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8.2.1906 Erstes Blatt
 
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fitzeS fn Dmrffchlcmd und zu CTtgfifdjcn Zuständen kommen. Frhr. v. Wangenhei ni- Kl.-Spicgel: Die Abnahme der Betriebe unter 1 ML erklärt sich aus der Unrentabilität derartig wirtschaftlich n--brauchbarer Zwergbetriebe. Da­gegen ist die Zunal".. der Betrieb' iwn 520 Hektar ein Beweis dafür, dass; die Betriebsgröße ist, der die Zukunft gehört. Obcrlandcso.erich'.Srat S ch n e i o e r - Stettin bezeichnet als das beste Mittel die Aufklärung der bäuerlichen Kreise in den landw. Vereinen. Hierauf wurde folgender von Frhrn. v. Mangenheim gestellter Antrag an­genommen:Der Landwirtschaftsrat hält eine Abänderung 5er Ncichsgesetzgcbung zur Bekämpfung des Grundstücks- Wuchers nicht für angezeigt. Dagegen ersck)eint es dringend geboten, durch die LandeSgesetzgebimg den auf diesem Ge­biete herrschenden Mißständen entgegenzutreten." lieber den Entwurf eines Gesetzes betr. den privaten Ver­sicherungsvertrag referierte Oberlandesgerichtsrat Schneider- Stettin. Er empfahl eine Resolution zur An­nahme, in der der gegenwärtig dem Reichstag vorliegende Gesetzentwurf mit Freuden begrüßt wird. Die Ziesolution Wurde angenommen.

Das Thema der ErbschaftSsteuer behandelte Freiherr Don Pfetten-Namspair. Seine 2lusführungen gipfelten in dem Satz, daß der Reichstag um die Ablehnung der @ib- schaftssteuer-vorlage gebeten wird. Eventl. soll der Reichstag gebeten werden, den Wert dcS land- und forstwirtschaftlichen Grundbesitzes in der Regel aus dem Reinertrag zu ermitteln, und nur diesen der Berechnung zu Grunde zu legen. Ferner soll bei Vererbung landwirtschaftlichen Grundbesitzes seitens der Steuerbehörde Stundung und Ratenzahlung bis zu fünf Jahren gewährt werden können. Schließlich wird der Reichs- tag um Ablehnung der AuSdehn,mg der Erbschaftssteuer auf Deszedenten und Ehegatten gebeten. Rittergutsbesitzer von Klitzing - Charlottenhof: Wenn Bebel Reichskanzler und Singer Schatzsekretär wäre, dann würde ich die Vorlage der Regierung verstehen. Aber jetzt in einem Moment, wo die Regierung olles tut, um der unter dec Aera Caprivi herunter­gekommenen Landwirtschaft zu helfen, wo sie zu diesem Zweck einen Zolltarif gemacht hat, wo die Entschuldung des länd­lichen Grundbesitzes bevorsteht, ist eine Erbschaftssteuer geradezu Anbegreiflich. Graf v. Brühl-Sigmalingen: Man sollte sich doch vor Ueber-treibungen hüten! Wegen der einen Ctcuel wird der Grundbesitz noch lange nicht verschwinden. Frei- Herr v. Cetto - Reichertshausen: Man sollte an dem födera­tiven Charakter dcS Reiches nicht rütteln, wie eS durch die Vorlage der Regierung geschieht. Es ist geradezu unver- ftändlich, wie der Reichstag Steuern auf mobiles Kapital, wie die Brailsteuer, ablchnen und eine Steuer auf immobiles Kapital beschließen kann. Graf zu Tan tza u-Rastorf: Auch ich bin der Ansicht, daß die Reichserbschaftsstelker dazu beitragen wird, den Grundbesitz zu ruinieren. Traurig ist zu sehen, wie manche Parteien dabei sind, die Vorlage der Re- giernng durch die Heranziehung der DeSzedenten noch weiter zu verschlechtern. Vorn patriotischen Standpunkt aus muß vor der Beschreitung der abschüssigen Bahn gewarnt werden. Wirkt. Geheimrat von Eiicken (Bundesratsbevollmächtigter Oldenburgs) betont, daß der BundeSrat nach gründlicher Prüfling uiid reisiicher Ueberlegung die Erbschaftssteuer ein» gebracht habe als einen Teil der großen Finanzreform, die die Finanzen deS Reiches endlich einmal- mif eine gesunde Basis stellen soll. Damit schloß die Debatte. Die prinzipielle Ablehnung der Erbschaftssteuer ohne jeden Eventualantrag wurde mit allen gegen 6 (süddeutsche) Stimmen angenommen.

Aus S.'crdt und Land.

Gießen, den 6. Februar 1906.

In Audienz empfangen wiirden am Miltwoeh von S. K. H. dem Großherzog u. a. Pfarrer Hepding von Hausen bei Gießen und Pfarrer Büchner von Trais a. d. Lumda.

* Personalien. Am 24. Januar d. I. wurden dem tsraelit. Religionslehrer Wilh. Friedmann zu Bingen die Rechte eines desinitio angestellten Volksschiillehcers erteilt. Ernannt wurde der Gefangenwärter am Gefängnis in Darm­stadt Gg. Mayer zum Gefangenaufseher an dieser Anstalt.

* * Erledigt sind: die mit einem errang. Lehrer zu be­setzende 2. Lehrer stelle an der Gemeindeschule zu Offen- thal, Kreis Offenbach, und eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Racken- Helm, Kreis Oppenheim.

"Zulassungen zur Rechtsanwaltschaft. Am 16. Januar wurde auf Grund von § 9 der Rechtsanwalts- ordnung den Rechtsanwälten Ernst Metz zu Nidda und Hans Keller zil Friedberg die gleichzeitige Zulaffung bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen erteilt.

* * Eine Einschränkung der Milchproduktion -nr Erzielung höherer Milchpreise empsiehlt da? Organ des hessischen BauernblindesDie Volksmacht" mit folgenden fettgedruckten Worten:

Landwirte! Schränkt Eure M i l ch p r o d u k t i o n Luis Aeuß erste ein! Liefert nicht mehr, sondern lieber weniger als bisher! Wer nur eine Kanne weniger liefert, hilft dadurch zur Festigkeit der Preise."

Da von einer übermäßig großen Milchproduktion im Ernst nicht gesprochen werden kann, würde eine allgemeine Befolgung dieses Rats ganz abgesehen von der dadurch entstehenden Preissteigerung jedenfalls zu einer bedenk- lichen Verschlechterung der Lebenshaltung weiterer Volkskreise führen und die immer brennender werdende Frage der Beschaffung einwandfreier Kinder­milch noch schwieriger gestalten, jedenfalls auch die Gesundheit?- und Sterblichkeitsverhältnisse un­günstig beeinflussen. Es darf deshalb erwartet werden, daß der gesunde Sinn unserer bäuerlichen Bevölkerung diese Art Agrarpolitik nicht mitmacht, die ein merkwürdiges Licht auf die so oft behaupteteVolksfreundlichkeck" der Volkswacht- leute wirft.

*Heber gutes und schlechtes Bauen" wird der lKunstschriststeller Karl Meißner aus Dresden, Schriftführer deS deutschen Türerbundes, iin Bürgerverein am 12. Febr. sprechen. Wie die verschiedensten Zeitungsberichte bartun, haben die Ausführungen des Redners allenthalben den lebhaftesten Beifall gefunden, und wir zweifeln nicht, daß man gerade auch in unserem gusblühcnden Gemeinwesen, in dem die Bautätigkeit so hervor­ragend ist, dem Thema das regste Interesse entgegenbringen'wird, zumal §)err Meißner die Absicht hat, auch hiesige Verhältnisse einer künstlerischen Betrachtung zu unterziel>en.

f Gambach, 7. Febr. Am Samstag abend hielt der Turnverein seine ordentliche Hauptversammlung ab. Der Jahresbericht läßt ein stetes Aufblühen des Vereins er­

kennen. Als Vorstand wurden gewählt: Jean Buß 1., Otto Melcher 2. Vorsitzender, Heß 1., Bingel 2. Schriftwart, Hch. Boller 1., Wilh. Hofmann 2. Turnwart, Jak. Buß VIII. Kassenwart, Reinh. Klein, Zeugwart, Stahl und I. Buß Beisitzer ES wurde beschlossen, in diesem Jahre wiederum eine Ve osung zu veransialten.

Säustlingssürsorsie in Küßen.

(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.)

Gießen, 8. Februar.

Der Allg. Verein für Armen- und Krankenpflege hatte gestern abend im Saale der Staotverordnetenversammlung eine Besprechung über Säuglingsfürsorge ver­anstaltet, wozu Damen und Herren aus allen Kreisen der Stadt eingeladen waren. Etwa 40 der Eingeladenen waren erschienen und folgten mit lebhaftem Jntereffe den Ausfuhr- ungen de§ Privatdozenten Dr. Köppe, der die Notwendig­keit emeS entschiedenen Vorgehens auf diesem Gebiete be­gründete. Vor allem dränge dazu die statistisch nachgewiesene hohe Sterblichkeit der Säuglinge. Bei der Mehrzahl (bis 77 vorn Hundert) sind Ernährungsstörungen die Ursache. Zum Glück stehen wir dieser traurigen Tatsache nicht mehr ratlos gegenüber. Eine Reihe von Maßregeln, die durch Erfahrung erprobt sind, stehen zum Kamps gegen diesen Feind unserer Kinder zur Verfügung. Als solche schlug Tr. Köppe im Namen deS Allg. Vereins in erster Linie vor: Einrichtung einer Milchküche zur Beschaffung einwandfreier Nahrung, die nur auf Verordnung deS ArzteS abgegeben werden solle, und eines Säuglingsheims für schwächliche Kinder. Die Kosten des Baues und der ersten Einrichtung wurden dabei nach sorgfältiger Erwägung mit den Leitern solcher Anstalten auf ea. 50 000 Mk., die laufenden jährlichen Kosten au 9000 Mk., und nach Abzug der zu erwartenden Einnahmen aus 4500 Mk. veranschlagt. In der sich anschließenden Aus­sprache fanden diese Vorschläge allgemeine Billigung. DaS Leben und die Gesundheit unserer Kinder sei eines solchen OpferS vollauf wert, so war aller Meinung. Besonders betont wurde noch die von Herrn Dr. Köppe bereits erwähnte Einrichtung von Ausbildungskursen für Kinder­pflege, teils für berufsmäßige Kinderpflegerinnen, teils für die Heranwachsenden Töckter, sowie einer AuSkunstS- stelle für alle auf die Ernährung von Kindern bezüglichen Fragen. Auch auf die Möglichkeit, im Anschluß an das Säuglingsheim eine bessere Beaufsichtigung der im Säuglings- alter befindlichen Ziehkinder einrichten zu können, wurde hm- gewiesen. Zum Schluß rourbe folgende von dem Vorsitzenden Pfarrer D. Schlosser vorgeschlagene Erklärung einstunmig angenommen:

Die Versammlung erklärt:

I. Zur Herabminderung der Säuglingssterblichkeit ist eine erhöht? Fürsorge für Säuglinge dringend geboten

II. Dazu gebärt: 1. Die Errichtung einer Milchküche zur Beschaffung einwandfreier Nahrung; 2. die Errichtung eines SaugliiigSbeimS, in dem stillende Mütter mit ihren Kindern, da;n schwächliche Kinder, die mitgestillt werden, und einige Kinder, die an Er­nährungsstörungen leiden, Ausnahme finden können: 3. eine sorgsälkigere Ueberwachung der Ziehkinder im ersten Lebensjahr durch berufsmäßig dafür angestevtc Personen.

HI. Sie richtet an die Stadtverordnetenversammlung die dringende Bitte, diele Aufgabe nach ollen Krä'ten fördern zn wollen.

IV. Sie wendet sich an alle kreise unserer Siadt mit der Bitte dieses für die Boltsgesnndheit und das öffentliche Wohl so wich, tige Werk mit Geld und Arbeit tatkräftig unlerstüven zn wollen.

Zugleich wurde der Vorstand ermächtigt, in Kürze Listen zur Einzeichnung von Stiftungen, Beiträgen und zur Anmeldung persönlicher M i t a r b e i t zu versenden, und die Anwesenden erklärten sich bereit, selbst persönlich dafür wirken zu wollen. Möchten diese Bestrebttngen nun auch -.'inen vollen Widerhall sinden, und mit schönem Erfolg ge­krönt werden I

Vermischtes.

* Das neuerte Eisenbahnunglück. Rach einer Meldung aus Rewyork ereignete sich im Rocky-Gebirge eine schwere Eisenbahn-Katastrophe. Ein Güterzug fuhr in der Nähe von Helena im Staate Montana, wo die Bahn bergab geht, in einen Passagierzug hinein, der auf einem Gleise 'land. Die Wucht des Zusammenstoßes war ungeheuer Glücklicherweise war der Zug nur schwach besetzt. Sechs Reisende wurden getötet, 20 schwer verwundet. Der ganze Zug war in einen Trümmerhaufen verwandelt, ©in Teil der Trümmer sing an zu brennen.

trittst rind Wissenschaft.

Für d i e Gartenbau-Ausstellung, die von der Stadt Mannheim anläßlich ihres 300 fahrigen Jubiläums in Verbindung mit einer Internationalen Kunstausstellung von Anfang Mai bis Ende Oktober 1907 veranstaltet wird, gibt sich auch in Hessen lebhaftes Interesse zn erkennen. Die 5. Haupt­versammlung des Verbandes der selbständigen HandelSgärtner Hessens, die am letzten Sonntag in Mainz stattfand, begrüßte da9 Projekt und stellte eine lebhafte Beteiligung der beif. Jnteresssnten in Aussicht. Dankbar wurde anerkannt, daß die Mannheimer E>artenbau-Au9stellung im Ge­gensatz zu dem Düsseldorfer Unternehmen von 1904 deutsch­nationalen Charakter tragen soll und daß den berechtigten In­teressen der deutschen Gärtner in jeder Weise entgegengekommen wird.

Der Bau des neuen Holtheaiers in Weimar durch die Tbeaterbausirma Heilmann u. Lcktmaun in München ist, wie schon gemeldet, jetzt gesichert. Von der auf 2 100 000 Mk. ver­anschlagten Gesamtbaulumme bat der Großberzog aus fernen Privat- Mitteln allein anderthalb Millionen zur Verfügung gestellt. Tas Aeußere des neuen Hanfes schließt sich in seiner ^ormensprache an die Zeit Goelbe'S an. Es erzielt mit den einfachsten Mitteln eine feiten intime Wirkung, die ganz in das stille, erinnerungsreiche Stadtebilb von Weimar stimmt. Die Front be? Neubaues wirb wie bas auch beim alten Theater ber Fall ist den Hinter- anmb von Rietschel's Goethe-Schiller-Denkmal bilden, bas auf dem erweiterten Platz etwas zurückgerückt werden soll. Hinsichtlich des Innern sind ebenfalls große Erweiterungen vorgesehen. Während z. B. bas alte HauS 680 Sitzplätze enthält, wirb bas neue 1050 erhalten. Das Haus wirb in zwei Rängen aufgeführl, ohne bie üblichen Proszeniumslogen. Das Parket steigt stark amphithea- traluch an, so baß von jedem Sitz aus die Bühne voll überleben werden kann.

dr-ubau des StadttheaterS in, Kiel soll

kwber 1907 fertig sein. Tas Hous, das 1017 Sitzplätze enthält, tvirb fast ls/4 Millionen Mark kosten. Gegenwärtig er­wogen die Verwaltungsorgane der Stadt Kiel die Frage, ob das tCtP4rt Obcr ei0Cn= Be#fe Theaterintendanz hat die bereits ^Zk^dtg e Aufführung des antikatlwlisck-en Ohorn'schen Dra- frrtfffrent'S l;Lvr ü.b c IP® e r n b a r b" im Oldenburger t SwmUuhe bereits verteilten Rollen wurden Luruct gezogen.

Am" 6. Februar starb im Alter tiorr 55 Jahren infolge? Lungenentzündung ber Münchener Bildhauer Professor Wilhelm Ritter v. Ruemann in Ajaccio auf Corsiea, wo er zur Erholung weilte.

Weibliche Referendare? Auf eine Eingabe wird eine Studentin deS Rechts an einer bayrischen Universität zuM juristischen Zwischenexamen, ebenso zum Referendarexamen zu- gelassen werden. Ermutigt durch dieS Vorgehen soll die gleiche Angabe jetzt auch sür Baden und Preußen von Jura ftubieren* den Frauen cingereicht werden.

Professor Dr. Bernhard Heine, langjähriger ersten Assistent deS Geh. Medizinalrats Pros. Lueae an der Klinik für Ohrenkrankheiten v.inb Privatdozent an der Berliner Uni­versität, Hot den Ruf als a. v. Professor und Direllvr der Poliklinik für Ohren-, Nasen- und HaMrankheiten an der Uni­versität Königsberg i. Pr. angenommen. Prof. Leu tert in Gießen fr*t bekanntlich diese Berufung abgelehnt. Es sott die Umwandlung seiner hiesigen a. o. in eine ordentliche Professur beabsichtigt fein.

Newyork, 6. Febr. Der Bonner Professor der Staatswissen­schaften Schumacher ist für eine Reihe vvn Vorlesungen an die Eolumbi-'-Universität berufen worden.

GerichtssaaL.

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die zwar romanhaft klingt, aber wahr ist, bildet die Gnmolage eines Prozesses vor der Zivsskimmer 2 des Laickigerichts Hannover. In einer melckenburgischeu Ortschaft war der Tagelöhnerssohn S. zu einem strammen Burschen hrrangewachsen und hatte cs bis zum Eipstkirecht gebracht. Die jungftaulickw Tochter des sehr reichen und angesehenen Rittergutsbesitzers im selben Orte verliebte sich in den Gro ß kn echt, nament­lich als dieser in der schmucken Gardeuni form während seiner militärischen Dienstzeit eines Tages auf Urlaub erschien. Alle Ermahnungen und Vorstellungen der Eltern und Verwandten des Mädchens halfen nichts' das Pörck^en blieb sich treu. Ms das Mädchen seine Volljährigkeit erreichte, heiratete sie kurz entschlossen gegen den Willen der Eltern bett Großknecht. Das Paar zog nach einer Großstabt, wo er sich und seine F^rau jetzt noch als Bauarbeiter ernährt. Der Rittergutsbesitzer, der sich von seinem Kinde losgesagt hatte, verkaufte seine Besitztümer und zog sich als Pr'.vatntann nach einer Großstadt zurück. Er fr-tte sich b'sher stets geweigert, seine Tochter in irgend einer Weise zu unterstützen und^vvr allem ihr eine Aussteuer zu ge­währen. Der Bauarbeiter Schwieg'rsohn Fegte nun gegen s inen Schwiegervater auf Zahlung von 4500 Mark zur Beschaffung einer Aussteuer für die Tochter Der Beklagte bestritt seine Ber- vflichtting dazu; Höchstei.9 könne sie eine Aussteuer ihrem jetzigen Stande o*5 Arbeiterfrau entsprechend beanspruchen. Der Rcchtsbei- stand des Klägers führte zur Berechtigung des Anspruchs u. a. au$: Tie heutige Zeitentwicklung kenne keine so eng begrenzte Standesfestsetzung mehr. Es sei s^hr wohl möglich, daß der Gvoßknecht, der mit ber Landwirtschaft vertraut sei, morgen Gutspächter oder sonst selbständiger Landwirt irgendwo loerbe; dann würde cs keinem ein fallen, ihm aus seiner früheren Stell­ung irgendwelchen Vorwurf zn machen. Er müsse dem Beklagten überhaupt zu bedenken geben, oh es nicht viel ratsamer gewesen sei, den nun einmal vorhandenen Verhältnissen Rechnung zu tragen und dem jungen Ehepaar zu einer besseren Lebensstellung zu verhelfen. Da.S Gericht schloß sich den RechtSausfuhrungen des Anwaltes an und erkannte, daß ber beklagte Schwieger­vater verpflichtet sei, seiner Tochter oder deren Ehemann 4500 Mark zur Beschaffung einer Aussteuer zu zahlen.

Oberst «äbfe vor Gericht.

Die Angelegenheit deS Militärschr-ftstellers Oberst a. D. Gädke beschäftigte d?s Schöffengericht zn Berlin. Der Angellagte ist, beschuldigt, vom Jekre 1901 ab fortgesetzt unbefugt den TitelOberst t'i. D." beziehungsweiseOberst" geführt zu hoben, obwohl ihm durch ein Ehrengericht die Führung des Tiensttitels und das Recht, bieMilitärunjsorm zu tragen, aberkannt worden ist. Die Verteidigung führte Rechtsanwalt Dr. Ehrhardt. Welches Interesse diese Strassache erregte, beweist, daß OberstaatKmwalt Dr. Jsenbiel der Ver- hmdlung beiwohnte. Der Angeklagte erFlärte, daß er dieses! Strafverfahren gegen sich selbst veranlaßt habe, um den Nach­weis zu führen, daß ihm sein TitelOberst" nach wie vor zustehe. Die kaiserl. Verordnung über die Ehrengerichte der Offiziere im preußischen Heere vom 2. Mai 1874 unterwerfe zwar den Ehrengerichten auch die mit Pension zur DiZoosition gestellten sowie die unter Verleihung der Befugnis Militär- irmfomt zu tragen verabschiedeten Offiziere und es sehe auch her 853 dieser Verordnung bie erfnrtntc Strafe vor. Twtzdem seine Maßregelung nicht zu Recht erfolgt, denn die besagte Verordnung sss nur vom Kbwg gezeichnet, nicht aber von einem Minister gegengozeichnet. In längeren rechtlichen A!:Sinhrungen üchte der Angeklagte den Nachweis zu fi-hren, daß jene Kgbinetts- orber formell und m - ttriell ungiftig sei. StaatSanwaltschaftsrat Bever beantragte mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte in tl"ndenzi"s.r We s? die ganze Angelegenh-llt zum G»'g-nstande ber öfseTttlichen Diskussion gemacht, das Ehrengericht geschmäht und ich absichtlich in Widersprnci) mit der Entscheidung des K'aisers gefetzt habe, eine Haftstrafe von vier Wochen. Das Urteil lautete entsprechend dem Anträge der Verteidigung, auf Fr ei­ch r e ch u n g. Es wurde anerkannt, daß Oberst Gädke den Titel Oberst a. D." mit Recht führt.

C)and-l und verkehr, Volkswirtschaft.

Vankrusammenbructz in Warschau. Aus Warsch.aa wird gemeloet: Der Zusammenbruch der seit nahezu HO Iab^en bestehenden Vanffirma A. Rawiec n. Eo. erregt starkes Aussehen. Die Passiven Tollen, 4.80 Mill. Rubel betragen. Beteiligt sind viele Private und einige Zuckerfabriken sowie'französische Cognac- Häuser. Der Inhaber der Firma ist flüchtig.

Vereinigte K'unflseidcfabriken'Fr a n kf u rt a. M. Gestern htt bie Dividendensitzung d'S Aufsichtsrats ftat^chmhen. Veröffentlichungen über die in Vorschlag gebrachte Dividende inb bis jetzt noch nicht bekannt gegeben worden. An der Börse lerlautete nur, daß ein neuerdings wesentlich höherer Gewinn ich aus der Dflanz ergebe. Ueber die vorjährige Dividend« von 35 Prozent werde der Aussichtsrat jedoch nickt hinausgehen, hingegen werden die Abschreibungen und Rückstellungen sehr be­trächtlich sein.

Von der Berliner Börse. Die Haltting war bei Er­öffnung des Verkehrs recht ruhig zu nennen; Speziallrrerte waren gesucht und fest, namentlish Dvnamit-Trnst. die neuerdings wieder einmal starr in Mode gekommen sind. Anc Montanmarkt hat man sich in den letzten Tagen etwas zu febr übernommen, in* olgedessen ist Abschwächung eingetreten. Eine Erschlaffung der Klonlunktur wirb von London aus gemeldet. Weiterhin war bie Börse abgeschwächt und zwar aus Parfftm Meldungen. Für Russen ist ein Rückg-mg ein getreten unter Betonung von Schn.ner'gkeiten auf die in Algeciras die Polizeifrage stoße. Der Schluß war ruhig: die Seeh^ndlung gab tägliches Gelb mit 3 Prozent, PrivatbiskoM 33/8 Prozent.

Zlrbeitcrbewegung.

Schweinfurt, 7. Febr. Die Arbeiter nnb Arbeiterinnen der Schuhfabrik Silberstem u. Neumawr finb heute in den Aus­land getreten.

Auf dem Austria-Schachte in K'arlih (Böhmen) sind wegen Entlassung mehrerer Arbeiter die Bergleute in den Ausstand getreten. ______________________

Braut»Seid@ v. 135

D4/t Zollfrei! Master an Jedermann!

Seidenfabrikt. Henneberg, Zürich