Ausgabe 
1.9.1906 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 305

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

DieSiebener ZamilienbiStter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Eanöwtrt" erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.7. Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.

Zweites Blatt L56.Jahrgang Samstag 1. September 1800

Gießener Anzeiger

Seneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Deutsches Reich.

Potsdam, 31. Äug. Heute vormittag 10 Uhr fand im Stadtschloß und Lustgarten der Dien st ein tritt des Prinzen Oskar von Preußen beim 1. Garderegiment statt. Ter Prinz meldete sich im Schlosse beim Kaiser in Gegenwart seiner direkten Vorgesetzten. Der Kaiser be­gab sich daraus zu Pferde mit dem Prinzen und dessen Vorgesetzten in den Lustgarten, wo das 1. Garderegiment im Viereck aufgestellt war. Ter Kronprinz und die in Berlin anwesenden Prinzen, die Lehrer und Erzieher des Prinzen, die Militärbevollmächrigten der Bundesstaaten, die fremdländischen Offiziere und bas Kadettenhaus Pots­dam wohnten der Feier bei, zu der aus Berlin Großfürst Wladimir, Erzherzog Josef, der Herzog von Genua mit ihren Gefolgen, und andere eingctrossen waren. Die Kai­serin, die Kronprinzessin, Prinzessin Eitel Friedrich, Prin­zessin Friedrich Leopold, Prinzessin Viktoria Luise und die Kronprinzessin von Griechenland wohnten der Feier von den Fenstern des Stadtschlosses aus bei. Beim Heraus- tretcn des Kaisers präsentierte das Regiment. Die Fahne, die Lcibkompagnie und die direkten Vorgesetzten traten in die Mitte des Vierecks. Prinz Oskar leistete darauf den Fahneneid. Hierauf hielt der Kaiser eine Ansprache, wo­rauf er dem Prinzen £)§Tar die Hand reichte. Ter Kom­mandeur des 1. Gardercgiments erwiderte und schloß mit einem dreifachen Hurra auf den Kaiser. Zwei Parade­märsche des Regiments in Zügen und in Kympagniefronten, wober Prinz Oskar und Prinz Joachim bei der Leibkom­pagnie eintraten, beschlossen die Feier, an die sich ein Früh­stück im Neuen Palais anschloß.

Berlin, 1. Sept. Ter Berliner Lehrerverein hat in einer scharfen Resolution gegen den Ministerialerlaß vom 4. Mai d. I. über die Lehrerbesoloung pro­testiert.

Kiel, 31. Aug. Ein aus den sieben Panzerschiffen A-cran, Mauligreten, Oden, Njord, Goeta, Swea und Thule, zwei Torpedokreuzern und zwei Torpedojägern bestehendes schwedisches Geschwader traf heute vormittag um 9s/* Uhr im hiesigen Hafen ein. Bald nach 10 Uhr traf auch das dänische Geschwader, aus den drei Küsten­panzerschiffenOlsert Fischer",Herluf Trolle" undSkjad" nebst zwei Torpedobooten bestehend, hier an. Die Ge­schwader feuerten den Landessalut und salutierten sodann die Flagge des Großadmirals, und des Chefs der Marine­station der Ostsee. Die Musikkapellen auf den Flaggschiffen beider Flotten spielten beim Einlaufen die deutsche Na­tionalhymne.

Düsseldorf, 31. Äug. Der Stahlwerksverband Düsseldorf hatte beim Staatssekretär des Reichsschatzamts Beschwerde über die Berechnung des Fracht- und U r künden st empels geführt und beantragt, daß die Fracht von 25 Mk., die als Grenze für die Berechnung des Stempelbetrags von 20 und 50 Pfg. dient, für 10 Tonnen gelten solle und nicht, wie nach dem Wortlaut des Gesetzes bisher angenommen wurde, für die ganze Ladung, hieraus ergab sich, daß bei einer wirtschaftlichen Ausnutzung von Magen mit höherem Ladegewicht in überaus zahlreichen Fällen die Stempelkosten bedeutend höher wurden, als bei Verwendung von Wagen mit geringerem Ladegewicht oder mangelhafter Ausnutzung der Wagen. Dieser offenbare Widersinn ist jetzt beseitigt, nachdem der Staatssekretär dem Stahlwerksverbande mitgeteilt hatte, daß er sich mit der Regelung der Angelegenheiten im Sinne der vom Stahl­werksverbande vertretenen Auffassung einverstanden erklärt habe.

München, 31. Aug. Zum Bischof von Regens­burg wurde der bisherige Bischof von Eichstädt D. von Mergel, zum Bischof von Eichstädt der Regensburger Meihbischof v. O w ernannt.

Dresden, 31. Aug. Unter Vorsitz des früheren Reichs­tagsabgeordneten Professor Hasse-Leipzig begann heute der Alldeutsche V e r b a n d s t a g seine Sitzungen. Ter Jahresbericht beklagt u. a. den Mißerfolg der deutschen Marokkopolitit und die Isolierung des Deutschen Reiches. Tie Regierung habe es versäumt, die Gunst der politischen Lage auszunützen und sei m.: ihrer Flotten Vorlage hinter dem zurückgeblieben, was unbedingt notwendig und zu er­reichen gewesen wäre. Ter Jahresbericht beschäftigt sich außerdem mit den Vorgängen in Südwestafrika und Deutsch­ostafrikas. Ter Kassenbericht balanziert in Einnahmen und Ausgaben mit 75 000 Mk.

B r e s l a u, 31. Aug. Um dem immer fühlbarer werden­den Mangel an landwirtschaftlichen Arbei­tern abzuhelfen, hat die deutsche Feldarbeiter-Zentrale in Myslowitz durch Vermittelung des russischen Bötschafters in Berlin mit dem General-Gouverneur von Warschau über die Anwerbung russischer Arbeiter aus Polen für die deutsche Landwirtschaft vor einiger Zeit Unterhandlungen ange- knüpsl. TerSchles. Ztg." zufolge ist jetzt durch die russ. Botschaft in Berlin der Feldarbeiter-Zentrale die Genehmig­ung des General-Gouverneurs zur Anwerbung russ. Arbeiter für die deutsche Landwirtschaft in'beliebigen Ortschaften Russisch-Polens erteilt worden.

Posen, 31. Aug. In Gnesen wurden d re i Sex­taner des dortigen Gymnasiums lvegen Verweigerung deutscher Antworten im Religionsunterricht aus derSchule entlassen.

Danzig, 31. Aug. Ter Kaiser loird Ende Sept, zum Jagdausenthalt in Rominten eintreffen.

Ausland.

Paris, 31. Aug. Ter Chef oes Gcneralstabes der Armee, General Brun, empfing heute nachmittag im Namen des Kriegs. Ministers die auslän d i sch e n O f fi z ier c, die den Manö- vern des 2. Armeekorps beilvohnen und hieß sie willkommen. Die ausländischen Offiziere werden morgen nachmittag Paris im Son­derzuge verlassen. Am Abend sind sie zu einem Festmahle ein­geladen, das der Leiter der Manöver, General Michel, im Schlosse zu Compiegne veranstaltet.

DerCourrier Europscn" will wissen, daß der Unterrichts­minister Briand mit gewissen französischen Prälaten un­terhandle, und daß er sich mit dem Plane trage, angesichts der unversöhnlichen Haltung des Vatikans in der Frage der Kultusoereinigungen eine schismatisch-gallita nische Bewegung hervorzurufen. Dabei rechne der Minister auch ins­besondere darauf, daß die Geistlichen durch das Verbot der Kultus­

vereinigungen sich in ihren materiellen Interessen schwer ge­troffen sehen.

DemJournal" zufolge wird die nächste Vollver­sammlung d^er französischen Bischöfe unter anderem namentlich die tfrage derBildung vonneuen Vereinig- u n g e n prüfen, die durch ihre äußeren Statuten der Gesetzgebung entiprechen,, durch ihre inneren Statuten unter die Autorität der oNwose gestellt werden und verhindern sollen, daß die Kirchen- guter zu außergoltcsdienstlichen Zwecken verwendet werden.

Das Amtsblatt veröffentlicht heute den ersten Teil der Durchführungsverordnungen bctr. das am 11 Juli vom Parlament angenommene Gesetz über den Wochenruhe- t a g. Das Gesetz, welches bereits Anlaß zu ernsten Streitig­keiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern gegeben hat, tritt über­morgen in Kraft. In einzelnen Gewerben wird mit Ausstand gedroht, falls die Arbeitgeber das Gesetz in irgend einer Weise umgeben sollten. Insbesondere wird diesbezüglich unter den Kellnern und Bäckergehilfen _ agitiert. In Rouen und anderen Orten haben die Bäckergehilfen für morgen den Ausstand an­gekündigt.

Etwa 1000 Besitzer von Restaurants und Hotels m Paris hielten l)eute nachmittag eine Versammlung ab. Lie nahmen einen Antrag an, der Verwahrung einlegt gegen das Gesetz betreffend die Gewälwung eines wöchentlichen Ruhetages, der in der Praxis nicht durchzusühren sei. Man erwarte eine Abänderung des Gesetzes, welche' dahin geht, daß wöchentlich cm halber Rulietag und als Ausgleich eine Ruhe- Leit im Lause des Jahres gewährt werde. Tie Hotelbesitzer fordern, daß das Gesetz während der Monate Juli, August und September außer Geltung gesetzt werde. Es wurde beschlossen, salls die Regierung den Forderungen nicht Folge gäbe, mit allen, soweit möglich, mit gesetzlichen Mitteln Widerstand zu leisten und die Bettiebe einzustellen, soweit es die Rücksichtnahme auf das reisende Publikum gestatte.

Cherbourg, 31. Aug. Zwischen sozialistischen und konservativen Gemeinderäten kam es gestern im Ge­meinderat zu einem heftigen Wortwechsel, der in T ä t l i ch ke i t e n überging. Infolgedessen werden die meisten Gemeinderatsmitglie­der ihre Demission nehmen.

Agram, 31. Aug. Die Landesregierung hob den Beschluß des Agramer Gemeinderatcs, nach welchem bei Gelegenheit der Begrüßung des Kaisers in Trebinje dieser um die V er einig* ung Bosniens mit Kroatien gebeten werden soll, aus.

Budapest, 31. Aug. Die gesamte Presse protestiert gegen den Beschluß des Agramer Gemeinderates, an Kaiser Franz Josef die Bitte zu richten, daß Bosnien und die Herzegowina mit Kroatien vereinigt würden, und bezeichnet diesen Akt als eine utopistische Anmaßung.

Der Tschechenführer, Abgeordneter Klofac, traf hier ein, um das tschechisch-ungarische Bündnis zum Kampf gegen Wien und Berlin zu organisieren.

Konstantinopel, 31. Aug. Ter heutige Selamlik fand in der üblichen Weise statt.

Auf eine Anfrage des Großwesirs bezüglich französischer Konsularnachrichten, nach denen eine türkische Militärabteilung nach der B i l m e a o a s e abgegangen sei, wogegen die fran­zösische Botschaft protestierte, antwortete der Wali von Tripolis, diese Nachricht sei vollkommen unbegründet.

Berichte aus Burgas an das ökumenische Pattiarchat besagen, der gefangene Metropolit von Anchialo sei krank und werde schlecht behandelt.

Belgrad, 31. Aug. Auf feiner Reise wurde König Peter in Kladow von der rumänischen Mission be­grüßt. König Peter war mit Gefolge auf dem SchiffZar Nikolaus II.", die rumänische Mission, bestehend aus General Crainiseana, Major Cornabye und Hauptmann Tragus aus dem KanonenbootGeretul" in Kladow nngefomnien. Ter König empfing die Mission aus einer am User errichteten Tribüne. An den Empfang schloß sich ein Galadiner an Bord desZar Nikolaus II." an. Der König und Crainiseana wechselten Trink- sprüche. Die rumänischen Schiffe gaben dem Königsschiff das Geleite bis Brza-Palanka.

Melilla, 31. Aug. Die Truppen des Roghi ziehen sich in der Stärke von 6000 Mann auf dem rechten User des Muluya zusammen und erwarten Verstärkungen. Die Truppen des Sul­tans zählen 4000 Mann und sind gut bewaffnet.

Kalkutta, 31. Aug. Starke Ueberschwemmungen nach einer sehr dürftigen (Srnte haben in Bengalen und namentlich in Ostbengalen große Hungersnot verursacht. Zur Linder­ung der Not ist die Bereitstellung eines Unterstützungsfonds vor­geschlagen. Unter den Eisenbahnarbeitern sind von neuem Unruhen ausgebrochen. Die Eisenbahnwerkstatten der ostindischen Bahn in Jamalstur wurden wegen Ruhestörungen, in bereit Verlauf fünf Indier durch Polizisten leicht verwundet wurden, geschlossen.

Schanghai, 31. Aug. Bei Beraiung des von der ins Aus­land entsendeiei'. 51 o ni in i s s i o n erstatteten Berichtes ergaben sich zunächst innerhalb der Konferenz Ai e i n n n g s Verschieden­heiten. Tsaust, der Führer dieser Konunission, warf den Be­amten vor, daß sie sich der Einführung einer Konstitution wider­setzten. Schließlich entschied die Konserenz jedoch zu Gunsten einer K o n sl i t n t i o n. Tas Dekret ist bereits erlassen, das die Einführung einer Koiislitution verspricht, ohne indessen einen Termin dafür ober sonstige Einzelheiten anzngeben.

Tokio, 31. Aug. Obgleich halbamtlich erklärt wird, daß die Beurlaubung des Ministers Vikomte H a y a s h i ohne politische Bedeutung sei, so besteht Grnnd zu der Annahme, daß ernste Ai e i n u n g s v c r s che d e n h e i t e n zwischen ihm und dem Premierminister ausgebrochen sind. ES i]i sehr wahrscheinlich, daß Vikomte Hayashi zurücktreien wird.

PuMch.s.

Petersburg, 31. Aug. Infolge einer Aufforderung des Kaisers siedelt Ministerpräsident Stolypin mit seiner Familie demnächst nach dem Winterpalais über. Die Petersburger Telegraphen-Agentur erklärt, daß die an der Pariser Börse aufgetretenen Gerüchte, nach denen Minister- präsident Stolypin zurückgetreten sei und Witte wiederum das Ministerpräsidium übernehmen werde, voll­kommen unbegründet sind.

Die Hochschulen werden am 28. September wieder eröffnet. __ Der Muselmanen-Kongreß wurde gestern

in Nischni-Nowgorod eröffnet. Anwesend sind 800 Dele­gierte. In Schuscha wurde ein unterirdischer Gang von der Wohnung eines Tataren bis zum Palast des Gouverneurs General Nolotschapow entdeckt. Man nimmt an, daß auf den Gouverneur ein Attentat geplant war.

In den Gouvernements der Wolga-Niederungen planen die Bauern einen allgemeinen Aufstand. Nur die Verteilung von Land kann den Aufstand verhindern. In Tscherkati, einer Gemeinde von 15 000 Einwohnern, ivelche als ein revolutionäres Zentrum bekannt ist, wurden große Vorräte vom Bomben und ein ganzes Waffendepot

entdeckt. In den Gouvernements Stafan, Simbir und Samara dürfte die Hungersnot schon Ende des Monats au3- brechen.

Die Untersuchung über die Unruhen an Bord des Pamjet Asowa" hat ergeben, daß der Urheber der Matrosenmeuterei der 65jährige Schiffspope gewesen ist. Er wurde verhaftet und wird vor ein Kriegsgericht ge­stellt. Ein Hauptmann vom 22. Kosaken-Regi- luent in Mariapol wurde wegen revolutionärer Propaganda unter den Kosaken verhaftet.

Der Ausschuß der Montanindustriellen Südrußlands suchte um Einführung besonderer Schutzmaßregeln im Donezbecken nach.

Helsingfors, 31. Ang. Gestern wurde über den Rost der Aufrührer von Sveaborg das Urteil gefällt: 19 Soldaten und 3 Zivilisten wurden zum Tode durch Er­schießen, 33 Soldaten zu Zwangsarbeit von 12 bis 15 Jahren, 33 zur Versetzung in die Strafabteilung auf 4 bis 5 Jahre, 195 auf 3 bis 4 Jahre und 298 Soldaten zu 3 bis 4 Monaten Gefängnis verurteilt.

Dios kau, 31. Aug. Der Generalgouverneur hat einen strengen Tagesbefehl an alle Polizeiorgane erlassen, welcher anordnet, daß gegen jede aufständische Person sofort mit der Waffe vor gegangen werden soll. Die Polizei >vird auf keinen Fall mehr Ansammlungen dulden und jeden niederschießen, der sich in der Nähe von Regierungsgebäuden ober den Wohnungen höherer Beamten verdächtig macht.

Warschau, 1. Sept. Auf Anordnung des Gouverneurs Becker wurden gestern nachmittag 5 Uhr fast alle Straßen militärisch gesperrt und die Passanten auf der Straße untersucht. Straßenbahnwagen, Droschken und Privatwagen wurden augehalten, die Jnsaffen zum Aussteigen veranlaßt und einer Visitation unterworfen. Viele Verhaftungen erfolgten. Vier Stunden lang war der Verkehr eingestellt. Die Straßen blieben nachts vom Militär besetzt. Nachts sollten zahl­reiche Haussuchungen stattsinden. Die Verhaftungen sind schon so zahlreich, daß fein Platz in den Gefängnissen mehr ist. Die Verhafteten werden unter freiem Himmel gehalten. In Jeziorna bei Warschau wurde das Gemeinde-Bureau über­fallen und Paß-Formulare gestohlen.

Die Reaktion und die Urheber des Attentats.

Man schreibt uns aus St. Petersburg, 29. Aug.: Kommt Zeit, kommt Rat" sagt mau in Deutschland, aber hier zu Lande pflegt die unaufhaltsame, dahineilende Zeit nur neue grausige Rätsel aufzugeben. Vier Tage sind nun seit der furcht­baren Katastrophe auf der Apothekerinsel verflossen. Sonst Zeit genug, um sich über ein großes Ereignis wenigstens, in seinen groben Zügen zu orientieren. Diesmal aber ist es damit ganz anders: mit jedem Tage kommt das blutige Atten­tat nur dunkler und geheimnisvoller vor. Was für Leute haben es begangen? Die Polizei hat trotz aller Nachforschungen keine Ahnung davon. Auf den ersten Blick scheint die Vermutung nahezuliegen, daß es von Sozialrevolutionären ausgegangen ist. Die Partei erklärt nun aber, daß sie mit ihm nichts zu tun hat und dieser Erklärung ist zu glauben. Tenn erstens hat die Partei die von ihr ins Werk gesetzten Attentate niemals verleugnet und hat auch feinen Grund das zu tun. Zweitens aber entspricht auch die Ausführung des Attentats auf Stolypin nicht der son­stigen Methode der Sozialrevolutionäre. Diese vermeiden ge­flissentlich jedes nutzlose Blutvergießen und schickten in der Regel nicht ein halbes Dutzend von Attentätern, wie dies hier der Fall zu sein scheint, sondern nur einen oder zwei. Außer den Sozialrevolutionären gibt es freilich noch zwei politische Gruppen, von denen das Attentat ausgegangen sein mag. Und zwar die Moskauer Maximalisten, von denen ich kürzlich berichtet habe, und die hauptsächlich im Südwesten und im Westen verbreiteten Anarchisten. Man hat jedoch keine bestimmten Anhaltspunkte das Attentat der einen oder der andern von den,beiden Richtungen zuzuschreiben. Und es entsteht nun die bange Frage: Ist es denn überhaupt so sicher, daß es von Revolutionären begangen worden ist ? Können das nicht etwa Reattionäre gewesen sein? Etwa von demselben Schlage Ivie diejenigen, die Hcrzenstein er­mordet haben?Undenkbar!" werden sie vielleicht jagen,die Reaktionäre würden wohl, wenn es ihnen nützlich scheint, ein halbes Hundert Menschen ohne jede Bedenken hinschlachten. Wer sich selber opfern dazu sind sie doch wohl nicht imstande. Das ftimmt. Aber woher weiß man denn, daß sie sich wirklich dem Tode geweiht haben? War es nicht vielmehr ihre Wsicht, die Bombe oder da man jetzt schon von zwei Bomben spricht die Bomben im Hause des Ministers zurückzulassen, damit sie dort durch irgend einen zufälligen Stoß, der gewiß nicht aus­geblieben wäre, oder durch das in der Bombe versteckte Uhr­werk zur Explosion gebracht werden sollten? Diese Vermutung wird dadurch bestätigt, daß ber Landauer, in dem die Atten­täter angekommen waren, auf sie warten blieb. Es wurde also erwartet, daß sie bald zurückkommen würden. Die Explosion ist ja anscheinend vorzeitig erfolgt. Auch ist der Umstand beachtens­wert, daß die Attentäter ein paar Minuten zu spät kamen. Tas war der einzige Grund, aus dem iljr Verlangen, den Minister zu sprechen, abgelehnt werden konnte. Wenn jetzt etwa behauptet wird, iyre Uniform sei nicht ganz Eorreft gewesen, uno das habe den Verdacht des Portiers erweckt, so sind das nur nach­trägliche Kombinationen, für die jede tatsächliche Bestätigung fehlt. Was aber die Verspätung der Attentäter anbetrifft die nur ganz gering war so kann man sich sehr wohl denken, daß sie nicht unabsichtlich gewesen ist. Tenn es i|t weit und breit bekannt, daß in dieser Hinsicht bei dem Minister sehr rigoros vorgegangen wurde. ,

Aber das alles sind natürlich nur Vermutungen. Schwerer wiegt die Tatsache, daß ein paar Tage vor dem Attentat ein ehemaliger Offizier beim Minister erschien, um ihn zu warnen, daß in der Provinz ein mitten tat auf ihn vorbereitet werde. Er wurde jedoch nicht zugelassen, und überreichte eine schriftliche Ein­gabe. Er ist Mitglied des Verbandes des russischen Volkes. Nach dem Attentat ließ man ihn verhaften. Ob nun seine Ans­agen etwas Licht in die geheimnisvolle Affäre bringen werden?

Heber Auswanderung.

In den Verein. Staaten ist der Vorschlag gemacht worden, eine Kopfsteuer von hundert Dollars für jeden Einwanderer zu erheben. In Großbritannien hat man em Fremdengesetz angenommen, gegen das die Schrss- sahrtsgesellschasten vergeblichen Widerspruch erhoben, xoeiC es die Einwanderung ungebührlich erschwere. Tas engl. Vorgehen ist immerhin verständlicher. Sind doch in Eng­land die untersten Klassen tatsächlich vom Bodenbesitz aus-