Ausgabe 
8.12.1906 Fünftes Blatt
 
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/eine Eisenbahn Produktion, aussührt.

Staatssekretär Graf Posadowskh gibt eine Uebersicht über Lage und Ausdehnung der schwedischen Eisenfelder. Durch eine besonders gebaute Bahn nach dem norwegischen .Hafen Narvik und durch ermässigte Eisenbahnfrachten wurde die EifenerzauSfnhr gefördert. Das erhöhte Quantum ist vom schwedischen Parla­ment wieder ermäßigt worden. Auf eine Beschwerde der Eisen­bahn ist dieses Quantum aber wieder von 400 000 Tonnen auf 600 000 erhöht worden. Eine Regierung ist aber nicht in der Lage, sich in die Festsetzung der Eisenbahntarife eincS ande­ren Landes einzumischen. Beim Abschluß des Handelsvertrages mit Schweden hiben wir bezüglich der Ausfuhr von Steinen und Eisen von Schweden nach Deutschland gefofft, daß im Interesse unserer Eisenindustrie keine Schwierigkeiten entgehen würden. Wir haben zu diesem Zwecke der schwedischen Ausfuhr vom autonomen Tarife erhebliche Abstriche zugestanden. Ich hoffe bestimmt, daß Schweden derartige Maßregeln treffen wird, daß die garantierte ungehinderte Ausfuhr schwedischer Erze nach Deutschland keinerlei gesetzliche oder tarisarische Schwierigkeiten erfährt.

Abg. Dr. Beumer (nt) führt auS: Wir H-Len seiner Ze t mit der Herabsetzung des Zolles für Pflastersteine und Preisel­beeren große Opfer gebracht. Nun sollte d'e schwedische Ausfuhr ebenso handeln. Statt dessen werden Maßnahmen getroffen, durch welche die deut'che Industrie auf d s Schwerste betroffen wird. ImSv.nSka Tagllad" ist eine Meinung vertreten, die mit unserer Auffassung übereinstimmt, daß ein derartiges Ver- bot von Transporten für die Ausfuhr von Erzen als ein Ver­stoß gegen den Handelsvertrag betrachtet werden muß. Wenn das eine schwedische Zeitung schreibt, so haben wir allen An­laß, die Negierung zu ersuchen, daß sie Schweden an seine mora­lischen und völkerrechtlichen Pflichten erinnere, den Handels­vertrag nach seinem Geist und Sinn völlig zu erfüllen. (Lebh. Beifall.)

Abg. Kämpf (fr. Vv.) spricht dem Dbg. Speck seinen Dank für die Einbringung dieser Interpellation auS. Die Einleitung zu dem schwedischen Handelsvertrag, die den Wunsch der Mon­archen ousdrückt, den Verkehr beider Lauder zu erleichtern und zu vermehren, steht im krassen Widersswuche mit dem Jnhalr und der Anwendung des Vertrages selbst. Aus den Klagen, die jetzt Schweden gegenüber erhoben werden, sollte sich auch Deutschland veranlaßt sehen, auf seine Verträge mit dem Aus­lände zu achten. Ausfuhrzölle sind zweischneidige Waffen, des­halb muß vor Netwessivmaßnahmcn gewarnt werden.

Abg. Graf Kanitz (kons.) erTfärt: Die Tatsachen, die in der Interpellation beklagt werden, müssen beseitigt werden Dazu sind Ausfuhrzölle ein geeignetes Mittel in diesem Falle auf Kvhlen. Von einer bloßen Warnung verspreche ich mir aber Schweden gegenüber nur geringe Vorteile. Der ganze Fall lehrt aber, daß eS besser gewesen wäre, keine langfristigen Tarifverträge abzuschließen. (Beifall rechtS.)

Abg. Dove (fr. 23g.): Die jetzigen Zustände bei der schwe­dischen ErzauSsuhr weren nicht vorcmsznsehen, da die Eisenbahn­tarife doch erst jetzt bekannt geworden sind. Von einer Illo­yalität Schwedens kann nicht gesprochen werden, eine so harte Verurteilung verdient die Sache nicht. Die Regierung will des Transportquantum erhöhen: ob aber der schwedische Reichst?g dem zustimmen wird, ist noch fraglich. Ein Kohlenausfuhrzoll würde Schweden nicht treffen, da wir dorthin Kvhlen nicht ex­pedieren.

Abg. ötte (Soz.): Wir haben im Interesse der Arbeiterstbast alle Veranlassung, eine Erleichterung der Erzausfuhr zu wünschen. Tie Sh-beiter sind schon heute in schwierigster Lage, da die Lebens­mittel außerordentlich teuer geworden sind. Sollte ein Streik bei den Berg- und Hüttenarbeitern ausbrechen, so hat die Zollmehrheit die Verantwortung bofür zu tragen.

Abg. Graf Kanitz (kons.) erwidert: Es ist unwahr, daß die Lebensmittel durch die Zölle verteuert werden. Tie Zölle werden Dom Auslande getragen. Tie Getreidevreife waren vor fünf undzwanzig Jahren höher als heute, trotz der niedrigeren Zolle. Die Vielwreife sind heute so rapide im Sinken begriffen, daß die Landivirtschaft kaum noch auf die Produktionskosten kommt.

Abg. Goth ein (frf. Bg.): Tie Mafmahinen Schwedens sind geradezu unsinnig. 9)ht seinem unerschöpflichen Erzreichtum ist dieses Land auf den Export angewiesen. Ten Vorteil aus der ganzen Kalamität zieht einzig und allein Norwegen. 213ir hoffen aber, daß Schweden noch einlcnken wird, roqim es merkt, daß es allem den Schaden zu tragen hat.

Tirektor im Auswärtigen Amt v. Korner bedauert, daß einer befreundeten Macht der Vorwurf der Iloyalität gemacht worden fei. Davon könne nach der Rede des Staatssekretärs keine Rede fein.

Nach weitere^Bemerkungen der Abg. Bernstein (Soz.), Speck (Zentrums, Hue (Soz.) und Graf Schtverin Loewitz «Koui.l teilt 1 Präsident Graf Balle st rem mit, daß der Staatssekretär des Innern ihm seine Bereitwilligkeit mitgeteilt habe, die Fleisch- notintervellation an einem Tage nach Dienstag nächster Woche zu beantworten. . 1

Tie Interpellation betreffend Eisenerz ist erfebfgf unk) das Haus vertagt sich.

Nächste Sitzung Montag.

Tritte Lesung der AlgeciraSvorlage, Urheberrecht für Photo­graphien und kleinere Vorlagen.

Aus Dem Aeicks'aq.

N. Berlin, 7. Dezi

Es war voransHnsehen, daß die leidige Marokko- frage, wie gestern in der französischen Kammer, so auch heute im Reichstage bei der Verhandlung siber die Aus- führungsbestimmungen der Algeciras-Akte erörtert werden würde. Tas Vorgehen Frankreichs und Spaniens gegen Marokko ist ja auch ganz dazu angetan, B e u n r u h i g^u n g zu erregen. Die Reichsregierung mißt der Sache allerdings, wenigstens scheinbar, keine besondere Be­deutung bei; das zeigte sich schon darin, daß Fürst Bülow sich heute nicht veranlaßt sah, im Parlament zu erscheinen. Er überließ die Vertretung der Vorlage dem Staatssekretär Frhrn. v. Tschirschkh, und dieser scheint grundsätzlich bestrebt, möglichst wenig Worte zu machen, um nicht eine große politische Debatte zu ent­fesseln, in der es ihm vielleicht schwer werden würde, seinen Mann zu stehen. Der Staatssekretär ist kein gewandter Redner. Er gibt seine knappgesastten Erklärungen ab in Anlehnung an sein Manuskript, und vor allem: er sucht stets zu beruhigen. So auch heulte wieder. Es ist nach seiner Vdeinung um die internationale Situation in Marokko ein­wandfrei bestellt. Frankreich und Spanien seien entfernt von Quertreiberei, sie verfolgen keine anderen als friedliche Ziele.

Tie Volksvertretung konnte sich so unent­wegtem Optimismus nicht anschließen. Die nord­afrikanischen Spuren schrecken. Man tadelte auch, daß der Iieichstag in der Marokkofrage mangelhaft informiert werde, worauf Frhr. v. Tschirschky sich be­eilte, zu erklären, er warde dem Parlament Kenntnis geben von dem französisch-spanischen Srnderabkommcn und den darauf bezüglichen diplomatischen Noten. Durch solche nachträgliche Informierung wird freilich an der Unmög­lichkeit, rechtzeitig Kritik zu üben, nichts geändert. Wohl aber erscheint das vorn Zentrum geäußerte Verlangen, dem Reichstag möge häufiger, und vor allem präzis er, Material über die auswärtige Politik in Form vonWeißbüchern" unterbreitet werde,7, aufs neue gerecht­fertigt.

Die Redner fast aller Parteien ließen sich angelegen sein, die Notwendigkeit umsichtiger und geschickter Be­handlung der marokkanischen Frage durch das Auswärtige Amt zu fordern, denn die Besorgnis ist ziemlich allgemein, es könne in diesem interessanten Sultanat eines Tages Uebcrrci sch ungen geben, die für Deutschland nichts weniger als erfreulich sind. Abg. Blu­menthal (Dtsch. Vlksp.) dürfte das Richtige getroffen haben mit seiner Vermutung, die marokkanische Politik werde geflissentlich in eine Richtung geleitet, die auf das Uebergewicht Frankreichs abziele.

In der Sache selbst konnte der Reichstag natürlich nichts anderes hm, als der Algeeiras-Vorlage zu- zustimme u. Hierbei gab es einen scherzhaften Zwischenfall. Graf Ballestrem wollte nicht nur über die AuSführungsbestimmungen, sondern auch über die Generalakte selbst abstimmen lassen, wogegen Graf P 0 s a- dowsky au-s staatsrechtlichen Gründen würdevollen Ein­spruch erhob.

Frhr. v. Tschirsch kv steckte alsdann fein Manuskript in die Brusttasche und überließ das Feld dem Staats­sekretär des Innern, an den der Zollspezialist des Zen­trums, Abg. Speck, eine Anfrage richtete wegen der Er­schwerung der Erzausfuhr durch die Regier­ung Schwedens, welches Verfahren Speck mit Recht als den Geist des deutsch schwedischen .Handelsvertrags widersprechend bezeichnete. Es kann leider kein Zweifel sein darüber, daß die Bereitwilligkeit Deutschlands -u zoll- technischen Konzessionen an Schweden schlecht gedankt wor­den ist. Gegen den Buchstaben des Vertrags handelt zwar die Stockholmer Regierung nicht, aber sie legt die Bestimm­ungen in einem Geiste aus, der m't den Geboten der

Loyalität kaum noch fm Einklang stehl. So werben mq ohnehin nicht erheblichen Vorteile Deutsch­lands aus dem Handelsvertrag mit Schweden teilweise zunichte gemacht. Auch Graf Posadowsky konnte nicht umhin, der So Öffnung Ausoruck zu geben, daß durch das schwedische Parlament die Stockholmer Negierung veran­laßt werde, die Erschwerungen der Erzeinfuhr aufzuheben, im Interesse der deutschen Eisenindustrie. Ob der Appell Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Erklärlicherweise beschränkte sich die handelspolitische Debatte nicht auf den durch die Spccksche Interpellation angeschnittenen Fall. Matt zog die Konsequenz und ersuchte die Negierung, wei­teren Staaten die Erlangung der V e r g ü n st 1 g u n g des deutschen Vertragstarifs nicht wieder so lcrcht zu machen, z. V. Spanien, das eine die deutschen Winzer- interefsen schwer schädigende Zollbehandlung seiner Weine durchdrückcn möchte. In der Tat: was die kleine Schweiz zu Wege bringt, darauf sollte auch das Deutsche Reich un­beugsam bestehen.

VörsenwochcnLericht.

Frankfurt a. M., 7. Dezember.

"Tie Tendenz der Börse wird nncb wie vor fast ausschließlich von der Gestaltung der Tinge am Geldmärkte diktiert und auf diesem bleibt die Lage andauernd unsicher. Iu Newyork sprangen die Lcthraten für tägliches Geld stark iu die Höbe, fo daß der Sctmtz- fefretär sich veranlaßt gegeben hat, die Vorauszahlung der Bouds- zinsen für ein halbes Jahr auzuordneu, wodurch dem Markte 12 Millionen Dollars bar zuge'uhrt werden; indessen dürste diese Hilfe kaum aneretdien, uni den stacken Goldbedarf der Newporter Börse zu beliebigen. Aus diesem Grunde wirb auch in London noch fortgesetzt mit der Möglichkeit von Golbeutziebungen füt Amerika gerechnet, und da, abgesehen von dein großen Bedarf der englischen Industrie, im Zusammenhang mit dem Abschluß einer Anleihe des Staates Sao-Vaulo auch Gold nach Brasilien ab* fließen dürfte, außerdem japanische Abhebungen besorgt werden müssen, so ivnrnt die Presse die Finanz vor jedem künstlichen Truck auf den Zinsfuß. Tie Teulfcbe Ncichsbauk ist über den Ultimo wieder mit Mk. 98.57 Millionen in die Notenslener gekommen und der Privatdiskont bot sich um Bruch­teile gehoben. Infolge dieser Verfassung des Geldmarktes, die die Unternehmnngslust unterbindet, fommen die guten, wirt­schaftlichen Verhältnisse nicht mehr recht zur Geltung, selbst die 9ln- fünbigmtg ungewöhnlich großer Bestallungen für die uveuöi- {<1)011 Staatsbahnen blieben ohne besonderen Emflnß. 9lbcr die Grundtendenz der Börse bleibt sehr fest. Heimische An­leihen fanden diese Wache etwas mehr Beachtung. Hoffen tst zur Ausncchine einer 4%igcn bis 1913 unkündbaren Anleihe ge­schritten imb gewährt dem Ueberuahmekousortium ein Jahr Markt- freihöit. Von fremden Fonds lagen Serben fester, Russen etwas matter. Bauten behauptet, österreichische Gattungen auf Wiener Imvuls höher. Der Bahueumarkt log still, SchiffahrtS- nfticn schwächten sich etwas ab. 9)i0ntnnmcrte besser, Gelsen­kirchener auf die 12%igc Divideubeuschätzuug 5% besser, Eschweiler angeblich auf bessere Betriebsresultate 6% fester. Auf dem 'JJlorft für sonstige Industrie papiere haben sich die 9lfticn chemischer Fabriken nach der voransgegangenen starken Steigerung erheblich abgeschwächt, Zementwerte besser, auch Elektrizitätsaklien teilweise höbet, insbesondere Deutsch Ueberfeeiiche uud Brown Boveri. Bielefelder Maschinen fliegen 22°/0, Ludwigshafener Walzmühle 12% und Schuhstoff Fulda 8% Prwatdiskoui 5%%.

1,-

Landwirtschaft.

Marburg, 6. Tez. Bei der letzten Viehzählung wurden hier in 237 Viehbefituenden Haushaltungen 371 Pferde, 209 Rinder, 52 Schafe uud 407 Schweine gezählt.

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A)am Ztotmann.

r In der Nähe von Herborn, im Dörfchen Breit- s^eid, wohnt ein Dichter, von dem die Welt bisher noch nichts wußte. Es ist der Pfarrer dort, Fritz Phi­lippi mit Namen. Bei G. Grote in Berlin erschien soeben fein vortrefflicherAdam Not mann. Ein Leben in der Zelle" (geh. 3 Mk.). Der ZusatzRoman" stimmt nicht ganz. Das Buch ist viel zu ernst und viel zu wichtig dazu, um Roman genannt zu werden. Jedenfalls war Philippi in früheren Jahren Gcfängnispredrger. Wenig­stens deutet darauf seine tiefe Kenntnis des Strafvollzugs, den er schildert in seiner Wirkung auf einen gebildeten, feinfühligen Menschen, der kein Verbrecher ist, sondern ein Unglücklicher. Mit ergreifender Wahrheit wird oas Ringen der Persönlichkeit innerhalb der vier schweigenden Wände mit sich, mit seiner Tat und mit seinem Glauben dargesiellt, und in lebendigen Bildern läßt der Lichter dabei das Leben und Erleben Adam Notmanns von seiner Kindheit bis zu seiner Verurteilung und Einlieferung ins Zucht­haus am Leser vorüberziehen. Ter Gegenspieler des Ver­urteilten ist der Zuchthausgeistliche, ein idealer moderner Theologe, der dem Unglücklichen den Weg zur Erlösung ous^ seinen Seelenqualen weist oder vielmehr diesen ihn selbst finden läßt. Das Ende klingt versöhnend und ver­klärend aus. , Das Buch ist ein ernstes und eigenartiges Werk, das mit Aufmerksamkeit und empfänglichem Sinn gelesen sein will. Ich stelle es über die Romane Frenssens, obwohl Philippi nicht die plastische Anschaulichkeit, die dich­terische Gestaltungskraft in dem Maße eignet wie Frcnssen, dem Meister der bildlichen Evisode. Dafür aber ist Philippi tiefer und von weiterem uno größerem Blick. Auch sein Stil hat Anklänge an Frenssen, ohne in dessen Maniriertheiten zu verfallen. Adam Notmann, der verschüchterte Muster­knabe, hat seinen Vater nie lieben gelernt, wie der Vater ihn nicht liebte und niemanden auf der Welt. Der rauhe verschlossene Bauer war ein Gewaltmensch von zügelloser Brutalität, der seine ganze Familie, Frau und Kinder und Schwiegervater, knechtete und mißhandelte. Und als Adam, nach erfolgreichem G nnnasialbefuch, noch dem Tode der innigst geliebten Mutter, an dem der Vaicr nicht ganz schuldlos war, als Kandidat des höheren Schulamts zum Weihnachtsfeste heimt'am und der Vater ihn in sinn­loser Trunkenheit schlug, da hat Adam seinen Vater er­schlagen .... Er wird zu acht Jahren Zuchthaus ver­urteilt, und er büßt sie au in derehrwürdigen St-.imiw- bnrg eines hohen edlen Geschlechts auf einem steilen Felsen inmitten der Stadt"; dem Dichter schwebte also wohl Diez pu der Lahn vor. Wie sich Warn in der Zelle in sich l

kehrt, das offenbart uns der Dichter mit feinster Seelen­kunde und aus verehrenswerter, echter Religiosität heraus. Aus dem Saulus Adam wird eilt- Paulus, aus dem Glaubenslosen langsam, ganz langsam und ganz allmäh­lich ein Glaubensfrohcr. Jedes neuaufkeimen'dcn Zweifels, der ihn quält und zerrt und rüttelt und dem er nach- spürt mit aller Kraft se'nes r^gen und lauteren Geistes, wird er Herr. Diese mit der ganzen echten innerlichen Freiheit eines aufgeklärten modernen Ehristen und der reisen Seelenkunde eines wahren Dichters dargestellte Seelenanalyse gibt dem Buche seinen größten, seinen dauern­den Wert. Mer es geht noch gar vieles Gute und Kluge daneben, gar viel an Ethischem und klarer und schöner Welt- und Menschheitsbetrachtung, was hier nicht im ent­ferntesten auch nur angedeutet werden könnte. Dazu ist das Buck» eben zu reich. Der Dichter zupft den Züchtern von Musterknaben an den langen Ohren, den Mißgestaltern des Religionsunterrichtes sagt er unwiderlegliche Wahrheiten wie überkaupt den Pädagogen, de-en ver­hängnisvolles Bemühen es ist,Normatfiguren" groß­zuziehen statt Individualitäten, und bei seinen Amls- brüdern ist ihm dersettgedruckte Kan-elton" verhaßt. Er wettert gegen daspolizeilich schlkanie'te Dasein, gegen die blanke Pickelhaube". Er übersieht nicht manche Torheiten der Kirche".

Doch seines Buches Hauptzweck ist es,arme Menschen zu belehren, daß sie ihrer Kraft und der Gerechtigkeit nicht feind seien. Sie wissen nicht, daß ihnen mit der Strafe eine Wohltat geschieht, damit sie wieder zurechtkommen und das Vergangene nicht immer mit sich schleppen in die künftige Zeit, ohne es einmal hinter sich zu la'sen". Bitter klagt er mit Sudermann und allen denen, die vielleicht erst durch den Pro' desHauptmanns von Köpenick" sehend geworden sind, gegen die P 0 liz eiau ff i ch t der aus dem Zuchthause Entlassenen.Einmal mit Zuchthaus bestraft, heißt lebenslänglich bestraft", weildie Polizeinase auf der Arbeitsstelle ihm Nachfolgen muß". Wo ble bt da, so fragt er,die brunnentiefe, herzwarme Menschenliebe"? Die Tat wird gewaltsam am Leben gehalten, weil es die Menschheit so will". Auch den Richtern und ihrerkalten und geschäftsmäßigen Gelassenheit" ruft er ernste Mahn­worte zu. Ist dochnichts im ganzen Land, was so ge­waltsam eingreist in ein Menschenleben als der Spruch des Richters".

Bisweilen erhebt sich die Dichtung vom realen Einzel­falle zum Symbol, und wir sehen in dem armen Adam Notmann dendeutschen Grübler und Träumer von Kindesbeinen an durcki die allzu reglementarischen Staats-1

einrichtungen" mit harten Mauern und Gittern umschlossen, daran sich die täppische Menfchcnstirn sich wund stößt".

Philippls Buch ist dazu berufen, Menschen zu fangen für iben Gottesglauben, nicht in marktschreierischer Rede, sondern mit der Krast der unwiderstehlichen Ueberzeugung. Er zeigt das HeilandsLild nichtin mittelalterlicher Ueber- malung der Kirche". Dieses falsche Bild zerbricht er mit schonungslosem Ernst und er richtet die Ehrfurcht vor Gott auf im Sinne der modernen Theologie, die nach langer Zeit wieder einmal an der Arbeit ist, das alte echte Gold vom Heilandsglauö en neu anszumünzen, und ihm" die Jahreszahl und den Stempel der Zeit aufzudrücken, daß es draußen umwandern kann von .Hand zu Hand".

Mer das Buch lieft, liebt und verehrt e5 und den, der es schrieb. _ P. W.

Der Rhein-M ainiscbe Verband für Volks- Vorlesungen und verwandte Bestrebungen ist im Begriffe, die Gründung eines Wandertheaters im 23er- bandsgebict zu vollziehen. Das Personal des Hanauer StadtthcaterS hot sich bereit erklärt, sich im kbmmenden Jahre «rührend der Monate Llpril und Mai dem Verbände zur Veranstaltung von dramatischen Aussührunacn zur Verfügung m ^stellen. Zur Ausführung soll eine beschränkte Anzahl von Stücken gelangen, b:c , sich auch aus einfachen Bühnen fn'elcn lassen, Vor äufia sind in AuS icht gcn mmen: Minna von Barn- belm, Emilia G'lotti, Nathan der Weise, Kabale und Liebe, Othello von Shakespeare. D^e Journalisten von Gustav Frehtag. Auf Wunsch tünnfen auch einige neuere Stücke, etwa FlachSmann <3 Erzieh'r vm Otto Ernst (warum denn dieser Schmarren? D. Red.). Der Volksfeind von Ibsen, Stwm von Max .Halbe u. a. zur Aufsprung aelc.nacn. Tas Honorar sür jede Vor^ellung 'oll 1?5 Mark betragen. Vei einem mäßigen Eintrittsgeld, das e nach G»iDe das Trtes und des zur Verfügung flehenden Saales von 25 bis 75 Pfg. für die Person bctr'gcn würde, ist der qe- ^orderte Honorarbetrag zu er-.iden. Ter Verland wird für jedes auföm "haende Stück einen Theaterzettel mit geeignetem Tert über Dichter und Inhalt deS Werkes bearbeiten lassen und den Vereinen gegen Ersatz der Herstellungskosten liefern. Anch -r ^orge tr-aeu, daß denjenigen Orten, die cS wün­schen, R e dHer znr Einführung der Stücke zur Verfügung uc.)en An einzelnen Orten würde, sich u. a. ein Lessina- E h c l it 9 mit einleitendem oder abschließendem Vortr -.ge an be wilderen Abenden recht gut einrichten lassen. Eine Besprechung dar Angelegenheit soll am 16. Dezember, nachm. 1/24 Uhr, im encle dcS Technischen Vereins in Frankfurt a. M., Gocil^platz 5 'K'auerhof 1. Stock), stattsinden. Wir finden die Idee vor- treulich nrb hosten, daß iiyee Ausführung gelingt. Möchten ! .ch nur recht viele Bürgermeister bei unA in Ober Hessen su-den, die die Unt.-rilehmungen dcS Wandertheaters in ihren Orten mit Kräften fördern.