159
Erscheint ttglich mit Ausnahme des Sonntags.
Seneral-Anzriger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis riehen
zum Chef des
Disziplinar- v. Puttkamer Es handelt sich
Die „Gießener §amllirnb!3tter" werden dem »Anzeiger ütermal wöchentlich beigelcgt. Ter »Hessischr randwtrt" erscheint monatlich einmal.
hierbei, wenn Bayern das Ortsporto nicht erhöhe, müßten die direkten Steuern um 21/» o. H. hinaufgesetzt werden.
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schar Universitätsdruckerei. ÖL Lange, Dietzen.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.U, TeL Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen.
— Kontreadmiral v. Müller wurde Marinekabinetts ernannt.
— Wie das „B. T." hört, steht in dem verfahren gegen den früheren Gouverneur eine umfangreiche Zeugenvernehmung bevor.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juli. Der Kaiser hat nach dem Abschluß der parlainentar. Verhandlungen über den preuß. Gesetzentwurf, betreffend die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen, bem Kultusminister Dr. Studt den Schwarzen Lldlerorden und bem Ministerialdirektor Schwartzkopff den Kronenorden 2. Klaffe mit dem Stern und Brillanten verliehen.
— Der preuß. „Staatsanz." veröffentlicht die Ernennung Dr. Wilhelm Bode's zum Generaldirektor der königl. Museen in Berlin.
vor allen Dingen um solche Herren, die den Gouverneur aus seiner früheren Tätigkeit in Afrika genau kennen und schon längst Grund gehabt haben, über die verschiedensten Dinge Klage zu führen.
Leipzig, 9. Juli. Die Neichsgerichtsräte Reichardt und Planck wurden zu Senatspräsidenten beim Reichsgericht ernannt.
München, 9. Juli. In der heutigen Sitzung der Abgeordnetenkammer wurden längere und heftige Debatten über die Neichsfinanzreform und ihre Wirkungen auf Bayern geführt. Das Zentrum verteidigte die Reform, insbesondere auch die Portoerhöhung im Orts- und Nahverkehr, die von Sozialdemokraten und Liberalen entschieden bekämpft wurde.. Finanzminister v. Pfaff betonte
Fie Kndetrenanstatten.
Durch eine Debatte in der bayerischen Abgeordnetenkammer über Vorgänge in der Münchener Kadettenanstalt, die zur Entlassung einer Anzahl von Zöglingen geführt haben, wird das Augenmerk der Oeffentlichkeit auf die Frage der Ausbildung unseres Offizierlörps gelenkt, und wir finden in verschiedenen Blättern Klagen und Anschuldigungen schwerster Art. Die Ka- dettenanstaltcn werden als die großen Schädlinge bezeichnet, als B r u t st ä t 1 e für künftige S o l d a t e n s ch i n d e r , und selbst die militärfronrmc Preise tritt diesen Anschuldigungen nicht mit besonderer Bestimmtheit gegenüber.
Der Laie hat darüber, ob die .^adettenanstalten wirklich so schädlich sind oder nicht, kein klares Urteil, aber das muß auch ihm klar sein: wären die Kadettenanstaltcn wirklich so schlecht, wie sie hter hingestellt werden, danit wäre unser Offizierkorps nicht, was cs ist, und Deutschland hätte keinen Anlaß, auf seine Offiziere stolz zu sein. Ausschreitungen natürlich dürften nichts besonders Seltenes in diesen Internaten sein, aber wir halten sie, roenu cs sich lediglich um Kneipereien handelt, für durchaus nicht so gefährlich, daß eine Hof- und Staatsaktion daraus gemacht werdeit müßte. Etwas anderes freilich ist es mit den Rohheitsdelikten, die sich besonders häufig in Kadettenanstaltcn bemerkbar machen sollen. Es muß ja wohl wahr sein, denn selbst der bayerische Kriegsminisler hat halb und halb zugestanden, daß hier nicht alles ist, wie es sein soll, und daß eine Reor- ganijation der Kadettenschulen und insbesondere eine Beschränkung des Stuben Unwesens notwendig ist.
Das Beisanrmenwohncn junger Leute, die sich noch dazu einem Stand mit besonderen Vorrechten widmen wollen, hat selbstverständlich auch große Unzuträglichkeiten im Gefolge. In den Semiuarien für die mittleren Bildnngsanstaltcn werden die schädlichen Einflüsse auf die Zöglinge untereinander durch die stramme Aufsicht auch während der freien Zeit zum größeren Teil paralysiert. In den Kadettenanstalten ist das nicht der Fall; die jungen Leute sind sich selbst überlassen, habett ihre nach den Stuben geordnete Orgatitsation, und unterstehen^ der Aufsicht eines jungen Mannes aus ihrer Mitte, des Stubenältesten, dem man in der bayerischen Ständelammer ein recht zweifelhaftes Loblied gesungen hat. Die Militärbehörden gingen, als sie diese Etnrichtungen schufen, von dcr pädag. einleuchtenden, aber nach den enkspr. Verhältnissen sehr anfechtbaren Annahme aus, daß dadurch die jungen Leute zur Selbständigkeit erzogen würden.
Das Handwerk der Waffen ist rauh, und es erhellt schon daraus, daß die Zöglinge der Militärbildungsanstaltcn keine Engel an Sanftmut sein können. Wir nehmen das nicht allzu tragisch, und wenn nicht gleich bedeutendere Mißhandlungen Vorkommen, ivic das in den englischen und auch in den amerikanischen Militärbildungsanstalten konstatiert wurde, dann sind wir dafür, daß ein Auge zugedrückt wird, wenn einmal ein Zögling dem andern einen Schippet Haare aus dem Skalp reist. Die Haare wachsen nach, die Beulen vergehen, und wegen der Heinen Raufereien junger Leute wird dcr an sich gute Charakter auch nicht schlechter werden. Daß aber auch systematische Quälereien der jüngeren Zöglinge durch die älteren Vorkommen, Quälereien, die an Dippold erinnern, ist leider festgestellt, und daraus erwächst doch wohl nicht nur für Bayern, sondern für das ganze Reich die Pflicht, die Kadettenanstalten auf eine andere Basis zu stellen, die jungen Leute etivas mehr an die Kandare zu nehmen, entsprechender zu beaufsichtigen.
Es ist überhaupt eine Frage, ob die Kadetten- An st alten notwendig sind. Bisher haben wir nicht gehört, daß die Offiziere, die sich von der Mittelschule zmn Osfiziers- ftand gewendet haben, weniger für ihren Beruf befähigt gewesen wären, als die aus dem Kadettenkorps hervorgegangenen. Da, wo das Abilurium einer Mittelschule als Vorbereitung verlangt wird, haben die jungen Leute sicher auch mehr Wissen, als die in den Kadettenanstalten herangepreßten Ofsiziersaspi- ranten, und sie haben, soweit sie nicht aus anderen Internaten kommen, auch mehr Blick für das Leben in der Welt, sind, wenn auch nicht im Dienst, so doch im praktischen Leben geschulter, als die Herren, die die Welt nur in den Ferien, und da nur aus einem sehr hohen Kragen heraus gesehen haben. _ Der Drill lernt sich schon. Freilich wird man der Kadettenanstalten nicht ganz entbehren, da ja die jungen adeligen und hochadeligen Herren, die hier zu Offizieren gemacht werden, mit der misera Plebs in den Mittelschulen nicht in Berührung kommen dürfen und außerdem zu einem Teil vermutlich auch im Lehrgang nicht wilkommen würden. Auch für die Söhne von unbemittelten Offizieren sind die Kadettenanstalten, wenn auch aus anderen Gründen, unentbehrlich, und die geforderte Abschaffung wird deshalb wohl niemals erfolgen.
Wir haben sehr selbständige Staatsbeamte, die in Scini- narien herangezogen wurden, und wir haben sehr unselbständige Offiziere, die aus bem Kadettenkorps hervorgcgangen sind. M an braucht also nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten, aber es muß eine durchgreifende Reform der Kadettcnanstalten innerhalb des deutschen Reiches kommen. Und eine Statistik darüber, woraus die Mehrzahl der wegen Mißhandlung verurteilten Offiziere hervorgegangen sind, wäre nicht so übel.
sitzende des La.hntalsüngerbundes, Hauptlehfer Schneider von Marburg, noch einmal der Stadt Gießen herzlichem Dank für die gastfreundliche und herzliche Aufnahme aus, die alle Erwartungen übertroffen habe, und brachte ein dreifaches Hoch aus sie aus. Beig. Cur sch mann übertrug diesen Dank aus die Ausschußmitglieder, deren eifriger Arbeit der gute Verlauf des Festes in erster Linie zu verdanken sei. Sein Hoch galt den Ausschüssen und insbesondere den beiden Festvorsitzenden, Stadtv. Eichenauer und Kaufmann Hornberger. Hauptlehrer Storch von Butzbach prieK die nationale Bedeutung des deutschen Gesanges, der in der Stadt Gießen eine seiner besten Pflegestätten gefunden habe. Er tränt" auf das fernere Blühen und Gedeihen der Gießener Gesangvereine, insbesondere der vier Bundes-- Vereine. Stadtv. Sch mall wies in einer feinsinnigem Ansprache darauf hin, wie die Besten des Volkes, insbesondere die deutschen Dichter die Macht des Gesanges erkannt hätten. Er zeigte an der Hand ihrer Dichtungen die Bedeutung des deutschen Liedes für das nationale Leben und schloß, mit einem Hoch auf diese nationale Bedeutung des deutschen Liedes und das Vaterland. Begeistert stimmte die Festversammlung ein und machtvoll erklang im Anschluß daran „Deutschland, Deutschland über Alles" durch die Festhalle. Hiermit hatte dieser Teil des Festes seinen weihevollen Abschluß gefunden.
Inzwischen füllte sich draußen der Festplatz mit zahl* reichen Besuchen und es entwickelte sich ein schönes
Volksfest,
das in den Abendstunden seinen Höhepunkt erreichte. Gegen 9 Uhr füllte sich die Festhalle so, daß jeder Verkehr darin stockte. Geduldig harrte die Menge aus, bis der Vorhang sich hob, um den Turnern Gelegenheit zur Vorführung ihres Könnens zu bieten. Eine aus 16 Mitgliedern des Turnvereins und des Männer-Turnvereins bestehende Riege turnte unter der Lettuug des Turnwartes M üller zunächst am Reck. Einer Reihe hübscher Schulübungen folgte ein prachtvolles Kürturnen, das die Zuschauer zu lebhaftem aber wohlverdientem Beifall hinriß. Nach kurzen Pause hob sich der Vorhang abermals. Eine Reche prächtiger Marmorgruppen, die unter Herrn Müllers Leitung von beiden Vereinen gestellt wurden, zeigte in prachtvollen lebenden Bildern griechische Jünglinge beim Spiel. Der Darbietung wurde ein besonderer Wert verliehen, durch den Umstand, daß die Verwandlungen nicht hinter geschlossenem Vorhang, sondern vor beu Augen des Publikums vorgenommen wurden. Die prachtvollen Silber fandet: lebhaften Beifall. Bald nach ihrer Beendigung strömte die Menge wieder ins Freie, um dort die zweites Hauptnummer des Abends, das große Brillant-Feuerwerk, abzutoarten. Auch dieses verlies programmäßig und ohne Störung. Es sand allgemeinen Beifall, nament* lich die zum Schluß erscheinende prächtige Lyra und die beleuchteten Fallschirme. Im übrigen bildeten Konzcrtt und Tanz das Festprogramm. Der neue Tag hämmerte' schon herauf, als die letzten Festgäste den Festplatz verließen.
Unser Festbericht wäre unvollständig, wenn er nicht? der schönen und zweckmäßigen Einrichtung des Fe st Platzes gedächte. Vor allem verdient die praktische! Einrichtung der Wirtschaftshallen, die sich in den Anlagen estradenartig ausdehnten, Erwähnung. Durch die Ein-: beziehung der "Anlagen und des Bürgersteiges der Nord-i anlage wurde es ermöglicht, bedeutend mehr Festbesuchert als sonst unterzubringen. Ter Entwurf dieser Bauten war? dem "Architekten Köhler zu verdanken. Auch der malerische;! Haupteingang verdient alle Anerkennung und ebenso diH geschmackvolle Dekoration, die von den Meistern Kurl Holl-,! mann (Malerei), Karl Kaufmann (Pflanzendekorationst und Ehr. Arnold (sonstige Dekorationsarbeit) ausgesührü wurde. Die Ueberwachung der Festbauten wurde zum ersten- Male von der Wach- und Schließgesellschaft ausgeführt unbi zwar zur Zufriedenheit. Alle Feftbesucher aber werden mit Freuden auf das schöne Fest zurückblicken und auch den finanzielle Erfolg soll so fein, daß die Veranstalter damit zufrieden fein können.
Zweites Blatt LLG.Jatzxgmrg Dienstag 1«. Juli 1806
Gießener Anzeiger
Aus SecrSt uns £ano*
Gießen, den 10. Juli.
** Der liebenswürdige Gatte. Ein Arbeiter oon; hier, der am Sonntag auf dem Festplatz als Kellner tätig gewesen war und hierbei den Getränken stark zugesprochen hatte, mißhandelte gestern morgen seine Frau. Er versetzte ihr u. a. einen Messerstich in den Oberarm. Die Messerspitze brach ab und blieb im Arm stecken. Da die Ehefrau Strafantrag gestellt, wurde der Unmensch verhaftet.
•• Festesfreud e. Gestern mittag entkleidete sich am Bahnhof ein Mann und forderte die Leute zum Ringkampf auf. Ein Schutzmann kam noch rechtzeitig und verhinderte ihn, daß er nicht auch noch bas letzte Kleidungsstück von sich warf; er würbe sonst im Adamskostüm herumgelaufen sein. Man brachte den Mann ins Haftlokal, wo er seinen Rausch ausschlafen konnte.
X Allendorf a.,d. Lda., 9. Juli. Gestern nachmittag hielt der Bienenzüchterverein „ßumbataP eine gut besuchte Monatsversammlung im .Hotel Ranft" hier ab. Pfarrer Böchner-Treis hielt einen Vortrag über die richtige Einwinterung der Bienen als unerläßliche Vorbedingung zur Ausführung des Meisterstückes der Bienenzucht, der lieber» Winterung. Zur richtigen Einwinterung gehören u. a. starke Völker mit nicht zu alter Königin, der nötige Futtervorrat, guter Wabenbau, Luftzirkulation und warmhaltige Wohnungen (Drei- und Vierbauten nach Keck). An den Vortrag schloß sich eine rege Diskussion, die zusammen mit dem Vortrag derr Anwesenden wieder reiche Anregung gegeben hat zum Vorteile der Bienenzucht und des Züchters. lieber die diesjährige Honigernte waren die Anwesenden geteilter Meinung, die meisten halten sie für gering, wenn auch einige Imker von größeren Erträgen als in früheren Jahren zu berichten hatten. Im Verlauf der Sitzung wurden noch manche andere Fragen aus dein Gebiete der Bienenzucht besprochen und an die Anwesenden Kunstwaben verteilt. Zugleich ermunterte
26. «Layntaljangerbundesfest.
ii.
Gießen, 10. Juli.
Gestern erreichten die Veranstaltungen des diesjährigen Sängerbundes fest es ihr Ende. Noch einmal versammelte sich die Bevölkerung Gießens mit den auswärtigen Säugern auf dem schönen Festplatz, um dort frohe festliche Stunden miteinander zu verleben. Und die Wogen der Festfreude gingen noch einmal sehr hoch, und spät, sehr spät tarn: es, bis das Fest, das in allen seinen Teilen einen schönen Verlauf nahm, sein Ende erreichte. Aber auch an em st er Arbeit fehlte es nicht, war doch der erste Teil des Montagsprogramms
Der Sängertag des Lahntal-Sängerbundes.
Nach einem froh verlebten Sonntag traten Montag vormittag die Sänger wieder zu ernster Tätigkeit, zum 52. Sängertage, im Restaurant „Gambpinus" zusammen. Wie der Bundesvorsitzende Schneider-Marburg nach einer kurzen Begrüßungsansprache feststellte, waren sämtliche 16 Bundesvereine durch ihre Abgesandten vertreten. Vor Eintritt in die geschäftlichen Verhandlungen gedenkt Hauptlehrer Storch-Butzbach in markiger Rede des 60- jährigen Bestehens der Harmonie-Gießen und bringt auf den Jubelverein ein freudig aufgenommenes Hoch aus. Todt-Gießen heißt die auswärtigen Bundesmitglieder nochmals herzlich willkommen und wünscht, daß der zweite Festtag ebenso schön verlaufen möge, wie der erste. Hierauf erstattet der Bundesvorsitzende Bericht über die Bun bestätig keit von 1904—1906, woraus zu entnehmen war, daß in dieser Zeit zwei Bundesfeste und vier Sängertage abgehalten wurden. An neun Mitglieder konnten Diplome für 25jährige Bundeszugehörigkeit verteilt werden. Auch bei der gestrigen Tagung wurde Sänger Fr. Färber-Weilburg durch ein solches Diplom ausgezeichnet. Im übrigen verwies der Bericht auf die in der Festschrift veröffentlichte Geschichte des Bundes. T-a der seitherige Bundeskassierer immer noch leidend ist, konnte die Rechnungsablage nicht erfolgen. Der Verein „Orpheus"-Butzbach will jedoch die Rechnung durch einen anderen Herrn fertigstellen lassen und sie baldigst der hierzu bestimmten Prüfungskommission vorlegen. Das Resultat dieser Prüfung soll in der „Sängerzeitung für Mitteldeutschland" bekannt gegeben werden. Ms 17. Verein findet der „Orpheus"-Wetter einstimmige Aufnahme in den Bund. Das Bundesfest für 1908 wird mit großer Mehrheit Kirchhain übertragen, zugleich aber in Aussicht genommen, das 50jährige Bestehen des Bundes 1910 in Butzbach zü feiern und 'mit dieser Feier das 28. Bundesfest zu verbinden. Unter allgemeiner Spannung gibt nunmehr der Vorsitzende das bereits gestern mitgeteilte Ergebnis des Einzelwettsingens bekannt. Storch-Butzbach dankt namens des Bundes den vier Gießener Brudervereinen für die freundliche Aufnahme der auswärtigen Sänger und gedenkt auch der eifrigen und erfolgreichen Tätigkeit des Bundesdirigenten Gör lach. Der seitherige Bundesvorstand wird einstimmig wiedergewählt und auf Vorschlag von Butzbach Wilhelm Hadermann zum neuen Bundeskassierer bestimmt. Hierauf schließt der Vorsitzende mit einem Hoch auf den Lahntal-Sängerbund den ruhig und würdig verlaufenen 52. Sängertag,
Das Festessen.
Dem Sängertag folgte zunächst ein fröhliches Früh- schoppenkonzert, das die unermüdlichsten Feftgäste — deren Zahl übrigens nicht klein war — in bester Stimmung vereinigte. Um 1 Uhr begann sodann das Festessen, an dem gegen 100 hiesige und auswärtige »Herren teilnahmen. U. a. nahmen daran teil S. Magn. der Rektor der Landesuniversität Geh. Hosrat Prof. Dr. Behaghel, Provinzialdirektor Geheirnerat Dr. Breiöert, Oberstleutnant von Conta als Vertreter der Garnison und des Obersten, Beig. Eurschmann als Vertreter der Stadt — mit ihm war etwa die Hälfte der Stadtverordneten erschienen — Oberstaatsanwalt Theobald, ferner zahlreiche Mitglieder der Festausschüsse, der Vorstand des Sängerbundes u. a. in. Während des trefflichen Festmahles konzertierte die Kapelle unseres Infanterieregiments unter Musikdirektor Kraußes Leitung, was wesentlich zur Erhöhung der festlichen Stimmung beitrug. Nach dem ersten Gang erhob sich Rektor Geh. Hofrat Professor Dr. Behaghel, um mit folgenden Worten das Hoch auf Kaiser und Großherzog auszubringen:
Hochansehnliche Festversammlung I
Die Erfindung dcS Chorgesangs ist eine Leistung ersten NangeS ge- wesen in der Geschichte der Menschheit. Von ihm gilt das Wort, das Schiller von der sittlichen Ordnung gesprochen hat, die das Gleiche frei und leicht und freudig bindet. Kräfte der mannigfachsten Art, Töne vom verschiedensten Klang werden zur Einheit gebunden durch daS Walten des Rhythmus, durch den Wink des Taktstocks. So weiß der Sänger tiefer als mancher andere den großen Sinn der Einheit zu begreifen, so hat er je und je zum Ganzen gestrebt, so ist er zumal berufen, in festlicher Stunde sich des gewaltigen Rhythmus bewußt zu werden, der die Völker lebendig durchdringt, derer zu gedenken, deren Machtgebot die Massen zu gliedern, zu beseelen, zu einmütiger Tat zusamuienzufassen weiß. Freilich hat sich die Stellung deS deutschen Liedes von Grund aus gewandelt im Laufe der Zeiten. Früher, da ist es gar manchmal in moll und lamentando erklungen; es war in schwerer Zeit der Ausdruck der Sehnsucht nach anscheinend unerreichbaren Gütern. Heute darf es aufjubeln in den hellsten dur-Tönen und molto-allegro. Tenn das Reich ist unS gewonnen, wir haben einen Kaiser, der in einträchtigem Zusammenwirken mit feinen fürstlichen Bundesgenossen uns dithyrambisch voranschreitet. Unser Kaiser, unser Großherzog, sie sind nicht blos Männer des Staates Sie sind zu künstlerischen Mächten geworden, die bestimmend eingreifen in daS künst- lerische Leben unseres Volkes. In Hingebung und Ehrfurcht beugen wir uns der Führung ihres Stabes; wir folgen ihnen in jedem Tempo, das sic angeben, lento, andante, vivace, hindurch durch die verschlungensten Rhythmen des staatlichen Lebens, hindurch durch die harten Dissonanzen des Tages, in dem ruhigen Bewußtsein, daß sic uns aufwärts leiten zu den göttlichen Harmonien einheitlich nationalen Empfindens. Ich bitte Sie die Gläser zu erheben und mit mir zu rufen unisono fortissimo: S M. der deutsche Kaiser Wilhelm II., S. K. H. der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen nnd bei Rhein, sie leben hoch, hoch, hochl
Die geistvollen Worte des Rehners wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen und in daS dreifache Hoch wurde begeistert eingeftimmt. Der Gesang der Nationalhymne schloß sich an.
Im weiteren Verlauf der Veranstaltung sprach der Bor


