Nr. 239
Trfcheint «§«’* mit Ausnahme des Sonntags.
Die „6ie6tner ZamMenblätter- werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «Hessisch« Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck mW Verlag der 8cfl6i’f<6m Universitätsdruckerei. R. Lange, Gtetz«.
Redaktion. Expedition u. Druckerei: Dchulstr.U, Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.: Anzeiger Dietz«,
Zweites Blatt 15S. Jahrgang Donnerstag 11. Oktober 1906
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.
Aie Kohenlohe-Krinnerungen.
Die Erörterung über die Teukwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig Hohenlohe wird heute in der Presse mit unvermindertem Interesse fortgesetzt. Es ist begreiflich, daß Tagebuchblätter eines Mannes wie des dritten Reichskanzlers, dessen ruhige, besonnene, philosophisch über den Dingen stei-cnde Art noch in frischer Erinnerung ist, schon vorn literarischen Standpunkt aus hoch bewertet werden. Auch wenn Fürst Hohenlohe nicht an der Spitze der Geschäfte des Reiches gestanden hätte, und wenn er nicht durch seine .weitverzweigten Beziehungen in den Stand gesetzt war, Einblick in vieles zu tun, das vor der Oeffentlichkeit verschlossen blieo, auci) dann würden die Tagebuchblätter Bedeutung haben. Ein geistvoller Beobachter, ein seiner Menschenkenner spricht aus den Aufzeichnungen. Das ist das am meisten Aufsehen Erregende an der jüngsten Ver- össentlichung. Ein Teil der Presse hat in dieser Sache sehr merkwürdige Wandlungen durchgemacht. Zuerst erschienen die Tagebuchblätter Hohenlohes der gesamten Presse historisch wie literarisch von so großem Reiz, daß jede Zeile, jedes Wort des Auszugs wiedcrgegcüen wurde. Dann kam das Kaisertelegramm an den Fürsten Philipp Hohenlohe, und urplötzlich sah sich ein Teil der Blätter zu Entrüstung über „Indiskretion" veranlaßt. So hüllte sich beispielsweise der bekanntlich jeder Sensation holde „Berl.L.-Anz." in die Toga des Zensors, der sozusagen im Namen des deutschen Jour- nalismus die Veröffentlichung der Auszeichnungen mit Würde mißbilligte. Die agrarische „Tagesztg.", die zuerst allerlei Schönes und Erbauliches über die Hohenlohe-Erinnerungen geschrieben hatte, ist seit gestern voll heiligen Zorns auf den Prinzen Alexander zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Sie bemerkt: „Daß Prinz Alexander bei der Herausgabe der Erinnerungen seines Vaters eine besonders schöne Rolle gespielt habe, wird niemand behaupten können". Die „Tagesztg." frischt dann die Erinnerung aus, daß gelegentlich einmal ein agrarischer Redner dem Abg. Prinz Hohenlohe den wohlgemeinten Rat gegeben habe, die Tatsache, daß er innerlich nicht zu der rechten Seite des Hauses gehöre, auch äußerlich dadurch zu bekunden-, daß er sich auf der linken Seite seinen Platz suche. Hieran „erinnert" die „TageSztg." und meint mit nicht miszzuver- stehender Absichtlichkeit, diese Reminiszenzen böten vielleicht doch einen kleinen Fingerzeig, wie das eigentümliche und vom Kaiser so scharf gekennzeichnete Vorgehen des Prinzen Alexander zu erklären sei. In präzise Worte übertragen heißt das: Prinz Alexander wollte sich auch bei dieser Gelegenheit als eine dem Liberalismus geneigte Persönlichkeit zeigen. Es fehlt nur noch, daß gesagt wird, Prinz Alexander habe „die" Geschäfte des Liberalismus" mit der Herausgabe der Tagebuchblätter besorgen wollen.
Unseres Erachtens ist die „Voss. Ztg." im Recht, wenn sw eine gelassene Betrachtung darüber anstellt, ob denn der Inhalt der Aufzeichnungen Hohenlohes, das rein Tatsächliche, derart geeignet sei, Bedenken hervorzurufen. Die „Boss. Ztg." weist fast Punkt für Punkt nach, daß ziemlich alles, wa§ Fürst Hohenlohe geschrieben, nicht zu den „Enthüllungen" zählen könne, weil es eben bereits in eine Reihe von Geschichtswerken übergegangen sei. Es ist in der Tat kaum anzunehmen, daß für das deutsche Reich irgend ein Nachteil aus der Publikation entstehen könnte. Diese Befürchtung tauchte auch bei den Denkwürdigkeiten Bismarcks auf und sie hat sich als grundlos erwiesen.
Im übrigen braucht sich der Prinz von niemandem irgendwelche Vorschriften machen zu lassen. Die Erinnerungen des Fürsten Chlodwig befanden sich in seinem privaten Besitz. Jeder hat das Recht, mit seinem Besitztum anzufangen, was er immer will. Der Prinz hätte die Memoiren in den Ofen stecken können, er hätte sie verkaufen können, kurzum, er konnte den Gebrauch machen, der ihm beliebte.
In diplomatischen Kreisen Berlins wird dem „B. L.-E." zufolge angenommen, daß Prinz Alexander, der leit Längerer Zeit leidend ist, die Herausgabe der Erinnerungen seines Vaters gänzlich dem Professor Eurtius überlassen und auf die Sichtung des Materials zum Zwecke der Veröffentlichung keinen Einfluß genommen hat.
Ueber die Denkwürdigkeiten des' Fürsten Hohenlohe hak, wie der „Post" aus Petersburg mitgeteilt wird, ein dortiger hervorragender Diplomat mit dem Minister des Aeußern Rücksprache gepflogen. Der Münster äußerte sich, daß die historischen Reminiszenzen auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse kein eu Ein fluß auszuüben vermöchten und auch an den freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland, wie dies gegenwärtig bestehe, nichts ändern würden.
Auch nach Informationen, deren Verläßlichkeit als über jeden Zweifel erhaben chingestellt wird, kann der Karlsruher Korrespondent der „Frist. Zig." die Deutung, als ob die Veröffentlichung des Memoirenwerkes eine Beeinflussung der internationalen politischen Lage oder sonstwie politische Ziele verfolgt habe, für absolut hinfällig erklären. Seit Monaten sei aus das Erscheinen der Denkwürdigkeiten hin- gewiescn worden, ohne daß von irgend jemand Einspruch erhoben worden wäre. Bemerkenswert ist höchstens, daß der Auszug über das Verhältnis Bismarcks zu Kaiser Wilhelm nicht, wie die früheren Auszüge, in der „Deutschen Revue", sondern in „Ueber Land und Meer" erfolgt ist. Man sagt, und auch das verdient aus verschiedenen Gründen vollsten glauben,_ Prinz Alexander Hohenlohe sei gegen ein Herausreißen dieses Kapitels aus dem Zusammenhänge gewesen und habe die vom Verlage gewünschte Genehmigung zur Bekanntgabe in der „Deutschen Revue" verweigert. Der Verlag habe zunächst das Verbot formell respektiert, es dann aber durch Bekanntgabe in „Ueber Land und Meer" ohne Genehmigung umgangen. Der Korrespondent sagt weiter: Wer lediglich an der dokumentarischen Festlegung historischer Wahrheit interessiert ist, hat sicherlich mancherlei Anlaß zu der Vermutung, daß ans den Hohen- loheschen Papieren über die spätere Zeit nicht viel in das Memoireuwerk gekomrnen ist.
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Zur Entlassung Bismarcks.
Die Mitteilungen, welche die Denkwürdigkeiten des Fürsten zu Hohenlohe über den Rücktritt des Fürsten Bismarck bringen, haben in der Presse die leidenschaftliche Polemik wieder aufleben lassen, die sich damals an diesen Rücktritt knüpften. Die Einen geben dem Kaiser recht, die Anderen mißbilligen die Entlassung des Fürsten. Die „Berliner Neuesten Nachr." z. V. schreiben:
„Sind sich Hohenlohes Erben darüber klar, daß gegen die dokumentarische Fesistellung einer derartigen, aus inneren Gründen unhaltbaren Auffassung jeder gute Deutsche leideuschaiilichen Wiber- wruch erheben muß, selbst wenn er die Erregung jener Tage in Rechnung zieht? Wird man sich wundern, wenn aus dem Hause Bismarck nunmehr geantwortet werden sollte mit der Herausgabe des dritten Bandes der Gedanken und Erinnerungen
Daß diese Drohung blmd ist, versteht sich von selbst. Besonders anständig finden wir sie nicht, ebensowenig wie die Glossierung der Aeußerungen des Groß Herzogs von Baden als „unerbaulich und bedenklich". Unterliegt denn nur immer der dem Fürsten Widersprechende, der von ihm Dissentierende der Kritik? Die Veröffentlichung Hohenlohes hat wieder bewiesen — und damit sollte auch der ganze Streit, als nunmehr der Geschichte angehörend, endlich begraben sein,— daß beide Teile damals so gehandelt haben, wie sie nicht bloß nach ihren Charakteren, sondern auch nach den Verhältnissen handeln mußten. Die Naturen beider Männer und die Auffassungen, die jeder von der Bedeutung feiner Stellung aus von seiner Pflicht im allgemeinen hatte, waren so verschieden, daß der Bruch unvermeidlich war, gleichviel auf welchem Gebiet die Reibungen einsetzten. Andererseits kann man auch sagen: In der Sozialpolitik stand die Meinung Bismarcks der damaligen des jungen Kaisers so schroff gegenüber, daß auch schon diese spezielle sachliche Frage die Trennung zu einer Notwendigkeit selbst dann gemacht haben wurde, wenn das persönliche Verhältnis ungetrübt gewesen wäre. Bisher unbekannt, aber klug und persönlich ehrend für den Kaiser ist seine Auffassung, die Fürst Hohenlohe mit folgenden Worten wiedergibt:
„Der Kaiser widersetzte sich dein (der Auflösung des Reichstags bei Nlchtverlängeruug des Sozialisteiikongresses), iveil er sagte, wenn sein Großvater nach einer langen ruhmreichen Regierung genötigt worden wäre, gegen Aufständische vorzugehen, so würbe ihm bas niemand übel genommen haben. Anders jci es bei ihm, bcc noch nichts geleistet habe. Ihm werbe man verwerfen, baß er seine Regierung bamit anfange, seine Untertanen totzuschicßen. Er fei bereit einzuschresten, aber er wolle dies mit gutem Gewissen tun, nachdem er versucht habe, die begründeten Beschwerden der Arbeiter zu befriedigen."
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Vertrage.
Der Veröffentlichung aus den Memoiren des Fürsten Hoherr- lohe hat auch die Erinnerung an den bekannten Rückversicher u n g s v e r t r a g wachgerufen, welchen Bismarck mit Rußland geschlossen und worin er Rußland, trotz des deutsch- ostreichischen Bündnisses, Neutralität zusagte, falls Oesterreich wegen der bulgarischen Frage Rußland angreisen würde, während bcorfür Rußland _ Neutralität im Falle eines deutsch-französi- tchen Krieges versprach. Diesen Vertrag h.it seinerzeit der Kaiser nicht erneuert, weil er ihn für unvereinbar mit der Loyalität gegenüber Oesterreich gehalten hat. Tie damalige Taktik Bismarcks zeigt, wie wenig Bedeutung im Grunde genommen geschriebene Verträge haben, wenn nicht au beifcen Seiten der ausrichtige Wille herrscht, sich in vollem Umfange an sic zu halten und nach ihnen zu richten; aber sreüich, die Diplomatie ist von je her über Skrupel ergaben gewesen, und man hat es oft genug erlebt, daß ein Bundesgenosse von dem andern im Notfall im Stiche gelassen wurde, indem man immer ein Hintertürchen fand, um geltend Zu machen, daß ein „casus foederis" nicht vorliege. So ließ bekanntlich vor wenigen Jahren Rußland seinen treuen Verbündeten Frankreich im Stiche, als die FLschodaaffäre spielte, und sicherlich wäre es damals nicht zu einem Nachbeben Frankreichs, sondern zu einem französisch-englischen Kriege gekommen, wenn Frankreich die Unterstützung Rußlands erhalten hätte. Ebenso rührte auch England, in dem ruffisch-japanischen Kriege, trotz seines Bündnisses mit dem Reiche des Mikado, keinen Finger, ja man entschloß sich nicht einmal zu einer Vermittlung, sondern überließ diese dem' Präsidenten der Verewigten Staaten.
_ Die leitenden Persönlichkeiten der Mächte haben daher durchaus recht daran getan, wenn sie an Stelle fester Bündnisse sogenannte Schiedsvcrträge abschlossen, um bei Differenzen uoer bestimmte Punkte von vornherein einen Ausgang nach Möglichkeit zu sichern, eine Politik, welche man insbesondere von London aus verfolgte, und mit welchem Glück man dabei operierte, beweist die dadurch erfolgte Isolierung Deutschlands. Gelang es doch den Diplomaten an der Themse, nicht nur Italien auf solche Weise zu gewinnen, sondern sogar den langjährigen Rivalen Frankreich, und aus diesen Schiedsverträgen l-at sich mittlerweile eine recht herzliche Entente heraus gebildet. Eine ähnliche Verständigung auch mit Rußland herbeizuführen, ist man in London jetzt eifriger denn je bemüht, inder.t die beiderseitigen Interessensphären in Asien abge- grmzt werden sollen, um künftige Konflikte zu vermeiden. Ueber den Hauptdifferenzpunkt Tibet soll bereits eine Einigung erzielt sein, indem England in bie|cr Hinsicht nachgibt, und sich dafür andere Vorteile speziell in Persien sichern will. Daß hierbei auch die Llbsicht zu Grunde liegt, nicht nur die wirtschaftlichen Jntercffen Deutschlands in Vorderasien zurückzudrängen, sondern überhaupt Rußland von einer freundschaftlichen Stellung gegenüber Deutschland abz uw enden, bedarf wohl nicht erst besonderer Betonung. In Deutschland haben sich die leitrnden Persönlichkeiten einer derartigen Taktik noch nicht angeschlossen, und es dürfte wohl jetzt auch zu spät sein, nachdem England alles vor weg gekapert hat. Statt der Erneuerung des Dreibundes wäre es u. E. weit besser, mit. Italien angesichts der dort herrschenden Bestrebungen einen Schiedsvertrag abzuschließen, welcher den beiderseitigen Interessen in höherem Maße qcrect: wird.
parlamentarisches ans Hessen.
R. B. D a r m stadt, 10. Okt.
Drei parlamentarische Ausschüsse tagten heute vormittag gleichzeitig in den Beratungszimmern der zweiten Kammer,' um für die bevorstehende Parlamcnts- sessiou ihr Veratungsmatcrial fertigzustellen. Ter Wahlprüfungsausschuß hatte noch üveschluß zu fassen über die Wahl des Zentrumsabgeordneten Tr. Schmitt im Wahlkreis Wälinz-'Nteder-O'lnr. Die Negierung war
infolge eines Wahlprotestes ersucht worden, im Wahlbezirk Kastel Erhebungen anzus.clicn, weil dort angeblich zehn Nichtbercchtig-te an der Wahl teilgenomnren hätten. Rach den amtlichen Erhebungen stellte sich jedoch heraus, daß nur zwei Mchthessen mitgewählt haben, sodaß an dem Stimm Verhältnis von 588 sozialdemokratischen und 384 bürgerlichen Stimmen leine entscheidende Aenderung eingetreten wäre. Herr 2r. Schmitr bleibt demnach mit 34 gegen 22 Wahlmänner zum Abgeordneten gewählt. — Auch die Wahl des Abg. Ullmann hatte im Ausschuß uoch ein Nachspiel, weil die Kammer zwar die Wähl des Abgeordneten genehmigte, aber die Wähl der beiden Wahlmänner in Groß-Karben für ungütig erklärte; das Stimmenverhältnis war nämlich 72:69 und cs hatten drei Nichthessen an der Wahl teilgenommen. Bei der darauf vollzogenen Neuwahl wurden nun zwei bauernbündlerische Wahlmänner gewählt, der sozialdemokratische Wahlprotest hatte also den Verlust der beiden foyialbeiit. Wahlmänner zur Folge. Da die Sbimmeudiffercnz bei der Abgeordneten^ wähl sehr gering (5) war, lag die sofortige Anordnung den Neuwahl in Groß-Karben im Interesse des Wahlkreises. — Der Pctitionsausschuß beschäftigte sich heute mit mehreren Anträgen und Vorstellungen. Bemerkenswert darunter ist, daß der Antrag Joutz, der dahin geht, daß beim nächsten Staatshaushaltsetat /zal§ notwendige und interessierende Unterlage für die Beratung desselben" eine genau spezifizierte Ucbcrficht der als Grvßh. Haus- oder Staatsdomäne im Grundbuch zugeschriebenen oder ev. in Nutznießung des Staates befindlichen Immobilien dem Landtag vorgelegt werden solle, vom Ausschuß abgelehnt wurde. Nach der Darstellung der Regierung würde eine solche Uebersicht nicht nur außerordentlich hohe Kosten verursachen, sondern im Augenblick der Vorlage auch bereits schon vielfach nicht mehr zutreffend sein. — Das Hauptinteresse weiter Kreise nimmt der auf 10 Mitglieder verstärkte SvnderausschußfürdieVcrwkltungs- g e s e tz r e v i s i v n in Anspruch, der gestern unter dem Vorsitz des Kammerpräsidenten Haas feine Beratungen begann. Die gestrige Sitzung wurde mit einer allgemeinen Diskussion ausgefüllt, an die sich die Berichte der beiden Ausschußreferentcn Köhler und Uebel über die Landgemein d e o r d nu n g anschlossen. In der heutigen, lehr ausgedehnten Sitzung wurden die ersten 82 Artikel des Gesetzentwurfes vorläufig und ohne Beschlußfassung durchgesprochen und dann die Weitcrberatung auf nächsten Freitag vertagt. Da dieser eine der sechs .Verwaltungs- gesetzentwürfe schon allein 224 Artikel umfaßt, und zahlreiche Abänderungsvorschläge dazu eingegangen sind, dürste die endgültige Fertigstellung im Ausschuß noch manche arbeitsreiche Sitzung erfordern.
Der evangelische Bund.
Gr^rudenz, 10. Okt.
Die Generalversammlung des evangelischen Bundes faßte einstimmig folgenden Beschluß:
Der Essener Katholikentag gab die Losung aus: Z u- fam meuid)ln6 der Gott- u nd E h r i st u s g l ä u b i g e n aller Konfesjionen zu in Kampfe gegen den Unglauben u u b ben Uni stürz; demgegenüber geben wir zur 19. Tagung des evangelischen Bunbes ben versammelten Protestanten folgenbe Erklärung ab: Mit ben Christen aller Kirchen und Konfessionen, bie m bem Herrn und Christus allein das Heil seheii, fühlen wir uns im Geiste eins ; jene Essener Losung ist indessen nur eine Wiederholung der seit ber Gründung der konfessionellen Zentrumspartei stets von ihr erlassenen Aufforderung zum p o l i t. Zusammenschluß ber gläubigen Christen. Dieses Ansinnen weifen wir als verhängnisvoll für unser Vaterlanb unb unsere Kirche zurü ck. Wir erachten es vielmehr als eine Gewissens- pflicht, unsere evangelischen Volksgenossen unb insbesonbere bie von jener Seite als Gläubige angesprochenen Kreise vor bem Eingehen aus baS angebotene Bündnis zu warne n. Denn bet aller Anerkennung ber Ehrlichkeit, mit ber viele fromme Katholiken meinen, uns auf diese Weise die Hand zu bieten, fönnen mir dach in jener Tendenz deS Katholikentages nichts anderes erkennen als einen geschickten Versuch, die 9)1 a cl) t der die römischen Interessen in erster Linie vertretenben 3 c n t r um§p a r t c t zu stärken unb jene Freiheit ber Kirche erobern zu helfen, die unvereinbar ist mit den Grundlagen eines souveränen, n n t i o ii a l e ii Staates, und eine beständige Bedrohung des konfessionellen Friedens bedeutet.
Unsere evangelische Losung dagegen ist: Freie Entfaltung der Lebenskräfte der Reformation, welche sich von jeher als volks- und staatserhaltend erwiesen haben, Ziisammenarbeilen mit allen Schaffensfreudigen, welche dem Vaterlande dienen wollen, auf allen Gebieten der christlichen Gesittung und der Volkswohlfahrt, aber kein Bündnis mit dem Ze n- trum und keinerlei politische Unterstützung dieser parlamentarischen Interessenvertretung ber römischen Kirche. Tenn bie röinische Kirche i ft kein Bollwerk gegen bie Revolution und den Umstiirz, und noch jeder politische Verbündete des Ultramontanismiis war schließlich der Betrogene.
Für bie nächstjährige Generalversammlung des evangelischen Bundes waren aus Mannheim unb Worms Einladungen ergangen. Die Versammlung entschied sich für bie Annahme ber zuerst eingegangenen, nach Mannheim.
In der heutigen Hauptversammlung hielt der stelloertr. Vorsitzende, Oberpfarrer Wächtler, eine Ansprache, in der er der vor zwanzig Jahren erfolgten Gründung des Bundes gedachte. Der Redner wies darauf hin, daß der Bund zu einer großen Organisation herangewachsen sei, bie man nicht mehr unbeachtet lassen könne. Ec trete für bie höchsten unb teuersten Güter unseres Volkes ein. Sein coang.-konfefsionellec Charakter werde ihm zwar hin und wieder zum Vorwurf gemacht, aber das Evangelium der Reformation'sei auch heute noch unentbehrlich für bie Lösung ber Fragen unserer Zeit. Wahre unb rechte Weitheczigkett werbe burch den evangelifch- fonfeflioneUcn Charakter des Bundes nicht beeinträchtigt. Ter Bund leiste für ben Frieden unter den Konsessionen nicht weniger als andere, bie sich dessen rühmen.
Es folgte hierauf der Vortrag des Bundesbirektors Sic. Everling über Parität als Schlagwort unb als Prinzip. Redner führte ans, mit diesem Worte wurde Götzendienst ge- triebeib unb bie Verwirrung bicser Begriffe ziehe verhängnisvolle Folgen nach sich. Bei der grunbsätzlichen Verschiedenheit dec römischen und ber evangelischen Kirche würbe eine


