156, Jahrgang
Erstes Blatt.
Die Keutige Kummer umtalH 8 5>eiten.
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einfach von feder Anteilnahme an der Marokkopolitik ausschalten wollte unter Außerachtlassung des Madrider Vertrags, führte endlich zu einer energischen Betonung der deutschen Interessen uud des deutschen Standpunktes. Am 31. März traf Kaiser Wilhelm in Tanger ein, von, Onkel des Sultans feierlich begrüßt. Welchen Aufruhr dieser Besuch in Paris uud London heroorgerufen hat, ist lebhaft in Erinnerung.
Es ist eine ungeheure Anzahl von diplomatischen Noten in dieser Angelegenheit gewechselt worden, und der damalige Lenker der auswärtigen Politik Frankreichs, Tel- casse, betrachtete Deutschlands Vorgehen als easus belli, war geneigt, sofort die Regimenter im Elsaß eimnarschiercn zu lassen, wenn man ihn in London einer freundlichen Unterstützung versicherte. Welche Rolle das Londoner Kabinett in dieser Angelegenheit gespielt hat, ist nicht völlig klar, wird auch wohl nie ganz aufgeklärt werden. Indes, man hat sich in London die Geschichte überlegt, und der Effekt war, daß der französische Minister des Acußern fiel. Daraufhin kamen seine bekannten Enthüllungen im Pariser „Matin", die mit größter Deutlichkeit zeigten, wie nahe Europa am Ausbruch eines Krieges gestanden war. Die Tage, die auf jene Enthüllungen folgten, sind denkwürdig, man war plötzlich allerorts von einer Nervosität ergriffen worden.
Tie Negierung behielt unter besonderer Betonung ihrer durchaus friedlichen Absichten ihre ursprüngliche Haltung bei, kümmerte sich nicht um das, was hätte sein können, und verfolgte ihre Absichten ruhig und unbeeinflußt weiter. Es folgten die Verhandlungen mit der neuen französischen Regierung, und sie führten trotz aller Angriffe zu dem Resultat, daß man sich aus eine neue Marokkokonferenz einigte. Seitens Frankreichs und des hinter ihm stehenden englischen Kabinetts wurden diese Verhandlungen nicht immer' mit aller Offenheit geführt, cs gab genug der Winkelzüge und der Widerwärtigkeiten sowohl in Paris, wie in Fez. Indes hat vorerst die offene Grobheit den Sieg in dieser Angelegenheit davon getragen, die beinahe einen
Die Wogen der Erregung in den an diesem leidigen Streit beteiligten Ländern hätten so hoch nicht gehen können. Jetzt, da die Grundlage einer deutsch-französischen Marokko-Ver- näudigunq nach einem unendlichen diplomatischen Hin und .Her geschaffen ist, hat der König »Grund zu der Annahme, daß" re.
Man hat also auf dem Kontinent ziemlich allgemein, bis in die maßgebenden Stellen hinauf, sich mit einem Gespenst, mit einer bloßen Einbildung abgequält. Dclcaffs wäre darnach der friedliebendste, unschuldsvollste Staatsmann unter der Sonne gewesen, und niemals hätten die be* rühmten hunderttausend Engländer für Schleswig-Holstein eine Nolle in der Politik gespielt? König Eduard gibt lächelnd zu wißen, daß alle Welt von höchst verträglichen Gesinnungen erfüllt gewesen ist. Wer etwas anderes glaubte, war von einem bösen Traum gefangen. Es ist menschenfreundlich, den von einem Alb bedrückten Schläfer aufzuwecken. Freilich, es geschieht sehr verspätet, aber man sieht den guten Willen. Keine Nation, weder die englische noch die französische, dachte an Störung! Lord Balfour, Lord Lansdowne, die vom Schauplatz abgetretenen britischen Staatsmänner, waren würdig deS Nobelpreises.
Auch die Börse hat den Alb langer Beunruhigungen kräftig von sich obgeschüttelt und das nene Jahr mit einer stürmischen Hausse begrüßt. Die Börse ist von der Kundgebung Eduards entzückt. Vergessen schienen mit einem Mnle die düsteren Befürchtungen über die Zukunft Rußlands, die Zweifel an der Fortdauer der guten geschäftlichen Kon- junktur und die Sorgen um die Verteuerung deS Geldes. Die Börse bedarf nur des Zaubers einiger wohlgemuter Aeußerungen, um alsbald alles in rosigem Lichte zu er- blicken.
Sogar das Erscheinen des deutschen Weißbuchs ! über Marokko soll, nach einem Pariser Telegramm deS
Politische Tagesschau.
Sin Radikalmittel gegen Duell und Mißhandlung.
R. Berlin, 2. Ian.
Ter Reichstag wird sich bald nach Wiederaufnahme seiner Arbeiten mit dec D u el l fra ge beschäftigen auf Grund der an einen bestimmten* Fall anknüpfenden Interpellation des Zentrumsabg. Roe reu. Vielleicht erfährt man bei dieser Gelegenheit, ob das Zentrum die Anregung der »Kölnischen Volksztg." sich zu eigen macht, es solle durch aktives oder passives Mitwirken von Militärpersonen beim Zweikampf jeder Anspruch auf Pension hinfällig werden — eine Strafe, mit der das rheinische Zentrumsorgan beiläufig auch eine wiederholte Mißhandlung Untergebener geahndet wissen will. Es wäre das in der Tat ein Radikalinittel gegen den Duell- unfug und die Schmach der Soldaten-Mißhandlungen. Die Regierung wird freilich davon ebensowenig etwas wissen wollen, wie die Konservativen. Immerhin böte sich dem Zentrum jetzt die günstigste Gelegenheit, einen Druck auf die Negierung auszuüben, weil letztere darauf besieht, daß die Neuregelung des Militärpensionswesens nicht länger hinaus- geschoben wird. Warum soll nicht auch der Reichstag einmal der Negierung ein »Unannehmbar"! entgcgcnhalten, wenn seinen Wünschen immer wieder Berücksichtigung versagt wird?
Kus Htadl 'xr.il Kaud.
Gießen, den 3. Januar 1906.
•• Neujahr am Großherzoglichen Hofe. Seine K. H. der Groß Herzog empfingen am 1. Januar zur Entgegennahme der N euj a h rs g ra t u la ti o n e n: den Königlich Preußischen außerordentlichen Gesandten und be- vollmächtigten Minister Prinzen zu Hohenlohe-Oehringen; den Kaiserlich Russischen Ministerresidenten Fürsten Koudacheff; den Königlich Gro'^r'^nnischen Ministerresidenten Sir Herbert;
Mittwoch 3. Jammv 1906
Be-.ugSpreisr ra monarlxch7bPÜ,viertel,
„Berl. Tagebl.", wieder in Frage gestellt sein. Das iit eine Nachricht, die ohne Bestätigung nicht ohne weiteres sich hinnehmen läßt. Es ist doch nicht anzunehmen, daß etwa aus dem Grunde die Veröffentlichung deS deutschen Akten- materialS unterbleiben sollte, um nicht neue Erörterungen heraufzubeschwören? Tann würde es späterhin wieder heißen, Deutschland habe den französi' g.n Feststellxmgen keine beweiskräftigen Tatsachen entgegenzustellen vermocht.
Um das Maß deS Angenehmen am Jahresbeginn zxl füllen, steuert die offiziöse „Nordd. Allg. Ztq." heute eine ersichtlich von: Fürsten Bülow herrührende Notiz bei: ein Votum vollen Vertrauens zu der Loyalität des neuen italienischen Ministers des Aeußern. Sie chreibt:
In verschiedenen Blättern ist die Besorgnis laut geworden, der neue italienische Minister de? Aeußern, Marchese San G rr i l i a n o würde in den Balkaiüragen eine zu der Haltung Oesterreich-Ungarn? in Gegensatz stehende Politik einschlagen. Alan hat sich dabei au? gewisse Veröffentl'chimqen bezogen, die von Marchese San Grrilano im Jahre 1902, nicht wie angegeben in neuerer Zeit, ausgegangen sind. Wir teilen diese Besorgnis nicht. Wir haben volles Vertrauen zu der Loyalität des neuen italienischen Ministers des Weimern. Wir sind gewiß, daß die Richtschnur seiner Politik die nämliche sein wird wie die seines Vorgängers, getreu dem Geiste des Dreibundes.
Nach alledem strahlt der politische Horizont wie lange nicht. Wir wollen hoffen, daß dieser Anblick nicht nur ein kurzer Traum ist. __________________
w General-Anzeiger
Mir- und MzeigeAatt für den Kreis Gießen
Ial)resschau 1905.
B. Deutschlands äußere Politik.
So wenig erfreulich sich im Deutschen Reich die inneren Verhältniffe im abgelaufenen Jahre gestaltet haben, jo muß man doch, wie wir gesehen haben, dankbar dafür sein, daß sie nicht noch schlimmer ausgefallen sind. Im gleichen Verhältnis stehen wir zur sog. äußeren Politik, nur daß hier die unerfreulichen Ereigniffe noch weit mehr überwiegen. Das Jahr 1905 hat den unglückseligen Kolonialkrieg von seinem Vorgänger geerbt und hinterläßt diese unselige Erbschaft auch seinem Nachfolger. Der Aufstand in Deutsch- Südwestafrika, der deutsches Gut und Blut in so reich- lichem Maße forderte, ist trotz aller Anstrengungen nur ein wenig eingedämmt und nicht ganz gebrochen; General v. Trotha hat sein Amt nicht in dem freudigen Bewußtsein abgeben können, daß er einen unbestreitbaren Sieg über die Rebellen davongetragen hat. Es ist manches erreicht worden und mehr als einmal schien ed, als wäre die Hauptmacht des F-indes endlich umzingelt und der Ausstand müßte niedcrbrechen — immer wieder entkamen die Führer und ihre räuberischen und heimtückischen Horden der Umzingelung. Erst kurz vor der Rückreise des Generals, die einer Absägung recht ähnlich sah, war ein Erfolg zu verzeichnen: nach dem Tode des treubrüchigen Hendrik Witboi übergab sich ein Häuflein von Hottentotten. Das ist recht wenig, zumal man ohne Nachricht darüber ist, ob die Aufständischen nicht am Ende auch die jetzige heiße Zeit noch durchhalten können, was den Krieg wieder um ein Jahr verlängern würde. Es nützt nichts, sich in Klagen über diese Tinge zu ergehen, und etwa nach den Leuten zu suchen, die daS ganze Unglück verschuldet haben, es bat für den Krieg selbst auch wenig genützt, daß das deutsche Kolonialamt selbständig gemacht werden soll und daß Dr. Stübel im Erbprinzen von Hohenlohe- Langenburg einen schneidigen Nachfolger erhielt.
Der Aufstand in Südwestafrik a hat ein Pendant gefunden im Osten des schwarzen Erdteils. Die Verhetzung durch Zauberer" hat hier ihre Früchte getragen, doch scheint es glücklicherweise, als ob diese Rebellion nicht allzugefährlich wäre. Die weißen Truppen sind bisher nirgends auf besonders ernsthaften Widerstand gestoßen, die Schwarzen sind schlecht bewaffnet, und besitzen lange nicht den kriegerischen Geist, wie ihre Stammesgenoffen tm Süden. Immerhin bauert auch dieser Aufstand bereits eine staatliche Reihe von Monaten an, und es ist möglich, daß er sich noch länger hinzieht. Die Kolonialpolitik kommt uns also ziemlich teuer zu stehen, und wenn das Mutterland schon in Friedenszeiten ein hübsches Stück Geld alljährlich darauf zahlen muß, so laffen sich unter den gegebenen Verhältnissen die aufgewandten Millionen kaum mehr zählen.
Sind diese Verhältnisse recht unerfreulich, so wurden sie doch weit in den Hintergrund gedrängt durch ein schweres volit Gewitter, das aus dem Westen über das deutsche Reich Heraufziehen wollte. Deutschland stand im abgelaufenen Fahre vor einer eminenten Kriegsgefahr, und em einziger Windstoß hätte die Flamme vielleicht aufflackern laffen die gute Freunde im Geheimen so bereitwillig geschürt fjtf ' Die Ursache des schweren Konflikts mit Frankreich und England ist bekannt; sie heißt Marokko. Das französisch-englische Marokkoabkommen, das Deutschland ganz
Weltkrieg entflammt hätte.
Von welchem Ernst die politische Situation Monate über nxrr, d.as hat uns auch die Thronrede gezeigt, die der Kaiser anläßlich der Wiedereröffnung des Reichstages verlesen hat. Tie Bezugnahme auf jene Mächte, mit deren wir in Tr'.iicn freundschaftlichen Verhältnis stehen, trur deutlich genug, und die Offenheit dieses Zugeständnisses ist nicht ohne Wirkung geblieben. Einmal hat mein sich im deutschen Reiche selbst darauf besonnen, daß cs nicht gut ist, den Haß des Auslandes noch zu schüren, und zum anderen scheint doch endlich auch das Ausland von der Friedlichkeit der deutschen Absichten überzeugt zu ein. In London hat das Kabinett gewechselt, und der neue Premierminister scheint Teutschland besser gewogen zu sein wie sein Vorgänger. Im allgemeinen sind unsere V e Ziehungen zu den fremden Staaten gegen das Ende des Jahres besser geworden, als sie bisher waren. Mit England scheint sich eine begrüßenswerte Verständigung anzubahnen, mit Frankreich haben wir Frieden, wenn auch keine Freundschaft. Mit Rußland unterhielten wir bisher die besten Beziehungen, aber bei dem Chaos im Riescnreiche will das nicht viel besagen. Tas Treibund- verhültniZ ist ungetrübt, trotz gelegentlicher Seitensprünge Italiens.
Unsere wirtschaftlichen Beziehungen zum Auslande haben eine Aenderung im abgelaufenen Jahre kaum erfahren. Nach wie vor ist inan tüchtig an der Arbeit, neue Absatzqucllen zu erschließen. Im Osten Asiens sieht es damit allerdings seit dem Friedensschlüsse nicht besonders erfreulich aus, indes werden die Japaner auch nicht alles auf einmal durchsetzen können.
Tas Jahr klana besser aus, als es begann, und darüber haben wir allen Grund, uns zu freuen. Hinter uns liegt zum großen Teil, was widerwärtig war, vor uns die Hoffnung auf friedliches Gedeihen!
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AsigesHüttelte Korgen.
Der Pariser „Matin" teilt folgende Worte mit, die König Eduard in einer Unterredung mit einem Franzosen geglitzert haben soll:
Ich habe Griind zu der Annahme, daß, was man auch am dem Kontinent glauben möge, k e i n e N a t i o n ,v i r k l i ch d a r a n gedacht hat, den F r i e d e n E u r o p a s ju ftoren, und ich bin sicher, daß feine gegenwärtig daran denkt, ihn • u b e b r o h e n. In den Beziehungen zwischen Frankreich und England wird sich nichts ändern. England hat schon unter dem vorigen flabmet versucht, sich dem r u s s. R e i ch e z u n a h er n. Tas heutige Kabinett beabsichtigt, darin iortzusahren, um völlig jedes M i 6 t r a u e n und jeden Interefs en-Konflikt zwischen beide', Ländern zu beende n."
Präsident Loubet sprach ja auch, rote wir schon meldeten, beim Empfang deS diplomatischen Korps von dem moralischen Einfluß, den die Idee deS Friedens sich in der Welt erworben habe. DaS alles ist gut und scbön. Aber es ist nur zu bedauern, daß derartige beruhigende Erklärungen des Auslandes fast immer auSbleiben, wenn sie wünschenswert sind, und erfolgen, wenn sie überflüssig sind. Niemand wird bestreiten können, diß von deutscher Seite das Friedensbedürfnis oft und lebhaft zu erkennen gegeben wurde, selbst in den kritischsten Momenten der Marokko-Angelegenheit. Es fehlte jedoch eine ähnliche Versicherung der autoritativen Personen auf der Gegenseite. König Eduard wie Präsident Loubet ließen damals nichts davon oerlauten, daß ihnen die Erhaltung deS köstlichen Gutes der Völker nm Herzen liege. Unb wieviel Wert würde insbesondere eine friedliche Aeutzc^ ung König Eduards im richtigen Augenblick gehabt haben!
«SqNch außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Slehener Familien- blätter viermal tu der
Woche beigelegt. RotanouSdruck tu Verlag der Brü h l'scheu Univers.-Buch-u. Steindruckerei. 9L Lange. Redaktion, Erveduio« und Druckerei:
Gchnlstratze 7.
Redaktion 113
Verlag u.Exved.e^Kbl Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
Krtuumlmachimg.
Betr.: Schluß der Apotheken zu Gießen an Sonn- und Feiertagen.
Unter Hinweis auf die Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern vorn 24. Dezember 1902, betr. die Abänderung der Vorschriften über die Einrichtung und den Beirieb der Apotheken (Reg.-Bl. von 1903, S. 2) bringen wir zur öffentlichen Kenntnis, daß den drei Apotheken zn Gießen durch Großh. Ministerium de? Innern, Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege, gestattet worden ist, abwechselnd je zwei Apotheken an den gesetzlichen Sonn- und Feiertagen in der Zeit von 4 Uhr nachmittags bis 9 Uhr abends zu schließen.
An den jeweilig geschloffenen Apotheken wird durch einen Aushang diejenige Apotheke bezeichnet werden, welche geöffnet ist. Auch wird der abwechselnde Schluß der Apotheken von den Apothekern durch die Zeitungen zur Kenntnis des Publikums gebracht.
Gießen, den 29. Dezember 1905.
Großherzoglichcs Krcisamt Gießen.
I. V .: Tw. Wagner.
Gießen, den 30. Dezember 1905. Betr.: Ferien in den Volksschulen.
Die Eroßb. Kreisschulkommrssion ©ieftcu
an die Schulvorstände des Kreises.
Großherzogliches Ministerium deS Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat durch Verfügung vom 14. Dezember l. Js. bestimmt, daß eS nicht statthaft ist, für in die Ferien fallende schulfreie Tage die Ferien zu verlängern. Wir ersuchen Sie, die Lehrer hiernach zu bedeuten.
I. V.: Dr. Wagner.


