gemacht werden; auf Grund der alten Wahlordnung kann nicht mehr gewählt werden.
Wien, 11. Juni. Tie gestrige Demonstration der Christlich-Sozialen mit dem keinesfalls improvisierten Zug vor die ungarische Delegation wird als ein Vorst oh der Thronfolgerpartei betrachtet, die den Kaiser zur Abdankung drängen will. Das christlich-soziale „Deutsche Volksblatt" meldet, daß der Thronfolger während der Demonstration über die Ringstraße gefahren sei und äiißerst huldvoll gegrüßt habe.
Budapest, 11. Juni Kaiser Franz Josef hat heute in Wien den ungarischen Ministerpräsidenten Wekcrle in Audienz empfangen und seiner Entrüstung über die Demonstration Ausdruck gegeben. Der Kaiser sagte: „So etwas darf nicht Vorkommen".
Neue verlustreiche Gefechte in Deutsch-Afrika.
Berlin, 11. Juni. (Amtlich.) Major v. Freyhold war am 28. Mai vom Fischfluß her in Haib eingetroffcn und hatte durch Patrollillen festgestellt, daß die Hottentotten in Stärke von 250 Gewehren die Strecke Haib-Warmbad nach Süden zu gekreuzt hatten. Am 30. Mai erhielt die Patrouille des Leutnants von Abendroth in der Gegend westlich Norchab Feuer. Major v. Freyhold setzte den Vormarsch auf der feindlichen Spur fort und erreichte am 3. Juni den Feind westlich GaobeS. Roch am Abend wurde der Feind von den nächsten Höhen vertrieben. Am folgenden Tag wurde der Angriff fortgesetzt. Nach heftigem Feuergefechte gingen die Hottentotten im Saufe des Nachmittags zurück und am Albend des 4. Jllni befand sich unsere Truppe iin Besitze der bisher vom Feinde besetzten Wasserstelle. Dieser floh in westlicher und südw. Richtung. Noch in der Nacht vom 4. zum 5. Juni marschierte Major v. Freyhold nach dem Oranje. Oberstltnt. v. Estorff traf mit der Abteilung des Majors Siebert ain 5. Juni früh von Warmbad kommend aus dem Gefechtsfelde ein und wird das Gefecht fortsetzen. In diesem Gefecht sind gefallen: Oberleutnant Dannerth, früher im Füsilier-Regiment Nr. 34, Leutnant von Abendroth, früher im kgl. sächsischen Grenadier-Regiment Nr. 100. Drei Reiter wurden schwer, sieben leicht verwundet. Der gefallene Oberleutnant Dannerth ist ani 12. November 1904 abgereist, war längere Zeit Konlmandant des Etappenkommandos Süd und hatte im Gefecht bei Kaepdorntz am 27. Juni 1905 nach dem Tode des Hauptmanns Pichler die Führung der Abteilung Pichler übernommen.
Nach einem Telegramme des kaiserlichen Gouvernements von Deutsch-Ostafrika am 11. Juni flüchteten sich die Wangoni-Rebellen auf das portugiesische Gebiet südlich des Rowuma. Ein Zug der in Lindi stationierten Kompagnie sichert die Grenze. Die Unterwerfung der Aufständischen im Mahenge-Bezirke schreitet fort. Die Hauptführer Kingame und Schindano stellen sich freiwillig, andere folgen.
Nach einem Telegramm des Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika meldete die Station Moschi am Kilimandscharo, daß in der Landschaft Jraku Unruhen ausgebrochen seien. Ein treuer Häuptling wurde verjagt, der Meruansiedler U f f e r t von 500 bis 1000 Aufständischen aufgehalten und bedroht. Stationschef Abel rückte am 5. Juni von Moschi mit zwei Europäern, vierzig Askaris, einem Maschinengewehr und hundert Massai ab. Es wurden konzentrisch gegen Jraku Abteilungen von Mpwapwa aus über Jrangi und von Kilimatindi über Mkalama sowie die in Tabora stationierte fünfte Kompagnie vorgeschoben.
Aas Kerkomer-Itcunen.
VII.
Wien, 11. Juni. Das Herkomer-Rennen über den Semmering war für mehrere Teilnehmer der Konkurrenz ein arger Mißerfolg. Die 9 Kilometer lange Strecke sieht aus wie ein Schlachtfeld. Mehr als 15 Wagen lagen und standen auf der Strecke. Zuerst stürzten drei englische Daimlerwagen, welche bei der schärfsten Kurve in den Graben flogen und zertrümmert wurden. Jede Kurve forderte neue Opfer. Hyronimus als erster fuhr die Strecke in 8 Min. 8 Sek., Prinz Heinrich in 12 Minuten 433/5 Sekunden. Insgesamt sind 16 Wagen verunglückt, welche zumeist die Fahrt aufgaben.
Klagenfurt, 11. Juni. Bis gestern abend 9 Uhr waren 106 Wagen unter strömendem Regen angekommen. 5 Wagen hatten Maschinendefekte erlitten und 2 Wagen Rad- brüche. Im Hotel „Sandwirt" fand gestern abend ein Empfang statt, an welchem auch Prinz Heinrich von Preußen teilnahm. Wagen Nr. 43 fuhr kurz nach Starten gegen einen Baum und mußte wegen Achsenbruches zurückbleiben.
Lienz, 11. Juni. Als Erster passierte um 8 Uhr 45 Min. Wagen Nr. 41, als Zweiter um 9 Uhr 20 Min. Wagen Nr. 57 in bester Kondition.
Velden (Kärnthen), 11. Juni. Die Gemeinde Velden bereitete dem Prinzen Heinrich von Preußen, der heute früh den festlich geschmückten Ort passierte, einen feierlichen Empfang. Der Prinz nahm das Ehrenbuch Veldens und ein Bukett für feine Gemahlin entgegen. Hier wurde ein Mann von einem der Herkomer-Wagen überfahren und leicht verletzt.
Innsbruck, 11. Juni. Die Wagen Nr. 19 und 20 (Weigand und v. Kaulla-Daimler) trafen als erste in Innsbruck um 3 Uhr 2 Min. ein. Dann folgten die Wagen 16, 82, 14, 2, 24, 62 und 18. Prinz Heinrich traf um 3 Uhr 41 Min. als zehnter ein, danach die Wagen Nr. 55, 102, 1, 12, 93 und 83. In Sterzing wurde ein Feuerwehr- mann von einem Automobil umge stoßcn, aber anscheinend nicht schwer verletzt. In ganz Kärnthen war ein Empfang wie bei einem Volksfest. In Tirol war die Begrüßung eine Note ernster. Beim Abstieg vom Brenner vor Innsbruck spielte die Kapelle der Kaiserjäger. Damen, Offiziere und Studenten halten sich zur Begrüßung eingefunden. Die Brennerfahrt gelang recht gut. Vorher im Drautal rannte der Wagen Nr. 146 (Dr. Neller sen.-Aachen) wider einen Baum und wurde g e bra uchsu nfähiq. Es war dies derselbe Wagen, der gestern in Wiener-Neustadt einen Mann angefahren und erheblich verletzt hatte. Dr. Nellersen hatte kurz vor Nürnberg durch den Wurf mit
einem Blumenstrauß eine Augenverletznng davongetragen. Er trug seitdem Bindenschutz; durch dieses ungewohnte einäugige Sehen ist wohl das unsichere Fahren veranlaßt. Leider war die Staubplage stellenweise sehr groß. Morgen harrt der Motore ein saures Stück Arbeit: der Zirlerberg, dann kommt die Schlußnummer, die Schnellfahrt durch den Forstenrieder Park in München.
Ausschreitungen von Streikenden.
(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.)
a Mainz, 11. Juni.
Heute traten 200 Fuhrleute in den Ausstand, da ihre Lohnforderungen von den Unternehmern nicht bewilligt wurde.
Ein Teil der Streikenden ließ sich heute schwere Ausschreitungen zu Schulden kommen. Fuhrmänner, die nicht am Streike teilnahmen, wurden von ihren Fuhrwerken herabgeholt und verhauen. Im Raupelsweg umlagerten Streikende den Hof des Fuhrunternehmers Auer. Kein Fuhrmann und kein Wagen dürft? zum Hofe heraus. Sechs Schutzleute waren ohnmächtig und die Beamten wurden tätlich angegriffen. Ein Teil der Streikenden drang in den Stall des Fuhrunternehmers Helfer und ließ seine Wut an einem wertvollen Pferde aus. Dem armen Tiere wurden buchstäblich Stücke Fleisch von seinem Körper gerissen. Helfer brachte später das schrecklich zugerichtete Pferd vor den Polizeibezirk, dabei liefen dem Manne die Tränen von den Wangen. Die Bande zog bann vor den Schlacht- und Viehhof, aus dem Metzgermeister Jakob Schramm in Begleitung eines Gehilfen mit seinem Wagen herausfuhr. Gegen Schramm, der mit dem Streik nichts zu tun hat, wurde ein Steinbombardement eröffnet und er, sein Gehilfe und die Pferde wurden schwer verletzt. Schramm und sein Gehilfe wurden hierauf vom Wagenbock gezogen und mißhandelt. Ein vor seinem Lokale in der Nähe des Viehhofes stehender Wirt, also ebenfalls ein Unbeteiligter, erhielt von einem der Burschen einen Schlag an den Kopf, daß er die steile Böschung hinabstürzte. Durch den Schlag wurde das Trommelfell des einen Ohres zerstört. Nun kamen Schutzleute aus den verschiedenen Bezirken der Stadt angerückt. Die Beamten hatten einen schweren Stand gegen die Exzedenten. Die Schutzleute zogen blank und es kam zu einem Kampfe, wobei es auf beiden Seiten Verletzte gab. Schließlich gelang es den Schutzleuten, einen Teil der Exzedenten festzunehmen. Sie heißen Herrmann, Perg, Im sch weiler, Ober st, Grollmann, Mag, Wiemer. Ein Teil der Verhafteten ist dem Gerichte sehr bekannt.
Das Eisenbahnunglück bei St. Goarshausen.
Der getötete Bremser Dehe wohnt in Oberlahnstein; er hinterläßt eine Frau und vier Kinder. Vollständig zertrümmert sind 21 Wagen. Der Materialschaden wird auf einige 100 000 Mark geschätzt. Beide Güterzüge trafen sich mitten auf dem Doppel Herzstück der Weiche. Die ersten acht Wagen zogen sich in- und übereinander und fingen sofort Feuer. Ein mit Schwefelsäure geladener Wagen verbreitete gefährliche Dünste, die der Feuerwehr das Herannahen an die Brandstelle sehr erschwerten. Die Feuerwehr mußte durch einen Garten dringen, dessen Bäume erst gefällt werden mußten. Die Stadt war alarmiert, da man annahm, das Hotel Adler stehe in Flammen. In einem württembergischen Wagen befanden sich mehrere Körbe mit geladenen Granaten. An zwei Wagen, die mit Salzsäurekeffeln beladen waren, öffneten sich die Ventile durch den Anprall, sonst wäre eine Explosion eingetreten. Für die Rettungsarbeiten war es sehr günstig, daß der Zusammenstoß sich mehr nach dem Bahngeleise schob, sonst wären die am Bahndamm stehenden Häuser verloren gewesen. Dadurch, daß der rangierende Zug auch einige 20 geladene Wagen führte, fand der aufstoßende Zug ein starkes Hindernis. Sämtliche Rottenarbeiter von Lahnstein und Walluf sind zur Hilfeleistung herangezogen. Die Räumungsarbeiten werden dadurch .erschwert, daß die meisten Wagen keine Räder mehr haben. Die drei leicht Verletzten Beamten sind nach ihrer Heimat befördert worden. Der Maschinenführer V o at ans Bischofsheim, der das Unglück verschuldet hat, wurde nach der Frkf. Ztg. auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft verhaftet.
Eine Gefangenen-Meuterei vor dem Schwurgericht, th .Gießen, 11. Juni.
Heute vormittag würde die Tagung des Schwurgerichts für das 1. Quartal durch den Vorsitzenden, Landgerichtsrat Brühl, eröffnet. Nachdem die gesetzlichen Formalitäten erfüllt und die Richterbank gebildet war, wurde in die Verhandlung gegen den 19V2 Jahre alten, vielfach wegen Bettelns und Diebstahls, zuletzt wegen Straßenraubs mit 6 Jahren Zuchthaus bestraften Hausburschen Karl Fleckenstein, aus Weibersbrunn im Spessart gebürtig, sowie gegen den 23 Jahre alten, wegen dreier Diebstähle im wiederholten Rückfalle mit 6 Jahren und 11 Monaten Zuchthaus vorbestraften Tagelöhner Lllois Strott, gebürtig aus Offenbach, ein getreten. Die Anklage beschuldigt bie beiden gern ein ge fährli ch en Menschen der Meuterei. Die Staatsbehörde vertritt Oberstaatsanwa.r Theobald. Als Verteidiger waren erschienen für Fleckenstein Rechtsanwalt Röm he ld, für (5trott Rechtsanwalt Dr. Rosenberg. Die Angeklagten sind geständig. Nur bestreiten sie, daß sie von ihnen gemeinsam geplant worden ist. Strott, ein zielbewußt dreinblickender Gewohnheitsverbrecher, erklärte, er habe ebenso wie Fleckenstein zur Abbüßung einer Zuchthausstrafe in der Zellenstrafanstalt Butzbach gesessen. Beide seien im April nach Darmstadt verbracht worden, um dort als Zeugen vor Gericht z>u erscheinen. Auf dem Rücktransport hätten sie im Gefangenentransportwagen in einer Zelle gesessen. Unterwegs, vor Vilbel, habe sich Fleckenstein zum Austreten gemeldet. Der Ausscher habe diesen aus der Zelle abgeholt, einige Minuten später sei auch ihm ein Bedürfnis angekommen, er habe sich gemeldet und sei von dem Aufseher nach dem vorderen Raum des Wagens geholt worden. Plötzlich habe er ein Geräusch gehört und gesehen, daß Fleckenstein mit dem Aufseher gerungen habe. Der Aufseher habe in der linken Spanb einen Drücker gehabt und er (Strott) hätte geglaubt/ daß der Drücker zum Oeffnen nach der Plattform hinaus bestimmt sei. Er habe danach gegriffen, doch der Beamte habe den Drücker fallen lassen, sodaß er ihn vom Boden aufheben konnte. Strott eilte zum Ausgang des Wagens. Der Schlüssel stak in der Tür, I die er öffnete. Er wagte von dem in voller Fahrt zwischen
Vilbel und Dortelweil befindlichen Zuge kühn den Sprung in die Freiheit. Er kam auf die Erde zu liegen und verletzte sich bei dem Sturz, erheblich am Kopf usw., sodaß ihm die Besinnung schwand und er heute nicht mehr wissen will, was weiter geschehen sei. Fleck en st ein schildert den Vorgang ähnlich, er hat den Gefängnisaufseher losgelassen, als er sah, daß die Tür des Wagens offen stand, und ist ebenfalls von der Plattform abgesprungen. Er war so glücklich, unverletzt zu bleiben, und beeilte sich, das Weite zu suchen. Der Zug hielt sofort auf der Strecke, und dem Ausreißer stellte sich ein auf dem Felde beschäftigter Landwirt mit drohend vorgehaltener Mistgabel entgegen, sodaß es gelang, den Zuchthäusler wieder dingfest zu machen. Auf Befragen bestreiten beide Angeklagte, daß sie dem Gefangenaufseher den Revolver hätten abnehmen wollen. Ihre Absicht sei nur gewesen, zu fliehen, wozu sie das schöne Wetter und die günstige Gelegenheit verleitet habe. Der Gefangenaufseher Schauer von Koblenz, dem gegenüber die Angeklagten die Meuterei begangen haben, erklärt, er habe die Angeklagten notgedrungen in einer Zelle des Wagens unterbringen müssen, weil der Gefangenentransport zu groß war. Beide Angeklagte hätten ihn gemeinsam gepackt, und er sei der Ansicht gewesen, daß sie es auf seinen Revolver abgesehen gehabt hätten. Fleckenstein habe sich alle erdenkliche Mühe gegeben, ihn auf den Boden zu werfen. Bei dem Ringen fei er in die Höhe geraten und dadurch im kritischen Moment an den Griff zur Notleine geraten, sodaß er den Zug stellen konnte, als Fleckenstein von der Plattform absprang. Der als Zeuge und Sachverständige vernommene Anftaltsarzt Dr. Kullmann- Butzbach schildert, wie Strott es meisterlich verstanden habe, ihn längere Zeit nach dem Vorfall zu täuschen und den wilden Mann zu spielen. Er hat ihn beobachtet und dabei wahrgenommen, daß sich bei Strott Symptome von Geisteskrankheit zeigten, die es ratsam erscheinen ließen, ihn zur weiteren Beobachtung einer Irrenanstalt zu überweisen. Der Untersuchungsrichter, der den Strott zu vernehmen hatte, konnte nichts mit ihm anfangen und beantragte seine lieber* Weisung in eine Anstalt. Der Angeklagte sollte nach Hosheim verbracht werden, da meldete ein Mitgefangener, daß Strott geäußert hatte, er wolle schon längst den wilden Mann markieren, es habe ihm aber ein glaubhafter Vorwand dazu gefehlt, jetzt, nachdem er aus dem Zuge auf den Kopf gefallen sei, ließe sich die Sache machen. Strott hat dann auch eingestanden, daß seine Geisteskrankheit nichts wie Komödie gewesen sei, um aus Butzbach wegzukommen und dabei seine Flucht bewerkstelligen zu können. Dr. Kull- mann hält Strott für einen überaus raffinierten, verschlagenen Menschen, der über eine außergewöhnliche Willenskraft verfügt. Der Gefangene Kaspar Wagner bekundet, Strott habe ihm angedeutet, daß er den Genossen Fleckenstein aufgefordert hat, den Gefangenauffeher bei der Eisenbahnfahrt anzupacken. Er habe dabei geäußert, Fleckenstein schlage auf Verlangen einen Menschen auf der Stelle tot. Damit ist die Beweisaufnahme erschöpft.
Den Geschworenen wurden wegen jeden der Angeklagten! die Schuldfragen vorgelegt:
Ob sie als Gefangene, die sich zusammenrotteten, mit vereinten Kräften den zu ihrer Beaufsichtigung beauftragten Beamten angegriffen und Widerstand geleistet haben, und ob sie hierbei Gewalttätigkeiten gegen den Beamten verübt haben.
Oberstaatsanwalt Theoba ld wies in der Anklagebe- begründung darauf hin, daß beide jugendliche Angeklagte sich schon, schwerer Verbrechen schuldig machten. Das Verbrechen unter den Jugendlichen sei in den letzten Jahren relativ erheblich gewachsen uni) Staat und Gesellschaft müßten! alles aufbieten, um die Zahl der jugendlichen Verbrechev zu vermindern. Der Oberstaatsanwalt legte dann dar, daß der Willensstärke, energische und verschlagene Strott die Seele der Meuetrei gewesen sei, der Fleckenstein zu dep Tat bewogen hat. Die Situation in dem Gefangenentransportwageri war für den Beamten überaus kritisch, und es sei wohl außer allem Zweifel, daß es den beiden Angeklagten nicht nur darum zu tun gewesen sei, die Freiheit zu erlangen, sondern daß sie auch dem Beamten die Waffe abnehmen wollten. Alle Momente der Anklage seien erfüllt, und er bitte die Geschworenen, die Schuld frage so, wie sie gestellt sei, zu bejah!en.
Der Verteidiger Dr. Rosenberg gibt den Geschworenen zu bedenken, ob nicht das Moment der Gewalttätigkeit mindestens zweifelhaft sei, und bittet, die Schuldfrage zu bejahen und das Vorliegen einer Gewalttätigkeit seitens der Angeklagten zu verneinen. Rechtsanwalt Römheld plädiert im gleichen Sinne. Er versucht aus dem Wortlaut des in Frage kommenden § 112 d. Str.-G.-B. nachzuweisen, daß man unter dem Begriff der Gewalttätigkeit etwas anderes verstanden wissen wolle, wie der Vertreter der Staatsbehörde an gen 0 mm en habe. Sein Klient habe nichts weiter gewollt, als sich die Freiheit zu verschaffen. Eü habe dabei den Gefangenaufseher umfaßt und festgehalten.
Der Wahr sprach der Geschworenen lautete nach dem Anträge des Oberstaatsanwalts, worauf der Gerichtshof nach dessen Antrag den Angeklagten Strott zu 3 Jahren, den Angeklagten Flecken stein zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilte. Gegen Beide wurde die Zulässigkeit von Polizeiaufsicht ausgesprochen. Von der Aberkennung! der bürgerlichen Ehrenrechte sah der Gerichtshof ab, weil es beu Angeklagten lebiglich darum zu tun gewesen sei, sich der Gefangenschaft zu entziehen, und weil man hierin eine ehrlose Gesinnung nicht erblicken könne.
Ans Stabt NN- Land-
Gießen, den 12. Juni 1906.
** Ein Kreistag des Kreises Gießen sindet am 7. Juli statt. Aus der Tagesordnung steht die Errichtung einer Sammelwasenmeisterei für den Kreis Gießen, für deren Erbauung der Voranschlag 120000 Mk. vorsieht.
•* 2 6. Lahntal-Sängerbundesfest. Am letzten Samstag hat der Geschäftsführende Ausschuß da§ Festprogramm zusammengestellt. Danach wird das Fest am Samstag, 7. Juli, abends 7l/2 Uhr, durch einen Zapfenstreich eingeleitet Von 8 Uhr ab ist große Eröffnungsfeier mit Konzert und Gesangsvorträgen (Massenchöre der Gießener Gesangvereine). Am Festsonntag wird nach dem Weckruf und dem Empfang der auswärtigen Bundesvereine und deren Einzug von 9 Uhr ab in der Turnhalle des Turnvereins das Einzel- me Ufingen der Bundesvereine stattsinden. Gegen Mittag, von X/212 Uhr ab, wird die Generalprobe der Bundesvereine abgehalten. Festdirigent Lehrer Görlach ist seit Wochen bemüht, den einzelnen Vereinen in der Auffassung der Lieder Anweisung zu erteilen, damit eine gleichmäßige Vortragsweise erzielt wird. Am Nachmittag wird der Festzug sein und danach kommen die sämtlichen Gesänge, die vor-


