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13.8.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Montag 13. August 1906

Are heutige Dummer umfaßt 8 Seiten.

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156. Jahrgang

politische Tagessehort.

Akademisch gebildete Kaufleute.

Die Generalversammlung des Allgemeinen Stu­denten-Ausschusses der Leipziger Handelshoch­schule hatte ihr Bedauern ausgesprochen, daß cs der Handels­hochschule während ihres achtjährigen Bestehens nicht gelungen wäre, die geringste Fühlung mit der Leipziger Kaufmannschaft zu erlangen. Hierzu bemerkt denSion» fektionär", der Wert wissenschaftlicher Bildung für den Kauf­mann sei zweifellos ganz enorm, aber wer mit wissenschaft­licher Fachbildungbis zum Rande" vollgepfropft sei, dürfe nicht glauben, daß er schon ein tüchtiger Kaufmann sei und das Recht habe, von oben herab auf dienicht studierten" Kaufleute herabzusehen. Handelshochschüler ohne reiche kauf­männische Erfahrung, die sich nun blos ihres Diploms wegen fürKaufleute erster Klasse" hielten und daraufhin unberechtigte Ansprüche erheben wollten, seien ein Unding. Sie brächten die Handelshochschulbildung in Mißkredit. Es müsse also stets die erste Aufgabe der Handelshochschule sein, in st ä n d i g e r Fühlung mit der Praxis zu bleiben und ihre ganze Organisation dahin eiuzurichten, daß nie der Zusammenhang mit der Praxis aus den Augen gelassen werde.-

daß eine Amnestie für den 29. Augnst, den Dag der Dause, vorbereitet werde. Abwarten! Zur Uebernahme einer Paten stelle haben außer preußischen Fürstlichkeiten Einladungen erhalten: Die Herrscher von Oesterreich-Un­garn, Italien, Rußland, Großbritannien und Norwegen, der Großfürst Michael Nikolajewitsch von Rußland, die Königin von Griechenland, die Großherzogin Anastasia von Meälcn- burg-Schwerin, die Großherzogin von Baden, die Kron­prinzessin von Dänemark, die Prinzessin Albrecht von Bayern, die Herzogin Karl Theodor in Bayern, die Prin­zessin Aböls von Schaumburg-Lippe.

Das Greifswalder Universitätsjubiläum wurde in einer würdigen Feier begangen und gab und einen Vorklang zu der Gießener Universa täts-Jubelfeier im nächsten Jahre. Kultusminister v. Studt wohnte dem Greifswalder Festakte bei, wobei er die Erklärung abgab: Die Wissenschaft und ihre Lehre sei entsprechend der Verfassung frei und werde frei bleiben. Einen bemerkenswerten Widerhall sand seine Erklärung in der Presse nicht. Auch Minister v. Hammerstein pflegte oft ber festlichen Gelegenheiten viel von der Selbstverwaltung zu schwärmen. Wenn man hinterher aber seine Taten besah, war von der Verwirklichung nicht viel zu bemerken. Unseren hessischen Staatsmännern haben wir allen Grund größeres Vertrauen entgegenzubringen, als es die Preußen den ihrigen gegenüber dürfen.

Eine lebhafte Erörterung über die Zukunft der nationalliberalen Politik begann in der Presse nach dem Wahlausfall von Hagen-Schwelm und Rinteln- Hofgeismar, Professor Moldenhauer und Dr. Rocke klagten die Politik der nat.-lib. Fraktionen im Reichstag und preuß. Landtag an. DieTtschn. Stimmen" des Herrn Patzig und das Wormser Organ des Herrn v. Heyl, das fleißig dieNat.-lib. Korresp." mit Artikels versorgt und darum im Reiche mehr Beachtung erfährt als bei uns in Hessen, wo man den politischen Ast, auf dem es sitzt, vergnügt abfterben sieht, warteten dagegen mit der Phrase auf:Das Vaterland steht über der Partei!" Sie verdächtigten damit zwei vortreffliche, von unantastbarer Vaterlandsliebe be­seelte scharfblickende Männer, die die Stimmung der nationallib. Wähler sehr richtig erfaßt haben, in so schnöder als kurzsichtiger Weise. Demgegenüber legten sichHann. Cour." undLeipz. Tagebl." oernünstigerweife für eine liberalere Politik des Nationalliberalismus ins Zeug. Dazu kani die Aufforderung derNordd. A Z.", die ein beding­ungsloses" Zusammengehen sämtlicher bür­gerlichen Parteien gegen die Sozialdemo­kratie für unabweislich erklärte. Sofort versicherte die klerikaleKöln. Bolksztg.", daß davon niemals die Rede sein könne. So bereitet sich denn allmählich die Stimmung vor, die auf dem Parteitag in Goslar voraussicht­lich zu einem heftigen Aufeinanderprallen der verschiedenen Meinungen und Richtungen führen wird.

Großes Aufsehen erregt immer noch die Nichtbestätig­ung der Wahl des Pfarrers Cäsar in Dortmund. Niemals seit 25 Jahren ist die preußische Orthodoxie mit einer solchen Intoleranz aufgetreten wie jetzt. Auch gegen den Pfarrer Traub in Dortmund ist von den Orthodoxen ein Verfahren beantragt worden. Ferner wurde Pfarrer Zimmermann in Bacharach vom Konsistorium verab­schiedet. Der deutsche Pfarrertag dürfte sich voraussichtlich mit der zunehmenden Verfolgung der liberalen Pfarrer beschäftigen. Die Lage ist derart, daß die Einheit der Kirche in nicht zu verkennender Weise gefährdet ist. Eine weitere Intoleranz macht sich auch gegenüber dem Pfarrer D. Friedr. Naumann geltend, dessen politische Gegner an ihrer Spitze Liman eine Bewegung zum Ausschluß Naumanns aus dem Verein Deutscher Studenten eingeleitet haben. Diese Aktion wird indes erfreulicherweise dahin führen, daß Pfarrer Naumann als Verfolgter grö­ßere Sympathien erwirbt und in weiteren Kreisen Be­deutung erlangt. D. Naumann selber spricht sich zu der auf der Tagung des Kyffhauser-Verbandes der Vereine deutscher Studenten angenommenen Resolution folgendermaßen aus:

werke kommen in den sechs Konzerten zur Aufführung: Von Beethoven: 8. Symphonie und Kantate auf den Tod Joses II., von Richard Strauß: Symphonie F-moll und Symphonia Tomeftüa, von Robert Schumann: Symphonie B-dur, von Hektor Berlioz: Harold in Italien", von Tschaikowski: 5. Symphonie, von Joachim Raff: Symphonie?m Walde".

Auf der Authropologenlagung in Görlitz hielt Samtätsrat Dr. K o e h l - Worms einen Vortrag überUntersuchungen auf neolithischen Wohn platzen bei Worms". Die Umgebung von Worms ist eine der an steinzeitlichen Resten reichsten Gegenden in Deutschland, und sie hat gerade in den letzten Jahren wichtige Ausschlüsse über diese meist dunkle Kulturperiode unseres Menschengeschlechts gebracht. Tie jüngere Steinzeit hielt man früher für eine ziemlich einheitliche Periode, die man auch nicht wen genug nach rückwärts verlegte. Nach genauerem Studium der Kulturreste, namentlich der keramifchen Reste, teilte mau die jüngere Steinzeit in vier Perioden: Baitdkeramik, Cchnurkeramik, Pfahlbaukeramik und Zonenkeramik. Die Landkeraunk selbst wieoer zerfallt in drei durch das Gräberinventar streng geschiedene Unter» abteUungen: die Hmkelsteinkeramik, die Rössnerkeramik und ine Mäanderkeramik. Ueber diese Einteilung der jüngeren Steinzeit mar man einig; dagegen nicht über die Reihenfolge der Perioden, denn es war Niemals gelungen, ine Ueberrefte der einzelnen Perioden übereinander gelagert zu finden. Gelänge dieses, ähnlich mie auf den Schutthügeln voii Troja, so wäre die Frage leicht zu lösen. Es ist mm dem Vortragenden gelungen, bet Worms Wohngruben verschiedener Perioden zu finden, die dicht bei einander liegen und sich sogar berühren. Es zeigte sich deutlich, daß die Rössnerkeramik älter ist und von der Spiral- oder Mäanderkeramik überdeckt ivird. Ans demselben Fleckchen Erde fanben sich aber auch Zeichen der Hinkelsteinkerainik, der Zonenkeramik und Pfahlballkeramik, also Reste von fünf Perioden an derselben Stelle. Tie Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen; da aber von fünf steinzeillichen Perioden Wohnanlagen hier zusammenliegen, so wird man auc' positive Ergebnisse über ihre Reihenfolge finden tonnen.

? Ton An- und Ver.

'achlassTerwaltmigen.

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emäsaer Ausführung.

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Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gietzener Zamilien. blätter viermal in der Woche beigelegt.

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Anzeiger Gießen.

Ich gehe nicht freiwillig aus denVereinen deut­scher Studenten" heraus, weil ich damit den formelhaften und einheitlosen Gebrauch des Wortes national meincrfcit» anerkennen würde. Ich würde durch freiwilligen Austritt meinerseits zu­geben, daß ich jetzt weniger Nationalsinn hätte als irgend wann früher. Das aber wäre mir selbst und anderen Leuten gegen­über eine vollendete Unwahrheit und eine Untreue gegen die Vereinsgenossen, die für mein Reckt im Verbände cingetreten sind. Die Vereine, denen anzugehören ich mir zur Ehre rechne, ins­besondere die Vereine in Leipzig und Erlangen, können ihrer­seits das Verhältnis lösen, sobald sie es für gut finden, ich aber tue es nicht."

Es sei deut scherzhafterweise zugefügt, daß das bereits oben erwähnte Organ des Wormser Ledcrkönigs, im Gegen­satz zu einer vor Monaten auf Kosten von unserem Dr. Gut­fleisch getanen Aeußerung von derVornehmheit" Nau­manns, jetzt ohne vernünftigen Grund in das Horn Dr. Limans mißtönig stößt und Dr. Naumann bei seinen Lesern anzuschwärzen trachtet.

Im Auslande verfloß die vergangene Woche ohne bemerkenswerte politische Vorgänge. Das griechische Bandenunwesen in Macedonien zeitigte bulgarische Gegen­maßnahmen. Znnschen Montenegro und der Pforte besteht nach wie vor ein äußerst gespanntes Verhältnis. Der türkische Sultan ist schwer erkrankt. Ter Zustand wird als ernst, aber nicht als kritisch angesehen. Ter Sultan ist bei vollem Bewußtsein. Er leidet an Nieren- gries oder Stein. Ein Geriicht, daß der Sultan im Sterben liege, bestätigte sich nicht.

In Rußland ist der Generalstreik gescheitert. Mel­dungen von einer angeblich geplanten Abdankung des Zaren, von einem Brief der Zarin über ihre Flucht aus Rußland, von einer Militärdiktatur unter Nikolai Niko- lajelvitfch oder einer Uebertragung der Regierungsgewalt an Wladimir waren wohl erfunden. Jedenfalls aber hat der Zar seine Msicht, mit seiner Fanrilie auf 14 Tage ins Lager von KrasNoje Selo zu ziehen, um den Manövern der Garde beizuwohnen, definitiv aufgegeben. Er kommt unter Beobachtung großer Vorsichtsmaßregeln täglich für einige Stunden per Automobil von Pctcrhof nach Krasnoje Selo, fürchtet aber dort dauernden Aufenthalt zu nehmen, weil man einzelnen Persönlichkeiten in der Dienerschaft nicht ganz traut. Die Bildung des Kabinetts Stolypin ist jetzt gelungen. Angesichts dessen werden aber wegen dessen angeblich reaktionärer Färbung neue Unruhen befürchtet 240 frühere Dumaabgeordncte werden gerichtlich verfolgt.

diese längere Zeit in liebenswürdigster Weise mit ihnen unterhielt und Befehl gab, dem Klub alle Sehenswürdigkeiten zu erschließen. Die Audienz fand statt in dem herrlichen Schlosse Cinlra, hoch oben auf bewaldetem Gebirge, hart am Meeresrande liegend und wie eine Gralsburg in die Lande leuchtend.

In dem wundervollen Parke verfainmelten sich alsdann alle Reisegefährten, die Königin trat auf die Schloßterasse und hier wurde sie durch eine Rede Osear B 0 r ch a r d t s in franz äs. Sprache begrüßt, die in ein Hoch auf den König und die Königin ausklang, in welches alle Deutschen freudig einftinunten. Die Königin, gütig und liebenswürdig, war von herzgewinnender Freundlichkeit, eine geistvolle, vornehme, lebhafte Französin. Sie sprach mit 23 e g e i ft e r u n g von unserem Kaiser unb unserem schönen Vaterlande. Zum Schlüsse der Audienz überreichten die deutschen Pilger der Königin zwei wundervolle Vasen von Meißener Porzellan, über welche Aufmerksamkeit sie ihre herzliche Freude bekundete. Alles in allem eine schöne Erinnerung für die Reiseteilnehmer.

Augenblicklich weilt der Orienlklub in A n d a l u s i e n, um Ende August wieder heimzukehren ins liebe deutsche Vaterland.

Frankfurter Opernhaus. Die sechs Opernhaus- Abonnements-Kouzerte der Spielzeit 1906,07 fallen auf den 10. und 31. Oktober, den 5. Dezember, den 23. Januar, den 20. Fe­bruar, den 13. März. Ms Solisten wurden verpflichtet: für das 1. Konzert (Leitung Dr. Rottenberg): Frau Margarethe Preuse-Matzeuauer, Kgl. Hosopernsangerm, München, Herr Paul Goldschmidt (Klavier-, für das 2. Konzert (Leitung Hugo Rerchen- berger): Frau Kirtby Lunn, London (Gesangs Frau Jeanne Dwt, Paris (Violine), für das 3. Konzert (Leitung Dr. Rottenberg): Fräulein Lueie Weidt, E. t. Kammersängerin, Wien, für das 4. Konzert (Leitung Hugo Reichenberger): Herr Fritz Kreisler (Violine), für das 5. Konzert (Leitung Dr. Rottenberg) lolrsttiche Mitwirluug unbestimmt, für das 6. Konzert (Leitung Hugo Rer- chenberger): Herr Mfred Reifenauer (Klavier), Herr Konzert­meister Hans Lange, Frankfurt a. Pt. (Violine). Folgende Haupt-'

igvon Spezialart Dr.Bümla. Gesichtspunktci bearbeitetes irklieo brauchbarer, tusserst ir zur Verhütnng und Heilung ig, der auf einzelne Organe en l'",l«zus$8tdi). Für Jeden oder schon erkrankt, ist das rteiknvon geraden tratchttt- ende lernt, eich vor Krank- r bereit* Leidende aber En; kennen. Für Mark 1.60 . ukiier, Genf W (Schweiz).

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An ZZord des DampfersSalvua^.

Von einem Gießener Herrn erhielten mir soeben mit dem PoststempelSevilla" folgendes vom 6. d. M. datiertes Schreiben:

Der Orient-Reiseklub Leipzig, der seit Jahren viele Deutsche in die Länder führt, dte von den Fluten des blauen Mittelmeeres um- jpült werden, hatte sich für diesen Sommer als Hauptziel die c a n a r i s ch e n I n s e 1 n und Al a d e i r a ausersehen, um als­dann auf der Heimfahrt noch in Lissabon Anker zu werfen und mit Portugal und Südspauien die Fahrt zu beende»:.

In Gran Canaria (Las Palmas) und Teneriffa (St. Eru^ und Orotawa) erschlossen sich den Reiseteilnehntcrn un­geahnte Schönherten. Hunrboldts Worte, der bekanntlich das Tal von Orotawa als benschönsten Punkt der Welt" bezeichnete, wurden allfettig als vollauf berechtigt anerkannt. Die Eanarten sind tatsächlich dieGefilde der Glückseligkeit". Im berühmten Humboldthaus zrr Orotawa wurden die Reisenden von Professor P a n n w i tz und den Direktoren Schaper und T r e n f e l in glänzender Weise ausgenommen und versorgt. Ein herzliches Bravo" diesen lieben deutschen Mämrern. Auch Made:ra rief allgemeines Entzücken hervor. Die Ueppigkeit der fast tropischen Vegeration, die herrlichen LandschastSbilder von Berg und Land und Meer, dazu der köstlich blaue Himmel und der erfrischende, kühle Seewind, sowie die wunderbare Harmonie der Farben der Lelcuchtungstöne ließen allen deutschen Pilgern die Herzen höher schlagen.

Anfang August weilte der Orientklub Leipzig in Lissa - b o n. Auch hier gab es viel des Schöne,: und Interessanten zu schauen unb eine besondere Ehrung für die Deutschen bildete der Empfang des Klubs durch die Königin Amalia von Portugal. Der König selbst weilte int fernen Norden seines schönen Reiches. Gras T a 11 e n b a ch, unser Gesandter in Lissa- gon, der Diplomat von Algeciras, stellte bic drei Vorstands­mitglieder des Klubs, Oskar Borchert aus Köln, Karl Walther und Arthur Wünsch aus Leipzig, der Königin vor, worauf sich

politische Wochenschau.

Eine authentische Mitteilung der Berliner Regierung Wer die Bedeutung der gegen die Kolonialverwal- tung erhobenen Beschuldigungen ist noch nicht erfolgt. Die Regierung erklärt vielmehr, nicht genügend orientiert zu sein, um ein Urteil über die Tragweite des bereits zutage geförderten Materials abgeben zu können. Tas gegen die Sekretäre Götz und Schneider eingeleitete Ver­fahren richtet sich in der Hauptsache darauf, denjenigen Be­amten ausfindig zu machen, der angeblich die verschiedenen internen Mißstände auf dem Gebiete der Kolonialverwal­tung den Parlamentariern und der Presse bekannt gegeben haben soll. Bekanntlich wurde seitens des Untersuchungs­richters auch der Abg. Erzberger als Zeuge vernom- nren, lvobei oie Immunität des Reichstages, des Gebäudes sowohl wie sder Abgeordneten, als für den richterlichen Untersuchungsrichter nicht existierend erachtet wurden. Nun hat am 10. d. M. in Düss e ld o r f in einer Versammlung der Zentrumspartei Erzbcrger über die Kolonialpolitik aufs neue gesprochen:

Dor einem Jahr hatte ich noch nicht das Material, das ich jetzt bekomme., Man sagt, ich hätte es unehrlich bekommen: das ist total falsch. Mein Material ist teils niedergelcgt in Men, und den größten Teil des Materials lieferten die Kon­kurrenten von Tippelskirch und Woermann in Hamburg, dafür sorgen auch Missionare und Kaufleute, um eine Besserung h'rbei- zuführen. Das schlimmste ist, daß ein preußischer Minister am Gewinn bei Tippelskirch beteiligt ist. Es wundert mich, daß man nur auf Tippelskirch jetzt herumgeht; es sind noch ganz andere Verträge da, so der Vertrag mit Woermann. Ich habe vor acht Tagen einen Bries an den Reichskanzler geschrieben; ich kann hier darüber nur sagen, daß es sich bei noch anderen Ver­trägen um noch ganz andere Summen handelt, als bei dem Fall Tippelskirch. Man kann uns keinen Vorwurf machen, wenn wir sofort eine Kündigung der Verträge verlangen unb mit allen Mitteln im nächsten November im Reichstag herbei­führen werden. Wenn ber Reichstag im November wieder zu­sammentritt und neue Forderungen für Südwestafrika, vielleicht 1OO Millionen, bewilligen soll, darf man doch nicht glauben, daß er das wieder für Tippelskirch und Woermann bewilligt. Er wäre nickt wert, Vertreter des deutschen Volkes zu heißen."

Inzwischen sind die Bücher der Firma Tippels- krrch u. Eo. durch den Wirkt. Geh. Kriegsrat Selle und den Kriminalkommissar Schnellt) aas beschlagnahmt worden. Aus Kreisen, die dem Landwirtschaftsminister nahe stehen, wird versichert, daß Herr v. Podbielski bei Uebernahme des Postens eines .Staatssekretärs des Reichspostamtes seine Verbindung mit der Firma Tippels­kirch u. Co. an der allein hierfür zuständigen Stelle zur Sprache gebracht und darauf eine Antwort erhalten hat, die ihn nicht darüber in Aveifel ließ, daß jene Stelle diese Beziehungen in keiner Weise als ein Hindernis für die Uebernahme des angebotenen Postens ansah. Jin weiterm hat der Minister behauptet, er habe mit der Firma Tippels- ttrch nicht persönlich in Beziehungen gestanden, Teil­haberin derselben sei vielmehr seine mit ihm in Güter­trennung lebende Gemahlin, während die Zentrums­presse mit Entschiedenheit behauptet, daß der Minister v. Po d b i e ls ki, der im Jahre 1897 Staatssekretär wurde, erst 1900 die Gütertrennung durchführte.

Kaiser Wilhelms Tischgespräche mit französ. Parlamentariern während seiner Nordlaüdreise wurden in franz. Blättern evrösfentlicht, wobei zumal die Aussprüche über die Journalisten höchst seltsam waren, zumal der ganzen deutschen Presse nichts davon bekannt ist, daß blut­junge Herren in großen Blättern ihre Ansichten über polit. Dinge zu äußern pflegen. Tie Meinung des Kaisers, daß die Redakteure ein Examen machen müßten, fand die Ent­gegnung in der französischen Presse, daß ebensowenig wie die doch nicht ganz so unveranttnortungsreichen Redakteure die Regenten eine Prüfung zur Befähigung ihres Amtes ablegten.

Der deutsche Kronprinz ist zum Besuch der Fest­spiele in Bayreuth eingetroffen. Ein Gerücht besagt,

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW

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