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Erstes Blatt
156. Jahrgang
Samstag 14. Juli 1906
4>ie heutige Yummer umfaßt 16 Seiten
darauf, daß die Festlichkeiten an seinem Hofe dem Publikum ausführlich geschildert werden. Hat er doch anfangs versucht, die Art dieser Schilderungen von ihrem bisherigen Niveau auf ein höheres, sozusagen literarischeres zu heben, indem er einen bekannten Romancier sondieren ließ, ob er wohl bereit wäre, in dieser Hinsicht (sans travailler pour le Roi de Prusse) zu wirken, — die Antwort lautete freilich ablehnend.
Ter Kaiser, der noch nie einen der Wortführer der öffentlichen Meinung aus dem Lager der Tagespresse Teutschlands von Angesicht zu Angesicht erblickte, hat bei manchen Gelegenheiten ausländischen Journalisten unverhältnismäßig hohe Ehrungen erwiesen. Die von Amerika verglich er bei der Ausreise des Prinzen Heinrich bekanntlich „kommandierenden Generälen", und erst vor einigen Monaten zählte zu den Gasten eines kleinen Tiners von wenigen Personen, Has der amerikanische Botschafter dem .Kaiser gab, Elmer Roberts, der Repräsentant der amerikanischen ^Associated Preß. Und als, gleichfalls vor nicht langer Zeit, ein Berliner Korrespondent Londoner Blätter, Bashford, einer englischen Revue einigen Text zu Illustrationen geliefert hatte, die den deutschen Kaiser als Jäger zeigten, durfte er das Heftchen dem Kaiser in besonderer Audienz feierlich überreichen. Eine Redaktcice des höchst ftagwür- digen Pariser Frauenbtatres „La Fronde" ließ der Kaiser sich im Foyer des Wiesbadener Hoftheaters vorftellcn und würdigte sie einer Unterhaltung, die lang genug war, um der in Paris nicht eben angesehenen Dame Stoff zu ein ein Dutzend von Feuilletons zu liefern. Und bei dem letzten Besuche, den Wilhelm II. seinem königlichen Oheim Ed- VII. ab stattete, bat er diesen, die Leiter der am meisten deutschfeindlichen Blätter Londons zur Tafel zu laden, setzte sich, nach Tisch, im Rauchzimmer, unter sie, bezauberte sie durch seine Konversation, — und mußte es erleben, daß sie unmittelbar nach seiner Abreise in ihren Blättern schrieben: es sei naiv, zu glauben, daß derartige persönliche Liebenswürdigkeiten ihre politische Haltung bestimmen könnten, — was denn auch prompt durch eine Reihe gehässigster Artikel bekräftigt wurde.
Der machtvollste Herrscher ist heutzutage außer Stande, die Presse durch seinen bloßen Willen in seine Bahnen zu lenken. Kommandoworte verhallen als leerer Schall im Reiche der Setzer kästen und. Rotationsmaschinen.Das hatte schon Kaiser Wilhelm I. erkannt, der „alte" Kaiser, der der heutigen Generation bereits so altmodisch erscheint, und der es nicht verschmähte, selbst -zur Feder zu greifen, um, als praktischer Journalist, seine Meinung in Broschüren und Leitartikeln zu verfechten. Tas hatte Napoleon III. erkannt, der, wenn er von seinen Mi- nistern überstimmt wurde, in seinem Brüsseler Leibblatt heftige Angriffe gegen sie verössentlichte, deren Stil den kaiserlichen Verfasser sofort verriet. Und das hat auch König Edward VII. von England erkannt, gegen den, soweit seine Persönlichkeit in Frage kommt, man niemals einem unfreundlichen Worte in der gesamten englischen Presse begegnen wird, weil er es verstanden hat, sich mit deren Führern du pair au pair auf das beste zu stellen. Es ist keine Seltenheit, daß ein Kammerherr oder Adjutant des Königs abends auf den Londoner Redaktionen, gleichviel welcher Partei, erscheint, und irgend eine Bitte des Königs übermittelt, die dieser als Gentleman an Gentlemen richten läßt.
Journalist und Gentleman? Die derben Marginalien, mit denen Kaiser Wilhelm II. täglich die ihm vorgelegten, fein säuberlich auf Kartontafeln geklebten Ausschnitte aus deutschen Zeitungen versieht, zeigen ihn in dem bedauerlichen Irrtum befangen, daß zwischen diesen Begriffen ein prinzipieller Unterschied zu machen sei... .
Nr. 163
«rscheiut tügltch außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamillen» blätter mermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdrua u. Verlag der Brühl'schen Unioers.'Buch-u.Stein- bruderet. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:
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Redaktion 112
Verlag n.Exped.^Eol Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
Deu§?ehes Reich.
Berlin, 13. Juli. Man meldet aus Hammerfest: Kaiser Wilhelm setzte heute vormittag um 10y2 Uhr an Bord der Hamburg" bei aufklärendem Wetter die Fahrt nach dem N o r o k a p fort.
— Wie der^Lvkal-Anz." erfährt, beabsichtigt König Eduard nach seiner Reise nach Marienbad im August mit Kaiser- Wil h c l m zusammen zu treffen, der um diese Zeit in Wilhelms- l)öhe bei Kassel weilen wird. Der König hat den Vorschlag gemacht, den Besuch auf Schloß Friedrichshof bei Kronberg stattfinden zu lassen. Daraus ergibt sich von selbst, daß er z u r T a u f e des Sohnes des Kronprinzen nicht nach Berlin kommen wird.
— Ein Londoner Blatt meldet, König Eduard habe den Herzog von Eonnaught, seinen Bruder, beauftragt, ihn bei der Taufe des ersten Enkels seines kaiserlichen Neffen zu vertreten.
— Tic „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Der König richtete an den Finanzministcr Frhrn. o. Rheinbaben folgendes Handschreiben :
„Mein lieber Staatsminisler! Die Verabschiedung der Gesetze über die Reform der Steuern int Reiche, sowie über die Abänderung des Einkommensteuer- und des Er- gänzungSsteuergesetzes in Preußen gibt mir willkommenen Anlaß, Ihnen meinen wärmsten Dank auszu sprechen. Sie haben sich um das Gelingen dieser Gesetzcswerke, welche für die Sicherung einer geordneten und segensreichen Weiterentwicklung des Reiches und des Staates von größter Bedeutung sind, hervorragende Verdienste erworben. In Anerkennung derselben und nm Ihnen einen neuen Beweis meines Vertrauens und meines Wohlwollens zu geben, habe ich Ihnen das Kreuz und den Stern der Komture des königl. Hausordens von Hohenzollern verliehen. Es gereicht mir zur Freude, Sie hiervon unter Beifügung der Ordensabzeichen in Kenntnis zu setzen. Ich verbleibe Ihr wohlgeneigter König." . t , .
__ dem am 6. Oktober in Goslar zusammentretcnden n a t -liberalen Parteitag werden sprechen: Hicber über polit Rückblicke und Ausblicke, Paaschc über die Reichsfmanz- reform und Patzig über nationalliberale Partei- und Mittel- taiidspolitik. (Rat.-Ztg.)
Der Bar am Scheidewege.
Die Gerüchte über einen bevorstehenden Ministerwechsek erhalten sich in sonst unterrichteten Kreisen hartnäckig. Feststehen dürste, daß der Abgang des d e fte h e n d e n Ministeriums grundsätzlich beschlossen ist, jedoch die Schwierigkeiten der Neubildung noch nicht überwunden sind. Man spricht jetzt wieder mit Bestimmtheit von einem Koalitionsministerium. Andererseits erklären die Kadetten, nur ein Ministerium ans ihrer Partei annehmen zu können. In der Duma ist dagegen das Gerücht verbreitet, der Zar habe das reaktionäre Reichsratsmitglied Platonow zum Premierminister ausersehen mit denr . Auftrage, die Duma auszulösen und eine Neuwahl auszu- = schreiben.
Jedenfalls muß sich in kürzester Zeit Herausstellen, ob dem schwergeprüften Rußland die erste parlamentarische Regierung oder ein neues reaktionäres Ministerium, wenn , nicht gar die Militärdiktatur, zugedacht ist. Die „Boss. , Ztg." hält das erste für das allein mögliche, denn nur so ■ werde die Duma zu dem, was sie von Anbeginn zu werden. strebte: zu einer konstituierenden Versammlung. Die ge- . wichtigsten Gründe sprechen in der Tat für die Wahrschein- : lichkeit einer parlamentarischen Regierung.
Zunächst die wachsende Unzuverlässigkeit der । staatlichen Machtmittel. Ein zweites zwingendes Moment aber ist das finanzielle. Von anderer als französischer Seite neuen Kredit zu erhalten, ist für Rußland wohl so gut wie ausgeschlossen. England legt zwar ; auffallendes Interesse für den Zaren an den Tag. Ter Besuch des englischen Geschwaders in den Ostseehäfen ist aber soeben „auf eine günstigere Zeit, wahrscheinlich nächstes Jahr, verschöbe n" worden. Die Intentionen zu diesem Beschluß, der von russischer Seite ausgehen feil, finden nach offiziöser Darstellung durch folgende Erwägungen ihre Erklärung:
Der geplante Besuch ist mit lebhafter Befriedigung von der russischen Negierung ausgenommen worden, die in demselben einen Beweis der Sympathie der englischen Nation für Rußland sah. Leider haben gewisse politische Parteien in England und Rußland eine heftige Agitation gegen den Besuch angefacht, zu dem Zwecke, Fragen der inneren Politik Rußlands mit der 1 Angelegenheit zu verquicken. Die loyalen Erklärungen des eng* 1 lischen Ministers des Auswärtigen haben der Frage ihren eigent- : lichen Charakter wiedergegeben und sind in Petersburg voll go : würdigt worden. Tie russische Regierung glaubt mit Rücksicht auf die politische Krise, die Rußland gegenwärtig durchzumachen bat, der Gefahr vorbeugen zu sotten, daß die Ankunft der englischen Schiffe Gelegenheit zur Erneuerung der Agitation und zu Zwischenfällen gibt die geeignet sind, die Beziehungen zwischen Rußland und England für die Zukunst zu beeinträchtigen.
Zwischen dem Kaiser von R n ß l a n d m n d König Eduard sind, wie weiter aus Petersburg offiziös versichert wird, sehr herzliche Telegramme ausgetauscht worden. Aber diese Anteilnahme Englands an Rußland in klingende Münze umzusetzen, wird sich erst recht John Bull hüten, solange nicht die Krisis in Rußland entschieden ist. Tie russische Regierung braucht aber dringend Geld, denn Mißernte und Hungersnot stellen bedeutende Anforderungen an die Staatskasse.
Nach alledem sollle man meinen, es könne für den Zaren keine andere Entscheidung bleiben, als die Berufung eines aus fortschrittlichen Mitgliedern des Neichsrats und der Duma bestehenden Ministeriums. Nun besteht allerdings in der Duma nichts weniger als ein Ueberfluß an überlegenen, zur Negierung geeigneten Persönlichkeiten. Groß war die Duma bisher nur in geräuschvoller Kritik, in endlosen und maßlosen Reden. Ein einziger Mann hebt sich vorteilhaft hervor aus der Schar aufgeregter Mittelmäßigkeiten und wilder SEgitatoren: Fürst llrossow, der früher dem Minister des Innern zur Seite stand. Er hat in einer großen Rede Ende vorigen Monats die unhaltbare gegenwärtige Situation scharf beleuchtet, unter rücksichtsloser Kennzeichnung der Schuld der Regierung und Behörden an den Judenverfolgungen, des „Doppel-Anarchismus" von links und rechts. Er scheint das Zeug dazu zu haben, Rußland in die Bahnen gesetzlicher Ordnung zurückzuführen.
Jedenfalls ist die Stunde der schwerwiegendsten Entscheidung nahe.
*
In den Wandelgängen der Duma wurde versichert, das Kabinett Goremykin sei bereit gewesen, zurückzutreten, als die Nachricht von dem Mordanschlag auf den Admiral Tschuknin eintraf und in Petersburg starke Aufregung verursachte. Ter Zar erklärte daraufhin angeblich, in eine Entlassung vorerst nicht ein zu willige n. Andererseits ist bezeichnend für Oie Lage,^daß der in Aussicht genommene Nachfolger Goremytins Schipow in den letzten Tagen zweimal in Peterhof war. Schipow suchte den Zaren von der Unmöglichkeit eines Koalitionskabinetts zu überzeugen. Es gäbe nur zwei Möglichkeiten : die jetzige Regierung oder ein Kadetten-Käbinett. Ter Zar äußerte sich nicht näher hierüber, doch sprach er unverhohlen seine Unzufriedenheit über die Duma aus.
Am Freitag beschäftigte sich die Reichsduma mit der Aufforderung zur Teilnahme au der interparlamentarischen Konferenz in London. Aladin und Na- bokosf erklären, daß die Duma das einzige Parlament der Welt sei, in dem alle Deputierten in dem Wunsche einig seien, für bie Beseitigung des Krieges zu wirken. Die Duma beschließt, sechs Teputierte auszuwählen, die am Montag nach London abreisen sollen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung hörte man ruhig mit voller Aiifmerk- amfeit die Antwort des Gehilfen des Justizministers, Seller- tinsky, an. Dieser erklärte, daß das Ministerium durchaus bereit sei, den Wünschen der Duma nachzukommen unb'
Wie der Kaiser von der Kresse denkt.
Wenige Monate nach seinem Regierungsantritte, am 27. Oktober 1888, empfing Kaiser Wilhelm II. im Berliner Königsschlosse eine Abordnung des Magistrats und der Stadtverordneten von Berlin. Sie wollte ihm die Schenkungsurkunde zu dem Neptunbrunnen von Neinhold Begas überreichen, der die Mitte des Schloßplatzes schmückt und den der Berliner Volkswitz, unter Anspielung auf den Namen des damaligen Oberbürgermeisters „das Forcken- becken" getauft hat. Die Audienz verlief unvorhergesehenermaßen sehr ungnädig. Es war der kürzlich verstorbene Stadtverordnete Gerstenberg, wenn wir nicht irren, der nachmals erzählt hat, wie das Stadt«zberhaupt Berlins überhaupt gar nicht in die Lage kam, seine sorgfältig vorbereitete, schwungvolle Ansprache zu halten, der Kaiser vielmehr gleich nach Eintritt in das Gemach selbst eine längere Rede an die Deputation hielt und diese, sowie er geendet, wieder verließ, sodaß sie nicht einmal wußte, wie sie nun eigentlich die Schenkungsurkunde loswerden sollte, und sich schließlich dafür entschied, sie auf einen Stuhl zu legen, — und dort liegen zu lassen. In dieser Rede, deren Text — wohl kaum ganj wortgetreu — dann in der Nummer 276 der „Nordd. All- gem. Ztg." veröffentlicht wurde, sagte der Kaiser unter anderem folgendes:
„Während ich meine Gesundheit und alle Kräfte eingesetzt habe, um durch Anknüpfen von Freundschaftsbanden den Frieden und die Wohlfahrt des Vaterlandes zu sichern, haben die ^agesblätter meiner Haupt- und Residenzstadt die Angelegenheiten meiner Familie in einer Art und Weise an die Oesfeutlichkeit gezogen und besprochen, wie sich ein Privatmann das nie würde gefallen lassen. Ich bin dadurch nicht nur schmerzlich berührt, sondern auch mein U n w i l l e ist dadurch erregt worden. Vor allem bitte ich mir aus, daß das fortdauernde Eitieren meines Herrn Vaters gegen meine Person endlich unterbleibt. Es v e r l e tz t m i ch als Sohn aufs Tiefste und ist unpassend im höchsten Grad e."
Der damals 29jährige Monarch wußte nicht, baß eine Erfüllung seiner so geäußerten Wünsche, wenn überhaupt im Bereiche ber Möglichkeit, so doch jedenfalls nicht im Machtbereiche Derer lag, von denen er sie im Befehls- habertone erheischte. Seine Worte bezeugten eine völlige Unkenntnis bon-bem Wesen ber Presse an sich, zugleich eine starke Animosität gegen die Presse unb bie Männer, die bereu Herren unb Diener zugleich sind: gegen bie Journalisten. Hat sich nun in den achtzehn Jahren, bie seitdem vergangen sind, etwas an diesem Urteil des Kaisers geändert? Die Antwort kann nur in einem Nein bestehen, unb es ist gewiß nicht unnütz, es einmal offen auszusprechen, baß es feinen erklärteren Gegner ber Presse unb der Journalisten gibt, als Wilhelm II.
Tie Tatsache könnte auf den ersten Blick überraschen. Legt man sich jedoch Rechnung von ber Psyche des Kaisers ab, wie er sie tagtäglich in spontanen Worten und Taten nach außen hin kundgibt, so löst sich das Rätsel. Der Kaiser hört es gern, wenn man ihn einen modernen Herrscher nennt, und man weiß, wie unermüdlich er bestrebt ist, auf allen ihm erreichbaren Gebieten seine Kenntnisse zu bereichern, mit der Fortentwicklung des menschlichen Wissens Schritt zu halten, und wie er in denjenigen Fächern, die ihn besonders interessieren, z. B. in Militär- und marine* technischen Fragen, Autoritäten dur-ch seine Sachkenntnis, sein Gedächtnis, seine Belesenheit und sein Erfassen des Wesentlichen verblüfft.
Tiefen Gaben des Verstandes steht eine Auffassung von seinem Herrscherberufe gegenüber, die auf das Prädikat „modern" keinen Anspruch erheben kann. Als 'strenggläubiger Christ ist der Kaiser tief davon durchdrungen, daß er sein Herrscheramt der göttlichen Macht allein verdankt und ihr allein auch einst darüber Rechenschaft abzulegen hat, wie er dieses Amtes waltete. Fühlt er sich auserwählt unb erhöht vor Millionen, so muß ihn die Kritik biefer „Winkelschreiber" nichtig berühren, bie, wie er meint, nichts anberes zu tun haben, als hinter ihren Tintenfässern alles Große unb Erhabene herabzn- toürbigen. Nichts hat es an biefer Anschauung geänbert, daß bie Ereignisse so manchem „Winkelschreiber", ber da, wo es not tat, in selbstloser, patriotischer Hingebung warnend seine Stimme erhob, dem Kaiser gegenüber Recht gegeben haben. Dies zu erlernten und zuzugeben, daran mag den Kaiser auf dec einen Seite fein stark ausgeprägtes nnb wohlberechtigtes Selbstbewußtsein hindern. Auf der anderen aber muß die Schuld daran den Männern'zu- gesprochen werben, die seine persönliche Umgebung Lüben unb ihn systematisch in seiner, ihnen sehr sympathischen unb nützlichen Verachtung der ösfent - lichen Meinung unb ihrer Sprachrohre bestärken. Ein Beispiel für viele: Als einer ber obersten Beamten seines Hofes bent Kaiser bie Einladungslisten für die Trauung seines ältesten Sohnes, bes Kronprinzen, in der Berliner Schloß kapelle, bie an Raum ziemlich beschränkt ist, vorlegte, sah ber Kaiser sie burch unb fragte: „Unb bie Presse?" Der Hofbeamte erklätie, er hielte es nicht für not- lvendig, Vertretern ber siebenten Großmacht einen Platz in ber Kapelle anzuweisen. Da griff ber Kaiser selbst zum Bleistift und befahl, baß drei Männer der Presse geladen werden sollten, nämlich ein Reporter des Reichsanzeigers, ein solcher des offiziellen Telegraphenbureaus, und eiibltaj jener greife Berliner Berichterstatter, den der Kaiser seltsamerweise einst einen „lichtvollen Historiographen" nannte. Denn wenn der Kaiser eine Ktitisrerung feiner politischen Handlungen durch die Zeitungen nur altzuleicht als eine dreiste Anmaßung empfindet, so legt er sehr hohen Wert
ä Bezugspreis,
▼ W monattich7bPf., viertel-
GietzenerAnzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WW
■jinmuiiiH-1?- -'_-i iLiiiii ui i ■ . __zeigeuteil: Hans Beck.


