Ausgabe 
10.4.1906 Zweites Blatt
 
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Nkr. 85 Zweites Blatt

156. Jahrgang

Dienstag lO.Ilpril 1906

Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSletzener FamilieablSttcr" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »tzesstschr Laovwtr»" ericheint monatlich einmal.

Geetzener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Vrühk'sch« UnwerstiätSdruckerct. R. Lange. Gieß«.

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Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr. r Anzeiger (Siefem.

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Ite rulstichen Iirnanzen.

Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen: gerade an dem Tage, da Maxim Gorki in einem Berliner Blatt eine Warnung vor der Beteiligung an der nächsten russischen Anleihe erließ, ging uns, kurz nach dem Erscheinen der bereits von uns kurz erwähnten Biermer- schen Broschüre, ein sehr instruktives und unparteiisches Buch,Die russischen Finanzen, eine wirtschaft!. Bilanz des absoluten Regiments in Rußland", von M. Friedmann, Dozent am polytechnischen Institut in Petersburg zu, erschienen bei S. Eronbach in Berlin. Wir haben wohl ein Interesse, etlvas über die russischen Finanzen $u erfahren, ehe sich der neue Aderlaß vollzieht, und da ist es erfreulich, Authentisches, mit Ziffern belegtes Material von einem Manne zu erhalten, der, obwohl ein Gegner des absoluten Systems, doch keineswegs den Revolutionären zuzuzählen ist und anscheinend vollste Objektivität sich bewahrt hat. Tas macht das Buch wertvoll.

Friedmann gibt zunächst einen Ucberblick über den russischen Staatshaushalt. Tie Einnahmen des russischen Reiches beliefen sich im Jahre 1903 neuere Ziffern liegen anscheinend noch nicht vor auf die Riesensumme von 2 Milliarden, 203 Millionen Rubel, die ordentlichen Aus­gaben auf nicht ganz 2 Milliarden Rubel. Ten nicisten Ertrag liefert der fiskalische Verkauf von Branntwein, dann kommen Die indirekten Steuern, die die unteren Schichten des Volkes, die Bauern vor allem, in der un­erhörtesten Weise bedrücken. Ueberbaupt bringen die unteren Volksschichten mehr als drei Viertel der ganzen Einnahmen aus, während die privilegierten Persönlichkeiten (und m Rußland ist jeder privilegiert, der etlvas besitzt) eine lächerlich geringe Summe zu leisten haben. Ter russ. Bauer l>at beispielsn-eise im Mitteleren Scyarzerde-Gouver- nement 125 Kopeken für die Tcßjatine an Staatssteuern zu zahlen, der Gutsbesitzer dagegen 5 Kopeken. Tas ist ein himmelschreiender Unterschied. Wir können hier nicht niil)cr auf Die Ausführungen des Verfassers eingehen; das eine Beispiel zeigt wohl zur Genüge, rote die Tinge liegen, und erklärt auch, warum die Bauern sich dem Verzweislungs- klunpse cmgeschlossen haben.

lieber Die Fmanzen des russischen Reiches sagt der Verfasser nun folgendes:

Unsere Finanzen befinden sich auf einem toten Punk t. Der Krieg hat ungeheure Summen verschlungen. Sttuererhöh' ung. Die wieder den armen Bauer treuen würde, kann nicht mel/r viel einbringen; er ist ja ausgeprestt wie eine Zitrone und bei ihm ist nichts zu holen..... Es blieb nichts übrig,

als wieder zu auswärtigen Anleihen zu greifen. Es würde eine Anleihe im Betrag von 300 Mill. Rubel nominell in Frankreich avgeschlossen, bei faktischer Verzinsung von co. 7 Prozent. Dann folgte die 500 Millionen anleihe auf dem Berliner Markt, deren Verzinsung sich faktisch schon auf etnxid über 7 Prozent stellt. ... Bis jelit ist aus der Pariser Anleihe, die schon im April 1904 emittiert worden ist, keine einzige Kopeke nach Rußland gekommen, und auch aus der Berliner Anleihe wird sicher keine kommen: alles wird int Ausland bleiben zur Bezahlung unserer Aufträge und zur Sicherung der Zinsenzahl­ung auf ältere russische Anleihen.

Darnach also sieht es um die russischen- Finanzen im Augenblick |o traurig aus, als nur irgend möglich. Ter Verfasser schreibt die Schuld daran der unglaublichen Stört ruptioil zu. Tic Beispiele für die Riefenunterschleife, die insbesondere während des russisch-japanischen Krieges ganz offen vorgekommen sind, haben den Reiz der Neuheit längst verloren. Es fehlte eben bisher jede Finanzkontrolle. Die Behörden taten, was ihnen beliebte, schlossen Verträge mit privaten Firmen unter unglaublichen Bedingungen ab zu wessen Nutzen, braucht man nicht zu fragen. Mit dem, dem Volte und zwar seinen untersten Schichten erpreßten Gelde wurde gewirtschaftet, wie man gerade wollte, unD daher kommt cs, daß Rußland heute vor dem Staats­bankerott steht. Ter Verfasser des Buches gibt das nun allerdings nur in verklausulierter Form zu; er ist der Ansicht, daß dieser Bankerott sich wohl noch aufhalten ließe, wenn eben eine entsprechende Präventivkontrolle der Finanzwirtschaft durch ein Parlament eingeführt würde.

Er sagt am Schlüsse seiner überzeugenden Aus­führungen :

Mißbräuche gibt es überall. Auw im Westen sind sie oft genug vorgekommen. In Rußland ist aber diese Verschwendung deS Vollsvcrmögenö zu einem System geworden, das keine Schranken kennt. Wir haben: kein Parlament, keine Preßfreiheit, feine Redefreiheit. Unter dem dichten Schleier des Amtsgeheim­nisses passieren haarsträubende Dinge, herrscht unglanbliMe Fahr­lässigkeit mib Sorglosigkeit. Es wäre kindisch, zu glauben, daß irgenb welche ernsten Reformen in der russischen Staatswirt- fchaft möglich seien. Erst must des heutige Regime der repräsen­tativen Staatsordnung weichen, bei der die Erwählten der Nation das Budget genau kontrollieren werden.

Tas scheint richtig, aber leider beantwortet der Ver­fasser die Frage nicht, ob Rußland auf dem Wege zu dieser Neuordnung ist. Wäre das der Fall, daun könnte man ja nach den Ausführungen Friedmanns einiges Vertrauen in die russischen Finanzen haben; darin liegt der springende Punkt.

*

Einige Börsenblätter sind ganz außer sich, daß die neue russische Anleihe in Deutschland offiziell nicht zugelassen wird. So schreibt derFranks. 2lkt.", daß das Vorgehen der Regierung unpraktisch und unklug zu gleicher Zeit gewesen sei. Tann phantasiert das gen. Blatt, daß Ruß­landmit Lechtiigkcit" 2 Milliarden Francs geborgt erhält, daß es noch weitab von finanziellen ytöten, geschweige vom Staatsbanlerott sei. U. a. behauptet cs auch, daß die Iso­lierung Deutschlands nur noch stärker yervorlritt, weil es sich nicht an der Anleihe beteiligte. Tie neue Milliarden- anleihe wird wieder mit einem Schlage geordnete Finanz- Verhältnisse in Rußland schaffen, btc russischen Staats­papiere werden eine glänzende Kursentwicklung nehmen!? Tie Sperrung des deutschen Marktes für die russische An­leihe treffe Deutschland weitaus härter als Rußland, des­halb wird das Vorgehen der Regierung in finanziellen Kreisen eine ziemliche Mißstimmung zurücklasscn. - - Wir wundern uns nur, daß derAkt." nicht gleich dazugesetzt hat, die finanziellen Kreise sollen jetzt die neue deutsche Reichscmleihe zu hintertreiben suchen.

Tie Weigerung Deutschlands, an der russischen Anleihe

teilzunehmen, veranlaßt den LondonerLbserver" zu der Vermutung, diese Weigerung Deutschlands sei ein politisches Ereignis, welches ganz Europa interessiert. Die Haltung Teutschlands bedeutet, daß die persönliche Allianz zwischen dem Hause Hohenzollern und dem Hause Romanow erschüttert sei. Tie Weigerung Teuti'chlands beruhe nicht auf Finanzschwierigkeiten, son­dern auf der Haltung Rußlands in Algeciras.

Tie Abweisung der russischen Anleihe ist insdes, wie dieTägl. Rundfch." erfährt, aufgrund von Gut­achten erfolgt, zu welchen die Prüf identen der Reichs bank und der Scehandlung, daS Reichs­schatzamt und das preußische Finanzministerium vom Reichskanzler anfgcfordert worden waren.

Ter PariserTemps' meldet, daß. offiziellen Mitteil­ungen zufolge die neue russische Anleihe mit fünf Prozentvcrzmslich fein werde und sich auf zweiMilliar- b cn Francs belaufen werde.

In Wien fand unter dem Vorsitze des Sektionschefs im Finanzministerium, Gruber, eine Konferenz statt. Wie verlautet, handelt es sich um die Grundlagen für die in Daris einzuleitenden Verhandlungen über eine Betei­ligung des österreichischen Kapitals an einer russischen Anleihe.

DieF. Z." weist auf eine anscheinend offiziöse Notiz derTorg. Prom. Gaz." hin, wonach die ordentlichen Staats- einnahmen Rußlands im Jabre 1905 gegen den Voranschlag ein Mehr von -17 Mill. 3ibl. und gegen den Eingang des Jahres 1904 ein solches von 6 MiL Rbl. ergeben. Diese Angabe beweist, wie ungünstig sich der Steuereingang in Den letzten Monaten des verflossenen Jahres entwickelt hat. Es gingen nur 365,7 Mill. Rbl. gegen 449,2 Mill. Rbl. im Jahre 1904 ein. Tas Ergeonis ist somit eine Steigerung von nur 6 Mill. Rbl. Dabei sind noch Die zahlreichen Steuer­erhöhungen in Betracht zu ziehen, die ebenfalls im ver- ilossenen Jahre erfolgten. Nach amtlicfycr Schätzung er­wartete man von den in 1905 durchgcführten Steuer» erhöhungcn eine MelM in nähme von reichlich 50 Millionen Rubel. Tatsächlich aber haben sie nur gerade ausgereicht, reinen Rückgang der ordentlichen Einnahmen gegen das Vorjahr eintreten zu lassen, und der Minderertrag der allen Steuer muß demnach auf etwa 44 Mill. .Rbl. geschätzt werden. Tie Notiz des genannten russischen Blattes gibt ferner an, daß in den ersten, beiden Monaten des laufenden Jahres der Emnahmeneiugang im oUgcnteinen befriedigend sei, daß aber speziell die Erträge der Staaisbahnen 19 Mill. 9ibl. hinter dem gleichen Abschnitt 1905 zurückbleiben.

Kotttische Tagessehatt.

Frankreich und Venezuela.

Von Frankreich wird behauptet, es beabsichtige, nachdem nunmehr die Akten über Marokko geschlossen sind, seine poli­tische Nechmmg mit dem Präsidenten Castro ins Reine zu bringen. Die Regierung in Washington soll ihr Einverständnis erklärt haben mit der von Frank­reich geplanten Aktion gegen Venezuela. Das könnte doch wohl nur dahin verstanden werden, daß ein gemeinsames Vorgehen gegen Castro verabredet ist. Tenn dieser hat auch bei den Vereinigten Staaten noch einen Posten im Schuldkonto, unb es ist mcht anzunehmen, das; man in Washington den Franzosen die Generulexekutive überträgt Noch weniger verständlich freilich wäre, wenn Frankreich zu seinem Vorgehen gegen Castro die Genehmigung der Unionsregierung nachgesucht hätte. Das wäre bedauerlich für zukünftige Auseinandersetzungen zwischen einer tzurop. Macht und Venezuela, die bei der Willkürherrschaft der dortigen Gewalthaber wohl unausbleiblich sind. Ein politisches Vorrecht der Union in Venezuela könnte europäischerseits nur anerkannt werden, wenn die Union sich in gewissem Sinne verantwortlich erklärte für die Streiche der Castro und Genossen.

Ausland.

London, 9» April. Die Arbeiten zur Bergrößcrung der Häfen von Plymouth und Devonsport werden demnächst beendet.

Nach Meldungen au§ Athen ereigneten sich gestern am Jahrestage der Unabhängigkeit Griechenlands Unruhen. Die Anhänger von Ralli gerieten in Streit mit den Anhängern der jetzigen Regierung. Es kam zu einem heftigen Straßen­kampf, wobei zwei Personen getötet wurden und 17 verwundet. Schließlich zerstreuten Truppen die beiden Parteien.

Paris, 9. April. In Tanger ist zwischen den Euro­päern und den einheimischen Behörden ein Konflikt ausge­brochen. Mit Bewllllgung des Sultans hat der französische Unternehmer Alfred Regis eine Konzession behufs Wasserzu« fuhr für die Schiffe erhalten. Die marokkanischen Behörden widersetzten sich jedoch der Anlage der Röhren. Ein Pascha kam mit Soldaten. Er schickte die Arbeiter fort und ließ sogar einige festnehmen und die Anlagen zerstören. In der Stadt rourbe dann daS Gerücht verbreitet, ein Franzose habe eine unterirdische Mine anlegen wollen, um die Stadt in die Luft zu sprengen.

(Senat.) Im Laufe der Beratung des Marine- etats tadelt Destournelles das Anwachsen der jähr­lichen Ausgaben für Schiffsbauten. Die Notwendig- keck, sie fortwährend weiter zu vermehren, beweise deren Nutzlosigkeit.Warum/ fährt der Redner fort,lassen wir uns immer durch die 9(u§gaben der Vereinigten Staaten, Englands oder Deutschlands, niemals aber durch die Be­mühungen leiten, die diese Staaten machen, um die A us -- gaben z u verringern? Halten wir uns, wie in Amerika, an die dringende 9iotioenbigfcit der nationalen Verteidigung!" Destournelles schließt mit der Aufforderung, durch eine Eini­gung unter den Brächten zwar mcht die Abrüstung, aber die Einschränkung der Rüstungen herbeizuführen. Admiral de Cuverville hält die Flotte für unge­

nügend, um im Kriegsfälle in roirt)amer Werse ihre Ausgabe lösen zu können. Der Redner wünscht Vermeh­rung der Panzerschiffe unb meint, man müsse auch den Vorsprung, den man anderen Mächten gegenüber bezüglich der Unterseeboote und der Tauchboote besitze, erhalten. Marineminister Thomson eroberte, das Flottenprogramm trage den jüngsten Erfahrungen im russisch- japamschen Kriege Rechnung und werde Frankreich seine Stel­lung erhalten. Alle Länder handelten trotz ihrer friedlichen Absichten ebenso wie Frankreich. Es fei notwendig, daß Regierung und Parlament erklärten, ob sie die Opfer bringen wollen, die erforderlich sind, um die nationale Sicherheit zu gewährleisten, und daß sie beide dem Lande gegemM: die Verantwortlichkeit für ihre Haltung übernehmen. '

Mesch cd (Persien), 9. April. Seck drei Tagen sinden hier große Ruhestörungen statt, die ihren Grund in der Verteuerung der Lebensmittel haben. Die Läden ivurden geplündert und in Brand gesteckt. Die Volksmenge griff das Gebäude des Schatzamtes an. Der Gouverneur lind 20 Europäer sind getötet oder verwundet worden.

d! ewyork, 9. April. Die Regierung der Union hat Suifelanb durch ihren Botschafter zur Erwägung anheim- gegeben, daß der Zeitpunkt für die Haager Friedens- lonserenz u n g ü n |t i g gewählt ist wegen des panamerika­nischen Kongresses. Da indessen wohl trotzdem die süd- amerikanischen Staaten europäische Vertreter für den Haag übrig haben werden, so ist der Erklärung nur die Tatsache ju entnehmen, daß die Union sich mit den südamerikanischen Staaten jror der Haager Konferenz derart einigen wird, daß hmftig Streitfragen zwischen Südamerika und Europa keinem Schiedsgericht vorgelegt werden können, an welchem europäische Staaten beteiligt sind.

Der Ausbruch des Bcsuvs

ist cm Ereignis, das die ganze Kulturwelt mit lebhafter Anteilnahme, mit schmerzlicher Spannung verfolgt. Italien erscheint dem Gebildeten als bas Lanb ber Träume. Eg ist auch hier die Liebe zum Schönen, zum Besonberen, ein ge­rollter romantischer Zug, ber bas Mitgefühl in bebeutenbem (Sirabe erhöht. Es versteht sich von selbst, baß in Deutschland die politische Verstimmung gegen Italien angesichts des Wütens ber Elemente schweigt. In biesem Sinne schreibt dieVoss. Ztg.": w9)iit aufrichtigem Schmerz nehmen wir au dem Unglück teil, bas Italien wieder betroffen hat. Nicht Dem Bundesgenossen, sondern den schwer heimgesuchten Menschen gilt unser Mitgefühl.- Die ,Nat.-Ztg.« und andere Zeitungen geben in ähnlicher Weise ihrer Sympathie Aus­druck. Jeder Empfindende wird einstimmen. Und doch! Wenden wir den Blick ab von dem großen, majestätischen Drama zu der Katastrophe von Nagold mit ihrem so viel schlichteren unb nicht durch Poesie unb Ueberlieferung verklärten Schauplatz. In Italien ist Besitz vernichtet, sind gewaltige, zum Teil unersetzliche Kulturwerte von der Zer­störung bedroht. Die Bevölkerung flieht; das, was der Fleiß von Tausenden in Jahren geschaffen, ist in einem Augenblick Nauch unb Asche. Aber baß Kostbarste, bas Leben, kann fast überall gerettet werden. Dagegen in Nagold ein halbes Hundert entsetzlich verstümmelte Tote, aus dem frohen Genuß des Lebens jäh abberufene Menschen. Wahrlich, dies Bild ist nicht so groß und erhaben, wie ber Ausbruch beS Vesuvs ist, aber es ergreift ganz anders bas Herz. Es ist manch- mal nötig, den Blick des Deutschen von fremden Angelegen­heiten auf das eigene Haus zurückzulenken. Für Courr iöres ist viel geschehen, für Italien werden btc Hände sich öffnen. Denken wir daran, daß es in Deutschland Wunden zu lindern und Trost unb Hilfe zu spen den gilt!

Die heutigen Meldungen besagen int ivesentlichen folgendes- Aeapel, 9. April. Das MattGiorno" beziffert die An­zahl der Flüchtigen aus dm Ortschaften nm Vesuv auf 150 000. Turch die Räumung van Bos'cotreease sind 10800 Menschen ob­dachlos geworden.

Die Autonwbil-Fahrt des Königs und der K ö n i g i n nach den Vesuvortschaften ging bei sehr schlechtem Wetter vor sich Der SckMUtz auf den Straßen >var so bedeutend, bas; die Auto­mobile, in denen Gefolge fuhr, nach einiger Zeit zurückbleiben mußten. Ter ganze Weg ivar von Flüchtigen angesüllt, die auf Wagen und Karren sich und ihre Habseligkeften in Sicherheit zu bringen suchten.

Me Züge treffen hier mit drei bis vierstündiger Verspätung cm. Neapel hat sich von seiner Panik uneder erholt. Die Hauptstraßen sind zum Teil gesäubert, doch viele sind noch mit Asche bedeckt, die schmutzigem Sckmee gleicht. Ter Vesuv sänckt eine riesige Nauchroolle, die wie ein schwarzer Vorhang über dem Meer hängt. Tas Werter tu seit heute morgen schön. Der Zufall, daß der Umschwung des Wetters unb der teilweise Stlllstaiib der Lava begannen, als das Künigspaar im Auto.nobil in Torre Annunziata eintraf, wird von dem abergläubischen Volke als ein gutes Zeichen getwinmen. Kurz vor Ottajano ist die Straße cmen halben Meter hock) von Asche und Steinen bedeckt. Es siel ein so dichter Srein regen, das; die Einwohner die L>tadt nerließen aus Furcht, die schwach gebauten Dächer konnten die Last nicht tragen.

Der Vesuv hat seine frühere Form eingebüßt, oa der Haupt kegel glatt ab rasiert scheint.

Svebeic wird aus Torre Annunziata gemeldet, daß der Vulkan wiederum lautes Getöse von sich gibt.

Der König und die Königin, die heute nachmittag eine Vvot- sahrt im Golf unternahmen, mußten diese miterbrecfjcn, da die dichten Aschenwolken jeden Ausblick verhiiiderten. Tas K'önigs- paar ging in Torre del Greco ans Land, begab sich, von La­ternen tragenden Matrosen begleitet, zum Bahnhöfe und fuhr gegen sechs Uhr ncutz Neapel zurück.

Finanzminister Salandra und Unterstaalsükretär Denava be- schloffen, die Zahlung der am 16. April fälligen Steuer n in den durch den Vesuvausöruch betroffenen Gemeinden zu st u n d e n. Ferner ordneten sie die Verteilung von LebenSmitteln an die notwende Bevölkerung an. Die Tätigkeit des Vesuv nimmt ab, doch dauert der Sandauswurf noch an

Tie telegraphische Verbindung mit Resina ist unterbrochen Tee Bevölkerung versieg Renna. In Torre bei Greco herrscht Panek. Der Aschenregen nahm dort zu.