Nr. 257
Donnerstag 1. November 1806
Zweites Blatt
156. Jahrgang
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Sem
traf heute hier
Der SV 5 n i g von Sachsen sandte an den Präsidenten Falliöres
dieser schönen SUüjlc zu scheiden, bitte
von Preußen Lotteriever- wurden gestern
Rotationsdruck und Verlag der vrü hl'scheu UniversttätSdruckerel. 9L Lange, Ätrßen,
Redaktion, Expedition ».Druckerei: SchuIfK.^ Tel. Nr. 6L Telegr^Adr., Lla-etg« Vieh«.
Cannes, 31. Oft. heute vor seiner Abreise folgendes Telegramm:
„Im Begriffe, von
An den „Hauptmann a. D." Voigt, dee im Berliner Untersuchungsgefängnis krank darniederliegt, gelangen fortgesetzt Ansichtskarten mit Versen auS aller Welt, sogar Dedikationen werden ihm übersandt. So stiftete ihn: ein lustiger Stammtisch in Bamberg als Anerkennung für sein Köpenickec Bravourstücklem drei Mark. Auch im Auslande genießt der „Hauptmann a. SX" Voigt rege Sympathien, besonders in dem Lande solcher Helden-
ein, um der Feier des Jubiläums des 250 jährigen Be- stehcils beizuwohnen. Die Kirchengemeinde erhielt ein kaiserl. Gnadengeschenk von 15 000 Mark zur Wiederherstellung der Kirche.
Hohensalza, 31. Okt. Hier überfiel ein Haufe polllischer Fanatiker das Schulhaus. Die Menge warf die Scheiben ein, demolierte das Gebäude und verwüstete und verunreinigte das Anwesen. Zivei Verhaftullgen wurden vorgenommen.
— Die Ratifikationsurkunden zu dem und Braunschweig zur Regelung der hältnisse abgeschlossenen Staatsvertrage hier ausgetauscht.
Hauer, 31. Okt. Der Kronprinz
rzkier.
ilz- und Würzt- , Vöchnerinneir, ihcn medizinischen
Kirche rrnd Schule.
— Der älteste Lehrer Deutschlands ist dieser Tage im Alter von 97 Jahren gestorben, Lehrer Seiwert in Ihn a. d. Saar, wo er ununterbrochen 53 Jahre wirkte. Vor 20 Jahren war er in den Ruhestand versetzt worden.
Hamburg, 31. Okt. Bezüglich eines von Mitgliedern der Bürgerschaft gestellten Antrages, den Senat um eine Anordnung zu ersuchen, daß Abiturienten des Realgy mnasiurnS und der Oberrealschule auch das Recht zum juristischen Studium zustehen soll, teilte der Senat einen Beschluß mit, durch den das mit jenem Antrag verfolgte Ziel allerdings auf etwas anderem Wege erreicht werden solle. Der Senat habe entschieden, wegen Zulassung dieser Abiturienten zur ersten juristischen Prüfung das Erforderliche zu veränlassen, sobald nach Abschluß der darüber schwebenden Verhandlungen feststehen werde, daß jetzt solche Abiturienten jedenfalls in der Mehrzahl der deutschen Universitäten 511m Nechtsstudium zugelassen werden.
iwigstraße 55, lite
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Deutsches Reich.
Berlin, 31. Okt. Der Kaiser, der sich, wie gemeldet, eine leichte Erkältung zugczogen Hai, blieb gestern und heute, im Dienen Palais.
— Die Einführung des Kronprinzen in die Zivilverwaltung erfolgt, wie verlautet, durch ein höfisches Zeremoniell. Der Kaiser hat für den Akt den morgigen Tag bestimmt und wird die Einführung des Thronfolgers voraussichtlich selbst vornehnlen. Auch mehrere Prinzen werden der Feier beiwohnen, so u. a. Prinz Heinrich.
— Kultusminister v. Studt gedenkt sich demnächst nach Posen zu begeben, um sich dort über die durch den poln. Schulstreit hervorgerufenen Verhältnisse persönlich zu unterrichten. Erst nach seiner Rückkehr dürften Entscheidungen über weiter zu ergreifende Maßnahmen getroffen werden. In Schroda, wo die Shader der katholischen Schule.dabei beharren, im Religionsunterricht nicht deutsch zu antworten, hat die Regierung beschlossen, vier weitere Lehrkräfte anzustellen.
__ 2 5 polnische Schriftsteller hatten beim Kaiser rin Gnadengesuch eingereicht für den Posener Redakteur i). Wierzbynski, welcher wegen Aufreizung durch einen Artikel in der Leitung Praca zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Das Gesuch ist nun abschlägig be- schieden worden.
— Rach amtlichen Meldungen aus Deutsch-Südwestafrika wurden 10 Km. nördlich von Ketmannshop der Farmer Schütte.sowie die Buren Hanekam und Potgieter von Viehräubern erschossen.
— Aus Anlaß der Fleischteuerung liegen dem Vorstande des deutschen Städtetages verschiedene Anfragen und Anträge wegen Einberufung eines außerordentlichen deutschen Städtetages vor, über die in nächster Zeit Beschluß gefaßt werden soll.
— Ein preußischer Ausschuß für Frauenstimmrecht hat sich in Berlin konstituiert mit der Aufgabe, die Frauen Preußens zu gemeinsamer politischer Arbeit anzuregen.
— Drei Pücklerversammlungen, die für die nächste Zeit angesagt waren, sind für Berlin und die Vororte verboten worden.
Ansrnnv.
London, 31. Okt. Auf eine Anfrage deS Liberalen RiclS- dale, ob nach dem letzten Memorandum der Admiralität über die Zusammensetzung der heimischen Flotte die Zahl der Linienschiffe in voller Dienstbereitschast vermindert werden solle, erwiderte heute int Unterhause der Präsident der Admiralität Robertson, daß die dldmiralität damit eine günstigere Verteilung der Linienschiffe in Bezug aus ihre kr ieg er is che Verwend u n g habe herbeisührcn wollen, und dsaß die heimische Flotte um je 2 Linienschiffe von der Kanal-, der Mittelmeer- und der atlantischen Flotte vermehrt werden solle. (Vgl. den Artikel „Im Zeichen des Mars")
Paris, 31. Okt. Im heutigen Ministerrat teilte der Minister des Aeußeren mit, daß man beabsichtige, durch Vermittelung des Militärattaches bei der französischen Botschaft in Berlin dem deutschen Kaiser die Gefühle der Dankbarkeit der Negierung der Republik auszudrücken für die persönliche Intervention des Kaisers bei der Ueber- führung der Gebeine der in Mainzverstorbenenfranzösischen Soldaten.
ich Sie, Herr Präsident, für die mir von Ihnen und von der Regierung der Republik während meines Aufenthaltes in so reichem Maße erwiesenen Ausmerksamkeiten meinen aufrichtigsten Dank entgegenzunehmen und an meine lebhaft empfundene Sympathie für Ihre Person und für die französische Nation zu glauben."
FalliLres sandte dem König folgendes Antworttelegramm: „Das liebenswürdige Telegramm, welches Eure Majestät mir vor IHrcr Abreise von Cannes zu senden die freundliche Aufmerksamkeit hatten, hat mich lebhaft erfreut. Ich beeile mich. Ihnen dafür zu danken und Ihnen den erneuten Ausdruck meiner Empfindung aufrichtiger Sympathie zu übermitteln."
Paris, 31. Okt. Dem „Echo de Paris" zufolge enthält ein vom Generalstab vorbereiteter Gesetzvorschlag die Verminderung der Kavallerie um 7 Regimenter, 5 Kürassier- unb zwei Regimenter afrikanischer Jäger, um die Mittel für die neuen Artillerieausgaben zu beschaffen.
.— Eine französische Kamelreiter Patrouille, bestehend aus einem Offizier und CO Mann ist etwa 200 Meilen nordöstlich vom Tschädsee von einer Sc^usstz-Vsande aufgerieben worden. '
Bor,raus. ” 6605______
politische Tagesschau.
Tie Kriscngerüchte.
Gestern schrieb uns aus Berlin einer unserer Mitarbeiter, daß mit dem Rücktritte des Fürsten Bülow gerechnet werden müsse und, das „Leipz. Tagcbl." behauptet heute, dieser Rücktritt werde vor dem 13. d. Mts. erfolgen, dem Tage des Reichstagsverhandlungen; das sei die Meinung aller ernsthaften politischen Beobachter. Demgegenüber wird uns heute von einem anderen Berliner Korrespondenten folgendes geschrieben:
Die Zahl der „ernsthaften" politischen Beobachter muß darnach keine große sein, denn m den Kreisen, die für einigermaßen unterrichtet gellen können, wird keineswegs von dem Aiisscheiden des Fürsten Bülow ans dem Amte gesprochen. Im Gegenteil, Fürst Bülow nimmt seit seiner Rückkehr wieder sehr regen Anteil an den Geschäften. Er hat täglich längere Empfänge und Konferenzen, er präsidiert den Sitzlingen des preuß. Staalcminisleriums, das sich sehr eingehend mit deut polnischen Schutstreik beiaßt hat, leider nicht mit dem viel brennenderen Thema der F t e i s ch t e u e r u n g, er wibmet seine Aufmerksamkeit der auswärtigen Politik: alles das setzt körperliche Rüstigkeit und Arbeitsfähigkeit voraus. Daß der Kanzler den Aufgaben, die er sich stellt, gesundheitlich nicht gewachsen sei, oder daß an ihm Ermüdung zu bemerken wäre, wird nirgends be- behcmptet. Fürst Bülow habe, so sagen Besucher, seit dem Vorfall im Reichstag, allerdings gealtert, er besitze auch vielleicht nicht nr e h r ganz die frühere Elastizität, aber zw e i f e II 0 § unvermindert s c i d i e g e i st i g e Frische. Nun wird abzuwarten sein, ob Fürst Bülow im Reichstag sich zeigt und in die Debatte eingreift. Geschieht das nicht, so brmid)t auch dann noch nicht notwendig eine Nanzlerkrisis zu bestehen, weil es wohl möglich ist, daß Zurückhaltung vom polit. Tageskanrpf vorsichtshalber von den Aerzten e m p i 0 h l e n wird. Es steht das Eine fest, daß der Kaiser den Für st en Bülow nach wie vor als seinen ersten Vertrauensmann schätzt, und daß für den Kaiser eine längere Nichtbeteiligung des Fürsten Bülow an der Parlamentär. Diskussion keinen Grund bilden würde, einen Kanzlerwechsel in Betracht zu ziehen. Fürst Bülow wird bann gehen, wenn er zu gehen wünscht, unb dieser Fall tritt ein, wenn Fürst Bülow burcl) eine unverhoffte Aenderung seines Besindens der Leitung der Politik sich nicht mehr gewachsen fühlt. Zurzeit befinden wir uns nicht in einer Kanzlerkrisis, nur in einer P 0 dbielski - Krisis.
Ans O.cror uno Rano»
Gießen, den 1. November 1906.
** Personalien. S. K. H. der Gr 0 ßherz 0 g haben den Forstassistenten Adolf Kutsch zu Grünberg zum Oberförster dec Oberförsterei Ernsthofen und den Forstaffor Johannes EggerS ztl Alsfeld zum Forstassistenten ernannt, dem Bauasscssor Franz Beck zu Mainz den Titel und Rang eines Batlinspektors verliehen und den Bezirkskasfier der Vezirkskaffe Rieder-Ingelheim Hch. Schlehenbecker zu Niedec-Jngelheim, in gleicher Tiensteigenschast an die Bezirkskaffe Langen versetzt. Uebertragcn wurde dem Lehrer Hch. Schmidt zu Albig die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Kloppenheim.
** In Audienz empfangen wurden von S.K.ö« dem Großherzog am Mittwoch u. a. Oberst Riedel, Kommandeur des o. Grosih. Jns.-Regt. Nr. 168, Major Schmidt, Kommandeur deS Gendarmcricüistrikts Oberhessen, und die Pfarrer Scheck von Qneckborn und Ri t t e r von Friedberg.
** Eine allgemeine Zim merm eister - Berfa m m l u n g findet.in Verbindung mit der Generalver-, sammlung des Verbandes hessischer Zimmermeister. am naMen Sonntag in Lad-Nauheim
Russisches.
Von den 11 am Ueberfall auf den Petersburger Geldtransport beteiligteit Personen wurden a ch t v 0 m F e l d g e r i ch t zu m T0 d e v e r u r t ei l t. Das Urteil ist bereits vollzogen worden. Unter den 11 Angeklagten befanden sich sechs Zeitungshändler, die offenbar für den Ueberfall angeworben waren. Nach Angabe der Geheimpolizei waren an dem Ueberfall mindestens 40 Personen beteiligt. Drei Angeklagte werden dem Militärgericht übergeben. Alle Nachforschungen der Polizei na ch dem geraubten Gelbe u n d n a ch der Dame, die mit dem Raub davongefahren ist, blieben bisher völlig resultatlos, da keiner der Verhafteten etwas aus- gesagt hat. Man nimmt an, daß die Dame nach der Schweiz geflohen ist, um den russischen revolutionären Organik sationen das Geld zu überbringen. Wie jetzt amtlich festgestellt worden ist, beträgt die gestohlene Summe 398 772 Rubel.
Ferner sind fünf Personen, die in Kronstadt auf dem Kriegsgericht eine Bombe werfen wollten, darunter zwei Frauen und zwei Soldaten, zum Tode verurteilt worden. Ebenso ist eine an einem bewaffneten Ueberfall auf einen Kolontalwarenladen beteiligte Person verurteilt und hingerichtet worden.
Der politische Verbrecher Gerschuni ist aus der Festung Schlüsselburg entkommen, wo er mehrere Jahre interniert war, nachdem er zuvor nach Sibirien transportiert, dort aber entflohen war. Die kühne Flucht aus Schlüsselburg erfolgte mittelst einer leeren Tonne, die aus dem Gefängnishof weggerollt wurde. Gerschuni war der Urheber vieler Staatsverbrechen, auch der Eisenbahnkatastrophe von Borki, wobei Zar Alexander III. nebst Familie beinahe ums Leben gekommen wäre.
Der Verteidiger von Port Arthur, General Stössel, befindet sich augenblicklich in einer wenig beneidenswerten Lage. Nachdem er seiner militärischen Dienststellung enthoben worden ist, hat er jetzt „freiwillig" auf den Titel eines Gencraladjutanten des Zaren verzichtet. Stössel hat sich aber auch, wie Petersburger Zeitungen ntelden, mit anderen unangenehmen Dingen zu befassen. Der Pächter des Marine-Klubs von Port Arthur hat ihn um 12 000 Rubel verklagt, die ihm die Offiziere während der Belagerung schuldig geblieben sind. Der Pächter klagt ferner aus den Ersatz der Einrichtung des Klubs, die ihm auf Befehl Stössels am Vorabend der Uebergabe von Port Arthur fortgenommen worden sei, angeblich für die Kranken und Verwundeten, in Wirklichkeit aber, um den Japanern — vermutlich gegen klingende Münze — ausgchändigt zu werden. Die Höhe der Ansprüche, die der Klubpächter gegrn den ßfeneral Stössel geltend macht, beläuft sich aus 200 000 Rubel.
Ä-SC,
stücklcin, in Rußland. AuS RI 0skau geht dem ,93. %.e folgender Brief zu:
„Tie glänzende Ausführung der großen Ausgabe durch'den Herrn „Kommandanten" von Köpemck veranlaßt uns, unserer Bewunderung Ausdruck zu geben. Wir müssen leider als sicher an- neljmen, daß der Herr Kommandant trotz feiner Fähigkeit in contumaciam wegen unvorschriftsmüßigen Tragens der Kokarde 311m Verluste des Rechtes des Tragens der Uniform und zum Verlust des Hauptmannstitels verurteilt werden wird. Wir haben deshalb beschlossen, dem Herrn Hauptmann als Ersatz dafür einen Ehre n- säbel zu ftiften, und bitten Sie, sich der Mühe unterziehen zu wollen, in einem Kitt verspiel Warengeschäft einen solchen Säbel zu kaufen und dem Herrn Kommandanten in unserem Namen überreichen 511 wollen — wenn Sie ihn sehen sollten. Falls der Herr Hauptmann in unangebrachter Bescheidenheit die Annahme der ihm von un5 zugedachten Ehrung ablehnen sollte, so bitten wir Sie, ben Betrag entweder dem Stadtsäckel von Köpenick oder einem anderen wohltätigen Zwecke zu übermitteln. Hochachtungsvoll M 0 s k a u e r Kegelklu b."
Dec „Hauptmann von Köpenick" wird übrigens in einem Leitartikel des ,Daily Expreß" als gemeinsames Eigentum aller Kulturnationen in Anspruch gehommen, da er endlich einmal dem Wort „Internationale Heiterkeit" einen bestimmten Inhalt gegeben hat. Von diesem Gesichtspunkte aus hofft das Blatt, daß den „Hauptmann" keine allzu strenge Strafe treffen werde, besonders in Anbetracht der versöhnenden menschlich guten Eigenschaften, die er sich trotz seines langen Aufenthaltes im Zuchthause bewahrt habe. Das englische Blatt empfiehlt ihn der Gnade des Kaisers.
Der Hauvtmann von Köpenick hat auch die verdiente künstlersiche Verherrlichung gefunden. Der Romanschriftsteller Hans Hy an und sein Kollege von der Griffelkunst, der Maler Humorist Paul Haase haben sich zu-, sammengetan und unter dem Titel „Der Hauptmann von Köpenick, eine schaurig-traurige Geschichte vom beschränkten Untertanenverstand", ein mit zahlreichen mehrfarbigen Bildern geschmücktes Versbuch über den berühmten Räuber- Hauptmann erscheinen lassen, dessen Titelbild wohl in den nächsten Tagen sich in den Schaufenstern unserer Buchhcmd- hingen präsentieren dürfte. Das Buch ist im Verlag von Hermann Seemann Nachf., Berlin NW. 87, erschienen.
Die erste Dramatisierung der Tragikomödie von Köpenick hat auch bereits! die Bretter gesehen. Die Ge- IcgenkxitSdichter reiten ihren Pegasus schnell. Diese^ allererste Dramatisierung ging im Kolosseum zu Wien in Szene und nennt sich „Der Schuster von Köpenick" und hatte einen stürmischen Heiterkeitscrfolg. „Ein Staatsstreich von mnu> dazumal" ist der Untertitel. Drei srech-geniale Gesellen: der Prinz von Liberia, Nuchem Schapira und — der Schuster von Köpenick plündern den Th-ronsaal des Schlosses, finden hier alte Uniformen und benutzen die Leibgarde des Königs dazu, das Ganze ins ' Versatzamt zu bringen. Dann besetzten bie Abenteurer das Schloß und setzten den König ab. Originellerweise fyat man den Schuster- Hauptmann als — „Hosenrolle" verarbeitet.
Der bekannte Reuterdarsteller Junkermann schreibt dem „B. T.":
Gestatten Sie auch mir, einen kleinen Beitrag zur Tragikomödie von Köpenick cinzusenden, der lüicbcrum beweist, daß das wirkliche Leben viel luftiger ist, als alle von un§ Bermskomikern inszenierten Schwanke es fein können. Ich hatte am letzten Sonntag meinen diesjährigen Berliner Vorlesungszyklus im Architekten- hause beschlossen, und der freundliche Beifall des liebenswürdigen Berliner Publikums rief mich am Schluß noch einmal an bas Pult, wobei wiederholte laute Zurufe nach Zugaben erschallten. Gehorsam, wie ich bin, holte ich meinen Rciiter-Banb noch einmal hervor und blätterte nach einem letzten Gebichtchon. Ohne mich weiter 311 befinuen ober irgend etwas damit andeuten zu wollen, las ich arglos bie Ueberschrift: „Respekt oor’n König iienen Rock!" Ein homerisches Gelächter! „Köpenick, Köpenick!" erscholl cs von allen Bänken, unb nur allmählich legte sich die allgemeine Heiterkeit, bis ich endlich das Gebichtchen lesen konnte. Es handelt sich in den wenigen hübschen Versen um folgendes: Ein Bauer hat einen schönen Kleeacker, über den ihm wiederholt ein uniformierter Postillon fährt, der ihm den Klee ruiniert, bis ihn der Sauer endlich erwischt, ihn beim Kragen faßt unb mit feinem Stock durchbläuen will. Großprotzig sagt der Postillon:
„Weg mit den Stock, Ick brage hier des Königs Rock, Ten möten S' an mi respektieren!" Darauf sagt der Bauer:
„Wat heww ick mit den Rock lau bauhn?
Meenst du, ick mag mi Magestätsbeleid'gungsschererei?
Nee, in de Snut kriggst eins von mi, lln be hürt di!"
Ich habe feiten solchen Beifall gehört, als er diesem unbeabsichtigten aktuellen Nimel folgte. Und die Moral davon? Der falsche Haiiplmauu kannte, ivie Sie berichtet haben, seinen Reuter, und hätte ihn der Bürgermeister auch gekannt, so hätte er ihm auch wohl mir eins in die „©nut" zu geben brauchen, ohne des Königs Rock zii berühren. Dann wäre der Kassenraub vielleicht ungeschehen geblieben, und Reuter hätte auch seinen luftigen An- teil an den Köpenlcker Gaunerstreich gehabt.
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.Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der I g V. U § jL d U & UH
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