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9.10.1906 Erstes Blatt
 
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Nr. 237

«erscheint täglich

aufjer SormtagS.

Dem Gieszener Anzeiger werden int Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Eichener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt.

tRotationSbrnd u. Ver­lag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Stein­druckerei. R. Lange. Redaktion, Erveditio« und Druckerei:

Schulstratze 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exped.e-^öl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Erstes Blatt

156. Jahrgang

Dienstag 9. Oktober 1906

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Bezugspreis: monatlich75Vs., viertel- iabrlich Mk. 2.20; durch Abholc- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch drePost Mk. 2.viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von 2ln$clgen sür die TageSnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Ps« auswärts 20 Psg.

Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Witt ko- für »Stadt und Sanb und »Gerichtssaal": Ernst Heß; für ben An- zeigenteil: Hans Beck.

Are yeutlge Dummer umfaßt 8 Seiten.

Dach dem Koslarer Uarteitag.

Aus nationaHi6er,aIen Karteilreisen wird Uns geschriebem

Aus dem nationalliberalen Parteitag haben sich zu­guterletzt die .Vertreter des jungen und des alten Libe­ralismus, die ,^Links-Rationa1liberalen" und dieRechts-- Nationabliberalen", wieder vertragen. Die Einigung erfolgte auf dem Wege von Resolutionen, von denen der Antrag Struckmann, die liberalen Forderungen der Parier mit Entschlossenheit zu vertreten, einstimmig an­genommen wurde. Der Ton liegt in dieser Resolution Zweifellos sin den Wortenmit Entschiedenheit. Das; es an der-gebotenen Energie bei mancher Gelegenheit gefehlt hat, ist int Verlauf der Debatten deutlich ausge­sprochen worden. Das Zusammengehen mit dem Zentrum ber der Reichsfinanzreform ist und bleibt ein Fehler. Die Beweggründe dieser komplizierten Taktik mögen noch so geschickt verteidigt werden, die Tatsache besteht nun einmal, daß viele National liberale, wir wollen nicht sagen: der Partei entfremdet, aber doch stark verärgert worden sind. Selbst ein Vertreter aus Osnabrück, der begütigend meinte, Fahrkartensteuer und Portovcrteuerung seien ,Has viele Gerede nicht toert", erklärte:Es muß anerkannt werden, daß eine große Mißstimmung entstanden ist."

Nun haben die parlamentarischen Vertreter dem Partei­tag dargelcgt, in welcher schwierigen Lage sich die Reichs­tagsfraktion gegenüber der Reichsfinanzreform mit ihren Steuern befand; man muß aber die Frage aufwerfen, warum denn diese Darlegung nicht schon früher gegeben werden konnte, als die Wogen der Erregung hoch gingen. Da hat wieder die Aeußerung eines Delegierten Recht:Ich vermisse die nötige Fühlung mit den Wühjer- kreise n". Eine große Wählerschaft darf nicht so lange Zeit, wie es hier geschehen, ohne zureichende Information bleiben, weshalb die Fraktion es für angezeigt hält, an der Durch­setzung Verkehrs feindlich er Steuern und in Preußen an der Durchsetzung eines rückschrittlichen Schulgesetzes in der vordersten Reihe mitzuwirken. Der Abg. Dr. Friedberg, der die Kritik der Jungliberalen so schwarzseherisch auf­faßte, daß er befürchtete, beide Teile würde::mit gebrochenem Rückgrat" in die nächste Wahlschlacht ziehen, betonte die Unmöglichkeit, bei jeder parlamen­tarischen Aktion erst die Direktiven der Wählerschaft und der Vertretertage einzuholen. Bei jeder parlamentarischen Aktion wird das gewiß kein Vernünftiger verlangen. Aber wenn in so entscheidenden, so grundsätzlichen Fragen, wie diejenigen, um die es sich gehandelt hat, die Fraktion in der Verschwiegenheit ihres Beratungszimmers zu Be­schlüssen gelangt, von denen anzunehmen ist, daß sie Wider­spruch und Verstimmung Hervorrufen werden in der Partei, dann erscheint eine Fühlungnahme mit der Wählerschaft dringend geboten. Dem Vertrauen darf nicht zuviel zu- gemutet werden. Es wurden ganz neue Wege eingeschlagen, Wege, die weitab von den Zielen des Liberalismus liegen: ist cs da zu verwundern, daß ein großer Teil der N a t i o n a l l i b e r a l e n stutzig wurde? Das Vertrauens­votum für die Reichstagsstraktiyn hat. ja eine sehr große Mehrheit auf sich vereinigt, immerhin erklärten sich zwanzig Stimmen dagegen, die also nicht anerkannten, daß die Lage der Reichstagsfraktion so äußerst schwierig gewesen sei, daß nichts anderes übrig blieb, als der Neuerung, speziell bei der Fahrkartenfteuer, noch mehr zu präsentieren, als die Regierung selbst verlangt hatte.

Das hauptsächliche Ergebnis des Goslarer Parteitags, dessen Verhandlungen erfreulicherweise vor der Oeffentlich- keit sich vollzogen, besteht darin, daß in Zukunft wohl nicht so leicht parlamentarische Aktionen aus­geführt werden, die wie Abschwenkungen und Rückzüge aussehen."

Von einerVerkleisterung des Riffes", der durch die natwnalliberale Partei gehe, spricht dasBert. Tgbl.", und auch die agrarischeTagesztg." hegt die Ueberzeug- ung,daß nur eine Ueberkleisterung stattgefunden habe und daß der Kleister nicht lange vorhalten werde". So ist es nun wohl Nicht um hie Zukunft des Nationalliberalismus bestellt, wie diese Zuschauer annehmen. Freilich, daß die Jungliberalen in frommes Schweigen sich hüllen, wenn ihnen die Politik ber Parlamentarier mißfällt, wird nicht zu erwarten sein. Deswegen braucht es nicht gleich zum .Bruch zu kommen.

politische Tagesschart.

Die Demokratisierung des Südens.

Man erinnert sich noch des junkerlichen Rittes, den im Parlament der konservative Abg. v. Oldenburg unternahm, als er unzweideutig drohte, Preußen könne sich auf die Dauer die Demokratisierung de§ Südens, wie sie in den Mahlrechts­und Verfassungsänderungen der süddeutschen Staaten hervor­trete, nicht gefallen lassen. In ein ähnliches Horn stößt die -Post.. mit einem Leitartikel, der eben diese Demokratisierung dev Südens behandelt. Er ist von der bekannten preußischen Voreingenommenheit aus geschrieben, die preußisch, deutsch und national gleichsetzt und dem übrigen deutschen Volk seine Eigenart gerade auch in parteipolitischer Hinsicht nur so weit gestattet, als diese mit spezifisch preußischen, speziell ostelbischen Grundanschauungen übereinstimmt. Von hier aus kommt die -Post*, woran ihr vor allem liegt, dahin, jede ernsthafte Wahlreform für Preußen abzulehnen. Nachdem sie kurzerhand alle süddeutschen Wahlrcforiner, zu denen denn doch auch die meisten Nationalliberalen gehören, unter den

Begriff der ^Partikularisten" zusammengefaßt hat, singt sie den Vertretern der preußischen Reaktion folgendes Loblied: Wenn sie bewußt ihren Widerstand dagegen fortsetzen, daß ber Unfug des Kampfes umsfreie Wahlrecht^ regional beschränk! bleibt, so halten sie alle damit das hoch, was Preußen groß ge­macht hat und allein Preußen auf seiner Hohe erhalten kann. Tarin liegt auch eine Warnung für jene Parteien, die aus taktischen Gründen für eineVerbesserung" des preußischen Wahlrechts ein­treten. Tas ist unter Umständen eine Zweckmäßigkeitsfrage, sofern die Verbesserung das Verhältnis mahlpolttischer Pflichten und Rechte scharfer zum Ausdruck bringt: allein gegenwärtig bedeutet das eine Herübernahme des süddeutschen Verfa'sslinqsdurcheinanderS und feiner praktisch ohnmächtigen demokratischen Verbohrtheit, die auf das feste Gefüge deS preußischen Staates in einer Weise zu­rückwirken muß, die bann jene am meisten zu beklagen Ursache haben werden, die jetzt wahlrechtliche Zugeständnisse utachen, um den rasenden See zu beschwichtigen.

In Wahrheit liegt die Sache umgekehrt. Gerade die Reaktionäre vom Schlage derPost* und die wenigen ihr nahestehenden süddeutschen Auch-Nationalliberalen vom Schlage der Herren v. Heyl und Oriola sorgen durch ihre politische Verbohrtheit dafür, daß die Reichsverdrossenheit zu­nimmt und das ,feftc Gefüge des preußischen Staates" durch die wachsende politische Unzufriedenheit unterminiert wird.

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Dom Reichstag.

R. Berkin, 8. DFL

Der Vorstand des Reichstags dürste bei Wiedereröffnung des Parlaments in der bisherigen Zusammensetzung er­scheinen, also mit dem Grafen Balle strem als Präsi­denten, dem Grafen Stolberg und Dr. Paasche als Vizepräsidenten. Das Gerücht ist unzutreffend, wonach Prof. Paasche aus Gesundheitsrücksichten sich genötigt sicht, auf Einschränkung seiner parlamentarischen Tätigkeit Bedacht zu nehmen. Dr. Paasche hat seine Professur tu: der Techn. Hochschule in Charlottenburg niedcrgelegt, um sich aus­schließlich politischen und speziell parlamentarischen Ar­beiten widmen zu können. Betreffs des Grafen Batle- strem glaubt man in Zentrumskreisen, daß er seines hohen Atters wegen nach Ablauf, der Legislaturperiode ein Wahlmandat nicht mehr annehmen werde. Der oberschlesische Wahlkreis des Grafen ist bekanntlich von den Polen bedroht. Doch es wäre dem Zentrum ein Leichtes, aus seinem ziemlich sicheren Besitz der mehr agra­rischen Bezirke Oberschlesiens dem Grafen ein Mandat zu verschaffen Der Alt rsp-äsid^t des Reichstages, Abg. von Winterfeldt (kons), tritt diesmal nicht in Wirksamkeit, weil die Session nicht geschlossen, sondern nur vertagt wurde. J

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Schuh den Konsumenten?

Zu der Fleisch te u er un g scheint sich nun auch noch eine zweite Kalamität, das Anziehen der Preise für einen anderen unentbehrlichen Artikel, Stein­kohle, gesellen zu wollen. Dazu ist ein Streik der Bergarbeiter im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier in drohende Nähe gerückt. Wie es scheint, sind die Bergleute fest entschlossen, die gegenwärtige Hochkonjunktur auf dem Kohlenmarkte auszunutzen, um eine Lohnerhöhung zu er­zwingen. Ob sich nun die Kohlenmagnaten freiwillig dazu entschließen, die Forderungen ihrer Arbeiter zu bewilligen, oder ob sie es auf einen Ausstand ankommen lassen, auf jeden Fall werden die Konsumenten die Kosten zu tragen haben. Wie immer sind bei solchen Lohn­kämpfen und Preistreibereien die breiten Massen des städtischen Mittelstandes die Leidtragenden, denn die Beamten, Lehrer, Handelsangestellten, sowie die kleinen Kaufleute und Handwerker befinden sich bei den gegenwärtigen Verhältnissen leider nicht in der Lage, die Preissteigerungen unentbehrlicher Artikel auf andere Schul­tern abzuwälzen. Petitionieren um Teuerungszulagen oder Gehaltserhöhung nützt bekanntlich wenig. Daraus geht her­vor, wie notwendig es ist, daß sich auch der Mittelstand organisiert, um seine Angehörigen vor der Ausbeut­ung durch die Produzierenden zu schützen. Aber auch die Reichsregierung, die ein brennendes Interesse an der Erhaltung eines zahlungskräftigen unverschuldeten Mittel- standes hat, wird sich mit der Frage des Schutzes der Konsumenten endlich einmal ernsthaft beschäftigen müssen. Es geht nicht an ,die Konsumenten schutzlos dem Nimmersatten Dividend en hunger der Groß­aktionäre zu überlassen. Ein Kohlenausfuhrver­bot wäre das beste Mittet, um die Preise für unser not­wendigstes Brennmaterial entsprechend herabzudrücken.

Heek und LLotte.

Der neue Kommandierende des achten Armeekorps, Generalleutnant .v. Ploetz, kennt das Korps ganz genau, da er schon eine Reihe von Jahren an ber Spitze der 15. Division in Köln steht. Als Generalmajor hat er die 49. Infanterie-Brigade in Darmstadt befehligt.

Die Generalversammlung des Cvangel. Bundes.

Graubenz, 8. Oktober.

Nach dem Jahresbericht des evangelischen Bundes, der die heutige Mitgliederversammlung beschäftigte, zählt der Bund gegenwärtig 1506 Zweigvereine mit 300 000 Mit­glieder. Die Zahl der ersteren hat seit dem vorigen Jahre um nahezu 400, die der Mitglieder um über 40 000 zu- genommen. Der Direktor des Evangelischen Bundes Eoerling eröffnete die Mitgliederversammlung mit einer Ansprache, in welcher auf die FriedenSversicherungen der Katho­lik e n v er sa m m l u n g in Essen Bezug genommen wurde. Man habe dort einen Frieden auf Kündigung proklamiert, mit

dem Unterschied zwischen politischer und dogma­tischer Toleranz. Für einen solchen Frieden danke der Evangelische Bund. Em wirklicher Friede sei nur möglich, wenn von den Katholiken erklärt werde: Der Protestantismus ist eine berechtigte Erschei­nung des Christentums. Ohne diese Anerkennung sei ein dauernder Friede nicht möglich.

In der bis auf den letzten Platz gefüllten Hauptkirche fand heute abend ein Festgottesdienst statt, bei dem Prälat Herrmann aus (Stuttgart über den Text predigte: Von Gottes Gnaden bin ich, daß ich bin, und seine ©nabe in mir ist nicht vergeblich gewesen. Die Predigt machte auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck.

Hauptversammlung der hessischen Bauvereine.

(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.)

A Gießen, 8. Okt.

(Schluß.)

Forderung der gemeinnützigen Bautätig­keit durch die öffentlichen Sparkassen." In Verhinderung des Direktors Döring-Gießen hatte Spar­kassendirektor Arnold von Heppenheim das Referat über-, nommen. Er führte aus: Durch Erlaß des Wohnungs- sürsorgegesetzcs für gesunde und billige Wohnung und dank des Zusammenarbeitens der Regierung mit dem ernannten Landeswohnungsinspe ktor hat die Wohnungsfrage für minderbemittelte Leute, insbesondere für Arbeiter, in Hessen eine große Förde, .ng erfahren. Da diese Frage in erster Linie eine Geldfrage ist, so hat die Beschaffung des Geldes bisher stets Sorge gemacht. Sowohl die Landeskreditkasse als auch und zwär in erster Linie die Landesver> sicherungsanstalt haben die Baugenossenschaften durch Dar­lehen zu billigem Zinsfuß wirkungsvoll unterstützt. Als d-itte Geldquelle kommen die öffentlichen Spar­kassen in Betracht. Ihr Zweck war bei ihren Gründungen am Anfang des vorigen Jahrhunderts ursprünglich, den kleinen Leuten Gelegenheit zum Sparen und Sicherheit ihres Geldes zu geben. Durch den gewaltigen Aufschwung des gesamten Wirtschaftswesens in der zweiten Hälfte des vor. Jahrhunderts sind die Sparkassen große Geldinstitute ge­worden. Aus dem Reservefonds der Kassen wird die Hälfte zu wohltätigen Zwecken verwandt, während über die andere Hälfte freies Vcrfügungsrecht besteht. Sie wurden meistens für Krankenpflege, Schulen usw. benutzt und zwar betrug die hierfür aus gegebene Summe der letzten Jahre durch­schnittlich 600000 Mk. jährlich. Zur Unterstützung der Wohn- ungsbausrage ist bisher nicht viel geschehen, obwohl bereite 1895 die deutschen Sparkassen durch eine Resolution bee schlossen, für. die Erbauung von Arbeiterwohnungen ein» zutteten. In' dieser Angelegenheit hat der rheinische Verein seine Vorschläge in einer Denkschrift niedergelegt. Die Be-. triebsmittel sollen wieder beit geringen Kreisen zu gehen, und die Sparkassen find berufen, an der Lösung der sozia^n Frage des Arbeiterwohnungsbaues teilzunehmen. Dies! kann geschehen durch Gewährung von Anleihen zu mäßigem! Zinsfuß und zwar an solchen Plätzen, wo die Gründungj von Genossenschaften unmöglich ist. Nach Ermittelungen wurde festgestellt, daß 1 273 000 Akk. bereits hierzu gegeben.: wurden zum durchschnittlichen Zinsfuß von 4 Proz. Diesen ließe sich herabsetzen auf 33/4 bis 31/? Proz. Die Kassen dürfen jedoch mit ihren Darlehen nicht über 60 Proz. des Wertes hinausgehen. Da aber die übrigen 40 Proz. dew Arbeitern bei einer weiteren Hypothek Schwierigkeiten^ machen, so wäre es wünschenswert, die Beleihungsgrenzeij zu erhöhen. Das Arbeiter Wohnhaus bietet für die Spar-! lasse eine größere Sicherheit als ein Prachtbau oder ein.; großes Wirtschaftsgebäude, wie Bauernhäuser, Mühlen usw., da das Arbeiterhaus stets wieder Abnehmer findet. Die^ Gründung von Hilfsreservefonds ist den Kassen sehr zu. empfehlen, sollten nämlich einmal Unkosten durch ein Ar­beite rhans entstehen, so kann dies hier gebucht werden.. Sobald der Schuldner nicht den Verpflichtungen nachlommt, so muß Kündigung eintreten. Darlehen können auch uv Gemeinden gegeben werden, die sich dem Bau der Arbeiter^ Wohnungen widmen. Einige Kassen geben auch den Be-> zirks gemeind en Darlehen zu geringen Prozenten. Die; Kassen können auch die Baugenossenschaften durch Heber»' nähme von Schuldscheinen, Darlehen, Hypotheken unter»! stützen. Die Uebemahme von Aktien und Anteilscheinen ift' möglich durch die Jahrcsüberschüsse und den Hilfsreserve-! fonds. Die Bezirkssparkasse Erbach hat sogar schenkungs-, weise für Bauzwecke Geld überlassen. Zur Errichtung von Arbeiterhäusern auf eigne Rechnung der Kassen scheint fein Bedürfnis vorzuliegen. In Frankreich hat man hiermit Versuche gemacht und gute Resultate erzielt. Die Spar­kassen sind berufen und in der Lage, die Arbeiterwvhnungs- frage tatkräftig zu unterstützen, und einige Kassen sind, bereits mit gutem Beispiel vorangegangen; so hat die Be-< zirks spar lasse Gießen 3i/2prozentige Jnhaber-Obli-l gationen - der dortigen Baugenossenschaft im Nominalwert! von 20 000 Mk. an getauft und damit das Betriebskapital der Genossenschaft wesentlich verstärkt. Redner schließt unter lebhaftem Beifall mit dem Wunsche, haß auch die übrigen Kassen bald folgen werden zum Segen dieser wirklich idealen Bestrebungen der Gegenwart.

Pfarrer Bechtholosheimer-Mömbach sprach über Die wirtschaftliche und soziale Bedeut­ung der gemeinnützigen Bautätigkeit, ins- befondere der Baugenossenschaft." Die jetzige Wohnungsnot ist durch die modern neuzeitliche Entwicklung entstanden, die eigentlich seit 1871 eingesetzt hat, aus un­serem früher größtenteils Landtvirtschast treibenden Volke ist ein industrielles Volk geworden, und die jetzige Be­wegung un Volksleben gleicht einer modernen Völkerwan­derung. Tie Volksmafsen lösen sieb vom Lande los und