Ausgabe 
16.6.1906 Erstes Blatt
 
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Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Ire Heutige Fumrner umfaßt 16 Seiten.

Zer Kall Karle vor Den Kelchworenen.

Gießen, 15. Juni.

am ersten Verhand

der Sache

mit

konnten nur mit Mühe vor der Wut der Menge geschützt werden.

1904, als auf seinen

Eine hiesige Lokalkorrespondenz meldet, daß ein Post­beamter unter dem dringenden Verdacht steht, mit dem Geheimdienst der sozialdemokratischen Partei in Verbindung gestanden zu haben und wegen Unter­schlagung zahlreicher Briefe in Untersuchungshaft ge­nommen worden ist. Es handelt sich um den Briefträger, dem die Briefbestellung im Polizeipräsidium oblag. Der Ver­haftete ist überzeugter Anhänger der Sozialdemokratie. Er soll verschiedene Briefe an das Polizeipräsidium dem »Vor­wärts * auSgeliefert haben, der diese Briefe veröffentlicht hat.

Eine Reihe von Personen deS »Vorwärts" sind in verwickelt.

Die »Freisinnige Zeitung* hat im März Eugen Richter von der Zeitung zurücktrat,

th.

(Fortsetzung.)

Nr. 139

9r|<t)eint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem kesflschen Landwirt die Gießener Zamiliem blätter viermal in der

Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'sehen Univers.-Buch-u.Stein- druckerei. R. Lange. Redaktion, Ervedftüm und Druckerei:

Schul st raße 7, Redaktion ey») 112

Verlag u.Exved.^^51 Adresse für Teoeschen:

«uzeiger Gießen.

Ausland.

Stockholm, 15. Juni. Die hiesige Presst beschäftigt sich der Landung russischer Truppen auf den

Die Zeugenvernehmung lungstag drehte sich in der Hauptsache darum, die Personen zu hören, die am Tage der Tut unmittelbar mit dem Angeklagten Carl6 zusammen oder sonst an der Brand-

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Juni. Las Herrenhaus beriet in seiner heutigen Sitzung das V o l k s s ch u l - U n t e r h a l t u n g § - aesetz in erster Lesung, die mit einer längeren Rede des Kultusministers Dr. Studt eingeleitet wurde. Freiherr v Manteuffel beantragte Ueberweisung der Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern, hab die schweren Be­denken seiner Freunde gegen den Gesetzentwurf hervor und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch bei den Änderungen das Abgeordnetenhaus zuslunmen werde.

Die Finanzkommission des Herrenhauses beriet heute die Entwürfe betreffend die Mainkanalisierung und die Oderregulierung und genehmigte sie nach der Vorlage.

Die Entscheidung der Frage, ob R u n d r e i s e h e f t e mit der Fahr kart en st euer zu belegen seien, macht große Schwierigkeiten, namentlich deshalb, weil in den Rundrersc- beften nicht nur Ersenbahnstrccken, sondern auch Schch'strccken vereinigt werden. Die Verhandlungen, d>e darüber zwischen Vertretern des Bundesrats und der Eisenbahnbehörde schweben, sind noch nicht abgeschlossen.

Wunsch, weil er sonst für jeden Artikel verantwortlich gemacht werde, den Rainen »Freie Deutsche Presse" angenommen und den Zusatz »begründet von Eugen Richter" beseitigt. Der Verlag teilt mit, daß durch den Tod Richters die Gründe für die Titeländerung hinfällig geworden sind und daß die Zeitung daher von nun ab wieder unter dem früheren Titel erscheine. Sie soll.auch wieder wie früher in einer einzigen großen Ausgabe erscheinen.

Potsdam, 15. Juni. Heute Morgen begab sich der Kaiser und die Kaser in und die Prinzessin Viktoria Luise nach dem Mausoleum bei der Friedenskirche und legten dort als am Todestage Kaiser Friedrichs einen Kranz nieder.

Hannover, 15. Juni. Der Kaiser ist mit Gefolge hier eingetroffen.

Karlsruhe, 15. Juni. In der zweiten Kammer wurde heute die sozialdemokratische Motion bctr. Trennung von Staat und Kirche mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Demokraten ab gelehnt. Der Antrag auf Aufhebung des § 16b und c deS Kirchengesetzes von 1874 wurde gegen die Stimmen des Zentrums einer Kommission überwiesen.

Mecklenburgs Gesandter in Berlin.

Vom Heimattcnrde Fritz Reutcr's ist in der Politik verhältnis­mäßig selten die Rede, und in dem, was berichtet wirb, liegt in der Regel ein gewisser Humor. So auch jetzt wieder anläß­lich des bevorstehenden Wechsels in der Berliner mecklenburgi­schen Gesandtschaft. Der langjährige Vertreter, v. O e r tz e n, dem man Gegnerschaft gegen VerfassungS- und sonstige politische Reformen trachsagt, soll einen Nachfolger erhalten von moderneren politischen Anschauungen, wodurch die Regierungen in Schwerin und Strelitz ihre Geneigtheit zum Ausoruck bringen würden, mit einer Reihe von Rückständen im Obotritenlande zu brechen. So ist wenigstens, derNationallio. Corvesp." zufolge, die Ptein- ung der Herren vom Bundesrat.

Herr v. Oertzen, in seiner ganzen Paftönlichkeit der Typ eines Reuter'schen Landedelinannes, dürfte einigermaßen erstaunt fein, zu hören., daß eS wesentlich feiner Mitwirkung zuzuschrciben ist, wenn Mecklenburg bisherbewahrt" blieb vor den politischen Errungenschaften der Neuzeit. Eine so einflußreiche Betätigung des mecklenburgischen Gesandten ist jedenfalls nicht zu erkennen an dem Maßstabe seines öffentlichen Auftretens in Berlin. Im Reick-stage war Herr v. Oertzen wohl zumeist anwesend, von der Beteiligung an der Debatte aber hielt er auch dann nickst viel, wenn die mecklenburgische Verfassungsftage erörtert wurde, der angeblich sein besonderes Interesse und Vettnenst galt. Ver­gegenwärtigt man sich beispielsweise die gedankenreichen Parla­mentsreden. in denen Graf Posadowsky seine Ausck^iuungen über die Bekämpfung der Sozialdemolratie niedergelegt hat, dann gibt es kein drastischeres S:ftenstück, als daZ Programm, zu dem in dieser Frage Herr v. Oertzen int Reichstag sich bekannte: Ich halle cs für ein Unding, mit seinem Gegner darüber zu streiten, wie man sich seiner erwehrt." Damit war für Herrn v. Oertzen der soziale Kampf, die bedeutsamste politische Er- scheiming und Streitftage der neueren Zeit, rednerisch abgetan. Auch ein Standpunkt!", mochten sich viele Mecklenburger sagen; sie gingen hin und wählten die Kandidaten der linksstehenden Parteien. Da selbst ein so patriotischer Mecklenburger, wie der nationalliberale Mbg. Büsing, im Reichstage bittere Klage führte über die politische Rückständigkeit seines Heimatlandes, läßt sich die Verstimmung auch des mecklenburgischen Bürger­tums ermessen. Selbst in den Kreisen der Ritterschaft dort beginnt man stutzig zu werden und sich mit dem Gedanken an konstitutionelle Reformen zu befreunden. Möglich, daß auch bei den Regierungen der Grvßher zogt inner eine Meinungsänderung in diesem Sinne sich vollzieht, daß anstelle deS Herrn v. Oertzen ein Mairn etwa von den Anschauungen deS konservativen Slbg. Frhr v M a l tz a n die Leitting der Berliner Gesandtschaft über­nimmt, waS abzuwarten bleibt. Der Anlaß zu dieser Wandlung läge dann eben rt der Rücksichtnahme auf die Wunsche der großen Mehrheit biv mecklenburgischen Dolles. Nur diese Dünsche könnten bestimmend sein für die Politik der großh. Negierungen, nickst etwaige Ratschläge des Gesandten in Berlin. Ob Herr v Oertzen solche erteilt hat, darüber i;t, wie gesagt, so gut wie nichts bekamst geworden. Repräsentant der schon von Reuter ironisierten alten Zest war er sicherlich, und als solck^'r nahm er eine Sonderstellung ein unter den einzelstaatlichen Vertretern in der Reichshcniptstadt. _____ _

Alandsinseln.DagenS Nyheier" zufolge landeten am Dienstag das russische PanzerschiffAsia" und mehrere Trans­portschiffe auf der Insel Prestoe 300 Mann. An demselben Tage ist, wie das Blatt ferner meldet, der Großfürst Alexander Michailowftsch von HelsingforS auf dem von 4 Torpedobooks- jägern begleiteten russischen KriegsschiffAlmas" ebenfalls dort eingerroffen. Im Sund zwischen Bomarsund und Prestoe liegen gegentoärtig außer den genannten Schiften das russische Panzer­schiffFinn" uiid 4 Torpedoboote. Aus Prestoe sind provisorische Wohnungen für die Soldaten errichtet. (Wir teilten neulich be­reits mit, daß die schivcdische Regierung Besorgnisse hat wegen der Besteigung der Alandsinseln. Diese 300 Inseln liegen zwischen Finnland und Sckswedcn im bottnischen Meerbusen. D. R.) Christiania, 16. Juni. Eine Begegnung Kaiser Wilhelms mit König Hakon wird am 8. Juli in Tront- heim stattfinden. Morgenblaoet konstatiert, daß Kaiser Wilhelm der erste Monarch ist, der stLorwegcns neues Königshaus besucht.

Wien, 15. Juni. Eine Konferenz der s o z i a l i st i s ch e n Gesamtpartei faßte eiirstimmig den Beschluß, die organisierte Arbeiterschaft in ganz Oesterreich aufzufordern, unverzüglich daran zu gehen, die letzten Vorbereitungen für den M a s s e n st r e i I in möglichst großem Umfange zu treffen.

Politische Lage»scharr.

Ter Traum des Kaisers.

Die anglo-französische Presse in Nordafrika ist in ihrer Hetze gegen Deutschland unentwegt bei der Arbeit. (Sine Auslassung, die von dem führenden Blatt »Die Pyramiden" in die meisten anderen ägyptischen Zeitungen übergegangen ist, schreibt unter dem Titel: »Der Traum deS Kaisers" unter anderem Folgendes:

,G esch lagen inAlgeciras, geschlageninAkaba, ist Wilhelm II. entschlossen, sich iür dieEntente cordiale* zu rächen. In dem Gebiete, das sich von Gibraltar bis zum Suezkanal ausdehnt, wird er seinen ewigen Rivalen England, feinen Feind Frankreich und seinen wenig fügsamen Verbündeten Italien erreichen. Seme airikanischePolitik verfolgt ledig­lich den Zweck, die gehässigen Gesinnungen der rnu Häm­in edanifchen Bevölkerungen zu ermutigen und ihren Fanatismus wach zu rufen.

Es unterliegt fernem Zweitel, daß der Kaiser davon träumt, die muhammedanisch en Kolonien feiner Rivalen bald in Feuer und Blut zu sehen. Tas wird seine Revanche für Algeciras, seine Revanche für Akaba, seine Revanche für die angln- russische Verständigung jein. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, ob er sie wird nehmen können, und ob er bei der Entfachung von religiöje» Zwistigkeiten nicht den Zusammenbruch seines eigenen erdrückenden und tyrannischen Militarismus herbeiiühren wird/

Inzwischen hat Frankreich bezüglich der Oase von Pat in London ein Uebereinkotnmen mit England unterzeichnet, das unwiderleglich Frankreichs gefährlicheAbsichten in Afrika festlegt. Also das ägyptische Blatt verwechselt einfach ab­sichtlich Frankreich mit Deutschland.

stelle waren.

Restaurateur Max I a s k o w s k y ist Pächter des Löwen. Carls hat öfter in dem Lokal verkehrt, bei Tag und auch abends; während der Abbrnchsar reiten der früher Luhschen und Thomasschen Hosreiten ist er öfters am Tage im Löwen gewesen, hat sich aber nie Lange darin aufgehalten. Am Tage deS Brandes ist Carlö am Vormittag um 9 Uhr in den Löwen gekommen. Der Zeuge kann sich nicht erinnern, ob und wie oft der Angeklagte an jenem Vormittag sein Lokal verlassen und wieder betreten hat. Es kann dies drei- bis viermal gewesen fein, jedenfalls war der Aufent- halt jedesmal nur kur-. Ob CarlS von 12 Uhr bis 2 Uhr mittags im Löwen war, kann der Zeuge nicht angeben, da er während dieser Zeit seine im Nebenraum speisenden Mittagsgäste bedient hat und so auf die Gaststube nicht achten konnte. Der Angeklagte könne bann von ^3 Uhr bis zum Ausbruch des BrandeS im Lölven gewesen sein, und zwar dauernd, der Zeuge erinnert sich dessen gewiß. Carls saß am runden Tisch und bezahlte eine Flasche Wein. Meyer bestellte darauf die zweite Flasche; als diese auf den Tisch kam uub die Gläser gefüllt waren, ertönte Feuerlärm, des Zeugen Frau kam mit der Meldung, bei Rothenbergers brenne es. Carlä äußerte hierauf, das hätte der Rothenbergern so gepaßt, wenn das Lumpenlager ab­brennen würde. Auf Befragen crTIärt der Zeuge, daß Carls kein starker Raucher sei und daß er auch nie wahrgenommen hat, daß dieser abgebrannte Streichhölzer in die Tasche steckte; er halte ihn auch für keinen Trinker. Jaskowsky ist der Ansicht, es sei 23/4 Uhr gewesen, als der Brand in seiner Gaststube bekannt geworden sei. Kaufmann Alt- Hoff war am Brandtage vor 11 Uhr im Löwen. Er ist der Ansicht, daß Carls später in die Wirtschaft gekommen ist und geäußert hat, er wolle nach Hanau nnb am nächsten Tage von dort aus nach Darmstadt, um den Fastnachts­zug anzusehen. Der Angeklagte war nicht ununterbrochen in der Wirtschaft, sondern ging öfters kürzere Zeit weg. Gegen 2 Uhr kehrte Carls, nachdem er längere Zeit weg- gewesen war, wieder in die Wirtschaft zurück und gab die Masche Wein zum Besten. Es wunderte sich jemand, warum Carlö so oft die Wirtschaft verlasse, worauf dieser sagte, er habe draußen altes Material liegen und müsse sich öfter um dessen Verkauf kümmern. Der Zeuge hat int Auftrage Carles die verschiedenen Eingaben wegen des Rothenbergerschen Besitztums usw. an die Stadt und das Areisamt verfaßt. Gelegentlich hat Carlä ihm Mitteilung gemacht, daß Frau Rothenberger von ihm Gelände kaufen wolle, um ki ihrer Hosreite eine Einfahrt zu bekommen. Althoff erklärt, soweit er Carls kenne, und dies sei nur aus dem Wirtshaus, halte er ihn für einen Menschen, der es nicht lange auf einer Stelle aushalte. Zeuge Wilh. Meyer bekundet,E. habe bei dem Weinlrinken am Brandtage einen Schein wechseln lassen und sei bann hincrusgegangen, um Arbeiter auszulohnen. Er kann nach 2 Uhr ein- bis zwei­mal die Wirtschaft kürzere Zeit verlassen haben. Ms der Feuerlärm laut wurde, ist er mit dem Angeklagten nach dem Hofe hinausgegangen, um zu sehen, wo es brenne. C. habe geäußert, er würde sich ärgern, wenn das Haus der Witwe Rothenberger abßrcnnc und sie es dann bezahlt bekomme. Stud. Salzmann kann überhaupt nichts bekunden, er hat nur mitgetrunken und gar nicht gehört, daß c5 brenne. Ms die Gäste des runden Tisches ihn beim Ausbruch des Brandes allein gelassen hätten, habe er nicht gewußt, was los gewesen sei, und weil eS ihm im Löwen allein zu langweilig war, sei er fortgegangen. Aug. Weber und eine Reihe von Arbeitern, die bei den Abritz­arbeiten der CarlLschen Häuser am Neuenweg am Brand­tage und früher läng waren, befunden nur, sie hätten nicht bemerkt, daß die Werkstätte am Brandtage nicht ver­schlossen gewesen sei. Die Werkstätte hinter der Rothen­bergerschen Hosreite sei urfprüngud) offen gewesen und habe zur Lagerung von Abbruchmaterial gedient. Etwa 10 Tage vor dem Brande ließ Earl6 die Tür zu dem Gebäude ver­schließbar machen und nahm den Schlüssel an sich. Mehrere der Leute haben gesehen, wie ihr Arbeitgeber am 24. Febr. in der Werkstätte gewesen ist; was er da gemacht hat, wissen sie nicht. Maurer Friedrich Sch u hdecker, Ar­beiter bei Witwe Rothenberger, schildert, wie er am Mon­tag, also zwei Tage nach dem Brande, beim Hinausschasfen von Lumpen aus dem Magazin, in dem es am 24. Februar gebrannt hat, in der Nähe der Brandmauer auf dem Fuß­boden mit Papier und Fäden umwickelte Streichhölzer auf* gefunden hat. Ferner fand er ein Backsteinstück, das aus der Mauer herzurühren schien. Der Zeuge, der in der Vor­untersuchung weitere belastende Angaben gemacht hat, er­klärt, er wisse heute davon nichts mehr und gibt auf weiteres Befragen des Vorsitzenden ausreichende Antworten, sodaß dieser sein Verwundern äußert, daß ein lOjähriger Mensch ein so schlechtes Gedächtnis habe. Kätchen Stüh ler war in Diensten bei Rothenbergers, sie hat zuerst am Tage des Brandes den Rauch aus dem Magazin kommen sehen. Welche Zeit es war, als sie zuerst Rauch beobachtet Hit, weiß sie nicht. Dieses Mädchen erzählt, daß Carls am Tage vor dem Brande auf Rothenbergers Hof gekommen ist und vor dem Lumpenlager stand, sodaß er fehen konnte, daß es stark gefüllt war. Als der Angellagte wieder [ortgegangen war, hat Fräulein Rothenberger erzählt, daß er danach

Aus dem parlamentarischen Außtand.

Am 14. Juni herrschte aus der Petersburger Börse Panik. Durch die finanzielle Krise werden viele Banken in den Provinzen zu Grunde gerichtet. Die agra­rischen Unruhen dehnen sich überall auS. Ernste Unruhen fanden in Twer und in Nowgorod statt. Eine neue baltische Revolution steht in den baltischen Provinzen bevor. Der Pariser Berichterstatter bcSDaily Telegraph" meldet, daß ein großer Bauernaufstand in Poltawa auSgebrochen sei. Der Gouverneur bat dringend um Truppenverslärkungen worauf die Regierung schletinigst 6000 Mann Infanterie entsandte.

Auch am 15. Juni sind in Bjelostok Unruhen vor- gekonnncn. Viele Verwundete wurden nach Brest LitowSk gebracht, mehrere Personen, darunter einige Poli­zisten, wilden getötet. Gegen eine militärische Patrouille soll eine Bombe geschleudert worden sein. Weitere hundert Warenlager sollen zerstört nnb mehrere Privatwohnungen ausgcraubt sein. Tausende von Juden verließen die Stadt und suchten in den Wäldern Zuflucht. In der Stadt seien alle öffentlichen Lokale ge­schlossen. Reisende würden nicht zugelasien. Infanterie und Dragoner suchten die Ordnung wiederherziistellen. Diese Vorgänge kamen in der Duma zur Sprache. Man beschul­digte die Regierung, daß sie die Judenhetzcn selber an stifte. ES soll eine Kommission zur Untersuchung nach Bjelostok gesandt werden.

Ern schreckliches Verbrechen wird aus Shitoinir gemeldet. Im Flecken Janowa wurde die ganze Familie Belzinger, Mann, Frau, zwei Söhne und drei Töchter, ermordet und 20000 Rubel geraubt. Der 13jährige Sohn, em Gymnasiast, wurde gezwungen, den Mördern während dieses schauervollen Vorganges das Licht zu halten. Ter Junge wurde wahnsinnig. Die Mörder, zwei unmündige Juden, zwei Bauern und eine Frau aus Krem, wurden sämtlich ge­fangen, wobei ein Jude erschlagen wurde. Sie übrigen

Erstes Blatt 166. Jahrgang Samstag 16. Juni 1966

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Teil: V. Wrttlo: für »Stabt and Land" und (Bcnd)t5[nQl*: Ernst veß; uir den '21 n- ücinentetl: ÖanS Beck.