daß fic die Gelder von gewissen politischen Gruppen erhalten haben, die die Anarchisten als ihre Werkzeuge benutzen.
— Amtlicher Erhebung zufolge sind durch das Bomben- attentat 31 Personen getötet worden, bezw. ihren Verletzungen erlegen; neun Verwundete schweben noch in LcbenK- aefaln Tie Untersuchung hat ergeben, daß der Dir cktor der modernen Schule in Barcelona, Ferrar, bei dem Morral beschäftigt war, stark belastet wird. Der Direktor hat nnt Morral bis zum Tage des Attentats in freundschaftlicher Verbind- geftandcu. Der Justizminister glaubt, daß Ferrar von einem Attentat gewußt hat und hofft, einem Komplott auf die Spur gekommen zu sein, da mehrere Hunderttausend Pesetas Bankguthabens Fcrrars beschlagnalnnt nmrden. Der „Jmparcial" behauset, das; in der Rinde eines Baumes im Park von Retiro die Ankündigung des Attentats am Hochzeitstage eingeschnitten gewesen sei.
Bern, 14. Juni. Der Bundesrat besclstoß heute, die an der internationalen Konferenz für Arbeiterschutz vertreten gewesenen Staaten zu einer neuen diplomatischen Konferenz einzuladen. Dieselbe soll im September in Bern zu- sammentreten und sich mit der Frage der Aufstellung eines internationalen Vertrages betr. ein Verbot der Nachtarbeit der Frauen in der Industrie befassen.___________
Aus dem parlamentarischen Rußland.
In der ReichSduma erklärte am Donnerstag der Ober- prokurator im Kriegsministerium, Generalleutnant Pawlow, die Todesstrafe könne vom KriegSmini stcr nicht abgeschafft werden. Dieser habe nicht daS Recht, sich den Entscheidungen der Gerichte in den Weg zu stellen. (Rufe: Mörder! Henker!) Der Präsident droht die Sitzung zu schließen. Die Abgg. Kusm, Laraoaew und Ledusky halten heftige Reden unter lärmenbcm Beifall. Sie richten heftige Angriffe gegen die Regierung und lenken die Aufmerksamkeit auf die Verzweiflung, die sich des ganzen Landes bemächtige und zu fürchterlichen Geschehnissen führen könne. Der Priester Afnafflew erinnert an den Namen des Leutnants Schmidt in Sewastopol, den er als Freiheits- kämpfer feiert. Redner schließt: der Zorn Gottes werde auf die Uebeltäter piederfallen, sie würden beim Gesetze kaum Schutz finden, wenn das erbitterte Volk aufstehen werde.
In einer unter dem Vorsitz des Prof. Potraschitzki abgehaltenen privaten Beratung sprachen die bäuerlichen Abgeordneten sich bestimmt gegen die Bild ring eines Landsfonds zur Verpachtung an landarme Bauern und für die Ueberlaffung von durch Enteignung verfügbar zu machenden Landes aus dem Privatbesitz an die Bauern als volles Eigentum aus.
Man meldet aus Odessa, daß sich eine Bande Revo- lutionäre Eingang in das Gebäude der Zeitung „Krimski Wiestnik" in Sewastopol verschafften, worauf sie die Druckerei zu ihrem Zweck benutzten. Die Eindringlinge zwangen das Druckereipersonal, ein revolutionäres Manifest herzustellen. In diesem Manifest wird erklärt, daß, falls die Regierung die Obstruktion gegen die Reichsduma nach dem 1. Juli fortsetzen sollte, eine neue Schreckensherrschaft in Rußland beginnen solle, gegen welche alles bisher Dagewesene Kinderspiel sei.
In O d e s s a wurde der Direktor Kirchner von der großen Typographie der südrüssischen Gesellschaft von streikenden Setzern erschossen.
Die Haöak-Werufsaeno^enschafL und der Deutsche Haöakvcrein
tagte, wie uns aus Hamburg geschrieben wird, dort am 14. d. Mts. Die Genoffenschaft erledigte die gesetzlichen bezw. statutarischen Formalien und bewilligte einen Beitrag zur Kaiser Wilhelm- und Kaiserin Viktoria Auglista-Stiftung für Förderung der Unfallverhütung u. s. w. aus Anlaß der Silberhochzeit des Kaiserpaarbs.
Der Tabakverein hielt seine Jahresversammlung ab. Aus dem von Syndikus Schloßmacher (Frankfurt a. M.) erstatteten Geschäftsbericht ist zu erwähnen, daß die Vorbereitungen für eine 1907 in Verbindung mit der Gartenbau- und Kunstausstellung in Mannheim geplante Tabak- fach aus sie l lu n g bei dem großen Interesse, welches dieser Plan namentlich bei den Hilfsindustrien des Tabakgewerbes finde, einen guten Erfolg verheißen. Auch die Ausstellung für Heimarbeit, welche im vorigen Winter in Berlin stattgefunden hat, kam zur Erörterung. Es wurde dabei festgestellt, daß dieselbe über die Lohnverhältnisse in der Hausindustrie des Tabakgewerbes kein richtiges Bild gegeben habe, weil Ausnahmefälle als typisch erschienen seien.
Ueber die Tätigkeit des Vereins in der Abwehr der Steuergefahr erstattete der Vereinssyndikus ebenfalls eingehend Bericht. An denselben schloß sich eine Aussprache, in welcher der soeben den Bundesrat beschäftigende Entwurf von Ausführungsbestimmungen zum Zigaretten st euerge setz als mit dem Geiste diese? Gesetzes nicht vereinbar- lich bezeichnet wurde. Derselbe mache da§ Zigarettensteuergesetz zu einem Rauchtabakgesetz, indem durch die vorgesehene Begriffsbestimmung für feingeschnittene Tabake so ziemlich die gesamte Rauchtabakfabrikation unter Steueraufsicht gebracht werde. Es sind noch im letzten Augenblick telegr. Vorstellungen an das Reich-Schatzamt und den Bundesrat gerichtet worden; auch wurde, da während der Versammlung die Drahtnachricht einlief, daß die Entscheidung im Bundesrat nicht vor Samstag erfolgen werde, ins Ange gefaßt, zwecks persönlicher Bemühungen eine Abordnung nach Berlin zu senden.
Zur Frage der Ausdehnung der Krankenversicher- auf die Hausindustrie wurde eine Erklärung des Inhalts angenommen, daß nur die in der Hauptsache aus haus- industrieller Tätigkeit ihr Einkommen beziehenden Haus- industriellen zur Krankenversicherung zugezogen werden sollen oder eine andere Form gesunden werden müsse, durch welche der industrielle Arbeitgeber nur insoweit für die Zwecke der Krankenversicherung der hausindustriellen Arbeitskräfte in Anspruch genommen wird, als sie für ihn tätig sind.
Schließlich hielt Syndikus Dr. Stresemann (Dresden) einen Vortrag über die Gesellschaft sächsischer Industrieller zur Entschädigung der 9(rbeitgeber bei Streiks. Auf Vorschlag Schloßmachers faßte die Versammlung den Beschluß, es möge den Mitgliedern das Material zugängig gemacht und denselben zur Erwägung anheimgegeben werden, ob ein Anschluß an eine solche Organisation angezeigt erscheine.
Der Aall Karlö vor den Keschworenen.
th. Gießen, 14. Juni.
(Fortsetzung.)
Die Vernehmung des Angeklagten nahm den ganzen Vormittag in Anspruch. Carls gab an, daß er am 6. "August 1860 in Gladenbach geboren und mehrmals vorbestraft sei. Er ist längere Zeit in Amerika gewesen, wo ein Bruder von ihm lebt, und ist von dort Anfang der 90er Jahre zurückgekehrt. Er hat Dachdeckerei betrieben und auch Häuser gebaut, dre er stets mit Nutzen verkauft hat, sodaß er heute ein vermögender Mann ist. Er bestreitet mit aller Entschiedenheit, den Brand in der Nothenbergerschen Hofreite am 24. Februar verübt zu haben. Betreffs des Grunderwerbs am Neuen weg erklärt er, ihm sei bekannt gewesen, daß die Stabt früher einmal in Aussicht genommen hätte, eine Verbindungsstraße von der Johannesstraße nach der Mstadt durchzuführen. Er habe den Löwenhof vor mehreren Jahren für 110 000 Mk., später die Thomassche Hofreite für 36 000 Mark und dann das Glaser Luhsche Besitztum für 35 000 Mark erworben, sodaß ihm sein Besitz am Neuenweg im ganzen 181000 Mk. kostet. Für die Wirtschaft zum Löwen wird zurzeit 3000 Mk. Miete bezahlt. Auf den Hinweis des Vorsitzenden, daß dies doch keine entsprechende Verzinsung sei, bemerkt Carle, daß er in der Lage sei, durch die Errichtung des geplanten großen Geschäftshauses am Neuenweg und durch Bebauung des Hintergeländes für gewerbliche Zwecke die Rente auf 8—8P2 Proz. zu steigern, ohne daß er hierzu die Rothenbergersche Hofreite brauche. Auf seine Straßenprojekte eingehend, bemerkt Carle, daß zuerst ein Projekt Vortag, zu dessen Ausführung er das Besitztum der Witwe Rothenberger hätte erwerben müssen. Er sei aber von diesem Projekt abgekommen, weil die Erwerbung der Hofreite Rothenberger sich zu teuer gestellt hat, da ein zu hoher Preis verlangt wurde. Carle bestreitet, daß er jemals jemand direkt beauftragt hat, mit der Eigentümerin wegen des Ankaufs zu verhandeln, vielmehr habe der Agent Schaumberger ihm die Hofreite mehrfach angeboten. Carle hat dann sein Straßenprojekt geändert und erklärt, zu dessen Durchführung hätte er das Lumpenlager nicht gebraucht. Er habe dann wegen des neuen Projekts einen Tag vor dem Brande mit Oberbürgermeister Mecum verhandelt und diesen veranlaßt, einen Stadtver- ordnetenbcschluß hierüber herbeizuführen. Der Oberbürgermeister habe erklärt, die Stadt könne für diese Straße kein großes Opfer bringen. Das Projekt stelle sich jedenfalls für die Stadt zu teuer, doch versprach er, die Angelegenheit den Stadtverordneten zu unterbreiten. Diese lehnten etwa 14 Tage nach dem Brande die Mithilfe der Stadt bei der Straßenanlage wegen der hohen Kosten ab. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt der Angeklagte, daß ihm von Schaumberger für das Rothenbergersche Grundstück 45 000 Mk. gefordert worden seien, daß er aber für den Quadratmeter der bebauten Fläche 100 Mk. (es sind 205 Quadratmeter) und höchstens 25 000 Mk. habe geben wollen. Der Vorsitzende richtet an den 'M geklagten die Frage, ob es richtig sei, daß er im Sommer 1905 eine Eingabe an die Stadt gerichtet und „auch noch gedruckt an jeden Stadtverordneten übersendet habe, die bezwecken sollte, das Lumpenmagazin der Witwe Rothenberger zu beseitigen. Carlo bemerkt, daß es sich bei dieser Eingabe für ihn in der Hauptsache darum gehandelt habe, zu verhindern, daß die Witwe Rothenberger einen an der Straße geplanten Neubau ihres Vorderhauses errichte, weil dadurch dem Wirtshaus zum Löwen Luft und Licht zum Teil entzogen worden wäre. Die Nnanuehmlichkeit des Lumpen- und Knochenlagers mit seinen Ausdünstungen usw. habe er nur nebenbei in der Eingabe erwähnt. D-er Erfolg der Eingabe an die Stadt war, daß der Neubau des Rotheuberger- schen Vorderhauses unterblieb, nachdem auch das Ministerium entschieden habe, daß die jetzige Baufluchtlinie des Neuenweges im historischen Interesse nicht geändert werden solle. Der Angeklagte gibt weiter zu, daß er wegen des Lumpenmagazins mehrfache Eingaben und Beschwerden an das Kreisamt gerichtet hat, und daß er die Baupolizei darauf aufmerksam machte, das Wohnhaus der Witwe Rothenberger sei baufällig. "Auch hat er mehrere Strafanzeigen wegen der üblen Gerüche, die das Geschäft mit sich bringt, veranlaßt. Er habe die Anzeigen und Beschwerden losgelassen, weil in der Stadtverordnetenversammlung behauptet worden fei, es habe sich noch niemand über das Mißliche des Rothenbergerschen Lumpenmagazins für die Nachbarschaft beschwert. Die ehemals Luhsche Werkstätte hat er zur Aufbewahrung von Abbruchsmaterial verwendet. Bis etwa 14 Tage vor dem Brande war die Tür des Lokals unverschließbar. Weiler wahrgenommen hatte,daß ihm manches ans dem Raum entwendet wurde, habe er die Tür verschließbar einrichten lassen und den Schlüssel stets bei sich geführt. Es sei trotzdem vorgekommen, daß die Tür auf ihm unerklärliche Weise offen gewesen wäre. Auf Befragen des Vorsitzenden bemerkt der Angeklagte, daß er sich einige Tage vor dem Brande an dem Daumen der rechten Hand durch einen rostigen Nagel verletzt hat, die Hautwunde sei am Tage des Brandes vollständig mit Grind und Schorf bedeckt gewesen und habe nicht frisch geblutet. Es sei richtig, daß er hier und da bei Rothenbergers auf den Hof gekommen sei, er erinnere sich auch, daß er zwei Tage vor dem Brande dort zu tun hatte, um altes Zinn zu verhandeln. Bei dieser Gelegenheit hat er sich erkundigt, ob, wie gewöhnlich, am Freitag die im Speicher angesammelten Lumpen weggeschafft würden und ihm sei gesagt worden, in der fraglichen Woche würden keine Lumpen weggesahreu. Er habe an dem Lumpentransport Interesse gehabt, weil die Straße durch die dazu benutzten großen Rollwagen zum Fortschaffen von Material, altem Holz usw., von den abzureißenden Gebäuden Luh und Thomas zu beengt gewesen sei. Carle will am Brandtage um 8 Uhr morgens seine Wohnung verlassen haben, um zuerst zum Bau Poppert nach der Wilhelmstraße zu gehen; gegen ^9 Uhr sei er im Löwen gewesen. Er beobachtete seine mit 'Abbruchsarbeiten beschäftigten Arbeiter, und es fiel ihm auf, daß die Tür zur Werkstatt offen gestanden hätte, trotzdem er sie, wie er genau wußte, am Freitag vormittag fest verschlossen hätte. "Auch das Fenster zur Werkstatt, das zwar nicht ganz dicht schloß und das er ebenfalls am Freitag festgemacht hatte, war geöffnet worden. Carle will von diesem auffälligen Vorkommnis keinem seiner "Arbeiter etwas mitgeteilt haben. Er habe den Werkstattraum betreten und sich darin umgesehen, habe aber dabei nichts Verdächtiges wahrgenommen. Der 21’11= geklagte will bann die Werkstatt verschlossen haben, und ging dann in die Wirtschaft zum Löwen. Er erklärt, daß er am Brandtage vormittags noch einige Male in der Werkstatt geweilt hat, immer aber nur kurze Zeit. Gegen 10 Uhr habe er „ins Lotze" gefrühstückt und etwa 10 bis 20 Minuten in dieser Wirtschaft verweilt. Von hier sei er wieder zum Löwen gegangen, habe sich zwischendurch rasieren lassen, sei dann kurze Zeit in der Wirtschaft von
Felsing (M'arktstraße) gewesen und' gegen 12 Uhr wieder in der Wirtschaft zum Löwen ein gekehrt. 2Buf die Frage, was er an dem Tage so oft am Neuenweg und im Löwen zu tun gehabt hätte, erklärt Carls, er habe altes Bauholz nsw. zum Verkauf bereit gestellt und darum sei er immer wieder nach • dem Neuenweg zurückgekehrt. Gegen 12 Uhr will er noch einmal in der Werkstätte gewesen sein, er habe sie offen gefunden und zugeschlossen, und dann „ins Lotze" im Vorbeigehen noch ein Glas Bier getrunken. Von da begab' er sich nach seiner Wohnung in der Bleichstraße, um zu Mittag zu essen. Er ging nach dem Essen in den Keller, sein Blick fiel zufällig auf sein dort stehendes Fahrrad, und er bemerkte, daß der Gummireif undicht war und sich an der Kette des Rades Schmutz befand. Um die Kette zu reinigen, will er auf die Uebersetzung Petroleum gegossen und dann die Kette in Bewegung gesetzt haben. Ob bei dieser Prozedur Petroleum an seine Kleider gekommen sei, wisse er nicht Er sei dann luieber nach dem Neuenweg gegangen und habe die Werkstattstür, die er um 12 Uhr verschlossen hatte, wieder unverschlossen gefunden. In der Werkstatt selber, die er betreten habe, sei nichts Verdächtiges, oder Auffälliges zu sehen gewesen, so sei er denn wieder in die Wirtschaft zum Löwen gegangen. Er habe sich an den runden Tisch gesetzt, wo Agent Alt- Hoss, Wirt Will). Meyer und Student Salzmann saßen. Der 2tngeflagte hat drei seiner Arbeiter entlohnt, zu diesem Zweck mußte er Geld wechseln, was er im Löwen tat. Dann ging er wieder nach der Werkstatt, die kurz vorher verschlossene Tür war offen, er trat in die Werkstätte, um den Verdienst der Arbeiter auszurechnen, will jedoch höchstens eine Minute in dem Raum gewesen sein und bann bie Werkstatt fest verschlossen haben. In ber Wirtschaft zum Löwen hat er bie brei Gäste, bie vorher schon bort saßen, noch getroffen. Er sei von Althofs veranlaßt worben, eine Flasche Wein zum Besten zu geben. Diese Flasche war halb geleert, worauf Wilh. Meyer bie zweite Flasche Wein bestellte. Als biefe kaum auf ben Tisch gekommen gewesen sei, hätten sie burch Frau Jaskowsky erfahren, baß es bei Rothenbergers brenne. Er habe sich mit Altstoff unb Meyer nach bem Hof bes Löwen begeben, um zu sehen, was es mit bem Feuerlärm auf sich hübe. Dabei sei er bem Schutzmann Zink begegnet und habe diesem gegenüber die Aeußerung getan: „Steckt mir den Stall nicht an, er ist schlecht versichert." '2Buf Befragen erklärt der Angeklagte, er glaube, daß Witwe Rothenberger keinen Schaden gehabt haben würde, wenn das Lumpenlager durch Feuer vernichtet worden wäre, weil sie gut versichert hatte. Der Vorsitzende richtet an Carle die Frage, ob er nicht geäußert habe: „Das würde der Jüdin passen, ivenn es nieberbrennt. Ich habe bas Glück nicht, ich mußte alles abreißen." Der Angeklagte erinnert sich einer berartigen Aeußerung nicht unb berichtet weiter, baß er noch einmal in ben Werkstattsraum gegangen fei, um nachzusesten, ob nichts passiert sei. Carle will bann zum Architekten Hamann gegangen sein unb ging von dort in seine Wohnung, um sich umzukleiben, weil er eine Reise nach Hanau zur Dach- beckerversammluug machen wollte. Am Bahmhof kam Schutzmann Zink zu ihm unb sistierte ihn nach ber Brandstelle, wo inzwischen ein gerichtlicher Augenschein veranlaßt worben war. Carle ist dann am Abenb noch nach Hanau gereift. 9Iüf Befragen erklärt ber Angeklagte, daß er nach Sage ber Sache auch nicht anbers beulen kann, als daß das Feuer absichtlich angesteckt worden ist. Er gestehe zu. das Loch in der Brandmauer von der Werkstatt aus durchgeschlagen worden ist, will aber von dieser Oefsnung keine Ahnung gehabt haben, bis man ihm das Loch nach dem Brande gezeigt hat. '2Fuf Befragen gibt der Angeklagte zu, daß er in der Werkstatt nie Briefpapier verwandte und daß die auf der Brandstelle gefundenen Papierreste dem in seiner Wohnung gefundenen Papier ungemein ähnlich sehen. Wie das zwischen den Brandmauern gefundene Kuvert an den Fundort gekommen, könne er nicht an geben, möglich sei, daß er den Briefumschlag in der Werkstärte liegen gelassen habe. '2Cuf Befragen teilt der Angeklagte mit, daß 1904 auf bem Löwenhvf ein Stall durch Feuer zerstört worden ist, in bem ebenfalls außer Dachpappe Abrißmaterial aufbewahrt wurde, das versichert war. Carle gibt zu, daß Agent Schaumberger mit ihm einmal wegen eines Tauschgeschäfts verhandelt hat. Danach sollte Frau Rothenberger das Carlesche Haus in der Bleichstraße übernehmen, das der Angeklagte mit 60 000 Mk. bewertet, während Carle das Rothenbergersche Anwesen am Muen- weg übernehmen und 15 000 Mk. erhalten sollte. Staatsanwalt Hoos bittet den Vorsitzenden, den ÜCn geling ten zu einer Erklärung zu veranlassen, wie er denn das Vorhandensein mehrerer ungebrannter Schwefelhölzer in seinen Kleidern iccbtfertige. Der Angeklagte behauptet, er fei ein starker Raucher und lösche die glimmenden Zündhölzer nach ihrer Benutzung mit den Fingern aus, um sie dann gewohnheitsmäßig in die Taschen zu stecken. Weiter wünscht der Staatsanwalt vom Angeklagten Auskunft, ob es richtig sei, daß dieser bei seiner Unterredung mit Oberbürgermeister Mecum am Tage vor dem Brande diesen gebeten habe, er solle ihm behilflich sein, die Rothenbergersche Hofreite zu erwerben. Der Angeklagte gibt dies zu und bemerkt, er habe geglaubt, daß das Straßen- prvjekt ohne die Rothenbergersche Besitzung nicht zustande kommen würde. Es liege auch im Interesse der Stadt, wenn die Straße angelegt würde, und es fei wohl möglich, daß er durch eine Straßenanlage weniger verdiene, als wenn er sein Besitztum in anderer Weise verwerte. Er habe bereits 1903 wegen der baulichen Ausnutzung seines Hinterlandes die Bauerlaubnis erhalten. Damit ist die Vernehmung des 2lügeklagten beendet.
Es folgt die gestern schon gemeldete Augenscheins- nähme am Neuenweg. Um 3 Uhr nachmittags wurde mit der Vernehmung der Zeugen begonnen. Bis 7 Uhr abends waren etwa 20 Zeugen gehört worden, worauf die Verhandlung geschlossen wurde. Voraussichtlich wird der Sachverständige, Gerichtschemiker Dr. Popp, erst am Samstag vormittag sein Gutachten abgebeu. ___________________________(Fortsetzung folgt.)
Aus Stadt und Lund.
Gießen, den 15. Juni 1906.
” Personalien. Durch Entschließung des Großher- zogl. Ministeriums des Innern wurden die Referendare Eng. Blumer§ zu Pfeddersheim, Freihr. 0. SenarclenS- Grancy zu Darmstadt, Beruh, von Hahn zu Darmstadt, Otto Lerch zu Darmstadt, Friedrich Pricken zu Mainz, Wilh. Rahn zu Birftein, HansSchmidt zu Darmstadt und Ang. Siebert zu Darmstadt zu Regierungsassessoren ernannt. — S. K. H. der Großherzog haben den Garde-Unteroffizier Herrn. En der es 511 Darmstadt zum Kanzleiwärter bei der Oberrechnungskammer ernannt.
** Ihre silberne Hochzeit feiern am Sonntag, den 17. Juni, Gastwirt Wilhelm Wagner und Ehefrau.


