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14.5.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Montag 14. Mai 1906

156. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

M General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Vczu g»pret», monatlich 7b Ps., viertel» jährlich Mk. 2.20; durch Adholc- u. Zweigstellen monatlich 05 Pf.; durch diePost Mk. 2.viertel- jährl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die TageSnummer biS vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 12Pf, außwärtS 20 Pfg.

Verantwortlich für den oollt. und allgem. Teil: P. Wittko; für ^Stadl und Land' und ,®end)t6{aa(*: Ernst pest, für den An- zetgenleil: HanS Be^.

Nr. 112

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessische« Landwirt die Gießener Kamillen« blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh Achen Unwers.-Buch-u.Stem- druckeret. R. Lange. Redaktion, Ervedtttoa und Druckerei:

Echnlstraße 7.

Redaktion 112

Verlag u.Exped.e^bl Adresse für Depeschen:

Anzeiger «festen.

Are heutige Kummer umfaßt 10 Setten. Amtticher Teil.

Gießen, den 10. Mai 1906. Betr.: Landwirtschaftliche Bodennutzung im Jahre 1906. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wie in früheren Jahren sollen auch in diesem Jahre Erhebungen in rubr. Betreff unter Benützung des Ihnen in den nächsten Tagen zugehenden Formulars im Monat Juni I. I. erfolgen.

Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 16. Mai 1901 Kreisblatt Nr. 116 entpfehlen wir Ihnen deshalb, die erforder­lichen Erhebungen demnächst vorzunehmen und uns ein Exemplar des auSgefüllten Formulars 2 a bis späte stenS Ende Juni vorzulegen. Das zweite Exemplar ist für Ihre Akten bestimmt.

Formular 2 a unterscheidet sich von dem seither im Ge­brauch gewesenen Formular dadurch, daß gemäß Beschlusses des Bundesrats vom 11. Mai 1904 der Anbaufläche des Winterspelzes auch die Fläche von Winterspelz mit Beimischung von Roggen oder Weizen, der Kleefläche auch die Fläche von Klee mit Beimischung von Gräsern zuzurechnen und daß die Fläche der Wiesen nach Bewässerungswiesen und anderen Wiesen gesondert anzugeben ist.

Durch Formular 2 b sind Nachweise über die Ernte an Wein, über den Obstbau und die Obstnutzung im laufenden Jahre, sowie über die Hagel- und anderen Feldschäden zu erbringen. Als Zeitpunkt für die Einsendung dieses Formu­lars an uns ist der 16. November bestimmt. Auch hier verbleibt ein Exemplar als Konzept bei Ihren Akten.

I. 23.: Dr. Merck.

Kekanittmachung.

In dem Verfahren zur Anlegung des Grundbuches und deS Berggrundbuches für die Gemarkung Climbach beginnt die Anmeldungsfrist am 20. Mai 1906 und endigt am 19. August 1906. Die Vorschriften darüber, was seitens der Beteiligten während der Anmeldungsfrist zu geschehen hat, können auf der Amtsstube des Großh. OrtKgerichtsoorstehers zu Climbach und auS dem Anschlag an der dortigen Orts­tafel ersehen werden.

Gießen, den 12. Mai 1906.

__Großherzogliches Amtsgericht._____________

Bekanntmachung.

Der Handelsmann Abraham Marx in Beerfelden hat von dem heutigem Viehmarkt eine ihm nicht gehörige gelb­braune Kuh mit weißen Flecken und gedrehten Hörnern mit­genommen.

Der unbekannte Eigentümer wolle sich mit Marx wegen Wiederlangung seines Eigentums in Verbindung setzen.

Hanau, den 9. Mai 1906.

Der Magistrat. ____________ I. A.: Dr. Koppen.

politische Wochenschau.

Gießen, 13. Mai.

Die Erörterungen über die Darmstädter Wahl gehen in der gesamten deutschen Presse munter weiter, gleich als ob nicht int deutschen Reichstag sowohl, wie auf dem großen poli­tischen Welttheaier Entscycidungen gefallen wären, die für die Lebensinteresscu des deutjcheii Volkes ungleich wiästiger find, als die lheorelischeit Erörterungen über eine lokale politische Er­scheinung, bereit Ausgang zudem nickt mehr zu ändern ist. Wir haben keinen Zweifel darüber gelassen, daß wir einen änderen Ausgang des Stichwahlenlscix'ibs und eine andere Entscheidung der Leitung der Darmstädter bereinigten Liberalen lieber gesehen hätten. Wenn dem Korell'fchen Wahlausschuß, ivas ja von außen schwer zu beurteilen ist, ein direktes Eintreteit für den bürger­lichen Ltichwahlkandibaten wegen mancher Epifoden des Wah- kampses unmöglich erschien, w'äre nach unierer 9Jieinung Wahl- eitthaltung oder Freigabe der Abstimmung das richtigere gewefen. Nachdem aber die Entscheidung gefallen ist, follte man jetzt die Sache auf jich beruhen lassen und lieber darauf denken, daß im Interesse des (Vesamtliberalismus der Riß in dem Bürgertum nicht künstlich breiter gemacht wird, sondern möglichst bald ge­schlossen wird. Das ist um so leichter möglich, als es sich m Darmstadt in der Tat um eine lokale Einzelerscheinung handelt, wie u neuerdings wieder durch nachstehende Auslastung des Darmstädter Organs der freisinnigen Partei, derDarmst. Derkehrsztg.", bewiesen wird. .

Wir wollen ausdrücklich festltellen, daß die D a r m st a d t e r vereinigten Liberalen die volle Verantwort­ung für ihre Stichwahlparole allein tragen, daß also keine Parteizentrale, auch nickt bic freisinnige Verewig­ung, in irgend einer Weise dafür veraiitwvrtlich gemacht werden kann. Der Darmstädter ftexjmmge 25erem und ebenso der hessische Landesverein ist völlig unabhängig von irgend loelchcr Berliner ober sonstigen Parteizentrale.

Die Reichstagsverhandlungen gehen in beschleunig­tem Tempo weiter, denn unsere wackeren Polksvertreter wollen spätestens am Himmelfahrtstage Schluß macken. In der ver­gangenen Woche ist es auck zu keiner bemerkenswerten Episode gekommen, denn die Beschlüse des Reicksparlaments zu den Steuer gesehen ergaben durchweg Beitritt zu den Kvm Missionsbeschlüssen. Auch die Entscheidung über die nach,, jahr­zehntelangen Bemühungen endlich unter Dach gebrachte Diäten­vorlage bedeutet keine Ueberraschung mehr, der Reichstag stimmte den 5Äschlüsfen seiner Kommission zu und auch die Re­gierung wird schließlich zu den beschloßenen Wanderungen ja und Amen sagen, Hoffentlich bringen die Diäten einen besseren Besuch des Hauses und tragen dadurch dazu bei, die Beschlüsse und das Ansehen unseres ReichSparlaments zu fordern.

Fm Vordergründe des Interesses steht gegenwärtig bte 9t c 11 c

unseres Kaisers nach Wien zum Besuche seines treuen Bundesgenossen, und man ist doch wohl zu der Annahme be­rechtigt, daß diese Entrevue eine ganz andere politische Bedeut­ung- hat, als die früheren Zusammenkünfte der beiden Dion­archen. Trotzdem aber möchten wir hier auf einen Vorfall Hin­weisen, der in Deutschland ziemlich unbekannt sein dürste. ES war bei einem Besuche, den Kaiser Wilhelm dem Wiener Hose in den 90 er Jahren abftattete. Nach beendeter Dostafel zogen sich die beiden Majestäten mit einigen Erzherzögen zurück und blieben bis gegen Mitternacht zusammen. Weil aber damals die Beziehungen zivischen Rußland und den beiden mitteleuropäi­schen Kaisermäckten nicht gerade die besten waren, so erging sich die gesamte Wiener Presse nachher in allerlei Andeutungen und Mutmaßungen über weittragende Beschlüsse, die bei dieser zeugen­losen Unterhaltung gefaßt worden fein sollten. Mehrere Jahre spater machte sich dann ein Erzherzog, der an dem betreffenden Abende dabei gewesen war, bei einem Manöver im Kreise seines Stabes über die damaligen Leitartikel der Wiener Blätter lustig, indem er erzählte, daß von Politik überhaupt keine Rede war, sondern daß sich die hohen Herrschaften bei jenem geheim­nisvollen Beisammensein zuerst mit Kartenspielen vergnügten und hierauf die Kartenkunststücke bewunderten, die Kaiser Wil­helm mit großer Virtuosität zum besten gab.

In Petersburg ist die R e i ch s d u m a jetzt glücklich er­öffnet und cs muß sich nun bald zeigen, ob die russische Volks­vertretung in ihrer gegenroärtigen Form wirklich imstande ist, mit dem Zaren zusammen bas Land zu pacisizieren und aus eine neue, lebensfähige Basis zu stellen. Die Freunde historischer Parallelen werden nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die auch erst im letztenMoment erfolgte Einberufung der Duma einen Vergleich mit der französischen großen Revolution geradezu herausfordert, und daß damals die zu spät erfolgte Bewilligung der Konstitution nicht mehr imstande war, den im Rollen be­griffenen Stein aufzuhalten. Noch manche andere Aehnlichkcit ließe sich seststellen, so z. B. Witte's Sturz, aber ein gewaltiger Unterschied ist doch auch vorhanden: Die Revolution in Frank- reich hatte hauptsächlich Paris zum Schauplatz, aber in Ruß­land beiinbet sich nicht nur in jeder einzelnen größeren Stadt ein RevolutümSherb, sonbern, was noch viel fürchterlicher ist, eine allgemeine bewaffnete Erhebung der gesamten Bauern­schaft des Moskowi tischen Ricsenreiches steht drohend vor der Türe. Wahrlich eine ungemütliche Situation für die russischen Gesetzesmacher! v ,

In Frankreich, wo man dem änderten Rußland gegen­über stets der gebende Teil war und sich erst kürzlich wieder un­gezählte Millionen abpumpen ließ, können bic Behörben nun zum llebcrslusse noch Jagd macken auf bie russischen Verschwörer, bic den Boden des lebenslustigen Paris mit Minengängen unter­minieren und gleich einen halben Stadtteil in die Luft sprengen wollten, bloß um den russischen Bolsckwster und ein paar un­bedeutende grvßsürstliche Bonvivants aus ocr Welt zu sckaffcn. Als ob der Boden der ftanzösischen Republik nickt ohnehin schon unterwühlt genug wäre! Das könnte den Franzosen gerade noch fehlen, daß ihre einheimischen Sozialisten, die sich gerade genug Gewalt hier angemaßt haben, auch nock Succurs aus Rußland erhielten!

Mer auch bei unserem wankelmütigen Bundes­bruder sieht es zu Hause recht traurig aus, und man follte meinen, daß es angesichts solcher Verhältnisse in Italien nicht allzu viel Lust zu Extravaganzen geben könnte. Der vorläufige Schluß der Mailänder Ausstellung bedeutet für das gewiß nickt reiche Land einen empfindlichen Verlust, und der General­streik, der die Schließung veranlaßt hat, wird anck nicht gerade zur Wohlfahrt der apenninischen Halbinsel beitragen, wenn auck keine Aussicht vorhanden ist, daß er gelingen wird. Dazu das namenlofc Elend, welches die verheerenden Naturereignisse in Süditalien hervorgebracht haben, und was das Schlimmste ist, die Unfähigkeit des größten Teiles des Volkes zu ernlter, rast­loser Arbeit, die allen Schaden in wirtschaftlicljer Beziehung wieder gut zu machen imstande wäre! Auck die Kriegsmarine befindet sich bekanntlick in einem desolaten Zustande. Eigent­lich war das aber immer so, denn die Italiener sind kein krieger­ischer Volksstamm und ohne die Hilse Preußens und Frank­reichs .gäbe es lieber noch heute kein geeinigtes Königreich 3tat$er englisch-türkische Konflikt steht noch immer auf dem toten Punkte, hat aber insofern eine Verschärfung er­fahren, als die militärischen Vorbereitungen rastlos sortgesetzt werden England konzentriert seine Mittelmeerslotte m den griechischen Gewässern und zieht auch sein atlantisches Geschwader heran Tic Türkei dagegen schickt ununterbrochen von Syrien aus aus dem Landwege alle disponiblen Streitkräfte nach der Sinaihalbinfel. Allerdings ist eine alte Gepflogenheit des Sul­tans, bei Streitigkeiten mit einer Großmacht erst dann nachzu­geben, wenn ihm das Messer an der Kehle sitzt, auch jetzt wieder in Erscheinung getreten, aber der Rückzug i,t diesmal be­sonders zögernd und es ist nicht unmöglich, daß der e-ultan durch die in der muhammedaniselxm Welt herrschende Erregung gezwungen wird, den gerade vor dem Ablauf der von England gestellten Frist begonnenen Rückzug einzustellen. Dann wäre der kriegerische Konflikt da, denn für England handelt es fick faktisch nicht uni den Besitz der Sanddunen auf der Sinailjalbimel, ion- dern um die Sicherung deS Seewegs nach Indien.

Aus dem Keichstag.

H. Berlin, 12. Mai.

Wenn man aus dem schwachbesetzten Hause am heutigen Samstag auf irie in Behandlung stehende Vorlage schließen wollte, so müßte man annehmen, daß die Tagesordnung ein herzlich uninteressantes Thema enthalte. Und doch waren xxt zweiter Lesung die Diäten zu erledigen, eine Sache also, welche bie Herren Reichsboten selber angeht'. Die Kommission hatte die vom Bundesrat genehmigte Fassung des Gesetzentwurfes einer weitgehenden Umarbei- htng unterzogen und dem Zentrumsmann Gröber fiel die Aufgabe zu, das zu rechtfertigen. Er hielt eine lange, wohlgesetzte Rede, und Graf Hompesch, als Wortführer des Zentrums, verlas eine Lustimmenbe Erklärung seiner Partei. Natürlich zeigten sich die Herren am Bundesrats- ti che mit den Kommissionsbeschlüssen nicht gleich einver­standen, aber es siel ihnen doch nicht ein, aus der Diäten­vorlage einen Konfliktsstoff za machen, wie vorgestern em hiesiges Blatt drohend amimbigte. Wohl sprach Graf P o s a- dowsky dagegen, ober seine Rede klang wie der Aus­druck einer müden Resignation, garniert mit verschiedenen Wenn und Mer. Noch cutige Abgeordnete sahen sich ver­

anlaßt, ihr volles Einverständnis mit der Kommissions­fassung zu beteuern, unter ihnen sogar Singer, der sich schmunzelnd denken mochte: Na, wenn schon, denn schon! Er meinte: Mit der Streichung der Aenderung des Art. 28 fallen unsere prinzipiellen Bedenken gegen bic Vorlage fort. Schließlich wurde denn auch die Vorlage genau in der Kommissionsfassung mit starker Majorität angenommen, nur die Rechte stimmte dagegen. Ferner sollen nach einer vom hohen Hause akzeptierten Resolution von der nächsten Session ab nur 4 Sitzungstage in der Woche, Dienstag bis Freitag abgehallen werden. Um 6i/8 Uhr vertagte man sich bann auf Montag, wo bic Novellen zum Börsengesetz, Vogel- schuygesctzt usw. auf der Tagesordnung stehen.

Deutscher Reichstag.

101, Sitzung vorn 12. Mai 1906.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die zweite Beratung der Diäten-Vorlage.

g 1 der Regierungsvorlage verzichtet auf die Bescklußfälstg- keit des Hauses bei Beschlußfassungen über den Gesckwstsgang. Dieser Paragraph wird von der Kömmisision abgelehnt.

Abg. Gras Hompesch (Ztr.) stimmt namend des Zen­trums der Vorlage zu.

Staatssekretär Graf Pvsadowsky erklärt, die Minderung deS 8 28 der Verfassung sei nicht aus politisckien Gründen sondern zur Beschleunigung der Geschäfte gesäjehcn, falls die Mgcordntten einmal m nicht beschlußfähiger Zahl im Hause seien.

Mg. Arendt (Rp.) stimmt der Vorlage zu.

Abg. Singer (Soz.) erklärt, das Gesetz sei für feine Partei unannehmbar, nxmt § 1 angenommen werde.

Mg. Bassermann (nl.) stimmt für die Kommissionsfassung, ebenso Abg. Staudy (kons.).

Abg. Müll er-Sagau (fr. Vp.) erklärt sich im Ganzen für die Vorlage, behält sich aber die Entschließung im Einzelnen vor.

Abg. Graf Bernstorfs (deutsch. Hann.) erklärt, für Ab­änderung deS § 28, aber gegen die Diäten stimmen zu wollen.

Ziffer l des 8 l wird mit großer Mehrheit abge­lehnt, Ziffer 2 und daun der ganze Entwurf betreffend die Abänderung des 8 32 derVersassun gaugenommen.

Das Haus tritt barm in bie Beratung des Entwurfs betr. die Entschädigung an Mitglieder des Hauses ein.

Präsident Graf 58 a lieft rem gibt bekannt, daß ein Antrag Spahn eingegangen sei, wonach im Gesetz freie Fahrt auch gewährt werden soll während der Vertagungen des Hauses, nicht aber während bet Vertagungen ar-i tlftund kaiserlicher An­ordnung.

Staatssekretär Graf Posadowsky erklärt, die verbündeten Regierungen seien der Ansicht, es genüge, wenn die Abgeotd- iic'ten freie Fahrt von ihrem Wohnort nach 58erlin haben und bittet dringend, der Regierungs-Vorlage zuzustimmen.

Abg. v. Richt Hof en (kons.) erklärt, feine Parteifreunde würden an der Wstimmung teilnetzmen, trossbent sie der Vorlage im Ganzen nicht zustimmen könnten.

Mg. Sing er (Soz.) erklärt sich mit der Kammissionsvorlage ettroerftanben.

§ 1 b, der eine Pauschalsumme von 3000 Mark festsetzt, wird mit großer Mehrheil angenommen, ferner ohne Erörterung die §§ 2 und 3 in der Kvmmissionsfaffung. § 4, der die Kontroll - beftimmungen für die Abgeordneten enthält, ebenso § 4 a, der dem Präsidenten die nähere Bestimmung über die Anwesenheits­liste überläßt, wirb gegen die Stimmen der Linken unverändert angenommen, ebenso § 5, der die Doppelmandote behandelt, nachdem in länget er Debatte über einen Antrag Arendt ver­handelt wurde, der die Wiederherstellung der Beschlüsse der ersten Lesung forderte. Auf Antrag des Abg. Spahn Cßtr.) wird ein 8 5 a eingeschaltet: Der Reichstag gilt int Sinne bieses Gesetzes nicht als versammelt, wenn er gemäß Artikel 12 der Reichsversassung vertagt ist". Der Rest der Vorlage wird un­verändert angenommen, desgleichen eine Resolution auf Frei­lassung der Samstage und Montage von Sitzungen.

Drontag 1 Uhr: Novelle zum NeichSstempelgesetz, Entwurf betreffend Reichskassensckeinc, Mantelgesetz zu den Steuer-Vor- lagen.

Mußland.

Petersburg, 12. Mai. Wie von informierter Seite verlautet, hat der Zar dem Fürsten Goremykin gegenüber sich dahin ausgesprochen, ec wünsche liberale Reformen, dagegen die Anwendung von Repressalien nur in Fällen dringender Notwendigkeit. Bon anderer Seite wird berichtet, daß Goremykin der Duma gegenüber eine Ver- s chleppungS-Politik betreiben will, um bie Reformen und in erster Linie die Amnestie möglichst lange hinaus, zuschieben. Goremykin teilt einem ausländischen Korre­spondenten mit, daß er sich für eine Amnestie verwenden werde.

Die Audienz des Dumapräsidenten Muromzew beim Kaifer dauerte eine halbe Stunde. Muromzew trug die Ueberzeugung davon, daß inan in hohen Kreisen vollkommen die Stimmung dec russischen Gesellschaft und dec Duma- mitglieder kenne und daß man bereit sei, ihr volle Befrie­digung zu gewähren. Unter den zahlreichen der Duma zu­gegangenen Glückwünschen befindet sich auch ein Telegramm des Fürsten von Montenegro.

Duma. Sead) Eröffnung der Sitzung teilte der Präsident mit, daß unter anderen Begrüßungen auch Telegramme von den Insassen v er s ch i e d e n e r Ge s an g n i, f e, ,o aus Tschfta und Kargopol, eingelausen seien. Diese Mitteilung,nmrde beifällig ausgenommen. Die Telegramme gelangten auf Ver­langen unter erneutem anhaltendem Befalle zur Verlesung. Tie ganze Versammlung mit Ausnahme einiger Mitglieder, der Rechten erhob sick unter dem Rufe: 'Amnestie! Amnestie!, während der Mifall Tort bauerte. Das Haus stimmte dem An­träge zweier Mitglieder der Linken zu, den Gefangenen im Namen der Duma zu danken. Zum Sekretär ivurbe Fürst Scha­ch o w s k i mit 380 Stimmen gewählt. Die Wahl seiner fünf Gehilfen erfolgte einstimmig. Zu den der Wahl vorangegangen.-n Debatten über den Wahlmoous, den einige Redner ucr einfacht wünsckten, damit man schneller zu den aktuellen Fragen übergehen könne, bemerkte ein Redner, er mache der Duma den