et
Uht
Erstes Blatt
1S6. Jahrgang
SietzenerAnzeiger
" . General-Anzeiger ** '**'
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Die öeuiiqe ^nummer umfaßt 10 Seiten
A
j)sL8trsche Lagesschare.
Wahlrecht.
recht ein und glaubt, daß es
das Zukunftswahlrecht deS
H
Er schreibt dann:
kommt am meisten in Betracht, in der Dreibundpvlitik Italiens
Handel 60 Sitze
Land- u. For st- wirtschaft mit Gartenbau ICO Sltze
Waren-Großhandel Waren-Klemhandel Bucbhandel u. Presse Bankwesen . . .
deutschen Volkes sein werde. Er legt im einzelnen die Vorzüge dar, die eS im Vergleich mit dem heute geltenden Wahlrechte nach seiner Meinung hat, und macht schließlich einen and^utenden Vorschlag, wie vielleicht ein Wahlrecht nach Berufsständen gestaltet werden könne. Dieser Vorschlag läuft aus folgende Verteilung der RcichstagZsitze hinaus:
20
25
10
5
60
Geistesarbeiter
60 Sitze
Handarbeiter 60 Sitze
Beruföftäudisches
Theodor Fritsch erörtert in
sichert. Für uns in Deutschland daß auch unter ihm kein Wechsel zu erwarten ist.
An der Seine hat es wieder
Bäuerlicher Grundbesitz Groß-Grundbesitz . .
Forstwesen ....
Garten- u. Weinbau .
Industrien. Bergbau . 60 Sitze
tti) du iMtqi Zeitwert rtaut gestellt: öM ©ul fr , Ar 293 aus Lraalgcß/.. 'kSiLTaselmsierausc^ ■ 0 _____nl
Aas großeZcherbenger-cht der sozialvemokratrschep Partei
bas am Samstag abend in Cramers Bierh allen in Darmstadt zusammenbernfen wvrden war, um üb erden Genossen Cramer zu Gericht zu sitzen, weil er es gewagt hatte, im Interesse des vvn ihm vertretenen Gartenvorstadtvereins auf einer Audienz bei Sr. K- H. dem Grofiherzog mit zu erscheinen, hat schnelle Justiz geübt und eine überraschende Folge gezeigt: Cramer hat sein Reich?tag8mandat und alle übrigen Remter in der Partei niedergelegt. Er war — so schreibt uns heute unser Darmstädter Redakteur — in der Versammlung selber erschienen und hatte in einer umfangreichen Rede die ihm zum bitteren Vorwurf gemachte Straftat zu rechtfertigen und zu verteidigen sich bestrebt. Er wies dabei auf seine langjährige Tätigkeit im Dienste der Partei hin, für die er auch eine mehrmonatige Gefängnisstrafe ohne Murren auf sich genommen, und erklärte es für sein gutes Recht, in einer rein privaten und lokalen Angelegenheit sich im Auftrag seiner Mitbürger an den Großherzpg direkt zu wenden. An diese Verteidigungsrede knüpft sich eine mehrstündige, sehr lebhafte Diskussion, in der sämtliche Redner das Verhalten Cramers mehr oder weniger scharf verurteilten. Die Versammlung nahm schließlich um Vs2 Uhr morgens einen Antrag an, in welchem dem Reichstagsabgeordneten in aller Form ein Mißtrauensvotum ausgesprochen wird. Die Versammlung gibt dabei weiter noch der Hoffnung Ausdruck, daß Cramer seinen verfehlten Schritt in Zukunft durch energische Arbeit im Interesse der Partei wieder gut zu machen bestrebt sein werde. Cramer, der nach Schluß seiner Verteidigungsrede die Versammlung verlassen hatte, entschloß sich nach Mitteilung dieses Versammlungsentscheides sofort, seine sämtlichen Stellungen in der Partei aufzugeben, und hat auch bereits in einem Schreiben nach Berlin sein Reickstagsmandat, sowie in einem Schreiben an die Darmstädter Stadtverwaltung sein Mandat als Stadtverordneter niedergeleat.
Dieser konsequente Entschluß Cramers wird nicht nur In Hessen, sondern namentlich auch in Berlin nicht geringe Aeberraschung Hervorrufen. Gehörte doch Chamer seit 20 Jahren als überzeugter Sozmldemokrat i f Partei an, Der auch große Ovfer dafür brachte und schon den internationalen Sozialistenkongreß in Kopenhagen Ende der K0er Jahre mitmachte. Er wurde damals mit den übrigen Deutschen Genossen verfoißt und verurteilt und um die Daher resultierenden, sich auf Tausende belaufenden Gerichts- lkosten nicht zu zahlen, darf er, der wohlhabende Mann seiner 'Z-rau und Grundbesitzer, noch heute kein Vermögen besitzen. Gramer steht im 55. Lebensjahre und gehörte seit 1893 der zweiten hessischen Kammer (deren Mandat er schon im vorigen Jahr aus Unlust auf den Rechtsanwalt Dr. Fulda- Damnstadt übertrug) und seit 1898 dem Reichstag an. Er Kilt als ein durchaus ruhiger, rechtlich denkender Mann, dem bei seiner 1903 mit über 1-1000 Stimmen erfolgten Wahl in Darmstadt eben wegen dieser Eigenschaften, wie Scrr Krumm in Gießen, auch viele bürgerliche Wähler ihre Stimme gaben.
Sofort nach dem Vekanntwerden der Mandatsnieder- ."cgnng hat auch bereits die Wahlagitation eingesetzt. Die Sozialdemokraten denken an Cramers Stelle den Rechtsanwalt Fulda aufzuftellen, in zweiter Linie wird auch Ulrich genannt, wenn dieser sich wirklich entschließen sollte, nach dem Offenbacher Reinfall es noch einmal in Darmstadt zu versuchen. Tie freisinnige Partei hat ebenfalls schon einen Entschluß gefaßt und die Nationalsozialen Pfarrer Ko re l l-Königstädten als Reichstagskandidaten ausgestellt.
poüHfdtc Wochenschau.
Gießen, 12. Februar 1906.
Unser verstorbener Staatsminister Dr. Rothe ist einer der Zeitigen deutschen Minister gewesen, die der unerbittliche Tod i’t voller Schaffenskraft ereilte und dem nach langem ehrenvollen Wirken im Staatsdienste kein otiam cum di.^nitate vergönnt sein sollte. Nach bem aus Gesundheitsrücksichten im vorigen, Jahre erfolgten Rücktritt des Justizministers Dittmar war Neichsgerichtsrat Ewald auf biefen Poften berufen worben der am ersten Tage der vergangenen Woche zum Staatsminister ernannt, irarbe und dabei die Stelle des Justizministers bci- kehält (seither hatte bekanntlich das Staatsministerium mit dem Ministerium des Innern eine gemeinsame Leitung. Er hat sich bekannt gemacht durch freie und humane Denkweise sowie unbeirrbaren Gerechtigkeitssinn und das Grvßherzogtum Hessen, das in den letzten Jahren so rüstig voran geschritten ist, darf seinen Blick auch unter dem neuen ersten Staatsmanne vorwärts und aufwärts richten. Zum Präsidenten des Ministeriums des Innern wurde Geh. Rat Braun berufen, der Jahre lang die dlbteil- uitg für Landwirtschaft, 5) an del und Gewerbe zum Segen für die tfir unterstehenden Berufszweige leitete. Er ist eine organisatorische Kraft ersten Ranges und dabei ein Mann von scklicht- eünfachem Charakter und aufrichtigem entgeaenimnmendem Wesen. Mit der Bevölkerung hat er durch die Verwaltung des landwirtschaftlichen und gewerblichen Ressorts enge Fühlung genommen und sich zugleich eine große Menschenkenntnis erworben. Tie beiden neuen Männer werden es dem Landesherrn und Dem Lande recht zu machen wissen.
Ungleich schwerer als unsere hessischen Staatsmänner hats Mas Posadowsky. Wie mons macht, cs ist nie recht. So hatte er am Mittwoch sagen sollen, als ihm der freikonservative T;ig. Dr. Arendt vorhielt, daß er sich zu den sozialdemokratischen chiritiativanträgen über Einführung des allgemeinen, gleichen und necheimen Wahlrechts in allen deutschen Bundesstaaten geäußert habe, während es bisher stets getadelt wurde, daß man tonn Regieru.ngstisch niemals zu Initiativanträgen des Hauses sp-reche. "$3ernt die Reichsregierung mit ihrer bisherigen Gepflvgen- ieit gebrochen haben sollte, so wäre dies nur zu begrüßen,
„Sollte ein Gleichgewicht bestehen, so müßte man den l ä n d - lichen Beruien die eine Hälfte, den städtischen Bernsen die a n d e r e H ä l s t e der Sitze einräumen. Bei der heutigen Stimmung der Gemüter könnte aber eine solche Einteilung schwerlich auf Zustimmung in weiteren Kreisen rechnen. Im Laufe der Zeit, wenn die durch das jetzige Partei-Unwesen tünstllch geschürten Gegensätze einmal überwunden sein werden, würde wohl auch in einsichtigen städtischen Kreisen alliiiählich die Ueverzeugung platzgreifen, daß von dem Gedeihen b er heimischer,
lüine „itoxon“
Fabrikat Q“/
and einspännig, solid und
ibauL, nui ea. HO em hohen ich leicht i»Zug, tiefer Seiuuiu
’llos arbeitend,
für deutsche Vtrhlltaiw den Ikngiien Bvggui bei m zu eiuAasigtea Pieieeu.
eisen. Agenten erhalten hohe gebiete werden «gesichert.
Nr. 36
Erscheint täglich
außer SonmagS.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem »elfischen Landwirt die Siebener Samtlienblätter viermal tn der
Woche beigelegL Rotationsdruck il Verlag der Brü h l'scheu Unwers.-Buch-u. Stetn- bruderet. R. Lange. Redaktion, Ervedmmr und Druckerei:
Schal st raße 7.
Redaktion e=8ä> 112
Verlag u.Exveb.e^bl Adresse für Deoelchen:
Anzeiger Gießen.
Montag 12. Februar 1906
Bezugspreis:
monatlich 75 Pf., viertel-
istiichcr Gebisse ui tz-old uni rbeiiea. A f , ,2U bsmchlkf Z-Hjchl Me; «cparaturrn achs ivliuisi. - Pwiiipte 'Mienuiij, iOen »on 3 bis 6 W. _
. , einer Zeitschrift die Frage
des berufsständischen Wahlrechts. Er tritt für dieses Wahl
die gleiche hohe Zahl von 9)?anbaten erringen, denn auch in dec Bevölkerung dürste man bc5 langen Haders überdrüssig sein, an welchem lediglich der Starrsinn der Opposition schuld ish und wieder ruhige Zeiten herbeisehnen.
Rur eine kurze Lebensdauer ist dem Kabinett FortiS beschieden gewesen, nach kaum einmonatlicher Dauer wurde ihm in der italienischen Kammer das Sterbeglöcklein geläutet. Von Anfang an stand das Ministerium auf schwachen Füßen und allgemein sagte man ihm leine allzulange Lebensdauer voraus, ivemt auch der so schnelle Sturz unmittelbar nach Zusammentritt der Kammer nicht enoartet wurde. Welcher Unpopularität sich das Kabinett Fwrtis erfreute, geht schon daraus hervor, daß man nickst einen äußeren Anlaß zu seinem Sturze nahm, sondern baß es sofort bei der Debatte über die allgemeine Politik vev- schwunden ist. Ein Vertrau ensv-otum wurde mit 30 Stimmen Mehrheit ab gelehnt und Fortis war Ministerpräsident gewesen. Sein Nachfolger ist S o n n i n o , der aber so Flug war, nicht ein spezifisch konserv'tioes Ministerium zu bilden, sondern die Mitglieder seines Kabinetts aus den verschiedenen Parteien holte, indem er sich so eine Mebhhe'it in der Kammer von vornherein
Handwerk n. Kleingewerbe 60 Sitze
. 50 Sitz»
. 30 „
. 10 „
.10 „
-60 „
jährlich Mk. 2.20; durch 4k Abhole- u. Zivelgstelleu ; yr monatlich 65 Pf.; durch die Post AU. 2.—viert el-
jährl. ausichl. Beftellq. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormltlags 10 Uhr. Zeilenvreis: lokal 12'13fw auswärts 20 Pfg.
Verantwortlich für den poliL und allgenr. Teil: P. Witt ko: für .Stadl und 2anb' unb ^Gerlchtchaatt: Ernst Heb; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
SkW 6 W RübeMtL •üen mU Derartigeoi M
S'»«ÄKeS
IMH
{Gelehrte Stände
Beamtentum u. Lehrerschaft . . . .
Bureauangestellte, Handlungsgehilfen re.
i Jndnstrie-2lrbeiter........
< HandwerksGehilfen u. Bau-Arbeiter .
I ländliche Arbeiter rc. .... . .
zu schweren Zusammenstößen gekommen ist. Unter den Exzedenten dursten sich aber weniger aufrichtige Anhänger der Kirche befunden haben als vielmehr Nationalisten, Royalisten und Unionisten, welche auf diese Weise glauben, eine Mißstimmung im Volke gegen das am Ruder befindliche Ministerium erzeugen und die Ausführung des Trennungsgesetz-es verhindern zu können. Indessen dürfte ihr Bemühen erfolglos fein; man hat sich allenthalben mit dem neuen Gesetz abgefunden und daS Ministerium sitzt zu fest int Sattel, um durch derartige Machination herausgehoben werden zu können.
Es hat fast den Anschein, als ob der Sturz Balfours vvn der Spike der Regierung, auch seinen Sttirz von der Leittmg der konservativen Partei herbei führen wird. Seit einiger Zeit hat ein sehr lebhafter Kampf in der unwnistischen Presse ein* gesetzt, welcher Balfour rücksichtslos angreift, ihm Schwäche und Unfähigkeit vorwirft und ihm die Schuld für die enormen Verluste der Partei in die Schuhe schiebt. Ja, es hat sogar berti Anschein, als vb es zu einer Sprengung der konservativen Partei kommen wird, deren einer Uügel Balfour treu bleiben, der andere sich aber Chamberlain als Oberhaupt wählen wird. Diese Zer* 1 Klitterung könnte aber den Unionisten nur noch mehr schaden und vor allem, ist nach dem Ausfall der Wahl kaum daran zu b.mken, daß die sck)ukzöllnerischen Jd'en Cha.nberlains geeignet wären, einer Partei Anhänger zu gewinnen.
Die unruhigett Leutchen auf dem Balkan fahren fort, einander das Leben angenehm zu machen. Wie übrigens verlautet, soll eine Verständigung zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien angebahnt sein, die formellen.Schritte sollen bald folgen.
In Rußland nehmen die Dinge ihren Sauf wie bisher. Es heißt, daß viele Gutsbesitzer es absichtlich versäumt haben, ihre Felber bestellen zu lassen, da sie behaupten, es lohne sich nicht in dieser unruhigen Zeit, wo alles doch gleich wieder vernichtet werbe, Lanb wirtschaft zu treiben. Dadurch wird die ländliche Bevölkerung von einer H un g e rsn ot bedroht. Die Beunruhigung unter der ländlichen Bevölkerung nimmt zu. Viele Beamte in der Provinz haben ihre 'Stellungen aufgegeben!, da fie befürchten, von den empörten Bauern ermordet zu werden. Eine furchtbare Katastrophe hat sich amj 9. b. M. im Weichbilbe von Petersburg ereignet. Hinter dem Nedvski-Tor. wurde in eine Gastwirtschaft, in der etwa 50 Personen anwesend waren, durch das Fenster eine Bombe geworfen- die explodierte. Zwei Personen waren auf der Stelle tot, 12 wurden schwer verletzt. Krankenwagen des Roten Kreuzes schassten die Verwundeten fort. Der Verbrecher ist noch nicht ermittelt. In den Nachbarhäusern wurden sämtliche Fenster zev- trünunert (Vgl. auch den Artikel „Rußland")
‘I’Wia
Saa|baues M
■ä'Ä
*1* Bierkeiiepi
1 $u,t, 8e/*"«t
Vogelsberg.
”1 ab pochivaldbauien
äfltui püui i|i 01Ul, M ganze ^ahr oheu.
877 entneer. Hochirastiliauicil.
Abend
W'Ä«*.
-OV- )er iret *
_ einmal ein bischen Radau gegeben, indem lte6ereifrige sich der Inventaraufnahme in den Kirchen mit Gewalt widersetzten, wobei es mehrfach
denn gerade die Behandlung, welche Beschlüssen des Dauses vom Bundesrat zuteil wurde, bat so viel böses Blut hervorgerufen. Im übrigen muß die Rede Posadowskys jur Reichswahlfrage sehr willkommen sein, da sie den Standpunkt der preußischen wie der Reichsregierung darlegt und somit programmatischen Charakter bat. Der Staatssekretär entpuppte sich als kein allzu großer Freund des Reichstegswahlrechtes und seine Ausführungen zeigten iveiter, daß er den Gedanken von sich weist, dieses Wahlrecht jemals in Preußen einzuführen, um nicht auch im Ab- geordnetenh"use den Sozialdemokraten zur Uebermacht zu verhelfen. Diese scharfe Absage bcs Staatssekretärs muß umsomehr auffallen, weil er stets als der aufgeklärteste unb ort meisten sozial empfindende Reichsminister gegolten hat, der es wegen seiner freimütigen Aenßerungen schon mehrfach mit der Rechten tierboTbeit hat. Wenn nun bet Staatssekretär in derartigen Wendungen sich erging, so zeigt dies deutlich, wie jetzt oben der Wind weht unb baß die Sozialdemokratie in absehbarer Zeit nicht auf Erfüllung ihrer Dünsche rechnen kann. Insbesondere wurde am Mittwoch auch von den bürgerlichen Parteien, welche dem Anttage auf Einführung eines gleichmäßigen Wahlrechtes in allen Bundesstaaten freundlicher gegenüber standen, scharf kritisiert, daß man die Wahlfähigkeitsgrenze auf das 20. Lebensjahr festgelegt wissen will, und auch den Frauen ohne weiteres das Stimmrecht erteilen will. — Sonst behandelte man im Reichstage den Etat des Reick)samts des Innern, wobei natürlich die übliche sozialdemokratifche Debatte nickt ausblieb, ohne daß etwas neues zutage gefördert wurde. Man hörte die alten Schlager und dieselben Forderungen, und von Belang war nur die Mitteilung des Staatssekretärs, daß das dringend verlangte Gesetz über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine in der Ausarbeitung Jei und daß auch dem Reichstage voraussichtlich noch in dieser Session ein Entwurf über die Krankenversicherung des Gesindes und des landwirtschaftlichen Personals vorgelegt werden soll.
In Berlin tagt augenblicklich noch ein anderes Parlament, bas agrarische. Es ist bie landwirtschaftliche Woche an uns vorübergerauscht, ber Landwirtschaftsrat hat getagt, unb im Zirkus Busch wird demnächst die große Heerschau des Zirkus Busch ftattfmden. Auf dem Festmahl des Landwirtschaftsrats hat Fürst Bülow die obligate Rebe gehalten; er sagte ben Bauern viel Schmeichelhaftes im übrigen aber nichts Neues. Agrarfragen sind augenblicklich auch nicht aktuell. Die Zeit der großen Zollkämpfe ist vorüber, die Handelsverträge werden in kurzer Frist in SVraft treten. Die Außenseiter des Bundes ber Landwirte haben ihren Frieden mit der Regierung gemacht, und so verläuft das agrar. Parlament in schönster Harmonie und ohne bissige Reden gegen die Regierung. Von der Ktisen- ftimmung, wie sie noch vor einem Jahre herrschte, ist nichts mehr zu merken, und in dm Tc* haben die Landwirt auch keinen Anlaß mehr, kritisch geftimut zu sein. Auch der preußische Landwirtschaftsminister v. P o d b i e l s k i hat natürlich eine Rede gehalten; sie klang, wie verschiedene Zeichcndeuter bemerkt haben wollen, weniger freudig unb zuversichtlich, wie sonst, unb daraus wird gefolgert, daß an den Gerüchten vom baldigen Rücktritt des Landwirtschaftsministers doch etwas Wahres, sei. Cs interessiert uns im Grunde leenig, ob Herr b. Pobbielski geht ober bleibt; ber Geist im preuß. Landwirtschaftsministerium wird doch der gleiche bleiben. Und Herr v. P. besitzt doch wenigstens einen glücklichen Humor!
Die innere Politik deS deutschen Reiches hat int übrigen in der letzten Woche sich beschaulicher Ruhe bingegeben. In Sehern ist das neue Wahlgesetz nunmehr auch von der Kammer der ReichSräte approbiert, und mit Neid schaut man vom Norden her auf den Fortschritt, den das Königreich gemacht hat. Die Sozialdemokratie hat sich noch immer nicht über die Hosgängerei deS Darmstadter Genossen Cramer beruhigt, und dieser Balthasar will absolitt nicht in Sack und Asche Buße tun, sondern bleibt bei seiner ketzerischen Gesinnung stehen. Darob war in den Räumen des „Vorwärts" große Entrüstung, unb die fröhliche Rosa schürte den Scheiterhaufen. Herr Cramer hat soeben seine Mandate als Reichs ta gsabgeord- neter und Stadtverordneter niederg elegt, (vgl. bef. Artikel) und die Sozialdemokratie Darmstadts wird es nicht leicht haben, auf die neuen Kandidaten, Fulda oder Ulrich, die gleiche Stimmenzahl wie für Cr. aufzubringen. Jedenfalls haben die bürgerlichen Parteien Aussicht auf den Rück- gewinn von Darmstadt. Mtt Herrn Geck, dem zweiten Präsidenten der badisä^n Stamm er, hat sich die sozialdemokratische Zentralleitung leidlich ausgesöhnt.
Nach außen hin hat sich nichts von Belang ereignet. Frohe Botschaft kam aus den Schmerzenskolonien. In Südwestafrika hat sich der Sohn Hendrik WitboiS, Isaak Witboi, gestellt mit 70 Leuten, darunter 40 Männern mit 19 Gewehren. Die Gesamtzahl der Kriegsgefangenen betrug am 5. Februar 13 040 Köpfe, darunter 10 677 Hereros, unter denen sich 2720 Männer befanden, sowie 2300 Hottentotten, darunter 730 Männer. In Ostafrika stößt man auf fteinen ernstlichen Widersta'.rd mehr, weshalb die Aufstandsbewegung als beendet ungesehen wird. Hoffentlich täuscht man sich nicht darin. Gegen Herrn v. Puttkamcr ist das hochnotpeinliche Verfahren eingeleitet. Der Gouverneur versichert aber, mit der Verurteilung der Akwahauptlinge habe er nichts zu tun gehabt, dafür sei Herr v. Brauchitsch allein verantwortlich. Unb an einen Ausstand in Kamerun sei nicht zu denken.
In Algeciras ist leider in den Verhandlungen ein kleiner Stillstand eingettettn. Flugs sind Korrespondenten dabei, aller Welt die pessimistischsten Meldungen zu depeschieren, wobei Deutschland als das schuldige .Karnickel hin- gestellt wirb. Besonders sind die Londoner Blätter unruhig. Daily News vergleicht die Verhandlungen mit einem Fecktboden- Dnell unb wünscht Rücksicht auf eine bessere Regierung Marvttos und die Erhaltung des Weltfriebkens. Die Tribüne schreibt, wenn die Konferenz mißlingt, habe De^itsckland die selbstsüchtige Ve- friebigung Frankreich und England falt gestellt zu haben.
In voriger Woche schien die Lösung der ungarischen Krisis überaus rvahe und jetzt ist man wieder weit mehr denn je davon entfernt. Die Mission Anbrasst)s ist völlig gescheitert, weil die Opposition wieder einmal die übertriebensten Forderungen stellte, sodaß man beinahe annehmen konnte, es sei ihr mit dem Friedensschluß garnicht ernst gewesen Forderte man doch nichts weniger als eine vollständige wirtschaftliche Autonomie der ungarischen .Reichshälfte nach innen und nach außen und überdies Einschränkung der Hoheitsrechte des Kaisers, namentlich in Agrarfragen. Darauf fmmte sich der Kaiser nimmermehr einlassen und so sind die Dinge wieder auf dem toten Punkt angelangt. Was nun? Wird man noch langer in Wien Langmut zeigen ober sich endlich zu einer energischen Tat aufraffen ? Gerüchtweise verlautet, ba§ Parlament, solle am 20. Februar aufgelöst werden. Dies wäre das einzig richtige, was die Regierung tun könnte, denn r 'rlich dürste bei den nächsten Wahlen ine Opposition .
ftaB. ., Soliusc»
.» fafl 2076.
)e-, ”
ils" ..
m-Lebsrirao.
"ÄSÄ?
Mitt 1
20 „
20 „
20 „
,20 „ 20 „ 20 „
4U0 Sltzs


