke auf ein ewiges vivat, florcat, erescat der Gießener Korps. Wilhelm I. B.

Unfälle.

Trotz des großen Menschenandranges sind schwere Un­fälle nicht vorgekommen. Außer bei einigen Ohnmachts­anfällen hatte btc SantlätSkolonne fast feinen Anlaß in Tätig­keit zu treten. Nur nach der Abfahrt des Kaisers am hiesigen Bahnhof ereignete sich em eigentümlicher bedauerns­werter Unfall. Einige Frauen hatten sicy, um den Kaiser zu sehen, auf das Glasdach an der Vorhalle bes Bahnhofs be­geben. Nachbem der Kaiserliche Zug, abgefahren war. stürzte bie Frau eines Baynbeamten durch das Glasdach in die Halle. Eine Abteilung ber Sanilätskolonne brachte die Verletzte zunächst in den Gepäckraum und dann mittels einer Droschke nach ihrer Wohnung. Die Frau trug Verletzungen an der Hand davon, und wenn nicht innere Verletzungen emgetreten sind, wird der Unfall feine weitere Folgen haben. In der Grünberger Straße war em Junge auf einen Baum gestiegen um den Kaiser zu sehen. Er stürzte herunter, jedoch ohne Schaden zu nehmen.

Aus der Umgegend.

Von den Orten, die der Kaiser gestern auf der Fahrt nach Gießen passierte, gingen uns noch solgende Melbungen zu: Großen-Liudeu, 1. SDlat. Ter Gememderat beschloß heute, die vom Kaiser passierte Ortsslraße künstighin Kaiser- sl r a ß e zu neunen.

-t- Lang-Göns, 1. Mai. Heute morgen 8 Uhr 5 Min. fuhr Se. Mas. der Kaiser durch unjdren festlich geschmückten Ort. Ter Kriegerverem, die Feuerwehr, beide Gesangvereine, Schultulder und Orlsvorsiaud bildeten Spalier. Voii den Nachbarorten Niederkleen, Dornholzhausen u. s. w. waren vielfach Neugierige herbeigeeilr.

Frühere Hoheuzollernbesuche.

Ueber zwei Besuche, die Kaiser Wilhelm I. mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, allerdings vor Er­richtung des Deutschen Reiches in Gießen unb Unigegcnb machte, sei folgenbes berichtet:

Zinn erslenmale tarnen 18 6 3 König Wilhelm unb ber Kron­prinz nach Gießen. Es ivurde längerer Aufe.tthakl auf bem Bahn­hof genommen, ohne baß ine Bewohner der Siadl von bem Besuche Rolrz genommen hätten. Das Oisizierkorps des damals in Wetzlar garmionierenbcn preußischen 8. Jägerbaia illons hatte sich zur Be- grüßung des Königs am Bahnhoi m*Gießen euigefundeu unb der damalige Landrat des Wetzlarer Kreises, v. Dieft, haue sich dein Offiziertorps aiigeschlosien. Als der Kronprinz den Laudrat sah, sagte er mißgestimmt:Was wollen Sie denn hier in der hessischen Stadt'?" Als der Landrat den Kronpruizen nun auf die Bürgen Gleiberg und Vetzberg nahe dem Bahnhof Gießens Ijimuies unb jagte, daß diese schon zum Kreise Wetzlar gehörten, amivorlele er: Ach was, wir sind doch hier in einem fremden Laude unb «licht in Preußen!" ja in einem fremden Lande anno 1863 zur Zen des deuljcheil Bundes. Aber heute wurde der Enkel König Wilhelms und der Sohn des damaligen Kronprinzen von der gejantten Ein- wotznerjchaft und der der Umgebung, die in Scharen gekommen waren, nut endlosem Jubel ernpsaiigen.

Im »erojt ocs ^ai/ies iouu w.n König Wilhelm mit der Dahn nach Gießen unb fuhr von da durw Die Frailliurterstraße unb durch Klcm-Lmden, um zwischen Klein-Linden, Allendorf unb Lüizellinoell auf dem sogenannteit Bergseid die Besichtigung der seit 1867 in Gießen liegenden 116 ec und der hessischen Division Lorzmiehnteit. Arn logcncnntcn grünen Weg bestieg er damals das Pferd unb die Zuschauer erzählen heute noch, von der Bel-cndigkeit, mit der der damals 72 jährige Vtönig das Pferd bestieg und davon ritt. Ter Bruoeihatz zwisä/m bei Bevölkerung Der hessischen unb preußischen ^rte bekanntlich grenzen zwischen Kcküi-Linden und Lützelkinden Die Kreise Wepürr und Eiepcit aneinanber machte sich damals, drei Jahre nach 1866, noch sehr bemerkbar. Ars Die pceußi>chen Bauern rüsen Guten Äiorgen ,verr König'!" unb bannUnser König 1ehe hodj" blieben die Hessen smmm. dem Wegritt des Königs tönte sogar he,sisa)er,cits bei Ruf:Ihr Preußen mawt Eicch über bie Grenze". Wie anbeis uno besser i|t es büa> heute geworden. Bon der F-reundlichkeü, mit her fuo bamuiD König -->Ül-ekm selbst die Heizen der hessischen lüucrtanen zu erringen ivußrc, gilt folgende Epiwde Zengins: In einem £)Oie zu Kleur- Lüwen saß ein altes Äcütterchen, ihreii Enkel aus dem Schoße baltenb. F'reunblich läckÄnb rief ber greife König:Guten

ytorgen, Großmutter, wie gehts?" Tas Herz der Großmutter war geivountn, Denn sie sagte settbem immer:Etzt soll mer noach ans Den König von Preußen-elle, boas es a gourer Mann." Unb bieseut Ausspruch schwß sütr auch eut alter Mann an, ber in einem anberen Hose Holz hackte; auch ihnt l-atte Der König zugeruien. Diese Amvefenhett bes Königs trug viel dazu bei, baß bas Verhältnis Der Grenzorte em besseres würbe. Sck-on Osters ist bavon die Rede genxicn, an ber in Klein-Luibener Ge­markung gelegenen Stelle, an ber der König das Pferd beflieg, einen Cücbcuf,iein zu crnchleu.

IcuLjche Waiseier«.

Au§ Berlin wirb uns geschrieben:

Der Zauber des Frühlings m oem Maifeiertag ber S^ial-. bemoirdüe wirksam zur yilje gelommen. Auch btejenigen, die urspiunglich erllärt hatten aroeiten zu wollen, ertrugen ben Anblick des lachenden blauen Himmels heute morgen niajt lange unb schlossen sich "ben ^-eicnibeii an. Benüi ist mit jpazieren- gchendeit Arbeitern gejimt, und die Straßelt rnaä-en, besoubers imRorden" unb imOsten", einen beinahe icfuuglidjcn Em-- öruä. So groß ist der Emjluß eines ajigviiebmen Beispiels, baß auch aus Bürgerkreisen milieiert, wer es kann. Die etwa 13U Ver,amuttuiigen waren kolossal besuäü, bie gieichkauteiiden Re i o l n i i o n c n für ben 8 jt ü n b i g e n Rornrakarbeits« tag unb für bie Einführung des allgemeinen und bi» retten Wahlrechts in Preußen sanden einmütige An­nahme. Soweit kann die Lozialdemoiratie von einem voilständv- gen Erfolg chrer Werbung unb ihrer wieder glanzend burchgesühr- len orgauisatorischen Tätigkeit spreclien. Es klappte alles. Aber, ivas nachher kommt, bas beschwört ernftc-wierigketten herauf. Ein grober Teil ber Untccneomevberbanbe wul mit Aussperr­ungen von verschiedener Dauer aus bie ArbeitÄtieberkegung des 1. Acar antiuorten. So sollen die Bauarvetter, die heute feiern, cr|t am Donnerstag wieder beschäftigt werden. Roch empsilidlick>er und umiaiicnöct ist btc Aussperrung in der Metallindustrie: Belriebseinsteklung bis zunt Rkontag. lUcorgen, Rclitwoch, bereits findet eine Konferenz im Berliner Gewerkschastshans stall über die Unterstützung der Ansgesperrten und Emka,lenen. Hofsoi''.lich spitzen sich diese Differenzen zwischen Aro^itgebern unb Arbeünehmern niä-t zu Kampsen zu, von benen das ganze Ge.verbe erfaßt und viele andere in Mitleidenschaft gezogen werden. Tie gewaltige und noch immer reichen Ertrag ver,prechende Entwickluiig bis Wirtschaftslebens würde beklagens­wert zum Stillsiaiid gebracht iverden, locnn auch der Gedanke, eines General,treiks nicht durchführbar erscheint.

Das Straßenvild wird durch ben sozialdemokratischen Feiertag wesenllich beeinflußt. Ter Mangel an Droschken ist auffallenb, die ^iraßenhandler feiern. Viele Geschäfte in ber Pertphcrie, Gaslwirtschasten, Schlachtereien, Bäckereien, Barbüre unb ^igarrenlaben jchwsfen in ben Vormtttagsstunben infolge der Einwirkung ber Kundschaft. Die Fabriken stehen zum Teil still, auf ben Bauten wird saft nirgends gear­beitet. Die Zahl b er feiernden Arbeiter wird von ben soz. Organisationen aus 100 000 bis 120 000 angegeben. An ein­zelnen ^stellen wurden Lcinonstralionen, weiche aber von ber Polizei ohne Schwierigkeiten verhinbert wurden, beranftaltet.

Die Maifeier imReiche scheint ebenfalls ruhig ver­laufen zu sein. Von allen Seiten gehen Telegramme ein, die lediglich das Ausbleiben aller Zwischenfälle zu melden wisien.

Aus Hamburg wird vom 1. 2)iai gemeldet:

Der Verein Harnourger Reeder, die Vereinigung Ham­burger Schiffsmakler und Schiffsagent en und der Ver­ein der Stauer in Hamburg-Altona von 1886 erließen eine Bekanntmachung, derzusolge wegen des Umstandes, daß bie über* wiegende Mehrzahl der Schauer l eute wegen der soziak- demokralischen Maifeier heute nicht zur Arbeit erschien, bie vorher angeiündigke Aussperrung ber yciernben Arbeiter dis zum 11. Mai in Kraft tritt Tie Schustergesellen der Reparaturwerkstätten traten in den Streik ein.

Auf dem Aachener HüttenaktienoereinRote Erde" haben die Lkrbeiter des neuen Stahlwerkes die Arbeit eingestellt, nachdem sie vor 14 Tagen ihre Kündigung ein­gereicht hatten. Die Arbeiter wollten sich eine 10 pcozentige Lohnverminderung nicht gefallen taffen. Nach Angaben der Direktion sind in den einzelnen Betrieben des Werkes durchweg Lohnerhöhungen vorgenommen worden, ausge­nommen lediglich die Stahlwerke, in denen bie Löhne hoch genug seien.

Der 1. Mai in Frankreich.

Paris, 1. Mai.

Tie Maiseier hat hier mehrfache Störungen im Ge­folge gehabt. Im Vorort Belleville kam es am Ätorgen zwischen mehreren hundert demonstrierenden Streikenden und Der Polizeiwache zu einem Zusammenstoß. Beiderseits; wurden Schüsse gewc-chselt. Ernstkiü> verletzt wurde niemand. Tie Straßen sind am Morgen saft leer. Die Straßenver- kauser seylen vollständig. Sehr viele Geschäfte sind ge­schlossen. Auch die Barbiere und Aechsclgejchujte haben ge­schlossen. Truppenabteilungen durchziehen die Straßen. Viele Lieferanten, auch die Brotaustragerinnen, sind heute ausgeblieben. Troschken sieht man nur vereinzelt. Andere Wagen überhaupt nicht. Um IOV2 Uhr vormittags hatten bie Truppen den ersten Anlaß, gegen die Maiseiernden ein­zuschreiten, und zwar aus der Place de la Rvpublique. u Anarchisten wurden bei ihrer Ankunft in Paris verhaftet. Nach dem mlltags eingetretenen Regen wurden die Straßen belebter, Militär zeigte sich nur vereinzelt.

Gegen 11 Uhr 20 Minuten versuchten die streikenden Buchdrucker am Eingang der Arbeiterbörse, sich zu einem: Zug zu formieren als Kundgebung für ben Achtsrunbentag. Tie Polizei griff aber sofort ein und es entstand ein hef­tiges Handgemenge, in dessen Verlaus mehrere Manifestan­ten zu Falk tarnen und nut Füßen getreten wurden; zahl­reiche Verhaftungen wuiden vorgenommen. Einer Grupps von zweihundert Manisestanten gelang es, sich wieder zu samniem und unter Absingen derInternationale" bis zum Fauburg du Temple vorzuDringen. Schutzleute zu Rap holten Die Maniseimritei'. ein, wurden aber mir Stein-« würfen empfangen. Nachdem die Schutzleute .Verstärkung erhalten hatten, stiegen sie von den Radern und zogen chre Revolver, woraus die Manifestanten sofort 11 ad) allen