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12.4.1906 Erstes Blatt
 
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Donnerstag 12. April 1906

Erstes Blatt

156. Jahrgang

Gietzener Anrei-er

General-Anzeiger ** **

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen

BezngSpretSr monathdi 75'HL, viertel* (cihrhd) 2.20; durch ^IbholC' u. ^rpciqftellcn monatlich Go Pf.: durch die Post2JIL2. viert cl- jährl. auSichl. Belrcllq. Annahme von Anzeigen für die Tagesiuuniner biä vormittags 10 Uhr, Zcilenpreis; lokal 13'Bt, auswärts 20 Plg.

Verantwortlich *ilr den pohL und aflgent. Heil: P. Wittko; (i"it Stab: und Land" und ,6)crid)tSfaal" Ernst veb; für den An- üeiacntcil: £>aix5 Beck.

Nr. 87

Erscheint täglich aiiBet Sonntag-.

Dem (siebener?lnzeiqer werden im Wcdistl mit dem hessischen Landwirt bic Gietzener Kaminen« blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotatwnsdruck u. Ver­lag der Brüh l'ichen Unwers.»Buch-u.Ttein- bruderet. DL Lange. Redaktion. Ervedttton und Druckerei:

Gchulstratze 7.

Redaktion 113

Verlag uExved.er^Höl 9!brefie für Tevesdzen:

Anzeiger Gieße».

Ire yeuLige Kummer umfaßt 12 Seiten.

Karfreitag.

Eon unserer Zeit sagen bie Einen, daß das Interesse für tctigiuK Singe cr^cblim erstarkt sei, während Andere das Gegen­teil behaupten. Tatsächlich mad>i sich, wovon wir vor knrzem an dieser Stelle eingehende Mitteilung machten, ein auffälliger Diü d g a n g des Studiums der evangel. Theologie bemeribar. Ein paar recht bcachtenÄverte Zuschristcu aus Theo- logenireiien gaben den damals auSgesproci^ueu Ansichten über die Motive dazu int ivesentlicl>cn recht, bestätigten auch den Rück­gang und erhofften besseres fcfyon von der nächsten Zukunst. Szto'v dieser Abnahme des Theologiestudiums aber haben doch, ben fünf Leipziger Ilugblattkandidaten und ihren Vcrteidigerit zum Trotz, diejenigen recht, die von einer Zunahme der religiösen Interessen sprechen. Allerdings wendet sich heute dieses Interesse meistens anderen Fragen zu als früher. Einst stritt man über Fragen des Dogmas oder des Kultus, über die Rechtfertigung durch oen Glauben, über den Wert der guten Werke oder übet die Gestalt des Abendmahls. Heute wird zwar auch zuweilen noch die eine oder die andere dieser Fragen einem Geistlichen, ja ganzen großen Gemeinden verhängnisvoll. Es sei nur an den Bremer Abendmahls st reit erinnert. Zumeist aber ist es doch die Religions g e sck i ck)t e, auf die sich die Aufmerksamkeit richtet, und zwar sind es Fragen, die sich auf die früheste Zeit des Christentums beziehen. welcher Zeit und in ivelcher Reihenfolge sind die einzelnen Schriften des Reuen Testaments eutstandeu? Und wer hat sie versaßt? Die Antworten, die aus diese Fragen gegeben werden, haben nxniytr um ihrer selbst willen Wert, alS vielmehr darum, weil sie den Weg zu der Erkenntnis bahnen, was die eigentliche Lehre des Stifters der äwistlickzen ^Religion gewesen fei und unter welchen Einflüssen sie Trübungen ausgesetzt worden sind. Die stets sich erneuernden Versuche, aus mangelhaftem und unzusammew hiuigenbem Material ein Bild von dem Leben Jesu unb seiner Lehre und von der Entwicklung der urckwistlicheu Zeit zu geben, entsprechen einem tief empfundenen Verlangen, über diese Dinge aufgeklärt 511 werden. Der schlichte fchleswigsche Laitdpastor Frensseu freilich, über den die Positiven ihr Verdammuugs- uc'etl gesprochen haben, weil sie ihn süc einen Monisten halten, d. h., kurz gesagt, für einen Mann, der Geist unb Körper, Kraft und Stosst 6)0it unb Welt als untrennbare Wesenheiten des Seienden betrachtet, hat in seinem RomanH i l l i g e n l e i" die Zahl dieser Versuche nicht wertvoll vermehrt. Er hat in feinem als Dichtung int ganzen (auch sprachlich in seiner An­lehnung an Luthers Deutsch und alttestameutarische Künstformen- krastvotten, gefunden und, was die Hauptsache ist, von frommer HerzeuseiusaU diktierten Buche den Werdegang des Menschen Jesus auf seine besondere Psnckwlogenart zu erklären versucht; d. h. er hat sich 'bemüht, ihn mir seiner treuperzigen, ländlichen Naivetät aus der Eltge seiner eigenen Heimat und seines eigenen Denkens ohne sonderlichen Answaud dichterischer Ein- bildungs- und Gestaltungskraft nachzusämssen. Doch u. E. macht man auf positiver Seite viel zu viel Aushebens von demtheolo- <]i; jen" Inhalte dieses DucheS, das doch nur als Dichtung genommen werden sollte iirtb nicht alS theologische Streitschrift, ab die sie doch allzu wenig Neues und Originelles bietet. Zu der modernen Theologie zählt man Frensseu u. E. mit dem gleichen Rechte, wie wenn man etwa Friedrich Nietzsche zu ben deut- scheu Dichtern oder Maximilian Harden zu den deutschen Staats­männern rechnen wurde.

Ju dem Zcitabschnttt, den man als das Zeitalter der Auf­klärung zu bezeichnen pflegt, stand das religiöse Interesse aus feinem Tiefpunkt. Alle NeligionSgeschichten, so sagte man da­mals, enthalten Wuudergeschichten. Wunderglaube aber ist Aber­glaube. Schriftstücke, die uns bewegen wollen, an Wnnder- geschichten zu glauben, sind ihrem ganzen Inhalt nach verdächtig. Der Mensch soll sich vom Wunderglauben und Llberglauben frei machen; dazu ist ihm die Vernunft gegeben. Es gibt eine natür­liche Religion, die unS lehn, an die drei großen Worte (Ritt, Freiheit, Unsterblichkeit 511 glauben. Das genügt uns; welchen Wert hat es für uns, im Schutt der Vergangenheit zu graben? So ungefähr lauten die Erwägungen, die man zur Zeit Vol­taires, in dem Zeitalter anstellte, das vvn Goethe als dasselbstgerechte" Jahrhundert bezeichnet wurde.

Heute denken wir über diese Dinge anders. Wir wissen, daß dem Menschengeschlecht vernünftige Einsichten und der Zusammen- haug der Dinge nicht in die Wiege gelegt worden sind, sondern daß sie es in mühseliger Arbeit hat erwerben müssen. Wir wissen, das; die Aufklärer nicht auf den hohen Stand ihrer Einsichten hätten podjen dürfen, wenn diese Einsichten nickst in angestrengter Arbeit allmählich und auf Wegen, die durch manche Irrtümer hindurch führten, erworben worden wären. Die Menschheit würde nicht auf dem Standpunktestehen, auf dem sie heute steht, wenn jie nicht auf dem Wege geführt worden wäre, auf dem sie durch die Weltgeschichte geführt worden ist. Wir stoßen in der Welt­geschichte zwar aus viele zufällige Erscheinungen, die gänzlich hätten ausbleiben, oder die sich in ganz anderer Weise hätten vollziehen lonnen, als sie sich vollzogen haben. Mer im großen und ganzen herrscht in der Weltgeschichte wie in der Natur das Gesetz der Notwendigkeit. Keine der Entwicklungsstufen, auf denen sich die Menschheit jemals befunden hat, hätte ausbleiben können.

Ni.mand kann sich der Einsicht entziehen, daß das Christen­tum eine grandiose Erscheinung der Weltgeschichte ist. Wohl hat das klassische Altertum eine hohe Kültur geschaffen, aber dieser Kultur war keine Gewähr der Dauerhaftigkeit verliehen. Griechen­land ging unmittelbar, nachdem cs Wissenschaft und Kunst zur höchsten Blüte gebracht, einem jähen Verfall entgegen, und die gesamte griechische Kültur war in Gefahr, von der Barbarei wieder ausgelösäst zu werden. Die Macht des römischen Welt- staates legte sich schützend über diese Kültur, aber dieser Schutz hielt nur einige Jahrhunderte, nicht langer vor. In der christlichen Welt bereitete sich eine neue Kultur vor, die sich zwar viel langsamer entwickelte, als es der griechischen Kültut gegönnt war, aber die Gewähr der Dauer in sich trug und sich nicht auf einen engen Kreis beschränkte, sondern sich über die ganze Menschheit ausdehnte. Wissenschast und Künst begannen von neuem zu blühen und nahmen die erhaltenen Neste der anti­ken Kultur in sich auf. Neue Mittel boten sich dar, bic Natur dem Menschen untertan zu machen. In Entdeckungsreisen wurde die Kenntnis Vvn der Gestalt und Ausdehnung der Erde ge­wonnen : durch Erfindungen wurden die Kräfte der Natur dem Willen des Menschen untertan gemacht.

In Wunder träumt in uns die Gotteskrast Erlösung aus Naturgefangenschaft.

Wo nicht Erlösungsmär gezeigt den Pfad, Gelingt auch nimmer die Erlösungs t a t"

sagt Wilh. Jordan in einer seiner schönen und tiefenAn­dachten", betiteltOsterfragen".

Gerade die Ehrfurcht vor der Bedeutung des Christentums ist cd gewesen, die zu dem Bestreben Veranlassung gab, den Ur­sprung des Christentums zu erforschen. Unzählige Streitig­keiten über den Sinn der christlichen Lehre waren entstanden nnd hatten zu blutigen Kriegen geführt. Es war klar, daß der Sinn dieser Lehre von vielen mißverstanden worden war. Es mußte daS Verlangen erweckt werden, den wahren Sinn dieser Lehre zu ermitteln.

Es gab nur einen Weg, zu diesem Ziele zu gelangen. Jede einzelne Urkunde, die uns von dem Leben und der Lehre Zesn Bericht gab, mußte auf ihre EntstchungsgcschiÄe hin genau untersucht werden. Man mußte fragen, wer sic geschrieben hat, wann sie geschrieben wocde.i ist, ivelche geistige Einflüsse aus den Verfasser cingewirkt haben, welche Gewahr er dafür bietet, daS, waS er erfahren hatte, richtig aufjufanen, oder welche Umstände ihn verleitet haben können, das, was er erfahren hatte, mißzuverstehen. .Von dem Leben des Apostels Paulus und seinem BilhunAskreis, ebenso von den übrigen Verfassern der neuchrist­lichen Schriften mußten wir ein klares Bild gewinnen. Nur aus diesem Wege konnten wir hoffen, endlich auch von Jesu selbst, von seinem Leben und seiner Lehre ein klares Bild zn ge­winnen.

Unendliche Arbeit ist auf dieses Bestreben verwendet worden, und, wie daS Mensck-euloS ist, viele Irrtümer sind dabei begangen worden. Aber wer fich vor der Gefahr fürchtet, zu irren, wird nie zur Wahrheit gelangen. Und der Gewinn an Wahrheit hält uns schadlos für alle begangenen Irrtümer; und bic Hoff­nung, der Wahrheit immer näher zu kommen, wird nie auf- gegeben werden.

Alle diese Bemühungen find nicht denkbar ohne ein warmes religiöses Interesse. Nicht darauf alleiu _ kommt es an, die Grenzen unseres Wissens um einen Markstein weiter hinauszu­schieben, sondern darauf, eine Uebcrseugung zu gewinnen, bei welcher der Mensch mit sich und seines Gleichen ut bewusster Harmonie leben, die Einsichten des Kopses mit dem Begehren des Herzens in Einklang bringen kann. Nicht int Interesse der Wissenschaft allein fordern wir die Freiheit der Forschung, wir fordern sie zugleich im nwhlverstandenen Interesse der Religion.

Jesus ist unter der Negierung des Tiberius auf Befehl des Pontius Pilatus gekreuzigt ivordcu. Er hat sich zum Opfer ge­bracht. Welches die UeberZeugungen waren, für die er diese Opfer gebracht hat, welches die Lehren waren, di-' er durch feinen Opfer­tod hat bekräftigen wollen, danach wird weiter und weiter ge- sorscht werden. Es ging ihm wie jedem großen Manne. Jede Zeit hat fein Bild anders aufgefaßt, und jede folgende Zeit wird es reiner auffosftn.

LoUtrsche Tagesschau.

lieber dev «voraussichtlichen* .'.u8<ug der Steuerreform ersährrs einer unserer Beniner Mitarbeiter aus Reichstags- kreiscn, daß in ähnlicher Weise wie s. Zt. beim Zolltarif mil eurem Kompromiß zwischen der Negierungsoorlage und den vorläufigen Beschlüssen der Kommission gerechnet wird. Bon vornherein scheint man allerdings die höchst un­populäre Fahrkartensteuer und die Reichser bschasts- steuer von einem solchen Kompromiß ausschließen zu wollen, bilden ja diese beiden schwerwiegenden Positionen mit einer Gesamt-Veranschlagung von rund 100 Millionen Mark das Rückgrat der ganzen Steuerreform. Von den benötigten 250 Millionen sollten, nach maßgebenden Zentrumstimmen, 25 Millionen durch die Zollüdcrschüsse nach dem neuen Tarif und weitere 25 Millionen durch ungedeckte Matrikularbeiträgc der Emzekstaatcn beschosst werden. Diese Auffassung wird vom Relchsschatzamt bestätigt. _ Von dem Fehlbeträge von 72 Millionen, den die Kouimissionsöeschlüffc gegen die Re­gierungsvorlage ausweisen, bliebe somit eine Differenz von 22 Millionen. Zur Deckung dieses Ausfalles ist ziemlich all­gemein der Ausfuhrzoll auf Kali und Lumpen mit 8 Millionen, die Maischraumsteuer mit 5 Millionen unb eine Wehrsteuer, die nach mäßiger Schätzung fünf­zehn Millionen bringen soll, in Aussicht genommen. Wenn auch in Zentrumkre'.sen gegen die Erhöhung der Biersteuer Bedenken weiterbestehen, so rechnet man doch bestem Ver­nehmen nach damit, daß das Kompromiß an dieser Frage nicht scheitern wirb. Andererseits aber scheint man dort auch entschlossen, der Rechten keine weiteren Kon­zessionen auf dem Gebiete der Reichserbschaftssteuer zu machen.

Bezeichnend für den durch die Erkrankung des Reichs­kanzlers geschaffenen Ernst der Lage ist die ausdrückliche Ver­sicherung vieler Parlamentarier, auch der verschiedensten Richtungen, daß das Gelingen der Steuerreform zu einem guten Teil an die Personen des Fürsten Bülow und des Staatssekretärs Frhrn. v. Stengel geknüpft sei. Es müsse ein ganz besonders geeigneter etwaiger Nachfolger im Kanzleramte sein, dem der Reichstag die Milkioneuergeb- nisse der Steuerreform ohne erneute Bedenken in die Hand legen würde.

Die Tragweite des immerhin noch recht prekären gesundheitlichen Zustandes deS Fürsten Bülow es handelt sich um die trotz ärztlicher Bemühungen nicht völlig her gestellte Bewegungsfähigkeit der Beinewird dadurch in das düstere Licht gerückt, in dem Wissende den Anfall des Kanzlers am 5. April von Anfang an sehen wollten.

Heer und Flotte.

Generalleutnant v. Duli tz, Kommaud. der 5. Division, wurde unter Beförderung zum General der Arli.'.erie zum Inspekteur der Fußartillerie, Generalleutnant v. Pfühl, Kommandeur der 28. Division (anstelle v. Per- bandts), zum Generalmspekteur des MUitär-Erziehungs-

BllbungswesenS unb gleichzeitig zum Stellvertreter des Prä- sibenten des ReichsmilitärgerichtS in Fällen der Verhinderung desselben ernannt. Generalleutnant Held, Stommanb. der 15. Jnf.-Brig., würbe zum Kommandeur der 4. Division, Generalleutnant v. Fabeck, Kommandeur der 25. Infanterie- Brigade, 511m Kommandeur der 28. Division, Generalleutnant 0. Haugwitz, Kommandeur der 34. Juscmt.-Brigade, zum Kommandeur der 9. Division, Generalleutnant v. Twar- bowSki, Kommanb. der 32. Ianfont.-Brig., zum Kommanb. ber 6. Division, Generalmajor Graf Schlieffen, Kommanb. bcr 5. Kaoallerie-Brig., unter Beförderung zum General­leutnant zum Kommand. ber 5. Division ernannt General­leutnant von Festenberg - Packisch, Konimand. ber 21. Kavallerie-Brig., würbe zum Chef bcS Militär-Nett- knstitutS ui Hannover, Generalleutnant Flügge, Kommanb. dec 3. Fußartillerie-Brig., zum Inspekteur ber 2. Fußartillerie- Inspetiiou, Generalmajor v. Falken Hayn nnlcr Beförberung zum Generalleutnant zum Inspekteur bcr 3. Kavallene-In- ipeklion, deren Geschäfte er bisher wahrnahm, ernannt Generalmajor 0. Salisch, Kommanb. der 5. Garbe-Jn- fantcrie-Brigade, wurde zum Kommandanten von Spandau ernannt

Dte Aussenanleihe uud sonstiges Aussischeü.

Die r u j s i s ch e n Z e i t u n g c u beginnen gegenDeut sch­lau d Stellung zu nehmen, weil die neue Milliardenauleihe nickst an den deutschen Markt gelaugt. Nach einem Petersburger Telegramm derVoss. Ztg." erhebt dieNowojc Wremja" gegen Die dciusck>e Negierung Den Vorwurs, daß jie die Anleihe in Tcutschlmid nickst zulchsc. Weshalb die Gereiztheit, wenn, wie in Pans beh.iuptct wird, die Anleihe einenLoloffalen Erfolg" zu erwarten hat? ES scheint doch, al» ob man 111 Petersburg nickst ganz so siegesgcivitz sich suhlt und darum die Mitnstrkung Deutschlands vermisst. Dai; die Anleihe erneu Zcickmungs- und Üimgenolicks-Erfvlg haben wird, glauben wir schon. Die Speku^ lariou macht bereits jetzt Gesckstifte mit den neuen Werten unb jie wirb sich an der Zeichuung mit dem stärksten Eifer beteiligen.

u r fragt sich, w a S d a r n a ch k 0 m m t. Diejenigen ftäufcr der Anleihe, die ein Anlagepapier erwerben wollen, dürften an ihrem Besitz nicht viel Freude haben. Die internationale Speku­lation will verdienen, und sv wird der Kurs der neuen Russen wahrscheinlich h i u und her fliegen. Solck>c Beweglichkeit maüit zwar dem Börsianer Vergnügen, aber dem kleinen Kapitalisten, den die bwhc Verzinsung seiner Er" sparuissc aygelo. t hat, ist die Unruhe ein Greuel. Wir uc Deutschland können nur erfreut sein, daß anderwärts dies Fang- "allspiel getrieben wirb. Auch ichcüit die Besorgnis nickst gerechl- fertigt, Rußland werde nun der deutschen Industrie die Be- iielluugcu entziehen. TasBerl. Tagebl." Ijut Inhaber von Ausfuhrgesck-üften befragen lassen, die " speziell auf die Kund­schaft Rußlands angewiesen lind, und burckwus beruhigende Ant­worten erhalten. So weist einer der Befragten darauf hin, daß, was Iiußland jetzt von uns beziehe, es uns abkaufeu müsse, da eS die betrefsenden Artikel sonst nirgends in derselben Güte und zu demselben Preise erhalte. Das ist nüchtern und kauf­männisch gesprochen. Soweit geht die Liebe deS Russen zum Zranzvjen nicht, daß er sich, wie eS wiederholt während deS russisch japanchuieu Krieges vvrgekommen ist, mangelhafte und teure Ware aufhalsen läßt. Während deS Krieges befand sich Rußland in der Zwangslage; die deutschen Ausfuhrhäuser tonn­ten nicht alle Bestellungen bewältigen. In Fricdenszeitcn wird Rußland da teufen, wo es gut teuft. Geschäft ist Geschäft.

Tie in einer Anzahl Gouvernements Anfang dieser Woche gewählten Duma-Mitglieder gehören fast ans- s chli e ßlick ber Opposition an. Tie tekhiituttonell-dcmo- t'ratische Partei verfügt bereits über 106 Dkandatc. Die Re­gierung greift zu allerhand Mitteln, um die Opposition zu fchwäckien. So wurden in mehreren Kreisen aus nichtigen Gründen die Wahlen annulliert, in anderen die demokratischen Wahl­männer von der Liste gestrichen und durch regierungsfreundliche Kandidaten ersetzt, in anderen Kreisen wieder einfach verhaftet. In Lo d z haben die Sozialisten die Wahlen ber Arbeiter für die Duma verhindert. Alle Fabriken haben den Betrieb eingestellt unb es ist zu blut ig e n Z u sa m men stö ße u gekommen. Der Straßenbahnbetrieb ist ganz eingestellt. Die Polizei hat eine geheime Druckerei entdeckt und Dokumente beschlagnahmt. 40 Personen sind verhaftet und nach Warschau gebracht worden.

In dem poln. Städtchen Blonie haben Katholiken die von Sektierern besetzte Kirche zurückerobert.

Die Untersuchung gegen General Stössel ergab, daß die von ihm herrühreuden offiziellen Meldungen über die verzweifelte Sage von Port Arthur unbegründet waren, weil große Munitions­mengen vorhanden waren.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. April. Bei der Mittagstafel auf Schloß Bellevue, 511 der Staatssekretär v. Tschirschky und Ge­mahlin geladen waren, überreichte dec Kaiser dem Staats­sekretär den Kronenorden erster Klasse.

Der Staatssekretär des Innern, Graf v.Posadowsky, wird sich, wenn nicht etwa die Vertretung des Reichskanzlers ihn hier zurückhalten sollte, zur Eröffnung der 2lusstellung nach Mailand begeben. Im Behinderungsfalle ist es nicht ausgeschlossen, daß der Kultusminister an seiner Stelle dorthin reist. Ter sranzösische Handelsminister wirb bcr Er­öffnung ebenfalls beiwohnen.

DieRorbb. Allg. Ztg." schreibt: In ber Presse werden Angaben über die Besetzung der Stellen des Unter- staatssekretärs des neuen Reichs-Kolonialamtes, des Dirigenten ber Personalabteilung bieses Amtes, wie auch über ben Wechsel im Gouvernement von Kamerun verbreitet. Wir stellen fest, baß bic betreffenden Mitteilungen inhaltlich falsch sind. Bevor nicht ber Etat beL Reichs- Kolonialamtes vom Reichstage in dritter Lesung genehmigt sein wirb, kann über bic Besetzung ber neuen Stellen wie in den schwebenden Kolonial-Personalsragen keine Entscheidung getroffen werden nnb es sind auch für die einzelnen Poste»