Ausgabe 
13.3.1906 Zweites Blatt
 
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fabrik entdeckt. ES wurden neun fertige Bomben vor­gefunden.

Ein Petersburger Korrespondent telegraphiert: Der Priester und-Agitator Gap on sei verhaftet worden.

HeinzerlingS Unterschlagungen.

(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.)'

w. .Al1 V !? d^ärz. Die Ueberraschuntz, welche die gestrige Mftung bes ^parkasienrechners Heinzerling brachte, hat sich bei bem slröötm ^.eil der Einwohner in Trauer verwandelt, lieber aOO wöchentlich zahlende Einleger sind um den größten ihrer Spareinlagen gekommen. Neben etwa einem Drittel qntsituierter Bürger, Handwerker und Kaufleute, die zumeist für Spareinlagen ihrer Kinder die Kasse benutzten, sind die weitaus ^wbte Zahl der Betroffenen Dienstboten. Hcmdllmqsgehilsen und Leute der wenig besitzenden Klassen. Weinend versucht auf der 'w<mrCnl?0b$-n 5^ "ir begreiflich zu machen, daß sie ihre e r, i>ocb notig habe, um die Doktvrrechnung ihrer Mutter

Zu bezahlen. Doch ich kann ihr nirr mitteilen, daß ein tveiterer ^ffenlolal zu gelangen, erfolglos sei. Der .nevrwr von der Oberrechnungskammer in Darmstadt arbeitet MNter verschloffenen Türen, er 1)011 auch nicht das Fluchen eines £h^If^Crnbm.^n^'<s.ber &ür9ibt das größte Recht dazu zu haben, RKJ/Sl äu 'vorten, bis ihm die Tür geöffnet wird.

^chrcrbgehiffe, der noch vor einigen Tagen zu seinen Spar­pfennigen das ganze Erbteil seiner Frau anlegie, ist der Der- f°1«!?!? ntT aufgedeckten Unterschlagungen sollen

n tfon ^^0060 Mk. übersteigen. Die Herren des Vor­

standes kommen von der weiteren Konfrontierung als Belastungs­zeugen vom Amtsgericht zurück. Der Verhaftete bat gestanden, bog ferne Unter)chlaguugen 8 Jahre zurückliegen. Wie tonnte so etwas wohl möglich sein?Zur Quittung über Zahlung genügt die Unterschrift des Rechners" so lautet der § 5 der B^uitgeit Da erst begreift man, wie Unterfdjlcife in so enormer

Die furchtbare Bergwerks-Katastrophe

-m der Maricourtgrube zu CourriereS hat tatsächlich etwa 13-1400 Mens-rnlcben gefordert. Ein Ingenieur drang mit einer starken Arbciterabteilung in dic zweite tyru6e, 280 Meter unter der Erdoberfläche. Die Rettungs­mannschaften vernahmen die Schläge der Werkzeuge, mit denen die Eingeschlossenen versuchten, sich einen Weg durch 'die eingestürzten Holzmassen in die Freiheit zu bahnen. ,Mer die Netter konnten nur bis zu 130 Meter gelangen; von diesem Punkte aus bis zu der Stelle, wo die Un- .glücklichen zwischen Tod und Leben arbeiteten, führte kein -Weg. Es wurden 650 gerettet, deren Kleider zerrissen und verbrannt waren und die zumeist vor Schreck nicht reden konnten. Dann drang man zu den eigentlichen Unglücks­schächten vor und zog 90 Tote heraus.

Die Direktion der Kohlengruben teilt mit, daß in Schacht II 775 Bergleute eingestiegen sind, von denen nur 101 herausbeförderr wurden; in Schacht 2 waren 502 ein- ,gefahren, von denen 306 herausbefördert wurden; au Schacht 3 waren 483 eingestiegen, vvn denen nur 33 ans Tageslicht befördert wurden. Mithin fehlen 13 63 Bergleute, vvn denen man annimmt, daß sie sämt­lich um gekommen sind.

Eine Versammlung der Ingenieure besprach die Frage der Mgrenznng des gefährdeten Gebietes sowie die Mög­lichkeit, die Schächte vvn den tätlichen Gasen zu befreien. Am Sonntag abend glaubte man Rufe aus Schacht 3 zu vernehmen, Zwei Steiger berichteten, noch zwei Pferde lebend gesehen zu haben.

Jetzt sind aber alle Rettungsarbeiten ein­gestellt, weil die Rettungsmannschaften durch dieAusdünst- ,ungen der Leichen und die giftigen Gase, die sich in den Gruben angesammelt haben, gefährdet werden, und weil der die Rettungsarbeiten leitende Ingenieur eine neue -Explosion befürchtet. Ebenso befürchtet man, daß die Luftzusührung den Brand, dessen Stelle man nicht kennt, noch mehr entfacht. Tie Rettungsarbeiten werden erst am Mittwoch wieder ausgenommen werden, weil heute die Beerdigung der geborgenen Leichen stattfinden soll. Von den aus Schacht 4 geborgenen 39 Leichen sind viele bis zur Unkenntlichkeit entstellt, während die aus den Schäch? ,ten 2 und 10 heraufbefördertcn Leichen sämtlich erkennbar .waren, da die hier Verunglückten durch Ersticken umge­kommen sind. Soweit die Personen festgestellt werden 'konnten, limrbcn die Leichen! iiy feie Behausung der Ange­hörigen geschafft.

Ununterbrochen ereigneten sich die furchtbarsten -Szenen. Frauen warfen sich verzweifelt auf die Leichen -oder die verstümmelten Körper ihrer Gatten. Unter den Geretteten befinden sich ungefähr SO Verwundete, von denen einige lebensgefährlich verletzt sind; fünf sind wahn- Jinnig geworden. Einige Frauen noch eingeschlossener -Bergleute rissen sich in ihrer Verzweiflung die ^Kleider vom Leibe und verlangen, in den 'Schacht geworfen zu werden.

, Aie Grubenleitmig versichert, daß in den Gruben die -gesetzlich vorgeschriebenen Ventilationsvorrichtungen tadel­los funktionierten, daß aber die Katastrophe furchtbar plötz­lich, fast ohne Vorzeichen, erfolgte.

TieCompagnie des Mine?" wandte sich an den Bera- »baulKFien Verein in Essen um Vermittelung vvn Hilfe ^nfolgedeffen sind außer der Rettungskolonne der Zeche '/5S>ai£TOff I/?// 11011 der ZecheRhein-Elbe"-Gelsenkircheii 'sechs Mann ab gegängelt

Unterstützungen für die Hinterbliebenen Opfer der Kata- srrophe treffen fortgesetzt ein.

bcr$ ani m Pr verlas der Vorsitzende Doumer eine rfIürung über bic Kataitrophe und brachte in Vorschlag der betroffenen Bevölkerung daS Beileid und die Sympathie der Kammer auszudrücken. Der Antrag wurde angenom­men. .hieraus brachte der Mg. Basly den Vorschlag ein einen Kredit von einer halben Million Francs für die Hinterbliebenen bereit zu stellen. Tie Kämmer bewilligte einstimmig den Kredit. Der Pariser Stadtrat be­willigte 2o 000 Fran es .

r Z", .cjner Versammlung der französ. .Kohlengruben­gesellschaften wurde der Beschluß gefaßt, fürs erste die Summe Von 2000 00 Francs zur sofortigen Verteilung an die Familien der Opfer zu senden.

Ter deutsche Botschafter Fürst Radolin begab sich.Au Rouvier, um der Regierung das Beileid des S?-Ier§ uni> fccr deutschen Reichsregierung auszusprechcn. Gleichzeitig überreichte Fürst Radolin namens des deutschen Mifsvereins 2000 Francs für die Hinterbliebenen der Opfer.

Tie Gegend rvird von den .Hinterbliebenen verlassen werden, um neuen Arbeiterfamilien Platz zu machen. Tie Wiederherstellung der Gruben wird ein Jahr dauern.

. Verluste der Gr u b en g e se lls ch a f t werden QUf 6 Millionen Francs veranschlagt, da sie nach Dem Gesetz den Hinterbliebenen eine Rente aus- setzen muß.

17JlJerfoncii sind bei den Rettungsarbeiten ums Leben gekommen.

Höhe bei einem so verhältnismäßig kleinen Institut möglich sein konnten. Bei so weitgehenden Rechten bc3 Kassenbeamten waren die Pflichten des Vorstandes nm so größer, und es scheint un­wahrscheinlich, daß Die früheren Revisionen mit der gleichen Ge­wissenhaftigkeit wie diesmal vorgenommcn worden sind! Es wäre zu wünschen, daß von Rechts wegen im Interesse der aus den Kreisen der ärmeren Bevölkerung Beteiligten festgestellt würde, inwieweit nicht auch Fahrlässigkeiten Dritter Personen vorliegen. Die Untersuchung ergab außer den Unterschlagungen vvn weit über 100 000 Mark auch noch schwere Wcchselfälscbungen. Heinzer- ling soll soweit gegangen sein, den bejahrten Vorsitzenden der Kässe durch falsche Vorspiegelungen zum Mitunterzeichnen der Akzepte veranlaßt zu haben. Außerdem wurden falsche Spar­kassenbücher vorgefunden, die H. als Devotunterlagen für fehlende Beträge benutzte. Ms Sparkassen-, Armen- und KirchenfonbSrechner bezog et insgesamt über 5000 Mk. Iahresgehalt; er lebte als Junggeselle in den bescheidensten Ansprüchen und bat nach seinen Angaben das Geld zu unglücklichen Börsenspekulationen verwandt. Wie man hört, soll auch ein Gießener Bankhaus eine Forderung von etwa 30 000 Mk. an H. bereits geltend gemacht haben.

Aus SeaSt uno Lans.

Gießen, den 13. Marz.

** Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den prov. Lehrer am Seminar für VolkSschullehrerinncn zu Darmstadt, Schminn, zum Lehrer an dieser Anstalt, den Militäranwärter Phil. Bucher aus Bcffungcn zum KrciZ- bicner bei dem Kreisamt Lauterbach und den Hausmärter im neuen Kanzleigebaude zu Darmstadt, Karl Allebran d, zum Kreisdiener bei dem Kreisamt Worms ernannt.

" Treue Arbeit. Se. Kgl. Hoh. der Groß Herzog haben dem GartnerFriedr. Bauer zu Jugenheim, in Diensten von Frau Ernestine Pauer, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift ,Fur treue Arbeit" verliehen.

** LandeS-Universität. S. Kgl. Hoh. der Groß- h erzog haben am 10. März d. J§. den Privatdozcnten an der Universität Berlin, Profeffor Dr. Hermann Onckcn, zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der LandeS-Universität, und zwar für daS Fach der Geschichte, mit Wirkung vom 16. April 1906 an ernannt.

* Der Vortrag über die Kanalisation, der aus Veranlassung deS Bürgervereins am Mittwoch abend stattsindet, findet nicht in Steins Garten, sondern im Cafe Leib (Theatersaal) statt.

Aus der israelitischen RcligionSgescll- schaft. Man schreibt un§: In den festlich geschmückten Räumen ihrer Synagoge beging am Samstag die israelitische Religionsgesellschaft Gießen die Ei nwei hung einer ihr durch die Munisicenz des Herrn Liebmann Baer gestifteten Ge- setzesrolle. Nach feierlichem Umzuge unter Chorgesang wurde diese, ein Meisterstück der Schreiblunst, alsdann in die heilige Lade gestellt, worauf der Großh. Provinzial-Rabbincr Dr. L. Hirschfeld die Festrede hielt. Hieran anschließend sand am Sonntag abend in der Turnhalle am Oswalds- garten eine Abendunterhaltung statt, die durch einen auf dic Feier deS Tages bezugnehmenden Prolog eröffnet wurde. Jede Nummer deS abwechslungsreichen Programms war ein Schlager und machte sowohl allen Mitwirkenden wie auch den Arrangeuren des Festes große Ehre. Ein ge­mütliches Tänzchen hielt die zahlreichen Anwesenden bis zur frühen Morgenstunde beisammen.

Für ungilti g erklärt wurde von dem Wahl­prüfungsausschuß die Wahl des Landtagsabg. Christ aus Wörrstadt. In Niedersaulheim, Oberfaulheim, Schims­heim, Gamveinheim, Ensheim und Vendersheim müffen die Wahlmännerwahlen neu vorgenommcn werden. Christ (freist war im November v. I. gegen den bisherigen Vertreter de§ Wahlkreises, den Baucrnbundler Wolf, mit 17 gegen 15 Stimmen gewählt worden.

Vom LandesoersicherungSamt. S. K. H. der Großherzog haben den Präsidenten des Ministeriums deS Innern, Geheimerat Ernst Braun zu Darmstadt auf fein Nachsuchen von der Stelle eines ständigen Mitgliedes und Vorsitzenden deS Landesvcrsichcrungsamts enthoben und den Ministerialrat im Ministerium des Innern und Vorsitzenden der Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe, Dr. Karl Usingcr zu Darmstadt, zum ständigen Mitglied und Vor­sitzenden des LandesvcrsicherungSamtS im Nebenamt ernannt.

** Gruppenwasserversorgung Bad-Nauhei m. Zu dem in jüngster Zeit verbreiteten Gerüchte, daß die ge­plante Gruppcnivasserversorgung für die Otte des Horloff- und Wettertalcs und Bad-Nauheim mangels genügender Be­teiligung der Gemeinden nicht in vollem Umfange zur Ausführung gebracht werden solle, wird uns von wohl- unterrichtetcr Seite gemeldet, daß diese Gerüchte jeder Be­gründung entbehren. An der Verwirklichung dieses Projektes wird nach wie vor rüstig weiter gearbeitet. Bei dem sehr regen Interesse, welches seitens der Bevölkerung und seitens der Genieindcn ihm entgegengebracht wird, ist die baldige Ausführung der Gruppenwasserversorgung zu er­warten. Auch die Behauptung, dic bei Inheiden erworbenen Quellen seien weniger geeignet als die bei Lauter gekauften, beruht aus einer durchaus irrigen Meinung. Die Quellen bei Inheiden entspringen ebenso wie die bei Lauter direkt dem Basaltfelsen und liefern nach amtlicher Untersuchung ein vor­zügliches Quellwasser.

** Der Volksunterhaltungsabend, den der Gießener Ausschuß für Volksvorlesungen und verwandte Bestreb­ungen am Sonntag abenD iin Reuen Saalbau veranstaltet hatte, ist als wohlgelungen zu bezeichnen und war vvn den breiten Schichten unserer Bevölkerung sehr gut besucht. Stimmungsvoll wurden dic Darbietungen des Mends mit einem Quartett in Es-dur von Beethoven (Klavier Pianist Hahn, Violine Franz Bauer, Viola Musikdirektor Krauße und Violoncell E. Krauße jr.) eingeleitet. Fräulein Paula^Vuß ayS Wetzlar erfreute die Hörer mit drei Liedern für Sopran, worauf E. Krauße jr. drei Stücke für Violoneell in meisterhafter Weise vvrtrug und hierauf der Gießener Lehrer-Sängerchor zwei Chöre, Frühlingstrost und Sckenkenbachs Reiterlied, beides Volkslieder ans dem 16. Jahrhundert, recht wirkungsvoll zn Gehör brachte. Damit war dec erste Teil des Konzerts beendet. Während des Abends wurde im Saal kein Restaurationsbetrieb ausgeübt, eine Einrichttmg, die auch bei verschiedenen anderen Veranstaltungen in Gießen Nachahmung verdiente. Eine Pause von 15 Minuten langte vollkommen hin, um im Rebensaal sich zu restaurieren. Im 2. Teil des Mends zeigte sich der Pianist I. Hahn als Meister auf dem Klavier. Lehrer Marx, der unseres Wissens das erste Mal öffentlich sich hören ließ, erfreute durch seine prächtige Barittnistimme sowie durch die Art ä seines Vortrages. Die beiden hessischen Volkslieder -Schöner Schatz, mein Augentrost" undTrutze nicht", vorn Gießener Lehrer-Sangcrchvr vorgettagen, bildeten den Schluß des Abends. Ter überaus lebhafte Beifall, den sämt­liche Mftwirkcndc des Abends gezollt erhielten, mag ihnen der beste Lohn fein für ihre uneigennützige Mitwirkung bei dieser

Vvlkstümlickieü Veranstaltung. Ganz besonderen Dank verdient Fräulein Buß aus Wetzlar, da sic sich als Nicht-Gießenerin in den Dienst der guten Sache gestellt hat, und ebenso ihr Begleiter auf dem Flügel, Herr Kantor Schmidt von Wetzlar, Der auch das eine von der Dame vorgetragene Lied lomponiett hat.

-8. Von hausen, 12. März. Heute nacht brachte hier ein junger Mann namens Merz ans Niedergründau zwei hiesigen Burschen durch Neu o lverschlisse schwere Verletzungen an Kops und Seite bei. Merz, der mit einem hiesigen Mädchen ein Verhältnis hat, befand sich auf dem Heimweg, als die beiden ihn bedrängten und er hierauf von seinem Revolver Gebrauch machte. Mcrz wurde verhaftet, ob er in Notwehr gehandelt, muß dic Untersuchung lehren.

X Lau dach, 12. März. Heute wurde mit dem Bau der Fried hofSka pelle begonnen. Die Ausführung der Maurerarbeiten ist Maurermeister Schmidt-Queckborn über­tragen. Er hatte dic hiesigen Maurerangebote um 14 Prozent, den Voranschlag um 7 Prozent unterboten.

XX Schotten, 12. März. Gelegentlich der Eisenbahn- Debatte in der 2. Kammer brachte unser Landtagsabg. Dr. Weber den Wunsch vor, einen Antomobilverkchr in unserem Kreise einzurichtcn. Es sind hierfür die Strecken nach Ulrichstein-Mücke, nach Gedern und nach Sau- bach vorgesehen, der Finanzminister nimmt der Ausführung des Projekts gegenüber eine günstige Stellung ein. Es ist daher die Verwirklichung für das nächste Jahr bei staatlicher Subvention in Aussicht gestellt. Unsere Kreisstadt ist zwar mit Gedern und Laubach über Nidda und Stockheim dezw. Hungen durch die Eisenbahn verbunden, doch erreichen die Bewohner dieser Orte ihre 5kreisstadt schneller zu Fuß als mit der Bahp. Die Eirichtung der Automobilverbindung würde deshalb von erheblichem Vorteil sein.

^Altenstadt, 12. März. Der Rechner der hiesigen Spar- und Leihkasse, Heinrich Eggolt, der 31 Jahre lang das Nechneramt mit großer Treue und Gewiffenhastigkeit' versah, ist am Samstag gestorben.

sd. Pfungstadt, 12. März. Zu dem in einem Teil der gestrigen Auflage bereits gemeldeten angeblichen Mord oder Raubmord sei noch mitgeteilt:

Frau Avon Rothschild Wwe., geb. Sttauß auS Dieburg ist vor 50 Jahren in Pfungstadt zugezogen. Sie ip jetzt zirka 82 Jahre alt, gilt für vermögend und bewohnt in der Pfarr- gaffc ein kleines Häuschen. Sie galt als brave, wohltätige Frau, die mit allen Personen in bestem Einvernehmen stand. Nennens^ werte Geldbeträge batte sie nie im Hause, sie erhielt ihre Coupons usw. regelmäßig nach Bedarf von ihrem Bankier zugeschickt, etc galt auch für zurechnungsfähig, wenn sie auch manchmal chre eigenen Ansichten hatte. Dor einigen Tagen soll sie zu em en Bekannteu gesagt haben, daß ihr Bankier ihr schon zweimal Geld angefordert hätte; wenn sie in Rot kommen sollte, würde sie sich lieber umbringen. Dabei soll der Fran im vorigen Jahre noch eine große Erbschaft zngefall-en fein, lieber den Tatbestand ist zu berieten, daß gestern nachmittag eine Nachbarin die Iran N. besuchen wollte und die Tür verschloffen fand. Sie bei Bekannten vermutend, kam die Nachbarin später wieder. Mit Hilfe deS Polizeidicncrs und des Bürgermeisters wurde dann die Wohnung geöffnet und man fand alles in Ordnung, das Bett leer auf zwei Stühlen ausgebreitet. Trotz aller Mühe konnte man aber Frau N. nicht finden. .Heute früh begannen die Untersuchungen alsbald wieder und man fanb bann bic Frau in dem Hvlzstall, vor bent ein halboffenes Vvrhangschloß hing, tot vor. Sie war vollstärckiig verblutet und man entdeckte am HalÄ, direkt ant Kehlkopf, eine anscheinend mit einer Schere beigebrachte un­regelmäßige Wunde, die aussah, als ob sie mit mehrerer Scherenschnitten beigebracht sei, auch das um Den Ha^ liegende Halstuch zeigte an bet Stelle mehrfache Schnitte. Auffallend ist, daß das Schloß außen hing, doch zeigte sich bald, daß num Mit einem Griff durch bic Tür auch bas Schloß von außen zu machen fann. Der Oberstaatsantvalt, ein Richter, der .Kreisarzt w bet Gerichtsarzt Dr. Popp stellten diese Tatsachen fest, doch war bisher ein Instrument, mit bem die Tat nusae- fsthrt sein konnte, nicht zu finbcu. Zunächst schließt bie Staatsanwaltschaft nfach Lage ber Verhältnisse auf einen Selbstmord. In der Bevölkerung ist man ber Meinung, daß einige polnische Händler, welche sich gestern im Ort be­fanden und heute verschwuiidcn sinb, bic Tat aus Habgier ausgeführt haben: einer berselben ist heute in Griesheim ver­haftet worben. Tie Leiche kam heute ins Leichenhaus, sie wird morgen seziert unb beigesctzt werben.

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In bem Artikel: Dic Zahl her Stubenten der ev. Theologie (2. Blatt v. Rr. 60) muß cs gegen Ende heißen statt vor 20 Jahrep v o r 40 Jahre n".

Handel und Verkehr, Volkswirtschaft.

Die Konzentration irn Bankgewerbe wirb fort­gesetzt burch bic bem Konzern der Darmstädter Bank angehörenbe Rorbwestbeutschc Bank, welche bie Deutsche Nationalbank in Bremen in sich aufnahm. Letztere besitzt ein Kapital von 15 Millionen Mark, welches gegen, 12»A Mill. Mark neue Aktien ber Rordwcstd. Bank umgetauscht -werden, die aufcibcm noch 4 Millionen Mark zur Verstärkung ihrer Betriebsmittel ausgibt. Anfang 1900 mit einem Aktienkapital Vvn einer Million arbeiten!), erhöhte bie Nordw. Dank es bis 1903 auf 3 Millionen unb trat bann zu ber Darmstädter Bank in nähere Beziehungen. Zugleich würben ncuerbings 2 Mill. Mk. Aktien ausgegeben, von btnen bie Darmstädter Bank 1 Million übernahm unb in ihrem Portefeuille behielt, um sich einen dauernden Einfluß auf die Nordwestbeutsche Bank zu sichern. DaS Aktienkapital wurde Anfang 1905 auf 7 Mill. Mk. Vermehrt. Jetzt steigt bas Slkticnkapital auf 25 Millionen Mark. Die deutsche Rationalbank in Bremen, die jetzt ausgesogen wird, hat in den letzten Jahren keine günstigen Ergebnisse erzielt. Durch die Fusion der Dank mit der Nordwesideutschen Bank erzielte diese durch den Aktienurntausch einen Buchgewinn von rund 2i/3 Mill. Mark, der zur billigeren Einstellung jener Wette in die Bilanz bienen kann. Daburch wird es möglich sein, spätere beffere Divi- benben vorzubereiten. Es kann tvohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Norbwestdeutsche Bank mit bieser Fusion nur beit Wünschen bet Darmstäbter Bank gefolgt ist. _

Reichsbank. Am 26. b. M. wird in Saalfeld (Saale) eine von der Reichsbankstelle in Gera (Reuß) unb am 5. April in Kaukehmcn eine von der Reichsbankstelle in Tilsit abhängige Reichsbanssuebcnstelle mit Kassencinrichtung unb beschränktem Giro­verkehr eröffnet werben.

Deutsche Bank. Die Hauptzi/fern bes Abschlußberichtes für 1905 sinb burch ein Kommuniquo bekannt gcivvrden. Inter­essieren dürfte u. a., baß bie auf den bauernben Beteiligungen ruhende stille Reserve auf 61.9 Mill. Mr. gegenüber den Kursen des Bilanztages beziffert. Der Geschäftsbericht äußett sich auch über die schwebenden allgemein wirtschaftlichen Fragen. Die russischen Vcrhältttifse saßt er optimistisch auf unb glaubt an bie allmähliche Derminberung ber Kursverluste des Publikums. Bedeutende industrielle Aufträge erhofft er ebenfalls. Pessi­mistischer stellt sich der Bericht zu der Frage nach der weiteren KVnjuukturcntwickluug in Deutschland: Das verffossene Jahr ge­hörte in wirtschaftlicher Beziehung zu den besten, wobei aber bie bevorstehende Erhöhung ber Zollschranken förbernb mitwirkte. Die deutsche Industrie habe gewaltige Anstrengungen gemacht, um durch Kvnzcutratwn ber Betriebe, Verbesserung ber Arbeits- nietbvDen und Ermäßigung ber Produktionskosten sich auf bie erschwerten Absatzverhältniffe vorzubcreiten; aber es sei kaum anzuiiehmcu, das; bie gesteigerte Prosperität bes beutschen Wirt­schaftslebens sich unter den mn 1. März in Lttaft getretene^

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