Ausgabe 
11.6.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

156. Jahrgang

Montag 11. Juni 1906

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seine Kräfte erlaubten und seine Wähler ihm ihr Vertrauen bewahrten, bcm Wohle deS Landes dienen zu wollen.

Die erste Zeit der Reichstagsferien ist zugleich die Zeit der Abhaltung zahlreicher Kongreße und Versammlungen. AuS deren schier unübersehbaren Fülle können mir hier nur hervorheben, daß der ungemein stürmisch verlaufene Allg. deutsche Lehrertag in München ein Protestmeeting des Deutschen Lehrerinnenvereins zeitigte, in welchem bie Wünsche und Forderungen der weiblichen Lehrkräfte nach­drücklich zur Geltung gebracht wurden. Die Resolution des Lehrertages zur preußischen Simultanschulfrage wird vorläufig für die praktische Politik leider keine Bedeutiing mehr haben. Der Verband deutscher Verkehrsvereine in Harzburg nahm heftige Protesterklärungen gegen die Fahrkarten st euer an. In der Versammlung des Vereins für Schulhygiene in Dresden beschäftigte man sich im Anschluß an ein Referat des Nervenarztes Dr. Wichmann au§ Bad Harzburg (dessen verständige Lebensregeln für Neurastheniker, Verlag von Otto Salle in Berlin W 30, wir allen Nervösen empfehlen können) mit der Forderung besonderer Lehrstühle für Schul­hygiene an den Universitäten. Der Darmstädter Oberlehrer Roller stellte dort recht befolgenswerte Thesen über Hausaufgaben auf. Die in Weimar abgehaltene Generalversaammlung der Gocthegesellschaft wählte zum Präsidenten anstelle deS atlsscheidenden Geheunrats Dr. Ruland Prof. Erich Schmidt aus Berlin.

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Italiens mit den beiden anderen Mächten sei im Gegensatz zu dem deutsch-österreichischen durchaus geheim, und streng werde es geheim gehalten. Die letzte Erneuerung erfolgte 1903 in Berlin durch Bülow, Szögyeny und Lanza. Der Inhalt des erneuerten Vertrages und der Verfall-Termin sind aber Geheimnis.

In den süddeutschen Bundesstaaten haben die Parlamente ihre Tagungen wieder begonnen. Die Zweite hessische Kammer ist am 7. ds. MtS. zusammengetreten. Es sollte zunächst die Vereidigung des neugewählten Abg. Finger stattfinden. Da dieser erklärte, daß er als Mennonit keinen Eid leiste, trat cm Stelle deS EideS der Handschlag. Ulrich gab hierauf die Erklärung ab, daß er in Zukunft auch für seine Partei diese neue Form der Vereidigung in Anspruch nehmen werde. Der Präsident versprach zu prüfen, ob es sich hier um ein Novum handle. Das Ergebnis dieser Prüfung war, daß, wie Präs. HaaS später mitteilte, schon bei früheren Gelegenheiten, wie bei der Vereidigung deS Abg Möllinger und des späteren Staatsministers Finger, die beide der Mennonitengesellschaft angehört hätten, bei der Vereidigung auf die Verfassung an Stelle deS Schwures die Gelobimg durch Handschlag getreten sei. Eine längere Debatte entspann sich um den Antrag Ulrich und Genossen, betr. die Schaffung berufsständischer Vertretungen derLohnarbeiter in Arbeitskammern. Der PelitionSausschuß stand in seiner Mehrheit der Anregung freundlich gegenüber, wollte aber die Initiative der Reichsgesetzgebung überlassen. Diesen Stand­punkt vertraten Ministerialpräsident Braun, derZentrumSabg. Dr. Frenay und Abg. Reinhart (natl.), während Abg. Ulrich die Landesgesetzgebung in Tätigkeit setzen will. Das Haus schloß sich dem Anträge der Ausschußmehrheit an. Für die Vorstellung der seminaristisch gebildeten Lehrer an den höheren Lehranstalten um Gleichstellung ihrer Gehälter mit denen der städtischen Volksschullehrer und der mittleren Beamten tratAbg. Molthan mit Nachdruck em. Dr. David sprach sich in gleichem Sinne aus; man solle die Volks­schullehrer aus ihrer bisherigen Zwitterstellung heraus in die Kategorie der Staatsbeamten aufnehmen. Die Bauernbündler verlangten, daß auch die Lehrer an den höheren Bürgerschulen aufgebessert würden. Der Finanzausschuß stimmte diesem Ver­langen zu und beide Petitionen wurden der Regierung zur Berücksichtigung empfohlen. Die Wahlen der Abgg. Ull- mann und Finger wurden für giltig erkläit. Sodann folgte eine längere Debatte über den Gesetzentwurf betreffend daS Feldbereinigungsgesetz. Zu einem Beschluß ist es noch nicht gekommen. Zu Ehren des 25jährigen Abgeordnetenjubiläums des Präsidenten HaaS war am Freitag deffen Platz mit Blumenspenden reich geschmückt. Vizepräsident Köhler beglückwünschte ihn im Namen des Hauses, Staatsminister Ewald schloß sich namens der Ne­gierung der Kundgebung an und gab dem Wunsche Aus­druck, daß der Präsident auch bei den folgenden Wahlen unter den indirekten oder, wie er, der Minister hoffe, unter dem direkten Wahlrecht (was sagt Herr Baron v. Heyl dazu?) wieder seinen Platz auf dem Präsidenten­sessel emnehinen werde. Präs. Haas versprach, so lange es

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VezugSpretS: monatlich 7b Pt., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pi.; durch die Post Mk. 2. viertel- jährl. ansschl. Besrellg. Annahme von Anzeige» für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. ZeilenvrciS: lokal 12Pf* auswüttS 20 Big.

Verantwortlich Khr den volit. und allgem. Teil: P. Witt ko: (üt .Stadt und Land* und ttoenrf)tSjaaI*: Ernst peß; für den An­zeigenteil: HanSBeck.

sportliche Veranstaltung, sand unter Teilnahme des Prinzen Heinrich statt, der von Kaiser Franz Joses in längerer Audienz empfangen und zur Tafel nach Schloß Schön­brunn gezogen wurde. Leider ging die Fahrt nicht ohne Unfälle mit tödlichem Aus gang vor sich. Das Befinden des am ersten Tage verunglückten Kontrolleurs Schlör hat sich glücklicherweise wesentlich gebessert.

Die französische Kammer bestätigte mit 380 von 428 Stimmen Brisson als Lbammerpräsidenten. Ter mon­archistischeSoleil" behauptet, daß bei den radikal aus­gefallenen Kammerivahlen nicht weniger als vier Milliarden Francs Eisenbahnwerte in ausländischen Banken unter­gebracht worden seien. Es handle sich dabei nur zum ge­ringen Teile um monarchistisches und nationalistisches Ka­pital. Mit derartigen Aeußerungen beabsichtigen die Mon­archisten der Regierung finanzielle Schwierigkeiten zu be­reiten.

Erklärungen des österreichischen Ministerpräsidenten Baron Beck haben dargetan, daß der Konflikt zwischen den Regierungen diesseits und jenseits der Leitha mit der Ent­scheidung der Krone für den autonomen ungar. Zolltarif noch keineswegs beendet ist. Die österreichische Regierung faßt das Vorgehen der ungarischen als Bruch der bis 1907 be­schlossenen Reziprozität aus und droht mit der gesonderten Verrechnung der Zolleinnahmcn, die bisher nach dem Ver­hältnis der Quote auf geteilt wurden, wobei Oesterreich jährlich um viele Millionen verkürzt wird. Die ungarische Regierung aber will allen Verhandlungen über den ge­samten Ausgleich ausweichen. Es ist auch nicht zu ver­gessen, daß der ungarische Reichstag die Rekruten noch immer nicht bewilligt hat. Die nächsten Wochen können also leicht wieder kritisch werden. Die österreichische Re-

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KeiMtUspflige- und KoUisttachtensest zu Kühbach.

E. H. Butzbach, 10. Juni.

Wehende Fahnen verkündeten heute dem Besucher der alten Stadt Butzbach den Beginn des 1. hessischen Heimat- Pflege- und Volkstrachtenfestes, zu dem schon seit Wochen viele fleißige Hände eifrig rüsteten, und es darf gesagt werden, daß dieser erste Festtag einen schönen und einen für den Hauptfesttag vielversprechenden Verlauf nahm. Ueber den mit dem Fest erstrebten Zweck ist im Gießener Anzeiger verschiedentlich ausführlich berichtet worden, wes­halb ich mir ein näheres Eingehen hierauf für heute ver­sagen und sofort mit den Veranstaltungen des heutigen Tages beginnen kann.

Die Begründung eines Vereins für ländliche Heimat-, Wohlfahrt- und Kunstpflege in Heffen.

Kurz nach Mittag versammelten sich im Saale des altehrwürdigen Rathauses, das mit den übrigen am Markt­platz liegenden altertümlichen Häusern dem Butzbacher Marktplatz ein so anheimelndes und echt deutsches Ge­präge gibt, eine stattliche Anzahl von Herren, die teilweise aus recht weiter Ferne gekommen waren. Herr Fey, der Kreisrat des Kreises Friedberg, hatte sie ein­geladen, um mit ihnen einen Verein ins Leben zu rufen zur Förderung ländlicher Heimat-, Wohlfahrt- und Kunst- Pflege. Ter Vorsitzende, der auch den Anstoß zu dem Butz­bacher Heimatspflege- und Volkstrachtenfest gegeben hat und dessen eifrigster Förderer ist, legte dar, daß mit der Vereins­gründung der Zweck verfolgt werde, das mit dem Trachten­fest erstrebte Ziel weiterhin zu fördern und allen auf Hebung der ländlichen Wohlfahrt, der Heimatliebe und der ländlichen Kunstpflege gewidmeten Bestrebungen eine ge­meinschaftliche Basis zu geben und weitere Kreise zur Mit­arbeit an diesen wahrhaft vaterländischen Bestrebungen heranzuziehen. Dies solle geschehen im engen Anschluß an den bereits bestehenden, gleiche Ziele verfolgenden deutschen Verein, dessen Geschäftsführer, Schriftsteller S o h n r e y, sich freudig zur Förderung des hessischen Landesvereins bereit erHürt habe. Die Versammlung stimmte dem Vorschlag ein­mütig zu, und der Vorsitzende konnte noch mitteilen, daß die meisten der am Erscheinen verhinderten eingeladenen Herren iHoe Zustimmung zu der Gründung erklärt Hütten.

Nr. 134

rffletnt täglich außer Sonntag«.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Eanbrolrt die Siebener Kamillen« blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck il Ver­lag der Brüh 1 'scheu Unwers.-Buch-u. Stein- druckeret. 9L Lange. Redaktion, Exveditioa und Druckerei:

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Bauernvereins; Pfarrer Dörr-Osseuheim; Dekan Strack-Leih- gestem; Krcisrat Schliephake-Erbach; Professor Wämser- Butzbach; Oekonomierat Lichtenstem-Winohäuser Hof, Präsi­dent des landw. Provinzialwereins für Rheinhessen; Ähr er Will-Rendel; Professor Walbe-Tarmstadt; Geh. Käbinetts- rot Römheld-Darmstadt; Medizinalrat Dr. Vogt-Butzbach und Bürgernreister Küchels-Butzbach.

Nachdem Reichstagsabg. Gras Or iola dem Vorsitzen­den noch den Dank der Versammlung für die Anregung zu der Gründung und die Vorarbeiten dazu ausgesprochen batte, schloß dieser die Sitzung mit dem Wunsche, daß die Vereinsgründung unserer ^ssischen Heimat und dem ganzen deutschen Vaterland zum Segen gereichen möge.

Die Eröffnung der Ausstellung für ländliche Kunstbeftrebungeu.

Um 3 Uhr versammelte sich in der geräumigen städt. Turnhalle eine größere Anzahl geladener Gäste, um den Ehrenvorsitzenden des Festes, S. D. den Fürsten Karl zu Solms-Hohensolms-Lich,zu erwarten. U. a. waren erschienen Geheimerat Dr. Breidert, der Landrat des Kreises Ufingen, Geh. Reg.-Rat Beckmann, Kreisrat Schliephake-Er- bach,Graf Oriola, Schriftsteller Alfr. Bock, Landt.agsabg.Leun, das Offizierkorps der Butzbacher Garnison mit Major Buch­holz an der Spitze, zahlreiche Bürgermeister des Kreises Friedberg usw. Butzbacher Damen in der malerischen Hüttenberger Tracht, sowie echte Trachtenttägerinnen aus Pohlgöns, Kirchgöns und anderen Orten des Hüttenberges bildeten eine farbenprächtige Staffage am und vor dem Saaleingang. Gegen Vs4 Uhr erschien der Fürst mit seiner Gemahlin sowie dem Grafen zu Solms-Laubach. Die Herr­schaften wurden von Kreisrat Fey empfangen, und dessen Tochter, die ebenfalls Hüttenberger Tracht trug, überreichte I. D. der Fürstin ein prachtvolles Bukett. Bürger­meister Küchel hieß die hohen Gäste im Namen der Stadt willkommen und brachte ein Hoch auf das Fürsten paar aus, in das die Fest Versammlung lebhaft einstimmte.

Hieraus begrüßte der Vorsitzende des Ausstellungs-Aus­schusses, Medizinalrat Dr. Vogt, bie Anwesenden, dankte dem verdienstvollen Festvorsitz en den und allen, die durch Ueberlassung von Gegenständen das Zustandekommen der Ausstellung ermöglicht hatten, insbesondere auch den Alter- tumsvere'inen zu Alsfeld, Marburg und Gießen. Er ver­breitete sich sodann in längeren, warmherzigen Ausführ­ungen über den Zweck des Festes und der Ausstellung, die dienen solle, den nivellierenden und zersetzenden

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger

Amlr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Die oorgeschlageue Vereins! atzung fand mit geringen Aenderungen ebenfalls einstimmige Annahme. Sie besagt in der Hauptsache:

In der Ueberzeuguug von der höhen Bedeutung einer geistig und wirtschaftlich tüchtigen Landbevölkerung für das Staats- und Volksleben und in Erkenntnis der großen Wichtigkeit einer Erhaltung und Förderung gesunder und kräftiger Eigenart der Landbevölkerung, sowie der Nützlich­keit einer zweckmäßigen Gestaltung des ländlichen Wohu- und Feldgebiets tritt im Großherzogtum Hessen ein Verein mit nachstehender Satzung ins Leben:

Der Verein fuhrt den NamenVerein für ländliche Heimat-, Wohlfahrt- und Kunstpflege in Hessen". Er hat den Zweck, die aus materielle und geistige Förderung der ländlichen Bevölkerung gerichteten Bestrebungen in Hessen zu unterstützen und pflegen und für sie einen gemein­samen Mittelpunkt zu schaffen. Diesen Zweck sucht der Verein zu erreichen: 1. durch Förderung der, von den verschiedenen Körperschaften und Vereinen bereits ins Leben gerufenen Wohlfahrtseinrichtungen und Ver­breitung ihrer Kenntnis; 2. durch Sammlung und Verwertung der auf diesen Gebieten gemachten Erfahr­ungen; 3. durch Anregung neuer Wohlfahrts- unternehmungen; 4. durch Gründung einer Aus­kunftsstelle und Fach b ib lio the k; 5. durch Ver­öffentlichungen und Verbreitung von Druck­schriften; 6. durch Veranstaltung von Vorträgen und durch Abhaltung von Versammlungen. Der Verein ist ein Landesverein. Sein Sitz wird von der ersten Mit­gliederversammlung bestimmt. Es ist dem Vorstände anheim­gestellt, nach Bedarf besondere Ortsgruppen in den ver­schiedenen Landestcilen zu gründen. Der Verein wird seine Ausgaben im Anschluß an denDeutschen Verein für länd­liche Heimat- und Wohlfahrtspflege" zu erfüllen ftreben. Ter jährliche Beitrag der Vereinsmitglieder beträgt 50 Pfennig, für Körperschaften und Vereine mindestens 3Mk. In den Vorstand wurden mit der Maßgabe, daß die Zahl in der 1. Mitgliederversammlung erhöh: werden soll, fol­gende Herren gewühlt: Kreisrat Fey-Friedberg (Vor­sitzender); Reichstagsabg. Graf Oriola-Düdesheim (1. stell­vertretender Vorsitzender); Landtagsabg. Bürgermeister Leun-Großen-Linden (2. stellvertr. Vorsitzender); Haupt­lehrer Storch-Butzbach > Schriftführer); Pfarrer Hunzinger- Schaafheim; Pfarrer Mauer-Fehlheini, Vorsitzender des Hess.

Die üeutige Kummer irrnsaßt 10 Seiten.

politische Wochenschau.

Eine ereignisreiche Woche liegt hinter uns. Im Mittel­punkt stand der Wi ener Besuch des deutschen Kaisers, deffen günstiger Verlauf, wie offiziös erklärt wird, außer­ordentlich befriedigt hat. Der Dreibund istso wenig­stens drückt sich der Wiener Korrespondent der ,Frkf. Ztg.* aus wie ein verunglückter Zylinderhut neuerdings auf Glanz gebügelt worden, die Beulen bleiben aber doch. An den nicht eben erfreulichen internationalen Verhältniffen hat der Kaiserbesuch wenig geändert. Wenn man von einem Er­gebnis dennoch sprechen will, so dürfte vielleicht die milit. Bereinbarung erwähnt werden, die für den Fall un­vorhergesehener Ereignifle in Rußland getroffen worden sein soll. Es kann sich dabei aber doch nur um Grenzschutz gehandelt haben. In Ungarn ist die Feindseligkeit gegen das Deutsche Reich einer plötzlichen Begeisterung gewichen, die auf die von Kaiser Wilhelm bei Wekerle abgegebene Karte zurückgeführt wird. In Wirklichkeit aber ist der Um­stimmung, deren Echtheit nicht untersucht werden soll, sehr energisch vorgearbeitet worden. Mit zarter Rücksicht wurde der Besuch, den der deutsche Botschafter Graf Wedel dem ungarischen Ministerpräsidenten abstattete, von deutscher Seite als reiner Höflichkeitsakt bezeichnet. Gleichwohl datiert von diesem Tage der Umschwung in der Haltung der ungarischen Presse. Die Kartenabgabe deS deutschen Kaisers wurde nun sehr geschickt von der Budapester Preßleitung zum ungewöhn­lichen Ereignis gestempelt und in hohen Tönen gefeiert. Man wird Stimmungen von solcher Veränderlichkeit nicht über­schätzen und die Zusammensetzung des neuen ungarischen Reichstages nie außer Acht lassen dürfen. Dennoch ist damit zu rechnen, daß die offizielle deutsche Reichspolitik sich zu dem neuen System in Ungarn keineswegs feindlich zu stellen ge­denkt, was Kaiser Wilhelm durch seine Kartenabgabe doku- mentieren wollte.

Italiens Staatsmänner und Presse nahmen den be­kannten Ansichtspostkarten-, pardon, Telegrammwechsel der drei Monarchen ,mit größter Genugtuung* auf und der Bemerkung, daß damit ^verläßliche Bürgschaften für eine lange FriedenSära* gegeben seien. Die beschlagnahmte ^Rhein.-Westf.-Ztg.* vertrat die Ansicht, der höfliche Enkel deS Re galantuomo, habe dem Veranstalter der Dreibunds- Demonstration die Gefälligkeit erwiesen, frei nach Schiller- Dionys zu erwidern: »Ich bleib', auf ausdrückliche Bitte, in Eurem Bunde der Dritte*. Und die englische Presse behauptete, es könne wenig Zweifel obwalten, daß des Königs von Italien Antwort auf daS Telegramm der beiden Kaiser mehr oder weniger in bewußter Weise ausdrücke, daß die Stellung Italiens 5um Dreibunde nicht mehr sei, wa8 sie war. Nichts könne bezeichnender sein als die Ab­sichtlichkeit, mit der Victor Emanuel sich in eine Kategorie stelle, die ganz verschieden von der der beiden Verbündeten ist. Und aus Nom wurde der Wiener »N. Fr. Pr.* be­stätigt, daß jetzt in Wien keine neuen Bestimmungen für den Dreibund-Vertrag vereinbart wurden. Der Allianzvertrag